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Leseprobe - Atrium Verlag

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Sam Millar
True Crime
Deutsche Erstausgabe
Deutsch von Joachim Körber
416 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
19,99 ¤ [D] / 20,60 ¤ [A]
ISBN 978-3-85535-513-6
Leseprobe
www.atrium-verlag.com
www.facebook.com/AtriumVerlag
SAM MILLAR
Deutsch von Joachim Körber
Atrium Verlag · Zürich
Ein Schriftsteller ohne Interesse oder Sympathie für
die Schwächen seiner Mitmenschen ist als Schriftsteller
undenkbar.
– Joseph Conrad
Wir fanden die Iren schon immer ein wenig sonderbar.
Sie weigern sich, Engländer zu sein.
– Winston Churchill
Deutsche Erstausgabe
1. Auflage
© by Atrium Verlag AG, Zürich, 2015
Alle Rechte vorbehalten
Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel On The Brinks bei Wynkin
deWorde Ltd, die erweiterte Neuausgabe erschien 2014 unter dem gleichen Titel
bei The O’Brien Press Ltd, Dublin, im Imprint Brandon
© Sam Millar
Für das Kapitel Was aus den anderen wurde
© Sam Millar
Aus dem Englischen von Joachim Körber
Lektorat: Jürgen Abel, Hamburg
Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: Arcangel Images / © Tim Robinson
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde
Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany 2015
ISBN 978-3-85535-513-6
Das Hörbuch, gesprochen von Bernd Stephan, ist bei GoyaLIT
aus dem Hause Jumbo Neue Medien & Verlag GmbH erschienen.
www.atrium-verlag.com
PROLOG
Besser als Hollywood!
– Irish Voice
Die Wachleute versicherten der Polizei, völlig von
den Angreifern überrascht worden zu sein.
Sie hatten das ausgeklügelte Überwachungssystem
irgendwie überlistet. Wie viele Räuber es waren,
konnten sie nicht genau sagen (…) Es scheint einer
der größten Raubüberfälle in der Geschichte der
USA zu sein.
– The New York Times
Als ich ihn später an diesem Abend traf, lächelte er mir mit ausgestreckter Hand entgegen, als würde er mich zum ersten Mal
seit Jahren begrüßen.
»Kein Wort im Auto«, flüsterte ich mit einem starren Plastikgrinsen im Gesicht. »Möglicherweise ist es verwanzt.«
Schweigend fuhren wir die Lake Avenue runter zum Strand.
Ich parkte das Auto hinter den Dünen und angelte mir ein
paar Dosen Bier vom Rücksitz.
Nicht weit von uns entfernt saß ein junges Paar auf einem
Hügel im Gras. Sie aßen fettige Sandwiches und beobachteten
die Leute am Strand, die allmählich zusammenpackten und aufbrachen.
Es war spät am Abend, aber die Hitze immer noch unerträglich. Ein fleischfarbener Mond baumelte am Abendhimmel wie
ein Hoden ohne Sack. Die Grillen waren mit ihrem Small Talk beschäftigt, und ein Moskito pikste mich ins Ohr, während ich zu-
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sah, wie die aufgewühlten Wellen am Strand ausliefen. Scheinbar mühelos schwebte eine kichernde Möwe in der schwülen
Luft. Später musste ich an den Albatros in Die Ballade vom alten
Seemann denken. Noch später erinnerte ich mich an eine Möwe
namens Stumpy, die im Gefängnis Long Kesh …
Als wir außer Hörweite waren, kam ich ohne Umschweife
zur Sache. »Was hältst du davon, mal so richtig abzukassieren?«
»So richtig? Und was heißt das konkret?«, fragte er, trank einen Schluck Budweiser und wählte seine Worte offenbar mit Bedacht. Er blieb distanziert.
»Vielleicht eine Million«, antwortete ich beiläufig, führte das
Bier zum Mund und beobachtete seine Reaktion.
Das Budweiser schoss ihm in die Luftröhre, er hustete und
spuckte.
»Willst du mich verscheißern?«, fragte er und wischte sich
das Bier vom Kinn.
»Das ist unser Ziel«, sagte ich und kniete mich hin, ohne auf
seine Frage einzugehen.
Mit dem Finger zeichnete ich tiefe Furchen in den Sand. Wenig später hatte ich das fragliche Gebäude aus der Vogelperspektive gezeichnet, eine Collage von Rechtecken und Quadraten. Ich
erklärte nichts. Selbst als die Wellen begannen, mein Kunstwerk
auszuradieren, schwieg ich.
Erst als es verschwunden war, sagte ich schließlich: »Gehen
wir«, und strich mir Sand von den Jeans, während die Wellen
den Sand küssten, bevor sie zurückwichen wie ein Kind beim
Fangenspielen.
Wir gingen am Strand entlang und flüsterten einander in die
Ohren wie ein Liebespaar beim ersten Date. Eine alte Dame, die
ihren Hund ausführte, ließ uns nicht aus den Augen. Sie schüttelte den Kopf vor Abscheu, als sie sah, wie wir hinter einer
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Sanddüne verschwanden, weil sie offenbar glaubte, Zeugin einer
heimlichen sexuellen Begegnung geworden zu sein.
Später blickte ich auf jenen ereignisreichen Tag zurück und
begriff, dass ich ihn damals tatsächlich verscheißert hatte. Es
ging um mehr als eine Million. Verdammt viel mehr.
In Amerika sollte Geschichte geschrieben werden, und ich
war der Mann mit dem Füllfederhalter …
[ ... ]
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KAPITEL FÜNF
DAS BLUT AN IHREN
HÄNDEN
30. JA N UA R 1972
Was wir brauchen, ist ein Bürgerkrieg.
– Julius Cäsar
Ins Land der Finsternis und des Dunkels,
wo es stockfinster ist, und wenn’s hell wird,
so ist es immer noch Finsternis.
– Hiob 10 : 22
Aber nun, wer einen Beutel hat, der nehme ihn,
desgleichen auch die Tasche, und wer’s nicht hat,
verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert.
– Lukas 22 : 36
Es war etwa zu jener Zeit, als Neil Armstrong einen gewaltigen
Sprung für die Menschheit machte, während die Unionisten
in Irland ihre üblichen zwei Schritte rückwärts für das Empire
machten. Neil behauptete, dass es keine Männer im Mond da
oben gebe, und er hatte recht. Sie waren alle hier unten, im größten Raumschiff, das die Menschheit jemals zu Gesicht bekommen sollte, in einem Ort namens Stormont.
In Amerika gingen die Schwarzen für ihre Bürgerrechte auf
die Straße, und die Katholiken im Norden besaßen die Unverschämtheit und wollten auch ein Stück von diesem Kuchen
abhaben. Etwa zur selben Zeit kaufte sich mein ältester Bruder
Danny ein Auto, einen himmelblauen Mini, der seine Freude und
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sein ganzer Stolz war. Damals besaßen nicht viele Katholiken ein
Auto, es war deshalb Stadtgespräch.
An einem Sonntag weckte er mich noch vor Sonnenaufgang
aus dem Schlaf. »Los, Kleiner. Zieh dich an. Es geht los.«
Schon vor zwei Wochen hatte er mir versprochen, dass wir
mit dem Auto einen ganz speziellen Ort besuchen würden. Aber
ich glaubte ihm nicht und dachte, er würde Blödsinn quatschen.
Jetzt zwängte ich mich tatsächlich zu drei Freunden von ihm in
das winzige Auto.
Es war grandios. Mich kümmerte nicht, wohin wir fuhren
oder dass ich in der Enge kaum Luft bekam; allein in dem Auto
zu sitzen, war himmlisch.
Als wir unser Ziel einige Stunden später schließlich erreichten, sagte er: »Raus, Kleiner. Wir sind da.«
»Und wo genau sind wir?«, fragte ich mit wackeligen Beinen.
Er lachte. »In Derry. Wir sind hier, um uns dem Marsch für
Bürgerrechte anzuschließen.«
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo Derry lag, aber es
hörte sich magisch an. Der Geruch von Fish and Chips lag in der
Luft; ich musste an Bangor an einem Sonntagnachmittag denken. Es war der 30. Januar 1972, und weder ich noch sonst wer
hatte auch nur die geringste Ahnung, was für ein Albtraum uns
erwartete. Es wurde eine der prägendsten Erfahrungen meines
Lebens, eine Feuertaufe in der Welt der Patrioten von Nordirland.
Der Geruch nach Fish and Chips wurde bald schon von Tränengas und Schießpulver verdrängt. Britische Milizen schossen
auf die unbewaffneten Teilnehmer des Protestmarsches. Der Gestank und der Lärm verfolgten uns bis nach Hause. Auf der Fahrt
nach Derry hatten wir die ganze Zeit geredet und gelacht und
die Freude am Unterwegssein mit dem Auto genossen. Auf dem
Heimweg herrschte eiserne Stille, als könnten wir durch unser
Schweigen ungeschehen machen, was passiert war.
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Mein Vater weinte fast und erzählte uns die schrecklichen
Neuigkeiten, gleich als wir das Haus betraten. »Die Briten haben
dreizehn unschuldige Menschen ermordet. Ich dachte, ihr zwei
wärt …« Er brachte den Satz nicht zu Ende. Musste er auch nicht.
Mein Bruder sagte nichts. Sein Schweigen sagte alles: Sie würden auf keinen Fall ungestraft davonkommen. Die Welt würde
für Gerechtigkeit sorgen.
Es ist lächerlich, wie naiv wir damals waren. Noch im selben
Jahr sprach ein britischer Richter namens Widgery die Milizionäre in allen Anklagepunkten frei, die Schuld wurde allein den
Protestierenden in die Schuhe geschoben. Der sogenannte Richter gab unglaublicherweise zu Protokoll: »Ohne diesen illegalen
Protestmarsch hätte es keine Toten gegeben.« Kurz darauf verhöhnten die britischen Medien die Opfer dieses schrecklichen
Tages noch zusätzlich, indem sie ihnen vorwarfen, sie seien Heckenschützen und Bombenbauer gewesen.
Es dauerte fast vierzig Jahre, bis die niederträchtige Lüge
endlich fest an den Union Jack genagelt wurde und die britische
Regierung eingestehen musste, was der Rest der Welt längst
wusste: Die Ermordeten waren ausnahmslos Unschuldige.
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KAPITEL SECHS
EIN KATHOLIK MIT
PROTESTANTISCHEM BLUT?
EINE EXPLOSIVE MISCHUNG.
Unglücklich ist derjenige, dem die Erinnerungen
seiner Kindheit nur Angst und Traurigkeit bringen.
– H. P. Lovecraft, Der Außenseiter
There may be trouble ahead …
– Irving Berlin, »Let’s Face the Music and Dance«
Jedes Mal, wenn ich meine Vettern im stramm loyalistischen Tiger Bay besuchte, sah ich, dass die Bürgersteige vor ihren Häusern mit roten, weißen und blauen Girlanden geschmückt waren, Talismanen nicht unähnlich, die dazu dienen sollten, böse
Fenian-Geister zu vertreiben.
Das junge Mädchen, das neben meinem Onkel wohnte, war
zwei Jahre älter als ich. Sie war bildschön, und wann immer ich
ihr begegnete, konnte ich die Augen nicht von ihr lassen.
»Genug gesehen?«, fragte sie mich eines Tages, als sie bemerkte, wie ich sie anstarrte.
»Ich … na ja … oh …« Mein Gesicht stand in Flammen.
»Was wirst’n so rot?« Sie lächelte, kam mir auf der Straße entgegen und hielt mich mit ihren bezaubernden Augen in Bann.
Ich brachte mich hastig im Haus meines Onkels in Sicherheit.
Zwei Tage später sah ich sie wieder.
»Wie heißt’n du?«, fragte sie.
»Sammy«, stammelte ich. »Und du?«
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»Judy«, antwortete sie und schlenderte die Straße hinab, bis
sie nicht mehr zu sehen war.
Dieser Sommer veränderte mein Leben für immer; es war ein
Sommer voll strahlendem Sonnenschein, der mich das Elend
meiner piepsigen Stimme und pickeligen Haut vergessen ließ.
»Wo bleibste denn?«, fragte Judy, die auf einer baufälligen
Schaukel saß und ein blutrotes Eis am Stiel lutschte. »Dachte
schon, du hättest Muffensausen gekriegt.«
Ich hätte nicht herkommen sollen. Es war zu weit von zu
Hause weg. Dad hatte mich aus unbegreiflichen Gründen stets
ermahnt, den Park zu meiden. Aber Judy gab einfach keine Ruhe
und nannte mich Hasenfuß und Muttersöhnchen. Jetzt musste
ich ihr beweisen, dass sie sich irrte.
»Sieht aus, als hättest du Lippenstift aufgetragen«, sagte ich.
»Ach ja? Ich habe Lippenstift aufgetragen!« Sie schürzte die
Lippen und holte als weiteren Beweis einen Lippenstift aus den
abgewetzten Jeans, mit dem sie sich geübt über den Mund strich.
»Siehst du?«, sagte sie.
Ich war schockiert, als ich auf der Schaukel neben ihr Platz
nahm und mir an den rostigen Ketten die Hände schmutzig
machte.
Plötzlich sprang sie von der Schaukel und baute sich vor mir
auf. Sie hielt mir das Eis vor mein verblüfftes Gesicht.
»Lutschen«, forderte sie mich auf.
Das Eis war ganz weich von ihrer Spucke. Es tropfte auf
ihre Finger und sah aus wie geschmolzenes Kerzenwachs. Ich
fand das abstoßend und wandte den Kopf ab. »Ich … ich will
nichts.«
»Snob!« Zorn loderte in ihren Augen. Der dunkle Zorn einer
Herausforderung.
»Gar nicht!«
»Beweis es. Lutsch dran, wenn du kein Snob bist!«
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Ich fragte mich, ob uns jemand beobachtete. »Okay! Okay!
Steck’s mir nicht gleich in den Mund!«
Ich lutschte an dem Eis, obwohl ich mich davor ekelte.
»Ha! Sammy trägt Lippenstift! Sammy trägt Lippenstift!« Sie
tanzte singend im Kreis um meine Schaukel.
»Du bist verrückt, Mädchen. Weißt du das?«
»Judy. Mein Name ist Judy. Sag ihn.«
»Ich kenne deinen verdammten Namen!«
»Sag ihn. Flüstere ihn. Jetzt. In mein Ohr.« Sie beugte sich zu
mir; ich registrierte den Geruch von Lifebouy-Seife und SunsilkShampoo, der von ihr ausging.
»Judy«, flüsterte ich, aber erst, nachdem ich ihr Ohr auf Ohrenschmalz untersucht hatte.
Sie drehte langsam den Kopf und gab mir einen so heftigen
Kuss, dass unsere Zähne aneinanderklirrten wie Milchflaschen
am Morgen. Ich roch das Eis in ihrem Atem.
»Komm mit. Dorthin.« Sie schubste mich hinter eine alte,
grüne Hütte, die als Unterstand und Lager diente und in der es
eine Toilette gab. Die unansehnliche Farbe blätterte ab und offenbarte die Initialen längst vergessener Liebespaare. Ein paar
Meter entfernt lagen einige gebrauchte Kondome im Gras.
Unvermittelt knöpfte sie die Bluse auf und drückte meine
Hand auf ihren Busen. Er war klein und warm, wie ein frisch gelegtes Ei.
»Ich liebe dich und werd dich immer lieben«, flüsterte sie.
Mir wurde schwindelig. Ich hatte ja keine Ahnung gehabt,
dass es so etwas gab.
»Ich … liebe dich auch«, brachte ich mit vor Spannung ganz
trockenem Mund heraus. In dem Moment hätte ich ihr einfach alles gesagt. Sogar »Scheiß auf den Papst« und »God save
the Queen«. Für diese seltsame Magie, mit der ich hier bezirzt
wurde, wäre ich zum Verräter geworden.
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Unerwartet ertönte das Geräusch von fließendem Wasser. Wir
hielten den Atem an, während einer der Parkwächter sich in der
Hütte Tee machte.
»Wenn er uns sieht, sind wir tot«, flüsterte ich.
»Er ist nicht der Einzige, der uns umbringen würde.«
»Was soll das heißen?«
»Mein Dad würde mich umbringen, wenn er mich mit dir erwischt«, flüsterte Judy, als wieder Stille einkehrte.
»Ich weiß. Mein Dad würde mich auch umbringen, wenn er
mich hierbei erwischen würde«, stimmte ich zu.
Sie lachte leise. »Nein, doch nicht deshalb. Weil du ein Taig
bist.«
»Ein was?« Ich war verwirrt.
»Ein Taig. Ein Katholik.«
»Und? Was ist daran falsch?«
Sie schüttelte nur den Kopf. »Nichts. Sei einfach vorsichtig,
wenn du in unsere Straße kommst.«
Obwohl ich keine Ahnung hatte, was »Taig« bedeutete, fühlte
ich mich schmutzig und unwohl in meiner Haut. Später fand ich
heraus, dass es ein geringschätziger Ausdruck für Katholiken
war, etwa so, als würde man einen Schwarzen »Nigger« nennen.
Das war mein erster Vorgeschmack auf die Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten, die wahre Welt des sektiererischen Hasses im Norden.
Danach verbot mir Dad, meine Vettern zu besuchen, und bezeichnete sie als die Mistkäfer: Sie hassten die Rose und suhlten
sich stattdessen in dem Mist, mit dem sie gedüngt wurde.
»Katholiken sind die Unterteller Nordirlands: nahe an der
Tasse, aber in den Genuss ihres Inhalts kommen sie nie«, sagte
er wütend.
Es war eine Wut, die ich nie wieder sehen wollte.
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