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KFIBS-Rezension_2_2015_Bock-Henneberg

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KFIBS e. V.
Buchkritik
KFIBS-Rezension
Februar 2015
Zu rezensierendes Buch:
Bock, Andreas M./Henneberg, Ingo
(Hrsg.), Iran, die Bombe und das Streben
nach Sicherheit: Strukturierte
Konfliktanalysen,
Nomos Verlagsgesellschaft, BadenBaden 2014. 340 Seiten, 64.00 EUR
(ISBN 978-3-8487-0802-4)
Der Atomstreit mit Iran als
Matrjoschka-Puppe unter den
internationalen Konflikten
Von Golareh Khalilpour
‫٭٭٭‬
Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt der
Konflikt um das iranische Nuklearprogramm politische Entscheidungsträger, internationale Beobachter, Kommentatoren,
die Wissenschaft und im begrenztem Maße
auch die Öffentlichkeit. Der Atomstreit ist
dabei einer der umstrittensten Konflikte der
internationalen Politik. Dieser Umstand ist
der geostrategischen Relevanz Irans im Nahen und Mittleren Osten und der Tragweite
des Ausgangs der Verhandlungen geschuldet. Werden die sicherheitspolitischen und
wirtschaftlichen Folgen der Verhandlungen
berücksichtigt, ergeben sich für viele Staaten
gravierende Konsequenzen. Für Europäer
wie Amerikaner sind die Nuklearverhandlungen vor allem aus wirtschaftlicher Perspektive relevant. Die sunnitisch-arabischen
2/2015
Golfmonarchien hingegen bangen um ihren
Einfluss und ihre sicherheits- und machtpolitische Stellung im Nahen Osten, während
für Israel ein Scheitern der Verhandlungen
einer existenziellen Bedrohung gleichkommt.
Die Gespräche um das iranische
Atomprogramm zwischen dem Iran, den
fünf ständigen Mitgliedern des UNSicherheitsrates, Deutschland und der Europäischen Union (EU) wurden im November
vergangenen Jahres verlängert. Dies ist Anlass genug, sich in diesen hoch komplizierten
Konflikt einzulesen und ihn systematisch zu
entwirren. Gerade rechtzeitig zur Verlängerung der Atomgespräche veröffentlichten
die beiden Politikwissenschaftler Andreas M.
Bock1 und Ingo Henneberg2 einen Sammelband, der Licht ins Dunkel bringen soll.
„Iran, die Bombe und das Streben nach Sicherheit: Strukturierte Konfliktanalysen“ ist
dabei nicht nur als Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte um die Nuklearverhandlungen gedacht, sondern auch als Lehrbuch
konzipiert. Der Band umfasst 16 Beiträge
von insgesamt 21 Autorinnen und Autoren,
welche die Konfliktanalyse am Fall der Nuklearverhandlungen illustrieren. Er reiht sich
damit nahtlos in die neuere Forschungsliteratur zum iranischen Atomprogramm und
zu den iranisch-amerikanischen Beziehungen
ein. Die Beiträge unterscheiden sich jedoch
erheblich von vorangegangenen Publikationen, und das in mindestens zwei Punkten:
Der Sammelband ist einerseits als Lehrbuch
gedacht, andererseits erhebt er den Anspruch, den Konflikt in all seinen Facetten
abzubilden. Bisher erschienene Beiträge, wie
etwa „The Nuclear Sphinx of Tehran“
(2008) von Yossi Melman und Meir Javedanfar, behandeln den Atomstreit im Hinblick
auf bestimmte politische Akteure, wie im
genannten Fall die Person Mahmud Ahmadinedschad. Ray Takeyhs 2006 veröffentlichtes Buch „Hidden Iran: Paradox and Power
in the Islamic Republic“ beschäftigt sich
hauptsächlich mit den Beziehungen zwi1
Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Internationale Not- und Katastrophenhilfe“
an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften
in Berlin.
2 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für
„Governance in Mehrebenensystemen“ an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
– Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik e. V. (KFIBS) –
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KFIBS e. V.
Buchkritik
schen dem Iran und den USA. Die thematische Eingrenzung beider Bücher hat zwar
seine Vorteile, geht aber zulasten der Vollständigkeit. Andere Bücher, wie z. B. Bernd
Kausslers 2013 publiziertes Buch „Iran’s
Nuclear Diplomacy: Power Politics and
Conflict Resolution“, widmen sich der Dynamik in den Nuklearverhandlungen, vernachlässigen jedoch die theoretische Einbettung der Forschung. Im Gegensatz dazu
erfasst der Sammelband von Bock und
Henneberg die verschiedenen globalen, regionalen und nationalen Dimensionen des
Nuklearkonfliktes; überdies vertieft er die
Theorien der Internationalen Beziehungen
(IB) und illustriert die angewandte Konfliktanalyse. Die strukturierte Konfliktanalyse ist
in diesem Fall ein „Analysetool“, das dabei
helfen soll, soziale Konflikte systematisch zu
untersuchen. Die unterschiedlichen Aspekte
dieses komplexen Konfliktes werden in 13
thematisch gegliederten Konfliktanalysen
beleuchtet, womit der Sammelband ein differenziertes Bild des Atomstreits zeichnet.
Die Beiträge eint eine einheitliche Analysestruktur, was eine Vergleichbarkeit der
Beiträge und die Transparenz der Analysen
garantiert. Es werden die vier wichtigsten
IB-Großtheorien, sprich (Neo-)Realismus,
Liberalismus, (Neo-)Institutionalismus und
(Sozial-)Konstruktivismus, in den Vordergrund gestellt, um so die Dynamik der Verhandlungen erklären zu können. Je nach
zugrunde liegender Theorie lässt sich der
Konflikt um das iranische Nuklearprogramm als Macht-, Interessen-, Werte- oder
Identitätskonflikt begreifen. Durch die unterschiedlichen „theoretischen Brillen“ wird
der Atomstreit mit Blick auf die regionale
Sicherheitssituation im Nahen und Mittleren
Osten oder unter Berücksichtigung innenpolitischer Interessen- oder Identitätskonflikte
betrachtet. Aber auch die Wirkung internationaler Institutionen oder der Einfluss von
Wahrnehmungen auf den Verlauf der Verhandlungen werden beleuchtet. Dabei stehen jedoch nicht alle Beiträge in direktem
Zusammenhang mit dem iranischen Atomstreit. Dem Vorwurf der thematischen Inkohärenz kann jedoch mit Verweis auf die
Relevanz der Themen („Grüne Bewegung“,
Zusammenspiel schiitischer vs. persischer
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Identitäten) für die Erklärung der Präferenzbildung in den Nuklearverhandlungen begegnet werden. Indem beispielsweise die
Rolle Irans im syrischen Bürgerkrieg analysiert wird, kann der Atomstreit in den Kontext des regionalen Mächtegleichgewichts
und der Sicherheitssituation im Nahen Osten eingeordnet werden.
Empirisch greift der Sammelband
hauptsächlich auf qualitative Methoden der
empirischen Sozialforschung zurück. Das
hat den Nachteil, dass der Band dadurch
methodisch einseitig wirkt. Diesem Umstand
wird jedoch mit dem breiten Repertoire an
angewandten qualitativen Forschungsmethoden begegnet: (computergestützte) Inhalts- und Diskursanalysen, qualitative Fallstudien, Process Tracing, vergleichende Forschungsdesigns sowie Qualitative Comparative
Analysis (QCA).
Die einzelnen Beiträge machen deutlich, dass es sich beim Konflikt um das iranische Atomprogramm vordergründig um die
Anreicherungskapazitäten handelt, geostrategische und historische Faktoren jedoch
eine mindestens ebenso große Rolle spielen.
Wer eine provokante Auseinandersetzung
mit dem iranischen Nuklearprogramm erwartet, wird sich in seinen Erwartungen enttäuscht sehen. Das Buch bleibt seiner wissenschaftlichen und didaktischen Ausrichtung treu und entschädigt durch Vielseitigkeit und systematische Anwendung theoriegeleiteter empirischer Forschung.
Was den Sammelband inhaltlich auszeichnet, ist die Darstellung und Analyse der
vielen unterschiedlichen Konflikte in und
um das iranische Nuklearprogramm. Unter
Berücksichtigung bestehender Regionalkonflikte im Nahen und Mittleren Osten, der
historisch angespannten Beziehungen zwischen Washington und Teheran, der intraelitären Konflikte im Iran zeichnet der Band
ein umfassendes Bild von der geschichtlichen Genese und Dynamik des Konfliktes,
in dem historisch geprägte Wahrnehmungen
eine ebenso große Rolle spielen wie strategische
Interessen.
Den
iranischamerikanischen Beziehungen kommt dabei
eine besondere Bedeutung zu und zieht sich
wie ein roter Faden durch den Band. Somit
verorten die Beiträge den Konflikt um das
– Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik e. V. (KFIBS) –
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KFIBS e. V.
Buchkritik
iranische Nuklearprogramm vor allem in den
angespannten Beziehungen zwischen dem
Iran und den Vereinigten Staaten. Vor diesem Hintergrund ist allerdings zu beanstanden, dass der Rolle der EU als Kommunikationskanal nicht mehr Bedeutung beigemessen wird. Ist sie es schließlich doch, die eine
multilaterale Lösung des Konfliktes überhaupt erst ermöglichen kann.
Das iranische Atomprogramm ist
nicht nur im Iran selbst Gegenstand hitziger
Debatten zwischen dem konservativen und
reformorientierten Lager, sondern auch
Thema im aktuellen israelischen Wahlkampf
sowie Ursache des derzeitigen Streits zwischen Republikanern und Demokraten im
US-Kongress über eine Verschärfung der
Sanktionen gegenüber dem Teheraner Regime. Es ist somit kaum verwunderlich, dass
die Verlängerung der Nuklearverhandlungen
international mit Spannung verfolgt wird.
Der Sammelband von Bock und
Henneberg gibt Aufschluss über die Hintergründe des Konfliktes, zeichnet die historischen Entwicklungen nach, benennt Konfliktparteien wie Verhandlungspositionen
und erklärt das Zustandekommen dieser
Positionen. Damit beleuchtet er viele verschiedene Facetten des Konfliktes und benennt mögliche Faktoren, die zur Erklärung
der Dynamik in den Verhandlungen beitragen können. Der innovative Charakter des
Sammelbandes besteht in der Vorstellung
und Anwendung der strukturierten Konfliktanalyse als „Tool“ oder Werkzeug der Konfliktforschung. Damit ist Bocks und Hennebergs Sammelband nicht nur eine qualifizierte Auseinandersetzung mit dem Nuklearkonflikt, sondern erfüllt auch einen didaktischen
Zweck: Er führt Studentinnen und Studenten der Friedens- und Konfliktforschung in
die theoriegeleitete empirische Forschung
ein. Die Beiträge spiegeln den jeweiligen
Forschungsstand wider, erläutern Fachbegriffe, besprechen und vertiefen die Theorien der IB und benennen deren wichtigste
Vertreter und zentrale Konzepte. Die einzelnen Beiträge des Bandes sind gut aufeinander abgestimmt und bilden zusammen
einen systematischen Einstieg in die Konfliktanalyse wie auch in den Streit um das
iranische Atomprogramm, womit der Sam-
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melband insbesondere für Einsteiger, jedoch
auch für mit dem Thema vertraute Wissenschaftler(innen) zu empfehlen ist.
Zusammengenommen entwerfen alle
Beiträge ein umfassendes und differenziertes
Bild vom Iran (seinen innenpolitischen Herausforderungen wie außenpolitischen Bestrebungen), von den Konfliktparteien, den
sicherheits- und machtpolitischen Dynamiken in der Region und den Nuklearverhandlungen. Damit reicht der Beitrag des Sammelbandes über eine bloße Diskussion über
Anreicherungskapazitäten und mögliche
Militärschläge hinaus.
Durch die Hervorhebung der internationalen, regionalen und staatlichen Dimensionen des Konfliktes zeigt sich die
wahre Natur des Atomstreits mit Iran: Er ist
vor allem ein Konflikt, der unterschiedliche
Konflikte in sich vereint – der Atomstreit ist
somit die Matrjoschka-Puppe unter den
Konflikten.
Die systematische und nüchterne Betrachtungsweise des Konfliktes machen den
Sammelband von Bock und Henneberg zu
einem wertvollen Beitrag in der wissenschaftlichen Debatte. Nach der Lektüre wird
dem Leser bewusst, dass simplifizierte oder
ideologisch motivierte Lösungsvorschläge
oft nicht mehr sind als rhetorische Strategien
ohne jeden wirklichen Nutzen.
• Kontakt KFIBS e. V.: info@kfibs.org, www.kfibs.org
• Kontakt Rezensentin: golareh.khalilpour@kfibs.org
• Hinweis: Diese Buchkritik gibt ausschließlich die Meinung der Rezensentin wieder.
– Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik e. V. (KFIBS) –
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