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Lebenszeichen vom 01.02.2015 (PDF-Download: 81,2 KB)

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Christliche Mütter für eine sinkende Welt - Innenansichten einer Pius-Schule
Autorin: Caroline Nokel
Lebenszeichen
Redaktion: Christina-Maria Purkert
Sendung: 1.2.2015
O-Ton Victoria Benfer:
Die ersten Jahre waren schwer. Aber mittlerweile bin ich froh und dankbar,
dass ich hier bin. Die Schule ist es wert.
O-Ton Angélique Schweizer:
Ich find es so wie ein zweites Zuhause. Also, zuhause ist es schon viel schöner. Aber ich find es neben zuhaus eigentlich das beste. Es ist halt familiär,
nicht so modern, dass man in die Schule geht, und dann kommt man nach
Hause und geht ins Bett, sondern dann macht man zusammen Sachen, mit
den Erziehern und so.
Erzählerin:
Victoria Benfer und Angélique Schweizer, beide vierzehn Jahre alt. Eine Winterwanderung
im Bergischen Land führt meine Freunde und mich durch Schönenberg, einen Ortsteil von
Ruppichteroth. Auf einem Bergrücken entdecken wir eine in weiß und altrosa gehaltene,
kleine romanische Kirche. Bei näherem Hinsehen merken wir: Sie ist gar nicht romanisch,
sondern „neo“. Sie ist erst vor zwanzig Jahren gebaut worden. Und das große, alte Gebäude, zu dem sie gehört, ist kein Kloster mehr, sondern ein Mädcheninternat der Priesterbruderschaft St. Pius X. Jener Bruderschaft, die 2009 in die Schlagzeilen geriet, weil Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation vier ihrer Bischöfe aufhob. Und einer von ihnen den Holocaust leugnete. Wie sieht es wohl in einer Schule der Pius-Bruderschaft aus? Muss es nicht
schrecklich langweilig und eng sein für Jugendliche, abgeschottet von der Welt in einem erzkonservativen Internat groß zu werden? Zurück in Köln schaue ich mir die Homepage des
St. Theresien-Gymnasiums an. Es sei das „einzige traditionell katholische Mädcheninternat“
Deutschlands. Auf dem Schuljahresplan stehen sowohl eine Nationalwallfahrt nach Fulda als
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Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt, verbreitet noch
öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.
Christliche Mütter für eine sinkende Welt - Innenansichten einer Pius-Schule
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Sendung: 1.2.2015
auch Feste, wie das der Sieben Schmerzen Mariä und der Unbefleckten Empfängis Mariä.
Für mich als Protestantin hört sich das reichlich bizarr an. Meine Neugier ist geweckt. Mit
gemischten Gefühlen nehme ich Kontakt zur Leiterin Schwester Michaela auf.
O-Ton Schwester Michaela:
Na, Geburtstagskind. Wirst du auch gut gefeiert?
O-Ton Schülerin:
Ja.
O-Ton Schwester Michaela:
Das ist schön. Die wird heute 18.
Erzählerin:
Schwester Michaela ist der Boss von St. Theresien. Ihre tiefe, fast männliche Stimme und
ihre massive Statur, verhüllt von der schwarzen Ordenstracht, verleihen ihr natürliche Autorität. Braune, lebhafte Augen schauen mich direkt an, als sie meine Hand zur Begrüßung fest
drückt. Erst ist „Kennenlernen“ dran, ohne Aufnahmegerät. Dazu nehme ich auf einem Stuhl
neben Schwester Michaelas Schreibtisch Platz. Ich erkläre ihr, dass mich diese Schule interessiert, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Obwohl die Ordensschwester und mich
Welten trennen, respektieren wir uns auf einer persönlichen Ebene. Schwester Michaela
beschließt, dass sie mich in die Schule lassen kann: Zum Zeichen steht sie auf und kommt
mit einem Tablett mit Kaffee und Keksen wieder. Gemeinsam setzen wir uns an ein Tischchen, auf dem uns gegenüber eine Nachbildung des „Prager Jesuleins“ steht. Ob ich katholisch sei? Nein, aber immerhin bin ich auf ein katholisches Mädchengymnasium gegangen.
Das „Gegrüßet seist du, Maria“ habe ich früher auf Anraten meiner Lehrerin Schwester Carmen mitgemurmelt. „Schaden kann's dir nicht!“. Ganz fremd ist mir der katholische Betrieb
also nicht. Schwester Michaela bietet an, mir das Haus zu zeigen.
O-Ton Schwester Michaela:
Ich zeig Ihnen grade hier unten mal...hab Ihnen ja erzählt, wir spielen Theater,
das sind alles Kunstwerke unserer Schüler.
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Autorin: Caroline Nokel
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Redaktion: Christina-Maria Purkert
Sendung: 1.2.2015
Erzählerin:
Schwester Michaela knipst das Licht im Flur an, der von ihrem Büro wegführt. An den Wänden hängen Fotos von Theateraufführungen.
O-Ton Schwester Michaela:
Wir spielen zweimal im Jahr Theater. Zum Fest Christi Himmelfahrt etwas Lustiges, Komödien, allerdings immer klassischer Art, eben damit die Schülerinnen
sich an eine schöne Sprache gewöhnen. Da sehen Sie hier beispielsweise „Der
Lügner“ von Carlo Goldoni. [..] Und dann zum Theresienfest am 3. Oktober führen wir ernsthafte Stücke auf. Zum Beispiel „Das Leben der heiligen Elisabeth“.
Erzählerin:
Auf den Fotos sind aufwendig kostümierte Schülerinnen vor selbst gestalteten Bühnenbildern zu sehen. Die Auswahl der Theaterstücke beschränkt sich auf die Klassik. Schwester
Michaela zeigt mir in einem weiteren Flur, was die Schülerinnen künstlerisch draufhaben: mit
Bleistift gezeichnete Musikinstrumente, ein kunstvoll genähter Wandteppich mit verschiedenen, pailletten- und perlenbesetzten Paradiesvögeln und an einer weiteren Wand mit Liebe
zum Detail gefilzte Blumenwiesen. Ich frage sie, ob hier auch abstrakte Kunst unterrichtet
wird.
O-Ton Schwester Michaela:
Abstraktes muss sein, zum Lernen, zum Üben. Aber letztlich wollen wir dann
doch gegenständliche Darstellungen haben. Dass man erkennen kann, was
man zum Ausdruck bringen möchte. Das sehen Sie hier auch. Warum?
O-Ton Schwester Michaela:
Kunst kommt von Können. Wenn die Technik angewandt wird und nachher etwas herauskommt, ein Bild vor einem steht, ein gegenständliches Bild, dann
steht man davor: „Toll!“ Und man weiß auch, was es darstellt. Wenn einfach
nur Punkte... was soll man damit anfangen? Wie gesagt, das ist als Übung gut,
aber nicht als Kunstwerk. Das kann ich jedenfalls als Kunst nicht erkennen.
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Christliche Mütter für eine sinkende Welt - Innenansichten einer Pius-Schule
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Sendung: 1.2.2015
Tschuldigung, wenn das so ist. Das wird manchen Künstler ärgern, aber das ist
nun mal so.
Erzählerin:
Kunst ist Auseinandersetzung mit der Welt, nicht nur Kunstfertigkeit und Handwerk. Das
zeichnet zumindest die moderne Kunst aus. Doch die Priesterbruderschaft St. Pius hält die
moderne Kultur für eine Verirrung. Sie möchte lieber zurück in eine Zeit, in der es noch klare
Hierarchien gab. In der Gott groß war und der Mensch klein. In eine Zeit, in der es noch gut
und böse gab, Gewissheit und Klarheit. Schwester Michaela:
O-Ton Schwester Michaela:
Außerdem legen wir darauf Wert, dass das Wahre, das Schöne, das Gute dargestellt wird. Und man sich nicht dauernd nur mit Hässlichem und Schrecklichem und Gruseligem umgibt. Sondern wirklich mit Dingen, die die Seele nach
oben heben, die die Seele erbauen und nicht einfach nur runterziehen. Gerade
heutzutage finde ich das sehr wichtig. Als Ausgleich dazu, was uns die Welt
bietet.
Erzählerin:
„Die Welt und wir“ - das ist ein Gegensatz, den ich auch aus dem frommen evangelischen
Milieu kenne. Alles Schlechte in der Welt wird darauf zurückgeführt, dass die Menschen sich
von Gott abgewandt haben. Für die Priesterbruderschaft St. Pius X. hat mit dem Zweiten
Vatikanischen Konzil die Schlechtigkeit der Welt auch Einzug in die katholische Kirche gehalten. Sie macht die Abkehr der Kirche von der Tradition verantwortlich für ihre derzeitige
Krise.
O-Ton Schwester Michaela:
Es ist ja nun mal so, dass die Kirchen leer sind. Das kommt daher, dass die
Kirche den festen Glauben nicht mehr hat.
Erzählerin:
Auch wenn sie in Deutschland nur eine Randerscheinung ist: Seit ihrer Gründung vor 44
Jahren erfreut sich die Priesterbruderschaft St. Pius X. regen Zulaufs. Weltweit zählt sie um
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Christliche Mütter für eine sinkende Welt - Innenansichten einer Pius-Schule
Autorin: Caroline Nokel
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Sendung: 1.2.2015
die 600 000 Anhänger und unterhält 100 Schulen. Sie ist in 65 Ländern vertreten und zählt
nach eigenen Angaben 187 Ordensfrauen, 103 Ordensbrüder und fast 600 Priester.
O-Ton Schwester Michaela:
Das ist unsere Hauskapelle. Ich zeig ihnen ganz kurz nur.. Das ist unser
Schatzkästchen. Im gotischen Stil nachgebaut. Und eben eingerichtet nach
dem Stil wie vor dem Konzil. Aber die Kinder, die hierher kommen, sagen, hier
können sie beten. Wir haben unsere festen Zeiten. Abends zum Beispiel das
Abendgebet gemeinsam. Wir treffen uns nachmittags zum Rosenkranz. Wir
haben Morgengebet. Wir beten auch vor Tisch. Sie sehen öfters mal Mädchen,
die sich allein hierher begeben und für sich beten. Ich bin ganz außer Atem
vom Treppensteigen.
Erzählerin:
Bevor die Pius-Bruderschaft ihr erstes deutsches Mädchengymnasium in Schönenberg
gründete, befragte sie ihre Mitglieder, wie viele Eltern ihre Töchter in ein Internat geben würden. 50 meldeten sich auf Anhieb, die Hälfte von ihnen kam aus der Schweiz, da es dort
kein Mädchengymnasium der Piusbruderschaft gibt. Heute besuchen 106 Mädchen die
Schule. Nach dem Abendessen setze ich mich mit einigen der Schülerinnen in ein mit
schwerer Eiche möbliertes Sprechzimmer des Internats.
O-Ton Luzia Aichele:
Ich komm aus dem Kanton St. Gallen. Hab so 51/2 Stunden mit dem Auto.
Ja, wir fliegen halt. Der Reiseweg mit dem Flugzeug ist nur 31/2 Stunden.
O-Ton Angélique Schweizer:
Wir kommen beide aus der Schweiz. ja.
O-Ton Flavia Stössel:
Am Anfang war's schwer, auch mit Heimweh und allem, das war ganz neu für
mich. Aber mit der Zeit geht’s eigentlich ganz gut. Ich bin wirklich froh, dass ich
jetzt hier bin.
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Erzählerin:
Die Schülerinnen wirken fröhlich und aufgeweckt. Als erstes fällt mir auf, dass alle knielange
Röcke und mindestens schulterlange Haare tragen. Rita-Maria Gradl kommt aus der Nähe
von Nürnberg. Sie ist zwölf Jahre alt. Obwohl sie einen weißen Rolli und eine graue Strickjacke trägt, wirkt sie sportlich.
O-Ton Rita-Maria Gradl:
Ich hab seit Kind auf immer einen Rock an. Ich hatte noch nie ne Hose an. Ich
fühl mich auch besser im Rock. Hosen gehören zu den Männern, Röcke zu den
Frauen.
Erzählerin:
Es ist ganz normal, erklärt Rita-Maria Gradl. Die Frauen bedecken in der Kirche ihr Haupt,
die Männer nehmen ihre Kopfbedeckung ab. Ihre zwei älteren Brüder seien auf das Internat
der Pius-Bruderschaft in Saarbrücken gegangen. Die Kinder scheinen in einem eigenen Universum aufzuwachsen. Konfrontiert mit der Außenwelt, nehmen sie aber durchaus wahr,
dass die Regeln ihrer Glaubensgemeinschaft altmodisch sind. Die 14jährige Luzia Aichele
schaut mich mit großen Augen durch eine dunkel gerahmte Brille an:
O-Ton Luzia Aichele:
Ich war in einem Orchester, und jede Woche gingen wir dort hin. Wir wurden
fast jedes Mal runtergemacht, weil wir Röcke trugen. Anfangs fiel es schon
sehr schwer, bis wir verstanden haben, dass wir Frauen sind. Dann haben wir
die Gegenfrage gestellt: Warum tragt ihr denn Hosen? Warum sollen wir denn
keine Röcke tragen?
Erzählerin:
Auch die vierzehnjährige Victoria Benfer erzählt von der Konfrontation mit der Außenwelt.
O-Ton Victoria Benfer:
Manche Klassen unternehmen ja auch Fahrten, Exkursionen, nach Xanten,
Köln. Wenn man dann nach draußen kommt, sieht man schon, die einzigsten
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Sendung: 1.2.2015
Leute, die wirklich Röcke tragen, vor allem Röcke übers Knie oder ans Knie,
sind wir. Das sind 18 Leute, die da rumrennen. Der Rest starrt einen an, als
wären wir von einem anderen Planeten. Wenn sie dann fragen: „Warum tragt
ihr Röcke?“ „Das ist bei uns so Regel“. Das sollte man schon sagen, aber man
sollte trotzdem seine eigene Überzeugung haben, sonst hat es eigentlich keinen Sinn.
Erzählerin:
Überzeugt sind alle, mit denen ich spreche. Die rothaarige Flavia Stössel lächelt, als ich sie
darauf hinweise, dass ich keinen Rock trage und trotzdem als Frau erkennbar sei.
O-Ton Flavia Stössel:
Meine eigene Meinung ist, zur Frau passt es besser. Man gibt sich anders. Nur
wie man da sitzt, es ist eine ganz andere Haltung. Es gibt welche, die sagen,
es ist anständiger, Röcke zu tragen. Aber es gibt auch unanständige Röcke. In
der Schöpfung ist es ja vorgegeben. Der Unterschied zwischen Frau und
Mann.
Erzählerin:
Ich bin verwirrt. Teenager, die von „unanständigen“ Röcken sprechen, statt gegen die Kleiderordnung ihrer Eltern zu rebellieren? Und das im 21. Jahrhundert? Auf meiner katholischen Mädchenschule hatten wir schon in den achtziger Jahren die Freiheit, zwischen Hosen und Röcken zu wählen. Schwester Michaela zeigt mir im Gang, der zum Speisesaal
führt, einige Poster, auf denen die Prinzipien ihrer Schule dargestellt sind:
O-Ton Schwester Michaela:
„Gebt mir christliche Mütter, und ich will die sinkende Welt retten.“ Der hat das
wiederholt, der Pius X. Das ist unser Motto. Wenn eine Frau gläubig ist und ihr
Leben nach dem Willen Gottes ausrichtet, dass sie dann auch bereit ist, die
Familie gut zu führen und für die Familie da zu sein und nicht nur ihre Karriere
im Kopf zu haben, sich auch ein bisschen aufopfert. Was jetzt nicht heißt, dass
wir lauter Heimchen am Herd heranziehen. Die Mädchen, die schon Abitur haben, sind Ärztinnen, Lehrerinnen. Haben auch Familien, [..] kinderreiche Fami© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
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lien. Aber sind dabei ausgeglichen. Und nicht abgehalfterte, arme Mütter, die
nur für die Kinder da sind. Die haben geistige Interessen, fördern ihre Kinder.
Erzählerin:
Die Mädchen sollen also zu christlichen Müttern erzogen werden, um die Welt zu retten.
Doch interessanterweise ist es selbst bei der Pius-Bruderschaft so, dass das „Heimchen am
Herd“ als Ideal ausgedient hat. Man ist schon auch stolz auf die Frauen, die beides sind:
gute Mütter und erfolgreich im Beruf. Wie die Mädchen das sehen? Angélique Schweizer:
O-Ton Angélique Schweizer:
Es muss nicht sein, dass man christliche Mutter wird. Also wenn Mutter, dann
schon christlich. Aber man kann auch ledig werden oder ins Kloster gehen.
Erzählerin:
Margareta Richter aus dem Münsterland, zwölf Jahre:
O-Ton Margareta Richter:
Viele von der Schule wurden gute Mütter. Dann lernen die Kinder von den Müttern das christliche Leben, und das find ich gut. Ich will auch mal Mutter werden. Es wurden ehemalige Schülerinnen Ärzte und Kunst.. historikerin. Aber
sie haben alle Familie.
Erzählerin:
Simona Schmid, sechzehn Jahre:
O-Ton Simona Schmid:
Wenn ich Mutter werde, will ich auch die Kinder christlich erziehen. Man kann
auch etwas anderes werden. Man muss nicht heiraten.
O-Ton Angélique Schweizer:
Ich bin hergekommen, damit ich Kindergärtnerin werden kann. Danach werde
ich vielleicht mal heiraten.
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O-Ton Simona Schmid:
Ich möchte mal Kinderärztin werden und .. wenn ich Kinderärztin werde, möchte ich arbeiten. Nicht als Mutter zuhause sitzen und auf die Kinder aufpassen.
Ich möchte schon die Kinder .. als Kinderärztin medizinisch betreuen.
Erzählerin:
Schwester Michaela und ich gehen ein paar Schritte weiter. Sie deutet auf Fotos von Sankt
Martin, vom Turmblasen im Advent und von Mädchen am Grillfeuer.
O-Ton Schwester Michaela:
Dann legen wir Wert auf die Feste, und die feiern wir auch. Das ist in der katholischen Kirche immer üblich gewesen. Moment mal. Haben Sie ein Problem?
Wollen Sie irgendwo hin?
Erzählerin:
Eine Hauswirtschaftsmitarbeiterin wartet geduldig mit einem Geschirrwagen hinter uns.
O-Ton Schwester Michaela:
Denn wo gearbeitet wird, muss auch gefeiert werden. Und zwar schön gefeiert
werden. Die Menschen können heute nicht mehr so richtig feiern. Oft ist es nur
noch ein Ess- oder Saufgelage. Aber wirklich mit Programm feiern, wo sich jeder vorher schon Gedanken macht, wie er's macht und wo Traditionen aufrecht
erhalten werden. Ich denke da grade an den schönen Film „Anatevka“. Wo es
heißt, durch Traditionen haben sie sich erhalten, an ihrem Glauben und an ihrem Leben. So auch wir.
Erzählerin:
Ich möchte mir anschauen, wie man „richtig“ feiert. Zum Fest der Unbefleckten Empfängnis
Mariens fahre ich wieder nach Schönenberg. Es ist ein Montag, die Mädchen haben zur Feier des Tages schulfrei. Die Feier beginnt mit einem Hochamt um 10 Uhr. Doch was wird da
eigentlich gefeiert? Papst Pius IX. verkündete am 8. Dezember 1854 das Dogma, das besagt, Maria sei als Mutter Gottes der einzige Mensch, der „unbefleckt“, also ohne Erbsünde
empfangen wurde. Der Inhalt des Festes ist mir fremd. Das Hochamt wird auf Latein gefei© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
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Sendung: 1.2.2015
ert. Die Schülerinnen in der Schola singen wunderschön. Sie tragen in der Kirche Kopfbedeckung, manche sogar weiße Spitze. Als Messdienerinnen treten sie nicht auf. Weil an diesem Montag alle Jungen in der Schule sind, müht sich ein Lehrer als Messdiener ab. Nach
dem Hochamt nimmt die Vorsitzende des Fördervereins mich mit zum Aperitif. Einerseits
gefällt mir die Verbindlichkeit, denn ich kann mir vorstellen, dass man sich hier nicht so leicht
verloren fühlt. Aber wo ist die Grenze zur Unfreiheit? Ich werde nicht nur auf dem Weg zur
Toilette, sondern auch zurück begleitet. Der Schulleiter bittet mich an den Lehrertisch. Unter
einem großen Kruzifix und einem Bild der heiligen Thérèse von Lisieux nehmen Schwester
Michaela und der Hausgeistliche Platz, links und rechts von ihnen die Lehrer der Schule.
Zum Essen gibt es Wein, danach Pralinen und ein Schnäpschen. Schwester Michaela bekommt von einer anderen Schwester ein MacBook gebracht. Sie zeigt zur Feier des Tages
eine DVD vom letzten Abistreich. Die Schülerinnen haben einen Wettbewerb nach dem Vorbild von „Deutschland sucht den Superstar“ inszeniert. Sie lassen ihre Lehrer und Schwester
Michaela die Jury spielen. Die Autoritäten greifen sie nicht an. Der Schulleiter merkt an, ihm
sei aufgefallen, dass die Abistreiche hier immer kreativ seien und nie unter die Gürtellinie
zielten, ganz im Gegensatz zu den öffentlichen Schulen, an denen er vorher unterrichtet hat.
O-Ton Johannes Laas:
Erstmal stellt man fest, es ist hier nicht so. [..] Man fragt sich: „Wie kommt
das?“ Das hat verschiedene Gründe. Es findet meiner Erfahrung nach an öffentlichen Schulen nur bedingt eine Werteerziehung statt. Natürlich ist die groß
geschrieben. Natürlich gibt es Verfassungen und Lehrpläne. Man bemüht sich
redlich um allerhand Dinge, aber sie fruchten relativ wenig. Das sieht man
dann, wenn viele Schüler das selbst in die Hand nehmen, zum Beispiel bei Abiturfeiern.
Erzählerin:
Für Eltern und Lehrer am St. Theresiengymnasium ist das natürlich angenehm: Sie haben
zu tun mit Kindern, die nicht aus dem Ruder laufen, sondern gehorsam sind, fleißig und nett.
Laut Schwester Michaela ist niemand hier, der nicht hier sein möchte. Sicherlich profitieren
die Mädchen von den kleinen Klassen, von der Ruhe und Abgeschiedenheit des Internats.
Ihre musikalischen Fähigkeiten sind beeindruckend. Sie werden nicht abgelenkt vom Fernsehen. Ihre Smartphones bekommen sie nur am Wochenende für drei Stunden, ins Internet
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dürfen sie unter der Woche erst ab Klasse 9, youtube gibt es nur in Begleitung. Ein Traum
für Eltern.
„Werke der Formung“ nennt der Obere der Piusbruderschaft, Msgr Fellay, deren Schulen.
Zitator:
In einer Welt, die der Erfüllung der Gebote Gottes gegenüber immer feindlicher wird, müssen
wir die wahre Sorge hegen, tief durchdrungene Seelen zu formen, die sich ihre Heiligung
und ihr Heil zu Herzen zu nehmen. Dies führt uns ganz natürlich dazu, unseren Schulen und
ihrer Entwicklung eine große Aufmerksamkeit zu schenken. In diese Werke der Formung
stecken wir den größten Teil unserer Mittel und unserer Energie, der menschlichen wie der
materiellen. In der ganzen Welt widmen sich Priester und Ordensleute der herrlichen Aufgabe der Erziehung und der religiösen Unterweisung in mehr als 100 solcher Einrichtungen.
Erzählerin:
Das Erziehungsziel ist hier.
O-Ton Schwester Michaela:
dass die Mädchen Liebe zur heiligen Messe entwickeln. Dass uns das gelingt,
merken Sie daran, dass 20 bis 30 Prozent täglich freiwillig bei der heiligen
Messe dabei ist. Wir versuchen immer wieder zu erklären, wie schön das ist,
dass Christus uns sich ganz schenkt im Messopfer und die Kraft und die Liebe
zu schöpfen für den ganzen Tag.
Erzählerin:
Die Piusbruderschaft will dabei ihr Verständnis der ursprünglichen Messe weiter am Leben
erhalten. Schwester Michaela:
O-Ton Schwester Michaela:
Die Wichtigkeit und Schönheit des Messopfers. Das ist das Hauptanliegen Erzbischof Lefebvres gewesen. Nicht als Versammlung, sondern dass Christus
sich immer wieder selbst opfert, wir uns mit ihm vereinigen in der heiligen
Kommunion. Die Liebe dazu entwickelt wird von klein auf. Das ist eines der
zentralen Ziele in unserer Schule hier.
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Sendung: 1.2.2015
Erzählerin:
Dafür schicken Eltern ihre Töchter Hunderte von Kilometern weit weg in ein Internat und verzichten auf den Alltag mit ihnen. Brigitte Offermann, Vorsitzende des Fördervereins, wohnt in
Winterscheid, nur 7 Kilometer vom Internat entfernt. Ihre Tochter ist als Externe auf das St.
Theresiengymnasium gegangen.
O-Ton Brigitte Offermann:
Es ist beeindruckend, wie Familien auf ihre Kinder verzichten. Wie stark der
Glaube sein muss. Hut ab. Die Erziehung hier ist schon so gut, dass man es
als Chance sehen kann. Ich finds auch toll, wie Familien morgens ne Stunde
Fahrt auf sich nehmen, um morgens zur Messe hier zu sein.
Erzählerin:
Obwohl ihre Tochter schon vor acht Jahren die Schule verlassen hat, kommt Brigitte Offermann immer noch regelmäßig zur Messe und zu Festen nach St. Theresien.
O-Ton Brigitte Offermann:
Der Wert ist, dass die Mädchen hierhin geschickt werden, weil ja doch die Frau
traditionell die Familie erzieht und die Familie leitet und führt. Insofern ist das
das beste Beispiel hier, was man sonst nicht unbedingt so hat.
Erzählerin:
Im Prinzip, denke ich mir, können sie hier ja ein Frauenbild pflegen, das völlig überholt ist.
Und beten, so oft sie wollen. Schließlich herrscht in unserem Land Religionsfreiheit. Dazu
kommt aber, dass die Schule 94 Prozent ihrer Ausgaben vom Land Nordrhein-Westfalen
refinanziert bekommt. 564 000 Euro waren das im Jahr 2012, für gut 100 Schülerinnen. 40
von ihnen haben keine deutsche Nationalität. Dass der Staat den Nachwuchs der PiusBruderschaft heranzieht, widerspricht nicht einmal dem öffentlichen Bildungsauftrag. Schulleiter Johannes Laas:
O-Ton Johannes Laas:
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Wir sehen's in der Landesverfassung NRW, die uns aufträgt, die Ehrfurcht vor
Gott zu fördern. Das ist ein Erziehungsziel im Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen. Natürlich pickt sich jede Schule ein paar Dinge raus, die sie in
den Vordergrund stellt. Für uns sind natürlich diese Dinge wichtig.
Erzählerin:
Während des Gesprächs mit den Mädchen in dem Eiche-Rustikal-Ambiente kommt mir der
Gedanke: Das Internat fühlt sich an wie eine immerwährende Mädchenfreizeit. Es sind immer Freundinnen da. Man ist unter sich. Nur hier kann sie überleben, die Tradition. Das Internat bietet Gleichgesinnten Geborgenheit, Schutz und Gewissheit im Glauben. Auf eine Art
ist das auch einfach. Man kann sich fallenlassen und muss sich nicht mit der Umwelt auseinandersetzen.
O-Ton Johannes Laas:
Man gewinnt hier, das ist einer der wichtigsten Punkte, man gewinnt hier
Freunde fürs Leben. Vor denen man sich nicht rechtfertigen muss für seinen
Glauben. Jeder, der religiös in einem nicht religiösen Umfeld aufwächst, wird
eine Art Doppelleben führen müssen. Entweder er wird ein Außenseiter, weil
man ihm das immer anmerkt, oder er passt sich an. Beides ist unschön für eine
Entwicklung.
O-Ton Victoria Benfer:
Man fühlt sich geborgener. Man hat Leute um sich rum, die denken wie man
selbst. Die gehen zur Messe, die beten den Rosenkranz.
O-Ton Luzia Aichele:
Die Mutter Gottes hat gesagt, wenn man den Rosenkranz jeden Tag betet,
dass da die Welt, das ist eigentlich das einzige Rettungsmittel, was es eigentlich noch gibt. Was uns noch retten könnte. Deswegen find ich eigentlich schon
wichtig, dass so viele wie möglich den Rosenkranz beten.
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