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Freitag, 30.01.2015
SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs: Vorgestellt von Dorothea Bossert
Sieben Mal Franz Schuberts „Winterreise“ D 911
Spannendes Doppel
Version für Stimme und Klaviertrio
Originalversion für Stimme und Klavier
Daniel Behle (Tenor)
Oliver Schnyder Trio
SONY 8883788232
Problematisches Arrangement
Jakob Högström (Bariton)
Duo Dialog (Klarinette & Gitarre)
dBProductions dBCD 163
Große Oper
Alice Coote (Mezzosopran)
Julius Drake (Klavier)
Wigmore Hall WHLive 0057
Grenzwertiger Versuch
Zvil Emanuel-Marial (Altus)
Philip Mayers (Klavier)
THOROFON CTH 2615
Mit Ecken und Kanten
Jan van Elsacker (Tenor)
Tom Beghin (Fortepiano)
Evil Penguin 6217249
Ganz einfach
Jan Kobow (Tenor)
Christoph Hammer (Klavier)
Atma 4134438
Keine Überraschung
Matthias Goerne (Bariton)
Christoph Eschenbach (Klavier)
HMC 902107
Signet SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs
…heute mit Dorothea Bossert. Guten Morgen.
Sieben Neuaufnahmen von Schuberts „Winterreise“ sind in den vergangenen Monaten
erschienen. Eine einmalige Chance zu einem Interpretationsvergleich. Die stilistische
Bandbreite, die Sie dabei erwartet, ist enorm.
Ich beginne einmal mit einer kurzen Vorstellungsrunde der Kandidaten:


Da legt der junge Stern am Liederhimmel Daniel Behle die „Winterreise“ gleich
zweimal vor: einmal das Original für Tenor und Klavier und dann eine eigene
Bearbeitung mit Klaviertrio.
Auch der Schwede Jakob Högström wagt eine Bearbeitung: eine Fassung für Bariton,
Klarinette und Gitarre.






Dann die Mezzosopranistin Alice Coote, sonst vor allem in Hosenrollen in den Opern
von Händel bis Richard Strauss auf den ganz großen Opernbühnen zu Hause. Sie
erfüllt sich mit ihrer „Winterreise“ einen geheimen Traum und kümmert sich nicht um
Aufführungstraditionen.
Und selbst eine Fassung für Counter-Tenor ist erschienen, mit dem jungen
israelischen Altus Zvi Emanuel-Marial.
Während der flämische Bariton Jan van Elsacker und der junge Tenor Jan Kobow
aus der Perspektive der historischen Aufführungspraxis kommen und mit
Hammerklavier und Pianoforte versuchen, der Schubertschen Musik bislang
Ungehörtes abzulauschen. Jan van Elsacker nimmt dabei eher die Rolle eines
Erzählers ein
und Jan Kobow die Rolle eines Sängers.
Matthias Goerne setzt mit Franz Schuberts letztem Liederzyklus zusammen mit
Christoph Eschenbach am Klavier einen Schlusspunkt unter seine Schubert- Edition.
Und für alle, die den Klassikmarkt aufmerksam beobachten und die „Winterreise“ von
Jonas Kaufmann in dieser Sendung vermissen – seine Neuerscheinung haben wir
schon im Mai an dieser Stelle besprochen. Das Manuskript und die Sendung zum
Nachhören finden Sie im Internet.
Sie hören also, es wird spannend.
Lassen wir Daniel Behle mit seiner Bearbeitung der „Winterreise“ für Klaviertrio beginnen.
Ein kurzer Klangschatten bevor es richtig losgeht, dann scheint im ersten Lied alles ganz
normal zu sein. Bis sich zunächst vereinzelt, dann immer massiver die Violine und das
Violoncello einmischen. Daniel Behle lässt sich Zeit mit seiner Bearbeitung, man muss sich
ein bisschen einhören. Darum jetzt zu Anfang gleich drei Lieder.
Gute Nacht
Die Wetterfahne
Gefrorene Tränen
Daniel Behle (Tenor), Oliver Schnyder Trio
5‘35
1‘40
2‘15
Plastisch und suggestiv ist diese Instrumentation. Ein Tremolo der Violine, dicht am Steg
gespielt, schiebt sich zwischen die Ritzen des Klaviersatzes und wirft einen eisigen
Kommentar dazwischen, schattenhafte Flageoletts tauchen auf und verschwinden wieder,
Tremoli suggerieren Frösteln und im nächsten Moment wird eine Klavierlinie von
Streicherfarben durchwärmt und eingefärbt.
Darf man das? Einfach Franz Schuberts Musik ergänzen, hineinkomponieren in dieses
Meisterwerk? Man darf – sagt Daniel Behle im Gespräch mit Jürgen Kesting im Booklet. Man
darf, wenn die Bearbeitung eine Form der Interpretation ist, und der Interpret nicht aus einem
Überlegenheitsgefühl dem Komponisten gegenüber handelt. Hans Zenders komponierte und
orchestrierte Interpretation ist für ihn ein gutes Beispiel, Behle hat das Werk mehrfach
gesungen.
Daniel Behle ist vorsichtig und weiß, was er tut. Er hat nicht nur Gesang, sondern auch
Komposition studiert und ist sich sehr bewusst, wie schmal der Grat ist, auf dem er sich
bewegt mit seiner Bearbeitung. Schuberts Klaviersatz und Gesangsstimme lässt er völlig
unangetastet, ergänzt sie nur und unterstützt das Klavier dort, wo Streicher mehr können als
Tasteninstrumente. Klangfarben. Tremoli. Crescendi bei liegenden Tönen. Dazu lässt er die
Instrumente kommentieren. Er setzt dieses Mittel sparsam ein, denn es ist gefährlich. So, als
würde man eine Pointe erklären. Er weiß, das darf man nur andeuten.
Erst wenn man den Zyklus ganz anhört, merkt man, dass die Motive und Kommentare, die
Behle hier dazwischenreden lässt, ein Netz von Bezügen quer durch den ganzen Zyklus
spannen. Ich finde diese Bearbeitung ein spannendes Experiment, in jeder Hinsicht klug und
gut gemacht – und nicht zuletzt phantastisch gespielt von dem Oliver Schnyder Trio. Das
macht wirklich großen Spaß zuzuhören, wie diese drei Musiker zusammenspielen. Das hat
allerhöchstes Niveau.
Wenn ich ehrlich bin, dann konnte ich mir nach einigen Nummern von dieser Aufnahme
kaum mehr vorstellen, wie diese Lieder im Original, nur mit Singstimme und Klavier, klingen.
Doch Daniel Behle hat seiner Bearbeitung der „Winterreise“ eine gleichberechtigte, zweite
CD beigefügt, auf der er zurücktritt in die Rolle des Interpreten und Schuberts
Originalfassung singt. Und ich war sehr neugierig, was bleiben würde von dem farbenreichen
und ungeheuer spannungsvollen Eindruck dieser Aufnahme, wenn Daniel Behle mit dem
Klavier alleine bleibt. Um den Kontrast so deutlich wie möglich zu machen, hören wir noch
einmal kurz in die Bearbeitung hinein, und ich blende dann über in das puristische Original.
Erstarrung (Ausschnitt)
Daniel Behle (Tenor), Oliver Schnyder Trio
2‘50
Fast nackt wirkt das Original im ersten Moment, wenn die Streicher wegfallen. Aber man
glaubt, die Instrumente noch lange weiter zu hören. Alles war schon angelegt in Schuberts
Klaviersatz, nur weniger offensichtlich. Und Daniel Behle? Man hört seiner Interpretation an,
dass er diese Musik von der Partitur aus durchdrungen hat, jede Nuance und jedes Detail
dieser Musik kennt und erkennt.
Farbenreich und psycholisch schlüssig erzählt er im Ich-Tonfall von dem heimatlosen
Wanderer, macht seine Sorgen und Qualen erlebbar und bleibt dennoch distanziert.
Stimmlich in jeder Hinsicht warm, natürlich und flexibel zeigt er sich der Schubertschen
Musik in allen Lagen gewachsen, als sei Singen ganz leicht. Nur das kleine h, das sich bei
ihm immer wieder im Legato zwischen die Töne schleicht, zeigt, dass auch dieser Daniel
Behle mit Wasser kocht. Also – diese Aufnahme finde ich in jeder Hinsicht lohnend und
spannend. Bei Sony ist sie herausgekommen.
Gehen wir weiter zur nächsten CD: Jakob Högström heißt der Sänger. Ein lyrischer Bariton,
der vor allem in Schweden bekannt ist. Papageno und Graf Almaviva singt er dort an der
Oper, Marcello in „La Bohème. Und jetzt die „Winterreise“. Aber auch er singt nicht das
Original für Singstimme und Klavier, sondern ein Arrangement – für Singstimme, Klarinette
und Gitarre. Wo waren wir stehen geblieben? Am Brunnen vor dem Tore – vielleicht nicht
das geeignetste Lied für diese Besetzung – aber es ist interessant zu hören, wie der
Schwede die Klippen umschifft, die dieses volkstümlich gewordene Lied birgt.
Am Brunnen vor dem Tore
Jakob Högström, Dan Larsson (Klarinette), Magnus Grönlund (Gitarre)
4‘35
Die beiden Instrumente tun sich etwas schwer mit diesem Lied. Die Klarinette findet ihre
Rolle nicht recht, immer wieder treten Linien hervor, die wie aus dem Zusammenhang
gerissen wirken. Und auch die Gitarre kann ihren Part nicht recht füllen. Und warum Jakob
Högström das Tempo so extrem langsam nimmt, erschließt sich mir nicht. Er selbst kämpft
immer wieder mit Eintrübungen der Intonation, ist zu tief, vor allem an den Phrasenenden.
Und selbst der dramatische Ausbruch in der vorletzten Strophe kann ihn kaum aus der Ruhe
bringen. Nein, das gefällt mir nicht, obwohl er hörbar ein guter Sänger ist. Aber geben wir der
Aufnahme noch eine zweite Chance. „Die Wasserflut“. Wir haben eben schon kurz
hineingehört in dieses Lied.
Wasserflut
Jakob Högström, Dan Larsson (Klarinette), Magnus Grönlund (Gitarre)
4‘15
Hier ist die Klarinette schon eher in ihrem Element. Die schwingenden Linien in der
Begleitstimme kommen dem Instrument entgegen. Aber die Gitarre bleibt als Fundament
unbefriedigend. Und Högströms Tempi verschärfen das Problem und lassen jede Wasserflut
zum Sumpf gerinnen. Vielleicht ist das Verhältnis eines Schweden zur Melancholie einfach
grundsätzlich anders als hier in südlicheren Breiten? Mir jedenfalls fehlen in dieser
Aufnahme die Stimmungsschwankungen und all diese Schattierungen der Selbstreflexion
und Selbstironie, die schon Müllers Texte, erst recht aber Schuberts Zyklus, so präzise und
berührend authentisch machen. Bei db records Schweden ist diese Aufnahme erschienen –
meine Aufnahme ist das nicht.
Ganz anders dagegen die Mezzosopranistin Alice Coote. Auch sie kommt von der Oper und
verleugnet das auch nicht, wenn sie in den Kammermusiksaal wechselt und Klavierlieder
singt. In ihrer Interpretation geht sie den Weg der totalen Identifikation und exponiert jede
psychologische Wendung, jede Stimmungsschwankung.
Wasserflut
Alice Coote (Mezzosopran), Julius Drake (Klavier)
4‘10
Hier wird Liebeskummer zum dramatischen Ereignis, das den Zuhörer mitreißt. Bei der
temperamentvollen Wasserflut, die wir gerade gehört haben, überzeugt mich das sehr,
dieser emotionalen Intensität kann man sich als Zuhörer nicht entziehen. Bei intimeren
Liedern wie „Gefrorne Tränen“ dagegen wird mir das schnell zu viel. Wenn Alice Coote jede
Phrase, ja beinahe jedes Wort, mit einer neuen Klangfarbe versieht, wird aus Franz
Schuberts stillem Psychogramm eines unglücklich Liebenden eine Barockarie, in der jedes
Wort, unabhängig vom Sinnzusammenhang lautmalerisch ausgeleuchtet wird.
Gefrorne Tränen
Alice Coote (Mezzosopran), Julius Drake (Klavier)
2‘25
Wie aus der Zeit gefallen wirkt diese Interpretation von Alice Coote, die sich mit jeder
Nuance ihrer großen und beeindruckenden Stimme der Musik hingibt. Wie sie die Sprünge
und die Rhetorik der Schubertschen Melodik zu einer belcantoartigen Linearität verschleift,
wie sie mit Rubato und Portamento gestaltet, als gehe es um Verdi, wie Sie lautmalerisch
und mit Mitteln der barocken Figurenlehre die einzelnen Worte ausdeutet, als singe sie
Händel.
Das geht doch nicht, höre ich mich sagen und gebe zu, ich habe beim ersten Hören immer
wieder laut aufgelacht bei dieser CD. – Aber dann hat Alice Coote mich doch herumgekriegt
und geschafft, dass ich ihr zuhöre. Das ist zwar kein Schubert mehr, was sie da singt, aber
es ist unzweifelhaft große Musik. Und das muss man erst einmal wagen: als weltweit
hochgeschätzte Mezzosopranistin sich über alles hinwegzusetzen, was zu diesem Zyklus
schon gesagt und gesungen wurde, und einen eigenen, völlig subjektiven Weg zu gehen. So
hat kein Fischer-Dieskau, kein Peter Schreier, keine Brigitte Fassbaender und kein Peter
Pears diesen Zyklus je angepackt, von neueren Interpretationen ganz zu schweigen. Das ist
stark und verdient, dass man zuhört. Auch wenn die deutsche Sprache ihrer Zunge nicht
immer gelingt und vor allem die offenen Vokale häufig herausfallen.
Aber wer Alice Coote je mit einem Liederabend auf der Bühne erlebt hat, der weiß, dass
jedes Publikum der Kraft ihrer Bühnenpräsenz und der emotionalen Intensität, die sie mit
ihrer Stimme erlebbar macht, erliegt. Und Julius Drake am Klavier geht diesen Weg mit und
lässt sich ein auf Alice Cootes eigenwillige Interpretation. Merkwürdige, nie gehörte Akzente
und Rubati finden sich da mitunter im Klavierpart und plötzliche Einzeltöne und Linien, die
man vorher niemals wahrgenommen hat. Und so ist diese CD ein Dokument. Ein Dokument
einer Sängerin, die sich in Schuberts Musik bewegt wie auf einer Bühne und alles riskiert.
Die Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt eines Liederabends von 2012 in der Wigmore Hall in
London und herausgekommen bei dem unternehmenseigenen Label „Wigmore Hall live“.
Schon früh in der Rezeptionsgeschichte der „Winterreise“ haben sich Frauenstimmen
darüber hinweggesetzt, dass das lyrische „Ich“ hier eindeutig männlich ist. Als in den 1920er
Jahren der junge Vladimir Horowitz die „Winterreise“ spielte, eine der ersten konzertanten
Aufführungen dieses Zyklus überhaupt, begleitete er eine Frau, die Sängerin Zoja Lodoja.
Bis in die 1940er Jahre hinein gab es nur eine Handvoll Sänger, die diesen für den
Publikumsgeschmack als zu düster geltenden Zyklus öffentlich sangen, eine davon war Lotte
Lehmann in den Vereinigten Staaten. Noch bei Brigitte Fassbaender hat es Diskussionen
ausgelöst, ob eine Frau diese Partie singen kann und darf. Inzwischen hat man sich daran
gewöhnt, auch wenn es meist eher Mezzosoprane sind, die mit dem Habitus der Hosenrolle
in die Haut des einsamen Wanderburschen schlüpfen.
Aber jetzt kommt die Gender-Diskussion noch einmal neu in Fahrt. Denn: Nach dem
konzertanten Versuch von Jochen Kowalski, 2009 die „Winterreise“ im Konzert zu singen (in
einem kleinen Konzertsaal in der Brandenburgischen Provinz wohlgemerkt) hat sich jetzt mit
Zvi Emanuel-Marial ein junger, noch relativ unbekannter Counter-Tenor daran gewagt, die
erste Platteneinspielung der „Winterreise“ für Countertenor vorzulegen. „Die „Winterreise““,
so argumentiert das Booklet seiner bei Thorofon erschienenen CD, „Die „Winterreise“ ist
künstlerisches Erbteil aller Sänger. Infolge der dramatischen Folgerichtigkeit, mit der
Schubert diese ergreifende Tragödie in der Kammerbesetzung von Sänger und
Klavierbegleiter gestaltet, kam der Altus Zvi Emanuel-Marial, von seiner künstlerischen
Laufbahn her der Oper besonders verbunden, gar nicht umhin, den Zyklus in sein Repertoire
aufzunehmen.“ (Zitat Ende)
Hm – „Die „Winterreise“ ist Erbteil aller Sänger“. Das ist so eine Frage. Gehört gute Musik
wirklich allen? Darf man mit guter Musik wirklich machen, was man will, nur weil sie gut ist?
Oder weil der Komponist seit 187 Jahren tot ist und keine Rechte über sein geistiges
Eigentum mehr geltend machen kann? Kann ein Kunstwerk so etwas haben wie eine
Eigenpersönlichkeit, die über das Urheberrecht hinaus Respekt verdient?
Diese Frage ist vieldiskutiert – die Antwort darauf fällt in der Oper, und erst recht im
Theaterbereich, anders aus als im Konzertleben, und sie fiel auch in der Musik vor
300 Jahren anders aus als heute, wo Interpreten die Partitur als oberste Instanz sehen und
in Autographen nach dem Originalklang und der Intention des Komponisten suchen. Aber:
Jeder künstlerisch ernsthafte Bearbeiter, jeder Regisseur und jeder Interpret muss sich heute
mit dieser Frage auseinandersetzen – und muss mit seinem künstlerischen Ergebnis vor ihr
bestehen.
Was also hat Zvi Emanuel-Marial zu sagen zu Schuberts „Winterreise“, das diesen Transfer
in ein neues und – die Countertenöre mögen mir diese Wahrheit verzeihen – der SchubertZeit völlig unvorstellbares und fremdes Stimmfach rechtfertigt oder gar selbstverständlich
macht? Hören wir doch einmal in die Nr. 8, „Rückblick“, ein Lied, das mit seinen zwei
kontrastierenden Teilen stimmliche Virtuosität und lyrischen Ton, bildhafte Dramatik und
psychologische Subtilität verlangt.
Rückblick
Zvi Emanuel-Marial (Altus), Philip Mayers (Klavier)
2‘20
Zvi Emanuel-Marial ist ein junger, aufstrebender Sänger, der im Bereich der Barockoper und
der zeitgenössischen Oper einige internationale Erfolge vorzuweisen hat. Er hat in
Amsterdam, Berlin und Salzburg gesungen, war letztes Jahr in Adriana Hölszkys Oper „Böse
Geister“ im Nationaltheater Mannheim und in Mozarts „Mitridate“ bei den Schwetzinger SWR
Festspielen zu hören. Aber von dieser Aufnahme hätte den jungen Countertenor jemand
abhalten müssen. – Es ist kein Geheimnis, dass die „Winterreise“ schwer ist und enorme
Ansprüche an Tonumfang, Gesangstechnik und musikalische Gestaltungsfähigkeit stellt.
Nur mit Mühe kann Emanuel-Marial überhaupt den Tonumfang realisieren, den z. B. „Der
Frühlingstraum“ erfordert, der Registerwechsel in den Tenor, den er in der unteren Lage
versucht, ist keine überzeugende Lösung. An eine differenzierte Interpretation ist gar nicht zu
denken, denn der junge Sänger bewegt sich permanent an der Grenze seiner Möglichkeiten.
Die Intonation ist ungenau, der Text über weite Strecken kaum zu verstehen. – Und auch an
den lyrischen Stellen kann Emanuel-Marial seine Zuhörer kaum berühren, weil ihm die
deutsche Sprache so sperrig auf der Zunge liegt, dass ihm eine organische
Phrasengestaltung oder gar ein Legato gar nicht möglich ist. Bei Thorofon ist Zvi EmanuelMarials „Winterreise“ erschienen.
An dieser Stelle muss man die Frage stellen, ob die „Winterreise“ überhaupt von einem Altus
gesungen werden kann.
In den letzten Jahren haben die Counter-Tenöre stimmlich eine unglaubliche Entwicklung
gemacht, und es gibt einige, die ein atemberaubendes musikalisches Niveau erreichen, und
für die ich im Bereich der Barockoper jeden Tenor und jede Mezzosopranistin links liegen
lasse. Aber ich habe Zweifel, ob die „Winterreise“ für Falsettisten singbar ist. Ein Altus hat
insgesamt gesehen zwar häufig einen großen Tonumfang, hat aber nur einen relativ kleinen
Ambitus, in dem die Stimme so entspannt klingt, dass er damit so differenziert gestalten
kann, so wie Schuberts „Winterreise“ es voraussetzt.
Nach dem Counter-Tenor kommen wir jetzt zu zwei echten Tenören mit ihrer Version der
„Winterreise“. Beide singen den Zyklus von Franz Schubert untransponiert in den originalen
Tonarten, und beide kommen, wie Zvi Emanuel-Marial, aus der Alten Musik: Es handelt sich
um dem Belgier Jan van Elsacker und Jan Kobow. Und noch eine Parallele gibt es: Beide
haben ihre Aufnahme mit historischen Klavieren gemacht.
Jan van Elsacker wird von Tom Beghin auf einem historischen Pianoforte von dem Wiener
Klavierbauer Franz Hafner begleitet. Elsacker selbst ist ein ausgewiesener Spezialist für Alte
Musik. Oft hat er mit Philipp Herreweghe, Gustav Leonhardt, Sigiswald Kuijken und Jos van
Immerseel konzertiert. Bei Musik von Claudio Monteverdi und als Evangelist in den
Passionen von Bach und Schütz ist er so etwas wie eine Institution der Alten Musik –
übrigens lehrt er auch an der Musikhochschule in Trossingen. Aber Schuberts „Winterreise“?
Das ist spannend – wie wird er damit umgehen?
Gehen wir also weiter im Zyklus und hören, wie Jan van Elsacker und Tom Beghin den
Beginn der zweiten Abteilung interpretieren: „Die Post“, „Der greise Kopf“ und „die Krähe“.
Die Post
Der greise Kopf
Die Krähe
Jan van Elsacker (Tenor), Tom Beghin (Hammerklavier)
2‘30
3‘05
2‘40
Das ist schon etwas Besonderes, so ein Hammerklavier. Es klingt im Vergleich zu einem
modernen Flügel nicht nur sehr viel weicher, sondern hat auch auch fünf, zum Teil
miteinander kombinierbare Register. Da gibt es Glöckchen, einen sogenannten Fagottzug,
der schnarrende Klangfarben hinzufügt, einen Trommelzug und verschieden getönte
Dämpfer. Ein ganzes Arsenal an Klangeffekten also, die Tom Beghin dosiert, aber durchaus
pointiert einsetzt. Und man kann auch hören, dass dieses Instrument eigenwillig ist. Es hat
eine langsamere Mechanik hat als ein moderner Flügel und ist bei Tonwiederholungen nicht
immer gleich auf dem Punkt. Das hat durchaus Charme.
Und Jan Elsacker? Man hört natürlich, dass er als Belgier die Rachenlaute kehliger nimmt
als es ein deutscher Muttersprachler es tun würde. Aber man hört auch, dass hier ein
Erzähler am Werk ist. Plastisch und farbenreich schildert er, entwickelt seine Artikulation und
Phrasierung stark von der Sprache aus und entfaltet dabei eine lebendige und fesselnde
Rhetorik. Der Klang seiner Stimme erinnert in den lyrischen Passagen an Edelholz – eine
Altflöte etwa oder eine Gambe. Aber er geht mit ihren Beschränkungen, der wenig
ausgeprägten Tiefe und dem beschränkten Stimmvolumen, nicht nur klug, sondern auch
sehr musikalisch um. Eine Aufnahme mit einem etwas rauen Charme, finde ich, durchaus mit
Ecken und Kanten. Aber es ist klar: Diese beiden Musiker haben etwas zu sagen, und sie
sagen es so fesselnd, das man nicht so leicht wieder los kommt von dieser Aufnahme.
Die zweite Aufnahme, die die Perspektive der Alten Musik einnimmt, sie stammt, wie gesagt,
von Jan Kobow. Als Liedsänger ist er ein Geheimtipp, obwohl er zum Beispiel mit Kristian
Bezuidenhout und Christoph Hammer auf internationalen Bühnen Liederabende gibt.
Bekannt ist er aber vor allem als Evangelist und Solist im Bereich der Barockmusik und
Barockoper, wo er häufig mit Sigiswald Kuijken, Frieder Bernius, Christophe Rousset und
John Eliot Gardiner zusammenarbeitet. Aber auch als Mitglied des Ensembles „die
himmlische Kantorey“ hat er sich einen Namen gemacht.
Und jetzt also die „Winterreise“ – mit Christoph Hammer an einem ebenso aus dem Wien
Schuberts stammenden Pianoforte von Joseph Brodmann. Hören wir die gleichen drei Lieder
im Vergleich:
Die Post
Der greise Kopf
Die Krähe
Jan Kobow (Tenor), Christoph Hammer (Pianoforte)
2‘00
2‘25
1‘45
Wenn Jan van Elsacker ein singender Erzähler ist, dann ist Jan Kobow ein erzählender
Sänger. Wo Jan van Elsacker rhetorisch deklamiert, singt Jan Kobow einfach, als sei es die
natürlichste Sache der Welt. Er braucht beinahe nichts zu machen, die Register seiner in den
tiefen Lagen fast baritonalen und in den hohen Lagen weich strahlenden Stimme gestalten
Schuberts Lieder wie von alleine, so scheint es. Die Stimme ist beweglich, nuancenreich; ein
bisschen mehr oder weniger Luftbeimischung und ein bewusst gestalteter Umgang mit
Vibrato und Phrasierung, viel mehr braucht Jan Kobow nicht, um Schuberts Lieder zu
gestalten. Der Rest, so scheint es, ist eine innere Haltung, die aus dem Untergrund
hindurchschimmert.
Das Fortepiano empfinde ich dabei als eine echte Bereicherung dieser Musik. Nichts gegen
die virtuose Brillanz eines modernen Flügels, aber die Vielfalt an Klangfarben und
Geräuschen, die dieses Instrument beisteuert, das scharfkantige Geschrei der Höhen und
das rasselnd hohle Trümmern der Tiefe, die lakonische Fahlheit im Piano und das
vollschlanke Schimmern in bester Lage. Dazu kommen die Überraschungen, die die nicht
temperierte Stimmung dem Hörer beschert – das lässt immer wieder aufhorchen.
Christoph Hammer vertraut seinem Instrument, so wie Jan Kobow seiner Stimme. Ganz
sparsam geht er mit den Effekten um, die das Pianoforte bietet. Was er einsetzt, sind
Akzente, die härter ausfallen als auf einem modernen Flügel, eine Agogik, die vor allem vor
den Sängereinsätzen abphrasiert und dadurch dem Sänger Raum für einen weichen Einsatz
bietet. Und eine Registrierung, die großflächig ist und auf kontrastierende Abschnitte setzt,
statt auf kleinteilige Effekte.
Fazit: Auf dieser Aufnahme hört man keine psychologischen Deutungen eines Textes, hier
exponiert auch kein Sänger seine echten oder gespielten Gefühle und kein Pianist seine
brillante Technik, sondern man hört Franz Schuberts Musik. Und das ist berührend gut.
Bei dem kanadischen Label Atma Classics ist diese Platte erschienen.
Eine letzte Aufnahme habe ich hier noch – die „Winterreise“ von Matthias Goerne mit
Christoph Eschenbach am Klavier. Mit dieser „Winterreise“ schließt Goerne seine neunteilige
Schubert-Edition ab. Hören wir doch einfach weiter an der Stelle, wo wir stehen geblieben
waren. „Letzte Hoffnung“, „Im Dorfe“ und „Der Stürmische Morgen“.
Letzte Hoffnung
Im Dorfe
Der stürmische Morgen
Matthias Goerne (Bariton), Christoph Eschenbach (Klavier)
1’55
2’55
0‘50
Das ist in jeder Hinsicht souverän und gekonnt. Matthias Goerne hat eine Stimme, die in der
Tiefe klingt wie ein richtiger Bass, in der Höhe fast wie ein Tenor, und alles dazwischen ist
ideal miteinander verbunden. Ihn kann keine Schwierigkeit in diesem Liederzyklus aus der
Fassung bringen. Er ist beweglich und nuanciert, gestaltet immer wach und engagiert. Ganz
große Klasse – höchstes liedsängerisches Niveau.
Das ist natürlich keine Überraschung, denn Matthias Goerne gehört seit vielen Jahren zu
den stillen Stars der Liedkunst. Für ihn ist Schubert grenzenlos. Grenzenlos tief. Der zentrale
Komponist des Liedgesangs. Er reist mit Schubert-Liedern durch die ganze Welt. „Nirgends“,
so erzählt er in einem Interview mit der „ZEIT“, „ist die „Winterreise“ so beliebt und
erfolgreich wie in Japan.“ Riesige Konzertsäle kann man dort mit einem Schubert-Abend
füllen, und das Publikum steht Kopf – während in Deutschland selbst in großen Städten nur
ein magerer Kammermusiksaal zusammenkommt. Interessant ist, dass er es meistens
spannender findet, Schubert im Ausland zu singen, in Spanien Portugal oder Frankreich als
in Deutschland. Das deutsche Publikum, so sein Eindruck, glaubt, seinen Schubert zu
kennen, und wolle ihn auf jeden Fall wie bei Fischer-Dieskau oder auf gar keinen Fall wie bei
Fischer-Dieskau hören.
Wegweiser
Matthias Goerne (Bariton), Christoph Eschenbach (Klavier)
4‘05
Hm – vielleicht bin ich also einfach deutsch – aber ich gestehe jetzt: Ich werde mit dieser CD
nicht warm. Sie ist unangreifbar gut, Goerne macht alles richtig, ein bisschen manieriert
vielleicht, immer wieder auch ein bisschen zu langsam in den Tempi, aber das ist nicht das
Problem. Mein Problem ist, dass ich beim Hören das Gefühl habe, das alles schon lange zu
kennen. Vielleicht geht das anderen anders, das mag sehr gut möglich sein. Mir persönlich
fehlt an dieser Aufnahme etwas Neues, bisher Ungesagtes, Ungehörtes – etwas, das ich von
diesem Interpreten über Schuberts Musik lerne, oder etwas, das er mir mitteilen will. Ich
wünsche mir von einer neuen Aufnahme, dass sie etwas Neues zu sagen hat.
In diesem Sinne kommen wir jetzt zur Schlussrunde, in der ich meine zwei persönlichen
Favoriten mit den beiden letzten Liedern der „Winterreise“ nebeneinanderstellen möchte.
Das ist zum einen Jan Kobow mit Christoph Hammer am Pianoforte, er singt die
„Nebensonnen“. Und zum anderen ist das Daniel Behle mit seinem Arrangement der
„Winterreise“ für Stimme und Klaviertrio mit dem Oliver-Schnyder-Trio. Mit ihm hören Sie
gleich den rätselhaften Schluss dieses Zyklus: den „Leiermann“.
Nebensonnen
Jan Kobow (Tenor), Christoph Hammer (Pianoforte)
2’20
Leiermann
Daniel Behle (Tenor), Oliver Schnyder Trio
4’10
Daniel Behle und das Oliver Schneider Trio waren das mit dem Schluss der „Winterreise“.
Sie hörten „Treffpunkt Klassik – Neue CDs“, heute mit Dorothea Bossert am Mikrophon und
sieben Neuaufnahmen der „Winterreise“. Die Liste der besprochenen Platten finden Sie wie
gewohnt im Internet auf swr2de/Treffpunkt Klassik.
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