close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Leseprobe - Wilhelm Fink Verlag

EinbettenHerunterladen
2014
Modelle
und Modellierung
Friedrich Balke, Bernhard Siegert
Joseph Vogl ( Hrsg.)
Die Publikation entstand in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Kolleg für Kultur­technik­
forschung und Medienphilosophie der Bauhaus-Universität Weimar, der Humboldt-Universität
zu Berlin sowie der Ruhr-Universität Bochum und wurde mit ­M itteln des Bundesministeriums
für Bildung und Forschung unterstützt.
Impressum
Archiv für Mediengeschichte — Modelle und Modellierung
Herausgegeben von Friedrich Balke, Bernhard Siegert und Joseph Vogl
Redaktion : Dorothea Walzer
Redaktionsassistenz : Gabriele Schaller
Gestaltung : Anya Leidel, KONO
Satz : Anne-Christin Jyrch
© 2014 Wilhelm Fink, Paderborn
ISBN : 978-3-7705-5880-3
Jan Müggenburg
Martin Warnke
Richard Weinkamer
Lina Maria Stahl
Karin Krauthausen
Der unmögliche ›Teste ‹ und der mögliche › Léonard ‹. Zu Paul Valérys Modellierung ( in ) der Literatur
057
Reinhard Wendler
» E s gibt Dinge, die dulden keine Herstellung in einem
Modell.« Zur Rolle der Geltung von Entwurfsmedien
073
Peter Heinrich Jahn
Vorbild und Entwurfsvorlage. Gestaltgenerierende 085
Modellbildung beim frühneuzeitlichen Architekturentwurf
Veronika Riesenberg
Die Theoriefähigkeit des Modells in eigener Sache. Werkimmanente Modellkritik in der Gegenwartskunst
101
Bernd Mahr
Formalisierende Anordnung. Notat, Zeichen und Modell
115
Samo Tomšicˇ
Modelle in der Philosophie : zwischen Platon und Deleuze 129
Robert Smid
Freud › C hained ‹ to Shannon :
Transcribing Temporal Processes in Psychoanalysis
139
Elke Muchlinski
Vertrauen und Modellbildung in der Ökonomie 151
The Cognitive Sociology of Toxit Assets 163
Taylor Spears / Donald MacKenzie Editorial
005
Von Modell zu Modell 011
Simulation wilder Spekulationen. Oder : Wie einmal
023
Paul Baran mit einem falschen Modell das Internet erfand
Modelle in der Computersimulation : aktuelle Herausforderungen
033
Zell-Modell und Modell-Zelle. Mikroskopische Bildgebung 047
als Vorgang der Modellierung
Editorial
Im Modell verkörpern sich manche Leiden am Wirklichen. Nachdem Onkel
Toby bei der Belagerung von Naumur durch eine ominöse Verwundung in
der Leistengegend aus den Feldzügen des Neunjährigen Krieges ausscheiden musste, verwandelt sich in Lawrence Sternes Tristram Shandy sein Leidwesen zu einer Leidenschaft, die sich im Reenactment des vergangenen
Leidens­moments niederschlägt. Noch vom Krankenbett aus wird eine Karte
von Stadt, Zitadelle und Umgebung angeschafft, und so sehr sich damit ein
Schauplatz zur Rekonstruktion von Schlachtordnung, ­Truppenbewegungen
und Geschoßbahnen ergibt, so sehr wird diese darstellerische Passion erst
durch einen weiteren und kühnen Darstellungsschritt realisiert. Auf einem
guten Rasenstück von Shandy Hall misst man minutiös Grundrisse ab,
legt Schanzen, Fortifikationen und Laufgänge mit Blumenerde an, bringt
› M odelle ‹ von Stadt und anderem Zubehör herbei, um schließlich die
ge­schlagene Schlacht unter freiem Himmel und von Neuem beginnen zu
­lassen.
Onkel Tobys Modellierungsversuch, der zudem modellhaft für die
Darstellungslogik des gesamten Romans einsteht, wird dabei von ­einigen
Problemen und Ärgernissen heimgesucht, die selbst wiederum einen
Modellfall für Modellfragen abgeben. Das betrifft nicht nur die Angelegenheiten von Dimension, Maßstab und Material, die bei der Übertragung des
Ereignisses auf Karte und Papier, bei dessen Rückübersetzung in Landschaft
und Natur, bei der Formung formbarer Stoffe, bei der Anreicherung der Szenerie mit immer neuen Accessoires und bei der Reanimation des Geschehens
durch Agenten und Avatare im Spiel sind. Sehr schnell wird Onkel Tobys
Leiden­schaft oder hobbyhorse vielmehr zu einem Projekt, das nicht nur diese
oder jene Schlacht nachstellen oder imitieren soll, sondern dem Ehrgeiz verfällt, eine Repräsentation des Typus Schlacht oder Belagerung überhaupt
zu bieten. Am Ende geht es auf dem aufgewühlten englischen Rasenstück
um nicht weniger als darum, unter Aufbietung aller verfügbaren Gestalt­
möglichkeiten die Serie beliebiger Kriegsereignisse auf dem ­europäischen
Festland darzustellen, noch während oder bevor sie passieren.
Was sich hier als Modellbauprojekt einer passionierten Jung­
gesellen­maschine des achtzehnten Jahrhunderts präsentiert, verweist auf
einige Problemfelder, denen sich die Beiträge des vierzehnten Bands des
Archivs für Mediengeschichte über Modelle und Modellierung widmen. In
ihnen werden verschiedene Funktionen und Spieleinsätze von Modellen
erprobt, die etwa in der Erfassung von Welt, in der Erklärung von Ereignissen, in der Isolierung kausaler Zusammenhänge, im Test von Hypothesen
und Theorien, in der Voraussage von Resultaten, in der Beschreibung von
Prozessen, in der Motivierung von Interventionsweisen bestehen. Ihr Ausgangspunkt ist die Annahme, dass der Modellgebrauch und die Verfahren
der Modellierung einen wesentlichen Anteil in der Begründung und Kodierung von Entscheidungsprozeduren bei der Verfertigung unterschiedlicher –
005
Editorial
szientifischer, experimenteller, historischer, strategischer, poietischer –
Wissens­f ormen übernehmen. Mit ihrem Operieren zwischen ­A bstraktion
und Anschauung, Analyse und Synthese, Evidenzerzeugung und Ausblendung sind Modelle und verwandte Figuren wie Muster ( ital. modello ), Pläne,
Blaupausen oder Prototypen spezifische Akteure, an denen sich die logische,
funktionale oder ästhetische Konsistenz epistemischer Ordnungen und der
damit verbundenen Repräsentationsweisen bemisst. Sie machen somit einen
› Eigensinn ‹ geltend, der von der medialen, symbolischen und ­materiellen
Beschaffenheit jeweiliger Modelltypen abhängig ist und aus verschiedenen
Perspektiven erfasst werden kann.
So geht es erstens um den epistemischen Status von Modellen in
unterschiedlichen Verwendungszusammenhängen. Als Gegenstände, die für
sich selbst gelten und stehen, weisen sie zugleich zwei wesentliche Bedeutungsrichtungen auf. Als Modelle von etwas sind sie Resultate induktiver
Prozesse, mit denen Daten und Merkmale aller Art zu einer konsistenten
Anordnung versammelt werden. Als Modelle für etwas positionieren sie
sich als Referenz einer Ableitung, die die Übertragung ihrer Inhalte auf diese
oder jene Anwendungsfelder dirigiert. Modelle leiten oder begründen die
Bildung wissenschaftlicher Hypothesen, sichern darstellerische ­E videnz,
regulieren Konsensbildung, strukturieren experimentelles Probe­handeln,
situieren sich in einer Grauzone zwischen Faktizität und Fiktion. Sie fassen
disparate Erkenntnisleistungen in kohärente Darstellungsformen zusammen oder figurieren als Prolepsen bzw. › Vorahmung ‹ für die Strukturierung
ungesicherter und offener Wissenshorizonte. Mit ihrem demonstrativen
Charakter können sie als Agenten für die Variation und Negation, für die
Bestärkung und Verwerfung, für die Innovation oder Normalisierung von
Wissensbeständen fungieren. Mit mehr oder weniger gesicherter Referenz
an korrespondierende Objektfelder leisten sie einen wesentlichen ­Beitrag
für die Erprobung vergangener oder künftiger Realitäten.
Auch wenn Modelle – als Spielart theoretischer Fiktionen – stets
dem Verdacht ausgesetzt sind, falsch oder verfälschend zu agieren, spricht
nichts gegen die Annahme, dass sie sich zuweilen als nützlich erweisen.
Diese pragmatische Dimension wird zweitens durch die Art ihrer Materiali­
tät gewährleistet. Modelle verkörpern sich in Stilen, Vorschriften, Experimenten und Ausdrucksformen aller Art. Ihre Gestalt wird durch jene
Techniken, Medien und Verfahren bestimmt, mit denen sie ihre repräsentative Kraft sichern. Die Modellierung geschieht mit sprachlichen und bild­
nerischen Mitteln, mit symbolischen Operationen, mit Algorithmen, mit
kognitiven und handwerklichen Praktiken. Die Verfertigung von Modellen erscheint dabei als ein umstandsbedingtes und › poietisches ‹ Bewerkstelligen, dessen Parameter vom Einsatzbereich, vom Gegenstandsgebiet
und von den an die Modellbildung gerichteten Anspruchsprofilen dirigiert
wird – vom Architekturmodell bis zur Computersimulation, von der Karte
bis zum biologischen Präparat, vom Gedankenexperiment bis zur theoretischen Modellierung komplexer Zusammenhänge und Prozesse. Was wie,
wovon oder wofür modelliert wird, ist nicht zuletzt durch die Qualität des
Modellmaterials präfiguriert.
Dabei hängt der Modellcharakter von Modellen auch davon ab,
durch welche spezifischen Übertragungs- und Transportprozesse sie sich
konstituieren. Ein dritter und wesentlicher Aspekt betrifft somit die Dimensionierung von Modellen. Damit sind nicht nur Fragen der Skalierung und des
Maßstabes gemeint, Fragen, die etwa die Verkleinerung makroskopischer
006
Editorial
und die Vergrößerung mikroskopischer Größenordnungen, Projektions- und
Abbildungsverfahren, die Reduktion mehrdimensionaler Darstellungen,
das Verhältnis von räumlichen und temporalen Repräsentationsweisen
­betreffen. Vielmehr müssen Modelle als Artefakte begriffen werden, die
etwas mit bestimmten Mitteln von irgendwo nach irgendwohin transportieren ( cargo ) und daher höchst kritische Grenz- und Trennlinien passieren.
Mit ihnen stellen sich Übersetzungsprobleme aller Art : zwischen verschiedenen Disziplinen, von unübersichtlichen Realitäten zur Modellform, von
­M odellen zu diversen Anwendungsbereichen, von theoretischen Annahmen zu praktischen Funktionszusammenhängen, von disparaten Daten zu
gesetzmäßigen Prozessen, von ungleichen Darstellungsmilieus zu analogen
oder ähnlichen Strukturen.
Angesichts dieser Verwerfungen und Bruchlinien liegt ein besonderer Problembereich viertens in der Modellierung zeitkritischer Prozesse, wie
sie in verschiedenen – naturwissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen,
ökonomischen oder allgemein historischen – Arbeits­g ebieten heraus­­
gefordert werden. Dabei steht die modellhafte Fassung von Entwicklungs­
prozessen, von Veränderungen und Transformationen, von Krisen und
außerordentlichen Begebenheiten, von erwartbaren, wahrscheinlichen oder
völlig ungewissen Verlaufsprofilen auf dem Spiel. Hier wird danach gefragt,
mit welcher Informationssicherheit vergangene Ereignisserien auf künftige
Prozessformen projiziert werden können, welche prognostischen Qualitäten
damit verknüpft sind, wie strukturelle Instabilitäten mit homöostatischen
Ordnungsfiguren gefasst werden, welche Allgemeingültigkeit iterative Algorithmen beanspruchen können. Die Eigenzeiten von Modellen reflektieren
diachrone Prozesse der Wirklichkeit › da draußen ‹ und entscheiden darüber,
mit welchen Hoffnungsfiguren, Antizipationsideen und Verfehlungsgesten
sie Orientierung in einer Welt ungewisser Zukünfte bieten.
Schließlich und fünftens steht mit der Frage nach der repräsentativen Kraft von Modellen in unterschiedlichen Kontexten auch die Grenze
modellhafter Darstellung selbst zur Diskussion. Die Qualität von Modellen
ist nicht zuletzt von der Art und vom Ausmaß reduktiver, abstraktiver und
formali­sierender Verfahren abhängig. Und wenn die Modellbildung allgemein als Operation des Komprimierens und Subsumierens, mithin als Intervention eines » O ckham’schen Rasiermessers « begriffen werden kann, so
rücken zugleich Zonen in den Blick, in denen die determinierende bzw.
deterministische Macht von Modellen spezifische Verfehlungspotentiale
generiert. Dies betrifft nicht nur jene Herausforderungen, wie sie etwa Turbulenzen oder chaotische Prozesse für eine modellartige Fassung darstellen;
die Verfertigung von Modellen muss vielmehr selbst als ein Vorgang betrachtet werden, der sich mit der bedingten Haltbarkeit, mit der fortlaufenden
Revision, mit der nie abschließbaren Anpassung, Abänderung, Verwerfung und Innovation von Modellfiguren konfrontiert. Das heißt umgekehrt :
Gute Modelle sind schlechte Modelle. Je mehr sie durch innere Konsis­
tenz, logische Kohärenz und darstellerische Evidenz an sugges­t iver Energie gewinnen, desto gewisser platzieren sie sich als wissens­politische Fallen und können den Titel eines epistemologischen › Fetischs ‹ oder › Köders ‹
reklamieren. ­Weniger Modelle von oder für etwas, stellen sie ihre eigene
mediale und ästhetische Selbstbezüglichkeit aus. Das führt einerseits zur
Frage, mit welchen Modellen zweiter Ordnung das Verhältnis von Modellen
und Gegenstandsbereich selbst modelliert und kontrolliert ­werden kann.
Andererseits wird durch ihre Abstraktionen, durch das in ihnen ­verkörperte
007
Editorial
­ rdnungs­s ubstrat die Außen- und Referenzwelt nicht einfach abgebilO
det oder erklärt, sondern gesetzt. Die Modellbildung umschließt konstitutive Mechanismen und selbst-implementierende Technologien, die auf
eine Anpassung modellierter Strukturen und Dynamiken zielen. Es gehört
zur Artistik mancher – etwa ökonomischer – Modellfiguren, dass sie Seins­
wirklichkeit als Seinsmöglichkeit begreifen und somit als ein Feld, das sich
nach Modellgesetzen abändern, modellieren und programmieren lässt.
Die Herausgeber
008
Editorial
10
Jan Müggenburg
Von Modell zu Modell
1. Von Freund zu Freund
Ich war zu Tränen gerührt, als Murray mir an unserem kybernetischen Institut eines Tages sagte : › Ich habe diesen Dynamic Analyzer gebaut, aber ich weiß immer noch nicht, wozu er eigentlich
gut sein soll.‹ Ich dachte mir : › Das ist doch fantastisch ! Er hat
eine gigantische Maschine gebaut, ohne zu wissen, für welchen
Zweck ! ‹ 1
Heinz von Foersters Erinnerung an seinen ehemaligen Mitarbeiter Murray
Babcock aus dem Jahr 1997 wirkt befremdlich. Als Ingenieur hatte Babcock
in den 1960er Jahren für Foerster an dessen Biological Computer Laboratory
( B CL ) der University of Illinois ( UoI ) gearbeitet und dort Maschinen konstruiert, die spezifische biologische Verhaltensweisen modellieren und damit
den Weg zu alternativen Computerarchitekturen jenseits der erfolgreichen
Von-Neumann-Architektur weisen sollten. Eine dieser Maschinen war der
von Foerster angesprochene Dynamic Signal Analyzer ( D SA ), der eigentlich
die Funktionsweise des nur einige Millimeter großen menschlichen Innenohrs modellieren und als › artificial ear ‹ zu den Vorzeigeprojekten des BCL
gehören sollte. Wenn aber am Ende eines mehrjährigen Projektes eine
raumfüllende Maschine steht, die selbst aus der Sicht ihres Konstrukteurs
scheinbar gar nichts mehr modelliert, dann ist in der Übersetzung von der
Natur zur Maschine offenbar einiges aus den Fugen geraten. So drängt sich
die Frage auf, wie ausgerechnet die vermeintliche Referenzlosigkeit eines
wissenschaftlichen Modells dem Kybernetiker Foerster Tränen der Rührung
in die Augen treiben konnte. Schließlich hatte dieser sein neues Labor eben
jener »Wissenschaft der Modelle« gewidmet,2 die ihren Anspruch auf Universalität gerade von der Zuständigkeit und Anschlussfähigkeit ihrer wissenschaftlichen Medien ableitete.3
Bruno Latour hat den »Übergang vom Boden zu den Worten«
für die Repräsentationsverfahren einer anderen Disziplin bekanntlich akribisch nachgezeichnet und sie als eine »Dialektik von Gewinn und Verlust« beschrieben.4 Die Aneinanderreihung verschiedener bodenkundlicher
Repräsentationsverfahren wird von ihm als ein doppelläufiger Prozess der
»Reduktion« an Materialität, Partikularität und Lokalität bei gleichzeitiger
( 1 ) Unveröffentlichtes Interview von Paul Schroeder und Frank Galuszka mit Heinz von Foers­
ter, Privatarchiv Schroeder 1997.
( 2 ) Abraham Moles zitiert nach Claus Pias, Zeit der Kybernetik. Eine Einstimmung, in:
ders. ( Hg.), Cybernetics. The Macy-Conferences 1946–1953. Vol. II : Essays und Documents,
Zürich – B erlin 2004, S. 9–41, hier S. 22.
( 3 ) Michael Hagner spricht von einer » kompromisslose[ n ] Hinwendung zur Funktion und ihrer
Modellierung « , Michael Hagner, Bilder der Kybernetik : Diagramm und Anthropologie, Schaltung und Nervensystem, in : ders. ( Hg.), Der Geist bei der Arbeit. Historische Unter­suchungen
zur Hirnforschung, Göttingen 2006.
( 4 ) Bruno Latour, Zirkulierende Referenz. Bodenstichproben aus dem Urwald am Amazonas,
in : ders. ( Hg.), Die Hoffnung der Pandora, Frankfurt / M . 2002, S. 36–96, hier S. 84–86.
011
Jan Müggenburg
»Amplifikation« von Universalität, Standardisierung und Mobilität erkannt.5
Von den ersten Bodenstichproben im brasilianischen Urwald bis hin zum
Expeditionsbericht, skizziert Latour das Bild einer Ökonomie der Modellierung, die ihren Gegenstand mit den Mitteln der › Abstraktion ‹ und › Konkretisierung ‹ zu beherrschen weiß. In Foersters Labor dagegen scheint Wissenschaft ihre Beherrschung verloren zu haben : Für die Konstruktion seines
kybernetischen Ohrs musste Babcock auf existierende Modelle der Cochlea aus unterschiedlichen Disziplinen zurückgreifen. Und im Zuge dieses
Prozesses von Modellen zum Modell kehrte sich die von Latour beschriebene Gewinn- und Verlustrechnung offenbar in ihr Gegenteil : Gegenüber
seinen Vorgängern in der ›Transformationskette ‹ gewann Babcocks Modell
an Subs­t anz, Ortsgebundenheit und Idiosynkrasie, während Mobilität und
Kompatibilität weitgehend verloren gingen.
Mit der Kontrastfolie der latourschen Dialektik von Reduktion
und Amplifikation im Hinterkopf sollen im Folgenden zwei Aspekte kybernetischer Modellierung herausgearbeitet werden, die aus medienepistemologischer Perspektive besonders bedeutsam erscheinen : Erstens stellen die
Maschinenmodelle ihre mediale Eigendynamik aus, anstatt – wie es Medien
gemeinhin nachgesagt wird 6 – sich selbst und ihre konstitutive Beteiligung
am Prozess der Wissensproduktion zu löschen. Zweitens war die Kybernetik nicht nur eine › Wissenschaft der Modelle ‹ ( im Sinne einer auf dem Einsatz von Modellen basierenden Wissenschaft ), sondern sie war auch eine
Wissenschaft von Modellen. Damit ist gemeint, dass Kybernetiker ihren
eigenen Mediengebrauch theoretisch reflektiert haben und sich der Mittelbarkeit ihrer Forschung bewusst waren : Ihre neue Disziplin war im Kern
eine methodisch reflektierte und erkenntniskritische Wissenschaft. Beide
Aspekte, die ostentative Präsenz kybernetischer Maschinenmodelle sowie
ihre Einbettung in einen epistemologisch reflektierten Kontext, lassen das
Beispiel von Babcocks künstlichem Ohr in einem anderen Licht erscheinen :
Der Sonderfall eines gescheiterten Modellierungsversuches entpuppt sich
als Vorbote des zeitgenössischen Regelfalls der Computersimulation, deren
epistemischer Status sich gerade durch ein erhöhtes Maß an Komplexität
und Loslösung von einem ursprünglichen Referenten auszeichnet.
2. Von biologischen Computern zu künstlichen Sinnesorganen
Die Geschichte des BCL ist die Geschichte eines verspäteten Labors. Als
Foersters Antrag auf Förderung einer »one year pilot investigation toward
the realization of biological computers« Ende des Jahres 1957 durch die
zuständige Abteilung für »Information Systems« des Office of Naval Research
( O NR ) genehmigt wurde,7 lagen bereits acht Jahre intensiver Beschäftigung
( 5 ) Ebenda.
( 6 ) »Medien machen lesbar, hörbar, sichtbar, wahrnehmbar, all das aber mit der Tendenz, sich
selbst und ihre konstitutive Beteiligung an diesen Sinnlichkeiten zu löschen und also gleichsam unwahrnehmbar, anästhetisch zu werden«, Lorenz Engell / Joseph Vogl, Vorwort, in : dies.
et al. ( Hg.), Kursbuch Medienkultur : die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard,
Stuttgart 2000, S. 8–11, hier S. 10.
( 7 ) Heinz von Foerster, Proposed One Year Pilot Investigation Toward the Realization of Biological Computers, 11. Dezember 1957, UoI Archives 11 / 6 / 17 Box 2 Folder »Correspondence
on reports and proposals, 1958–1962, 1964«.
012
Von Modell zu Modell
mit der Kybernetik hinter dem Österreicher.8 Obwohl der Physiker ohne
Abschluss 9 seit seiner Emigration in die USA im Januar 1949 am Department for Electrical Engineering ( D EE ) der UoI mit eher konventionellen Forschungsprojekten im Bereich der Mikrowellenphysik beschäftigt gewesen
war,10 hatte er sich, seit seiner Teilnahme an der sechsten Tagung der MacyKonferenzen in New York nur wenige Wochen nach seiner Einreise, intensiv mit jenen transdisziplinären Fragen beschäftigt, welche das naturwissenschaftliche Cluster der » Cybernetics Group « um Warren McCulloch, Norbert
Wiener und John von Neumann bereits in den späten 1930er Jahren aufgeworfen hatte.11
Gerade als sich jene erste Generation inmitten ihrer ersten persönlichen wie inhaltlichen Krise befand,12 war es Foerster Ende der 1950er
gelungen, an seinem neuen Heimatinstitut das erste ( und vorläufig einzige )
kybernetische Labor in den USA zu gründen. Wieners Wunsch nach einem
ganzheitlich ausgerichteten » Institut mit unabhängigen Wissenschaftlern «
sollte so mit gut zehnjähriger Verspätung doch noch in Erfüllung gehen.13
Die Biological Computer-Agenda, mit der Foerster die Geldgeber des Militärs überzeugen konnte, integrierte dabei im Wesentlichen die drei grund­
legenden konzeptuellen Säulen der frühen Kybernetik : Erstens die Analogisierung von Organismen und Maschinen durch Fokussierung auf ihre
Fähigkeit, sich zielgerichtet zu verhalten,14 zweitens die Überzeugung, dass
sich geis­t ige Phänomene als von Neuronen verkörperte, formallogische
Operatio­nen beschreiben lassen15 und drittens die Erkenntnis, dass das
­Wissen um Organisationsprinzipien als Grundlage für die Konstruktion von
Rechenmaschinen dienen kann.16 Aus diesen Grundbausteinen entwickelte
der Diskurs­ingenieur Foerster seine Agenda für das BCL und kleidete sie
darüber hinaus in eine systemisch-holistische Wissenschaftsrhetorik, die in
der amerikanischen Wissenschaftslandschaft um 1960 Konjunktur hatte :17
( 8 ) Albert Müller, Eine kurze Geschichte des BCL. Heinz von Foerster und das Biological Computer Laboratory, in : Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11 / 1, 2000,
S. 9–30.
( 9 ) Sein Studium der Physik an der Technischen Universität Wien hatte Foerster bereits
im Jahr 1933 frühzeitig abgebrochen, seine Promotion an der Universität Breslau im Jahr
1943 scheiterte nach Foersters eigenen Angaben an dem fehlenden › A riernachweis ‹ , Heinz
von Foerster / Albert Müller / Karl H. Müller, Radikaler Konstruktivismus aus Wien : eine kurze
Geschichte vom Entstehen und vom Ende eines Wiener Denkstils, Weitra 2011, S. 25.
( 10 ) Mit der Konstruktion von Hochleistungsröhren und -oszillatoren knüpfte Foerster nahtlos an seine, bislang weitgehend unerforschte, Tätigkeit im Bereich der › Funkmesstechnik ‹ für
die Gesellschaft für elektroakustische und mechanische Apparate mbH ( G EM A ) an, die er
während des Zweiten Weltkriegs in Berlin und in Wahlstatt bei Liegnitz verfolgte.
( 11 ) Zu dieser naturwissenschaftlichen Kerngruppe der › Kybernetiker ‹ ( die sich selbst nie so
genannt hätten ) gehörten außerdem die Neurobiologen Arturo Rosenblueth und Lorente de
Nó und der Mathematiker Walter Pitts, Steve J. Heims, Constructing a Social Science for Postwar America. The Cybernetics Group, Cambridge ( M A ) 1991, S. 11–12.
( 12 ) Ronald Kline, Cybernetics in Crisis : Reviving and Reinventing a Postwar Interdiscipline in
the United States, unveröffentlichtes Manuskript 2011.
( 13 ) Norbert Wiener, Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen
und in der Maschine, Düsseldorf – Wien 1963, S. 28. Wiener, McCulloch und Rosenblueth
planten bereits in der ersten Hälfte der 1940er die Gründung eines kybernetischen Institutes,
vgl. Heims, Cybernetics Group, wie Anm. 11, S. 48.
( 14 ) Arturo Rosenblueth / Norbert Wiener / Julian Bigelow, Behaviour, Purpose and Teleology,
in : Philosophy of Science 10 / 1, 1943, S. 18–24.
( 15 ) Warren McCulloch / Walter Pitts, Logical Calculus of the Ideas Immanent in Nervous
Activity, in : Bulletin of Mathematical Biophysics 5, 1943, S. 115–133.
( 16 ) John von Neumann, First Draft of a Report on the EDVAC, Pennsylvania 1945.
( 17 ) Evelyn Fox Keller, Organisms, Machines, and Thunderstorms : A History or Self-Organization, Part One, in : Historical Studies in the Natural Sciences 38.1, 2008, S. 45–75.
013
Jan Müggenburg
The research work under consideration is directed toward the realisation of › biological computers ‹. This term is used to describe a
general class of systems which would be defined in modern computer language as special purpose computers composed of components ( elements ) characterized by low reliability and high complexity which are organized – or organizing themselves – such that
the system reliability remains high.18
In der Folge positionierte Foerster seine interdisziplinär zusammen­gestellte
Biological Computer Group in zwei vielversprechenden Forschungsfeldern :
Während das ONR nach dem Vorbild der Kybernetik-Tagungen eine
interdisziplinäre Konferenzreihe zur Erforschung › s elbst-organisierender
Systeme ‹ ins Leben rief, setzten die Wissenschaftsberater der Air Force auf
das Thema › Bionics ‹.19 Hinter beiden Konferenzreihen verbarg sich die Hoffnung des Militärs, von einer biologisch informierten Ingenieurswissenschaft
effizientere technische Lösungen für seine wachsenden Probleme mit immer
komplexeren informationsverarbeitenden Systemen zu erhalten.20 Ausdrücklich forderten die Funktionäre des Militärs dabei » gadgets, simple solutions,
soon delivered «,21 um den Weg für größere technische Errungenschaften zu
bahnen.
Im Rahmen beider Konferenzreihen wurde schnell deutlich, dass
die militärischen Geldgeber weniger an experimentellen Computerarchitekturen als an konkreten Lösungen für visuelle und akustische Mustererkennungsverfahren interessiert waren. Jack Steele, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Wright­ Air Development Division ( W ADD ) der AF und Chairman der
Bionics-Tagungen,22 hatte Foerster bereits im Oktober 1958 auf eine Ausschreibung aufmerksam gemacht, in der Forschungsprojekte angeregt wurden, die » current theories of hearing « durch die Konstruktion von » models
and analogues « auf ihre Umsetzbarkeit prüfen sollten : »The desired goal is
an electrical, electromechanical, mechanical, or other analyzer utilizing the
methods of man’ s auditory system and achieving equally good frequency
and transient analysis «.22
Foerster zögerte zunächst, weil er fürchtete, die neuen Verpflichtungen könnten sein gerade erst gegründetes Labor überstrapazieren. Einige
Wochen nach dem Treffen willigte Foerster jedoch ein und teilte dem Funktionär mit, » a project which would deal with the sensory side of biological
computers could be nicely integrated in our biological group «.23 Foerster
sah in dem Projekt die Gelegenheit, die Entwicklung biologischer Computer
durch die Lösung möglicher » input problems of such devices « zu ergänzen.
Bereits in einem früheren Brief an Steele hatte Foerster angedeutet, wie
man ein solches Forschungsvorhaben nach außen kommunizieren könne : »To
give the dry term › input problems of biological ­computers ‹ a more ­dramatic
( 18 ) Foerster, Pilot Investigation, wie Anm. 7, S. 1.
( 19 ) Verf., Lebende Prototypen und lebhafte Artefakte. Die ( Un- ) Gewissheiten der Bionik,
in : ilinx 2, 2011, S. 1–20.
( 20 ) Geoffrey C. Bowker, How to be Universal : Some Cybernetic Strategies, 1943–1970, in :
Social Studies of Science 23, 1993, S. 107–127, S. 118.
( 21 ) Jack E. Steele, How Do We Get There ?, in Joan Robinette ( Hg.), Bionics Symposium.
Living Prototypes. The Key to New Technology, WADD Technical Report 60–600, Dayton
1960.
( 22 ) Exhibit No. WCLDN 59-4, 4. August 1958, UoI Archives 11 / 6 / 17, Box 8, Folder »Corres­
pondence, proposals, contracts, 1959–1962«.
( 23 ) H. v. Foerster an J. E. Steele, 2. Dezember 1958, Ebenda.
014
Von Modell zu Modell
cover you may translate it into › artificial sense organs for systems display­
ing artificial intelligence «.24 Im Frühjahr 1959 genehmigten die zuständigen
Behörden der AF und des Verteidigungsministeriums schließlich die Förderung eines Forschungsprojektes »on the Analyzing Principles of the Mammalian Auditory system « mit einer Laufzeit von zunächst einem Jahr.25 Der
Vertrag wurde insgesamt zweimal verlängert und lief bis zur Fertigstellung
von Babcocks Dynamic Signal Analyzer im Juli 1961.
Zunächst lässt sich also festhalten, dass die Maschinen des BCL
in einem sehr konkreten forschungspolitischen Kontext verortet waren, der
durch die reine Rekonstruktion der ›Transformationskette ‹ vom Referenten
zum Modell nicht ausreichend beleuchtet würde. Als visuelle Argumente
und Projektionsflächen einer spezifischen Wissenschaftsrhetorik waren sie
ein » zentrales Verkehrsmedium « zwischen den um 1960 unter dem Namen
der Kybernetik formierenden Wissenschaften, dem Militär und einer erweiterten Öffentlichkeit.26 Weil sie in erster Linie ihr ›Publikum ‹ von der Überlegenheit biotechnischer Lösungen überzeugen sollten, durften kybernetische Maschinen ihre eigene Medialität nicht verbergen, sondern wurden
als Produkte einer, je nach Bedarf, › Kybernetik ‹, › Bionik ‹ oder › Selbstorganisationsforschung ‹ in Stellung gebracht.
3. Vom Ohr zum Modell
Aber selbst wenn man versucht, durch diesen Nebel diskursiver Formationssysteme hindurchzublicken und die › nackte ‹ Transformationskette › vom Ohr
zum Modell ‹ zu erkennen, steht man vor einem grundsätzlichen Problem : Im
Gegensatz zum Wissenschaftsforscher kann der Medienarchäologe nicht in
den Urwald reisen, um nach den Quellen zirkulierender Referenz zu suchen.
Er muss Archivalien, Primär- und Sekundärtexte konsultieren und anschließend die dort gefundenen »Fakten« mit Hilfe einer »fiktionalen Matrix«
zusammenbringen.27 Es mag daher wenig überraschen, wenn die Suche nach
dem Urreferenten für Babcocks Maschine zu einer überlieferten Geschichte
führt, die sich so oder auch anders zugetragen haben könnte.
Als der ungarische Biophysiker Georg von Békésy ( 1899–1972 ) in
den frühen 1940er Jahren eines morgens in der Zeitung las, dass im Budapes­
ter Zoo ein Elefant gestorben sei, entsendete er sofort seinen Assistenten
mit dem Auftrag, den Zoodirektor um die Ohren des Tieres zu bitten.28
Seit 1923 angestellt als Kommunikationsingenieur bei einem Forschungs­
labor der ungarischen Telefongesellschaft,29 hatte Békésy schon früh begonnen, sich für die Strukturen und Funktionsweisen des Innenohrs zu interessieren. Er sezierte Schläfenbeine von kleineren Säugetieren, wie Mäusen,
­R atten oder Meerschweinchen und bohrte mit speziell für ihn angefertigten
Mikrowerkzeugen kleine Löcher in die darin enthaltene ­Cochlea. Die dort
( 24 ) H. v. Foerster an J. E. Steele, 7. Januar 1958, Ebenda.
( 25 ) Department of Defense, Negotiated Contract AF 33( 616 ) -6428 : Research on the Analyzing Principles of the Mammalian Auditory System, Ebenda.
( 26 ) Nick Hopwood / S oraya Chadarevian, Dimensions of Modelling, in : dies. ( H g.),
Models. The Third Dimension of Science, Stanford 2004, S. 1–15, hier S. 6.
( 27 ) H. White, Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen, Stuttgart 1986, S. 150.
( 28 ) Beschrieben wird diese Anekdote in : Stanley Smith Stevens / Fred Warshovsky, Schall und
Gehör, Hamburg 1970, S. 58.
( 29 ) Vgl. Edwin B. Newman, Georg von Békésy : 1899–1972, in : The American Journal of Psychology 86, 1973, S. 855–857.
015
Jan Müggenburg
natürlicherweise ­vorhandene Flüssigkeit ersetzte er durch eine Salzwasserlösung, die er mit einem Aluminium-Kohle-Pulver anreicherte. Indem er ein
Geräusch am Eingang des Hörgangs erzeugte, konnte Békésy nun unter dem
Mikroskop die Vibrationsmuster der Basilarmembran durch die Reflexion
der Aluminiumkörner beobachten. Weil jedoch die Innenohren der ihm verfügbaren Tiere jeweils nur wenige Millimeter groß waren, gestalteten sich
Präparation und Beobachtung überaus beschwerlich. Erst die zwei Elefantenohren mit ihren rund zwanzig Zentimeter langen Hörkanälen ermöglichten Békésy, das Wandern der Welle entlang der Basilarmembran mit eigenen Augen zu beobachten. Gerade noch rechtzeitig hatte sein Assistent den
Kopf des Elefanten aus einer nahen »Leimfabrik « gerettet, an welche der
Zoodirektor den Kadaver des Tieres bereits verkauft hatte.30
Aufbauend auf diesen physiologischen Untersuchungen entwickelte Békésy in den 1950 er Jahren in Harvard seine einflussreiche ›Wanderwellentheorie ‹, für die er im Jahr 1961 den Nobelpreis für Physiologie oder
Medizin erhalten sollte. Bereits im Jahr 1957 veröffentlichte der Biophysiker
dazu einen umfangreichen Aufsatz im Scientific American.31 Dessen Lesern –
darunter Foerster und Babcock, auf der Suche nach einem geeigneten Ausgangspunkt für ihr künstliches Ohr32 – erläuterte er seine Theorie des Hörens
auf allgemeinverständliche Art. Die hohe Selektivität des menschlichen Hörapparates, so der Biophysiker, lasse sich durch einen physiologisch realisierten Mechanismus erklären, der selbst die »most amazing machines … in our
era of technological wonders« in den Schatten stelle.33 Dieser Mechanismus
befähige das Ohr dazu, eine Frequenzanalyse eingehender akustischer Reize
durchzuführen, bevor die zum Gehirn führenden Hörnerven überhaupt stimuliert werden. Bekanntlich, so Békésy weiter, werden die Vibrationen des
Trommelfells über das Ossiculum auf das Innenohr übertragen, so dass sich
die darin enthaltene Flüssigkeit im Rhythmus der Druckwelle vor und zurück
bewegt ( Abb. 1 ). Sobald diese Bewegungen nun die dünne Basilarmembran
zum Vibrieren bringen, manifestiert sich dort eine Oberflächenwelle, die
von dem steifen und schmalen Ende der Membran in der Nähe des vestibularen Fensters zu ihrem breiteren und flexibleren Ende im oberen Teil der
Cochlea hin wandert ( Abb. 2 ). Der Kamm dieser Welle erscheint bei hohen
Frequenzen in der Nähe des vestibularen Fens­ters und bei niedrigen Frequenzen im oberen Bereich der Cochlea. Anders gesagt, lassen verschiedene
Frequenzen die maximale Amplitude der Wellen an verschiedenen Orten
entlang der Windungen der Basilarmembran erscheinen, wodurch unterschiedliche Hörnerven im angeschlossenen ­Corti-Organ stimuliert werden.
Békésy folgerte aus dieser Beobachtung, dass die Membran eine mechanische Vorverarbeitung des akustischen Signals durchführe – eine Umrechnung von zeitlich codierten in räumlich codierte Signale :
( 30 ) Stevens / Warschovsky, Schall und Gehör, wie Anm. 29.
( 31 ) Georg von Békésy, The Ear, in : Scientific American 197 / 2, 1957, S. 66–78.
( 32 ) Ein Reprint des Aufsatzes aus dem Scientific American ist das erste Dokument, welches
dem Medienarchäologen in die Hände fällt, wenn er die Archivmappe mit der Aufschrift
»Dynamic Signal Analyzer« aus dem Nachlass des BCL öffnet, UoI Archives 11 / 6 / 17 Box 8
Folder »Dynamic Signal Analyzer«.
( 33 ) Békésy, The Ear, wie Anm. 32, S. 66.
016
Von Modell zu Modell
We can sum up by saying that the basilar membrane makes a
rough, mechanical frequency analysis, and the auditory nervous
system sharpens the analysis in some manner not yet understood … The ear itself can analyze sounds and separate one tone
from another.34
Abb. 1: Zeichnung des menschlichen Hörapparates ( aus : Békésy, The Ear, wie Anm. 32,
S. 67 )
Abb. 2: Schematische Darstellung des Innenohrs ( aus : Békésy, Pleasures of ­O bserving, wie
Anm. 36, S. 737)
( 34 ) Ebenda, S. 76–77.
017
Jan Müggenburg
Autor
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
11
Dateigröße
392 KB
Tags
1/--Seiten
melden