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Liste der Baustellen - Oberhausener Netzgesellschaft mbH

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Nicht nur homosexuell, sondern schwul
Der Hamburger Aktivist Corny Littmann wird für sein Engagement geehrt ➤ Seite 5
AUSGABE BERLIN | NR. 10540 | 42. WOCHE | 36. JAHRGANG
HEUTE IN DER TAZ
FREITAG, 17. OKTOBER 2014 | WWW.TAZ.DE
€ 2,10 AUSLAND | € 1,60 DEUTSCHLAND
Des Müllers neue Kleider
FAIRE KLEIDUNG Höhere Löhne, keine Kinderarbeit: Entwicklungshilfeminister Gerd
Müller (CSU) setzt mit seinem Bündnis für nachhaltige Textilien Standards.
Dummerweise macht kein einziger der großen Klamottenanbieter mit ➤ SEITE 2, 12
TERROR Die
Versklavung von
Frauen, wie jetzt durch
die Islamisten, hat
Tradition, sagt Monika
Hauser von Medica
Mondiale ➤ SEITE 13
Faire Mütze von Puma
Faires Sakko von C&A
MUTTER Die legendäre
Noiserock-Band gibt
sich sanftmütig ➤ SEITE 15
Faires Hemd
von Galeria Kaufhof
BERLIN Stöß, Saleh,
Müller? Wer soll
Wowereit folgen? Drei
Plädoyers ➤ SEITE 21
Fairer Gürtel von Tchibo
Fotos oben: medica mondiale; imago
VERBOTEN
Faire Unterhose
von Trigema
Guten Tag,
Gewerkschaft der Lokführer!
verboten ist ja so neoliberal,
dass es sogar die Nörgeleien
der taz-Leser ernst nimmt. Da
war etwa der, der sich über das
Schlagzeilchen „Lokführer legen Bahn lahm“ echauffierte.
Das sei diffamierend. Weil die
Bahn auch doof sei. Und weil
auch Kontrolleure, Kaffeeausschenker und Kreuzungsbahnhofsbetreuer streiken. verboten
fordert daher die GdL auf, sich
in „Gewerkschaft der Kontrolleure, Kaffeeausschenker und
Kreuzungsbahnhofsbetreuer,
bei der auch Lokführer der doofen Bahn sind“ (GdKKK/aL) umzubenennen. Erfolgt das nicht
zügig, nörgelt verboten künftig
Faire Hose von H&M
Faire Socken von KiK
Faire Sneakers
von Adidas
nur noch über Pilotenstreiks!
Bis auf die Trigema-Unterhose sind alle Produkte bei „Müllers Fairem Textilshop“ derzeit leider nicht im Angebot Foto [Montage]: Voller Ernst, imago
Gefrorene
Eizellen
unbeliebt
SOCIAL FREEZING Angebot
an Mitarbeiterinnen in
Deutschland kritisiert
BERLIN dpa/taz | Das Angebot
von Apple und Facebook, ihren
Mitarbeiterinnen in den USA das
Einfrieren von Eizellen zu finanzieren, ist in Deutschland auf
breite Ablehnung gestoßen. Die
frauenpolitische Sprecherin der
Grünen im Bundestag, Ulle
Schauws, sagte der taz: „Die Kinderwunschfrage von Frauen mit
der ökonomischen Optimierung
von Unternehmen zusammenzubringen, ist sehr schräg.“ Die
Methode sei noch lange nicht
ausgereift. Auch der familienpolitische Sprecher der CDU/CSUBundestagsfraktion und die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates lehnten den Vorschlag ab.
DGB-Vize Elke Hannack sagte
empört: „Geht’s noch? Familienpolitik sieht für uns anders aus.“
➤ Schwerpunkt SEITE 3
USA melden
tote Islamisten
bei Kobani
WASHINGTON afp | Die Militärallianz im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) hat nach eignen Angaben bei Luftangriffen
auf die syrische Kurdenstadt Kobani mehrere hundert Kämpfer
der Dschihadistengruppe getötet. Dennoch bestehe weiterhin
die Gefahr, dass die Stadt gänzlich in die Hände der Extremisten falle, sagte Pentagonsprecher John Kirby. „Wir gehen davon aus, dass wir in und rund um
Kobani einige hundert IS-Kämpfer getötet haben“, sagte Kirby
auf einer Pressekonferenz. In der
umkämpften Stadt Kobani seien
derzeit nur noch wenige hundert
Zivilisten.
Kurdenpräsident
Massud Barsani rief den Westen
zu mehr Hilfe im Kampf gegen
den IS auf.
➤ Ausland SEITE 10
➤ Meinung + Diskussion SEITE 12
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50642
4 190254 801600
KOMMENTAR VON INES POHL ZUM „SOCIAL FREEZING“-ANGEBOT AUS DEM SILICON VALLEY
Ein Akt der Selbstbestimmung
ieder einmal kommen sich Wirklichkeit und Science-Fiction ein
bisschen näher. Dabei kann es einer schon kalt den Rücken herunterlaufen bei der Vorstellung, dass Arbeitgeber
die Kosten dafür übernehmen, wenn
Frauen sich Eizellen entnehmen lassen,
um fit für eine mögliche Befruchtung in
einer fernen Zukunft zu sein – und entsprechend all ihre Kraft der Gegenwart in
Job und Karriere stecken können. Es gruselt, weil dem Kinderkriegen – oder besser dem Kindermachen – jegliche Romantik genommen scheint und Familie
nach knallharten Kriterien geplant wird.
Der Terminus „Social Freezing“ irritiert zudem. In Deutschland schwingt
W
beim Thema künstliche Befruchtung immer auch die Sorge mit, dass die Technik
irgendwann zur Auslese genutzt wird;
dass die Eizellen und Spermien also sortiert werden in gesund und krank,
schwarz und weiß – und was alles noch so
entdeckt wird an Kodierungen auf der
Doppelhelix der DNA. Entsprechend
nachvollziehbar ist das moralische Unwohlsein. Es taugt dennoch nicht dafür,
das Angebot das Apple und Facebook, das
die Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen machen, grundsätzlich zu verdammen. Auch hierzulande ist Familienplanung keine „natürliche“ Angelegenheit:
Es wird verhütet, hormonell unterstützt,
Potenz gesteigert, Abtreibungen sind
straffrei, und die künstliche Befruchtung
gibt es unter bestimmten Umständen
teilfinanziert sogar auf Krankenschein.
Nun gehen die Amerikaner einen
Schritt weiter. Da Kindergärten und dicke Sonderzahlungen nicht ausreichen,
um den Frauenanteil im Silicon Valley
auf eine akzeptable Quote zu erhöhen,
machendieHightech-Unternehmendieses Angebot: Kühl und berechnend, die
technischen Möglichkeiten nutzend und
Die Unternehmen machen
Frauen ein Angebot:
kühl, berechnend und smart
strategisch smart vermarktet, klingt es
nach einem coolen Deal für die Frau, die
gern vorsorgt. Allemal wenn sie eben in
den USA lebt, ohne die Möglichkeiten
von Elternzeit und nur sehr dürftigen
Auszeiten vor und nach der Geburt.
Möglichkeiten können missbraucht
werden. Das ist bei der Sterbehilfe genauso wie beim „Social Freezing“. Grundsätzlich aber ist dieses Angebot ein Akt der
Selbstbestimmung, den es zu begrüßen
gilt. Der Hauptgrund für Kinderlosigkeit
sind aber nicht die Karrierewünsche der
Frauen – sondern ist die Tatsache, dass
der richtige Mann fehlt. Dieses Problem
kann man durch „Social Freezing“ vertagen. Gelöst wird es dadurch nicht.
02
FREITAG, 17. OKTOBER 2014  TAZ.DIE TAGESZEITUNG
PORTRAIT
STREIK
34 Tote in Bengasi
Schmiedet Allianzen für Veränderungen: Vanita Gupta Foto: ACLU
Umdenkerin im
Justizapparat
as ist mal eine Personalentscheidung, die aufhorchen lässt: Nach
übereinstimmenden Berichten in verschiedenen US-Medien soll nach einem Jahr Vakanz
die Leitung der Abteilung Bürgerrechte im US-Justizministerium – ein Rang, vergleichbar mit
einem Staatssekretär – neu besetzt werden, und zwar mit Vanita Gupta, derzeit Leiterin der
Rechtsabteilung der Bürgerrechtsorganisation ACLU. Das
wäre ein starkes Signal.
Gupta, 39, wurde in der Nähe
von Philadelphia als Tochter indischstämmiger Migranten geboren. Ihre Jugend verbrachte sie
größtenteils in Frankreich und
Spanien, studierte dann Jura in
New York und Yale. Gupta ist eine
der jüngsten und profiliertesten
Minderheitenanwälte der USA.
Seit Jahren leitet sie die ACLUKampagne gegen die massenhafte Inhaftierung von Schwarzen und People of Color – und hat
sich in diesem Zusammenhang
inzwischen mehrfach für eine
Entkriminalisierung des Besitzes von Marihuana ausgesprochen. Am besten, schrieb sie in
einem Zeitungsbeitrag, sollten
alle Staaten dem Beispiel Colorados und Washingtons folgen, wo
seit diesem Jahr Anbau und Verkauf von Cannabis legal, staatlich
lizensiert und besteuert sind.
Gupta machte sich Anfang der
2000er Jahre in Texas einen Namen, als sie, damals noch im
Dienst der ebenfalls großen Bürgerrechtsorganisation NAACP,
46 Afroamerikaner freibekam,
die wegen geringfügiger Drogenvergehen in einem zweifelhaft
geführten Prozess von einer rein
weißen Jury zu bis zu 90 Jahren
Haft verurteilt worden waren.
Sie gewann weitere Verfahren,
die Schlagzeilen machten.
Vor allem aber tritt sie auch öffentlich für eine Veränderung
der
Kriminalisierungspolitik
ein, gerade im Drogenbereich.
Den „Krieg gegen die Drogen“
charakterisiert sie als „Krieg gegen die Minderheiten“.
Dass in den USA einfach viel
zu viele Menschen für viel zu lange Zeit in Haft sitzen, hat sich inzwischen
herumgesprochen,
und so schafft es Gupta, zugunsten alternativer Politik Allianzen
zu schmieden. Ihre Nominierung, die noch vom Senat bestätigt werden muss, stieß daher
auch bei Konservativen auf Lob
und Zuspruch, ihrer Bestätigung
durch den Senat scheint wenig
im Wege zu stehen. BERND PICKERT
DER TAG
NACHRICHTEN
HEFTIGE KÄMPFE IN LIBYEN
D
www.taz.de
nachrichten@taz.de
BENGASI | Bei Gefechten im ostlibyschen Bengasi sind mindestens 27 Islamisten durch Kämpfer der Libyschen Armee des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar getötet worden. Aufseiten der
Armee gebe es sieben Tote, sagte
Mohammed Hidschasi, ein Sprecher Haftars, der libyschen
Nachrichtenseite al-Wasat am
Donnerstag. Bei den seit Mittwoch andauernden Kämpfen
hätten Haftar-Anhänger zwei
Stützpunkte gegen Angreifer der
Islamistenmiliz Ansar al-Scharia
verteidigt. Zudem wurde nach
Angaben Hidschasis ein Lager
der Islamisten eingenommen.
Islamistische Milizionäre dementierten dies. Bengasi wird
seit Mitte Juli von Ansar al-Scharia kontrolliert. Einheiten unter
Führung des pensionierten Generals Chalifa Haftar versuchen,
die Stadt zurückzuerobern; dabei
werden sie von Regierungstruppen und bewaffneten Zivilisten
unterstützt. Seit dem Sturz des
Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in Libyen ein Dauerkonflikt rivalisierender Milizen. Auch hat das
Land derzeit zwei Regierungen,
eine alte in der Hauptstadt Tripolis und eine neue in Bengasi.
(dpa, afp, taz)
Loks rollen wieder,
Flugzeuge stehen
BERLIN | Der Bahnverkehr hat
sich nach dem 14-stündigen
Streik am Donnerstag wieder
normalisiert. Am Mittwoch fielen über 1.000 Fernzugverbindungen aus, 400 Fernzüge fuhren im Rahmen eines Notfahrplans. Am Donnerstag war bei
Flugreisenden Geduld gefragt:
Die Piloten der Lufthansa-Tochter Germanwings gingen wegen
ihrer Übergangsversorgung in
den Ausstand. Durch Anmietung
fremder Flugzeuge wollte Germanwings die Auswirkungen
des Streiks begrenzen. (taz)
WAS FEHLT …
Merkwürdige und absurde Meldungen aus dem Alltag: taz.de
setzt mit der Rubrik „Was fehlt“
eine alte Tradition der tageszeitung fort – auf taz.de/wasfehlt
Absurd
Albern
Voll daneben

www.taz.de
VOR DEM ASEM-GIPFEL
Merkel fordert von
Putin Zugeständnisse
MAILAND | Kurz vor Beginn des
europäisch-asiatischen Gipfeltreffens (Asem) in Mailand hat
Bundeskanzlerin Angela Merkel
am Donnerstag sehr große Defizite bei der Umsetzung eines
Friedensplans für die Ukraine
beklagt. Es sei vor allem Aufgabe
Russlands, das Abkommen einzuhalten, so Merkel. Russlands
Präsident Wladimir Putin seinerseits verschärfte die Tonlage im
Konflikt mit dem Westen. Sein
Land lasse sich von Sanktionen
nicht erpressen, sagte er der serbischen Zeitung Politika. (rtr)
Fairer Hemdenhandel mit Löchern
SAUBERE KLEIDUNG Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will einen Sozial- und Ökostandard für die globale
Textilproduktion einführen. Doch die Unternehmen lassen ihn zum größten Teil im Regen stehen
AUS BERLIN HANNES KOCH
bodscha nicht selten 70, 80 oder
90 Arbeitsstunden wöchentlich.
Außerdem sollen die Zulieferfirmen gewerkschaftliche Tätigkeiten gestatten und für Sicherheit
sorgen.
Wer unterschreibe, erkenne
die Verbindlichkeit dieser Standards an, sagte der Minister. Wobei diese Verpflichtung eine moralische und politische ist, keine
juristische. Trotzdem wollten die
großen Firmen den freiwilligen
Standard nicht übernehmen. Sie
sagen, es sei unrealistisch, die Bestimmungen in Tausenden von
Zulieferbetrieben
verlässlich
umzusetzen. Antje von Dewitz,
Geschäftsführerin der OutdoorBekleidungsfirma Vaude, konnte
die Bedenken der Konzerne teilweise nachvollziehen, andererseits sagte sie, dass die Großen
dank ihrer Marktmacht die Stan-
dards auch durchsetzen könnten, wenn sie nur wollten.
Als nächsten Schritt will Müller ein Verbraucherportal für
Textilien im Internet einrichten,
um „Licht ins Dunkel“ der schon
bestehenden Standards und Produktsiegel zu bringen. Dann sollen Unternehmen, die die Kriterien des Aktionsplans einhalten,
mit einem neuen Preis, dem
„grünen Knopf“ ausgezeichnet
werden. Daraus könnte irgendwann eine Art Super-Siegel entstehen, damit Verbraucher gute
Kleidung erkennen können.
Konkrete Pläne dafür scheint es
aber ebenso wenig zu geben wie
für ein Gesetz, das der Minister
einmal für den Fall ins Gespräch
gebracht hatte, dass die Firmen
sich nicht an der freiwilligen Vereinbarung beteiligen.
Meinung + Diskussion SEITE 12
Gerd Müller redet persönlich
und eindringlich. „Als Sie heute
morgen ihre Kleidung aus dem
Schrank holten“, sagt der Entwicklungsminister, „konnten Sie
nicht ausschließen, dass diese
unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurde.“
15 Cent pro Stunde bekämen die
Textilarbeiter in Bangladesch für
die Schufterei an den Nähmaschinen. „Diese Löhne sichern
nicht die Existenz“, so Müller.
„Und schauen wir weg, bis die
nächste Fabrik einstürzt?“
Vor anderthalb Jahren brach
der Fabrikkomplex Rana Plaza in
Bangladesch zusammen. Über
1.000 Beschäftigte starben. Viele
von ihnen hatten auch für deutsche Geschäfte produziert. Am
Donnerstag nun stellte CSU-Minister Müller seinen Aktionsplan
für nachhaltige Textilien vor, der
solche Missstände bis 2024 beseitigen soll. Außerdem gründete er
das Textilbündnis zur Umsetzung des Plans.
Akzeptable soziale und ökologische Standards in den globalen
Zulieferfabriken – das ist das Ziel.
Für eine Unterschrift gewonnen
hat Müller zivilgesellschaftliche
Organisationen wie die Kampagne für Saubere Kleidung, den
DGB und einige kleinere Firmen
wie Trigema und Hess Natur, die
bereits heute nach höheren Standards produzieren.
Die konventionelle Wirtschaft
beteiligte sich zwar an der Ausarbeitung des Aktionsplanes, verweigerte dann aber ihre Unter- Bis zu 90 Wochenstunden zu 15 Cent: Löhne für TextilarbeiterInnen, wie hier in Bangladesch, sollen künftig zum Überleben reichen
schrift. So fehlen auf Müllers Lis- Foto: Suvra Kanti Das/Zuma/Picture-Alliance
te beispielsweise der Handelsverband Deutschland (HDE) und
große Unternehmen wie Otto,
Adidas, Puma, Metro, Aldi oder
KiK. Aber auch einige Umweltverbände machen nicht mit: LOBBY Für gefährliche Chemikalien gebe es keinen Ersatz, sagt Stefan Genth vom Handelsverband
Dem World Wide Fund for Nature
(WWF) und Greenpeace gehen taz: Herr Genth, warum tritt Ihr schaften zu haben, weil das in In welchen Produktionslän- herinnen vor Ort fragen – so wie
die Beschlüsse des Bündnisses Verband nicht dem Textilbünd- diesen Ländern von staatlicher dern existieren denn keine Ge- das Aktivisten tun.
werkschaften?
nicht weit genug.
Der Mittelstand im Textilhandel
nis für faire Arbeitsbedingun- Seite nicht vorgesehen ist.
Einige haben bereits zugesagt, In Myanmar beispielsweise.
Ein zentraler Punkt im Akti- gen bei den Lieferanten bei?
weiß nicht, über welche Produkonsplan ist der existenzsichern- Stefan Genth: Wir halten das Ziel auf alle gefährlichen Chemika- Aber Myanmar ist doch ein klei- tionsschritte die Dinge hergede Lohn. Während die Befür richtig und unterstüt- lien zu verzichten. Zeigt das ner Produzent. Rechtfertigt das, stellt werden. Wenn sie kleine
den Aktionsplan des Bündnis- Stückzahlen kaufen, gehen die
zahlung der Textilarbeizen die Initiative weiter- nicht: Es geht doch?
ter heute oft nur für
über mehrere Agenturen.
hin, soziale und ökologi- Das funktioniert nicht für alle ses nicht zu unterschreiben?
THEMA
Nahrung und Untersche Standards zu ver- Unternehmen und nicht von Der Gewerkschaftspunkt allein Aber Firmen wie Trigema oder
DES TAGES
nicht, aber der Plan enthält noch Vaude sind dem Bündnis beigekunft einer Person
folgen. Für uns ist aber heute auf morgen.
eine Reihe anderer Maßnahmen. treten. Wollen die anderen
reicht, soll der Existenzder Weg noch nicht klar,
...............................................................................................
Warum kaufen Ihre Firmen nicht?
lohn die Familie, die Bilwie man das umsetzen
Stefan
Genth
..........................................................................................
nicht bei Lieferanten, die exis- Diese Unternehmen produziedung der Kinder und die Alkann.
tersvorsorge finanzieren. Weil Was sind denn die größten Hin- ■ 51, ist Hauptgeschäftsführer des tenzsichernde Löhne zahlen?
ren vor allem in Deutschland
der Anteil der Arbeitskosten am dernisse?
Handelsverbands Deutschland. Er Das Problem ist, dass unsere oder kleinere Stückzahlen mit
Händler nicht den Lohn der Tex- Stammlieferanten. Das ist aber
Endpreis vieler Textilien so klein Die ökologischen Standards vertritt unter anderem die Untertilnäherinnen bestimmen. Das nicht für alle Firmen möglich.
ist, würde die Lohnerhöhung et- schließen bestimmte chemische
nehmen Aldi, Lidl
sind Fabriken, die für eine Menge Oder steckt hinter dem Nichtwa eine Jeans nur „um einen Eu- Stoffe in der Herstellung aus, die
und Otto, die
von Herstellern arbeiten. Über Beitritt die Befürchtung, dass
ro verteuern“, sagte Müller.
möglicherweise umweltschädlinicht zum
Verträge kann man vieles regeln, der Gewinn sinken könnte?
Die Arbeitszeit wird auf maxi- che Auswirkungen haben. Wir
Textilbündmal 48 Stunden pro Woche plus können sie aber noch nicht komnis gehören. aber das muss dann auch kon- Nein. Es geht bei der Textilnähetrollierbar sein.
12 Überstunden festgelegt. An plett ersetzen. Zu den sozialen
rin nur um wenige Cent, die sie in
Die deutschen Handelsunter- der Stunde mehr verdienen
der Tagesordnung sind dagegen Standards: Wir können uns nicht
Foto: Archiv
nehmen könnten doch die Nä- muss.
heute in Bangladesch oder Kam- verpflichten, überall GewerkINTERVIEW: JOST MAURIN
„Die Standards sind noch nicht umsetzbar“
SCHWERPUNKT
www.taz.de
taz.eins@taz.de
Kinder und Karriere
FREITAG, 17. OKTOBER 2014  TAZ.DIE TAGESZEITUNG
03
Facebook zahlt, wenn Mitarbeiterinnen ihre Eizellen einfrieren
lassen, um später Mutter zu werden. Apple will nachziehen
„Völlig irre
und abwegig“
DEUTSCHLAND Breite und
einmütige Ablehnung
Eine Wissenschaftlerin entnimmt eingefrorene menschliche Zellen aus einem Nitrogenbehälter Foto: Peter Dazeley/getty images
Gelebter Kapitalismus
USA Eizellen einfrieren, finanziert vom Betrieb? Gute Idee! Zum Traum der unbegrenzten Möglichkeiten kommt
das Timing fürs Kinderkriegen – und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erscheint als technisches Problem
VON RIEKE HAVERTZ
BERLIN taz | Ein Jahr bezahlte
Elternzeit mit Jobgarantie? Undenkbar in den USA. Chancengleichheit mit Männern, wenn
man als Mutter in den Job zurückkehrt? Unrealistisch. Die
Entscheidung für Kinder aufschieben und die Firma für das
Einfrieren der Eizellen bezahlen
lassen? Unbedingt eine Option.
Während die Nachricht, dass
Apple und Facebook ihren weiblichen Angestellten das Einfrieren und die Lagerung von Eizellen finanzieren, in Deutschland
eine kritische Diskussion ausgelöst hat, wird es in Amerika vor
allem als eins wahrgenommen:
eine gute Idee.
In den Abendnachrichten des
Senders NBC, der zuerst über die
Pläne der Technologiefirmen berichtet hat, nennt Moderator
Brian Williams das vom Arbeitgeber finanzierte „egg freezing“
eine bahnbrechende Entwicklung, die das Berufsleben nach-
haltig verändern könne. Das Magazin Wired schreibt von „einer
weiteren Option für Frauen“, die
Bloomberg Businessweek titelte
bereits im April: „Befreie deine
Eizellen, befreie deine Karriere.“
Vor allen ethischen und moralischen Überlegungen stellt sich
die amerikanische Gesellschaft
in vielen Lebensbereichen zunächst die Frage nach den Möglichkeiten – und dem eigenen
Nutzen. So selbstbestimmt und
individuell wie möglich zu leben
ist ein Leitgedanke. Warum also
nicht die Biologie überlisten,
wenn es der eigenen Lebensplanung besser entspricht?
In den USA denken immer
mehr Frauen darüber nach, ihren Kinderwunsch aufzuschieben und später mit technischer
Hilfe zu erfüllen. Die Zahl der
Frauen, die sich über das „egg
freezing“ informiert, habe sich
in den letzten vier Jahren vervierfacht, sagt Reproduktionsmediziner Dr. Alan Copperman
aus New York dem Guardian.
Es scheint Ausdruck der zentralen Frage vieler Frauen in den
Jahren zwischen 30 und 40 zu
sein: Kinder bekommen oder
Karriere machen? Ein gleichberechtigtes Nebeneinander beider Wünsche ist für Frauen in
den USA immer noch sehr viel
weniger eine Option als in
Deutschland oder Skandinavien.
Tickt sie dann leiser?
Bezahlten Mutterschutz oder Elternzeit gibt es nicht. Kinderbetreuung ist teuer, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall die Ausnahme und – wenn überhaupt –
nur für wenige Tage im Jahr garantiert.
In den USA ist man über den
Arbeitgeber versichert. Es ist
noch nicht viele Jahre her, da galt
als außerordentlich gut versichert, wer eine umfassende
Zahnarztvorsorge bezahlt bekam. In einem unglaublich teuren Gesundheitssystem sind die
Zusatzleistungen oft entscheidender als das Grundgehalt.
Viele Frauen könnten sich das
Einfrieren ihrer Eizellen niemals
leisten: rund 8.000 Euro für die
Behandlung, dann noch einmal
gut 400 Euro pro Jahr für die Lagerung. Und um möglichst viele
Eizellen einfrieren zu lassen,
wird das Prozedere oftmals wiederholt. Bereits vor zwei Jahren
berichtete die New York Times
über Mütter, die ihren Töchtern
die Behandlung finanzieren.
„Meine Eltern sehen es als Geschenk für mich“, sagt eine von
ihnen.
Und wenn das eigene Unternehmen dafür bezahlen würde,
umso besser: Die biologische
Uhr tickte dann nicht mehr ganz
so laut, der Druck, den richtigen
Partner für die Familienplanung
zu finden, ließe nach, und endlich bliebe dann Zeit für die Karriere.
Dass das Prozedere für Frauen
medizinische Risiken birgt und
es am Ende keinerlei Garantie
dafür gibt, mit 42 oder 44 ein
Kind auf die Welt zu bringen,
wird in den USA lediglich am
Rande diskutiert. Dass das Bezahlen der Behandlung auch den
Unternehmen dient, wird akzeptiert. Gelebter Kapitalismus verlangt Arbeitnehmern in den USA
von jeher einiges ab. Das Signal
könne jedoch sein, dass der aufgeschobene Kinderwunsch keine Option sei, sondern erwartet
wird, warnt Anne Weisberg vom
unabhängigen Family and Work
Institute in der Washington Post.
Doch in dem Land, das mit
dem Mythos der unbegrenzten
Möglichkeiten wuchert, erscheint das „egg-freezing“ vor allem als weitere Chance, Grenzen
zu verschieben. Bezahlt vom Arbeitgeber, der Frauen gleichzeitig befähigt, eine außerordentliche Karriere zu machen. Viele
Frauen könnten ihren Arbeitgeber jetzt bitten, dem Beispiel von
Apple und Facebook zu folgen,
heißt es am Ende des Beitrags
von NBC. Es ist die meistgesehene Nachrichtensendung im
Land.
BERLIN taz | „Geht’s noch?“, fragt
die stellvertretende DGB-Chefin
Elke Hannack spontan, und so
wie die Gewerkschafterin denken viele in Deutschland: „Familienpolitik sieht für uns anders
aus.“ Firmen sollten ihren Mitarbeiterinnen nicht „vorgaukeln,
die Entscheidung für ein Kind
könne auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden“.
Die Bundesvereinigung der
Arbeitgeberverbände
erklärt,
dass die Unternehmen das Einfrieren von Eizellen nicht finanziell unterstützen wollen: „Die
deutschen Arbeitgeber mischen
sich nicht in die Familienplanung von Arbeitnehmern ein.“
In der Politik überwiegt ebenfalls Ablehnung: Sönke Rix, frauenpolitischer Sprecher der SPDFraktion, sieht einen Rückschritt:
„Damit entlässt man die Männer
aus der Verantwortung für die
Familienplanung. Der Ausbau
der Kinderbetreuung und das
Einbeziehen der Männer in die
Familienarbeit, das ist der Weg,
den wir nehmen wollen.“
Sein Kollege von der Union,
Marcus Weinberg, nennt das Angebot der Firmen „unmoralisch,
gesellschaftspolitisch ein fatales
Zeichen und familienpolitisch
untragbar“. Das Einfrieren sei
nur eine „vermeintliche Lösung
des
Vereinbarkeitsproblems“,
„für die betroffenen Frauen wird
es leider häufig darauf hinauslaufen, dass aufgeschoben aufgehoben heißt“.
Auch aus der Opposition
kommt ein klares Nein: „Ich finde das völlig irre und abwegig“,
sagt Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion. „Den bei Apple und
Facebook beschäftigten Frauen
empfehle ich, das Kleingedruckte zu lesen. Unternehmen, die
solche Vorschläge unterbreiten,
anstatt in eine gute Vereinbarkeit zu investieren, wollen vielleicht die Eigentumsrechte am
Kind gleich mit erwerben.“ Die
frauenpolitische Sprecherin der
Grünen, Ulle Schauws, sagt: „Die
Kinderwunschfrage von Frauen
mit der ökonomischen Optimierung von Unternehmen zusammenzubringen, ist sehr schräg.“
Die Methode sei zudem noch lange nicht ausgereift. Nur im Einzelfall könne sie mehr Handlungsfreiheit für Frauen bedeuten. Schauws: „Das kann nicht die
Antwort auf die offensichtliche
Problemlage bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.“
HEIDE OESTREICH
„Man kann keine Chancen ausrechnen“
MEDIZIN Der Reproduktionsmediziner Reinhard Hannen über seine Erfahrungen, die Möglichkeiten und Risiken der Entnahme von Eizellen
.....................................................................................................................
len werden herausgesaugt, in ein
taz: Herr Hannen, was geReinhard
Hannen
...............................................................
warmes Medium gebracht, unschieht bei der Prozedur?
tersucht und schließlich schockReinhard Hannen: Nach der aus- ■ 50, ist Gynäkologe und Reprogefrostet. Im Durchschnitt werführlichen Beratung kriegt die
duktionsmediden pro Prozedere zwölf Eizellen
Patientin Hormonspritzen, es
ziner in Berentnommen.
folgen eine Blutabnahme und
lin.
Wann ist das sinnvoll?
ein Ultraschall. Verkürzt gesagt.
„Social Freezing“ ist durchaus eiAm 12. Zyklustag bekommt sie eine Auslösespritze, die eisprungne Option für junge Leute zwifördernd wirkt. Die ermöglicht
schen 20 und 30, weil dann die
es dem Ei, sich von der Follikelmeisten Eizellen zu gewinnen
Foto: privat
wand zu lösen. Zwei Tage später
sind. Danach wird die Chance
wird die Eizelle unter leichter
immer geringer. Nach dem AufNarkose transvaginal mittels ultauen sind von zehn Eizellen im
traschallgesteuerter EibläschenSchnitt acht nutzbar. Wenn eine
punktion entnommen. Die EizelFrau nur zwei Eizellen hat, kann
es sein, dass die Patientin keine
nutzen kann. Man darf das Verfahren auch nicht in den Himmel loben. Aufgrund fehlender
Statistiken kann man keine
Chancen ausrechnen.
Wovon hängen die Erfolgsaussichten ab?
Die Auftaurate liegt dann bei etwa 80 Prozent. Es kommt für die
Erfolgsquote schließlich nicht
nur auf die Eizellanzahl, sondern
auch auf die Eizellqualität, die
Befruchtungsmöglichkeit der Eizellen mit dem Sperma des Partners und natürlich der Einnis-
tungsrate in die Gebärmutter an.
Die Stückzahl nimmt ab.
Welche Risiken hat der Eingriff?
Wenn man zu viele Medikamente gibt, kann es sein, dass die Frau
zu viele Eier hat. Das nennt man
Überstimulation. Dann kann
sich Wasser im Bauch oder in der
Lunge bilden. Bei der Scheidenpunktion können Keime verschleppt werden, man kann ein
Gefäß treffen, man kann ein
Blutgefäß bei der Eizellabsaugung treffen, dann kommt es zu
Blutungen. Man kann den Darm
anritzen oder die Blase, dann
kommt es zu einer Infektion. Wir
■
machen das jeden Tag, wir haben
sehr viel Erfahrung und wenige
Komplikationen. Aber man muss
die Patientinnen gut aufklären.
Warum wollen Ihre Patientinnen Eizellen einfrieren?
Es ist eher so, dass Patientinnen
aus medizinischen Gründen zu
uns kommen, beispielsweise
wenn eine Erkrankung der Eierstöcke vorliegt. Oder es kommen
Frauen, die eine Krebserkrankung haben und vor einer Chemotherapie Eizellen einfrieren
INTERVIEW: SASKIA HÖDL
wollen.
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Seele and Geist
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