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Den Bergbauspielplatz im „SchieferErlebnis Dormettingen“, entwickelt von Kukuk aus Stuttgart,
dominieren zwei große Spieltürme.
Sie erinnern an die Silos der
benachbarten ­Zementprduktion.
Bereits kurz nach der Eröffnung ist das SchieferErlebnis Dormettingen ein Erfolg. Der zehn Hektar
große Naturerlebnispark mit Fossilienklopfplatz und Freilichtbühne verwandelte das negative
Image der kleinen Gemeinde 50 Kilometer südwestlich von Tübingen. Zuvor hemmte der Ölschieferabbau die Dorfentwicklung und zerstörte das Landschaftsbild.
alle Fotos: Siegmund Landschaftsarchitektur
Meißeln im schwarzen Gold
Am „Klopfplatz“ können Besucher
sich im Ölschiefergestein auf die
Suche nach 180 Millionen Jahre
­alten Ammoniten und anderen
Fossilien machen. Funde dürfen sie
mit nach Hause nehmen.
Heike Vossen
Versteinerte Muscheln, Ammoniten, glitzerndes Pyrit – ein paar gezielte Schläge
mit Hammer und Meißel reichen meist, um
das erste Fossil in den Händen zu halten.
„180 Millionen Jahre alte goldfarbene Fossilien können auf dem Klopfplatz leicht
­geborgen werden“, begeistert sich Bürgermeister Anton Müller der Gemeinde Dormettingen. Das SchieferErlebnis Dormettingen scheint durchweg gelungen – dabei
war die Ausgangslage nicht rosig: Die 665
Hektar große Gemarkung hält 100 Hektar
für den Ölschieferabbau vor. Aktuell ist sie
deutschlandweit die einzige Abbaustätte.
Als gebrannter Ölschiefer ist das „schwarze
Gold“ ein wertvoller Rohstoff für die Herstellung spezieller Portlandzemente. Seit
über 70 Jahren begleitet der Tagebau mit
Sprengungen und Schwerlastverkehr die
Geschichte des Dorfes und wird bis ins Jahr
2045 andauern. Anstatt das Areal wieder
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landwirtschaftlich zu rekultivieren, erkannte die Gemeinde das Potenzial das in der
Folgenutzung des Steinbruchs steckt. Gemeinsam mit der Holcim (Süddeutschland)
GmbH, die 2004 das angrenzende Zementwerk und die Abbaurechte übernahm, entwickelten sie die Idee eines Erlebnisparks
im Schiefersteinbruch.
Greifbare Geschichte
Im Park stößt der Besucher immer wieder
auf den Ausgangspunkt – den Ölschiefer.
„Wir erzählen die Geschichte einer Region
und ihrer Menschen“, beschreiben Ilse
Siegmund, Siegmund Landschaftsarchi­
tektur, und Rudolf Mager, Atelier Dreiseitl,
ihren Planungsansatz. Das spielerische
­„Begreifen und Greifen“ des Gesteins,
­seine Geschichte und Verarbeitung stehen
im Mittelpunkt: Auf dem Eingangsplatz,
der Holcim-Plaza, ermöglicht ein rotes
Das Konzept für den Erlebnispark
stammt von Siegmund Landschaftsarchitektur, für das Wassermanagement zogen sie das Atelier
Dreiseitl hinzu. Im Hintergrund die
Anlagen der Zementproduktion.
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Guckrohr Einblicke ins sonst geschlossene
Ölschiefer-Förderband. Im offenen Graben
führt es entlang des Park zum Zementwerk. Wegstationen informieren über
­Geologie, Rohstoffe und den Baustoff
­Beton. Überdimensionierte „Erzählsteine“
markieren die Stationen. Sie sind den
­natürlich vorkommenden runden Laibsteinen in der Schieferschicht nachempfunden.
Im Zentrum des Parks liegt der große Fossiliensammelplatz, mit Bruchmaterial aus
fossilienreichen Schichten. Der 5 500 Quadratmeter große See grenzt direkt an. Er ist
bis zu fünf Meter tief, hat aber zum Spielplatz hin eine ausgeprägte Flachwasser­
zone. „Den See mussten wir heraussprengen. Glücklicherweise liegt hier eine Mergelschicht, die absolut wasserdicht ist, so
war keine weitere Abdichtung nötig“, sagt
Siegmund. Eine Folienabdichtung wäre zu
teuer geworden.
Förderung ermöglichte den Bau
Die Kosten waren generell ein kritisches
Thema. Nur durch zwei glückliche Faktoren konnte die 1 000-Einwohner-Gemeinde das Mammutprojekt stemmen: Als
„Leuchtturmprojekt“ erhielt es größtmögliche Fördermittel aus dem Entwicklungsprogramm für den ländlichen Raum,
­LEADER. Die G
­ emeinschaftsinitiative der
EU bezuschusste etwa 75 Prozent der Baukosten. Holcim übernahm kostenneutral
die Gelände­modellierung und sponserte
den Berg­bauspielplatz mitsamt Ideenwettbewerb, ­Kukuk aus Stuttgart entwickelte
einen Abenteuerspielplatz mit zwei großen Spieltürmen, die den Holcim-Silos
ähneln.
Dormettingen nutzte das Großprojekt, um
die Bürde des Nationalsozialismus aufzu­
arbeiten. „Es war die letzte Möglichkeit Zeitzeugen zu befragen“, sagt Müller. Außerhalb des Parks schließt nun ein drei Kilometer langer Erinnerungspfad an. Er beschreibt
den Ölschieferabbau durch KZ-Häftlinge im
Unternehmen „Wüste“ und führt an ehe­
malige Arbeitsorte.
Als Grundlage für die Gestaltung nutzte
das Planerteam Siegmund Landschafts­
architektur und Atelier Dreiseitl eine Diplomarbeit der Fachhochschule Nürtingen.
Geologie und Bergbau waren an diesem
Ort naheliegende Themen, ebenso bestand
die Idee einer Freilichtbühne, nach dem
Vorbild des von Holcim gesponserten Amphitheaters im schweizerischen Hüntwangen. Den Park selbst konzipierten die Planer ­extensiv mit dem Schiefer und seiner
geformten Landschaft im Mittelpunkt.
„Der Park soll mit seiner Bruchkante und
den Hinterlassenschaften zeigen, was passiert ist. Wir wollen nicht alles verschwinden ­lassen“, sagt Siegmund.
Das von der Industrienatur geprägte und
entsprechend robuste Konzept zeigt sich
Aufarbeitung der Geschichte:
­Außerhalb des Parks erzählt der
Erinnerungspfad Unternehmen
„Wüste“ das Schicksal der KZ-Häftlinge in den „Wüste“-Lagern.
Das Freilichttheater des Erlebnisparks ist einem ­Ammoniten nachempfunden. H
­ äufiges Mähen und
regelmäßiges Düngen sollen dort
künftig die Wege von den ausgemagerten, selten gemähten Innenflächen abheben.
Plan: Siegmund Landschaftsarchitekten
Die Betonsitzstufen des Freilufttheaters bieten etwa 300 Personen
Platz. Gabionenmauern gefüllt mit
recyceltem Betonbruch schirmen
die Tribüne nach außen ab.
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An der Westseite des Sees schiebt
sich ein Besucherdeck über die
­Abbruchkante des Schiefers. Das
Seebecken musste aus dem Gestein
gesprengt werden, eine Mergelschicht.
auch im Freilichttheater, dessen Bühne
wechselseitig bespielt werden kann. Bei
Großveranstaltungen bilden die Stufen
den Bühnen­hintergrund und die gegenüber liegende Schotterrasenfläche bietet
auf 5 000 Quadratmeter Platz für Zuschauer. Ein hoch aufgeschütteter Aussichtshügel begrenzt die Veranstaltungsfläche nach außen.
Als Landmarke ragt er 16 Meter über das
Areal heraus. Bei seiner Gestaltung griff
das Planerteam die geschwungene
Schiefer­abbruchkante auf, die zugleich
die Seekante bildet. Die Grenzen von
Spielplatz und Fossiliensammelplatz sind
geschwungen, die Übergänge fließen
­ineinander.
Spielerisch die Zementproduktion erfahren
Das Restaurant, ein Bau mit Flachdach und
Textilbetonfassade, markiert den Parkeingang am See. Die Aussichtsterrasse davor
verbindet Fossilienklopfplatz und Spielplatz: Den Abschluss zur Seekante prägt
­eine flache Treppenanlage. Sie bildet den
urbanen Gegensatz zum restlichen Ufer,
das von Schieferbruch gesäumt ist.
Mit dem Abenteuerspielplatz thematisierte Kukuk die Arbeitsgänge des Zementwerks und die Geschichte der Rohstoffe.
Die beiden Kletter- und Rutschentürme
ragen etwa sechs Meter auf. Sie symbo­
lisieren die Transformation des Materials
im Zementwerk. Klangstäbe im Inneren
des einen Turms tragen Glockentöne weit
über den Spielplatz hinaus. Außerhalb
­liegen Felsbrocken und Balancierstämme
zum Klettern in der „Urlandschaft“.
Aus dem „Gezeitenbrunnen“ schöpfen
die Kinder das für die Zementherstellung
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wichtige Wasser, das sich in einer Wellenlandschaft aus Spritzbeton sammelt.
Atelier Dreiseitl entwickelten das Management des Oberflächenwassers und die
­Wassertechnik des Parks. Das Wassersystem
nutzt ausschließlich Regenwasser: Dieses
sammeln Rigolen unter der Schotterrasenfläche für den See. Der angegliederte Pumpenschacht leitet das Wasser weiter zu
drei offenen Kiesfiltern, die es reinigen
und über eine künstliche Quelle dem See
zuführen. Überschüssiges Wasser fließt
zum Pumpenschacht zurück. Der Gezeitenbrunnen und die Wasserstelle am Klopfplatz zum Säubern der Fossilien schließen
ebenfalls an den selbstreinigenden Wasserkreislauf an.
Seit der Eröffnung ist der Park rege besucht – auch von Ortsansässigen. „Früher
wurde uns der Zugang verwehrt, große
Teile der ureigenen Landschaft waren nicht
zugänglich“, sagt Müller. Mittlerweile steige im Dorf die Nachfrage nach Bauplätzen,
während der restliche Zollernalbkreis unter
Abwanderung leide.
Zersetzung ist Teil des Parkkonzepts
Die Besucher begleitet ein stetiges Hämmern in alle Parkteile. Vorsorglich ist die
Abbruchkante am See mit Klopfverbotsschildern bestückt, die Fossiliensucher
arbeiten sich aber in die gegenüberliegende Hangkante oder werden am Seeufer fündig. Durch die Parkbesucher zerbricht langsam der Schieferbruch am Ufer.
So verändert sich die Parklandschaft sukzessive. Interessant wird sein, auszuloten,
wie viel Veränderung das Parkkonzept
zulässt – und wie viel Veränderung gewollt ist.
SchieferErlebnis, Dormettingen
Bauherr: Gemeinde Dormettingen,
Holcim Süddeutschland
Landschaftsarchitekten: Siegmund
Landschaftsarchitektur, Schömberg
Atelier Dreiseitl, Überlingen
Spielplatz: KuKuK GmbH, Stuttgart
Bauzeit: 2010 bis 2014
Fläche: 10 Hektar
Kosten: 1,4 Millionen Euro
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