close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

27. – 30. M AI 2015 - Goethe Gesellschaft Weimar e.V.

EinbettenHerunterladen
1
84. HAUPTVERSAMMLUNG DER GOETHE-GESELLSCHAFT
27. – 30. MAI 2015
ABSTRACTS DER VORTRÄGE
2
INTERNATIONALES SYMPOSIUM JUNGER GOETHEFORSCHER
Anna Christina Schütz (Lüneburg)
„Schaffen Sie Gegenbilder zu diesen Kupfern!“ Die Skepsis des Dichters angesichts
der Macht des Bildes
Die Ausgaben von Goethes Werken wurden häufig mit bildlichen Darstellungen versehen.
Dabei fällt Goethes Urteil über diese Art von Bildern durchaus ambivalent aus. So lobt er
noch in Dichtung und Wahrheit die Titelvignette Daniel Chodowieckis zu Friedrich Nicolais
Die Freuden des jungen Werthers; in einem Schreiben an Johann Friedrich Cotta stellt er
jedoch fest, dass es sehr schwer sei, „daß etwas geleistet werde, was dem Sinne und dem
Tone nach zu einem Gedicht paßt. Kupfer und Poesie parodieren sich gewöhnlich
wechselweise“. Der Vortrag möchte diese Aussage zum Anlass nehmen, der Auffassung
Goethes von Text-Bild-Verhältnissen nachzugehen, um daraus Rückschlüsse auf die
spezifischen Wirkungen von Bildern und Texten, die gemeinsam im Medium Buch
erscheinen, zu ziehen. Dafür sind nicht nur die in Briefen an Verleger und Freunde
getroffenen Aussagen Goethes über Bilder zu literarischen Werken zu untersuchen, sondern
auch das 1800 im Auftrag Cottas geschriebene Prosastück Die guten Frauen als
Gegenbilder zu den bösen Weibern. Angenommen wird, dass es dem Dichter Goethe
bedenklich erscheint, wenn sich ein Bild, das im Rezeptionsakt simultan zu erfassen ist, vor
den sukzessiv wahrnehmbaren Text schiebt. Denn Bilder können, um mit den Worten
Henriettes aus den Guten Frauen zu sprechen, einen „unauslöschlichen Eindruck“ machen,
der die Wirkung des literarischen Textes entscheidend mitbestimmt.
Anthony Mahler (Tübingen)
Goethes Mäßigung der Form
Im August 1779, vier Jahre nach seiner Ankunft in Weimar, inszeniert Goethe in seinem
Tagebuch die Urszene seiner mittleren Schaffensperiode. Das ästhetische Programm, das
nach seinem Tod als die Weimarer Klassik bekannt wird, beschreibt er als Teil einer neuen
Lebensform, die sich vom subjektiven und mit Leidenschaften überschwemmten Sturm und
Drang abwendet. Er steht nun da „wie einer der sich aus dem Wasser rettet und den die
Sonne anfängt wohlthätig abzutrocknen“. Seine jugendliche Lebensweise, einschließlich
ihrer Dichtungsart, versteht er als lebensgefährlich und ertrunken „in zeitverderbender
Empfindung und Schatten Leidenschafft“. „Da die Hälfte nun des Lebens vorüber ist“,
möchte er sich einer Selbstdisziplin unterwerfen, die seinem täglichen Leben, seinen
dichterischen Arbeiten und seinem inneren Gefühlshaushalt „festumrissene“ Grenzen setzt.
Diese Selbstdisziplin ist eine diätetische Lebensweise und Poetik nach Goethes Auffassung
des stoischen Entsagungskonzepts. Der Vortrag hat das Ziel, den zeitlichen Umfang dieser
Lebensweise und Ästhetik Goethes zu umreißen, um sie dann als tragendes Formprinzip
seiner literarischen Entwürfe zu beschreiben.
Sebastian Meixner (Tübingen), Carolin Rocks (München)
Über Dichtung: Episches im Drama und Dramatisches im Erzähltext. Zur
Gattungsfrage bei Goethe und Schiller
In ihrer Programmschrift Über epische und dramatische Dichtung verhandeln Goethe und
Schiller die Leistungsprofile erzählender und dramatischer Texte. Dabei verabschieden sie
sich – so unsere These – rasch von dem Vorhaben einer Differenzierung der Gattungen und
verhandeln grundsätzlicher ‚über Dichtung‘. Dabei zeigen wir, wie Goethe und Schiller das
Modell einer wesensmäßigen Interdependenz von Drama und Erzähltext konturieren. Unter
dem Regiment des übergeordneten Dichtungskonzepts, das „die eigentliche Aufgabe der
Kunst“ in einer Harmonisierung gegensätzlicher Größen sieht, versammeln sich beide
Gattungen. Zudem legen wir dar, wie Goethes und Schillers literarische Texte jene
Phänomene einer „Vermischung und Grenzverwirrung“ der Gattungen als eher agonales
denn kooperatives Miteinander gestalten. Wir wollen anhand ausgewählter Texte eine
poetologische Bedeutungsdimension herausstellen, die ein weitaus konfliktreicheres
Aufeinandertreffen erzählender und dramatischer Verfahren ins Bild setzt als die
3
Programmschrift und ihre Paratexte. Reden Goethe und Schiller dort einem Dichtungsmodell
von Vermittlung, Kooperation oder gar Vereinigung im Sinne gesteigerter ästhetischer und
ethischer Produktivität das Wort, lassen sich die an die jeweilige Gattungsgrenze führenden
literarischen Textpassagen als ästhetisch-poetologische Bruchstellen lesen. Wo das Drama
an seinen Höhepunkten zu erzählen beginnt, wo sich vice versa der Erzähler im Roman
sprachlos zurückzieht und die Begebenheiten scheinbar unmittelbar in Handlung setzt,
verdichtet sich ein kritisches Reflexionspotential ‚über Dichtung‘.
Dr. Martin Schneider (Hamburg)
Goethes „Novelle“ als eine Kulturtheorie des Ereignisses
Goethes These, seine Novelle erzähle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“, bietet
einen adäquaten Zugang zur Interpretation dieses Textes. In ihm verhandelt Goethe auf
exemplarische Weise das Wechselspiel von kultureller Ordnung und Ereignissen, die diese
Ordnung begründen, aber auch destabilisieren können. Die damit verbundenen Probleme
narrativer Ereignis-Darstellungen werden, wie die Analyse der Novelle zeigt, von der
strukturalistischen
Definition
des
Ereignisses
als
einer
zeitlich
begrenzten
Zustandsveränderung nur ungenügend erfasst. Deshalb wird vorgeschlagen, Goethes Text
als eine mimetische Inszenierung von ‚Widerfahrnissen‘ zu begreifen, denen eine chiastische
Zeitverschränkung des ‚Noch-Nicht‘ und ‚Nicht-Mehr‘ zu eigen ist. Das Erzählen hält damit
jenen Zwischenraum offen und erfahrbar, aus dem heraus sich kulturelle Distinktionen und
Bedeutungen bilden können.
Wolfgang Hottner (Berlin)
„Auf eine geheimnisvolle Weise zusammengesetzt“. Zu Goethes Kristallen
Goethes Beschäftigung mit Granit, dessen kristallinen Bildungsgesetzen und Erosionen, fällt
in die Zeit der Fragmente, der Abbrüche und Zerstreuungen – sie ist eine unter vielen
„Episoden einer Epoche“, wie Goethe nachträglich schreibt. Der Vortrag möchte anhand der
Reflexionen über den Granit sowie den Plänen zu einem „Roman über das Weltall“ einige
Formprobleme der Goethe’schen Poetik aufzeigen. Es geht dabei weniger um eine
wissenschaftshistorische Rekonstruktion von Goethes Thesen, sondern vielmehr um die
Form der Aneignung, der metonymischen Zerstreuung und Umschrift geologischer
Fragestellungen innerhalb des Prosawerks. Es geht um formale und poetische Probleme, die
für diese Prosa und besonders für die Form des Romans bedeutsam sind: das Problem der
Vorgeschichtlichkeit, des Anfangs und „wie es aufeinander gekommen ist“, des
Retardierenden, der Erzählperspektive, schließlich der Form des Romans selbst, als jenes
„größeren und zusammenhängenden Ganzen“ literarischer Formen. Zugleich figuriert sich im
‚Granitischen‘ ein Geschichts- und Geschichtenmodell, das für die innere Dynamik des
Goethe’schen Werks, seiner ständigen Rückbezüglichkeit, der Stellenlese, für Goethes
Umgang mit dem Gewordenen und noch Wirkenden entscheidend ist. Das Nachdenken über
Vorgeschichtlichkeiten der 1790er Jahre wird somit selbst zur naturwissenschaftlichen und
poetologischen Vorgeschichte, von der jener Roman erzählt, der die Probleme der Form
dieser Gattung zum letzten Mal zu lösen versucht: die Wanderjahre.
Oliver Grill (München)
„Wenn so viele Wesen durch einander arbeiten“. Schwere Kräfte in Goethes
Meteorologie
Der Vortrag geht von der Beobachtung aus, dass Goethe das Wetter und seine Erforschung
mit der Gefahr verbindet, im flüchtigen Medium der Atmosphäre den Boden unter den Füßen
zu verlieren. Immer wieder droht in den meteorologischen Schriften der „Zusammenhalt mit
der Erde verloren“ zu gehen. Diese Bedrohung wird verknüpft mit einem Verlust stabiler
Formen und (kausaler) Gründe. Dadurch geht eine profunde Verunsicherung vom Wetter
aus, die Goethe einerseits zu beherrschen sucht, andererseits aber markiert, reflektiert und
so allererst hervortreibt.
Dieses meteorologische Tremendum gibt Anlass, die vielbelächelte Theorie einer
pulsierenden Schwerkraft neu zu lesen. Es gilt zu zeigen, dass Goethe mit seiner
tellurischen These einen sicheren Grund bzw. ein Mittel zur ‚Erdung‘ der Wetterforschung
4
bereitzustellen sucht. Insofern aber diese These ihrerseits als willkürliche Setzung
ausgestellt wird, vermögen die ‚schweren Kräfte‘ in Goethes Meteorologie den
Gravitationsverlust nur bedingt zu bannen. Das beunruhigende Potential des Wetters
überträgt sich vielmehr auch auf den vermeintlichen Stabilitätsgaranten und erzeugt so
bestenfalls einen schwankenden Grund.
Adrian Robanus (Köln)
„Vernunftähnliches“ oder „unendliche Kluft“? Die anthropologische und poetische
Funktion von Goethes Tieren in „Satyros“, „Die Wahlverwandtschaften“ und
„Metamorphose der Tiere“
In Dichtung und Wahrheit bemerkt Goethe, wie irritierend die Verunsicherung ist, die sich
aus der Infragestellung der Mensch-Tier-Grenze ergibt: „Wenn sich in Tieren etwas
Vernunftähnliches hervortut, so können wir uns von unserer Verwunderung nicht erholen:
denn ob sie uns gleich so nahe stehen, so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von
uns getrennt und in das Reich der Notwendigkeit verwiesen“. Hat sich Goethe einerseits, als
Zoologe und vergleichender Anatom, lebenslang mit der Körperlichkeit der Tiere und damit
der nahen Verwandtschaft von Mensch und Tier beschäftigt, so ist er andererseits Vertreter
einer strikten anthropologischen Differenz („unendliche Kluft“). Wie die Ambivalenz von
Tiernähe und Tierferne des Menschen und die damit verbundene Verunsicherung bei
Goethe auf verschiedene Weise literarisch umgesetzt wird, werde ich anhand des frühen
Dramas Satyros oder der vergötterte Waldteufel, der Thematisierung der Affen in den
Wahlverwandtschaften und des umfassenden Ordnungsentwurfs in der Metamorphose der
Tiere erörtern. Mit der Lektüre dieser Werke im Kontext zeitgenössischer zoologischer,
anthropologischer und politischer Tierkonzeptionen werde ich in meinem Vortrag
insbesondere die grundsätzliche Literarizität, die Gemachtheit der Mensch-Tier-Grenze
untersuchen, die sich als prekäres, stabilisierungsbedürftiges Konstrukt beschreiben lässt.
Damit leistet die Analyse einen Beitrag zur Erforschung von Goethes zoologischer Ästhetik.
Philipp Restetzki (Mainz)
„Streben“ und „Liebe“ als spinozistische Motive in den „Faust“-Szenen „Prolog im
Himmel“ und „Bergschluchten“
„Es irrt der Mensch so lang er strebt“. Erst mit diesem Vers kann das Schicksal Fausts
seinen Lauf nehmen, wird damit doch Mephisto die Erlaubnis erteilt, Faust zu versuchen.
Aber nicht nur in diesem Sinne spricht der Herr im Prolog im Himmel diese Worte aus; ihr
Echo mündet in den Bergschluchten in jene Versen, die die Rettung der Seele Fausts
begründen: „Wer immer strebend sich bemüht / Den können wir erlösen“. Im Verweis auf den
Prolog verbinden die Engel in derselben Strophe den Begriff des Strebens nun direkt mit der
Liebe, die in Relation zum Göttlichen gedacht wird und sinnstiftend für die letzte Szene,
mithin für die Auflösung der Tragödie ist.
Goethes intensive Beschäftigung mit dem lange als Atheisten geschmähten
Philosophen Baruch de Spinoza ist kein Geheimnis und gut dokumentiert – von seiner frühen
Begeisterung um 1774 bis zu seiner Rolle im Pantheismusstreit und darüber hinaus. Und wie
Goethes Faust beginnt auch Spinozas Ethica in ihrem Bezug auf den Menschen mit dem
Streben (conatus) und endet in der letzten Erkenntnisstufe mit der Liebe (amor dei
intellectualis).
Der Vortrag soll verdeutlichen, dass das in beiden Werken miteinander verbundene
Begriffspaar ‚Streben‘ und ‚Liebe‘ in den zwei Faust-Szenen in seiner spinozistischen
Bedeutung von Goethe nutzbar gemacht und uns so eine neue Beurteilung der Erlösung
Fausts ermöglicht wird.
5
FESTVORTRAG
Prof. Dr. Norbert Miller (Berlin)
Euphorions Flug. Über Goethe und Lord Byron
An der deutschen Spätromantik vorbei, der Goethe nach 1814 mit Skepsis begegnete, sah
er in Childe Harold’s Pilgrimage, dieser glänzenden, Europa hinreißenden
Bekenntnisdichtung eines romantischen Außenseiters, das Pendant zu seinem eigenen, mit
dem Werther so früh errungenen Weltruhm. Mit kritischer Bewunderung folgte er Lord
Byrons dichterischer Entwicklung und seinem exzentrischen Lebenslauf. Für Byron blieb
Goethe zeitlebens identisch mit der Figur seines Werther, die er als wahlverwandt empfand.
Daneben bewunderte er von Ferne Goethes Faust-Dichtung und strebte ihr in Dramen wie
Manfred, Cain und Sardanapalus nach. Dieses Stück und sein letztes, Werner, sind Goethe
in Freundschaft zugeeignet. Dass der aus England verbannte Lord an dem Freiheitskampf
der Helenen sich beteiligte und in dem bedrohten Missolunghi starb, wurde für Goethe zum
Anlass, ihn als den kühnen, keiner Regel sich beugenden Euphorion in den Faust II
einzuführen, Sohn der griechischen Helena und des deutschen Magiers. Sein Tod war
Goethe wie eine Vorwegnahme des eigenen Todes.
PODIUM „ROMANTIK GESTERN UND HEUTE“
Prof. Dr. Anne Bohnenkamp (Frankfurt a. M.)
Den „leidenschaftlichen Zwiespalt“ endlich versöhnen? Zum Projekt eines Deutschen
Romantik-Museums in Frankfurt am Main
Seit über 100 Jahren sammelt das Freie Deutsche Hochstift Handschriften aus der Epoche
der deutschen Romantik; erste Pläne zu einem Romantikmuseum in Frankfurt am Main
entwickelte bereits Ernst Beutler. Nach der Zerstörung des von Beutler dafür vorgesehenen
Stammhauses der Familie Brentano in Frankfurt wandte sich das Hochstift nach dem Krieg
verstärkt der Grundlagenforschung zur Romantik zu und setzte die Sammlungstätigkeit fort.
Mit dem Freiwerden des südlich an das Elternhaus Goethes angrenzenden Grundstücks am
Großen Hirschgraben bietet sich gegenwärtig die historische Chance, das Frankfurter
Goethe-Museum in unmittelbarer Nachbarschaft zum Goethe-Haus um einen
Ausstellungsort zu erweitern, der sich der weitgefächerten Bewegung der Romantik und
ihrem spannungsreichen Verhältnis zu Goethe widmen soll. Mit der 1827 publizierten Helena
– dem späteren 3. Akt des Faust II – verband dieser ausdrücklich das Anliegen, dass „der
leidenschaftliche Zwiespalt zwischen Classikern und Romantikern sich endlich versöhne“ (an
Carl Jacob Ludwig Iken, 27.9.1827). Das Referat informiert über den Stand des
Neubauprojekts am Großen Hirschgraben und gibt erste Einblicke in das Konzept der
geplanten Museumserweiterung.
Prof. Dr. Johannes Grave (Bielefeld)
Klassisch-romantische Bildkritik: Gemeinsamkeiten zwischen Goethe und den
romantischen Malern
Ungeachtet der vielen persönlichen Kontakte, die Goethe zu Künstlern der Romantik wie
Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich oder Peter Cornelius pflegte, gilt der Weimarer
Dichter als entschiedener Kritiker der romantischen Kunst. Spätestens mit der
fundamentalen Kritik der „neudeutsch religios-patriotischen Kunst“, die er und Johann
Heinrich Meyer im Jahr 1817 formulierten, etablierte Goethe selbst diese Sicht auf sein
Verhältnis zur Romantik. Die Differenzen im Kunstverständnis haben jedoch davon
abgelenkt, dass Goethe und die Künstler der Romantik in ihrem Denken über Bilder
bemerkenswerte Übereinstimmungen zeigen. Beide Positionen reagieren auf grundlegende
Herausforderungen der Bildpraxis um 1800, indem sie darauf beharren, die Differenz
zwischen Bild und Wirklichkeit nicht zugunsten einer Ästhetik der Illusion oder Immersion
vergessen zu machen. Gemeinsam ist den Romantikern und Goethe daher ein Interesse
daran, über die Voraussetzungen, Potenziale und Grenzen des Bildes nachzudenken; und
6
gerade mit diesem Interesse können sie aktuellen bildtheoretischen Debatten wichtige
Anregungen vermitteln.
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Peter Gülke (Weimar)
Goethes
romantisch-musikalisches
Wunschdenken
–
vom
Nebeneinander
pragmatischer und utopischer Vorstellungen
Goethe mit Romantik, Wunschdenken und Utopie in Verbindung zu bringen, grenzt an
Provokation. Eben dies jedoch kennzeichnet eine Spannweite seines Interesses an Musik,
die törichte Simplifizierungen veranlasst hat – er sei nicht besonders musikalisch, sei dem
konservativen Carl Friedrich Zelter hörig gewesen, habe Franz Schubert abblitzen lassen
etc. Nicht nur hat er, undenkbar ohne den Hintergrund tiefer Erlebnisse, wunderbare Dinge
über Johann Sebastian Bach gesagt, hat am Frauenplan teilweise regelmäßig musizieren
lassen und im schönsten Musikgedicht unserer Sprache den „Götterwert der Töne wie der
Tränen“ besungen.
Einerseits war ihm der Gebrauchswert wichtig – Melodie als Transportmittel
poetischer Texte –, andererseits hat ihn über Jahrzehnte hin das Projekt einer Tonlehre
beschäftigt, mit dem er, auf Parallelitäten zur Farbenlehre fixiert und manchen Dissens
riskierend, nicht zurecht gekommen ist. Seine theoretische Wertschätzung der Musik liegt
nahe bei der der Jüngeren, deren Prämissen er sonst nicht mochte, und selbst eine
scheinbar einseitig auf Gebräuchlichkeit abgestellte Konzeption wie die des Strophenliedes
enthält ein utopisches Moment – die Idealvorstellung einer Melodie, die genau und
ausschließlich den Eigenton des jeweiligen, zugleich vielstrophigen Gedichts träfe.
Prof. Dr. Ulrike Landfester (St. Gallen)
Eiertänze. Brentanos Antworten auf Goethes Romantik
Der Eiertanz, den Goethe die Figur der Mignon in seinem Roman Wilhelm Meisters
Lehrjahre mit verbundenen Augen aufführen lässt, ist wohl eine der berühmtesten
poetologischen Passagen in seinem Werk und zugleich eine ironische Antwort auf die
intuitionsgeleitete Poetik der eben beginnenden Frühromantik. Viele Schriftsteller der
Romantik nahmen die Figur selbst auf, die mit ihrem androgynen Erscheinungsbild und ihrer
musikalischen Begabung damit zum Prototyp des naturpoetischen Kindes schlechthin wurde;
Clemens Brentano aber war der Einzige von ihnen, der das Motiv des Eiertanzes aufnahm.
Schon in der frühen, wohl 1816 entstandenen Fassung seines Märchens Gockel, Hinkel und
Gackeleia gibt er mit dem hier höfisch-repräsentationsgeleitet inszenierten Eiertanz der
Entourage von König Eifraßius damit seinerseits eine ironische Antwort auf Goethes
Verständnis der Romantik. In der 1838 erschienenen Spätfassung schließlich faltet er das
Motiv noch einmal neu und weiter aus, um daran weitere Antworten auf Goethes
Auseinandersetzung mit der Romantik zu geben, darunter auch auf die Beziehung Goethes
mit Marianne von Willemer, während er gleichzeitig das Modell der Lehrjahre in seinen
religiösen Schriften, insbesondere seine Rekonstruktion des Lebens Jesu aus den Visionen
der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick, weiterverarbeitet. Brentanos Spätwerk
lässt sich mithin als eine ganze Sequenz von Eiertänzen um, mit und gegen Goethe lesen, in
denen Brentano auch und gerade seinen eigenen Romantikbegriff entwickelt.
WISSENSCHAFTLICHE KONFERENZ „GOETHE UND DIE EUROPÄISCHE ROMANTIK“
ARBEITSGRUPPE A
Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm (Berlin)
„… das Produktive mit dem Historischen zu verbinden“. Wissenschaftsgeschichte bei
Goethe und um 1800
Die Geschichte der Wissenschaften, schreibt Goethe in der Farbenlehre, ist „mit der
Geschichte der Philosophie innigst verbunden, aber ebenso auch mit der Geschichte des
Lebens und des Charakters der Individuen sowie der Völker“. Die Historisierung des
Denkens, so belegen derartige Äußerungen, erfasst um und nach 1800 auch die
Wissenschaften als Gegenstandsbereich. Bei Goethe schlägt sich dieses gesteigerte
7
Interesse an biographischen und epochalen Bedingtheiten des Wissenschaftsprozesses im
umfangreichen Historischen Teil der Farbenlehre mit seinen Charakterskizzen verschiedener
Forscherpersönlichkeiten, seiner „aphoristischen“ Erzählung von den Schicksalen des
Farbenwissens und seinen geschichtstheoretischen Überlegungen nieder. Mit Blick auf
Konzepte wie Autorität, Überlieferung, Zufall und Irrtum, auf Geschichtsmodelle und metaphern, auf Fragen der Epochenbildung und der historiographischen Darstellung sowie
auf die Rolle von Psychologie, Autobiographie und typologischen Verfahren soll Goethes
Auffassung von Geschichte und Geschichtsschreibung der Wissenschaften ins Verhältnis
zur romantischen Wissenschaftstheorie eines Johann Wilhelm Ritter und Carl Gustav Carus
gesetzt werden.
ARBEITSGRUPPE B
Prof. Dr. Thorsten Valk (Weimar)
Goethe und die romantische Oper in Frankreich
Es liegt leider noch kein Abstract vor.
ARBEITSGRUPPE C
Dr. Johannes Rössler (Bern)
Goethe und Meyer in der Sammlung Boisserée. Überlegungen zu der
antiromantischen Rezeption altniederländischer Malerei
Der Vortrag versucht, Goethes und Johann Heinrich Meyers Beschäftigung mit der
Sammlung Boisserée erneut in den romantischen Rezeptionskontext zu stellen. Erstens
formuliert Goethe in dem Aufsatz Ueber Kunst und Alterthum in den Rhein- und
Maingegenden weniger eine klassizistische Antithese zur romantischen Sichtweise Friedrich
Schlegels, sondern geht mehr vom visuellen Eindruck aus, was den SchlegelBoisserée‘schen Historisierungsentwurf besonders stützt. Goethes und Meyers spezifische
Rezeption der Werke der Sammlung ist in einem zweiten Schritt zu untersuchen: Unter
Einbeziehung ungedruckter Dokumente wird Meyers in der Sammlung gemachte ‚primäre
Aufzeichnung‘ mit der zweiten, an Maria Pawlowna übermittelten Fassung der
Sammlungsbeschreibung verglichen. Anhand der Auseinandersetzung mit den Lieferungen
des von Johann Nepomuk Strixner geleiteten lithographischen Mappenwerks zu der
Sammlung sind drittens die dazugehörigen Rezensionen in der Zeitschrift Ueber Kunst und
Alterthum in den Blick zu nehmen: Die Lithographie, die durch ihr breites
Darstellungsspektrum nach 1800 zum romantisch konnotierten Universalmedium aufsteigt,
wird in der spezifischen Umsetzung von Strixner zum geeigneten Reproduktionsmedium für
die formalen Besonderheiten der nordalpinen Malerei. In den Rezensionen der
‚Weimarischen Kunstfreunde‘ werden die Werke der Sammlung Boisserée zum Teil eines
dezidiert anti-romantischen Kunstprogramms erhoben, indem ihre Besprechungen der
kunstpolitischen Steuerung dienen.
ARBEITSGRUPPE D
Prof. Dr. Barbara Naumann (Zürich)
Romantische
Momente.
Ungewöhnliche
Perspektiven
in
Goethes
„Wahlverwandtschaften“
In mancherlei Hinsicht scheint der Roman Die Wahlverwandtschaften die bekannten antiromantischen Äußerungen seines Verfassers zu unterlaufen. Goethes Vorbehalte und
Aversionen gegen das Romantisieren tragen häufig ideologischen Charakter; oftmals sind
sie nicht nur gegen Schreibweisen und poetologische Konzepte, sondern gegen bestimmte
Autoren gerichtet. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: Die Wahlverwandtschaften
sind mit einer ganzen Reihe von Konzepten befasst, die ihrerseits eine Verwandtschaft mit
romantischen Vorstellungen aufweisen. Besonders sei hier die Auseinandersetzung mit dem
Komplex Stillstellung, Mortifikation und Todesverfallenheit genannt, die den Roman über
weite Strecken charakterisieren. Nicht zuletzt lässt sich dieser Komplex an der strategischen
Verwendung von Bildern (Tableaus wie Gemälden) im Roman beobachten. Sie fungieren als
quasi-romantische Modi der Romanpoetik. Goethes Gebrauch von Bildern im Roman steht
deshalb im Zentrum des Vortrags.
8
ARBEITSGRUPPE E
Prof. Dr. Jane K. Brown (Seattle)
„Faust“ und die historischen Romane Walter Scotts
Scotts Romane und der Faust ragen als die grundlegenden Texte des europäischen
Nationalismus im 19. Jahrhundert heraus, doch werden sie selten nebeneinandergestellt.
Was lernt man, wenn man sie zusammen liest?
Der Vortrag beschreibt die Verbindungen zwischen den beiden Dichtern, dann die
Spuren seiner Kenntnisse der deutschen Literatur in Scotts Romanen und besonders von
Goethes Werken. Danach wird die Spannung zwischen Epos und Drama in Scotts Romanen
und im Faust analysiert. Obwohl Scott Götz von Berlichingen übersetzte und dadurch zur
Erfindung einer neuen Art des historischen Romans inspiriert wurde, erweist sich Goethes
Aufsatz über Epos und Drama als besonders relevant für die literarische Darstellung der
Geschichte bei ihm und bei Scott, besonders in Bezug auf Fausts Verhältnis zum
historischen Roman. Immerhin ermöglicht Fausts dramatische Form einen schärferen Fokus
auf die Psychologie, als Scott mit seiner historisierten und rationalistischen Psychologie
erreichen konnte. Also trieb Faust die europäische Kultur noch weiter in die Modernität voran
als Scotts Erfindung der Form des modernen Romans.
ARBEITSGRUPPE F
Prof. Dr. Mathias Mayer (Augsburg)
Eine „Form von oben“: Religion, Liebe und Kunst in Goethes Sonetten
Goethes Sonette sind immer wieder als Liebesdichtung und in ihrem Kunstcharakter
beschrieben worden. Ausgehend von dem 1814 gewählten Motto „Jede Form sie kommt von
oben“ konfrontiert der Vortrag Goethes Verhältnis zur Praxis und Theorie des romantischen
Sonetts mit seiner eigenen Positionierung: Sowohl das Gedicht Epoche (über dessen
Datierung zu sprechen ist) wie die Behandlung Zacharias Werners in den Annalen führen zur
Frage nach Goethes spezifischem Umgang mit der Religion im Gedichtzyklus von 1807/08.
Eine poetisch autonome Weltfrömmigkeit zeichnet sich dabei als ein Weg in Goethes
Spätwerk ab, der „Reflex von oben“ weitet sich zur Ironie.
Autor
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
12
Dateigröße
160 KB
Tags
1/--Seiten
melden