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"Für mich war Inklusion immer gelebte Realität"

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"Für mich war Inklusion immer gelebte Realität"
von Annetraud Grote, Paul-Ehrlich-Institut
Als mich die Bundesakademie fragte, ob ich einen Artikel für diesen Newsletter
schreiben könne, habe ich nicht lange gezögert. Denn zum Thema Inklusion kann ich
nicht nur aufgrund meiner Biographie etwas beitragen.
„Flügel und Wurzeln benötigt der Mensch“, nach dieser Prämisse haben meine Eltern
ihre Kinder erzogen. Für mich als eines ihrer vier Kinder war es vielleicht besonders
wichtig, gefordert, gefördert - aber auch losgelassen zu werden.
Als ich 1967 mit einer schweren Behinderung – Arthrogryposis multiplex congenita
(angeborene Gelenksteife) – in Norddeutschland zur Welt kam, gab es den Begriff
der Inklusion noch nicht. Und es war auch nicht abzusehen, dass ich mit Unterstützung ein glückliches und selbstbestimmtes Leben würde führen können.
Schmunzeln muss ich heute darüber, wenn mir als Rollstuhlfahrerin manchmal eben
nicht die Tür aufgehalten wird. Nach siebzehn Jahren Berufstätigkeit im Paul-EhrlichInstitut (PEI) gehört mein Rollstuhl so selbstverständlich dazu, dass er häufig von
meinen Kollegen und Kolleginnen gar nicht mehr wahrgenommen wird. Eine gute
Erfahrung ist dies für mich insbesondere deswegen, da meine Einschränkung zwar
ein Merkmal meiner Person ist, ich aber niemals auf dieses reduziert werden will.
Im Berufsleben möchte ich meine Leistungsfähigkeit genauso beurteilt wissen wie
andere Menschen auch. Da meine Familie mir niemals eine Sonderrolle zugewiesen
hat und ich mich schon in der Schule und später im Studium der Rechtswissenschaften durchsetzen musste wie andere auch, waren meine Startchancen deswegen
nicht die schlechtesten. Der heute so vielzitierte Begriff der Inklusion war für mich
glücklicherweise immer gelebte Realität.
An manchen Stellen meiner Biographie habe ich meine Behinderung sogar zum Vorteil für mich gestalten können, da ich früh gelernt habe, mich (und andere) zu organisieren. So gab es in meinem Gymnasium beispielsweise viele Treppen, aber keinen
Aufzug, so dass mir zunächst der Jahrgang meiner Schwester und später meine
Klassenkameraden halfen, die Fachräume zu erreichen. Während meines Studiums
lebte ich im Studentenwohnheim in Marburg. Dort standen Fahrdienst und Assistenten auf Abruf bereit, so dass ich auch fern von der Familie autonom leben konnte,
was mir bis heute sehr am Herzen liegt. Später bezog ich mit meinem Ehemann unsere eigene Wohnung, so dass sich unser Leben heute kaum von dem anderer unterscheidet.
Unmittelbar nach dem zweiten Staatsexamen konnte ich 1998 im PEI anfangen zu
arbeiten. Mittlerweile bin ich im Personalreferat tätig und verantwortlich für viele
rechtliche Dinge rund um das Arbeitsleben. Dabei geht es um Einstellungsverfahren,
aber auch um arbeitsrechtliche Streitigkeiten, bei denen ich das Institut vor Gericht
vertrete. Daneben habe ich fast sechzehn Jahre die Aufgabe der Schwerbehindertenvertrauensfrau im Institut wahrgenommen. Im letzten Jahr habe ich nicht wieder
kandidiert, denn mir wurde die Funktion des Arbeitgeberbeauftragten für diesen Bereich angeboten. Bereits seit vielen Jahren habe ich daher die Möglichkeit, andere
Menschen in meiner Situation zu beraten und manchmal etwas Selbstbewusstsein
weitergeben zu können. Glücklich bin ich darüber, dass ein Teil meiner Arbeit auch
den Inklusionsprojekten des PEI gewidmet ist, mit denen das Institut seit langer Zeit
aufzeigt, dass schwerbehinderte qualifizierte Menschen auch im Bereich von Wissenschaft und Forschung einen wichtigen und insbesondere gleichwertigen Beitrag
leisten, wenn sie passende Rahmenbedingungen vorfinden. Ich freue mich, dass ich
in diesem Kontext mein Wissen als „Expertin in eigener Sache“ an andere betroffene
behinderte Menschen aber auch an andere Arbeitgeber und Teile der Gesellschaft
weitergeben kann. In diesem Zusammenhang machen mir Vorträge, Moderationen,
Dienstreisen und Seminare deutschland- und europaweit viel Freude. Es macht
Spaß, die eigenen Grenzen der Leistungsfähigkeit zu testen und dabei viele interessante Menschen, denen das Thema „Inklusion“ ebenso wichtig ist wie mir, kennenzulernen. Vielen Wegbegleitern und wunderbaren Menschen bin ich für Anregungen,
Diskussionen – manchmal auch sehr kontrovers geführt – und Gesprächen zum
Thema Inklusion sehr dankbar!
Seit 2003 bietet die Bundesakademie dazu das Seminar "Das Schwerbehindertenrecht - SGB IX Teil 2 - in der Personalarbeit" an, an dessen Konzeption und Durchführung ich von Beginn an – gemeinsam mit Kollegen – mitwirken konnte. Zielgruppe des Seminars sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Personal- und Organisationsreferaten sowie die Vertrauenspersonen für die schwerbehinderten Menschen.
Der intensive Dialog und Perspektivwechsel zwischen den verschiedenen Personengruppen und Interessenvertretungen ist für mich als Dozentin immer besonders herausfordernd. Und besonders beglückend, wenn es gelingt, gemeinsam mit den Teilnehmenden die Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben zu verbessern.
Zum Seminar PM 130.01/15
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Bildung
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