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Die ZEIT Nr. 5/2015

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Titel: Szene in Athen nach dem Wahlsieg von Alexis Tsipras am 25.01.2015, Foto (Ausschnitt, gekontert): Mehdi Chebil/Polaris/StudioX
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29. JANUAR 2015 No 5
LUST
am Krass-Sein
Ob in Athen oder in
Dresden: Warum sich so
viele Menschen in Europa
unverstanden und bedroht
fühlen. Und wie sie selbst zu
einer Bedrohung werden,
nicht nur fürs Establishment
Warum im Krieg
der IS-Terroristen so
viel Pop steckt
Von Moritz von
Uslar
Feuilleton, Seite 43
POLITIK SEITE 2–5
Hauptsache, dagegen!
70 JAHRE NACH AUSCHWITZ
MACHTKAMPF IN DER UKRAINE
Neues Erinnern
Die letzte Chance
Mitgefühl für die Opfer des Holocaust lässt sich nicht verordnen.
Gedenken braucht Offenheit und Empathie VON HEINRICH WEFING
E
s war nur eine irritierende kleine
Meldung. Im Strom der Bilder und
Ansprachen zum Auschwitz-Geden‑
ken wäre sie beinahe untergegangen.
Der Präsident des Zentralrats der
Juden in Deutschland, Josef Schus‑
ter, hat gefordert, der Besuch eines ehemaligen
KZs sollte in Zukunft für alle Schüler ab der
neunten Klasse verbindlich werden. Einen Moment
lang ist man geneigt zu fragen: Wirklich?
Gerade sendet die ARD eine Themenwoche
Auschwitz; in der Talkshow von Günther Jauch
waren Überlebende des Vernichtungslagers zu
Gast, das vor 70 Jahren von der Roten Armee
befreit wurde; der Spiegel titelt mit Lebenserin‑
nerungen von ehemaligen KZ-Häftlingen;
Bücher und Filme zum Thema finden immer
wieder ein großes Publikum. Brauchen wir da
eine Besuchspflicht für Teenager? Oder, anders
gefragt: Was bringt verordnete Erinnerung?
Zwischen persönlicher Erinnerung
und musealer Gedächtniskultur
Es gab jedoch noch eine zweite Meldung, über eine
Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Danach will
eine große Mehrheit der Deutschen, 77 Prozent,
»die Geschichte ruhen lassen«. Und 55 Prozent der
Befragten stimmen der Aussage zu, »beinahe 70
Jahre nach Kriegsende sollten wir endlich einen
Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen«. 2007
waren noch 58 Prozent für einen Schlussstrich,
1991 sogar 60 Prozent. Sind also die offiziellen
Beteuerungen, wie von Bundespräsident Joachim
Gauck, das Andenken an Auschwitz sei unwiderruf‑
lich Teil der deutschen Identität, womöglich nur
Eliten-Rhetorik? Amtliche Bekenntnisse, die von
der Bevölkerung nicht geteilt werden?
Man muss sich, wenn man Antworten auf
diese Fragen sucht, zweierlei klarmachen. Zum
einen, dass in jeder verordneten Erinnerung, wie
wohlmeinend auch immer, ein Element der
Bevormundung steckt, womöglich auch das
implizite Misstrauen, dass der Schoß noch
fruchtbar sei – worauf viele, nicht nur Schüler,
mit Ablehnung reagieren. Zum anderen, fast
banal, das zu sagen: Auch die Erinnerung verän‑
dert sich, ständig. Sie ist seit 1945 durch verschie‑
dene Phasen gegangen, von der Verdrängung
nach dem Krieg bis hin zur Quasi-Staatsreligion
der Berliner Republik, und sie wird sich weiter
ändern, sie wird vermittelter, akademischer, auch
distanzierter werden, kurz: historischer.
Heute, im Jahr 2015, stehen wir an der
Schwelle zwischen der persönlichen Erinnerung
und der musealen Gedächtniskultur. Die letz‑
ten Überlebenden des Völkermordes sind Grei‑
se, und auch die Mörder und Mittäter sind fast
nicht mehr unter uns. Wir haben niemanden
mehr, den wir noch fragen können. Aber jetzt
muss auch niemand mehr mit Opa über den
Holocaust streiten, Familienfeiern sind keine
Geschichtstribunale mehr. Niemand muss mehr
damit rechnen, dass der Lehrer, der Staatsan‑
walt oder der Abteilungsleiter ein Altnazi ist.
Der Generationenkonflikt, den die Achtund‑
sechziger angezettelt haben, ist entschieden,
nicht nur biologisch, auch politisch. Das kol‑
lektive Schweigen ist gebrochen. Spät, sehr
spät, aber immerhin.
Damit einher geht eine Verlagerung der
Erinnerung, aus den Familien, in die Institutio‑
nen. Das Gedächtnis an den Holocaust ist gleich‑
sam verstaatlicht worden. Was nicht nur heißt,
dass es neben vielen privaten und lokalen Initia­
tiven vor allem öffentliche Einrichtungen sind,
die die NS-Vergangenheit erforschen, Briefe, Bil‑
der und Artefakte bewahren. Verstaatlichung
heißt, dass die Bundesrepublik das Gedächtnis an
den Holocaust offiziell zu ihrer Sache gemacht
hat. Im Verfassungsbogen der Parteien, der von
ziemlich weit rechts bis ziemlich weit links reicht,
ist das Bekenntnis zur politischen Verantwortung,
die aus dem Holocaust folgt, Konsens geworden.
Das zeigt sich in den vielen Denkmalen und
Gedenkstätten, die in den letzten Jahren errich‑
tet wurden, mit eigenen Erinnerungsorten für
viele Opfergruppen, die Euthanasie-Opfer, die
Homosexuellen, die Sinti und Roma, und mit
dem Holocaust-Mahnmal in Berlin im Zen‑
trum. Nichts davon ist überflüssig, aber es ist
eben auch wahr, dass Denkmale, die wir jeden
Tag ansehen, aus unserem Blick verschwinden:
Sie werden vor unseren Augen unsichtbar.
Und es gibt noch eine weitere Verschiebung
in der Erinnerungskultur, eine, deren Folgen
einstweilen schwer abzuschätzen sind. Immer
mehr Menschen leben in diesem Land, die keine
familiäre Beziehung zur deutschen Vergangen‑
heit haben. Menschen, deren Urgroßväter nicht
an der Ostfront waren, deren Verwandte nicht in
den Bombenkellern ausharrten. Menschen,
deren Vorfahren in der Türkei, in Vietnam oder
Eritrea lebten. Wie sie in ihre ohnehin komplexe
Identität die Erinnerung an den Holocaust inte‑
grieren, wird sie prägen – und das deutsche
Gedenken. Als deutsche Staatsbürger können sie
die NS-Vergangenheit nicht einfach abweisen;
aber umgekehrt kann auch die hiesige Erinne‑
rungskultur nicht ignorieren, dass viele Zuwan‑
derer aus dem Mittleren Osten auf den Holo‑
caust durch die Brille des Konflikts zwischen
Israel und Palästina blicken, mit teils massiven
antisemitischen Vorurteilen. Damit umzugehen
ist unvermeidlich. Und es wird die Debatte um
die Erinnerung neu erhitzen.
Erinnerung ist nichts Statisches, nichts Abge‑
schlossenes. Jede Generation hat einen eigenen
Zugang zum Holocaust. Vielleicht braucht es
dafür mitunter Appelle, aber sicher keine Ver‑
ordnungen. Viel wichtiger ist etwas anderes:
Neugier. Und Empathie. Und diese Form des
Mitgefühls ist keine Frage des Alters, der Her‑
kunft oder der Religion.
www.zeit.de/audio
Nur mit finanzieller Unterstützung für die Regierung kann Europa die
Gewalt-Eskalation und den Sieg Putins verhindern VON ALICE BOTA
O
ffiziell herrscht kein Krieg im
Osten der Ukraine. Aber allein
in den vergangenen zwei Wo‑
chen starben dort nahezu 300
Menschen in einem Konflikt,
der in den vergangenen zehn
Monaten bereits mehr als 5000 das Leben koste‑
te. Sie wurden getötet durch russische und ukrai‑
nische Waffen. Am vergangenen Samstag trafen
Raketensalven in der Hafenstadt Mariupol eine
Schule, einen Marktplatz, Läden und Wohn‑
häuser. 30 Zivilisten starben, 102 wurden verletzt,
viele davon schwer. Die europäischen Regierungen
verurteilten den Angriff. Es gebe »Beweise für fort‑
gesetzte und wachsende Unterstützung der
Separatisten durch Russland«, stellten die Staats‑
chefs fest und drohten weitere Sanktionen an,
sollte das »Minsker Abkommen« nicht endlich
umgesetzt werden. Fragt sich nur: Warum sollte
das auf einmal geschehen?
Denn dieses Friedensabkommen zwischen Russ‑
land, der Ukraine und den Luhansker und Donezker
Volksrepubliken – im September abgeschlossen – ist
längst wertlos. Es gibt Verhandlungen zwischen Rus‑
sen und Ukrainern, wie am vergangenen Mittwoch
in Berlin, aber sie führen zu nichts. Es gibt Versuche
der Europäer, zuletzt von Angela Merkel in Davos,
Russland mit Anreizen wie einer gemeinsamen Frei‑
handelszone zu locken, die von Wladiwostok bis nach
Lissabon reichen könnte. Sie verführen zu nichts.
Selbst ein fragiler Frieden könnte der
ukrainischen Gesellschaft Ruhe bringen
Russland wird diesen Krieg, den es leugnet, wei‑
ter führen, weil Ruhe im Donbass nicht in Wla‑
dimir Putins Interesse ist. Selbst ein fragiler Frie‑
den könnte Anlass dafür sein, dass sich die Kiewer
Macht konsolidieren, die ukrainische Gesellschaft
zur Ruhe kommen und sich endlich ihrem gigan‑
tischen Reformstau stellen könnte. Dann könnte,
was mit dem Maidan-Aufstand begann, doch
noch zu einer Erzählung von Erfolg und Demo‑
kratisierung werden. Aus russischer Perspektive
wäre das ein Desaster: noch ein Land, das der
eigenen Einflusssphäre verloren ginge.
Deshalb wird der unerklärte Krieg in der Ost­
ukrai­ne weitergehen. Er wird mal von geringerer,
mal von größerer Intensität sein, und wie
schlimm die Eskalation wird, hängt auch vom
Vorgehen der Ukrainer ab. Aber er wird andau‑
ern, solange die politischen und ökonomischen
Kosten für die russische Beteiligung nicht stei‑
gen. Nichts spricht derzeit für Beruhigung. Der
Ministerpräsident der selbst ernannten Donez‑
ker Volksrepublik, Alexander Sachartschenko,
kündigt sogar an, weitere Fronten eröffnen zu
wollen: Man habe die Mittel dazu.
Es ist nicht viel, was die Europäer tun können.
Aber sie könnten erstens die Kosten für jede wei‑
tere Aufrüstung, für jeden weiteren Angriff und
Landgewinn im Osten der Ukraine durch weitere
Sanktionen gegen die Separatisten und gegen
Russland erhöhen. Zweitens müssen sie sich auf
einen langen Konflikt vorbereiten, der zäh und
unverdrossen durch Drohen und Verhandeln ge‑
führt wird. Und drittens braucht die am Rand des
Bankrotts stehende Ukraine viel Geld, das man ihr
genau wie Griechenland nur im Gegenzug für
Reformen geben darf: Institutionen müssen auf‑
gebaut, die Polizei muss reformiert, die Korrup­
tion bekämpft und der verheerende Einfluss der
Oligarchen eingehegt werden. Krieg darf keine
Ausrede sein, diese Reformen liegen zu lassen.
Die Lage in der Ukraine mag unübersichtlich
sein, undurchschaubar ist sie nicht: Wiederholt
sind russische Soldaten auf ukrainischem Boden
festgenommen und Waffen aus Russland gesich‑
tet worden. Die Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE), bei der
Russland Mitglied ist, beobachtet schon lange
Konvois mit schwerer Artillerie auf der Fahrt in
die Separatistengebieten, wenn auch ohne Insig‑
nien. Die Separatisten verfügen mittlerweile
über eine Ausrüstung, die der einer professionel‑
len Armee in nichts nachsteht. Der Donezker
Ministerpräsident Sachartschenko ließ sich erst
für die Offensive auf Mariupol bejubeln, sprach
gar davon, dass man mit dem Angriff auf die
Hafenstadt allen Toten seiner Republik »ein
Denkmal« gesetzt habe, um schließlich zu
dementieren, als weltweite Empörung sich über
die Tat ergoss. Die Raketen auf Mariupol, das
sagen sowohl Human Rights Watch als auch die
OSZE nach Analyse der Einschläge, wurden aus
dem Gebiet der Separatisten abgeschossen.
Klar auszusprechen, wer hier mit welchen
Mitteln das Land destabilisiert, darf aber nicht
dafür blind machen, dass dieser Krieg auch die
ukrainische Gesellschaft radikalisiert. Es gibt viel
Patriotismus und ein neues Zusammenhalts­
gefühl, aber zunehmend auch Verrohung. Frei‑
willige kommen von der Front im Osten trau‑
matisiert und wütend zurück. Der ukrainische
Präsident Petro Poroschenko setzt zwar weiter
auf Verhandlungen, aber die Hardliner, die den
Donbass auf keinen Fall hergeben wollen, wer‑
den lauter. Da gibt es Leute wie den rechtsex­
tremen Anführer des Bataillons Asow, der eigen‑
mächtig seine Landsleute zur Gegenwehr ruft.
Der Krieg frisst sich auch in den vormals friedli‑
chen Teil des Landes vor. 2170 Angriffe auf die
öffentliche Sicherheit hat das ukrainische Innen‑
ministerium in nur sechs Monaten dokumen‑
tiert. Dazu gehören Bombendrohungen am
Kiewer Hauptbahnhof genauso wie Anschläge
auf Politiker oder Demonstranten.
Das ist das Dilemma der Ukraine: Je schlim‑
mer die Situation im Osten wird, je größer die
Verluste, desto lauter werden die Unversöhn­lichen
und Einheizer. Ohne entschiedene Hilfe aus
Europa wird es für die Ukraine aus diesem Di‑
lemma kein Entkommen geben. Das wäre Putins
eigentlicher Sieg, den man noch verhindern kann.
www.zeit.de/audio
Walsers Vorbild
Der Schriftsteller
über einen
manischen Sammler
aus Dresden
ZEITmagazin, Seite 28
Allgemeinbildung
wird überschätzt
Ein HarvardDozent widerspricht
Ulrich Greiner
Chancen, Seite 63
PROMINENT IGNORIERT
Gut geklebt
1922, als das Grab des Tutanch­
amun entdeckt wurde, war der
Bart des Pharaos schon ab. Er wur‑
de erst 1944 befestigt und nun,
nachdem er im Antikenmuseum
Kairo wegen eines Missgeschicks
abgebrochen war, abermals unfach‑
männisch angeklebt. Ein Restaura‑
tor aus Mainz eilt jetzt den Ägyp‑
tern zu Hilfe, und das erfüllt uns
mit Stolz: Deutschland, Land der
Ideen, Heinrich Schliemanns und
des Komponentenklebers! GRN.
Kleine Fotos (v.o.): action press; Philippe Matsas/Opale/StudioX; Interfoto
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7 0. J A H RG A N G
C 7451 C
4 190745 104500
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