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Magazin - Martin-Luther-Universität Halle

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2015
1
Neues aus einer anderen Zeit:
Was Uni-Sammlungen verraten
Ein Blick in die neue Bibliothek am Steintor-Campus
w w w . m a ga z i n . u n i - h a l l e . d e
Selbsttäuschung als Normalzustand?
Studentin entwickelt Heilmittel für Pferde
D A S
M A G A Z I N
D E R
M A R T I N ͳ L U T H E R ͳ U N I V E R S I T Ä T
H A L L E ͳ W I T T E N B E R G
2
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s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 editor ial
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
gerade, als ich mit dem Schreiben diesen Editorials
beginnen wollte, rief ein Rheinländer hier in der
Pressestelle an, der sich nach der Geiseltalsammlung der Universität erkundigte. Er habe erst vor
Kurzem davon erfahren und dann sogleich hören
müssen, dass das Geiseltalmuseum seit Jahren geschlossen sei. Die Sammlung sei doch außerordentlich interessant. Überhaupt habe ihn die Vielfalt der
akademischen Sammlungen in Halle überrascht – er
hatte zunächst angenommen, eine Universität, die
Martin Luther im Namen trägt, sei vor allem theologisch ausgerichtet.
Dieser freundliche Anrufer ist nicht der Erste, der
sich nach der Geiseltalsammlung erkundigt. Aber er
war der Erste, dem ich von einer neuen Ausstellung
berichten konnte: Ab 6. März präsentiert das Zentralmagazin Naturwissenschaftliche Sammlungen die
wertvollen Fossilien in der Nationalen Akademie der
Wissenschaften Leopoldina in Halle. Die Besucher
werden gemeinsam mit Urpferdchen, Sägezahnkrokodilen und anderen ausgestorbenen Arten durch
das Geiseltal von vor 45 Millionen Jahren spazieren
können. Anlass genug, die Naturwissenschaftlichen
Sammlungen im ersten Magazin im Jahr 2015 in den
Blick zu nehmen.
Dass diese alten Sammlungen Forschern auch heute noch wertvolle Erkenntnisse liefern, zeigt unser
Beitrag über Alexander Hastings aus den USA. Die
Geiseltalsammlung hat den jungen Paläontologen
nach Halle gelockt. „Eine so gut erhaltene, vollständige Sammlung aus dem Eozän ist einmalig“, sagt
der Reptilienexperte. Die Funde aus dem Eozän
bergen noch immer viele Rätsel, von denen Hastings einige lösen will: Handelt es sich bei einem
Fund tatsächlich um den ersten und bislang einzigen
fossilen Beleg für Brutpflege in der Ordnung der
Krokodile? Wie konnten sich fünf verschiedene Krokodilarten damals im Geiseltal einen gemeinsamen
Lebensraum teilen? Einige von Alexander Hastings
Forschungsobjekten werden auch ab März in der
Leopoldina zu sehen sein. Manche der dreidimensionalen Ausstellungsmodelle hat Präparator Michael
Stache mit Hilfe von 3D-Scanner und CNC-Fräse
hergestellt. Wie sich seine Arbeit durch moderne
Technik verändert hat, beschreibt Tom Leonhardt
im Heft.
Corinna Bertz
(Foto: Maike Glöckner)
Im internationalen Auftritt
des Onlinemagazins finden
Sie ausgewählte Beiträge aus
dem Heft auch in Englisch:
www.magazin.uni-halle.
de/en.
Viel Spaß beim Lesen und Entdecken wünscht
Corinna Bertz, Redakteurin
IMPRESSUM
scientia halensis
Magazin der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg (MLU)
Ausgabe 1/15, 23. Jahrgang
Auflage 6.000 Expl.
ISSN 0945-9529
Redaktion:
Manuela Bank-Zillmann (mab),
verantwortlich
Corinna Bertz (cb), Koordinierung
Sarah Huke (sh), Tom Leonhardt (tol)
erscheint viermal im Jahr
sowie im Internet:
www.magazin.uni-halle.de
Weitere Autoren dieser Ausgabe: :
Ines Godazgar (igo),
Julius Heinrichs,
Tobias Wagner,
Magarete Wein (mawe)
Herausgeber:
Rektor der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
Kontakt:
Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
Stabsstelle des Rektors / Pressestelle
Universitätsplatz 9, 06108 Halle (S.)
Telefon: 0345 55 21420
E-Mail: magazin@uni-halle.de
Mediadaten:
www.pr.uni-halle.de/mediadaten
Anzeigen / Satz / Gesamtherstellung:
Digital Druckservice Halle GmbH
Kutschgasse 4, 06108 Halle (S.)
Telefon: 0345 4788601
www.medienwerker-halle.de
E-Mail: info@medienwerker-halle.de
Druck:
IMPRESS Druckerei Halbritter KG
www.impressonline.de
Grafik-Design:
Sisters of Design, www.sistersofdesign.de
Für scientia halensis liegen Copyright
und alle weiteren Rechte bei der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
(MLU). Weiterverbreitung, auch in Auszügen, für pädagogische, wissenschaftliche oder private Zwecke ist unter Angabe der Quelle gestattet (sofern nicht
anderes an der entsprechenden Stelle
ausdrücklich angegeben). Eine Verwendung im gewerblichen Bereich bedarf
der Genehmigung durch die MLU.
scientia halensis erscheint mit freundlicher Unterstützung der Vereinigung
der Freunde und Förderer der MartinLuther-Universität Halle-Wittenberg
e. V. (VFF)
Titelbild:
Dr. Karla Schneider, Kustodin der Zoologischen Sammlung, in den Sammlungsräumen am Domplatz 4
(Foto: Markus Scholz)
3
4
inhalt sv er z eic hnis s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
Der Bücher-Kubus {12}
Im Februar ziehen die ersten Institute auf den Steintor-Campus. Im
Juli soll auch der Bibliotheks-Neubau bezogen werden. Was erwartet
die Bibliotheksnutzer? Ein Blick
ins Innere des Kubus mit den
gelben Ziegeln. (Foto: Markus Scholz)
Neues aus den Naturwissenschaftlichen Sammlungen {6}
Gegen Risiken und
Nebenwirkungen {26}
Unter Echtbedingungen und dennoch im geschützten Raum können
angehende Apotheker am Institut
für Pharmazie künftig lernen, wie
man Kunden richtig berät. Zum
Wintersemester ist die Lehrapotheke für Studierende offiziell an den
Start gegangen. (Foto: Markus Scholz)
Ihre Bestände mögen zum Teil Millionen Jahre alt sein, doch
die Sammlungen der Universität Halle bergen noch immer
viele Rätsel, die Forscher aus aller Welt anziehen. Zum Beispiel Dr. Alexander Hastings: Der junge US-Paläontologe
hat ein Geiseltal-Fossil erforscht, das den ersten Beleg für die
Brutpflege in der Ordnung der Krokodile liefern könnte
(S. 6). Einige seiner Forschungsobjekte werden ab März in
einer Ausstellung in der Leopoldina zu sehen sein. Wie Präparator Michael Stache dafür mit Hilfe von 3D-Scanner und
CNC-Fräse dreidimensionale Modelle von Fossilien anfertigt,
lesen Sie auf Seite 11.
Wie akademische Sammlungen historisch entstanden sind und
was sie von anderen Sammlungen unterscheidet, erläutert
Prof. Dr. Thomas Bremer im Interview. (Foto: Markus Scholz)
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 inhalt sv er z eic hnis
inhalt
titelthema
6
Neues aus der Urzeit
Ein US-Paläontologe bringt Schätze
der Geiseltal-Sammlung ans Licht
10 Sammeln für Lehre und Forschung
Interwiev mit Thomas Bremer
11 Fräse und 3D-Scanner
Die fleißigen Helfer des Präparators
varia
12 Der Bücher-Kubus
Ein Blick in die Bibliothek am
Steintor-Campus
14 Auf Tuchfühlung mit Oxford
Ein Tumorbiologe will den
Austausch zwischen Halle und
Oxford stärken
15 Meldungen
16 Sprachsalat
17 Heilen, aber nicht um jeden Preis
Der Palliativmedizinische
Konsiliardienst am Universitätsklinikum Halle
Forschen und
publizieren
18 Selbsttäuschung als
Normalzustand?
Interview mit Gerd Antos über die
Rhetorik der Selbsttäuschung
20 Zwei US-Forscher verstärken
das iDiv
Stanley Harpole und Jonathan
Chase forschen zur Biodiversität
21 Meldungen
22 Literaturfabrik Universität
24 Störung nicht ausgeschlossen
Gabriela Lehmann-Carli erforscht,
wie Empathie und Tabubruch
zusammenhängen
studieren,
lehren, leben
26 Gegen Risiken und
Nebenwirkungen
Studierende der Pharmazie können
jetzt in einer Lehrapotheke den
Umgang mit Patienten üben
29 Meldungen
Personalia
30 Vom Labor bis zum Pferdestall
Gudrun Liebscher hat ein Heilmittel
für an Hautkrebs erkrankte Pferde
entwickelt und in der Praxis getestet
32 Neuberufen
35 Meldungen
36 20 Fragen an Bertolt Marquardt
Selbsttäuschung als
Normalzustand? {18}
Wir belügen uns häufig, obwohl
wir es besser wissen müssten.
Sprachwissenschaftler Prof. Dr.
Gerd Antos sucht nach rhetorischen
Mustern für dieses Phänomen und
erklärt, wie vielseitig Selbsttäuschung sein kann. (Foto: © NLshop /
Fotolia)
schlussstück
38 Selbstgebaut
Ein Klinostat aus „fischertechnik“
Some stories are also available in English: www.magazin.uni-halle.de/en Please look for the flag!
Vom Labor bis zum Pferdestall
{30}
Für ihre Masterarbeit hat Gudrun
Liebscher ein vielversprechendes
Hautkrebs-Präparat an Pferdezellen getestet. Sogar in der Praxis
kann sich das Heilmittel nun an
einer Tierärztlichen Hochschule
beweisen. (Foto: Michael Deutsch)
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6
t it elt hema s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
t it el: uni - sa m ml ung e n
Neues aus der Urzeit
Ist ein Fossil aus dem Geiseltal der erste Beleg für die Brutpflege in der Ordnung der Krokodile? Wie konnten
sich fünf verschiedene Krokodilarten einmal einen gemeinsamen Lebensraum teilen? Die Geiseltal-Funde aus
dem Eozän bergen noch immer viele Rätsel, die Forscher aus aller Welt anziehen. So auch Alexander Hastings:
Wer mit dem Paläontologen über seine Arbeit spricht, versteht schnell, warum es ihn von Florida ausgerechnet
nach Halle verschlagen hat.
Dr. Alexander Hastings steigt in seinem Arbeitsraum auf eine kleine Leiter, öffnet den alten, zwei
Meter hohen Schrank und zieht vorsichtig eine lange, rechteckige Platte hervor. Was zum Vorschein
kommt, sieht für den Laien aus wie ein Haufen
an- und aufeinandergereihter kleiner Knochen und
anderer tierischer Überreste. Wer genauer hinschaut, erkennt die Umrisse eines Tieres: Ein kleines
Krokodil, in Paraffinwachs konserviert und mit der
Kennnummer GMH 6074 versehen. Vor 45 Millionen Jahren hat es einmal im 20 Kilometer von Halle
entfernten Geiseltal gelebt. Heute bedecken ein See
und viele Bodenschichten die Fundstelle.
Fünf Eier hatte das Krokodilweibchen gelegt. Doch
bevor die Brut schlüpfen konnte, kam der Tod. Zusammen mit den Eiern versank das Tier im subtropischen Urwald-Sumpf und verhärtete. 1932 wurde
es dann von Geologen im Braunkohlerevier des Gei-
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 t it elt hema
seltals ausgegraben. Warum das Reptil starb, dafür
kann Hastings verschiedene Erklärungsansätze liefern. Noch brennender hat den 31-Jährigen jedoch
interessiert, ob es sich bei diesem Fund tatsächlich
um ein Krokodil bei der Brutpflege handelt. Die
ungewöhnliche Stellung des Tieres – zusammengekrümmt neben den Eiern – sei ein starkes Indiz, so
Hastings. Selbst im Angesicht des Todes hat das Tier
anscheinend noch über seine Eier gewacht. Wann
Krokodile damit begonnen haben, sich nach der Eiablage um ihren Nachwuchs zu kümmern, ist noch
Gegenstand der Forschung. Das Geiseltal-Fossil
könnte hier eine Wissenslücke schließen. „Bislang
ist noch kein Krokodil aus dem Eozän dokumentiert,
das seine Brut pflegte. Dieser Fund ist der erste
und einzige Beleg dafür“, sagt der Reptilienexperte. Für Entdeckungen wie diese ist er nach Halle
gekommen.
„Ich wollte in Europa forschen, denn hier hat die Paläontologie ihren Ursprung“, erklärt Hastings. Und
am Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen (ZNS), zu dem auch die Geiseltal-Sammlung
gehört, suchte man gezielt nach internationaler
Expertise. Ein Reptilienkenner sollte es sein, bevorzugt aus einem der Länder, in denen Paläontologen
heute mit modernsten Methoden arbeiten. „Wir
wünschen uns vermehrt international publizierte
Fachartikel zu Themen des eozänen Geiseltals“, sagt
Dr. Frank Steinheimer, Leiter des ZNS. Alexander
Hastings konnte all diese Wunschkriterien erfüllen.
Der Postdoktorand, den Dinosaurier schon als Kind
faszinierten, ist auf Fossilien des Eozäns spezialisiert. Als Mitentdecker und Erstbeschreiber einer
Riesenboa und einer bis dahin unbekannten Krokodilart hat er in der Fachwelt unter anderem mit Veröffentlichungen in „Nature“ für Aufsehen gesorgt.
Als Stipendiat der Kulturstiftung des Bundes konnte
er im Juni 2013 zunächst für anderthalb Jahre nach
Halle geholt werden. Dank einer Nachfolgeförderung ließ sich sein Aufenthalt um sechs Monate
verlängern. Im Dezember 2014 hat er zusätzlich
200.000 Euro der Volkswagenstiftung erhalten, um
im Rahmen der Initiative „Forschung in Museen“
weitere Geiseltalfunde untersuchen, beschreiben
und katalogisieren zu können. In den USA hatte
der Postdoktorand zuletzt am Florida Museum of
Natural History geforscht und an Ausstellungen für
ein großes Publikum mitgewirkt. Der Gegensatz zu
seinem Arbeitsplatz in der Neuen Residenz, erbaut
im Jahr 1531, könnte kaum größer sein. Seit das
Geiseltalmuseum dort im Jahr 2011 seine Pforten
schloss, sind Exponate wie Krokodile oder Urpferdchen nur noch zu besonderen Anlässen wie zur Langen Nacht der Wissenschaften zu sehen. Forschern
Vermessen, mikroskopieren,
dokumentieren: Alexander
Hastings in seinem Arbeitsraum in der neuen Residenz.
(Fotos: Markus Scholz)
7
8
t it elt hema s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
sind die Funde zwar weiterhin zugänglich, dauerhaft
aber arbeiten nur Hastings, Fachpräparator Michael
Stache und Dr. Meinolf Hellmund, Kustos der Geiseltalsammlung, noch in den Museums-Räumen. Ein
erster Teil der geschätzten 50.000 Fossilien soll in
wenigen Monaten, sorgfältig verpackt, zur Zoologischen Sammlung in das ZNS-Magazin am Domplatz
4 umziehen. Hier können die Sammlungsstücke
fachgerecht und sicher gelagert werden.
Detailaufnahme von einem
der fünf Krokodileier
(Foto: Markus Scholz)
Hastings vergleicht die Sammlung gern mit einem
schlafenden Dornröschen, das noch immer vor sich
hin schlummert. Ihr Wert ist fraglos groß: Hunderte
neue Tier- und Pflanzenarten, darunter auch das berühmte Urpferdchen, wurden im Geiseltal entdeckt.
Ein ganzes Säugetier-Zeitalter ist nach diesen Funden benannt. Das Geiseltalium im Mittleren Eozän,
vor 48 bis 40 Millionen Jahren, ist Paläontologen in
aller Welt ein Begriff.
Als Geologen der Universität das Krokodil, das Hastings jetzt beschäftigt, ausgruben, erkannten sie
bereits, dass es sich dabei um ein Reptil mit Eiern
handelte. Die Tragweite ihrer Entdeckung jedoch
erkannten sie nicht. „Damals begnügte man sich mit
der reinen Beschreibung“, sagt Frank Steinheimer.
Sehr genau sei dokumentiert worden, wo und in
welchem Zustand man die Fossilien fand. Heute wollen es Paläontologen aber genauer wissen, erklärt
Hastings: „Wir wollen die Funde in ihrem Kontext
betrachten. Wie war das Ökosystem beschaffen, in
dem das Tier damals gelebt hat? Wie und wovon hat
es sich ernährt und was hat zu seinem Tod geführt?“
Die Geiseltalsammlung eigne sich besonders gut zur
Erforschung der Ökologie des Eozäns. Die Funde,
die allesamt in Halle lagern, bilden eine Zeitspanne
von mehreren Millionen Jahren ab, sodass Veränderungen innerhalb des Ökosystems nachvollzogen
werden können. „Eine so gut erhaltene, vollständige Sammlung aus dem Eozän ist einmalig“, sagt
Hastings mit der Begeisterung des Fachmanns, der
nichts lieber tut, als in akribischer Feinarbeit urzeitliche Knochen zu analysieren.
Als Student, Doktorand und Dozent hat der 31-Jährige an Universitäten in Florida, Georgia und Pennsylvania Methodenwissen gesammelt, das er jetzt in
Halle anwendet. An seinem Arbeitsplatz misst, dokumentiert und digitalisiert Hastings alle Daten, die
sein Untersuchungsgegenstand preisgibt. Zum ersten Mal werden dank Hastings in Zusammenarbeit
mit dem Fachpräparator Michael Stache GeiseltalFossilien in dreidimensionalen Computergrafiken visualisiert. So lässt sich ihre Form und Beschaffenheit
sehr genau mit der anderer Funde vergleichen. „Da-
A u s de r M or g e n dä m m e r ung :
P f e r de jag e n de K r okodil e un d R i e s e n vö g e l
Ab 6. März kann jeder gemeinsam mit Urpferdchen, Sägezahnkrokodilen und anderen ausgestorbenen Arten durch das Geiseltal von vor 45 Millionen Jahren spazieren. In der Leopoldina in Halle
präsentiert das ZNS die eindrucksvollen Fossilien, wie sie noch nie zuvor zu sehen waren. Dank
Computeranimationen und interaktiven Medien können Besucher die Dynamik des urzeitlichen
Lebens nachempfinden und dadurch Evolutionsvorgänge verstehen lernen. Das Projekt ist für
verschiedene Altersgruppen konzipiert, kleinere Kinder erfahren die Inhalte auf ihrer eigenen
Sichtebene. Die zweisprachige Schau, finanziert von der Kulturstiftung des Bundes und in Kooperation mit der Leopoldina - der Nationalen Akademie der Wissenschaften, ist für ein internationales Publikum, für Wissenschaftler und regionale Besucher gleichermaßen konzipiert. Die
Schau ist vom 6. März bis zum 29. Mai 2015, Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr in der Leopoldina
am Jägerberg 1, 06108 in Halle zu sehen.
cb
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 t it elt hema
durch können wir feststellen, wie sich bestimmte
Arten allmählich an Veränderungen des Ökosystems
angepasst haben.“ Langfristig sollen alle Geiseltalfossilien auf diese Weise einmal in einer Datenbank
erfasst und beschrieben werden – ein Projekt, das
Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnte.
Mit Hilfe von Kustos Meinolf Hellmund hat Hastings
wichtige Vorarbeiten geleistet: Er hat eine digitale
Karte der Fossilienfundorte rund um das Reptilweibchen angefertigt. In der Fachliteratur hat er über das
Ökosystem und die Klimabedingungen zur damaligen Zeit im Geiseltal nachgelesen und untersucht,
welchen Einflüssen das Tier ausgesetzt war. Er recherchierte zu fossilen Belegen von Brutpflege und
prüfte das Fossil auf die verschiedenen möglichen
Todesursachen hin. Die Ergebnisse sollen im Fachjournal „Palaios“ veröffentlicht werden. In seinem
Beitrag kommt Hastings zu dem Schluss, dass im Fall
von GMH6074 ein Temperaturabfall die wahrscheinlichste Todesursache ist. Denn Krokodile reagieren
auf Klimaschwankungen besonders empfindlich.
Als Kaltblüter wirkt sich ein kaltes Klima direkt auf
ihre Köpertemperatur aus. „Das Weibchen hat sich
offenbar bemüht, als es kälter wurde, zumindest die
Temperatur der Eier möglichst lange zu halten“, sagt
Hastings. Der Fund ist nur einer unter vielen, die ihn
zurzeit beschäftigen. Der Paläontologe arbeitet an
mehreren Fachartikeln, in denen er verschiedenen
Rätseln der Sammlung auf den Grund geht. „Eine
spannende Frage ist zum Beispiel, wie sich fünf
verschiedene Krokodilarten denselben Lebensraum
teilen konnten. Bislang sind uns nur Funde bekannt
von Orten, wo maximal zwei – im nördlichen Südamerika eventuell drei – verschiedene Arten am
selben Fleck leben. Auch hier ist das Geiseltal eine
bedeutsame Ausnahme.“
Auch auf andere Weise sollen die wertvollen Schätze aus Halle bald wieder stärker in den Blick der
Öffentlichkeit rücken. Gemeinsam mit Meinolf
Hellmund bereitet Alexander Hastings zurzeit eine
große Ausstellung in der Leopoldina vor, die urzeitliche Sägezahnkrokodile, Riesenvögel und andere
Tiere aus dem Geiseltal zeigen wird, wie sie noch
nie zuvor zu sehen waren.
Corinna Bertz
Link zur GeiseltalSammlung: www.geiseltalmuseum.de
ZNS-Webseite: www.
naturkundemuseum.unihalle.de
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Sammeln für Lehre und Forschung
Seit mehr als 14 Jahren gibt es das Universeum, ein Netzwerk europäischer Universitätsmuseen und –sammlungen. Iberoromanist Prof. Dr. Thomas Bremer ist Gründungspräsident und war bis 2011 Sprecher des Netzwerks. Im Interview spricht er über die Geschichte und den Wert von akademischen Sammlungen.
Prof. Dr. Thomas Bremer
(Foto: Uta Tintemann)
Zur Langfassung des
Interviews:
www.magazin.uni-halle.
de/16939
An vielen Universitäten finden sich akademische
Sammlungen. Wie sind sie entstanden?
Thomas Bremer: Die Sammlungen sind ursprünglich
aus der Idee entstanden, Material für den Unterricht zu haben. Beispielsweise wurden in der Haustiersammlung Skelette gesammelt, um Studenten
daran die verschiedenen Entwicklungsstufen zu
erklären. Und eine Antikensammlung ist aus der
Frage nach der Materialität entstanden, um zu zeigen, wie antike Vasen bemalt waren oder wie antike
Münzen aussehen. Manchmal handelt es sich aber
auch um Gebrauchsgegenstände. Das ist ein klassisches Phänomen alter Universitäten: Manche Dinge
werden nicht mehr gebraucht, aber auch nicht weggeworfen, sondern zur Seite gelegt. Zum Beispiel ein
medizinisches Gerät: Man hebt das alte auf, falls das
neue mal nicht funktioniert.
Was unterscheidet akademische Sammlungen von
beispielsweise regionalen Sammlungen?
Eine Universitätssammlung ist gewissermaßen die
akademische Anwendung der Wunderkammer. Sie
hat weniger Museumscharakter, sondern dient
einem didaktischen Zweck und der Forschung.
Manchmal auch in überraschenden Zusammenhängen, etwa bei der Rekonstruktion ausgestorbener
Tiere und Pflanzen. Es gibt im Moment ein relativ
großes Interesse der Öffentlichkeit für Ausstellungen von akademischen Sammlungen. Freiburg und
Tübingen haben Unimuseen eröffnet. In Halle sieht
man das an Veranstaltungen wie der „Langen Nacht
der Wissenschaften“, wenn lange Schlangen zum
Beispiel vor den Meckelschen Sammlungen stehen.
Entstehen auch heute noch neue Sammlungen?
Es gibt Gebiete, in denen erst heute gesammelt
wird. Jüngere technische Unis wachen gerade verstärkt auf: Wenn potenziell interessante Gegenstände entsorgt werden sollen, schreiten Sammlungsbeauftragte ein. In den Kulturwissenschaften
gibt es derzeit einen ganzen Materialitätsdiskurs,
unter anderem mit einem Boom an ethnologischen
Sammlungen, auch an Fotografien. Jedoch sind
Hochschulen in ganz Europa schlecht finanziert,
Sammlungen werden nicht ergänzt. Und überall das
gleiche Problem: Viele Sammlungen sind verstreut,
stehen in Kellern, auf dem Speicher, in klimatisch
nicht geeigneten Räumen.
Interview: Sarah Huke
Bil dband z eig t h i st or i sc h e n A uf na h me n
de s Haust i er g a rt ens
Den Alltag der Tierzucht im 19. und 20. Jahrhundert an der Uni zeigt ein neuer Bildband. Rund 50 historische Aufnahmen dokumentieren die Arbeit und
das Leben im ehemaligen Haustiergarten der MLU. Unter www.magazin.unihalle.de/16940 stellt die Autorin Dr. Renate Schafberg einige Bilder und ihre
Geschichten in einer Audioslideshow vor. Der Bildband "Zucht und Ordnung.
Historische Fotoglasplatten aus dem ehemaligen Haustiergarten der MLU"
kann für 19,50 Euro per Mail an freunde@landw.uni-halle.de bestellt werden.
ISBN: 978-3-940744-58-6.
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Eine Aufnahme aus dem Bildband: Wurf mit sieben
Ferkeln vom 12. Februar 1912 (Foto: Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen der MLU)
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 t it elt hema
Knochenkopien aus Schaumstoff: Die CNC-Fräse in
Aktion
(Foto: Tom Leonhardt)
Fräse und 3D-Scanner:
Die fleißigen Helfer des Präparators
Im Büro von Michael Stache ist es nie wirklich still.
Im Hintergrund ist ein Brummen zu hören. „Das ist
die CNC-Fräse, die gerade die Kopien von Knochen
in 3D herstellt“, erklärt der paläontologische Präparator im Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher
Sammlungen (ZNS). 20 Kilometer habe der Fräskopf
seit der Anschaffung vor einem Jahr schon zurückgelegt und dabei über 500 Objekte hergestellt.
Gerade lässt Stache die Knochenkopien für den
ausgestorbenen Laufvogel Gastornis aus Schaumstoff ausschneiden. Der Schädel des 1,60 Meter
hohen Vogels, der vor rund 45 Millionen Jahren im
heutigen Geiseltal gelebt hat, liegt fast fertig auf
dem Tisch seiner Werkstatt. „Am Schnabel muss ich
jetzt noch einige Details per Hand nacharbeiten.“
Nach der Feinmodellierung werden Schädel und
alle anderen Teile eingefärbt und mit einer Schicht
Epoxydharz überzogen. So werden die Ausstellungsstücke haltbar gemacht.
Früher hätte Stache für so ein Objekt Wochen gebraucht. Heute dauert die Herstellung mitunter nur
noch wenige Tage: Zuerst muss das gewünschte
Objekt eingescannt werden. Zum Abscannen verwendet der Präparator einen kleinen 3D-Scanner,
mit dem er das an Stricken aufgehängte Objekt
abfahren kann. „Der ganze Vorgang dauert an sich
nur wenige Minuten.“ Danach werden die Daten an
den Rechner übertragen, der damit ein 3D-Modell
berechnet. Je nach Größe des Objekts kann die
Berechnung bis zu acht Stunden in Anspruch neh-
men. „Danach wird das fertige Modell an die Fräse
übergeben, die dann aus Schaumstoffblöcken das
gewünschte Objekt schneidet.“
Als Präparator ist Stache eigentlich für die Konservierung und Sammlungsbetreuung der vielen Fossilien zuständig, die im ZNS lagern. Das Anfertigen
von Modellen für Ausstellungen, Sammlungen und
für Forschungsfragen sei nur ein kleiner Teil seiner
Arbeit, der aber bis vor wenigen Jahren viel Zeit in
Anspruch genommen habe.
An schnell und relativ einfach anzufertigende dreidimensionale Modelle mit der Hilfe eines 3D-Scanners
oder einer Digitalkamera sei damals noch nicht zu
denken gewesen. Stattdessen mussten Abdrücke
mit Silikon genommen werden, was nicht nur extrem zeitaufwendig war, sondern auch schädlich für
die Fossilien sein konnte. Dann mussten die Modelle
händisch angefertigt werden, da es keine Fräse gab,
die bis auf wenige Millimeter genaue Teile herstellen konnte.
Einen Großteil der Arbeit für die Modellierung verbringt Präparator Michael Stache aber gar nicht in
der Werkstatt, sondern am Bildschirm: „Bevor ich
mit der konkreten Arbeit anfangen kann, muss ich
mir erst ein Bild davon machen, wie das Tier ausgesehen haben könnte“, erklärt er. Aus einem flachgedrückten Fossil genaue Einzelheiten über den Körperbau eines ausgestorbenen Tieres zu lesen, dafür
braucht es viel Erfahrung, Recherche und eben auch
Zeit.
Tom Leonhardt
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var ia s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
var ia
Der Bücher-Kubus
Im Februar beziehen Anglisten, Germanisten, Romanisten und Slawisten als Erste den Steintor-Campus. Ab
Juli sollen weitere Institute und die Zweigbibliotheken der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) folgen.
Die Bibliothek mit den gelben Ziegeln prägt das Bild vom neuen Campus. Der Blick ins Innere des fast 18
Meter hohen Kubus offenbart viel Tageslicht, helles Holz und Arbeitsplätze, die wie Balkone in zwei Lichthöfe
hineinragen.
Im größten Lichthof des
Gebäudes führt eine Treppe zu
den vier Etagen voller Bücherregale. (Foto: Markus Scholz)
Das Gebäude an der Ecke Ludwig-Wucherer- /
Emil-Abderhalden-Straße ist von der Straßenseite
und über einen zweiten, zum Campus-Innenhof
gelegenen Eingang erreichbar. Wer die Bibliothek
betritt, gelangt durch den Eingangsbereich mit Infotresen in den größten von insgesamt drei Lichthöfen. Selbst an grautrüben Wintertagen sorgt hier
das schräge Glasdach bis in die unteren Ebenen
für Helligkeit. Über dem Glas sind Lamellen ange-
bracht, die sich bei zu viel Sonnenlicht automatisch
neigen, um Schatten zu spenden und zugleich Wärme abzuwehren. Ein hinter hellem Holz verstecktes
Lüftungssystem sorgt im Sommer zusätzlich für das
richtige Klima. Ein Novum ist die Beleuchtung bei
Nacht: Als erstes Gebäude der Universität Halle ist
die Bibliothek komplett mit LED-Lampen ausgestattet. „Niemand wird den Eindruck haben, dass
es hier zu dunkel ist“, sagt Projektleiter Alexander
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 var ia
Keck. Weiße Treppen und Stege führen vom Erdgeschoss zu den vier Etagen voller Bücherregale. Als
Pfeiler sollen die Bücher, so die Idee der Architekten, optisch das ganze Gebäude tragen. Dort wo die
Bücherreihen an der Ost- und Westseite des Baus
enden, schließen sich zwei weitere Lichthöfe an:
Gruppen- und Einzelarbeitsplätze sind unter dem
hohen Glasdach wie Balkone über mehrere Etagen
versetzt angebracht. Diese beiden Bereiche mit
insgesamt 155 Arbeitsplätzen werden durch die
Bücherregale im Mittelteil akustisch voneinander
getrennt.
Noch sind die Regale leer und die Buchungsterminals in Plastikfolie gehüllt. Doch viel ist nicht mehr
zu tun, bevor Dr. Dorothea Sommer und ihre Mitarbeiterinnen die insgesamt 800.000 Bücher aus den
sieben Zweigbibliotheken in den Neubau einsortieren können. Der Vorteil liegt auf der Hand: Anstatt
sich Literatur in den verschiedenen Bibliotheken,
die über die ganze Stadt verteilt sind, zusammensuchen zu müssen, werden bald fast alle Bücher
in einer vereint: „80 Prozent der geistes- und sozialwissenschaftlichen Bestände aus den Zweigbibliotheken werden in der Freihandbibliothek vor
Ort zugänglich sein“, verspricht die Amtierende Direktorin der ULB. Ältere Bestände aus der Zeit von
1870 bis 1945 und Sonderbestände sollen in dem
im Gebäude befindlichen Kompaktmagazin gelagert
werden. Historische Bücher aus der Zeit vor 1850
werden in das Außenmagazin der ULB verlagert und
können künftig im Lesesaal der Zentralen Bibliothek
konsultiert werden.
Über 80 Umzüge hat Sommer in den vergangenen
Jahren im Zuge von Zentralisierungsmaßnahmen
schon mit diversen Bibliotheksbeständen bewältigt. „Aber das hier ist der größte“, sagt sie. Eine logistische Mammutaufgabe, die seit Jahren
vorbereitet wird. Bereits lange vor dem Umzug
mussten die Buch- und Zeitschriftenbestände abgeglichen, retrokatalogisiert, ausgemessen und der
Belegungsplan entworfen werden, der die neuen
Standorte jedes Buches ausweisen soll. Ende Juli
soll der eigentliche Bücherumzug beginnen. Am
liebsten würde die ULB-Direktorin noch früher in
den Neubau, um für die komplexe Aufgabe mehr
Vorbereitungszeit und Platz für notwendige Sortierarbeiten zu haben und dann zum Herbstsemester mit einem funktionierenden Betrieb öffnen zu
können. Selbst wenn die Bücher im Wintersemester
2015/16 schließlich in der neuen Bibliothek stehen,
ist die Einrichtung der neuen Bibliothek noch nicht
abgeschlossen: Denn wenn künftig ein Buch am
neuen Standort zum ersten Mal ausgeliehen und
anschließend wieder zurückgegeben wird, kommt
es nicht sofort wieder zurück ins Regal, sondern
erhält eine neue Signatur nach der Regensburger
Verbundklassifikation. „Auf diese Weise werden
wir die disparaten historisch gewachsenen und sich
fachlich überschneidenden Klassifikationen in den
Zweigbibliotheken allmählich ablösen und in eine
einheitliche und auch in anderen deutschen Biblio-
Einer der künftigen Gruppenarbeitsplätze unter dem Glasdach. Tische und Stühle fehlen
noch. (Foto: Markus Scholz)
theken erprobte fachlich gegliederte Aufstellungssystematik für Freihandbibliotheken überführen“,
erläutert ULB-Direktorin Sommer. Auch in andere
Hinsicht werden in dem Bibliotheksbau neue Standards gesetzt: Erstmals können Studierende an
Buchungsterminals ihre Bücher selbst ausleihen.
Über Infoterminals werden sich die Nutzer zudem
auf jeder Etage darüber informieren können, wo
sich ein Buch befindet.
Die Zusammenarbeit der Bibliotheksmitarbeiter
wird sich ebenfalls neu gestalten: Statt allein oder
zu zweit arbeiten die 15 Bibliotheksmitarbeiter
demnächst enger zusammen. Dazu seien Prozesse
der Teambildung geplant. „Manche Mitarbeiter
verfügen über spezielle Kenntnisse – beispielsweise
bestimmte Sprachkenntnisse – und diese werden
bei der Buchbearbeitung künftig auch besonders
berücksichtigt“, sagt Sommer.
Corinna Bertz
Mehr Bilder aus der
Bibliothek im Onlinemagazin: www.magazin.
uni-halle.de/16941
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Auf Tuchfühlung mit Oxford
Prof. Dr. Stephan Feller
(Foto: M. Deutsch)
Die nächste International
Lecture hält Prof. Dr.
Stefan Knapp von der
Universität Oxford am
9. Februar. Die Veranstaltung ist öffentlich
und findet um 19 Uhr
in englischer Sprache im
Stadthaus am Marktplatz
statt. Infos unter:
http://bit.ly/halle-ox
Oxford und Halle werden noch nicht allzu häufig in
einem Atemzug genannt. In diesem Jahr wird sich
das ändern: Mit einem Vortrag des Krebsforschers
Dr. Eric O’Neill startete am 12. Januar eine Vorlesungsreihe der Medizinischen Fakultät, die künftig
regelmäßig Spitzenforscher aus Oxford nach Halle
holt. Damit beginnt ein Austausch, der bald auch
Studierenden einen Laboraufenthalt in Oxford ermöglichen soll.
„Die Idee ist, Wissenschaftler aus Oxford und Halle
miteinander ins Gespräch zu bringen“, erklärt Prof.
Dr. Stephan Feller, Mitinitiator der Reihe mit dem
Titel International Lectures Series – Disease Biology
and Molecular Medicine. „Die Briten sind neugierig.
In Oxford ist Halle den meisten, mit Ausnahme einzelner sehr starker Forschungsbereiche, kein Begriff.
Dabei gibt es hier eine traditionsreiche Universität,
die Leopoldina und vieles mehr.“ Der Tumorbiologe
ist gespannt, wie das Angebot von Universität und
Stadt angenommen wird. „Meine Hoffnung ist, dass
wir gemeinsame Anknüpfungspunkte für Projekte
finden, durch die unsere Zusammenarbeit langfristig wachsen kann.“
Feller hat einen direkten Draht zur ältesten Uni
Großbritanniens. Zwölf Jahre lang lehrte und forschte der Deutsche in Oxford, bevor er 2013 an den
Weinberg-Campus kam. In Halle, wo sein Vater einst
Medizin studierte, wird er im neu entstehenden Proteinzentrum den Forschungsschwerpunkt „Molekulare Medizin und Signaltransduktion“ mit aufbauen.
Stephan Feller will den wissenschaftlichen Austausch persönlich und unbürokratisch gestalten. Er
hofft auf intensive Diskussionen in lockerer Atmosphäre und hat sich dazu von seiner Zeit in Oxford
inspirieren lassen: Zum Speakers‘ Dinner mit den
Referenten sind interessierte, leistungsstarke Studenten und Postdoktoranden ebenso eingeladen
wie Hochschullehrer. Auch interessierte Fachleute
aus der Region können die Gäste direkt zum Gespräch treffen.
Die Kooperation mit Oxford soll auch über die Vorlesungsreihe hinausgehen: Gemeinsame Forschungsprojekte oder gemeinsam betreute Doktorarbeiten
seien denkbar. Noch in diesem Jahr soll ein Student
oder Promovend in der Biomedizin die Chance erhalten, drei bis sechs Monate in einem Labor an der
University of Oxford Erfahrungen sammeln zu können. Vom Interesse der Gegenseite ist Feller überzeugt: „Gemeinsame Forschungsprojekte wären für
beide Seiten ein Gewinn, auch in England ist man
durchaus an gemeinsamen Finanzierungen interessiert. Außerdem haben die deutsche Forschung und
Absolventen aus Deutschland im englischsprachigen
Ausland einen guten Ruf.“
Corinna Bertz
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Jungesellen Art
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Baustart für Proteinzentrum am Weinberg-Campus
Die Bauarbeiten haben begonnen: Am 18. Dezember 2014 wurde der Grundstein für das neue Proteinzentrum am Weinberg-Campus gelegt. Rund 40
Millionen Euro wird das moderne Laborgebäude
kosten, getragen je zur Hälfte von Bund und Land.
Der Bau an der Wolfgang-Langenbeck-Straße soll
Ende 2016 fertiggestellt werden. Auf 5.500 Quadratmetern wird der viergeschossige Neubau einmal
13 Arbeitsgruppen des Forschungsschwerpunkts
Proteinbiochemie Platz bieten. Das Proteinzentrum
soll den Biochemikern, Biologen, Medizinern und
Pharmazeuten bessere Forschungsbedingungen für
fachübergreifende Arbeiten bieten. Es wird nach
Charles Tanford benannt, der als Karl Tannenbaum
in Halle geboren wurde. Tanford gilt als ein Pionier
der Proteinforschung.
cb
Vertreter von Uni, Stadt und
Land bei der Grundsteinlegung für das Proteinzentrum
(Foto: Maike Glöckner)
Dieter Körholz ist Prorektor für Studium und Lehre
Am 12. November 2014 hat der Akademische Senat Prof. Dr. Dieter Körholz zum neuen Prorektor
für Studium und Lehre der MLU gewählt. Mit 19
von 23 abgegebenen Stimmen folgte das Gremium
dem Vorschlag von Rektor Prof. Dr. Udo Sträter. Der
neue Prorektor gehört nun dem Rektorats-Team
für die Amtszeit bis 2018 an. Dieter Körholz ist seit
2006 Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik
für Kinder- und Jugendmedizin und war von 2010
bis 2014 Studiendekan der Medizinischen Fakultät
der MLU. Unter seiner Leitung wurde das klinische
Curriculum für Medizinstudierende in Halle grundlegend reformiert. Auch das Dorothea-Erxleben
Lernzentrum hat er mit aufgebaut. Sein wissen-
schaftlicher Schwerpunkt ist die Erforschung des
Hodgkin-Lymphoms im Kindes- und Jugendalter. In
einer kurzen Rede vor dem Senat skizzierte Körholz
am Tag der Wahl seine Vorstellungen zur Weiterentwicklung von Studium und Lehre an der MLU. Er
wolle Rahmenbedingungen für eine leistungsorientierte Mittelvergabe in der Lehre schaffen und die
Studienprogramme an der gesamten Universität
akkreditieren lassen. Weiterhin sei es sein Ziel, Studienprogramme stärker aufeinander abzustimmen
und zu vernetzen. Hier sei auch die Evaluation von
Modulen oder Lehrveranstaltungen von Bedeutung.
Stärker interdisziplinär gestaltete Programme seien
ebenso wünschenswert, sagte Körholz.
cb
Der neue Prorektor Prof. Dr.
Dieter Körholz (Foto: Univeritätsklinikum Halle)
Universität nimmt drei neue Primegymnasien auf
Drei Schulen aus Bad Belzig, Gräfenhainichen und
Halle sind neue „Martin-Luther-Universität PrimeGymnasien“. Anläßlich dieser Neuafnahme haben
im November 2014 auch die 21 Schulen, mit denen
die Universität diese Form der engen Kooperation
bereits pflegt, neue Verträge unterzeichnet.
Zwei Premieren waren mit der Neuaufnahme verbunden: Als erstes Brandenburger Prime-Gymnasium ist das Fläming-Gymnasium Bad Belzig dabei.
Die Kooperative Gesamtschule „Wilhelm von Humboldt“ Halle beteiligt sich als erste Gesamtschule an
dem Projekt. Der dritte neue Partner ist das PaulGerhardt-Gymnasium Gräfenhainichen.
Mehr als 700 Schüler haben 2014 durch die PrimeGymnasien-Kooperation die Universität Halle kennengelernt – meist im persönlichen Gespräch mit
Studierenden, Studienberatern oder Lehrenden.
Voraussetzung für die Aufnahme als Prime-Gymnasium ist, dass die Schulen nachweislich ein Förderprofil besitzen und ihre Schüler beispielsweise mit
Angeboten zur Studienvorbereitung und -orientierung unterstützen.
cb
Mehr über die neuen
PrimeGymansien und ihre
Projekte mit der MLU
unter: www.magazin.
uni-halle.de/16873
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var ia s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
„Bitte einmal gemischten Sprachsalat …“
die s m al s pez iell für „ers t is “
mit akademischem basisw issen, t eil 2
Zeichnung: Oliver Weiss
Schon geht das Wintersemester zu Ende, die Erstis sind bald keine mehr. Wer von Ihnen sich wohl
schon einmal in der Zentralen Kustodie der Universität umgeschaut hat? Das Wort stammt aus
kirchlichem Kontext: Der Kustos war der Wächter
des Kirchenschatzes, ein kleiner Ordensbezirk hieß
Kustodie. Diese ist verantwortlich für alle universitären Museen und Sammlungen, deren Pflege,
wissenschaftliche Bearbeitung und Präsentation.
Kustoden sind Hüter und Bewahrer von Kunst und
Wissenschaft.
Höchste Zeit, die Lektion zum akademischen Sprachgebrauch, die in Heft 4/14 begonnen wurde, fortzuführen. Lektionen wurden ursprünglich von Lektoren gehalten (aus lateinisch legere = sammeln,
auswählen, lesen; dazu lectio = das [Vor-]lesen).
Lektor hingegen bezeichnet Fremdsprachen Lehrende an Hochschulen oder Verlagsmitarbeiter, die
Manuskripte und Autoren betreuen. Manchmal hört
man, jemand habe sein Pensum (noch nicht) erfüllt.
Die Bedeutung einer bestimmten Menge an Arbeit
oder Lehrstoff bekam das Wort erst im 17. Jahrhundert, vorher war es nur die einer Spinnerin für ihre
Tagesarbeit zugeteilte, abgewogene Wollmenge
(von pendere = [ab-]wägen, an die Waage hängen,
auch beurteilen). Wer also sein Pensum geschafft
hat, kann den zum Semesterende anstehenden
Klausuren und Testaten ruhig entgegensehen. Die
Klausur wurzelt im Kirchenalltag: Sie entstand im
15. Jahrhundert aus clausura = abgeschlossener
Bereich des Klosters, Einsamkeit; später wurde daraus eine unter Aufsicht zu schreibende schriftliche
Prüfungsarbeit. Testate nennt man mündliche oder
schriftliche Prüfungen in natur- und geisteswissenschaftlichen Studienfächern.
Sind diese bestanden, führt der akademische Weg
(Akadēmeia hieß der Hain des attischen Heros Akademos nordwestlich von Athen, wo Platon 387 vor
Christus die älteste Philosophenschule Griechenlands gründete) zu akademischen Titeln: Bachelor
(unterster akademischer Grad, Herkunft umstritten), Master (letzter akademischer Grad unterhalb
des Doktorats). Und was hat es mit der Famulatur
auf sich, dem für Medizin- und Pharmaziestudierende obligaten Praktikum? Darin stecken famulus
und famula, lateinische Benennungen für Gehilfe (so
von Goethe im „Faust“ für Wagner benutzt), Diener,
Knecht/Magd, die ihrerseits verwandt sind mit familia, für Familienangehörige stehen – aber das führt
zu weit.
Margarete Wein
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 var ia
Heilen, aber nicht um jeden Preis
Das oberste Ziel der Medizin ist es, kranke Menschen zu heilen. Doch in einigen Fällen ist das nicht
mehr möglich, zum Beispiel bei schweren Organoder Tumorerkrankungen. Unheilbar kranke Patienten benötigen eine weitere medizinische Betreuung,
in vielen Fällen sogar eine sehr intensive. Dafür ist
am Universitätsklinikum Halle (UKH) seit einem Jahr
das Team von Oberärztin Dr. Lilit Flöther zuständig.
Die Fachärztin für Anästhesie leitet den palliativmedizinischen Konsiliardienst.
Anstelle einer eigenen Station setzen die halleschen
Uni-Mediziner auf ein mobiles Team, das auf Anfrage der Stationsärzte zu bestimmten Patienten
kommt, diese mit behandelt und betreut. Darin
sieht Flöther einen wichtigen Vorteil: „Wir haben
Patienten, die schon seit langer Zeit auf denselben
Stationen in Behandlung sind. Diese müssten für
die Behandlung nicht extra aus ihrem gewohnten
Umfeld herausgerissen werden.“
Die Idee für den Dienst hatte Flöther bereits 2011
– bis dahin gab es noch keine Stelle für Palliativmedizin im UKH. „Das Personal dafür war aber schon
im Haus vorhanden“, erzählt sie. Ziel des Angebots
ist es, „belastende Symptome eines Patienten zu
lindern und damit seine Lebensqualität zu verbessern.“ Palliativmedizin unterscheidet sich insofern
von einer typischen medizinischen Behandlung,
dass in der Behandlung nicht mehr direkt versucht
wird, den Patienten zu heilen. „Manchmal hat es
keinen Sinn, einen Patienten noch mal einer Chemotherapie auszusetzen“, erklärt Flöther. Stattdessen
versuche man, mit bestimmten Medikamenten die
Leiden des Patienten zu lindern. Gleichzeitig sei es
wichtig, den Patienten und seine Angehörigen ganzheitlich zu behandeln. Deshalb arbeiten im Team
von Flöther nicht nur zwei weitere Palliativmediziner, sondern auch speziell ausgebildete Pflegekräfte, Psychoonkologen, Physio- und Maltherapeuten,
Seelsorger und sogar Berater in ethischen Fragen.
Neben medizinischen Fragen zur Behandlung klärt
das Team auch, wie es nach dem Krankenhausaufenthalt weitergeht: Ob der Patient zum Beispiel in
ein Hospiz verlegt wird, oder von den Angehörigen
gepflegt werden kann. Ein weiteres Ziel von Flöther
und ihren Kollegen ist, dass „kein Patient unnötig
lange auf Station liegen muss“. Das sei sowohl für
die Betroffenen von Vorteil als auch für das Krankenhaus. Das Angebot werde von den Klinikärzten
sehr gut aufgenommen, erzählt Flöther stolz: „Wir
bekommen sehr viele Anfragen von den Stationen.
Teilweise haben wir sogar eine Warteliste für Patienten.“
Tom Leonhardt
Seit Februar 2014 mobil im
Einsatz: Der palliativmedizinische Konsiliardienst
am UKH unter Leitung von
Oberärztin Dr. Lilit Flöther
(Mitte, Foto: UKH)
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Selbsttäuschung
als Normalzustand?
Unerfüllte Liebe, die eigene Leistungsfähigkeit und Placebo-Effekte: Wir Menschen belügen uns häufig, obwohl
wir es besser wissen müssten. Für den Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Gerd Antos vom Germanistischen Institut
ist Selbsttäuschung sogar ein Normalfall in Gruppen und ganzen Gesellschaften. In dem Buch „Die Rhetorik der
Selbsttäuschung“ sucht er mit Linguisten, Historikern und Medienwissenschaftlern nach rhetorischen Mustern
für dieses Phänomen. Im Interview erklärt er, wie vielseitig die Selbsttäuschung sein kann.
Selbsttäuschung klappt
allein, aber auch im Kollektiv. Wie, das erforschen
Historiker, Sprach- und
Medienwissenschaftler der
MLU. (Bild: © NLshop /
Fotolia)
Herr Antos, wann haben Sie sich das letzte Mal
selbst getäuscht?
Gerd Antos: Sich in die Tasche zu lügen, darin bin
ich – so fürchte ich – ein wahrer Meister. Sonst
würde ich mich nicht so sehr von diesem Thema
angezogen fühlen. Das beginnt bei der Verniedlichung gesundheitlicher Probleme und endet bei der
Überschätzung der absehbaren Belastungen, etwa
Zusagen bei Publikationen, bei Projektbeteiligungen
oder bei den inzwischen ausgestandenen Belastungen als Dekan.
Das heißt dann, dass auch das Wissen über Selbsttäuschung nicht davor schützt?
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 f or s c h e n un d p ub l i z i e r e n
Wohl leider nicht. Vielleicht ist man etwas vorsichtiger, wenn man die Tücken der Selbsttäuschungen
etwas besser kennt. Aber zu behaupten, man entkäme dem, wäre selbst wieder eine Art der Selbsttäuschung.
Können Sie uns ein Beispiel für kollektive Selbsttäuschung nennen?
Das Ende der DDR! Das war eine ununterbrochene
Kette von Selbsttäuschungen. Wir wissen heute:
DDR-Ökonomen haben dem Politbüro schon in den
1980er Jahren signalisiert, dass die DDR praktisch
pleite sei. Aber nach dem Motto „Was nicht sein
kann, das nicht sein darf!“ hat man diese Warnungen nicht wahrhaben wollen.
Das war doch aber eher eine Täuschung auf oberster Führungsebene.
Nicht nur, auch ein weiter Teil der Bevölkerung hat
ignoriert, was mit Händen zu greifen war. Übrigens
auch weite Teile des Westens. Was uns in einem
DFG-Projekt interessiert: Wie hat man darüber geredet oder darüber bedeutungsvoll geschwiegen?
Wie ist das kollektive Wegschauen sprachlich-rhetorisch inszeniert worden? Wir haben heute allerdings
einen großen Vorteil. Heute sind wir schlauer: Die
Zuschreibung von Selbsttäuschung ist bekanntlich
im Nachhinein oder von einem unbeeinflussten externen Standpunkt natürlich leichter, als wenn man
in Gefahr ist, selber Opfer der eigenen Propaganda
zu werden.
Hat Selbsttäuschung nur negative Aspekte?
Aber nein. In der Medizin kennen wir die heilsame
Wirkung der Selbsttäuschung als Placebo-Effekt.
Selbst die so genannte Schul-Medizin stellt sie bei
ihren Experimenten – etwa um die Wirkung neuer Arzneimittel zu erforschen – systematisch in
Rechnung. Ferner: Wir bezeichnen absehbare oder
tatsächlich eingetretene positive Effekte der Selbsttäuschung als Visionen und bewerten sie mitunter
zurückblickend als kreativ. Mehr noch: Wir setzen
erfolgreichen Selbst- und Fremdtäuschern sogar
Denkmäler, wie Kolumbus.
Wie läuft eine kollektive Selbsttäuschung ab?
Wir brauchen dazu wohl drei Ingredienzien. Am
Anfang steht eine frohe oder schockierende Botschaft, die Kommunikation in Gang setzt: Flugzeuge
verstreuen giftige Chemikalien, um das Wetter zu
beeinflussen oder dann das Klima zu verändern oder
um die Übervölkerung der Welt rückgängig zu machen. Solche unbelegbaren Informationen wachsen
dann leicht zu Verschwörungstheorien aus, wenn
sie zugleich ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl
vermitteln. Und zwar ein Gruppengefühl, das den
Anderen im Extremfall zum Komplizen macht. Das
Dritte: Wir brauchen eine Aura von Gleichgesinnten, die uns zu etwas Unverwechselbarem zu machen scheint. Dann sind ganze Gruppen bereit, ja geradezu süchtig danach, unliebsame Fakten einfach
zu bestreiten oder in Frage zu stellen, sie lächerlich
zu machen, sie auszublenden und damit nicht mehr
wahrzunehmen. Sind sie einmal in einer solchen
Kommunikationsfalle, dann wird es immer schwieriger, aus einer solchen Gruppe wieder auszusteigen.
Prof. Dr. Gerd Antos
(Foto: Maike Glöckner)
Wie reagiert man darauf, wenn man feststellt,
dass man sich selbst getäuscht hat? Mit noch mehr
Selbsttäuschung?
Eine These: Die Mehrheit bleibt dabei, dass es keine
Selbsttäuschung war. Viele Sekten haben schon oft
genaue Daten für den Weltuntergang genannt, der
bisher zum Glück nicht eingetreten ist. Deswegen
haben sich die Sekten aber nicht aufgelöst. Stattdessen sagen sie: Gott hat uns vorerst verschont.
Wir bleiben aber bei unserer Meinung. Und Kognitionswissenschaftler können uns dafür auch gute
Gründe nennen. Es ist psychologisch unglaublich
aufwendig, sich eine Selbsttäuschung einzugestehen. Es ist wichtig, uns selbst einen Sinn zu geben
und auch dabei zu bleiben.
Für wen täuschen wir uns: Für uns oder für andere?
Ich glaube, es hat keinen Zweck, dass wir uns selbst
täuschen. Das passiert einfach bei uns Menschen.
Das ist wie beim Trösten: Sie ändern nicht die Welt,
aber irgendwas passiert und Sie fühlen sich besser.
An den Fakten können Sie nichts ändern, aber Ihre
Wahrnehmung und Ihr Verhältnis haben sich durch
den Trost womöglich komplett verändert. Insofern
hat das Selbsttäuschen keinen Zweck, es wirkt einfach.
Interview: Julius Heinrichs, Tom Leonhardt
Kontakt: Prof. Dr. Gerd Antos
Germanistische Sprachwissenschaft
Telefon: 0345 55 23 600
E-Mail: gerd.antos@germanistik.uni-halle.de
Lesetipp:
Gerd Antos/Ulla Fix/
Bettina Radeiski (Hg.):
Rhetorik der Selbsttäuschung. Berlin 2014, 262
S., 36,00 Euro, ISBN:
978-3-86596-513-4
19
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Zwei Ökologen von Weltrang verstärken das iDiv
Die Neuberufenen
Jonathan Chase (links)
und Stanley Harpole
(Fotos: Maike Glöckner)
Zur iDiv-Webseite:
www.idiv.de
Zwei international renommierte US-Wissenschaftler forschen seit 1. Oktober 2014 am Deutsche
Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung
(iDiv) Halle-Jena-Leipzig. Prof. Dr. Stanley Harpole
wird neuer Leiter des Forschungsbereichs „Physiologische Diversität“. Seine Professur ist Teil der
Kooperation der Martin-Luther-Universität und
wird vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
(UFZ) finanziert. Prof. Dr. Jonathan Chase hat die
gemeinsame Berufung von iDiv und MLU für den
Forschungsbereich „Biodiversitätssynthese“ angenommen. Damit sind am iDiv nun sechs der insgesamt acht Professuren besetzt. Gemeinsam mit
seinem internationalen Team will Stanley Harpole
Mechanismen untersuchen, welche die Artenvielfalt beeinflussen, um Auswirkungen des globalen
Wandels auf die Biodiversität besser vorhersagen zu
können. Dabei geht es auch um die Frage, inwieweit
Arten in der Lage sind auf Umweltveränderungen zu
reagieren. Jonathan Chase und sein Team werden
in Leipzig mit modernster Biodiversitätsinformatik
Daten zur Artenvielfalt sowie zu Ökosystemfunktionen und Umweltfaktoren analysieren. Dazu will der
US-Amerikaner neue Methoden entwickeln, die es
ermöglichen, die biologische Vielfalt auf räumlichen
und zeitlichen Skalen abzubilden, miteinander zu
vergleichen und Vorhersagen zu treffen. So können
grundlegende Fragen zur Entstehung, zu den Konsequenzen und zum Schutz der globalen Biodiversität
besser beantwortet werden.
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Bienenforscher aus Halle veröffentlichen wegweisende Erkenntnisse
Biologen der MLU haben herausgefunden, dass Bienen Heilstoffe des Honigs als Medikament nutzen.
Bienen sind ihrer Studie zufolge in der Lage, sich
selbst vor Infektionen schützen, indem sie die natürlichen Heilstoffe des Honigs nutzen. Kranke Bienen
bevorzugen die Honige, die besonders wirksam gegen Infektionen des Darms sind. Darmkrankheiten
tragen in erheblichem Maße zum Sterben ganzer
Bienenvölker bei. Die Ergebnisse der Forscher sind
im September 2014 im Fachmagazin „Behavioral
Ecology and Sociobiology“ erschienen. Forscher der
Uni waren zudem an einer Studie beteiligt, die sich
mit Gefährdung der Honigbiene in Europa durch
die Erwärmung des Weltklimas beschäftigt und im
November 2014 veröffentlicht wurde. Gemeinsam
mit Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin,
der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung sowie des Deutschen Zentrums für integrative
Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig fanden
sie heraus, dass die Verbreitung eines asiatischen
Honigbienen-Parasiten in Europa durch einen Anstieg der weltweiten Temperaturen begünstigt wird.
Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Proceedings
of the Royal Society B“ veröffentlicht.
cb
Mehr zu den beiden
Studien unter http://bit.ly/
medikament-biene und
http://bit.ly/gefahr-biene
„Experimentierfeld Dorf“: Volkswagenstiftung fördert Forschungsprojekt
Für das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Experimentierfeld Dorf“ erhalten vier Universitäten unter Leitung des halleschen Komparatisten Prof. Dr.
Werner Nell von der Volkswagenstiftung insgesamt
707.000 Euro. Unter dem Titel „Experimentierfeld
Dorf. Die Wiederkehr des Dörflichen als Imaginations-, Projektions- und Handlungsraum“ untersucht
das Projekt insbesondere den sozialen Stellenwert
imaginierter Dörflichkeit aus verschiedenen Perspektiven. Das Vorhaben wird über drei Jahre finanziert.
Dass gegenwärtig auf der einen Seite Bilder neuer
Ländlichkeit in den Medien boomen, wie die Magazine „Landlust“ und „Landleben“ zeigen, und auf der
anderen Seite ganze Landstriche vom Aussterben
bedroht sind, bildet einen der vielen Ausgangspunkte
der Beobachtungen. „Wann, wo und wie bestimm-
te Bilder des Dörflichen erzeugt oder aber wieder
aufgenommen werden, verweist jeweils auch auf
die verschiedensten Erfahrungen, Erwartungen und
Ansprüche, die eine Gesellschaft in einer spezifischen Situation bewegen“, sagt der Literaturwissenschaftler Werner Nell. An den Standorten der vier
beteiligten Universitäten in Halle, Konstanz, Postdam
und Weimar sind eine Reihe von öffentlichen Workshops, Tagungen und Vortragsreihen geplant. Deren
Ergebnisse werden in der von Werner Nell und Marc
Weiland gegründeten Buchreihe Rurale Topografien
im Bielefelder Transcript-Verlag veröffentlicht.
Ein erster umfangreicher Band ist dort bereits
in Sommer erschienen (ISBN 978-3-8376-2684-1).
Aktuelle Informationen über das Projekt unter:
www.dorfatlas.uni-halle.de.
mab
WissenschaftsCampus Halle wird
weitere vier Jahre gefördert
Hugo-Junkers-Preis geht nach Halle:
Erster Platz für Verovaccines
Der WissenschaftsCampus Halle – Pflanzenbasierte
Bioökonomie (WCH) kann seine Arbeit nun um weitere vier Jahre fortsetzen. Im Dezember 2014 hat die
Leibniz-Gemeinschaft über eine Verlängerung der
Förderung des Campus entschieden. Die Kooperation wird seit 2012 durch die Leibniz-Gemeinschaft,
das Land Sachsen-Anhalt und die MLU gefördert. Am
WCH forschen Wissenschaftler aus den Pflanzen-,
Agrar-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und
der Biotechnologie gemeinsam an Themen der pflanzenbasierten Bioökonomie.
cb
Das Team Verovaccines von der Martin-Luther-Universität hat im Dezember 2014 den mit 10.000 Euro
dotierten Hugo-Junkers-Preis 2014 für das innovativste Vorhaben der Grundlagenforschung in SachsenAnhalt erhalten. In Magdeburg nahmen Prof. Dr.
Karin Breunig, Prof. Dr. Sven-Erik Behrens und Dr.
Hanjo Hennemann den Preis des Ministeriums für
Wissenschaft und Wirtschaft entgegen. Die Forscher
entwickeln Tierimpfstoffe aus Milchhefe, die weniger
riskant und in der Herstellung kostengünstiger sind
als herkömmliche Impfstoffe.
cb
Mehr zur Publikation "Imaginäre Dörfer":
http://bit.ly/doerfer
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(fac h-) l it eratur fabr ik univ ersität
Lese-Empfehlungen querbeet
Vom Traum zum Albtraum und retour
Zur ausführlichen Rezension:
magazin.uni-halle.de/16937
Halle-Neustadt, bis 1990 selbständige Stadt, feierte
letztes Jahr seinen 50. Geburtstag. Diesem gewichtigen Ereignis der neueren Stadtgeschichte widmet
sich – mit 125 Beiträgen von 47 Autoren – ein ebensolches Buch. Es beleuchtet die Realisierung einer
„Idee des Neuen Bauens“ und ihre Bedeutung damals und heute. Denn am realen Resultat dieses innerhalb des DDR-weiten Wohnungsbauprogramms
einzigartigen Plans, inklusive verlorener Illusionen
der Anfangszeit und dem Umgang damit, scheiden
sich die Geister bis in die Gegenwart.
Zu DDR-Zeiten eine Wohnung in „Ha-Neu“ zu bekommen, das war für viele ein Traum, fast wie ein
Sechser im Lotto. Mehr als die Hälfte der Halle-Neustädter (deren Zahl allerdings seit 1990 von 90.000
auf 45.000 schrumpfte) wohnt bis heute gern dort.
Andere gingen weg: wegen besserer Arbeitsmöglichkeiten anderswo oder weil ihnen die zwar kom-
fortable, aber letztlich doch genormte Stereotypie
nun als Albtraum erschien.
Der Grundstein für diesen Teil von Halle, den noch
immer mehr Menschen als eine größere Kleinstadt
bewohnen, wurde 1964 gelegt. Der Sozialwissenschaftler und Direktor des Instituts für Hochschulforschung an der MLU Peer Pasternack versammelte ein Autorenteam, um dem vielschichtigen Wesen
dieses Kommunalkonstrukts auf den Grund zu
gehen, seine Geschichte auszuloten, sein Potenzial
zu erforschen und seine Perspektiven sichtbar zu
machen.
mawe
Peer Pasternack u. a.: Jahre Streitfall HalleNeustadt. Idee und Experiment. Lebensort und
Provokation, Halle
,
S., , Euro, ISBN
- - -
Disziplinierung durch Medizin
Zur ausführlichen Rezension:
magazin.uni-halle.de/16938
Heute (nur noch) ein Schandfleck im Stadtbild, vor
Jahrzehnten ein solcher für die hallesche Medizin:
Die „Tripperburg“, 1961 eingerichtet, bis 1982 in Betrieb, offiziell „Geschlossene Venerologische Station
in der Poliklinik Mitte“ genannt. Doch eine normale
Einrichtung medizinischer Vor- und Fürsorge des
DDR-Gesundheitswesens war das nicht, sondern
ein vielfach in politische Repressionsmaßnahmen
verstrickter Schreckensort, in den über 20 Jahre lang
Frauen und Mädchen zwischen 12 und 72 zwangsweise eingewiesen wurden – oft ohne dass tatsächlich eine Geschlechtskrankheit vorlag. Zwei Medizinhistoriker der MLU haben kürzlich das Resultat
akribischer Archivrecherchen, intensiver Gespräche
und Befragungen von Betroffenen sowie (wenn sie
bereit dazu waren) damals dort beschäftigten Ärzten und medizinischem Personal publiziert. Erster
Anstoß war im Jahr 2000 der Anruf einer der Frauen bei Heidi Bohley vom Verein Zeit-Geschichte[n].
Daraus erwuchs eine von der Landesbehörde für
die Unterlagen der Staatssicherheit in der ehemaligen DDR, dem Mitteldeutschen Rundfunk und der
Mitteldeutschen Zeitung unterstützte Initiative, um
jenes Kapitel in der DDR begangenen Unrechts zu
erforschen. Was die Autoren an Brutalität, Entwürdigung und Gewalt gegen die festgehaltenen Frauen ans Licht brachten, ist kaum vorstellbar. Steger
diagnostiziert ein „hierarchisches Terrorsystem“.
Und die Station in Halle war nicht die einzige ihrer
Art. Es gibt also noch sehr viel zu tun, und auch die
Frage einer möglichen Opferentschädigung ist noch
ungeklärt.
mawe
Florian Steger/Maximilian Schochow:
Disziplinierung durch Medizin. Die geschlossene
Venerologische Station in der Poliklinik Mitte in
Halle (Saale)
bis
, Halle
,
S., ,
Euro, ISBN
- - -
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 f or s c h e n un d p ub l i z i e r e n
(fac h-) lit eratur fabr ik univ ersität
Lese-Empfehlungen querbeet
Welchen Einfluss hat unsere Ernährungsweise auf die Umwelt?
Mit dem Griff in den Kühlschrank oder dem Einkauf
im Supermarkt beeinflussen wir nicht nur unsere
Gesundheit, sondern auch unsere Umwelt. Wie
viel Fläche die Ernährung im In- und Ausland beansprucht, wie Ernährung den Verbrauch von Wasser
und endlichen Ressourcen beeinflusst, und wie sich
unser Ernährungsverhalten auf den Klimawandel
auswirkt, das hat Toni Meier in seinem Buch „Umweltschutz mit Messer und Gabel“ untersucht. Der
Agrar- und Ernährungswissenschaftler präsentiert
eine aufbereitete Gesamtschau ökologischer Auswirkungen der Ernährung in Deutschland.
Sein Ziel ist es, in dieser wissenschaftlichen Publikation „den Nahrungs- und Getränkeverzehr
in Deutschland auf Basis repräsentativer Daten
ökologisch auszuwerten“ und „Ansatzpunkte im
Bereich Landwirtschaft-Ernährung-Gesundheit für
eine nachhaltigere Entwicklung“ zu identifizieren.
Dazu hat der Autor aktuelle und repräsentative Daten ausgewertet, die in sechs Kapiteln präsentiert
werden. Er zeigt, wie umweltverträglich die Ernährung verschiedener Bevölkerungsgruppen ist, und
erläutert, auf welche Weise der Agrar- und Ernährungssektor ganz wesentlich zu verschiedenen Umweltwirkungen in Deutschland beiträgt. Schließlich
benennt der Autor sogar drei Strategien, wie umweltbelastende Effekte in diesem Sektor reduziert
werden können. Die deutlichsten Einsparungen umweltbelastender Effekte lassen sich demnach durch
veränderte Ernährungsmuster erzielen.
cb
Toni Meier: Umweltschutz mit Messer und Gabel.
Der ökologische Rucksack der Ernährung in
Deutschland, München
,
S., , Euro,
ISBN
- -
Weiterhin sind erschienen:
• Günter Mühlpfordt: Demokratische Aufklärer I und II. Mitteldeutsche Aufklärung.
Band 2: Bahrdt und die Deutsche Union, Halle 2014, 460 S., 39,95 Euro,
ISBN 978-3-95462-230-6
Band 3: Getarnte und offene Radikalaufklärung, Halle 2015, 504 S., 39,95 Euro,
ISBN 978-3-95462-344-0
• Martin P. Schwarz / Wilfried Ferchhoff / Ralf Vollbrecht (Hg.): Professionalität: Wissen –
Kontext. Sozialwissenschaftliche Analysen und pädagogische Reflexionen zur Struktur bildenden und beratenden Handelns. Festschrift für Professor Dr. Bernd Dewe, Bad Heilbrunn
2014, 844 S., 49,90 Euro, ISBN 978-3-78151-971-8
• Peer Pasternack: Qualitätsstandards für Hochschulreformen. Eine Auswertung der deutschen Hochschulreformqualitäten in den letzten zwei Jahrzehnten, Bielefeld 2014, 224 S.,
38,50 Euro, ISBN 978-3-937026-92-3
• Roland Bloch / Monique Lathan / Alexander Mitterle / Doreen Trümpler / Carsten Würmann: Wer lehrt warum? Strukturen und Akteure der akademischen Lehre an deutschen
Hochschulen, Leipzig 2014, 274 S., 22,80 Euro, ISBN 978-3-931982-90-4
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Störung nicht ausgeschlossen!
Tabu und Empathie haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Bei genauerer Analyse wird jedoch
schnell deutlich, wie eng beides miteinander verknüpft ist. Denn Empathie kann uns helfen, im Alltag angemessen auf Tabus zu reagieren. Seit drei Jahren befasst sich Prof. Dr. Gabriela Lehmann-Carli wissenschaftlich mit
diesem Problem in Literatur und Lebenswelt. Sie weiß: Wir sind stets mit Tabus konfrontiert und so manche
brisante Situation ließe sich mit mehr Kompetenz und Einfühlungsvermögen besser bewältigen.
Wer im Ausland war und eine Fremdsprache beherrscht, der hat es am eigenen Leib erfahren: Die
Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft verläuft nicht immer störungsfrei.
Selbst bei gutem Willen lauern Tabus: Themen, die
man besser nicht anspricht oder Dinge, die man
nicht tut, da sie ungewollt zu Missverständnissen
führen können. Wenn man diese Tabus nicht kennt,
kann Gutgemeintes schnell im Tabubruch enden.
„Um das zu vermeiden, bedarf es vor allem empathischer interkultureller Kompetenz“, erklärt Prof. Dr.
Gabriela Lehmann-Carli. Dafür reiche es nicht aus,
die Kultur und ihre Tabus zu kennen. Man müsse
sich vielmehr aktiv mit diesem Wissen auseinandersetzen und versuchen, sich in die Haut des anderen
hineinzuversetzen. „Eine solche Empathie, im Sinne
eines resonanten Mitfühlens, könnte für einen angemessenen Umgang mit Tabus sorgen. Nicht nur
in der interkulturellen Kommunikation.“ Tabus sind
Bestandteil einer jeden Gesellschaft, viele Beispiele kann die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin
benennen. Homosexualität gilt vielerorts nach wie
vor als Tabuthema, weitere Tabuzonen betreffen
das politisch Korrekte und traumatisierende historische Erfahrungen, wie etwa die Konfrontation mit
dem Holocaust.
Insbesondere im medizinischen Bereich werden
Tabus mitunter temporär aufgehoben. Etwa dann,
wenn der Arzt seine Patienten bei einer Untersuchung körperlich berührt, oder wenn über intime
Aspekte von Erkrankungen gesprochen werden
muss. Auch wenn schwierige Nachrichten im Kontext von Krankheit, Sterben und Tod zu überbringen
sind, werden aktuelle Tabufelder berührt. „Darüber
angemessen zu kommunizieren fällt auch vielen
Ärzten nicht leicht. Mitunter blockieren sie ihre
Empathie, aus Zeitmangel, aus kommunikativem
Unvermögen oder weil sie das Leid der Patienten
nicht aushalten können oder wollen“, sagt Gabriela
Lehmann-Carli.
Über den medizinischen Diskurs in der Literatur ist
sie auf ihr Forschungsthema gestoßen. „Die russische Literatur strotzt bis heute von geschilderten
Traumata infolge einer suboptimalen Arzt-PatientKommunikation“, erzählt die Expertin für russische und polnische Literatur und Kultur. Namhafte
Schriftsteller wie Michail Bulgakow und Anton
Tschechow waren von Beruf Arzt. Auch Lew Tolstoi
hat eine suboptimale Arzt-Patient-Kommunikation
beschrieben. Und im Roman „Krebsstation“ des
Dissidenten und Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn finden sich authentische Schilderungen
eines Krebspatienten, der ein Alter Ego des Autors
ist. Erzählende Literatur, so lautet eine These des
Kulturwissenschaftlers Fritz Breithaupt, sei relevant für das Einüben von Mustern der Empathie.
Wie Tabus beim Beobachter oder Leser Empathie
auslösen oder blockieren können und wie Empathie
zur Bewältigung des Tabubruchs eingesetzt wird,
erforschen heute Wissenschaftler verschiedener
Fachdisziplinen.
Die Arzt-Patient-Kommunikation wird seit einigen
Jahren auch in der Ausbildung angehender Mediziner geübt. So trainieren angehende Ärzte im SkillsLab der Medizinischen Fakultät mit Hilfe von Simulationspatienten, angeleitet von einer Psychologin,
wie man eine schwierige Diagnose vermittelt. „Das
ist wichtig, denn Empathie ist durchaus trainierbar“,
sagt Gabriela Lehmann-Carli. „In unzähligen Studien
ist nachgewiesen worden, dass die Empathie des
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 f or s c h e n un d p ub l i z i e r e n
Viele russische Autoren,
darunter auch Leo Tolstoi,
schildern in ihren Büchern
Traumata infolge einer
suboptimalen Arzt-PatientKommunikation. (Foto:
Prokudin-Gorski, 1908 /
Quelle: wikipedia.org)
Arztes das gegenseitige Vertrauen, die Bereitschaft
des Patienten mitzuwirken und den Therapieerfolg
erhöht, nicht nur wegen einer besseren Wirksamkeit von Medikamenten“, erzählt sie. „Daran wird
deutlich, welch großes Potenzial Empathie in sich
birgt.“ Dies betreffe ebenso die Therapie von psychischen Erkrankungen und Traumata, in der ein
empathischer Umgang mit dem Tabu unerlässlich
ist. Expressives oder emotionales Schreiben berge
hier therapeutisches Potenzial. Seit Mai 2012 treffen sich Praktiker und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen in regelmäßigen Workshops, um
über einzelne Aspekte von Empathie und Tabu zu
diskutieren. Gemeinsam mit der Übersetzungswissenschaftlerin Prof. Dr. Jekatherina Lebedewa,
dem Mediziner PD Dr. Karl-Dieter Johannsmeyer
und dem Sozialpädagogen Dr. Hans Lehnert leitet
Lehmann-Carli den Interdisziplinären Forschungskreis Empathie-Tabu-Übersetzung. „Empathie und
Tabu sind zwei Themenbereiche, die nur interdisziplinär zu bewältigen sind“, sagt sie. Die Webseite
des Forschungskreises bietet ein wissenschaftliches
Diskussionsforum, welches innovative Projekte zum
Problemfeld Empathie und Tabu im Kontext interkultureller Übersetzungsprozesse anregen soll. Auch
eine Forschungsdatenbank unter Leitung der wissenschaftlichen Bibliothekarin Betty Johannsmeyer
soll die Diskussion anregen. „Wir wollen die Datenbank allen zugänglich machen, die sich mit diesen
Fragen befassen.“
igo
Zw ei Publ ikat ionen zu Empat hie und Tab u(bruc h)
Zwei Tagungsbände sind zum Thema bereits erschienen, ein dritter wird vorbereitet. In den
Bänden 14 und 19 der Reihe „Ost-West-Express. Kultur und Übersetzung“ untersuchen Forscher und Praktiker die Zusammenhänge zwischen Empathie, Tabu und Tabubruch. Beide Publikationen sind im Verlag Frank & Timme erschienen.
• Gabriela Lehmann-Carli (Hg.): Empathie und Tabu(bruch) in Kultur, Literatur und Medizin,
Berlin 2013, Band 14, 360 S., ISBN 978-3-86596-514-1
• Karl-Dieter Johannsmeyer, Gabriela Lehmann-Carli, Hilmar Preuß (Hg.): Empathie im Umgang mit dem Tabu(bruch). Kommunikative und narrative Strategien, Berlin 2014, Band 19,
348 S., ISBN 978-3-7329-0066-4
Webseite des IFETÜForschungskreises mit
Forschungsdatenbank
und wissenschaftlichem
Diskussionsforum:
www.if-empathie-tabuuebersetzung.de
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s t udi e r e n , l e h r e n , l e b e n s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
s t udi e r e n , l e h r e n , l e b e n
Gegen Risiken und
Nebenwirkungen
Zum Wintersemester ist die neue Lehrapotheke des Instituts für Pharmazie offiziell an den Start gegangen.
Damit liegt ein Jahr Vorlaufzeit hinter Prof. Dr. Ralf Benndorf, der das Projekt initiiert hat. Schrittweise soll
es nun in die Ausbildung künftiger Apotheker integriert werden. Unter Echtbedingungen, aber dennoch im geschützten Raum, sollen sie dort lernen, wie man Kunden richtig berät. Mit dem Einsatz der Lehrapotheke werden neue Maßstäbe gesetzt, denn zum Alltag gehört eine solche Einrichtung an Hochschulen längst noch nicht.
Mit der neue Lehrapotheke
am Institut für Pharmazie
sollen Studierende künftig
noch besser auf ihren späteren
Job vorbereitet werden.
(Foto: Markus Scholz)
Wer sich ein Bild von der halleschen Lehrapotheke
machen will, muss ganz nach oben steigen. Etwas
versteckt liegt sie im Dachgeschoss des Instituts für
Pharmazie auf dem Weinberg-Campus. Verstecken
muss sich das innovative Projekt keinesfalls, denn
was hier im vergangenen Jahr aufgebaut worden
ist, lässt sich auf den ersten Blick von einer normalen Apotheke kaum unterscheiden: Der breite
Tresen, die sorgfältig um ihn herum gruppierten
Medikamente, dazu noch Regale mit diversen medizinischen Kosmetika. Die Echtheit des Ambientes
ist gewollt. Schließlich sollen die angehenden Apo-
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„Wir üben hier Situationen, wie sie in einer
Apotheke tagtäglich vorkommen können“
p r of. dr. ral f b e n n d or f
theker in dieser Szenerie ganz nah an der Praxis
lernen, wie man quasi unter Echtbedingungen, aber
dennoch in geschützter Atmosphäre kompetent und
fachgerecht Patienten berät.
„Diese Fähigkeit ist im späteren Berufsalltag enorm
wichtig, deshalb muss sie geübt werden“, sagt Prof.
Dr. Ralf Benndorf. In der überwiegenden Zahl der
Fälle seien es sehr komplexe Kenntnisse, die ein
Pharmazeut beim Blick auf ein Rezept abrufbereit
haben muss: Fragen der Unverträglichkeit zählten
ebenso dazu wie unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten, zum Beispiel dann, wenn
ein Patient mehrere Erkrankungen hat. Dabei, so
Benndorf, dürfe man sich keinen Fehler leisten.
Schließlich seien die Wirkungen von Arzneimitteln
hochkomplex. Eine falsche Entscheidung könne zu
folgenschweren Komplikationen führen. Ein Beispiel: Ein Patient, der an Asthma leidet, bekommt
ein Medikament gegen Bluthochdruck verordnet.
Die darin enthaltenen Betablocker sind für Asthmatiker jedoch schädlich und dürften in diesem Fall
nicht zum Einsatz kommen.
Wie muss man sich das Training nun vorstellen?
„Eigentlich üben wir hier Situationen, wie sie in einer Apotheke tagtäglich vorkommen können“, sagt
Ralf Benndorf, in dessen Lehrveranstaltungen die
Trainingsapotheke nun hauptsächlich zum Einsatz
kommen wird. Das Projekt wurde durch Spenden
der Firma Hexal ermöglicht. Die Lehrapotheke ist
mit Computern, aktueller Software sowie Mustern
von Arzneimitteln ausgestattet. Dieser Fundus
soll durch eine Kooperation mit der Apotheke des
Universitätsklinikums Halle nach und nach durch
weitere Arzneimittel-Muster ergänzt werden. Dadurch wird sichergestellt, dass bei den Übungen
eine große Vielzahl von Arzneistoffen verschiedener
Hersteller zur Verfügung steht.
In einem ersten Schritt sollen die Studenten in Gruppen zusammenarbeiten und ein Beratungsgespräch
zu einem Medikament vorbereiten, das ihnen vorher genannt wird. Später, so ist es geplant, wird
das Training noch einen Schritt weiter gehen. Dann
erhalten sie Rezepte, deren Inhalt sie vorher nicht
kennen. Anschließend beraten sie ihre Kommilitonen, die vorher in die Rolle von Patienten geschlüpft
sind. Keine leichte Aufgabe, denn, so PharmazieProfessor Benndorf, „dabei müssen sie in der Lage
sein, in kürzester Zeit komplexe Probleme der Arzneitherapie zu erkennen und in leicht verständlicher
Sprache an den Patienten zu kommunizieren.“ Später sollen diese Lehrveranstaltungen außerdem auf
Video aufgenommen werden, damit die Studenten
ein Feedback ihrer Leistung bekommen und so besser an Fehlern arbeiten können.
Eigens für das Übungsprogramm soll auch eine gängige Apothekensoftware installiert werden. Mit ihrer Hilfe können über einen Scanner Informationen
zu Medikamenten angezeigt werden. Der Umgang
mit dieser Technik muss ebenso erlernt werden wie
der mit einem mannshohen Touch-Pad, auf dem
etwa Lehrfilme zur richtigen Anwendung von Asthmasprays gezeigt werden können.
Weil all das bereits ein sehr hohes Maß an Vorkenntnissen erfordert, sind es vor allem die Studenten
des fünften Studienjahres, die in der Lehrapotheke
ausgebildet werden. „In ersten Tests haben sie sehr
positiv auf das neue Angebot reagiert“, sagt Ralf
Benndorf, der seit einem Jahr in Halle lehrt. Der
Pharmazeut, der Deutschlands erste und bisher
einzige W3-Professur für klinische Pharmazie und
Pharmakotherapie innehat, ist sich sicher: „Unsere
neue Lehrapotheke wird das Niveau der Ausbildung
weiter heben. Das kommt letztlich auch dem Ruf
der Pharmazieausbildung an der Martin-LutherUniversität zugute.“
Ines Godazgar
Kontakt: Prof. Dr. Ralf Benndorf
Klinische Pharmazie
Telefon: 0345 5525150
E-Mail: ralf.benndorf@pharmazie.uni-halle.de
Prof. Dr. Ralf Benndorf
(Foto: Maike Glöckner)
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WERDEN SIE FREUND UND FÖRDERER!
Seit fast 20 Jahren unterstützt die Vereinigung der
Freunde und Förderer der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg e.V. (VFF) wichtige Projekte in
Forschung und Lehre der halleschen Universität und
den Gedankenaustausch zwischen Wissenschaft und
Öffentlichkeit. Bis zum Sommersemester 2014 förderte
die Vereinigung insgesamt 15 Deutschlandstipendiaten.
Um in kommenden Jahren ebenfalls als Stipendiengeber
dabei sein zu können, benötigen wir Sie.
Auch Sie können die Arbeit der VFF unterstützen. Werden
Sie Mitglied und damit nicht nur ein Freund, sondern auch
ein Förderer der Martin-Luther-Universität. Helfen Sie mit
einer Spende, unsere Vorhaben auf eine solide finanzielle
Basis zu stellen.
Mehr über die VFF, wie Sie Mitglied werden oder uns
anderweitig unterstützen können, erfahren Sie unter:
www.vff.uni-halle.de
Vereinigung der Freunde und
Förderer der Martin-LutherUniversität Halle-Wittenberg e.V.
Geschäftsführerin:
Ramona Mitsching
Tel.: 0345 5522912
Fax: 0345 5527076
E-Mail:
ramona.mitsching@vff.uni-halle.de
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 s t udi e r e n , l e h r e n , l e b e n
Für Neuankömmlinge: Newcomers Club an der Universität gegründet
Wer als Beschäftigter oder Professor neu an die Universität Halle kommt, war nach Feierabend bislang
meist auf sich allein gestellt. Damit sich das ändert,
haben 25 Uni-Angehörige im November 2014 den
Newcomers Club gegründet. Das junge Netzwerk
bietet Ausflugspläne, Interessengruppen und Termine: Zum Beispiel das Montagsfrühstück im privaten
Kreis sowie eine „Toddlers Group“ für Familien mit
Kleinkindern. Der Club steht allen Uni-Beschäftigten
offen. Knapp 40 Interessierte hatten sich auf die
erste Rundmail von Dr. Manja Hussner, Leiterin des
Internationalen Büros, gemeldet. Hochschullehrer,
wissenschaftliche Mitarbeiter, aber auch Beschäftigte aus der Verwaltung sind dabei. Unbürokratisch,
ehrenamtlich und von den Beteiligten selbst organisiert soll der Club der Neuen weiter wachsen. Die
Anregung dazu gaben die Medizin-Professoren Stephan Feller und Bernd Fischer. Interessierte können
sich bei Manja Hussner per E-Mail melden: manja.
hussner@international.uni-halle.de.
cb
Neuer Lehrpreis: @ward geht an Juristen und Pädagogen
Erstmals hat das Zentrum für Multimediales Lehren
und Lernen der MLU im November 2014 die sogenannten @wards für ausgezeichnete multimediale
Lehre vergeben. Drei Dozenten konnten die Jury mit
ihren Konzepten überzeugen. Für seine Veranstaltung „Methodisch-praktische Übungen zu elementaren Bewegungsbereichen des Grundschulsport“
erhielt Dr. Andreas Günther den @ward für das
beste „Projekt in der Konzeptionsphase“. Günther
ließ seine praktischen Übungen im vergangenen
Jahr filmen und schuf, zu kleinen Mini-Sequenzen
geschnitten und mit praktischen Anweisungen unterlegt, eine Internetplattform, auf der wichtige
sportliche Übungen jederzeit anzusehen, nachzulesen und damit nachzuvollziehen sind.
Dr. Marcus Bergmann und Dr. Daniela Trunk gewannen den Preis für die beste „multimedial gestützte
Lehrveranstaltung“. Nacheinander leiteten sie jeweils im Sommer 2013 und 2014 die „Strafrechtliche
Fallpraxis“ der Juristen – eine Lehrveranstaltung
mit je rund 300 Studenten. In Dreiergruppen sollen
dabei Fälle gelöst werden. Die Internet-Plattform
ILIAS ermöglicht es den Gruppen Fälle getrennt zu
bearbeiten und sich im Anschluss gegenseitig zu
korrigieren. Mehr über die Preisträger im Onlinemagazin: http://bit.ly/llzpreis
cb
Universität Halle begrüßt
Panda-Studenten aus China
OpenLecture: Neue öffentliche
Videoplattform gestartet
Elf so genannte Panda-Studenten aus China haben im
Oktober 2014 ihre Sprachausbildung am Institut für
deutsche Sprache und Kultur an der Martin-LutherUniversität begonnen. Die Ausbildung findet im
Rahmen des internationalen Panda-Projekts statt, an
dem neben der MLU auch die Universität Leipzig, die
Bauhaus-Universität Weimar und die TU Bergakademie Freiberg beteiligt sind. Ziel ist es, mit einer umfassenden Betreuung die chinesischen Studierenden
bei ihrem Studium in Deutschland zu unterstützen
und den Ausbildungserfolg sicherzustellen.
tol
Seit Dezember 2014 sind an der MLU aufgezeichneten Veranstaltungen auf einer Plattform abrufbar.
Unter http://openlecture.uni-halle.de steht allen
Interessierten jetzt ein Portal zur Wiedergabe von
aufgezeichneten Vorlesungen, Vorträgen, Tagungen
und anderen Veranstaltungen zur Verfügung. Die
Audio- und Videopodcasts lassen sich nach Dozenten
oder Veranstaltern, Einrichtungen, Aufzeichnungsserien oder per Volltextsuche filtern. Mit Klick auf
die jeweilige Aufzeichnung kann sie geladen und im
integrierten Player gestartet werden.
cb
Daniela Trunk wurde für die
Veranstaltung „Strafrechtliche
Fallpraxis“ ausgezeichnet.
(Foto: Anke Tornow /@LLZ)
Zur Videoplattform:
http://openlecture.unihalle.de
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personalia s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
personalia
Vom Labor bis
zum Pferdestall
Gudrun Liebscher hat das Rad nicht neu erfunden, aber sie trägt viel dazu bei, es zum Rollen zu bringen. Erstmals testete die Biochemikerin ein vielversprechendes Hautkrebs-Präparat an Pferdezellen. Sogar in der Praxis
kann sich das Heilmittel nun an einer Tierärztlichen Hochschule beweisen. Dahinter steckt die Hoffnung, dass
der Wirkstoff in ferner Zukunft auch Menschen helfen kann.
Gudrun Liebscher im Biozentrum, wo sie das HautkrebsPräparat entwickelt hat.
(Foto: Michael Deutsch)
Einen Großteil ihrer Zeit widmet Gudrun Liebscher
derzeit der Betulinsäure – einem Wirkstoff, der aus
der Rinde zahlreicher Plantanenpflanzen gewonnen
wird. Bereits seit langem ist die Säure als Tumorbekämpfer bekannt: Menschliche Tumorzellen waren
mit ihr versetzt worden, die Tumorzellen starben
ab und die Hoffnung auf die Entdeckung eines neuen Krebs-Heilstoffes gedieh. Fast zwanzig Jahre ist
das her. In Wien dann der erste Hunde-Versuch:
Der Hund überlebte, der Tumor nicht. Doch die
Forschung an dem Projekt schlief ein. Anders an
der Uni Halle, wo man sich am Gründerzentrum
Biowissenschaften weiterführenden Untersuchungen widmete. Mit Grudrun Liebscher nun kann die
Frage der praktischen Anwendbarkeit neu gestellt
werden. Die 23-Jährige ist eine der besten ihres
Fachs: Sie arbeitete als wissenschaftliche Hilfskraft
ihres Instituts, erhielt ein Deutschlandstipendium,
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 personalia
absolvierte ein dreimonatiges Forschungsgruppenpraktikum an der Universität in Kopenhagen und
bekam im Oktober den Martin-Luckner-Preis für
ihre Masterarbeit verliehen, eine Auszeichnung für
die beste experimentelle Abschlussarbeit im Bereich der pharmazeutisch-biotechnologischen und
biologischen Wissenschaften der MLU. Für eben
diese Masterarbeit untersuchte die junge Wissenschaftlerin eine mögliche zellschädigende Wirkung
der Betulinsäure auch auf Pferde-Hautkrebszellen.
Diese wurden Monate zuvor in der Tierärztlichen
Hochschule Hannover sowie in Wien entnommen
und schlummerten seither bei minus 80 Grad Celsius in Flüssigstickstoff vor sich hin. Liebscher erweckte sie zu neuem Leben, gewillt sie zu zerstören.
Die Säure allein jedoch würde nicht ausreichen, den
Krebs hinreichend zu bekämpfen: Die Stärke der
Wirkung und auch die Wasserlöslichkeit ließen zu
wünschen übrig. Letztere sei wichtig, um überhaupt
in die Blutbahn Betroffener zu gelangen.
Neben der reinen Säure testete sie zwei weitere Präparate. Beide zeigten deutlich verbesserte Ergebnisse – eine Praxisanwendung war damit möglich und
eine gute Prise Glück tat ihr Übriges dazu, dass das
auch tatsächlich klappte: Die Tierärztliche Hochschule Hannover stellte ein an Hautkrebs erkranktes
Pferd für medizinische Tests zur Verfügung. Damit
war die Bahn frei für einen ersten Praxistest. Zumindest fast. „Bevor solche Tests losgehen können,
muss zunächst ein Ethik-Antrag gestellt werden“,
erzählt die Biochemikerin. Sind die Untersuchungen
von ausreichender Relevanz? Kann eine ständige
Betreuung des betroffenen Tiers gewährleistet werden? Worin besteht die Notwendigkeit des Tests?
Und: Zu welchen Ergebnissen kamen Laborversuche
im Vorfeld? Fünf Monate dauerte es, dann erst gab
der Ethikrat grünes Licht.
„Seit zwei Wochen spritzt eine Tierärztin dem Pferd
seither unser Heilmittel in den Tumor“, erklärt
Liebscher. Dabei verhindert die immer noch relativ
geringe Wasserlöslichkeit ein zu weites Ausbreiten
des Wirkstoffs. Alle sieben Tage wird der Stoff neu
angewendet, insgesamt maximal 20 Mal. Dann erst
kann die Wirkungsfrage abschließend beantwortet
werden. Liebscher aber ist zuversichtlich: Bisher trat
keine Nebenwirkung auf und ebenso eine leichte
Tumorverkleinerung. Die Biochemikerin setzt große Hoffnungen in das Projekt. Schließlich wäre bei
erfolgreicher Behandlung eine Anwendung auf den
Menschen ein kleines Stückchen näher gerückt.
Doch auch für die Tiermedizin kann die veränderte
Betulinsäure einen Durchbruch bedeuten: Zwar gibt
es bereits jetzt einige Präparate zur Bekämpfung der
Krankheit. Diese jedoch sind selbst stark krebserregend. Bei einer Ausbreitung über den Tumor hinaus
ist eine Anwendung also eher schädlich als heilend.
Die Zahl der erkrankten Pferde, insbesondere diejenige erkrankter Schimmel, ist dabei eine ungeahnt
hohe. Liebscher: „Schimmel zeichnen sich durch eine Genmutation aus. Die führt einerseits zu einem
schnellen Ergrauen – sonst wären Schimmel ja keine
Schimmel – und ist andererseits für eine besonders
hohe Hautkrebsgefährdung verantwortlich.“ So leiden acht von zehn der über 15 Jahre alten Schimmel
an der Krankheit.
Zuletzt acht bis zehn Stunden widmete Liebscher
ihrer Masterarbeit täglich. Sogar am Wochenende
ließ sie das Projekt nicht los. Die Labor-Zell-Versuche
im Vorfeld reizten sie – wenn auch hin und wieder
eine gewisse Monotonie einsetzte. Aber irgendwie
lohne sich die Arbeit dann eben doch. Wegen dieses
Gefühls, ganz am Ende der Arbeit. Etwas geschaffen zu haben, das irgendwann vielleicht tatsächlich
Anwendung finden könnte. Die Martin-LucknerStiftung belohnte diesen Erfolg mit der Verleihung
des gleichnamigen Preises. Diese Finanzspritze soll
der Ausnahme-Wissenschaftlerin den Besuch einer
Forschungskonferenz ihrer Wahl ermöglichen. Liebscher wird diese Möglichkeit begrüßen, ist doch der
Gang in die Forschung festes Ziel. Am liebsten in einem Forschungsinstitut. Fraunhofer vielleicht oder
Max-Planck. Das wollte sie schon immer.
Als Kind begeisterten sie Heilpflanzen – oder vielmehr Hexen, die mit Heilkräutern den ein oder
anderen Heiltrunk kreierten. So stand jahrelang
zunächst Pharmazie auf der persönlichen Studienwunschliste. Die geringe Quote der Pharmazeuten
jedoch, die nach dem Studium tatsächlich in die
Forschung wechseln, schreckte ab. Biochemie kam
da deutlich attraktiver daher. Eine Studienwahl, die
sich lohnen sollte.
Nun jedoch gilt es, sich nach einer Doktorandenstelle umzuschauen. Erlangen und Heidelberg sind
denkbar – diese beiden Städte bieten thematisch
passende Forschungsmöglichkeiten. Oder aber ein
zweiter Gang nach Kopenhagen. „Die Arbeitsgruppe
da war unglaublich sympathisch“, sagt sie. Egal wie
Gudrun Liebscher sich auch entscheiden wird: Der
halleschen Master-Studentin steht eine vielversprechende Karriere bevor.
Julius Heinrichs
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personalia s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
Software im Einsatz für Quantendynamik
Prof. Dr. Miguel Marques
Mesoskopische Quantendynamik
Telefon: 0345 55 25428
E-Mail: miguel.marques@
physik.uni-halle.de
(Foto: Maike Glöckner)
In Portugal, Spanien und Frankreich hat Miguel
Marques bereits geforscht. Zum August 2014 ist er
dem Ruf nach Halle auf die Professur für Mesoskopische Quantendynamik gefolgt. „Mein Interesse
gilt insbesondere mathematischen Theorien, mit
deren Hilfe man die Eigenschaften von Materialien
berechnen kann. Unter diesen ist die Dichtefunktionaltheorie die wichtigste.“ Mit Hilfe dieser Theorie
ist es Marques gelungen, die Supraleitfähigkeit von
Materialien am Computer zu berechnen. Mit einem
Entwickler-Team erarbeitete Marques die dafür notwendige Software. Supraleitende Materialien können unter bestimmten Bedingungen Strom leiten,
ohne dabei Energie oder Widerstand zu verlieren.
Zwei Dinge reizen den Physiker besonders an seiner Arbeit: Der Erkenntnisgewinn und das Entdecken neuer Theorien oder Materialien. „Ich bin
überzeugt, dass sich unsere Gesellschaft nur durch
wissenschaftlichen Fortschritt weiterentwickeln
kann, und es freut mich, wenn ich meinen kleinen
Teil dazu beitragen kann.“ Inzwischen beschäftigt
sich der 40-Jährige auch mit Materialdesign. Dank
Hochleistungsrechnern lassen sich heute die Kristallstrukturen von Materialen präzise bestimmen.
„Das erlaubt uns, neue maßgeschneiderte Materialien zu entwickeln.“
Der gebürtige Portugiese hat sich bereits während
des Studiums in seiner Heimatstadt Coimbra auf
theoretische Physik spezialisiert. An der Universität
Würzburg wurde er 2000 mit einer Arbeit über die
Berechnung von Eigenschaften von Supraleitern
promoviert. Die Dichtefunktionaltheorie nutzte er
auch in seiner Habilitation an der Universität Lyon, um Eigenschaften von Molekülen berechnen
zu können. Marques hat zuletzt in Frankreich an
einem Institut des Centre national de la recherche
scientifique (CNRS) geforscht und wurde dabei von
2009 bis 2013 durch das CNRS-Stipendium „Chair
d’Excellence Junior“ gefördert. Den Kontakt zu den
Studierenden habe er vermisst: „Ich habe seit sieben Jahren nicht mehr gelehrt, das hat mir gefehlt.“
cb
Halle als internationales Kant-Zentrum
Heiner F. Klemme
Geschichte der Philosophie
Telefon: 0345 55 24390
E-Mail: heiner.klemme@phil.
uni-halle.de
(Foto: Markus Scholz)
Die Universität Halle war Heiner F. Klemme bereits
vor seiner Berufung zum Oktober 2014 gut bekannt:
„Hier sind vor allem im Zeitalter der Aufklärung
bedeutende Philosophen tätig gewesen, deren
Werke in historischer und systematischer Hinsicht
von großem Interesse sind.“ Als Professor für die
Geschichte der Philosophie will der 52-Jährige Halle mit der Gründung des „Immanuel-Kant-Forums“
als Zentrum der internationalen Kant-Forschung
reetablieren. Sein Interesse gilt neben Kant der
Philosophie der Aufklärung und der praktischen
Philosophie.
Mit dem Kant-Experten kehren auch die Kant-Studien, die Zeitschrift der Kant-Gesellschaft, ein Stück
weit an ihren Ursprungsort zurück. Klemme ist seit
2008 Mitherausgeber der Zeitschrift, die Hans Vaihinger 1896 in Halle ins Leben rief. „Vaihinger gründete 1904 auch die Kant-Gesellschaft, die zeitweise
die größte philosophische Gesellschaft der Welt
war. Somit bietet die MLU zahlreiche Möglichkeiten
für Forschungsprojekte, die in meinen Arbeitsbereich fallen.“ Der gebürtige Niedersachse hat Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie an
den Universitäten Marburg, Edinburgh und Bonn
studiert. In Marburg wurde er 1995 mit einer Arbeit
zu Kants Philosophie des Subjekts promoviert. Als
wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent ging
Klemme an die Universität Magdeburg, wo er sich
2003 mit einer Schrift über die Idee der Autonomie
habilitierte.
Nach Vertretungsprofessuren in Marburg und Wuppertal wurde er im Jahr 2006 an die Universität
Wuppertal auf eine Professur für Praktische Philosophie berufen. Zuletzt lehrte und forschte er als
Professor für die Philosophie der Neuzeit und Leiter
der Kant-Forschungsstelle an der Universität Mainz.
Seit 2012 ist Klemme Ehrenmitglied der brasilianischen Kant-Gesellschaft, bis März 2015 ist er zudem
Gastprofessor an der Wuhan Universität in China.
cb
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 personalia
Herzinfarkte besser erkennen und therapieren
Welche Rolle spielt das Immunsystem bei Herzinsuffizienz und wie lassen sich Herzinfarkte besser
diagnostizieren und therapieren? Diese Fragen beschäftigen Prof. Dr. Stefan Frantz.
Seit 1. November 2014 ist der Kardiologe und Intensivmediziner neuer Direktor der halleschen
Universitätsklinik und Poliklinik für Innere Medizin
III. Frantz forscht translational und verbindet so
Grundlagenforschung mit klinischer Anwendung.
Er konnte unter anderem nachweisen, dass die
angeborene Immunität am Herzen wichtig ist und
dass sogenannte T-Zellen, eine Gruppe weißer
Blutzellen, wichtig für die Heilung nach einem
Herzinfarkt sind.
„Die Leitung der Klinik für Innere Medizin III gibt
mir die Möglichkeit etwas zu bewegen zum Wohle
unserer Patienten sowohl in der lokalen, als auch in
der globalen Patientenversorgung. Ich freue mich
über diese große Chance“, sagt er über seine neue
Aufgabe in Halle. Die Universität biete ihm dafür
den tollsten Beruf der Welt: „Ich darf Patienten
behandeln, versuchen Krankheiten mit Hilfe der
Forschung besser zu verstehen, neue Therapien
entwickeln und Studierende lehren.“ Wichtig sei
ihm zudem die Förderung junger Kliniker und Wissenschaftler, insbesondere wenn sie die klinische
Forschung anstreben.
Der gebürtige Freiburger studierte Medizin in Regensburg und Würzburg, wo er auch promoviert
wurde. Als Postdoktorand forschte er drei Jahre an
der Harvard University in Boston.
Mit einer Arbeit über „Angeborene Immunität und
kardialen Schaden“ habilitierte er sich 2006 an der
Universität Würzburg, wo er ab 2011 als Professor
für Translationale Forschung lehrte.
Frantz ist Mitgründer des Deutschen Zentrums für
Herzinsuffizienz mit Sitz in Würzburg und war bis zu
seinem Wechsel nach Halle Wissenschaftlicher Direktor des Zentrums. 2013 erhielt der Vater dreier
Kinder für seine Herzforschung den Arthur-WeberPreis der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.
cb
Prof. Dr. Stefan Frantz
Universitätsklinik und Poliklinik für Innere Medizin III
Telefon: 0345 5572601
E-Mail: stefan.frantz@
uk-halle.de
(Foto: Maike Glöckner)
Rechtsfragen in der modernen Arbeitswelt
Mit der Berufung an die Martin-Luther-Universität
kehrt Katja Nebe in ihre Forschungsheimat zurück. Zum Oktober 2014 hat sie die Nachfolge von
Prof. Dr. Armin Höland angetreten und lehrt und
forscht jetzt als Professorin für Bürgerliches Recht,
Arbeitsrecht und Recht der Sozialen Sicherheit
am Juristischen Bereich. „Arbeits- und Sozialrecht
stehen traditionell im Interesse von elementaren
Menschenrechten. Sie dienen im hohen Maße der
Verteilung von Ressourcen und Teilhabechancen“,
sagt Nebe über ihr Fachgebiet. Heute müsse die
Gesellschaft ihre Verteilungsmaßstäbe stets überprüfen, am modernen Antidiskriminierungsrecht
messen und neu tarieren. „Der Respekt vor Selbstund Mitbestimmung steht rein zentralistischen Vorgaben entgegen. Diese Gemengelage empfinde ich
als besonders reizvoll“, so die Juristin.
Die Universität Halle kennt die gebürtige Merseburgerin seit 23 Jahren – als Studentin der Rechtswissenschaft, als Promovendin und Habilitandin
war sie am Lehrstuhl von Prof. Dr. Wolfhard Kohte
tätig. Für ihre Promotion zum „Betrieblichen Mutterschutz ohne Diskriminierungen“ wurde Nebe
mit dem Dorothea-Erxleben-Preis ausgezeichnet.
Sie habilitierte sich 2009 mit einer Arbeit über die
selbstbestimmte Organisation komplexer ambulanter Pflegeleistungen. Als Vertretungsprofessorin
ging sie an die Universität Bremen, wo sie ab 2010
als Professorin für Zivilrecht mit dem Schwerpunkt
Arbeitsrecht forschte und lehrte und sich zudem
als Beauftragte für inklusives Studieren engagierte.
In Bremen leitete die 42-Jährige zuletzt ein Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs „Staatlichkeit
im Wandel“, das sich mit dem Formwandel von
Staatlichkeit durch Transnationalen Sozialen Dialog
beschäftigt. An der MLU will sich die Mutter dreier
Kinder besonders einsetzen für „eine ausgewogene
Repräsentanz der Geschlechter auf allen Ebenen der
Universität und eine hohe Sensibilität für diverse
Lebensbedingungen.“
cb
Prof. Dr. Katja Nebe
Bürgerliches Recht, Arbeitsrecht und Recht der Sozialen
Sicherheit
Telefon: 0345 5523151
E-Mail: nebe@jura.unihalle.de
(Foto: Maike Glöckner)
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personalia s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
Strategische Personalführung erforschen
Prof. Dr. Anne-Katrin Neyer
Personalwirtschaft und Business Governance
Telefon: 0345 5523 336
E-Mail: anne-katrin.neyer@
wiwi.uni-halle.de
(Foto: Katja Dohnke)
Zum 1. Oktober 2014 nahm Anne-Katrin Neyer
den Ruf als Professorin für Personalwirtschaft und
Business Governance an die Universität Halle an.
Sie erforscht interdisziplinär, welche Möglichkeiten
sich für ein Neuverständnis der Unternehmens- und
Mitarbeiterführung im Blick auf Business Governance ergeben, das heißt auf den Prozess und die
Steuerungsmechanismen, die von der Unternehmensleitung initiiert werden, um die strategischen
Unternehmensziele zu erreichen.
Die 36-jährige gebürtige Österreicherin ist in Halle
für den Masterstudiengang Human Resources Management verantwortlich. „Mein Ziel ist es, die Studierenden auf ihre zukünftigen Tätigkeiten optimal
vorzubereiten. Dazu braucht es Neugierde, Kreativität, keine Angst Fehler zu machen und aus diesen
zu lernen, Durchhaltevermögen, kritische Selbstreflexion und Freude am interdisziplinären Arbeiten.“ In ihrem Fachgebiet will sie Wissenschaft und
Praxis noch enger miteinander verbinden. „Ab dem
Sommersemester planen wir zu diesem Zweck gemeinsam mit Univations eine Prototypenwerkstatt.“
Anne-Katrin Neyer hat an der Wirtschaftsuniversität
Wien Handelswissenschaften studiert und wurde
dort 2004 promoviert.
Als Postdoktorand forschte und lehrte sie an Universitäten in Wien, London und Erlangen-Nürnberg,
wo sie sich 2011 habilitierte. Im Anschluss leitete sie
am Fraunhofer-Zentrum für Mittel- und Osteuropa
in Leipzig die Gruppe Strategie und Organisation
und nahm ab 2012 eine Vertretungsprofessur an der
Martin-Luther-Universität wahr. „Bereits in dieser
Zeit habe ich den Wirtschaftswissenschaftlichen
Bereich als sehr unterstützend und offen für neue
Ideen erlebt.“ Seit 2014 ist sie Vizepräsidentin im
Exekutivkomitee der European Academy of Management und kümmert sich um die Nachwuchsförderung. Privat engagiert sich die Mutter zweier
Söhne als Beiratsmitglied im Leipziger BuchkinderVerein.
cb
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 personalia
Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik
Während Staaten versuchen, mit Hilfe von Fiskalpolitik auf die wirtschaftliche Entwicklung im Land
einzuwirken, betreiben Zentralbanken zu diesem
Zweck Geldpolitik, beispielsweise indem sie den
Leitzins erhöhen oder senken. Dass beides eng
miteinander verknüpft ist, lässt sich spätestens seit
der Finanzkrise von 2008 und der darauffolgenden
Staatsschuldenkrise kaum bestreiten. Dennoch haben Makroökonomen noch vor wenigen Jahren
Geld- und Fiskalpolitik meist getrennt voneinander
untersucht. Umso aktueller und drängender erscheinen deshalb die Forschungsfragen von Prof.
Dr. Alexander Kriwoluzky. Er untersucht, wie sich
das Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik auf
Inflation, Staatsverschuldung und auf das Bruttosozialprodukt auswirkt. Seit November 2014 lehrt und
forscht der 36-Jährige als Professor für Monetäre
Makroökonomik an der MLU. Der gebürtige Berliner
hat an der Humboldt-Universität zu Berlin und in
Oslo Volkswirtschaftslehre studiert. Als Doktorand
forschte er 2006 für acht Monate in Princeton, im
Team des späteren Wirtschaftsnobelpreisträgers
Christopher Sims. 2009 wurde Kriwoluzky an der
Humboldt-Universität mit einer Arbeit über die
empirischen Effekte der Geld- und Fiskalpolitik
promoviert. Forschungsaufenthalte führten ihn
nach Florenz und Amsterdam, bevor er als Juniorprofessor nach Deutschland, an die Universität
Bonn, zurückkehrte. Die Auswirkungen von Geldund Fiskalpolitik interessieren den Ökonom auch
aus historischer Perspektive, insbesondere die
Geschichte der großen Depression, die mit dem
Börsenkrach 1929 begann – „Eine faszinierende
Zeit mit politischen, sozialen und ökonomischen
Besonderheiten, die weitreichende Bedeutung hatten.“ In Halle will Kriwoluzky die Kooperation mit
dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle stärken
und dadurch mithelfen, die MLU als einen der forschungsstärksten Orte für VWL in Deutschland zu
gestalten.
cb
Physik-Nobelpreisträger Albert Fert
kommt nach Halle
Humboldt-Professorin Décultot
forscht ab Februar an der MLU
Die Alexander von Humboldt-Stiftung hat dem
französischen Physik-Nobelpreisträger Albert Fert
den Humboldt-Forschungspreis zuerkannt. Albert
Fert, der 2007 den Nobelpreis für Physik für die
Entdeckung des Riesenmagnetwiderstands (GMR)
erhalten hat, wird sein Preisgeld auch für mehrere Forschungsaufenthalte an der Universität Halle
nutzen. Dort und am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik wird er unter anderem mit Humboldt-Professor Stuart Parkin zusammenarbeiten.
Albert Ferts Entscheidung für Halle ist ein weiterer
Erfolg für den Forschungsschwerpunkt „Nanostrukturierte Materialien“, zu dem auch der Sonderforschungsbereich 762 „Funktionalität oxidischer
Grenzflächen“ an der Martin-Luther-Universität
gehört. Zu seinem ersten Aufenthalt wird Fert im
Frühjahr 2015 an der Universität Halle erwartet. Er
wird sich dann mit einem Vortrag im physikalischen
Kolloquium vorstellen. Mehr Informationen unter:
http://bit.ly/fert-halle
mab
Zum 1. Februar wechselt die Germanistin Elisabeth Décultot als Humboldt-Professorin von Paris
nach Halle. Als erste Aufklärungsforscherin hatte
sie im Mai 2014 den höchstdotierten deutschen
Forschungspreis, die Alexander von HumboldtProfessur erhalten. Décultot wird dem Germanistischen Institut angehören und als Direktorin in
das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung
der Europäischen Aufklärung (IZEA) eintreten. Zur
Finanzierung der Professur „Neuzeitliche Schriftkultur und europäischer Wissenstransfer" stellt die
Humboldt-Stiftung insgesamt 3,5 Millionen Euro für
fünf Jahre zur Verfügung. Die Französin gilt weltweit
als eine der am besten vernetzten Expertinnen für
die Schriftkultur des 17. bis 19. Jahrhunderts. In
Halle wird sie sich und ihre Projekte im Rahmen einer Vortragsreihe vorstellen. Mehr über Elisabeth
Décultot im Online-Magazin unter: www.magazin.
uni-halle.de/16029 sowie in einem Interview des
IZEA: http://bit.ly/izea-decultot
cb
Prof. Dr. Alexander Kriwoluzky
Monetäre Makroökonomik
Telefon: 0345 5523380
E-Mail: alexander.kriwoluzky@wiwi.uni-halle.de
(Foto: Maike Glöckner)
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personalia s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
Bertolt Marquardt
An dieser Stelle wird’s persönlich…. Den Fragebogen des Unimagazins beantwortet diesmal Bertolt Marquardt.
Seit September 2014 ist er Vorsitzender des Personalrats der Universität und vertritt in dieser Funktion die Interessen der Beschäftigten gegenüber der Universitätsleitung. Seit 30 Jahren arbeitet der Entwicklungsingenieur
an der MLU, seit 25 Jahren engagiert er sich im Personalrat.
1 | Warum leben Sie in Halle und nicht
anderswo?
Weil ich in Halle geboren wurde und ich nach
dem Studium in Ilmenau die Möglichkeit einer
Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter
an der MLU bekam. Hier sollte die Elektronik /
Sensortechnik an der damaligen Sektion Physik
ausgebaut werden.
2 | Wenn nicht Ingenieur, was wären Sie dann
geworden?
Ich hätte Geschichte oder (später) Jura studiert..
3 | Was war an Ihrer Studienzeit am besten?
Die Gemeinschaft und viele Freiheiten, die wir an
der TH Ilmenau hatten.
4 | Welchen Rat fürs Überleben würden Sie
Studenten geben?
Nicht aufgeben, aber rechtzeitig erkennen, wenn
das gewählte Studienfach nicht das richtige ist.
Über den Tellerrand des eigenen Fachs hinausschauen und sich engagieren.
Bertolt Marquardt auf dem
Uniplatz
(Foto: Markus Scholz)
5 | Wenn Sie Rektor einer Universität wären,
was würden Sie als erstes tun?
Die Kürzungspläne der Landesregierung rigoros ablehnen und die mit dem Personalrat abgestimmte
Leitlinie „Gute Arbeit in der Wissenschaft“ in die
Tat umsetzen.
6 | Was ist für Sie die erste Aufgabe der
Wissenschaft?
Die Welt erkennen und den Menschen helfen.
7 | Was haben Intelligenz und Menschlichkeit
miteinander zu tun?
Intelligente Menschen sollten eigentlich menschlich sein – eigentlich.
8 | Worüber ärgern Sie sich am meisten?
Wenn ich einen Fehler gemacht habe.
9 | Was bringt Sie zum Lachen?
Meine Kinder.
10 | Was schätzen Sie an Ihren Freunden?
Dass es sie gibt. Viele Gemeinsamkeiten und dass
sie in guten und schlechten Zeiten da waren und
sind.
s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015 personalia
11 | Wo sehen Sie Ihre Stärken?
Lange Jahre Erfahrung als Personalrat, konsequent aber auch kompromissfähig zu sein. Achtung vor den Menschen.
12 | Was erwarten Sie von der Zukunft?
Die Menschheit muss ihre Probleme friedlich
lösen, sonst gibt es keine Zukunft.
13 | Woran glauben Sie?
An das Gute im Menschen.
14 | Welchen bedeutenden Menschen unserer
Zeit hätten Sie gern als Gesprächspartner?
Michael Gorbatschow.
15 | Wer war oder ist (bisher) für Sie der wichtigste Mensch in Ihrem Leben?
Meine Eltern und meine Kinder.
16 | Welchen Ort der Welt möchten Sie unbedingt kennen lernen?
Das ist mir nicht wichtig.
17 | Womit verbringen Sie Ihre Freizeit am
liebsten?
Musik, Fotografieren, Sport, Basteln, Familie und
Freunde – leider reicht die Freizeit nicht …
18 | Was wären Ihre drei Bücher für die Insel?
Mark Twains „Ein Yankee an König Arthus Hof“,
Terry Pratchetts „Schöne Scheine“,
Stanislaw Lems „Sterntagebücher“
19 | Wenn Sie einen Wunsch frei hätten?
Persönlich: Gesund bleiben bei klarem Verstand.
Ansonsten: Keine Kriege mehr.
20 | Ihr Motto?
Es könnte auch schlimmer kommen.
Aus der Vita
1958 in Halle geboren
1980 bis 1985 Studium
an der TH Ilmenau,
Abschluss Diplomingenieur für Informationselektronik
1985 Befristeter Wissenschaftl. Mitarbeiter an der
MLU, Sektion Physik
seit 1986 Entwicklungsingenieur für Lehre und
Forschung, Sektion Physik
seit 1990 aktiv im Personalrat der MLU
seit 2014 Vorsitzender des
Personalrats
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s c h l u s s s t ü c k s c i e n t i a h a l e n s i s 1 / 2015
Auf dem UniversitätsCampus Halle ist allerlei
Erstaunliches, Spannendes
und Seltsames zu finden. Die
letzte Seite des Magazins ist
den Mythen und Schätzen,
Kuriositäten und Unikaten
der Universität Halle
gewidmet.
Selbstgebaut:
e i n k l i no s tat au s „ f i s c h e rt ec h n i k “
Wider die Schwerkraft: Der
selbstgebaute Klinostat dreht
Pflanzen um die eigene Achse.
(Foto: Markus Scholz)
Auf dem Weinberg-Campus, dem zweitgrößten
Technologiepark im Osten, ist hochanspruchsvolle
Technik im Einsatz. Moderne, filigran verschraubte
und verschweißte Maschinen leisten hier ihren unermüdlichen Dienst für die Wissenschaft. Zwischen
den kleinen und großen professionellen Anfertigungen lauert aber auch der Do-it-yourself-Gedanke.
Und so steht neben Hightech am Weinberg auch
Selbstgeschraubtes von Wissenschaftlern. Zum Beispiel aus „fischertechnik“!
Denn mitunter ist das, was Forscher dort ihren
Einsatzgeräten abverlangen, so speziell, dass kaum
ein existierendes Gerät diese wissenschaftlichen
Wünsche zur vollsten Zufriedenheit erfüllen kann.
Es sei denn, man weiß sich eben selbst zu helfen.
Und kann vielleicht, so wie Biochemiker Prof. Dr.
Ingo Heilmann, auf den Jahrzehnte alten TechnikBaukasten seiner Jugend zurückgreifen. Der Mercedes unter den Forschungsgeräten entsteht so zwar
nicht. Einmalig und auf seine Art unentbehrlich ist
das selbst Kreierte aber allemal.
Der Klinostat der Abteilung Zelluläre Biochemie hat
nur eine einzige wichtige Aufgabe. Doch die erfüllt
es zuverlässig: Tagein, tagaus rotiert das eigens
zu diesem Zweck gebastelte Gerät, bestückt mit
Pflänzchen in Petrischalen, langsam und beständig
um die eigene Achse. Wozu das gut sein soll? „Wir
wollen herausfinden, wie das gerichtete Wachstum
von Pflanzen gesteuert wird und welchen Einfluss
bestimmte Botenstoffe darauf haben“, erklärt Ingo
Heilmann. Deshalb lassen die Molekularbiologen also Ackerschmalwand-Pflänzchen von sogenannten
Klinostaten gleichmäßig um die eigene Achse rotieren. So werden die Kreuzblütler von allen Seiten
gleichermaßen der Schwerkraft ausgesetzt. „Einen
erschwinglichen Klinostaten für Petrischalen gibt es
jedoch nicht“, bedauert Heilmann. So schwer kann
es doch nicht sein, das selbst zu bauen, dachte der
Professor und erinnerte sich der eigenen Basteleien
seiner Jugend. Er holte den alten „fischertechnik“Bausatz hervor und siehe da: „Sogar der dazugehörige Elektromotor funktionierte noch!“
Ein wenig Tüftelei, dann war es vollbracht: Elf Zahnräder aus Kunststoff und ein fast 40 Jahre alter
Elektromotor sorgen dafür, dass sich wie gewünscht
bis zu fünf Petrischalen gleichmäßig um sich selbst
drehen können. Meist läuft das Unikat der Marke
Eigenbau in der Dunkelkammer der Abteilung. Nur
zu besonderen Anlässen wie der Langen Nacht der
Wissenschaften wird das Gerät zum Star: Neugierige Besucher dürfen den Klinostaten dann auch im
Licht begutachten – denn einfallendes Licht würde
die Testergebnisse eigentlich verfälschen. Den Rest
der Zeit rotiert das selbstgebaute Stück im Dunkeln
allein und unerschütterlich vor sich hin.
Corinna Bertz
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