close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Das Magazin 5/6 vom 31. Januar 2015

EinbettenHerunterladen
N ° 5/6 — 31. JA N UA R 2015
ANTI-MAESTRO
ESA-PEKKA SALONEN
S. 38
WIE STAUDÄMME
AMAZONIEN
ZERSTÖREN S. 26
WAS BEDEUTET 1815 FÜR
DIE SCHWEIZ?
Jean-Philippe Patthey, 64, La Brévine
Ruhestand?
Dafür bin ich noch
viel zu jung.
<wm>10CAsNsjY0MDQx0TU2NzQzMwMACVvHDw8AAAA=</wm>
<wm>10CFWLqw6DUBAFv2hvzlnuPujKBkcQBH8NQfP_qrSuYpIRM-ta1vDjvWzHshfB3mUKunvZbE3DwisRLWPKApUK2ouOxyP5t0jvqQaMbyOgKMcjNgt0ONHu8_oAg5J_sXUAAAA=</wm>
Als ich 50 war und unsere Kinder erwachsen,
haben meine Frau und ich entschieden, getrennte
Wege zu gehen. Nicht leicht. Aber danach hab
ich gemacht, wovon ich schon lange träumte:
Reisen, Abenteuer, alles neu. Jetzt bin ich 64 und
starte mit meinem Business wieder von vorne.
Was danach kommt? Egal, ich freu mich drauf.
Jean-Philippes ganze Geschichte auf
generali.ch/zuhoeren
Um zu verstehen, muss man zuhören.
Lebenssituationen sind vielfältig, unsere Lösungen auch.
C OV ER — G A BR I EL L ORY: DI E G ON D ON S C H LUC H T. AU S: VOYAGE PI T T OR E S QU E DE GEN È V E A M I L A N PA R L E SI M PL ON, PA R I S 181 1. R EPRODU K T ION: V I AT IC A L PE S / M EDI AT H EK WA L L I S - SI T T EN
EDI T OR I A L — F R A N Z N I K L AU S KÖN IG: AU S SIC H T VON DER GEM M ENA L P M I T L Ä M M ERGEI ER , 1810. L E G AT ED OUA R D DAV I N ET / K U N S T M U SE U M BER N
EDITOR IAL/INHALT
Das Jahr 2015 ist für die Schweiz ein Jahr der historischen Jubiläen: 1315 war die Schlacht am Morgarten, 1515, zweihundert Jahre später, die Schlacht bei Marignano (eine ganz simple militärtechnische Niederlage, der nicht, wie auch behauptet wird, die Einsicht der Eidgenossen folgte, sich künftig besser
aus Kriegen rauszuhalten) und schliesslich der Wiener Kongress von 1815. Thomas Zaugg hat für dieses Heft die Geschichte des Schweizer Auftritts am Kongress in Wien geschrieben. Beinahe eine Komödie führten die Delegierten der Kantone in Wien in ihrer Zerstrittenheit auf. Ihre Eigeninteressen
dominierten, für die europäischen Grossmächte Österreich,
Russland, Grossbritannien, Preussen und Frankreich war die
Schweiz auch nicht das einzige Geschäft. Am Ende gewährte
man den Eidgenossen sozusagen die Konzession, neutral zu
bleiben, weil das vor allem auch im Interesse Europas war. Die
Titelgeschichte meines Kollegen ist deshalb wichtig, weil 2015
ein gutes Jahr ist, um darüber «nachzudenken, auf welchen
historischen Voraussetzungen die Schweiz tatsächlich gründet», wie es der Historiker Thomas Maissen formuliert hat.
Finn Canonica
Das nächste Magazin erscheint am
14. Februar 2015
Die Schweiz, wie sich selbst mag, auf einem Gemälde
von Franz Niklaus König (1810). Im Jahr 1815 gestand man ihr zu,
so zu bleiben, wie sie ist. S.10
Bogotá
Atlantik
Boa Vista
Kolumbien
Macapá
Belém
Santarém
Belo Monte
Manaus
Iquitos
São Luiz
Maraba
Pôrt Velho
Peru
Rio Branco
Bolivien
Cuiabá
Brasília
La Paz
Die Flüsse des Amazonasbeckens fliessen in den Atlantik – das weiss jedes Kind.
Doch in der Karte zur Amazoniengeschichte (ab S. 26) findet sich ein Fehler – da mündet
der Amazonas in den «Pazifik». Eine Grafik wurde falsch verknüpft. Pardon.
„Die Warmherzige ...“
...ein ganz individueller Charakter –
wie alle 15 Connaisseurs-Pralinés.
Schenken Sie Connaisseurs, die
wertvollsten Meisterwerke unserer
Maîtres Chocolatiers.
3
KOMMENTAR
UNVERWÜSTLICH & LEGENDÄR
POLITISCH WIRD
ES ENG IN EUROPA
chenland tatsächlich den Aufstand wagt,
ist es für die Regierungen dieser Länder
kaum mehr möglich, den Sparkurs ohne
jedes Aufbegehren mitzutragen.
Zudem hat Tsipras durch seine Koalition mit den ultranationalistischen
«Un­abhängigen Griechen» nicht nur
deutlich gemacht, dass er bereit sein
wird, bei der Forderung nach einem
Schuldenerlass aufs Ganze zu gehen. Er
hat auch die Allianz, die zwischen rechten Euroskeptikern und linken Austeritätskritikern erwachsen ist, zur machtpolitischen Tatsache erhoben. Glückwünsche kamen in der Wahlnacht nicht
nur von der deutschen Linken, sondern
auch von Marine Le Pen. Die gemässigten demokratischen Parteien, die die
Eurozone wieder auf Erfolgskurs bringen möchten, können die Augen jetzt
nicht mehr davor verschliessen, dass die
den Südeuropäern verordnete Rosskur
an die Grenzen ihrer politischen Tragbarkeit stösst. Die EU-Wirtschaftspolitik könnte in nicht allzu ferner Zeit
in weiten Teilen Europas keine Mehrheiten mehr finden.
Der Legitimitätsverlust hat simple
Gründe: Die «Griechenlandrettung» der
EU zeitigt desaströse Resultate – und
zwar nicht, weil die Griechen zu wenig,
sondern, weil sie viel zu viel gespart haben. Von 2009 bis 2014 wurden die
Staatsausgaben von 125 Milliarden auf
90 Milliarden Euro gesenkt, also um über
25 Prozent. Die Löhne schrumpften im
selben Zeitraum um durchschnittlich 27
Prozent, die Renten und Beamtenlöhne
um 40 Prozent. Gleichzeitig wurden in
den letzten beiden Jahren die Steuern
kräftig erhöht. Es gab und gibt schwere
Struktur- und Korruptionsprobleme in
JETZT MIT BIS ZU CHF 7’000.– EURO-BONUS
*
Griechenland, aber dass in der nordeuropäischen Öffentlichkeit noch immer
die Ansicht vorherrscht, die Griechen
müssten nur endlich mal ihren überdimensionierten Staat entschlacken, um
alle Probleme mit einem Schlag zu lösen,
hat zu den volkswirtschaftlichen Fakten
nicht den geringsten Bezug.
Griechenland hat sich über die vergangenen vier Jahre mit letzter Entschlossenheit selber ausgeblutet. Die
Staatsschulden sind im Verhältnis zum
BIP nur deshalb weiter angestiegen, weil
die Sparmassnahmen dazu geführt haben, dass die Gesamtwirtschaft noch
schneller schrumpfte als die Staatsausgaben. So kam es, dass trotz stetig steigender Fiskalquote die griechischen
Steuereinnahmen laufend abnahmen.
Das Land ist zum Lehrbuchbeispiel
geworden, wie man eine Volkswirtschaft
kaputt sparen kann. Die Experten der
Troika haben ihre Sanierungsprognosen
auf die Hypothese gestützt, die Sparmass­
nahmen würden bereits nach zwei Jahren einen massiven Wachstumsschub
auslösen. Selten hat ein wirtschaftspolitisches Programm von dramatischerer Inkompetenz gezeugt – und dramatischere Folgen gehabt.
Das Problem ist, dass nicht nur Tsipras unter politischem Druck steht. Die
Bundeskanzlerin hat die deutsche Öffentlichkeit derart eisern darauf eingeschworen, dass ausschliesslich ein Sparprogramm Besserung schaffen kann,
dass sie einem Schulden­erlass für Griechenland heute kaum mehr zustimmen
kann. Alle wollen den Euro retten. Aber
der politische Spielraum, um das zu bewerkstelligen, wird bedrohlich eng.
DA N I EL BI N S WA NGER ist Redaktor des «Magazins».
4
RAV4
AB CHF
26’900.–*
SEIT 60 JAHREN
DER 4x4-PIONIER
(inkl. CHF 5’000.– Euro-Bonus)
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Von DANIEL BINSWANGER
Wir wissen nicht, wie die Sache enden
wird, aber eines ist wahrscheinlich: Der
Syriza-Erfolg stellt einen Wendepunkt für
die Europäische Union dar. Rein wirtschaftlich mag es plausibel erscheinen,
dass die Gläubigerländer hart bleiben
und Athen zur Fortsetzung des Austeritätskurses zwingen. Man wird ein paar
Kompromissgesten machen, der neuen
Regierung bei Zinssätzen und Fristerstreckungen etwas weiter entgegenkommen – und de facto wird sich wenig ändern. Im gegenteiligen Fall, wenn nicht
das Weiterwurstel-, sondern das «Grexit»-Szenario Realität würde, wären die
ökonomischen Folgen für Gesamteuropa
ebenfalls überschaubar: Eine Bankenkrise würde Griechenlands Euro-Ausstieg heute nicht mehr auslösen, und die
Staatsanleihen anderer südländischer
Schuldnerländer sind bis auf weiteres
durch das Aufkauf-Programm der EZB
vor einer Kontamination durch die Griechenlandkrise geschützt. Wirtschaftlich ist die Tsipras-Wahl für die EU eine
bewältigbare Herausforderung.
Politisch jedoch sieht es anders aus.
Auf politischer Ebene wird sehr wohl
ein «Kontaminationseffekt» entstehen.
Der Syriza-Sieg beflügelt die spanische
Anti-Austeritätspartei Podemos und
könnte dieser bei den Wahlen im Spätherbst zum Sieg verhelfen. Auch in
Frankreich und Italien wird der Widerstand gegen das Brüsseler Spardiktat erneut an Virulenz gewinnen. Sowohl
François Hollande als auch Matteo Renzi wurden unter anderem deshalb in ihr
Amt gewählt, weil sie das Versprechen
machten, Angela Merkel forscher als ihre
Vorgänger die Stirn zu bieten. Wenn Grie-
DIE TOYOTA 4x4-IKONEN
HILUX
DER UNVERWÜSTLICHE 4x4
AB CHF 24’400.–*
SIENNA
DER 4x4-LUXUS-VAN
AB CHF 59’900.– *
toyota.ch
LAND CRUISER
DIE 4x4-LEGENDE
AB CHF 35’950.–*
LAND CRUISER V8
DER 4x4-KÖNIG
AB CHF 83’700.–*
* Empf. Netto-Verkaufspreis nach Abzug eines Euro-Bonus, inkl. MwSt. RAV4 Luna 2,0 4x4, 111 kW (151 PS), 5-Türer, CHF 31’900.– abzgl. Euro-Bonus von CHF 5’000.– = CHF 26’900.–, Ø Verbr. 7,3 l/100 km, Ø CO₂ 169 g/km,
En.-.Eff.F. Abgeb. Fahrzeug: RAV4 Style 2,2 D-4D, 110 kW (150 PS), M/T, CHF 42’700.– abzgl. Euro-Bonus von CHF 5’000.– = CHF 37’700.–, Ø Verbr. 5,7 l/100 km, Benzinäquiv. 6,4 l/100 km, Ø CO₂ 149 g/km, En.-Eff. D. Hilux
Terra 2,5 D-4D 4x4 Single Cab, 106 kW (144 PS), M/T, CHF 26’900.– abzgl. Euro-Bonus von CHF 2’500.– = CHF 24’400.–, Ø Verbr. 7,6 l/100 km. Abgeb. Modell: Hilux Sol Premium 3,0 D-4D 4x4 Double Cab, 126 kW (171 PS), M/T,
CHF 44’400.– abzgl. Euro-Bonus von CHF 2’500.– = CHF 41’900.–. Sienna 3,5 l V6 Dual VVT-i, 4x4, 198 kW (269 PS), CHF 66’900.– abzgl . Euro-Bonus von CHF 7’000.– = CHF 59’900.–, Ø Verbr. 11,3 l/100 km, Ø CO₂ 260 g/km,
En.-Eff. G. Land Cruiser Profi 3,0 D-4D 4x4, 140 kW (190 PS), 3-Türer, M/T, CHF 39’950.– abzgl. Euro-Bonus von CHF 4’000.– = CHF 35’950.–, Ø Verbr. 8,1 l/100 km, Benzinäquiv. 9,1 l/100 km, En.-Eff. F. Abgeb. Fahrzeug: Land
Cruiser Sol 3,0 D-4D 4x4, 140 kW (190 PS), 5-Türer, M/T, CHF 66’950.– abzgl. Euro-Bonus von CHF 4’000.– = CHF 62’950.–. Land Cruiser V8 Luna 4,5 V8 D-4D 4x4, 200 kW (272 PS), 5-Türer, A/T, CHF 89’700.–, abzgl. Euro-Bonus
von CHF 6’000.– = CHF 83’700.–, Ø Verbr. 9,5 l/100 km, Benzinäquiv. 10,6 l/100 km, Ø CO₂ 250 g/km, En.-Eff. G. Abgeb. Fahrzeug: Land Cruiser V8 Sol 4,5 V8 D-4D 4x4, 200 kW (272 PS), 5-Türer, A/T, CHF 110’800.– abzgl.
Euro-Bonus von CHF 6’000.– = CHF 104’800.–. Ø CO₂-Emission aller in der Schweiz immat. Fahrzeugmodelle: 144 g/km. Leasingkonditionen: Eff. Jahreszins 0,5%, Leasingzins pro Monat inkl. MwSt., Vollkaskoversicherung
obligatorisch, Sonderzahlung 15%, Kaution vom Finanzierungsbetrag 5% (mind. CHF 1’000.–), Laufzeit 24 Monate und 10’000 km/Jahr. Eine Leasingvergabe wird nicht gewährt, falls sie zur Überschuldung führt. Die Verkaufsaktionen
sind gültig für Vertragsabschlüsse mit Inverkehrsetzung ab 21. Januar 2015 bis 28. Februar 2015 oder bis auf Widerruf. Toyota Gratis-Service beinhaltet kostenlose Servicearbeiten bis 6 Jahre oder 60’000 km (es gilt das zuerst
Erreichte). Der Hilux und der Land Cruiser Profi sind vom Gratis-Service ausgeschlossen. Abbildungen zeigen aufpreispflichtige Optionen.
DR AUSSEN SEIN MIT: ANNE WIZOR EK
Die Netzfeministin, die den Hashtag #aufschrei gegründet hat, macht eine
Pause vom Computer und besucht den Volkspark Friedrichshain in Berlin.
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Von BIRGIT SCHMID
Alice Schwarzer ging auf die Strasse, Anne Wizorek geht ins
Internet. Wizorek gehört zu jenen jungen Frauen, die nach einem «Feminismus von heute» verlangen. Die Forderungen
sind gleich, die Mittel neu. Am 25. Januar 2013 ruft die damals
31-Jährige den Hashtag #aufschrei ins Leben. Frauen sollten
über Twitter von ihren Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus erzählen. Und die Frauen schrien auf. Innerhalb weniger
Tage meldeten sich Zehntausende, die von der Hand des Arztes auf ihrem Po oder dem Spruch des Lehrers berichteten,
Mädchen seien zu doof für Mathe. Sie selbst verfasste einen
ersten Tweet. «der prof, der wissen wollte, ob ich meinen referatspartner date. jede sprechstunde alleine bei ihm wurde zu
purer anspannung. #aufschrei.»
Anne Wizorek nennt sich Netzfeministin. Sie versucht in
den sozialen Medien Debatten anzustossen, die über die Netzgemeinde hinaus zu reden geben. Sie betreibt einen Blog und
hat 2013 das Buch «Weil ein #aufschrei nicht reicht» geschrieben. (Lesungen am 10.2., Bern, 11.2., Basel, 12.2., Zürich)
Die Berlinerin schlägt als Treffpunkt den Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain vor, «mein Stück Natur». Sie
wohnt in der Nähe, trägt zum Wandel in Friedrichshain bei:
Junge coole Leute ziehen her, Alteingesessene müssen gehen.
Wizorek trägt weisse Kopfhörer, aus denen der Soundtrack
von «Hunger Games» tönt. So schotte sie sich ab, sagt sie, von
anzüglichen Worten, zudringlichen Blicken. An diesem regnerischen Nachmittag halten sich nur wenige Leute im Park
auf. Der Märchenbrunnen liegt im Winterschlaf, das Becken
ist trockengelegt, die Figuren sind eingepackt.
Belästigt durch ein Kompliment
Hallt #aufschrei zwei Jahre später nach? Die Debatte, sagt Wizorek, habe vielen Frauen gezeigt, dass vieles nicht recht sei,
was sie bisher hinnahmen. Sie gab ihnen eine Sprache. Als ob
Dämme brechen: «Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes
erhielt ein Drittel mehr Anfragen.»
Besteht nicht die Gefahr, dass an dieser virtuellen Klagemauer ein nerviges Kompliment einem tatsächlich gewalttätigen Übergriff gleichgestellt wird, wodurch das Leiden wirklicher Opfer verharmlost wird? Es gehe nicht darum, das gegeneinander aufzuwiegen, antwortet Wizorek, sondern darum,
«das ganze Ausmass zu zeigen, in dem Mädchen und Frauen
auch heutzutage herabgewürdigt werden. Es ist belegt, dass
sexistische Grundeinstellungen die Gewaltbereitschaft erhöhen – insofern ist das eng miteinander verknüpft.»
Wann erlebt sie einen Blick als aufdringlich? Da gebe es
keine Checkliste, sagt sie. «Aber natürlich ist es unangenehm,
wenn mir ein Mann, den ich nicht kenne, auf die Brust oder den
Hintern schaut: Dabei geht es nicht um mich als Mensch.»
An einem Teich schnattern Enten und schnappen nach dem
Brot, das ihnen Kinder zuwerfen. An manchen Stellen liegt eine
dünne Eisschicht auf dem Wasser.
Vor ein paar Monaten gab ein Video einer jungen New
Yorkerin zu reden, die einen Tag zu Fuss durch Manhattan ging
und dokumentierte, wie oft sie von fremden Männern angesprochen oder sogar verfolgt wurde. Im Video sind nur Schwarze zu sehen, doch später kam heraus, dass sie die Begegnungen mit weissen Männern herausgeschnitten hatte. Dient das
der Sache? Trotz dieser Verzerrung, sagt Wizorek, habe das
Video eine wichtige Aussage gemacht: dass Frauen, die nur von
A nach B kommen wollten, dabei belästigt werden und die Anmache sogar noch als Kompliment empfinden sollten.
Könnte es sein, dass – je nach Kultur – der Spielraum, was
als sexistisch empfunden wird, verschieden eng ist? «Nein.
Wenn jemand sagt, muslimische Männer hätten im Vergleich
etwa mit christlichen Männern altmodischere Ansichten, daher gingen sie anders mit Frauen um, ist das diskriminierend.
Und rassistisch.» Auch das Kopftuch solle eine Frau selbstbestimmt tragen dürfen, genauso wie es ihr freistehe, im Businessanzug oder kurzen Rock durchs Leben zu gehen.»
Sind Frauen dumm, die sich darüber freuen, wenn ihnen
ein Mann hinterherpfeift? Auch das sei legitim, sagt Anne Wizorek, schliesslich hätten diese Frauen nur die Botschaft verinnerlicht, die die Gesellschaft aussendet. Andererseits sei es
schwierig, wenn eine Frau ihren Wert ausschliesslich über ihr
Aussehen bemisst, auf das sie in diesem Moment reduziert
werde. «Dann wird es für sie spätestens frustrierend, sobald die
ersten Fettröllchen oder Falten auftauchen.» Auf die Frage,
wann sie das letzte Mal eine Form von Sexismus erlebt habe,
spricht sie über den strukturellen Sexismus: vom Widerstand
gegen die Frauenquote bis zum Vormarsch der Abtreibungsgegner.
Es dämmert bereits, die Finger sind klamm. Wir suchen
den Weg hinaus aus dem Park. Was hat der Feminismus Frauen an der Supermarktkasse gebracht, die abends nicht im Pyjama mit dem Laptop auf dem Bett sitzen und an einer Revolution teilnehmen können, da sie die Kinder ins Bett bringen
und anderntags wieder früh rausmüssen? Um die gehe es ihr
genauso, sagt Wizorek. Sie selbst wuchs die ersten Jahre in der
DDR auf, ihre Mutter arbeitete als Maschinenbauingenieurin.
Man wolle immer das eine gegen das andere ausspielen, unterdrückte Frauen in Afghanistan gegen Akademikerinnen,
die an die gläserne Decke stossen – nur um sich nicht ernsthaft
mit den feministischen Anliegen auseinanderzusetzen.
Am Platz der Vereinten Nationen verabschiedet sie sich.
Sie wird jetzt nach Hause gehen und sofort ihr Smartphone
checken – «meinen Arbeitsplatz». Sie will nicht verpassen,
wenn wieder eine Frau laut werden muss.
Anne Wizorek, bereits am Ende des Spaziergangs, am Platz der Vereinten Nationen.
Bild A N DR E A GR A M BOW + JO S CH A K I RCH K NOPF
7
K ATJA FRÜH
DÜNN UND TOT
den Aufnahmestopp bei den Weight
Watchers zu begründen. Immer wenn
eine bekannte Persönlichkeit diesen Weg
wählt, gibt es einen Andrang, einen
Sturm, es der bekannten Persönlichkeit
gleichzutun. Wie beim Erscheinen von
Goethes «Werther». Und wie eben jetzt,
als sich im Herbst ein bekannter Politiker
für den Exit-Freitod entschieden hat. Je-
es ist Winter, Festtagsspeck, die saisonale Depression, der Lichtmangel, das leere Konto. Dick und am liebsten tot ist man
in diesen Monaten. Das erklärt die Überbuchungen.
Natürlich, nein, das erklärt gar nichts.
Er erklärt nicht den wahren Kummer
vieler Übergewichtigen, ihr Ausgegrenztsein, ihren Selbsthass, ihre Verzweiflung
wegen der nutzlosen Bemühungen, Unsicherheit. Er erklärt auch
nicht den Sterbewunsch der Kranken, deren Schmerzen, deren Ausgeliefertsein an lebensverlängernde Maschinen. Wie kommen
die ganz bestimmt wohlmeinenden Vereine aus der Misere? Wie
können sie es verantworten, Leute abzulehnen und hinzuhalten,
die nicht mehr ein noch aus wissen? Wie trösten sie diese Menschen? Bald, wenns Frühling wird,
helfen wir dir beim Sterben? Bis
dann musst du durchhalten. Bald,
wenn es wärmer wird, darfst du
abnehmen? Nein, nichts dergleichen, sagt meine Freundin. Sie sagen nur: Sorry, wir haben zu viele
Anfragen. Man muss es einfach
irgendwann wieder versuchen.
Vermutlich gründen sie mehr
Zweigstellen. So wird es sein.
Dann sind die einen dünn, die andern tot. Alles wird gut.
der möchte so mutig sein, so aufrecht, so
würdig. Das ist immer gute Werbung. Wie
die der Weight Watchers, wo sich ehemals dicke, berühmte Schauspieler jetzt
im TV gertenschlank um sich selbst drehen. An der Mustermesse gibt es einen
Weight-Watchers- und einen Sterbehilfe/Exit-Stand. Am einen verkauft man
Schlankheit, am anderen den Tod. Gut,
Die Drehbuchautorin und Regisseurin K AT JA F RÜ H schreibt hier im Wechsel mit Hazel Brugger.
Bild LU K A S WA S SM A N N
8
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Eine gute Freundin von mir – das wird
man mir jetzt nicht glauben und denken,
es gehe um mich selbst, ich bestehe aber
darauf –, eine gute Freundin von mir
also hat sich kürzlich bei zwei Vereinen
anmelden wollen. Sie hatte das Gefühl,
vor den Feiertagen noch einiges bereinigen zu müssen. Es handelt sich um den
Verein der Weight Watchers und den
Sterbehilfeverein Exit. Das allein
wäre ja schon ziemlich komisch,
aber was dann kam, ist noch verblüffender: Man liess sie beide
Male ewig am Telefon warten, um
ihr dann mitzuteilen, dass der Verein wegen zu vieler Buchungen
momentan keine Mitglieder mehr
aufnehmen könne. Also: Zu viele
Menschen wollen dünn sein, und
zu viele Menschen wollen tot sein.
Warum? Vielleicht wollen sich viele umbringen, weil sie es nicht
schaffen abzunehmen. Das wäre
ja zu verstehen. Aber bei den
Weight Watchers schaffen sie es
ja, denn sonst wären die ja nicht so
überbucht. Wenn die Leute dort
so gut abnehmen, müssten sie ja
überglücklich sein. Und sich gar
nicht bei Exit anmelden müssen.
Vielleicht wollen sie lieber tot sein,
wenn sie erkennen, dass ihnen das
Dünnsein gar nichts nützt. Dass
sie genauso traurig und allein sind
wie vorher. An diese Theorie glaube ich zwar nicht, denn mich würde dünn
zu sein definitv glücklich machen. Fast
wie reich zu sein. Tot zu sein allerdings
würde mir weniger gefallen. Aber wenn
man nicht glücklich wird durch Dünnsein oder es niemals schafft, in Grösse
36 zu passen, ist Totsein natürlich eine
Option. Trotzdem sind ziemlich sicher
nicht alle Anmeldungen bei Exit durch
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
M A X KÜNG
DAS HÄTTE EINE SUPER
KOLUMNE WER DEN KÖNNEN
Das Ritual des Zähneputzens ist eine langweilige Angelegenheit, eine öde Pflicht. Aber wie es stumpfsinnigen Dingen oft
eigen ist: Man kann dabei sehr gut nachdenken. Weil wir nichts
denken müssen, denkt es sich so gut, wie von allein und nicht
zu viel; und so ging es mir auch kürzlich.
Während die feinen Borsten am Kopf der Schallzahnbürste mit 42 000 Bewegungen pro Minute über die archaische
Landschaft meines Gebisses gepeitscht wurden und die kleinsten Überbleibsel einer Pizza Fantasia aus den Schründen,
Spalten und auch jener tiefen Senke fegten, wo einst der Zahn
stand, der die Wurzelbehandlung nicht überlebt hat, da fiel mir
etwas ein. Ein Gedanke, ich weiss nicht, woher er kam, aus
welcher Richtung, er war einfach plötzlich da, aus dem Nichts,
so wie man beim Wandern durch einen Wald auf eine Lichtung tritt und nichts erwartet, und plötzlich steht dort, den
Kopf hebend, einen anblickend: eine Wildsau.
Diesem Gedanken folgte – wie ein Frischling der Wildsaumutter – ein zweiter, nämlich: «Dieser Gedanke, den ich eben hatte, der war grossartig. Der Gedanke ist eine grandiose Idee für
eine Kolumne! Darauf folgender Ruhm und Reichtum nicht
ausgeschlossen.» Wie immer, wenn man grossartige Gedanken hat, werden Glücksgefühle ausgeschüttet. Die sonst eher
wenig motivierten Arbeiter im chemischen Betrieb in meinem Gehirn kippten dann auch wie verrückt kübelweise rosarote Farbe in die Nervenbahnen.
Als ich die Zähne fertig geputzt hatte, ging ich, von diesem Glücksgefühl angefeuert, hastig in die Küche, setzte mich
an den Küchentisch, schlug mein Notizbuch auf, schraubte die
Kappe vom Kaweco Sport Füller und wollte die Idee niederschreiben. Aber: Da war keine Idee mehr. Die harte Feder aus
Stahl lag mit ihrer Spitze schon auf dem gehäuselten Papier,
die Tinte floss heraus, das Papier sog sie begierig auf, aber die
Hand ruhte, denn: Es gab nichts zu schreiben. Die Idee, die geniale, gloriose, grandiose Idee: Sie war verschwunden. Nichts
davon war noch da, bloss ein immer grösser werdender Tintenfleck in meinem Notizbuch und die Erinnerung daran, dass
da etwas gewesen war. Ein Echo des glücklichen Gefühls, das
ich gespürt hatte, als mir der Gedanke gekommen war. Ganz
so, wie die Wärme eines menschlichen Körpers in einem Bett
noch vorhanden ist, aus dem er eben geschlüpft ist, morgens,
wenn der Mensch schon im Bad unter der Dusche steht.
Dabei wäre es eine super Kolumne geworden. Da war ich
mir sicher. Ich schüttelte den Kopf und ein paar andere Körperteile, in der Hoffnung, die Idee habe sich irgendwo verhakelt, sei irgendwo stecken geblieben, so wie die Kugel eines
Flipperkastens hinter einer Rampe. Ich dachte, die Sache brauche bloss einen kleinen Schubser, aber: Tilt – sie war verloren,
weg.
Und ich frage mich: Wohin gehen die Gedanken und Ideen, die man vergisst? Kommen sie in ein «Land der vergessenen Gedanken» und hocken dann dort in einer Bar und blasen
Trübsal? Bestellen sich noch einen Whisky, und der eine vergessene Gedanke sagt zum anderen: «Was hätten wir leisten
können, wären wir nicht vergessen gegangen? Wir hätten die
Welt retten können! Hätte der Idiot mich doch etwas schneller notiert.» Und der andere sagt: «Halt die Klappe.»
Oder warten sie auf einen neuen Einsatz? Warten sie darauf, dass aus einem Lautsprecher eine Stimme ertönt: «Gedanke 2492 bitte zur Einsatzzentrale! Gedanke 2492 bitte sofort zur Einsatzzentrale!»
Ich klappte das Notizbuch zu, ging schlafen, träumte nichts
– und am nächsten Tag verlor ich keinen Gedanken mehr an
den verloren gegangenen Gedanken.
M A X K Ü NG ist Reporter des «Magazins».
9
E L I S A BE T H L OU I S E V IGÉ E-L E BRU N: DA S A L PH I RT EN F E S T I N U N S P U N N EN A M 1 7. AUGU S T 1808, 1808 - 0 9. F O T O: DE P O S I T U M DE R G O T T F R I E D K E L L E R S T I F T U NG, K U N S T M U S E U M BE R N
GLORREICHER
AUGENBLICK
Vor 200 Jahren entstand am Wiener Kongress
und in Paris die neutrale Schweiz.
Von Thomas Zaugg
Der Genfer Gesandte gab sich so neutral, dass ihn manche für
wahnsinnig hielten. Kaum einer am Wiener Kongress, diesem
grandiosen Stelldichein der Grossmächte und ihrer Bittsteller, wollte so weit gehen wie er, um das Gleichgewicht Europas
wiederherzustellen. Charles Pictet de Rochemont forderte die
Zerstörung der Simplonstrasse, damit die Schweiz weder für
Frankreich noch für Österreich künftig eine Versuchung darstelle. Hochgebildet und geachtet vor allem auch von den Briten, sah Pictet das Heil Europas nur darin, dass es Massenheeren ganz verunmöglicht würde, über den strategisch wichtigen
Simplon zu ziehen.
Pictet war nicht der einzige eidgenössische Gesandte von
geistigem Adel – nicht der Einzige mit hochgegriffenen Ideen.
Er gehörte zu einer Mitte des 18. Jahrhunderts geborenen Generation, die ihr Nationalgefühl als «Helvetier» entdeckte. In
die Donaustadt war auch Frédéric-César de Laharpe gekommen, ein genialischer, etwas verwegener Humanist. Laharpe
stammte aus dem jungen, als besonders revolutionär berüchtigten Kanton Waadt. Auch er, vielleicht mehr noch als Pictet,
hatte Grosses vor mit der Schweiz. Vielleicht wäre er der Erste
gewesen, der sie zu ihrer Bewahrung zum Reduit ausgebaut
hätte: 1809, als es ihm schien, Napoleon werde nun doch die
Schweiz auflösen, träumte Laharpe von einer Festung in den
Alpen, einer natürlichen, uneinnehmbaren Trutzburg, in der
man sich gegen ganz Europa hätte verteidigen können.
Man mag von Marignano reden, von einer Neutralität, die
ohne jene von den Eidgenossen verlorene Schlacht 1515 undenkbar wäre. Allianzen aber bildete die Schweiz – vor allem mit
Frankreich – weiterhin. Durchmärsche fremder Truppen billigte sie bis ins 17. Jahrhundert und stellte Soldtruppen in fremde Dienste. Erst die Erfahrungen des Dreissigjährigen Krieges
1618 bis 1648 liessen ein Neutralitätsbewusstsein entstehen.
Die Neutralität erwachte «allmählich aus dem Dämmer völkerrechtlicher Verflechtungen zu klarem Bewusstsein», schrieb
Edgar Bonjour, der Basler Altmeister unter den Historikern. Um
1815 schliesslich dämmerte es auch dem letzten Eidgenossen,
sie meinten es endgültig ernst: Anerkennung ihrer immerwährenden bewaffneten Neutralität strebten sie auf dem Wiener
Parkett an, notfalls mittels Zerstörung ihrer Hauptverkehrsadern, mittels Rückzug ins Alpenreduit.
Zerstrittenes Helvetien
Selten so schmachvoll wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Land an seine Verletzlichkeit erinnert. Die Schweiz lag
am Boden. Ihre neue Staatsstruktur sei nicht «indivisible»,
meinten Spötter, sondern «invisible». Die Franzosen fielen
1798 in das bereits revolutionär aufgeriebene Territorium ein,
das Land, neutral auf dem Papier, war ein Vasallenstaat Bonapartes. Aarau wurde bis auf weiteres Hauptstadt der neuen
Helvetischen Republik. Staatsmänner wie Peter Ochs oder Laharpe versuchten, Errungenschaften der Französischen Revolution in «Helvetien» durchzusetzen: mehr Bürgerrechte und
Bildung für alle, Abschaffung der Feudallasten, Reform des
höllisch komplizierten Münz- und Zollwesens sowie endlich
die Niederlassungsfreiheit über alle Kantone hinweg!
Die Realität sah anders aus. Vierhundert Menschen verloren ihr Leben, als sich die Nidwaldner am 9. September 1798
gegen die Besetzung durch den französischen General Balthasar von Schauenburg wehrten. Bonapartes Feldzüge forderten
auch in der Schweiz Tribut und Soldaten. Während das Volk
um Freiheitsbäume tanzte, konfiszierte das französische Direktorium den Staatsschatz der Republiken Bern und Zürich.
In nur drei Jahren erlebte die Helvetische Republik vier Staatsstreiche, und zunächst Graubünden, dann der ganze Osten des
Nachdem ihr Land zum europäischen Schlachtfeld verkommen war, entwickelten die Schweizer Anfang des 19. Jahrhunderts
ihr ganz eigenes Heimatgefühl: schwärmerisch, selbstgenügsam, wehrhaft und neutral. Élisabeth Vigée-Lebrun malte (1808/1809) das
zweite Alphirtenfest in Unspunnen von 1808.
10
11
Wien trafen sich die Grossmächte Russland, Österreich, Grossbritannien und Preussen zur Neuordnung. Dass sie Frankreich
bald als gleichberechtigt mitverhandeln liessen, macht den
Kongress bis heute zum Paradebeispiel gelungener Gleichgewichtspolitik.
Liebschaften, Bälle und Macht
«Europa steht!», so hiess es am 29. November 1814 in Beethovens für den Kongress geschriebener Kantate «Der glorreiche
Augenblick». Der Kongress, «wahrscheinlich der folgenreichste Vorgang der modernen Geschichte», wie Adam Zamoyski in
seinem Beststeller «1815» schreibt, entschied über Sein und
Nichtsein der Nationen – und bestimmte die bis heute geltenden äusseren und inneren Grenzen der Schweiz. Es war zugleich eines der letzten Male, dass sich die Grossmächte trafen, bevor Europa in den Nationalismus abdriftete. Der Ausdruck «im Interesse Europas» kam damals in Mode, und
Metternich, der österreichische Aussenminister, schrieb in
seinen nachgelassenen Papieren: «Ein isolierter Staat existiert
nur in den Abstraktionen sogenannter Philosophen. In der Ge­
sellschaft der Staaten hat jeder Staat ausser seinen Sonderinteressen auch solche, die ihm mit anderen Staaten gemein
sind.» Für fünfzig Jahre schuf der Kongress Ruhe und Stabilität,
DA S M AG A Z I N 5/6 201 5 — A KG -I M AGE S / E R IC H L E S S I NG
Landes verkamen bis 1800 im Zweiten Koalitionskrieg zwischen der monarchischen Allianz – Russland, Österreich, Grossbritannien – und dem republikanischen Frankreich zum europäischen Schlachtfeld.
In Helvetien wurde das Leid kaum brüderlich geteilt. Die
Schweiz war gespalten zwischen Unitariern, die den Einheitsstaat befestigen wollten, und Föderalisten, die Kantonsinteressen wahrten. Kaum zog sich Bonaparte aus der kleinen Tochterrepublik zurück, kam es 1802 zum Aufstand der Föderalisten, im Stecklikrieg, dessen Name von den teils rudimentären
Waffen der aufständischen Bauern herrührt. Bonaparte hatte
bald ein Einsehen. Er bestellte die zerstrittenen Parteien Ende
1802 nach Paris, legte ihnen eine neue, die Mediationsverfassung vor und schrieb in seiner Einladung: «Ihr habt Euch drei
Jahre gezankt, ohne Euch zu verstehen. Wenn man Euch länger
Euch selbst überlässt, so werdet Ihr Euch noch drei Jahre morden und Euch ebenso wenig verstehen. Eure Geschichte beweist auch, dass Eure inneren Kriege nie anders als durch die
wirksame Dazwischenkunft Frankreichs enden konnten.»
Zehn Jahre später erlebte der gefürchtete Korse in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 seinen vorläufigen
Niedergang. Der Mann, der die Freiheit der Revolution bis nach
Russland tragen wollte, wurde auf die Insel Elba verbannt. In
man sah wohl ein, dass sich die Ideen der Französischen Revolution zwar zurückdrängen, aber nicht mehr ausmerzen liessen. Die Furcht vor der Guillotine, vor dem immer drohenden
Terror der Revolution war den Fürstenhäusern in Mark und
Bein übergegangen.
Zwar hatte der Berner Karl Ludwig von Haller der Epoche
nach Napoleon, der «Restauration», den Namen gegeben. In
seiner «Restauration der Staats-Wissenschaft» begründete
Haller die Vormachtstellung des Adels, Fürstentümer hätten
«ihre Wurzeln in der Natur der Dinge selbst» und die Führungsrolle der Monarchie entspreche dem Naturgesetz, «dass nur der
Überlegene, der Mächtigere herrsche.» Doch Hallers «Restauration», die der politischen Reaktion ein theoretisches Fundament zu geben versuchte, standen längst freiheitliche Köpfe wie
der Genfer Rousseau oder der Lausanner Benjamin Constant
gegenüber.
Aussenminister Metternich leitete den Kongress mit Blick
auf sein Österreich: einen Vielvölkerstaat, der im Kriegsfall auseinandergerissen würde. Und die Briten fühlten sich als insulare Seemacht so lange sicher, als sich Europa nicht im Griff einer einzigen Macht befand. Die Franzosen sollten in ihre Grenzen gewiesen, aber nicht gedemütigt werden. Russland unter
Zar Alexander I. war unter keinen Umständen Polen zuzugestehen, sodass es schliesslich ein autonomes, aber unter russischer Kontrolle stehendes «Kongresspolen» wurde. Das waren damals die grössten, jedoch nicht die einzigen Probleme.
Währenddessen gab es für die Schweiz alles andere als
ein Aufatmen. Ausgepresst und orientierungslos, wurde die
Schweizer Wirtschaft nun mit voller Wucht mit der englischen
Industrie konfrontiert. Nachdem Napoleons Kontinentalsperre gefallen war, überschwemmten die Engländer mit ihrer günstigen, maschinell angefertigten Ware ganz Europa. Keine guten
Voraussetzungen für den Kongress, zumal von Einheit kaum
die Rede sein konnte.
Ein Ausschuss aus Vertretern der Grossmächte – unter anderem dem preussischen Staatsmann und Universalgelehrten
Wilhelm von Humboldt – beriet eigens in der Schweizer Frage,
wobei die Schweizer Gesandten nur von aussen Einfluss nehmen konnten.
Wen schickte die Schweiz nach Wien – und wozu? Offiziell
waren entsandt worden Hans von Reinhard aus Zürich, Johann
Heinrich Wieland aus Basel und Jean de Montenach aus Freiburg. Neben diesen von der Tagsatzung in Zürich ernannten
Vertretern machten sich zahlreiche Kantonsvertreter mit unterschiedlichsten Interessen auf nach Wien. Pictet de Rochemont wollte das kleine Genf um Gebiete erweitern, um endlich
einen Landanschluss an die Schweiz zu erhalten. FrédéricCésar de Laharpe und Albrecht Rengger kämpften gegen die
Rückkehr der Waadt und des Aargaus unter die Herrschaft von
Bern. Dagegen lief der Berner Gesandte Zeerleder Sturm (vergebens, weshalb er nach dem Kongress in eine schwere Depression fiel). Vor allem den von einigen Mächten unterstützten
Zentralisierungsgelüsten seiner Kollegen begegnete Zeerleder mit Häme. «Müssen etwa», fragte er, «die Barbaren des
Nordens, die russischen Sklaven in die Schweiz kommen und
den Nachfahren Wilhelm Tells eine Lektion in Menschenliebe
und Freiheit erteilen?» Kantönligeist und Zentralismus, Aris­
tokratie und Frühliberalismus, Rousseauisten und Restauratoren trafen vor den Augen der europäischen Grossmächte in
der Schweizer Frage aufeinander. Manch einer wird die bürgerlichen Aufstände der 1830er-Jahre und den Konflikt rund
um 1848 vorausgesehen haben. Doch so weit war es noch nicht.
Für einen Calvinisten wie Pictet de Rochemont muss das
internationale Parkett ein Kulturschock gewesen sein. Wien
war ein mehrere Monate anhaltendes Fest des alten, teils inzes­
tuös verbandelten monarchischen Europas. Dass bei den Briten Mode und Manieren unter der jahrelangen Kontinentalsperre Napoleons gelitten hatten, gab ähnlich viel zu reden wie
die Zukunft des europäischen Festlands. («Die Frauen sind
überwiegend von grosser Schönheit, aber ihre Kleider sind
ein Greuel», berichtete Metternich seiner Gemahlin kurz vor
dem Kongress aus London.) Was zählte, waren Liebschaften,
Bälle und Macht. In den Tagebüchern Jean-Gabriel Eynards,
des Sekretärs von Pictets Genfer Delegation, erhält man einen
Eindruck davon, wie es gewesen sein könnte, damals in Wien.
Fröhliche Oberflächlichkeit
In den ersten Tagen nach der Ankunft der Delegation im Oktober 1814 merkt Eynard, was es heisst, wenn der Kongress tanzt.
Sie sind hier, um den jungen Kanton Genf zu erweitern. Nur
durch den Genfersee sind sie bislang mit der Heimat verbunden, Delegationsleiter Pictet fordert deshalb das Pays de Gex,
einen Landstrich Frankreichs, der sie mit der Waadt verbinden würde. Bloss, Zeit hat in Wien kaum einer. Der Berater des
Zaren, Capo d’Istria, ein Freund der Schweiz, zeigt sich untröstlich. Er habe für die Genfer beim Zaren noch keine Audienz
erreichen können. «Dabei ist der Kaiser nicht mit Geschäften
überladen», weiss Eynard, «hat er doch gestern den ganzen Tag
auf der Jagd verbracht.» Der britische Aussenminister Castlereagh kommt den Genfern noch immer so kühl vor wie in Paris, bei der ersten Friedenskonferenz.
In Wien nun fragt Pictet Castlereagh: «Möchten Ew. Lordschaft einen Blick auf die Reliefkarte werfen?» – «Ich kenne sie
sehr gut und brauche sie nicht zu sehen.» – «Hier ist eine Karte,
auf der Ew. Exzellenz sehen können, dass unser Kanton vollkommen in Frankreich eingeschlossen ist und dass wir, ohne
Landgebiet, von Frankreich ausgehungert werden können.»
– «Das heisst die Begründung zu weit treiben; haben Sie nicht
immer Ihre Verbindung über den See?» – «Die Schweiz hat
selbst nicht genug Nahrungsmittel, Mylord.» – «Besuchen Sie
die anderen Gesandten: Sie können zu Herrn von Talleyrand
gehen und ihm dieselben Gedanken vortragen.» Talleyrand,
den französischen Aussenminister, der eine Zeit unter Napoleon diente, suchen die Genfer etwas zu früh auf. Der Minister sei noch bei der Morgentoilette, heisst es. Die Genfer sehen ein junges Küken («une jeune poulette») aus Talleyrands
Zimmer huschen. Man wartet eine Dreiviertelstunde, die Unterredung dauert nur einige Minuten, zum Schluss sagt Talleyrand zu Pictet: «Napoleon verfolgte Sie ganz besonders. Er
zürnt Ihnen persönlich.» Und: «Ich kann Sie versichern, dass
Sie, wenn Bonaparte Sie erwischt hätte, in einer sehr unangenehmen Lage gewesen wären.» Am 10. Oktober treffen sich
«Avez-vous vu la belle Eynard? la belle Suisse?» – Ansicht des kaiserlichen und königlichen
Redoutensaals, in dem die grossen Bälle des Wiener Kongresses stattfanden.
12
13
die Vertreter der Schweizer Tagsatzung, mehr als fünfundzwanzig Streithähne, und «all diese Vertreter der verschiedensten Meinungen speisten miteinander, obgleich sie sich
gründlich verabscheuten», schreibt Eynard. Es folgt nächstentags eine Audienz bei Metternich um ein Uhr, doch der österreichische Aussenminister lässt die Genfer warten. Nur
weil sie den Kammerdiener «mit honigsüsser Stimme» fragen, ob der Minister vielleicht nun doch Zeit habe, kommt es
gegen vier Uhr zu einem kurzen Gespräch. Metternich gähnt
beim Sprechen, er schien, schliesst Eynard seine Tagebucheintragung, leichtfertig und sorglos.
Auf anderem Gebiet haben die Genfer mehr Erfolg. Eynards Gattin Anna war wie geschaffen für den Wiener Kongress.
Sie, die Nichte Pictet de Rochemonts, sang grossartig, war Bildhauerin, versuchte sich in der Architektur. Die Genfer Delegation setzte auch auf die Karte ihrer Schönheit. Nachdem sie eine
Barkarole gesungen hatte, fand der englische Aussenminister
Lord Castlereagh Madame Eynard «so einfach und so schön».
14
Wer denkt, ein Tanz hätte der Schweiz im Konzert der Mächtigen nicht genützt, unterschätzt die fröhliche Oberflächlichkeit
jener Zeit. Pictet de Rochemont schreibt in einem Brief, seine
schöne Nichte habe mit Kaiser Alexander von Russland und
dem preussischen König getanzt («Il paroit qu’elle plaça fort
heureusement quelques mots de Genève»).
Hübsches Rokokomöbel
Weshalb durfte die Schweiz als einziges Land Europas eine Republik bleiben? Weshalb anerkannte man schliesslich ihre Neutralität und Unabhängigkeit? Bot sich 1815 den antiliberalen
Kräften wie Metternich nicht Gelegenheit, dem revolutionären
Nest den Garaus zu machen?
Es vereinten sich vielfältige Interessen, die Monarchen
wünschten sich die «Schaffung eines neutralen, militärisch ge­
stärkten Pufferstaats zwischen den Grossmächten Frankreich
und Österreich» (Marco Jorio). Doch nervten die Schweizer
nicht manchen gewaltig? Der Freiherr von und zum Stein meinte: «Die Schweizer haben sich immer mit der ganzen Welt herumgebalgt und dann geschrien: Ich bin neutral! Das ist so, wie
wenn ich aus meinem Zimmer heraus Passanten angriffe und
mich nachher einschlösse und schrie: Ich bin neutral!» Weshalb also diese «Neutralen» nicht auflösen und den Pufferstaat
anderweitig konstruieren?
Es war ganz im Sinne der Restauration der alten, gottgegebenen Verhältnisse, dass die Schweiz nicht vom Erdboden
verschwinden, sondern höchstens wie ein hübsches Rokokomöbel leicht mit dem Staubwedel gepflegt werden sollte. Die
Zerstrittenheit der Eidgenossen drohte stets in offenen Bürgerkrieg überzugehen. Die Mächte wollten dies, wenn nötig, mit
Zwang verhindern, war doch die Stabilität der «Pufferzone» im
Interesse Gesamteuropas. Die Vorherrschaft Berns wurde daher gebrochen, einstmalige Untertanengebiete oder «zugewandte Orte» wie Genf durften sich nach dem Kongress emanzipieren. Der Frieden aber kehrte vielerorts nicht ein. Das ewig
unzufriedene Nidwalden etwa musste mit Bundestruppen zur
Raison gebracht werden. In den katholischen Gebieten kehrten 1814 die bei den Liberalen verhassten Jesuitenprediger zurück – hier reagierte man auf die revolutionären Schrecken der
vergangenen Jahrzehnte mit religiöser Innerlichkeit. Das Staatsgebiet inmitten Europas blieb auch nach dem Bundesvertrag
von 1815 eine gefährlich widersprüchliche Übungsanlage. Mit
der repräsentativen Demokratie, dem patrizischen Regime
und der Landsgemeinde wies die Eidgenossenschaft von Kanton zu Kanton drei unterschiedliche Herrschaftsformen auf,
die sich untereinander kaum mehr vertrugen. Konservativ im
Sinne der Restauratoren würde die Schweiz nie mehr sein
können.
Liess man diese Tendenzen gewähren, aus monarchischem Goodwill? Tobias Kaestli schreibt in seiner grossen Studie «Die Schweiz – eine Republik in Europa»: «Dass es unser
Land als Staatswesen überhaupt noch gab, hatte sicher etwas
mit der europäischen Sentimentalität gegenüber der Heimat
Wilhelm Tells und Winkelrieds zu tun. Bei allem realpolitischen
Ärger über die Schweiz gab es eben auch die Bewunderung für
die ‹freien Eidgenossen›.» Man kommt nicht umhin, die dama-
DA S M AG A Z I N 5/6 201 5 — BI L D L I N K S: A KG -I M AGE S . BI L D R E C H T S: HOR AC E V E R N E: A N N A E Y N A R D -LU L L I N, 18 31 . M U S É E D›A RT E T D’H I S T OI R E , GEN F
Die Schlussakte: Der Wiener Kongress tagte vom 18. September 1814
bis zum 9. Juni 1815. Die letzten Geschäfte, etwa die Anerkennung der
immerwährenden Neutralität der Schweiz, wurden im Zweiten Pariser
Frieden vom 20. November 1815 abgeschlossen.
ligen Herrscher selbst als sentimentale, teils widersprüchliche Figuren einer Übergangszeit zu verstehen.
Eindeutig gespalten erschien damals der russische Kaiser
– und sein Wort prägte das Schicksal der Schweiz. Napoleon sagte einmal über ihn: «Neben so vielen Vorzügen des Geistes
und so viel Bestechendem im Umgang liegt Etwas in seinem
Wesen, was ich nicht bezeichnen und worüber ich mich nicht
besser aussprechen kann als indem ich Ihnen sage, dass bei
ihm in allen Dingen immer ein ‹Etwas› fehlt.» Eine «sonderbare Mischung von männlichen Vorzügen und weiblichen Schwächen» glaubte Metternich bei dem gefühlsbetonten Zaren mit
seinen fixen «Lieblings-Ideen» auszumachen. Seine emotionale Verbundenheit mit der Schweiz drückte Alexander I.
gern so aus: «Je dois tout ce que je suis à un Suisse.» Alles
glaubte er dem Waadtländer Frédéric-César de Laharpe zu
schulden, seinem Erzieher in St. Petersburg. Der «Retter Europas», wie Alexander nach Napoleons Niederschlagung in
Moskau genannt wurde, mischte sich gern unters Volk, er lieferte sich mit Metternich ein Fernduell in der Eroberung weiblicher Kongressteilnehmer. Ein gefürchteter russischer Alleinherrscher, tiefgläubig, war sein Kopf doch von Kindesbeinen
an voller freiheitlicher Ideen. Wie sein Waadtländer Lehrer
hasste er den patrizischen Kanton Bern, bekämpfte ihn am
Kongress nach Kräften. Ein liberaler Autokrat: «Die von Laharpe genossene Erziehung und sein Vertrauen zu diesem
Lehrer, der immer in seiner Nähe weilt, haben diese Neigung
verstärkt», schrieb Jean-Gabriel Eynard in sein Tagebuch.
Die Wurzeln dieser Erziehung lagen wiederum andernorts
in der Schweiz, in Graubünden. Oft vergisst man zu erwähnen,
dass Laharpe, Pictet, Salis-Sils und Reinhard, alles schweizerische Gesandte am Wiener Kongress, dasselbe Internat besucht hatten. Im Schloss Haldenstein in Chur erhielten sie von
Martin von Planta, Mitglied der Helvetischen Gesellschaft,
einen patriotischen, aufklärerischen, frühliberalen Unterricht.
Schon damals fantasierte der junge Laharpe von einer «Helvetischen Republik». «Hauptsächlich bemühen wir uns»,
meinte Planta, «den jungen Leuten das Lernen leicht und angenehm zu machen und sie mit trockenem Auswendiglernen,
vornehmlich solcher Sachen, die sie nicht verstehen, zu verschonen.» Bei Planta hörten die späteren Gesandten erstmals
Geschichten, die man ein Leben lang nicht vergisst: Erzählungen über die alten Helvetier, die noch nicht degeneriert waren,
sondern – der Legende nach von Julius Caesar in die Alpen
entsandt – frei, gleich und brüderlich. Vielleicht hat Laharpe
später dem kleinen Zaren davon erzählt.
waren bis auf den später gegründeten Kanton Jura entstanden.
Was noch fehlte, war die Anerkennung der immerwährenden
Neutralität.
Es war der 1. März 1815. Der Kongress tanzte noch immer,
da marschierte Napoleon zurück nach Paris. Mit der Masslosigkeit, der schnörkellosen Rasanz des 19. Jahrhunderts, die ihn
auszeichneten, war er von der Insel Elba geflüchtet. Bald stand
Napoleon wieder in Amt und Würden, und die Mächte sahen
ihren Erzfeind wiederauferstehen. Neutralität? Sie zählte nicht
mehr. Noch bevor man sie den Schweizern zugestehen würde,
sollten diese sich gegen Napoleon stellen. Gegenüber dem
Feind der Völker gab es keine Neutralität. Man verlangte Truppendurchmärsche über Basel und den Simplonpass. Vergebens
versuchten Pictet und andere vor der Verletzung der Neutralität zu warnen. Laharpe entfremdete sich in diesen Tagen (es
war «der grösste Schmerz meines Lebens») von seinem Zögling
Alexander, weil dieser seinem Wunsch nicht entsprechen wollte. Doch die schweizerische Führungselite fügte sich nicht nur
den Grossmächten. Sie ermächtigte sogar den Glarner Oberbefehlshaber, General Niklaus Franz von Bachmann, die Landesgrenze zu überschreiten.
Die Artillerie der von den Franzosen besetzten Festung
Hüningen beschoss die Stadt Basel. Von den französischen
Anna Eynard-Lullin, Gattin des Sekretärs der Genfer Gesandtschaft,
tanzte in Wien mit Zar Alexander I. und anderen Mächtigen Europas.
Es soll Genf nicht geschadet haben.
Die Stunde des Genfers
Anfang 1815 lagen erste Resultate auf dem Verhandlungstisch.
Hügelkette für Hügelkette hatten sich die Diskussionen über
die Schweiz vor allem auf Gebietsfragen beschränkt. Konstanz
blieb badisch. Graubünden musste endgültig Veltlin, Chiavenna und Bormio verabschieden, Bern erhielt die Waadt und den
Aargau nicht mehr zurück, bekam dafür das Gebiet des früheren Fürstbistums Basel zugesprochen. Uri stand ohne die Leventina da, Schwyz und Glarus ohne Uznach, Gaster und Sargans. Die Landes- und Kantonsgrenzen der heutigen Schweiz
15
Truppen provoziert, wagten etwa 20 000 Schweizer Soldaten
unter General Bachmann einen Einmarsch ins Burgund. Versorgungsschwierigkeiten, Meutereien und mangelhafte Organisation zwangen den konservativen General, der seit seiner
Verbannung nach England auf Rache an den Franzosen sann,
zum Rückzug. Es war ein peinliches Unternehmen. Bachmann
ging als der letzte moderne Schweizer Heerführer in die Geschichtsbücher ein, der mit eidgenössischen Truppen im Ausland operierte.
Erst nach der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815, der
endgültigen Niederlage Napoleons, sollten die Schweizer ihre
immerwährende Neutralität erhalten. Auch als Belohnung
dafür, dass sie sich nach Napoleons Rückkehr nicht neutral
verhalten hatten.
Am 20. November 1815 unterzeichneten die Mächte in Paris eine Erklärung mit langem Titel: die «Déclaration des Pui­s­
­sances portant reconnaissance et garantie de la neutralité perpétuelle de la Suisse et de l’inviolabilité de son territoire». Geschrieben hatte den Text – ein Genfer. Die Schweiz hatte
Freunde, und Pictet de Rochemont kannte besonders viele.
Capo d’Istria, Sonderbotschafter des Zaren in der Schweiz,
sorgte unter der Hand dafür, dass Pictet die Neutralitätserklärung verfassen durfte. Es solle ihr Geheimnis bleiben.
Mit allen sprachlichen Finessen versuchte Pictet, die Anerkennung gegenüber der Garantie der Neutralität zu betonen. Denn Metternich beharrte auf dem Wort «Garantie», was
für ihn bedeutete, dass die Grossmächte in der Schweiz intervenieren dürften, sollte sie ihren Aufgaben nicht nachkommen.
Metternich misstraute der schweizerischen Neutralität.
Wer zu laut von ihr sprach, machte sich als bürgerlicher Revolutionär anrüchig. Wünschten nicht «Laharpe und seine Freunde die Schweiz für alle Fälle als Freistätte für die Revolutionäre von Frankreich»? Versuchten diese scheinbar so Neutralen ihr kleines Gebiet nicht «allen anderen von den Alliirten
besetzten und noch zu besetzenden Ländern offen zu halten»?
Tatsächlich wurde die Schweiz zum Hort politisch Verfolgter,
inmitten der Restauration zum ersten liberalen Thinktank.
Mehrmals drohte die Intervention, es blieb ein schönes, vorlautes und umtriebiges Land.
1824 starb Pictet de Rochemont. Nachdem er hinter seiner Bahre geschritten war, gab Capo d’Istria den Namen des
Verfassers der Neutralitätsurkunde bekannt.
Nach der Unterzeichnung der Neutralitätsurkunde, Ende
November 1815, hatte Pictet auf seinem Landgut bei Lancy
«unter meinem bescheidenen Dach» hohen Besuch bekommen: Metternich, der Mann, der ihn in Wien stundenlang auf
eine Audienz hatte warten lassen. «Sie sehen, mein Herr»,
sagte Pictet zu Metternich, «welch kleine Baracke hinreicht,
einen eidgenössischen Bevollmächtigten zu beherbergen.»
Draussen grasten und blökten wohl die Merinoschafe, die Pictet hütete und von denen selbst Kaiser Alexander ihm einige
abgekauft hatte.
Hier sprach der patriotische Republikaner, der Haldensteiner, der weltmännische Neutralist und demütige Calvinist,
der unter Napoleon gelitten hatte. Pictets Vater war 1762 geächtet worden, weil er die Verbrennung von Rousseaus Schriften kritisiert hatte. Sein Schwager war in einem Genfer Stadtgraben von jakobinischen Revolutionären erschossen worden.
Am liebsten wäre Pictet vor der Französischen Revolution nach
Amerika geflüchtet («Was für ein Vorbild für Europa!»). Doch
er blieb und träumte davon, die Schweiz zu seinem Amerika zu
machen.
«Ich wollte es ihm zu spüren geben», schrieb Pictet nach
Metternichs Besuch an einen Freund, «dass wir wohl unabhängig sind. Das tut uns not, Einigkeit und vaterländische Erziehung obendrein. Alles andere überlassen wir der Vorsehung.»
•
Partner des Theater Neumarkt
5
Bild: Fabian Stuertz
tickets@theaterneumarkt.ch
+41 (0)44 267 64 64
theaterneumarkt.ch
T HOM A S Z AUG G ist redaktioneller Mitarbeiter des «Magazins»; thomas.zaugg@me.com
16
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Für den Geschmack meiner Weiden.
HAZEL BRUGGER SHOW AND TELL
29. Jan, 17. Feb, 05./17. März 2015
jeweils 20 Uhr
In Kooperation mit DAS MAGAZIN
Von den saftigen Weiden um Hergiswil am Napf auf 760 Metern Höhe stammt die Bergmilch von Bruno Ambühl.
Aromatische Kräuter, gesunde Kühe und stolze Bauern schaffen hier zusammen ein unverwechselbares Pro Montagna
Produkt. Auch in Zukunft: Denn bei jedem Kauf fliesst ein Solidaritätsbeitrag an die Coop Patenschaft für Berggebiete.
Damit unsere Berge weiter bewirtschaftet werden. Und wir Unterländer auch morgen noch echte Bergprodukte
geniessen dürfen. www.coop.ch/promontagna
Für unsere Berge.
Für unsere Bauern.
OHNE SEINE
TOCHTER
Wie ein Vater sein Kind zu verlieren droht, weil die Behörden versagen
Von Denise Bucher
Illustration Gregory Gilbert-Lodge
Keine Babypause
Andreas’ Geschichte beginnt an einem
Fest. Ihm gefällt diese Italienerin, Mar­
cella, die immer so schön angezogen ist,
energiegeladen und intelligent. Sie wer­
den ein Paar, und er lernt ihre andere
Seite kennen. Sie ist extrem eifersüchtig.
Ihre Stimmung kann innert Sekunden
von euphorisch in gereizt kippen. Sie
macht ihm und seinen Eltern vor, super
Jobs zu haben, sie behauptet, mehrere
Sprachen zu sprechen. Sie gibt damit an,
dass sie überall die Beste sei, wie sie
Karriere machen und reich sein werde.
Sie macht sich lustig über die Schweizer,
dieses träge, dumme Volk, und kochen
könne hier auch niemand. Andreas wi­
derspricht ihr nicht. Er bewundert sie ir­
gendwie. So erzählt es Andreas in einem
der vielen Gespräche.
Marcella hat Ansprüche. Sie will
eine schöne, grosse Wohnung, ein Auto.
Und eines Abends sagt sie: Jetzt, mit 35,
habe sie die letzte Chance, ein Kind zu
bekommen. «Das hatte ich nicht erwar­
tet», sagt Andreas. «Sie hat sich immer
über Kinder genervt.» Andreas möchte
zwar eine Familie, aber noch nicht jetzt.
Er ist dreissig und macht sich gerade als
Designer selbstständig. Ein paar Wochen
später ist Marcella schwanger. Im Som­
mer 2004 kommt Laura zur Welt, mit
Notkaiserschnitt: Marcella liegt auf der
Intensivstation, Laura im Brutkasten.
20
Andreas kümmert sich während der ers­
ten Wochen um sein Töchterchen.
Vielleicht liegt es an den Medika­
menten, das weiss Andreas nicht, aber
die Geburt hat Marcella verändert. Dass
etwas nicht stimmt, fällt auch den Ärzten
auf. Sie meinen, derartige Komplikatio­
nen seien als Folge eines Kaiserschnitts
nicht zu erklären. Da müsse ein anderes
Problem vorliegen, da komme vermut­
lich etwas hoch. Wieder zu Hause, will
Marcella keine Mutter sein. «Schon als
sie schwanger war, sagte sie einmal, sie
fühle nichts», sagt Andreas. «Sie sagte,
es komme ihr vor, als ob ein Alien in ih­
rem Bauch heranwachse.» Sie findet, eine
Babypause könne man sich heutzutage
nicht leisten, und beginnt wieder zu ar­
beiten, bald 100 Prozent, sie bildet sich
weiter. «Es war Marcellas Vorschlag, dass
ich mich um Laura kümmere. Sie meinte,
ich könne das besser als sie», sagt An­
dreas. Laura kommt an zwei Tagen die
Woche in eine Krippe, den Rest über­
nimmt Andreas – den Haushalt macht er
auch. Seine Eltern helfen ihm. Marcella
gefällt das nicht. «Als wir mal im Winter
zum Babysitten kamen, hinterliessen wir
mit unseren Schuhen Spuren auf dem
Plattenboden», sagt die Grossmutter.
«Marcella schaute uns böse an, stiess An­
dreas wortlos an, zeigte auf den Schmutz,
er wischte den Boden auf. Erst dann kam
er und begrüsste uns.»
Es gibt ständig Streit. Die Grossel­
tern glauben lange an Missverständnisse:
dass Marcella das Schweizerdeutsche
vielleicht nicht immer richtig verstehe.
Dann begreifen sie, dass Marcella sie ab­
sichtlich nicht versteht – immer wenn ihr
etwas nicht passt. «Sie hat uns die Worte
im Mund umgedreht», erinnert sich die
Grossmutter. «Wenn wir Termine ausge­
macht hatten, um Laura zu hüten, hiess
es, niemand habe uns herbestellt», sagt
der Grossvater. Sie schreiben bald alles
auf, um allenfalls Beweismaterial zu ha­
ben. Wenn Laura weint beim Abschied
von ihren Grosseltern, schimpft Marcel­
la mit ihr und wirft der Grossmutter vor,
sie schade dem Kind. Sie verbietet ihr,
Laura zu lang auf dem Arm zu halten
oder sie zu küssen. Als die Grossmutter
für alle ihre Enkel zu Weihnachten einen
Baum malt, zerreisst Marcella Lauras
Bild. Sie ist oft grob mit ihrer Tochter,
Marcella hat kein Interesse, Andreas an Lauras Leben teilhaben zu lassen.
schimpft, sie sei dumm. Damals ist Laura
drei. Wenn sie das Mädchen anschreit,
klammert es sich ans Hosenbein des Va­
ters. Andreas weiss immer weniger, was
er denken, und gar nicht mehr, wem er
glauben soll. Marcella redet ihm ein, sei­
ne Eltern würden ihn belügen. «Er trau­
te seiner eigenen Wahrnehmung nicht
mehr», sagt seine Mutter. «Wir mussten
das alte Vertrauen neu aufbauen.»
Wer ist Lauras Bezugsperson?
Bis Laura drei ist, kümmert sich Marcella
nicht um ihre Tochter. Aber dann kom­
men zu Weihnachten ihre Eltern aus Ita­
lien zu Besuch, und alles wird anders.
«Es kam mir vor, als ob meine Schwieger­
mutter Marcella gegen mich aufhetzte.
Sie tuschelten in der Küche, Marcella
wollte Laura jetzt ständig um sich haben,
riss sie mir aus den Armen, wenn ich mit
ihr spielte», sagt er. «Als ob sie eifersüch­
tig darauf war, dass ich Lauras Bezugs­
person war und nicht sie.» Andreas bit­
tet Marcella, ihre Eltern wegzuschicken.
Sie ist einverstanden, es tut ihr leid, was
passiert ist, die Eltern gehen. Kaum sind
sie weg, schreit Marcella Andreas an, was
ihm einfalle, ihre Eltern rauszuschmeis­
sen. Ein paar Tage später findet er auf
seinem Schreibtisch ein Bündel Zeitungs­
artikel über Väter, die bei der Scheidung
ihre Kinder verloren haben. «Ich würde
schon sehen, sagte sie mir, in meinem
Scheissland hätte ich als Vater keine
Rechte. Sie werde mir alles nehmen»,
erzählt Andreas. Marcella droht, mit Lau­
ra nach Italien zu gehen. Schreibt eine
Mail an Andreas’ Eltern, in dem sie über
ihn schimpft: Sie bringe das Geld heim
und er hänge zu Hause rum. Interessiere
sich nicht für ihre Kultur. Mache ihr die
schwere Geburt und ihre gesundheitli­
chen Probleme zum Vorwurf.
Andreas weiss nicht, ob Marcella un­
ter dem Einfluss ihrer Mutter handelt
oder ob es eine ihrer Launen ist. Aber er
weiss, dass er sich trotzdem nicht tren­
nen will. «Ich dachte, Marcella habe sich
vielleicht noch nicht von der Geburt er­
holt. Aber nicht, dass sie eine schlechte
Frau ist», sagt er. Er zweifelt stattdessen
an sich. Denkt, er sei zu empfindlich.
Schlägt ihr vor, gemeinsam zu einem
Psychiater zu gehen. Aber Marcella will
nicht, sie will eine Eheberatung. Seine
DA S M AGA Z I N 05/201 5 Als Andreas sich scheiden liess, bekam er
ein ausgedehntes Besuchsrecht für seine
Tochter zugesprochen. Trotzdem sieht
er Laura nur einmal im Monat. Wenn er
Glück hat. Nicht weil seine Tochter ihn
nicht gernhätte. Sondern weil seine ExFrau ihm das Kind vorenthält. Die Kin­
der- und Erwachsenenschutzbehörde
(KESB), die Sozialen Dienste und der Be­
zirksrat eines gros­sen Schweizer Kan­
tons wissen das. Aber niemand hilft ihm.
Die Namen in diesem Text wurden
zum Schutz des Kindes geändert. Die Be­
hörden bleiben anonym, weil sie sich nur
unter dieser Bedingung bereit erklärten,
mit dem «Magazin» zu sprechen. Wobei
dann niemand die konkreten Fragen be­
antwortete. In den Akten finde man al­
les, was man wissen müsse, hiess es. Die
Ex-Frau hat das Angebot für ein Ge­
spräch mehrfach abgelehnt.
Eltern warnen Andreas, er brauche einen
Anwalt. Als er eines Tages entdeckt, dass
Marcella Lauras Pass und Dokumente
versteckt hat, spricht Andreas beim El­
ternnotruf vor. Man verweist ihn an den
Internationalen Sozialdienst und dort
weiter an die Kinderschutzgruppe des
kantonalen Kinderspitals. Andreas möch­
te, dass eine Fachperson ihn und Mar­
cella zu Hause im Umgang mit Laura be­
obachtet. Doch bei der Behörde heisst es:
ohne Trennung keine Unterstützung.
Andreas nimmt sich einen Anwalt und
veranlasst die Trennung.
Die Partner leben noch fast ein Jahr
lang in derselben Wohnung. Marcella
schliesst sich mit Laura in ihrem Zim­
mer ein. Wenn sie rauskommt, hält sie
das Kind umklammert – über Wochen
geht das so. Sie behauptet den Behörden
gegenüber, Andreas sei gewalttätig. «Als
ein Richter sie fragte, warum sie nicht
ausziehe, behauptete sie, die Frage nicht
verstanden zu haben», sagt Andreas.
Bald darauf schimpft Marcella Andreas
in der Nachbarschaft einen Pädophilen,
drogensüchtig sei er auch. Eine Sozial­
arbeiterin des Kinder- und Jugendpsy­
chologischen Dienstes der Stadt erklärt
Andreas, das sei ein Mittel, zu dem Frau­
en oft greifen, wenn sie ihre Männer aus­
schalten wollen.
Ein Richter ordnet daraufhin beim
Zentrum für Kinder- und Jugendpsych­
iatrie der lokalen Universität ein Gutach­
ten über Laura an. Eine Sozialarbeiterin
führt Tests durch mit der nun Vierjähri­
gen. Sie legt Laura eine kleine Auswahl
von sechzig Kärtchen vor. In der Akte
sind diese beschrieben: «Bild 24: Ein
Mann liegt angekleidet auf einem Bett,
ein Kind auf seinem Bauch, die beiden
schauen sich an. Bild 25: Ein Mann steht
neben einem kleinen Mädchen mit Ted­
dy am Bett, beugt sich hinunter, Decke
ist halb zurückgeschlagen. Bild 42: Zwei
Kinder, eines davon nur wenig beklei­
det, auf einem aufklappbaren Sofa. Eine
Videokamera ist auf sie gerichtet, ein
Mann mit Fotoapparat.» Kein Kärtchen
ist dabei, das Rückschlüsse auf Lauras
Verhältnis zur Mutter zuliesse. Das Fazit
im Gutachten: «Es ergeben sich keiner­
lei Hinweise auf pädophile Übergriffe
des Kindsvaters.»
So steht es im Gutachten. «Aber
Marcella verleumdet mich bis heute da­
mit: im Quartier, im Hort, in der Schule,
bei Freunden. Manche Nachbarinnen
haben ihren Kindern zeitweise verbo­
ten, mit Laura zu spielen, wenn sie bei
mir war», sagt Andreas. Die Behörden
wissen, was die Mutter tut, aber nie­
mand bremst sie.
Ein Beistand habe bei solchen Vor­
würfen einzig das Kind zu vertreten und
zu klären, inwieweit das Besuchsrecht
umgesetzt werden könne, erklärt man
dazu bei den Sozialen Diensten. Ob El­
tern schlecht übereinander reden, das
gehe den Beistand nichts an. Andreas’
Vermutung, dass Marcella nicht nur lau­
nisch sei, sondern ein psychisches Pro­
blem habe, nehmen die Behörden bis
heute nicht ernst.
Kampfscheidungen sind schwierig
Seit sieben Jahren fordert er abzuklären,
ob Marcella erziehungsfähig sei, ob bei
ihr eine Persönlichkeitsstörung vorliege,
ob sie Laura manipuliere und für ihre
Zwecke missbrauche. Die Behörden wie­
geln ab: Man könne einen Menschen
doch nicht so verurteilen. Sie stehe unter
Stress. Kampfscheidungen seien schwie­
rig, da überreagiere jeder mal. Um eine
Erklärung gebeten, sagt man bei den
Sozialen Diensten: «Von einem Beistand
wird erwartet, dass er bei solchen Aussa­
gen abklärt, inwieweit die Erziehungs­
fähigkeit der Mutter sich auf das Kindes­
wohl auswirkt und ob allenfalls Unter­
stützung eingerichtet werden sollte.»
Genau diese Abklärung steht bis heute
aus. Auch der Bezirksrat interessiert sich
nicht für Andreas’ Angst um seine Toch­
ter. In einem Beschluss von 2013 heisst
es nur, «die Vorwürfe der Borderline-
Störung an die Adresse der Mutter stan­
den im Raum, konnten jedoch nicht er­
härtet werden».
Die Chefpsychiaterin der kantonalen
Kinderschutzgruppe ist die Erste, die
beim Bezirksgericht eine Gefährdungs­
meldung einreicht. Sie fürchtet um das
psychische Wohl des Mädchens, wenn es
weiter unter dem Einfluss der Mutter
steht. Sie empfiehlt, den Grossteil der el­
terlichen Sorge dem Vater zu geben, weil
er sich bis jetzt hauptsächlich um Laura
gekümmert habe. Das Gericht entschei­
det anders. Ein Gutachten zu den Eltern,
ebenfalls durchgeführt vom Zentrum für
Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni­
versität, hält zwar beide für erziehungs­
fähig. Aber der Vater verwöhne das Kind
und manchmal bitte er die Grossmutter
um Unterstützung. Die Mutter «tendiert
sicher zu einer gewissen Radikalität und
lässt Ambivalenzen eher nicht zu», heisst
es weiter im Gutachten. Aber darum kön­
ne sie das Kind besser führen. Auch hier
hält man fest, dass der Vater sich «bisher
in überdurchschnittlichem Mass um Lau­
ra gekümmert hat». Trotzdem empfeh­
len die beiden Gutachter – darunter die
Sozialarbeiterin, die mit Laura den Kärt­
chentest machte –, das Sorgerecht der
Mutter zuzusprechen. Weil sie «für Lau­
ra als Mädchen besonders in deren aktu­
eller Lebensphase, aber auch im weiteren
Verlauf der Entwicklung ein wichtiges
Modell ist». Das Gericht spricht Marcella
das Sorgerecht zu, Andreas bekommt ein
ausgedehntes Besuchsrecht. Dass das
Sorgerecht an die Mutter geht, war bis zur
Gesetzesänderung am 1. Juli 2014 üblich.
Laut Bundesamt für Statistik wurde es im
Jahr 2010 in 7776 Fällen der Mutter zu­
gewiesen, 580-mal dem Vater.
Laura bekommt jetzt von der KESB
einen Beistand zugeteilt. Seine Aufgabe
ist, darauf zu achten, dass das Besuchs­
recht eingehalten wird; die Kommunika­
tion zwischen den zerstrittenen Eltern zu
fördern; diesen klarzumachen, wie wich­
tig beider Kontakt zu Laura ist. Das sei
21
23
nötig für die gesunde Entwicklung des
Kindes, betonen die Sozialen Dienste.
Marcella hat kein Interesse, Andreas
an Lauras Leben teilhaben zu lassen. Sie
fordert sofort nach der Trennung, die
Behörde solle Andreas’ Besuchsrecht
einschränken. Sie will mehr Zeit mit
Laura, so steht es in den Akten – obwohl
Marcella ihre Tochter an den Tagen, an
denen sie bei ihr ist, fremdbetreuen lässt,
wenn sie arbeitet. Marcella versucht es
zuerst bei der Vormundschaftsbehörde,
dann beim Obergericht. Laura brauche
einen besser geregelten Wochenablauf,
der Vater könne ihr das nicht bieten. Das
Mädchen schlafe schlecht und habe sei­
ne Schulsachen nie dabei. Der Vater las­
se das Kind den Schulweg von 250 Me­
tern allein zurücklegen. «Aber sie hatte
kein Problem damit, Laura allein mit
dem Flugzeug nach Italien reisen zu las­
sen», sagt Andreas. Der Beistand, der
nichts mehr für Andreas tun kann, wie er
heute sagt, schrieb damals noch in sei­
nem Bericht, er könne nicht nachvollzie­
hen, «weshalb das Übernachten beim
Vater unter der Woche eine Gefährdung
des Kindeswohls darstellen sollte, nicht
jedoch die Übernachtungen über Wo­
chenenden und während der Ferien».
Vormundschaftsbehörde und Oberge­
richt lehnen Marcellas Antrag ab, zur
«Stabilisierung des Kindeswohls».
Das ist das einzige Mal, dass der Bei­
stand sich für Andreas einsetzt. Sonst
macht er, was die Mutter will. Als Marcel­
la findet, die Leiterin eines Horts rede zu
viel mit Andreas, entscheidet sie, Laura
brauche diesen Hort nicht mehr. Andreas
ist dagegen. Aber der Beistand sagt: «Wir
hören auf.» Die Gespräche, zu denen die
Eltern im Hort regelmässig eingeladen
wurden, könne er, der Beistand, weiter­
führen. Als Marcella diese Gespräche zu
boykottieren anfängt, stellt er sie einfach
ein. Bei den Behörden heisst es, ein Bei­
stand könne weder Mutter noch Vater zu
einem Gespräch zwingen, lediglich Ge­
sprächsangebote machen. Es liege an den
Eltern, diese Angebote anzunehmen.
Er soll nichts übers Kind wissen
«Ich verstehe nicht, warum in keinem
der Beistandsberichte nachzulesen ist,
wie die Mutter mit Laura umgeht», sagt
Andreas. Dass sie Laura verbiete, die
beste Freundin zum Geburtstag einzula­
den – weil Marcella das Kind und dessen
Mutter nicht mag. Dass sie Laura verbie­
te, sich in der Schule am Abschiedsge­
schenk für eine Lehrerin zu beteiligen –
weil sie lieber etwas Eigenes machen
solle. Dass sie Laura ein Handy kaufe
und ihr verbiete, mit ihrem Vater zu tele­
fonieren oder ihm von diesem Handy zu
erzählen. «Kein Wort davon, dass ich
Laura ihre Plüschtiere nicht zurückbrin­
gen darf, wenn sie sie bei mir vergessen
hat. Dass ich sie in den Briefkasten legen
muss, nicht klingeln darf. Als ich es ein­
mal tat, weil ich es mir nicht nehmen las­
sen wollte, Laura schnell hallo zu sagen,
schrie Marcella mich an und verscheuch­
te mich. Laura stand daneben», sagt An­
dreas. Auch stehe in keinem der Berich­
te, dass Marcella den Lehrern verbietet,
mit Andreas über Laura zu sprechen oder
ihn über Schulanlässe zu informieren,
sagt er. Obwohl die Lehrer per Gesetz
dazu verpflichtet wären, ihn auch als
Nicht-Erziehungsberechtigten auf dem
Laufenden zu halten.
Gefragt, warum von solchen Vorfäl­
len nichts in den Berichten stehe, heisst
es bei den Sozialen Diensten: «Ein Bei­
stand ist verpflichtet, der Behörde über
seine Tätigkeit regelmässig Bericht zu
erstatten. Wird er vom Gericht oder vom
Bezirksrat aufgefordert, einen Bericht zu
schreiben, sind die Fragestellungen meist
klar vorgegeben. Dabei legt der Beistand
den Sachverhalt aus Sicht des Kindes
dar und macht in diesem Sinne Empfeh­
lungen zum Besuchsrecht.»
Wenn Marcella sich nicht an gericht­
lich angeordnete Termine hält, sagt der
Beistand, die Eltern müssten halt ler­
nen, besser miteinander auszukommen.
Es tue einem schon leid, so was zu se­
hen, sagt eine Mitarbeiterin der Sozialen
Dienste. Aber die Eltern seien derart zer­
stritten, ein Beistand könne da nicht viel
ausrichten. Der Vater überschätze die
Möglichkeiten eines Beistands. Dieser
müsse die elterlichen Kommunikations­
probleme nicht ergründen. Ihm stelle
sich einzig die Frage, wie er das Kind un­
terstützen könne. – Aus einem Schrei­
ben der KESB geht hervor, dass es in sie­
ben Jahren zwei «persönliche Gesprä­
che» gab zwischen Laura und Beistand.
Alles, was Andreas tut, mache ihn für
die Behörden verdächtig, so sein Ein­
druck. Wenn er zu belegen versucht, dass
Marcella Lügengeschichten über ihn er­
zähle, werfe man ihm vor, er verleumde
sie. Wenn er ungeduldig werde mit dem
Beistand und nicht mehr mit ihm reden
wolle, weil er sich nicht ernst genommen
fühlt, oder wenn er in einem Gespräch
weinen müsse, nenne man ihn labil, er­
zählt Andreas. Als er einmal bei der KESB
vorbeigeht, weil er sich nicht mehr an­
ders zu helfen weiss, nachdem Marcella
ihm sein Kind zum wiederholten Mal vor­
enthielt, schreibt ein Mitarbeiter der
KESB in einer Aktennotiz, der Vater sei,
ohne sich vorher anzumelden, erschie­
nen. Andreas hält sich möglichst zurück.
Er will nicht wie ein Querulant wirken.
«Ich frage mich, wo der Quantensprung
an Professionalisierung bleibt, der bei
der KESB angeblich stattgefunden hat,
seit sie Fachleute beschäftigen und nicht
mehr Laien», sagt er. Er verstehe nicht,
warum die Fachleute bei der KESB nichts
davon wissen wollen, dass es Leute gebe,
die psychische Probleme haben, «wie
nach meinem Dafürhalten auch Marcel­
la». Statt seine Bedenken zu prüfen, wei­
sen die Behörden darauf hin, dass ein
Gutachten über Marcella einige Tausend
Franken kosten würde. «Aber sie sind es
doch, die die Kosten in die Höhe treiben!
Man hätte Zehntausende von Franken
sparen können, wenn diese Behörde Mar­
cella konsequent in die Schranken ge­
wiesen hätte, als sie anfing, gegen den
richterlichen Beschluss zu verstossen»,
sagt er.
Nachdem Vormundschaftsbehörde
und Obergericht Marcellas Antrag auf
Einschränkung des Besuchsrechts ab­
lehnen, wählt Marcella den juristischen
Weg. Im Frühling 2013 wendet sie sich
an den Bezirksrat mit ihrer Forderung,
Andreas’ Besuchsrecht einzuschränken.
Um entscheiden zu können, gibt der Be­
zirksrat Gutachten und Abklärungen in
Auftrag, wiederum nur zu Laura. Manche
wurden bis heute nicht durchgeführt,
obwohl Dringlichkeit besteht: Eines Ta­
ges im Juni bekommt Andreas ein SMS
von Marcella: «Laura will dich nicht mehr
sehen.» Ohne Begründung. Andreas ver­
sucht den Beistand zu erreichen. Doch
der geht nicht ans Telefon.
«Er hat vermutlich meine Nummer
erkannt. Denn als meine Nachbarin ihn
anrief, ging er ran», erinnert sich Andre­
as. Er geht davon aus, dass die Behörden
Xylo-Mepha
®
0313
Befreit in Minuten –
für Stunden
Bitte lesen Sie die Packungsbeilage.
Mepha Pharma AG
Die mit dem Regenbogen
22
ohne
Konservierungsmittel
DA S M AGA Z I N 05/201 5 Schnupfen?
Marcella nie nach den Gründen für Lau­
ras angeblichen Sinneswandel gefragt
haben. «Wenn die Mutter sagt, das Kind
wolle nicht mehr, dann reicht das de­
nen», sagt er.
Die Behörden sagen: «Wenn ein
Kind die Besuche beim anderen Eltern­
teil verweigert, hat dies in der Regel vor
allem mit der Beziehungs- und Konflikt­
situation der Eltern zu tun. Der Beistand
versucht in einer solchen Situation, mit
den Eltern Probleme und Fragen zu klä­
ren und das Besuchsrecht zu fördern. Für
die Durchsetzung des Besuchsrechts mit
polizeilicher Gewalt fehlt die rechtliche
wie auch die ethische Grundlage.»
Nun eine Sache der Juristen
Als Marcella vor vier Jahren bei den Be­
hörden die Einschränkung von Andreas’
Besuchszeit verlangte, fand der Beistand
noch, es gebe keinen Grund, etwas an
der bestehenden Besuchsordnung zu
ändern. Jetzt, im Sommer 2013, geht von
ihm die Meldung an den Bezirksrat: Bei
Laura zeichne sich «eine zu Besorgnis
Anlass gebende Entwicklung» ab. Und
dass es dem Kind «nicht mehr möglich
sei, die Besuche beim Vater wahrzuneh­
men». Wie der Beistand zu dieser Ein­
schätzung kommt, sagt man bei den So­
zialen Diensten nicht. Stattdessen: «In
so einer Situation ist es nicht verwun­
derlich, dass sich ein Kind zurückzieht
und den Kontakt zu einem Elternteil ver­
weigert.» Zudem sei es möglich, dass
sich der Zustand des Kindes in einer der­
art belastenden Situation in ein paar Mo­
naten stark ändern könne.
Dass der «Fall» jetzt beim Bezirksrat
liegt, ist aus Andreas’ Sicht das Ungüns­
tigste, was ihm passieren konnte. Tat­
sächlich sei das nun Sache der Juristen,
beantwortet man bei den Sozialen Diens­
ten die Frage des «Magazins», warum
sich vom Kinder- und Erwachsenen­
schutz niemand mehr für Andreas ein­
setze. Auch darauf, was ein Vater in so
einer Situation tun könne, um zu seinem
Recht zu kommen, haben die Behörden
keine andere Antwort als: Die Eltern
müssen lernen, besser miteinander zu
kommunizieren.
Sechs Jahre nach der ersten Gefähr­
dungsmeldung durch die Chefpsychia­
terin der Kinderschutzgruppe reichen
Andreas’ Eltern bei der KESB eine wei­
tere Gefährdungsmeldung ein. Nichts
geschieht. Sie fragen nach, und nach
wochenlangem Schweigen kommt eine
Entschuldigung: Man sei in den Ferien
gewesen und die Mitarbeiterin habe lei­
der zu bestätigen vergessen, dass die
Gefährdungsmeldung angekommen sei.
«Aber kein Wort davon, dass man etwas
unternehmen werde!», sagt die Gross­
mutter. Die Grosseltern schreiben einem
aussenstehenden Beistand, den sie in der
Diskussionssendung «Club» im Fernse­
hen gesehen haben; er gehörte damals zu
den Mitverantwortlichen, als die KESB
umstrukturiert und professionalisiert
wurde. «Ich verstehe Ihre Enttäuschung
und Hilflosigkeit», antwortet dieser und
leitet die Unterlagen an den Rechtsdienst
der KESB weiter. Der Rechtsdienst ent­
schuldigt sich: «Mir stehen als Leiter des
Rechtsdienstes weder Aufsichts- oder
24
25
Weisungsbefugnisse, weder über die
KESB respektive deren Abteilungen/
Kammern noch über die Sozialen Diens­
te zu.» Er betont, dass man «Ihre Vorwür­
fe sehr ernst nimmt» und diese «an die
zuständige Stelle weiterleiten wird».
Wer für den Fall zuständig ist, wissen die
Grosseltern bis heute nicht. «Diesbezüg­
lich sind die Verhältnisse leider nicht
immer ganz klar umrissen», räumt der
Rechtsdienst in einem späteren Schrei­
ben ein. Auf Anfrage gibt der Vorsteher
der entsprechenden KESB-Stelle zu, da
sei etwas schiefgelaufen. Das hätte nicht
passieren dürfen.
Der Bezirksrat beschliesst im Spät­
sommer 2013, es werde vorläufig ein
«unter Androhung der Ungehorsams­
strafe» begleitetes Besuchsrecht ange­
ordnet. Andreas und Laura dürfen ein­
ander einmal im Monat sehen, sonntags
zwischen 11 und 17 Uhr, in einer Institu­
tion speziell für Väter in ähnlichen Si­
tuationen. Andreas stellt einen Antrag
auf Wiederaufnahme des alten Besuchs­
rechts. Obwohl ihm das per Gerichtsbe­
schluss ohnehin zustünde. Der Beistand
ist aufgefordert, dem Bezirksrat Bericht
über die monatlichen Treffen abzugeben.
Der Beistand schreibt, Vater und Tochter
hätten einen «engagierten, vertrauten
und liebevollen Umgang». Laura habe
Andreas «seine Zuwendung mit Herz­
lichkeit gedankt», die begleiteten Besu­
che seien «eine grosse Bereicherung» für
beide. Was er nicht schreibt: Der Beistand
hat Andreas und Laura dort nie gesehen.
Diese Einschätzung stammt aus einem
Bericht der Institution.
Seit Frühling 2014 hat Laura eine
Kinderanwältin. Sie führt ausführliche
Gespräche mit Laura. «Endlich nimmt
jemand die Aufgabe wahr, die der Bei­
stand versäumt hat», sagt Andreas. Nach
dem zweiten Treffen mit Laura ist der
Anwältin klar, warum das Mädchen den
Vater nicht mehr sehen will: «Der Kon­
taktabbruch zum Vater ist als Notbremse
für Laura zu verstehen, die sich nach den
jahrelangen Auseinandersetzungen zwi­
schen den Eltern schützen will», schreibt
die Anwältin. «Laura hat sich deshalb
dafür entschieden, ihren Vater nicht mehr
wie bis anhin sehen zu wollen, damit end­
lich Ruhe in ihr Leben kehrt.» Laura habe
nichts gegen ihren Vater, ging immer gern
zu ihm, so habe es ihr das Kind erzählt,
schreibt sie. Doch sei sie es leid, den Va­
ter vor der Mutter verteidigen zu müs­
sen. Und umgekehrt. Sie ertrage die ge­
genseitigen Abwertungen nicht mehr
und wünsche sich, dass ihre Eltern sich
besser vertragen könnten. Schlimm sei,
dass sie nie wisse, was passieren würde,
wenn ihre Eltern aufeinandertreffen.
«Laura übergab mir im zweiten Ge­
spräch einen vorbereiteten Brief», so
schreibt die Anwältin weiter. «In dem
Brief steht, dass ihr Vater früher nackt
mit ihr in seinem Bett geschlafen habe.
Laura hat mir dann aber erklärt, dass sie
bei ihrem Vater ein eigenes Zimmer und
immer in ihrem eigenen Bett übernach­
tet hat. Wenn Laura nicht schlafen konn­
te und doch einmal zu ihm ins Bett ge­
krochen sei, habe sie das zwar eklig ge­
funden, wenn er und seine Freundin
nackt gewesen seien. Aber sie habe dann
einfach eine Decke zwischen sich und
ihn gelegt und mit den Armen nach un­
ten gedrückt, um sich abzugrenzen. Es
sei auch nie zu irgendwelchen unange­
nehmen Vorfällen gekommen. Weiter
unten in diesem Brief steht, der Vater
küsse sie manchmal auf den Mund. Sie
habe ihm aber nie gesagt, dass sie das
nicht gern habe. Am Ende des Briefs er­
klärt Laura, sie gebe das alles schriftlich
wieder, weil es ihr peinlich sei, darüber
zu reden.» Andreas ist sich sicher, dass
Marcella Laura den Brief diktiert hat.
Im August erklärt eine Fachpsycho­
login, was die Anwältin beschreibt und
Andreas vermutet. In dem Bericht steht:
«Kein Kind schreibt von sich aus solche
Briefe. Man kann sagen, dass solche Brie­
fe nahezu immer mit Unterstützung von
Elternteilen geschrieben werden.» Und
weiter: «Die Verweigerung der Kontakte
zu Ihnen als Vater ist nicht Ausdruck ei­
ner schlechten Beziehung zu Ihnen, son­
dern Ausdruck eines massiven Loyali­
tätskonflikts. Laura opfert einen Eltern­
teil, um zur Ruhe kommen zu können.
Nun ist es aber so, dass die Opferung ei­
nes Elternteils Schuldgefühle auslöst.
Schliesslich liebt Ihre Tochter Sie als Va­
ter und ist sich bewusst, dass sie Ihnen
wehtut.» Um diese Schuldgefühle los­
zuwerden, suche Laura krampfhaft nach
Gründen, die es ihr erlauben, den Vater
wegzustossen. Dazu reiche es schon,
wenn der Vater das Kind einmal tadle.
Oder den Erwartungen des Kindes nicht
ganz entspreche. Diese Momente wür­
den von den Kindern fast provoziert.
Den vorbereiteten Brief sieht die Psy­
chologin als deutlichen Hinweis auf eine
manipulative Mutter. Wenn Kinder auf
der Suche nach Rechtfertigungen für die
Ablehnung eines Elternteils vom anderen
Elternteil noch unterstützt würden, dann
entspreche das einer indirekten Manipu­
lation, die zum Ziel habe, die Beziehung
zwischen dem Kind und dem anderen El­
ternteil zu zerstören.» Von einer Mutter
sollte man erwarten, dass sie einem Kind
aus so einem schweren Konflikt heraus­
hilft. Stattdessen zwinge sie das Kind, die
«Opferung des Vaters als Lösungsstra­
tegie zu wählen». Auf die Gefahr, dass
Laura in diesen Konflikt geraten könnte,
wies man schon im ersten Gutachten vor
sieben Jahren hin. Damals stellte die Kin­
der- und Jugendpsychiatrie fest, die Vier­
jährige bemühe sich sehr, Mutter und
Vater als gleichwertig darzustellen.
Im August 2014 lehnt der Bezirksrat
Andreas’ Antrag auf Wiederaufnahme
DEN I SE BUCH ER ist freie Journalistin; denise.bucher@gmx.net
Der Illustrator GR EG ORY GI L BERT-L OD GE lebt in Zürich; www.gilbert-lodge.com
«Kassenobligationen mit bis zu
2 % Rendite! Unsere sichere Anlage.»
Vorteilhafte Konditionen,
hervorragende Verzinsung:
8 Jahre
7 Jahre
6 Jahre
5 Jahre
4 Jahre
3 Jahre
2 Jahre
2.00 %
1.75 %
1.65 %
1.50 %
1.25 %
1.00 %
0.63 %
Zinssätze gültig für Beträge bis CHF 1 000 000.–.
Anlagebetrag ab CHF 5000.–, höhere Beträge durch
CHF 1 000.– teilbar, Zinsänderungen vorbehalten.
Unverbindlich informieren unter www.cembra.ch/sparen,
Tel. 0800 010 111 oder in einer unserer 25 Filialen.
des alten Besuchsrechts ab. Andreas ver­
liert die Hoffnung. Seine Eltern wenden
sich nochmals an die KESB. Sie wollen,
dass die Behörde eingesteht, dass man
den Kontaktabbruch hätte verhindern
können, wenn der Beistand getan hätte,
was er hätte tun müssen: die Einhaltung
des Besuchsrechts überwachen. Man
verteidigt sich: Der Beistand habe zwei­
mal mit Laura geredet. Hochzerstritte­
ne Eltern seien schuld am Loyalitäts­
konflikt des Kindes. So ein Konflikt sei
mit einer Beistandschaft, mit Weisun­
gen oder Bussandrohungen nicht zu lö­
sen. Nur «ein Umdenken der Eltern und
die Einsicht, dass sie für das Wohl ihres
Kindes die Verantwortung tragen», kön­
ne den Konflikt beenden. Nachdem es
weiter vorn im selben Brief heisst: «Die
Aufgaben des Beistands dienen dazu,
das Wohl und die Bedürfnisse des Kin­
des zu wahren.» Andreas hofft kaum
mehr, dass er und Laura zu ihrem Recht
kommen werden.
Paketabholung an Tankstellen ermöglichen:
Auch das ist die Post.
Die Post macht viel mehr, als man denkt. Zum Beispiel ist die Paketabholung auch an Tankstellen,
SBB-Schaltern sowie bald an rund 40 Paketautomaten möglich. Und für Onlinebestellungen
können Firmen ihren Kunden neu sogar Abend- und Samstagzustellung anbieten. Bringen auch
Sie Ihr Unternehmen mit den innovativen Lösungen der Post weiter: post.ch/gelb-bewegt
•
STAU IM
AMAZONAS
Die eigene Familie profitiert vom riesigen Staudammsystem
im Regenwald. Der Autor, Mitglied und Aktionär der Industriellendynastie von Siemens, hat Bedenken und bricht auf nach Brasilien.
Von Carl von Siemens
Bilder Juliana Spinola
Der Staudamm von Belo Monte in Amazonien entsteht – die ökologischen und
sozialen Risiken sind enorm.
26
27
Schmutziger Unterleib eines Projekts
Amazon Watch ist im kalifornischen Oakland beheimatet und
arbeitet mit indigenen Völkern zusammen, um den Regenwald
zu schützen.
Neun Monate später reiste ich nach Altamira.
Ich reiste anonym, da ich nicht als Vertreter der dunklen
Seite der Macht in Erscheinung treten wollte. Ich reiste in der
Begleitung eines Mitarbeiters von Amazon Watch, der meine
Identität kannte und mein Reiseführer war. Mich interessierten die Kulturen des Widerstands, die sich gegen den Damm
gebildet hatten. Und ich wollte so viel wie möglich über den
schmutzigen Unterleib eines Projekts erfahren, an dem die
Firma Siemens dort Geld verdient.
Ich reiste in den Nordosten Brasiliens, in den Bundesstaat
Pará, wo der Xingu nach einer zweitausend Kilometer langen
Reise in den Unterlauf des Amazonas mündet.
Bei Altamira wendet er sich von seiner Laufrichtung ab und
kehrt ins Landesinnere zurück, so als wolle er den Moment
seines Verschwindens ein letztes Mal hinauszögern. Dann setzt
28
er in einer 100 Kilometer langen Krümmung, die an den Hals
eines Fischreihers erinnert, seinen Weg fort. Die Flussschlinge wird «La Volta Grande» genannt.
Wir fuhren auf einem Motorboot in die Volta Grande hinein und tuckerten durch einen Archipel aus unzähligen Inseln, deren kleinste nur aus einem einzigen Felsen bestand, an
den sich ein mageres Bäumchen klammerte. Andere Inseln waren gross und von Wald bestanden, der auch die Uferstreifen
säumte. Das klare Wasser rauschte über Stromschnellen und
Untiefen. Ein Kosmos, der für Biologen bedeutsam ist – und
weitgehend unerforscht. Wie überall im Amazonasgebiet ist
der Unterschied der Pegelstände zwischen Regen- und Trockenzeit immens; hier kann er bis zu fünf Meter betragen. In
der Regenzeit überflutet der Xingu die Uferstreifen und versorgt den Boden mit Nährstoffen. In der Trockenzeit treten
Sandbänke hervor, auf denen Schildkröten ihre Eier ablegen.
In der Flussschleife leben 400 Angehörige der Arara und
Juruna. Im Inland, aber noch immer abhängig vom Fluss, siedeln Caboclos – Mischlinge aus Indios und Europäern. Und am
Ufer finden sich Siedlungen des Fischervolks, dessen Angehörige als Ribeirinhos bezeichnet werden.
Eine dieser Siedlungen war Santo Antônio. Vor etwa drei
Jahren, nach dem Ende der Regenzeit, erbebte dort die Erde.
Tagsüber sah man hinter den Bäumen Staubwolken aufsteigen
und in der Nacht einen Riegel aus Scheinwerferlicht. Fremde
erschienen, um in der Kneipe Cachaça zu trinken. Vom Fluss
erklang das Dröhnen schwerer Boote. Dynamit, Scheinwerfer
und Motoren vertrieben die meisten Fische. Irgendwann waren so viele Fremde im Ort, dass sich die Bewohner nicht mehr
trauten, die Kinder allein zur Schule zu schicken.
Lastwagen kippten ihre Ladung in den Fluss. Irgendwann
war ein Stück von der Grösse eines Fussballfelds aufgeschüttet
worden, es wurde mit Pumpen trockengelegt. Wie in einem
Laurel-und-Hardy-Film versuchten die Fremden, die restlichen Fische zu fangen und zurück in den Fluss zu werfen, doch
sie entglitten ihren Händen. Das Becken verlor an Sauerstoff,
und die Fische starben – sie drehten sich und schaukelten auf
dem Wasser hin und her.
Als Santo Antônio umzingelt war, erschienen Vertreter eines Energieversorgers. Sie boten den Einwohnern, die wegzuziehen bereit waren, eine Entschädigung an. Wer dennoch
bleiben wollte, wurde einfach durch Gerichtsbeschluss evakuiert. Wo früher einmal das Dorf stand, ist heute ein Parkplatz.
Busse rattern auf einer Schotterstrasse vorbei, während sich
Bagger durch die Baugrube wühlen. Auf den Felsen erhebt
sich eine sechs Kilometer lange Mauer, durch deren Turbinenschächte der blaue Himmel scheint. Hier entsteht der drittgrösste Staudamm der Welt.
Die Staumauer wird den Lauf des Xingu unterbrechen und
den Grossteil seines Wassers in zwei Kanäle umleiten, die die
Volta Grande in westöstlicher Richtung durchstechen. Am östlichen Ende, unweit des Örtchens Belo Monte, wird dieses
Wasser vom Hauptkraftwerk gefangen, durch dessen Turbinen
es zurück in den Oberlauf tost.
Die Anlage wird eine Kapazität von über 11 000 Megawatt
haben. Das entspricht, nach Angaben eines Zulieferers, der
Bogotá
Atlantik
Boa Vista
Kolumbien
Negro
Branco
Manaus
JuRuá
Purus
Tapajós
Belo Monte São Luís
Iriri
Xingu
Maraba
Madeira
Pôrt Velho
Peru
Belém
Santarém
Amazonas
JuRuá
Macapá
Amazonas
Putumayo
Iquitos
Jari
Trombetas
Japurá
Rio Branco
Teles
Pires
Juruena
Tocantins
AraguaÍa
Arinos
Bolivien
Cuiabá
Brasília
La Paz
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Um es gleich vorauszuschicken: Ich bin in dieser Geschichte
nicht unvoreingenommen. Ich bin ein Nachfahre des Erfinders und Industriellen Werner von Siemens, ich bin Aktionär
der Firma, die er gegründet hat, und ich möchte über ein Projekt
schreiben, an dem diese Firma beteiligt ist. Der Stein war am
28. Januar 2014 ins Rollen geraten, auf der Hauptversammlung der Siemens AG, die vor fast achttausend Besuchern in
der Münchner Olympiahalle abgehalten wurde.
Am Nachmittag trat eine kleine Frau ans Rednerpult.
«Mein Name ist Mônica Brito Soares», hallte ihre Stimme durch
die Lautsprecheranlage. «Ich komme aus der Stadt Altamira am
Fluss Xingu in Amazonien. Ich bin den weiten Weg nach München gereist, um von den Folgen des Staudammprojekts Belo
Monte zu berichten.»
Das Ächzen, das durch die Reihen wanderte, liess vermuten, dass ihr Anliegen schon früher vorgetragen worden war.
«Ich will Sie darüber in Kenntnis setzen, dass gegen dieses
unmenschliche Projekt schon mehr als 25 Gerichtsverfahren
laufen», fuhr die Frau unbeirrt fort, «weil mehrfach das brasilianische Gesetz gebrochen wurde, Umweltgesetze miss­
achtet und die Rechte von Ureinwohnern mit Füssen getreten
wurden.» Sie schloss mit einem Appell: «Wie können Sie über
Ihr Joint Venture Voith Hydro Turbinen für Millionen von Euro
für Belo Monte liefern und die Augen verschliessen vor dem,
was dieser Staudamm mit dem Leben der Menschen anrichtet?» Ich fühlte, dass diese Frau aus triftigem Grund zu uns
sprach. Tatsächlich war mir, als wäre jemand vom anderen
Ende der Welt angereist, um mich persönlich um Hilfe zu bitten. Brasilien war weit entfernt, und seine Energiepolitik ging
mich eigentlich nichts an. Doch da ich aus den Projekten der
Siemens AG eine Dividende bezog, war die Geschichte von
Mônica Brito Soares zu meiner eigenen geworden, ob ich es
wollte oder nicht.
Ich nahm Kontakt mit einer der Organisationen auf, die in
der Olympiahalle mit Mônica Brito Soares in den Ring gestiegen waren.
Leistung von 17 Atomkraftwerken, 3700 Windtürmen oder
fast 50 Millionen Solarpanelen. Dabei haben sich die Konstrukteure eine Eigenheit der Volta Grande zunutze gemacht:
Zwischen Anfang und Ende der Kanäle besteht eine Fallhöhe
von 90 Metern, in der das Wasser Fahrt aufnimmt. Für die
«Barrageiros», wie man die Staudammbauer in Brasilien nennt,
besitzt das Projekt den Status einer Ikone.
«Gott schafft einen Ort wie Belo Monte nur einmal in langer Zeit», strotzte einer der Ingenieure vor Glück. «Der Standort ist für einen Damm wie gemacht.» Für die Durchführung
wurde ein Konsortium namens Norte Energia gebildet, dessen wichtigster Aktionär die staatliche Elektrobrás ist. Baumassnahmen liegen in den Händen von CCBM, einem Zusammenschluss mächtiger Bauunternehmen wie Odebrecht,
Camargo Corrêa oder Andrade Gutierrez, denen eine lukrative Nähe zum politischen Geschäft nachgesagt wird. Konsortialführer für die technische Umsetzung ist die deutsche
Voith Hydro, die mit der französischen Alstom und der österreichischen Andritz Turbinen liefert. Siemens hält 35 Prozent an Voith Hydro, ist aber auch direkt beteiligt, da die Firma Transformatoren liefert und der bevorzugte Anbieter der
Stromtrasse ist.
Da nur ein Fünftel des Xingu die Staumauer passieren darf,
wird er in der Regenzeit das Ufer nicht mehr mit Nährstoffen
versorgen. Fische, die im Schwemmland ihre Eier ablegen, verlieren ihre Laichgründe. Mit dem Abflauen der Strömung lagern
sich Sedimente ab, die vorher abtransportiert wurden, und die
Volta Grande läuft Gefahr zu versanden.
Doch die Auswirkungen des Damms betreffen nicht nur
die Region. Die vielen Wanderfische, die für den Amazonas so
bedeutend sind, werden ihren Weg durch zwei Mauern versperrt finden. Für sie sollen Treppen gebaut werden, doch es
bestehen Zweifel, ob sie überhaupt funktionieren. Da sich
der Damm in der Nähe der Mündung befindet, werden die Bestände des Xingu in seiner Gänze betroffen sein und so auch
die Menschen, die sich von ihnen ernähren.
Vollendete Tatsachen
Terra Wangã ist eines von einem halben Dutzend Dörfern der
Arara, die sich in der Volta Grande befinden. Seine Bewohner
leben vom Fischfang und kleinen Feldern mit Maniok, Bohnen und Mais. Ist der Boden verbraucht, wandern die Felder
weiter und geben dem Wald zurück, was ihm an neuer Stelle
genommen wird. 29
Indios vom Stamm der Mundurukú demonstrieren
gegen ein Staudammprojekt am Tapajós-Fluss in Amazonien.
30
31
Das Glück auf eigene Faust suchen
«Es waren immer die Indigenen, die die schlimmsten Aspekte
dieser Art von ‹Entwicklung› zu tragen hatten», sagte Sheyla,
eine Sprecherin der Juruna, «sei es durch den Kautschukboom
oder den Bau der transamazonischen Schnellstrasse. Doch
Belo Monte ist zum entscheidenden Faktor geworden. Meine
32
Leute blicken nicht mehr auf ihre eigene Kultur, sondern in eine
andere Richtung. Aber wie sollten wir uns auch schützen? Wir
sind verwundbar und wenig gebildet. Wir wissen nichts von unseren Rechten. Unsere Zerbrechlichkeit führt zur Auflösung
unserer Identität.» Ich wollte wissen, welche Art von Entwicklung sie sich wünschte.
«Die Grundlage indigener Entwicklung sind Landrechte.
Wenn uns das Land gehört, und oft ist das nicht der Fall, können wir darauf hinarbeiten, unabhängig zu sein und uns selber zu ernähren. Unser Land ist reich, und wir erhalten es für
die Regierung. Aber diese zahlt uns das nicht zurück, etwa
durch Projekte, die es uns ermöglichen, aus der Fülle der Natur zu schöpfen. Stattdessen nimmt die Regierung das Land
für sich und zerstört es.»
Unser Gespräch fand in den Büroräumen des «Movimento Xingu Vivo» statt, einer Sammelbewegung des Widerstands gegen den Damm. Es versteckt sich im Zentrum Altamiras hinter einer Stahltür und ist ein Ort der politischen Leidenschaften, von denen das Revolutionskolorit an den Wänden
ein Zeugnis ablegt. Auf den Strassen herrschte unterdessen
Goldgräberstimmung.
Über Nacht musste eine Stadt von 80 000 Einwohnern
den Ansturm einer Armee von Wanderarbeitern verkraften;
insgesamt sind 20 000 Menschen auf der Baustelle beschäftigt. Die meisten wohnen in abgeschotteten Camps in der Volta
Grande, doch andere haben in der Stadt ihre Bleibe gefunden.
Schulen und Spitäler, die von Norte Energia versprochen worden waren, sind gar nicht, zu spät oder nur schlampig gebaut
worden. Gleichzeitig hat das Anschwellen der Kaufkraft Altamira in einen Boom versetzt. Japanische Autos und Kleinlaster mit aufgedrehten Musikboxen drängen sich im Stau, und
Hoteliers, Händler und Gastwirte arbeiten sieben Tage in der
Woche, solange die Fremden noch vor Ort sind. In wenigen
Jahren wird es mit dem Boom vorbei sein. Die Arbeiter werden
weiterziehen oder in der Stadt und den umliegenden Wäldern
auf eigene Faust ihr Glück suchen.
Seit dem ersten Spatenstich für ein Teilstück der Trans­
amazônica ist Altamira zu einer Grenzstadt im Wilden Westen
Brasiliens geworden. Er ist von Glücksrittern, Landnahmen,
weitgehender Rechtlosigkeit und einer Brutalisierung geprägt
worden, die in verstörenden Gewaltverbrechen ihren Ausdruck
gefunden hat. Anfang der 90er-Jahre erschütterte eine Serie
von Prostituiertenmorden die Stadt. Und unter nie vollständig
geklärten Umständen verschwanden Jungen von den Stras­
sen, von denen über zwei Dutzend umgebracht – manche
grässlich verstümmelt – aufgefunden wurden.
Der Damm ist das Lieblingskind von Brasiliens regierender Arbeiterpartei PT. Im März 2004 hatte Präsident Lula da
Silva seinem Kabinett die Anweisung erteilt, Mittel und Wege
zu finden, um Umweltschutzbedenken und andere Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die grosse Infrastrukturprojekte gestoppt hatten. Energieministerin war damals seine
spätere Nachfolgerin Dilma Rousseff. Ein Jahr später gab die
Nationalversammlung grünes Licht für Belo Monte.
Dilma Rousseff ist dem Staudammprojekt auf eine fast religiöse Weise verbunden. Als sie während des Wahlkampf ge-
fragt wurde, was die wichtigste Leistung ihrer abgelaufenen
Amtszeit sei, antwortete sie ohne Zögern: «Belo Monte.» Gegen den Damm mobilisierte sich eine Regenbogenkoalition,
die Hollywoodstars wie James Cameron und Sigourney Weaver für sich gewann, deren Film «Avatar» vom Kampf eines
Indianerplaneten gegen eine Bergbaugesellschaft erzählt.
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
«Wir sind gegen den Damm gewesen, und wir werden weiterhin gegen den Damm sein», sagte Josené, ein junger Stammesführer in Fussballshorts und Flipflops, unter einem Mangobaum frassen Schweine herabgefallene Früchte, eine Stromleitung hangelte sich von Palmendach zu Wellblechgiebel,
dahinter dudelte ein Soundsystem.
«Der Fluss bedeutet für uns das Leben. Der Damm kommt,
um das Leben zu zerstören. Wir werden den Fluss nicht mehr
befahren können, denn er wird nicht genügend Wasser führen. Als Entschädigung haben wir eine Strasse gefordert, doch
sie ist nicht gebaut worden. Die Fische werden sterben oder
fortziehen, wenn der Xingu verschmutzt ist. Und wir werden
nichts mehr zu trinken haben, wenn sich das Wasser unseres
Brunnens braun färbt.»
«Sind die Arara von der Regierung gefragt worden, ob der
Damm gebaut werden darf?»
«Es hätte Anhörungen geben sollen, doch so etwas hat
nicht stattgefunden. Einmal sind die Vertreter einer Behörde
zu uns gekommen und haben gesagt: ‹Das ist keine offizielle
Anhörung, aber wir möchten das Projekt diskutieren.› Später
haben sie behauptet, dieses Treffen sei eine Anhörung gewesen. Doch das stimmt nicht, eine Anhörung hat ein anderes
Format.»
Die Haltung der Indios ist keine geschlossene Front der
Ablehnung mehr. Sie ist zu einer Verhandlungsposition geworden. Einige bleiben entschlossen, ihre Lebensweise mit
Zähnen und Klauen zu verteidigen. Andere sind mit Autos,
Fresskörben, Mobiltelefonen und Booten regelrecht gekauft
worden. Die meisten haben Jahrhunderte der Entrechtung
hinter sich und versuchen nun einfach, unter den gegebenen
Umständen das Beste für sich herauszuschlagen.
Nachdem die Arara vor vollendete Tatsachen gestellt worden waren und ihrem Ärger durch Strassensperren Luft gemacht hatten, erreichten die ersten Entschädigungsleistungen
die Volta Grande. Als sich herumgesprochen hatte, dass Geld
fliessen werde, begannen die Dörfer wie durch Geisterhand zu
wachsen. Wahrscheinlich haben in den vergangenen Jahren
niemals mehr Indios die Flussschlinge zu ihrem Wohnsitz gemacht als in den Monaten, in denen allen dämmerte, dass ihre
Lebensweise dem Untergang geweiht sein würde.
Bei schwindendem Licht schipperten wir zurück nach Altamira. An uns glitten Schilder in den Zweigen vorbei, die den
Namen der kanadischen Belo Sun Mining Corporation trugen; sie steckten das Gelände einer Goldmine ab. Zwar war
dem Projekt gerade die Vorlizenz entzogen worden, da keine
Studien über die Auswirkungen durchgeführt worden waren.
Doch wenn der Xingu fast trockengelegt und die Arara verschwunden sein werden, wird wenig übrig sein, was der Mine
im Weg stehen könnte.
Verloren im Dunst des Regenwalds
In Altamira ist der Protest untrennbar verbunden mit dem Bischof der Diözese, dem Österreicher Erwin Kräutler, und mit
Antônia Melo. 2010 wurde Dom Erwin für seinen Einsatz für
Menschenrechte und Wald mit dem Right Livelihood Award
ausgezeichnet, der als «Alternativer Nobelpreis» gilt.
Antônia Melo ist das Herz des Movimento, eine fünffache
Mutter in ihren Sechzigern mit gefärbten Korkenzieherlocken
und einer Vorliebe für theatralischen Schmuck. Sie gehörte
2008 zu den Organisatoren einer Versammlung, auf der
über tausend Indios ihre Ablehnung des Damms zum Ausdruck brachten; ihr Schlachtruf «Xingu Vivo Para Sempre!»
verlieh der Bewegung ihren Namen.
Es sollte ihr Zenit werden. Antônia Melo wurde mit Mitstreitern nach Brasília geladen, wo Lula ihnen am runden Tisch
mit Engelszungen versprach, er wolle keinem den Staudamm
«in den Rachen schieben». Doch im Juni 2010 besuchte der
Präsident auf einmal die Gegend, warf auf einer Massenveranstaltung in einem Fussballstadium sein ganzes Gewicht für
Belo Monte in die Waagschale und empfahl Umweltschützern
und «Gringos», lieber in den Golf von Mexiko zu gehen, der
nach der Havarie der Ölplattform Deepwater Horizon von
fossilen Brennstoffen verschmutzt worden war.
«Es reicht endgültig, dass ein Gringo daherkommt und Brasilien Ratschläge erteilt», schüttelte der Charismatiker seine
erhobene Faust. «Wir müssen der Welt zeigen, dass niemand
unseren Wald mehr schützen will als wir selber. Weil er uns
gehört. Und kein Gringo sollte seine Nase in Dinge stecken, die
ihn nichts angehen!»
Die PT stand ideologisch hinter den Gewerkschaften und
Bürgerrechtlern, die sich im Movimento engagierten. Die gerieten in einen Loyalitätskonflikt. Am Ende siegten Präsident
und Partei.
«Wären wir weiter vereint marschiert, hätten wir Belo
Monte verhindern können.» Niedergeschlagenheit legte sich
über Antônia Melos Gesicht. «Aber die Regierung weiss, wie
man Indigene gegeneinander aufwiegelt.»
Obwohl das aufgestaute Wasser ungefähr eine Fläche von
der Grösse des Bodensees bedecken wird, ist diese im Verhältnis zur Kapazität klein, da Belo Monte ein Durchflusskraftwerk
ist und von der Neigung der Volta Grande profitiert. Dort muss
der Wald abgeholzt werden, damit das Holz nicht zu klimaschädlichem Methan verrottet. Ein trauriges Beispiel dafür lieferte der Tucuruí-Damm am Fluss Tocantins, dessen Treib­
hausgasausstoss 1990 einer Menge an Kohlendioxid entsprach, die den Brennstoffverbrauch São Paulos übertraf.
Wenn sich die Stauseen füllen, wird ein Drittel von Altamira überschwemmt werden. Mehr als 20 000 Menschen
verlieren das Dach über dem Kopf. Oberhalb der Stadt werden
deswegen Ausweichquartiere aus dem Boden gestampft. Auf
winzigen, identischen Grundstücken reiht sich ein winziges,
identisches Betonhäuschen an das nächste. Unter den nackten Strommasten sehen sie mit ihren lustigen Farben wie die
Mustersiedlung einer Modelleisenbahnanlage aus.
Viele der Häuser stehen noch leer, doch immer mehr Menschen nehmen die Entschädigungsleistung an, zu der Norte
Energia verpflichtet worden ist. Eine davon ist Maria, mit 38
Jahren schon Grossmutter, die mit ihrem Mann und neun Seelen vor drei Monaten eingezogen ist, auf die Hälfte der Fläche,
die ihnen vorher zur Verfügung stand. Maria schenkt Cachaça
aus. Die Wände bröckeln so, dass die Haken der Hängematte
nicht halten. Regen hat das Schlafzimmer unter Wasser gesetzt, und der Fleck an der Decke ist noch immer nicht getrocknet. Sieht so aus, als könnte die Siedlung trotz guter Absichten
zum Potemkin’schen Dorf werden.
Aufgrund der saisonalen Schwankungen des Flusses wird
das Kraftwerk im Jahresdurchschnitt auf weniger als der Hälfte
seiner Kapazität laufen. Durch seinen Bau ist ein Argument dafür geschaffen worden, die Wasserzufuhr des Xingu durch weitere Dämme zu stabilisieren. Die Pläne knistern seit langem in
der Schublade. Die Stauseen und Rodungen, die entstehen würden, sind grösser als die von Belo Monte. Unabhängig von den
Grenzsteinen des Projekts werden Bergbaufirmen folgen mit
ihren Verwüstungen. Fischer werden an andere Ufer ausweichen und dort Druck auf die Bestände ausüben. Und die neuen
Stras­sen werden sich in Einfallschneisen verwandeln, auf denen entlassene Arbeiter und andere Verzweifelte an den Xingu
drängen, um sich aus den Wäldern einen Acker zu schlagen.
Die Gewinne von Belo Monte sind eine messbare Grösse,
die auf Interessengruppen verteilt worden ist, während sich
Risiken und Konsequenzen im Dunst des Regenwalds verlieren. Da die Akteure nicht überall zur Verantwortung gezogen
werden, erinnern Aspekte des Projektes an die Finanzkrise, in
der Gewinne privatisiert und Kosten der Gesellschaft aufgehalst wurden. Für den Auftrag und die Rodungen trägt die
brasilianische Regierung die Verantwortung, für die Einhaltung
der Auflagen Norte Energia. Doch da Voith Hydro, Alstom,
Andritz oder Siemens den Staudamm haben Wirklichkeit werden lassen, mit allen seinen Folgen, sind sie Teil des Problems
und nicht Teil seiner Lösung.
Hindernisse müssen weg
Als ich mich mit den Folgen des Staudammes beschäftigte,
empfahl mir ein Professor an der Berliner Humboldt-Universität die Foren einiger Biologen. Dort erfuhr ich von in der Volta Grande beheimateten Arten, die durch die Trockenlegung
bedroht sind oder aussterben werden. Darunter sind eine Subspezies des braunen Satansaffen, dessen Gesicht wie ein überfahrener Autoreifen aussieht, ein vegetarischer Piranha oder
der Zebrawels in seinem feenhaft schönen Schleier­kleid. Welche Chancen haben diese Kreaturen, angesichts der gewaltigen
Interessen, die am Amazonas am Werk sind? Nach der Logik
der industriellen Entwicklung sind sie nicht nur überflüssig geworden, sondern stellen, weil unter Naturschutz, ein handfestes Hindernis dar. 33
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Um Hindernisse dieser Art schneller aus dem Weg räumen zu
können, wird in Brasília eine Reihe von Gesetzesänderungen
verhandelt, die als Verfassungsergänzung PEC 215 registriert
wurden. Hinter dem nüchternen Kürzel verbirgt sich eine doppelte Strategie: Zum einen soll es in Zukunft schwerer gemacht werden, neue Gebiete unter Schutz zu stellen, und zum
anderen leichter sein, bestehende Schutzgebiete rückabzuwickeln. Noch steht ein Viertel der Landmasse Brasiliens unter
Naturschutz. Da fast jedes Projekt in dieser Region früher oder
später eines dieser Schutzgebiete berühren wird, ist die Stossrichtung der Initiative eindeutig: PEC 215 ist darauf ausgelegt,
Amazonien für Wasserkraft, Bergbau, Strassenbau und Landwirtschaft zu öffnen.
Vieles von dem, was man in dieser kaum besiedelten Region erwirtschaften möchte, soll dem bevölkerungsreichen
Süden zugeführt werden. Eine treibende Kraft ist auch die Aluminiumindustrie, die mit der amerikanischen Alcoa, vor allem
aber mit japanischen und chinesischen Firmen Joint Ventures
von globaler Bedeutung aufsetzt.
China, das sowohl ein Umwelt- als auch ein Energieproblem hat, drängt mit Macht in die Finanzierung neuer Dämme. Da die Stromversorgung Brasiliens auch in Zukunft zu fast
80 Prozent durch Wasserkraft gedeckt werden soll, befinden
sich nach dem Energieplan 2011-2021 im Amazonasbecken elf
neue Dämme unter Vertrag oder im Bau, neun weitere grosse
sind in Planung. Man muss davon ausgehen, dass früher oder
später jeder dammbare Fluss zur Disposition gestellt wird.
Sollte das umgesetzt werden, wird die Weltgemeinschaft im
21. Jahrhundert die Wildnis dieser Flüsse verlieren. Amazonien wird zu einer Kulturlandschaft werden.
Betrachtet man das Amazonien auf einer Karte, so sieht
man einen Baum aus Flüssen, die in westöstlicher Richtung
vom Andengebirge in den Atlantik strömen. Im Norden ist der
wichtigste Zweig dieses Baums der Rio Negro, im Westen der
Solimões, der in Peru seinen Ursprung hat und sich aus dem Marañón speist. Bei Manaus vereinen sich Rio Negro und Solimões
zum Amazonas, der durch seine Zubringer weiter anschwillt,
bis er für ein Fünftel der Süsswassermenge verantwortlich ist,
die sich auf dem blauen Planeten in die Ozeane ergiesst.
Die Flusslandschaft wird vom grössten Regenwald der
Erde bedeckt, der noch immer vier Fünftel seiner ursprünglichen Fläche umfasst. Ihrer Masse entsprechend, fängt jede
Baumkrone dieselbe Menge an Wärme und Wind; zusammen
bilden die Kronen ein gewaltiges Trägheitsmoment, das Südamerika vor extremen Wetterereignissen bewahrt, wie sie
etwa die Vereinigten Staaten heimsuchen.
Smartphones und Kriegsbemalung
São Luiz wurde zum nächsten Ziel unserer Reise. Hier steht
ein Megadamm vor der Vollendung. Davon werden die Mundurukú betroffen sein, ein kriegerischer Stamm, der bis ins 19.
Jahrhundert seine Dörfer mit abgeschlagenen Köpfen dekorierte. Nun hat Vale SA, einer der grössten Bergbaukonzerne
der Welt, auf ihrem Gebiert eine Goldkonzession beantragt.
In São Luiz wollten sich 150 Mundurukú mit dem Fischervolk versammeln, zwei Bootsladungen Demonstranten, einige
Journalisten und vier katholische Bischöfe, darunter Dom Erwin aus Altamira, um eine Messe im Urwald zu feiern.
Als uns ein Flugzeug tiefer nach Westen in das Amazonasbecken hineintrug, da war mir, als glitten wir über ein Meer.
Bis zur Wölbung des Horizonts erstreckte sich unter uns eine
Wasserfläche, deren Ufer nicht auszumachen waren. Es war
das Delta des Tapajós, der hier auf den Amazonas trifft, dessen
scheinbar regungslose Fluten wie die Oberfläche einer kahlen, von der Sonne verbrannten Steppe wirkten.
Früh am kommenden Morgen liefen wir zum Hafen von
Santarém. Die beiden Boote des Demonstrationszugs waren
mit kämpferischen Transparenten geschmückt, und auf den
Passagierdecks hing schon bald eine Hängematte neben der
anderen.
Einen Tag lang fuhren wir flussaufwärts. Die Reise war
angenehm, denn ein Wind wehte, und es gab keine Mücken.
Auf dem Oberdeck hatten sich einige Musiker um einen Indio
und seine Gitarre geschart, der sich einen Strohhalm durch die
Nasenscheidewand gezogen hatte.
Manchmal war auf beiden Seiten das Ufer zu sehen, dann
trat es wieder zurück.
Am Nachmittag fand eine endlose Diskussion auf dem
Oberdeck statt, das sich unter dem Sonnendach erhitzte. Nach
einem Nachtessen aus Fischmehl und Huhn schaukelte ich in
meiner Hängematte zwischen einem Ehepaar hin und her, das
mich mit Knie- und Ellenbogenstössen traktierte. Irgendwann
später spürte ich, dass unser Boot vor Anker gegangen war. Die
Maschinen standen still, und ich schlief ein. Am nächsten Morgen wurden wir vom Klang kratzender Schlagerplatten geweckt.
Von einem anderen Boot strömten Mundurukú in Kriegsbemalung an Land; andere standen auf den Felsen und bepinselten sich die Rücken und Arme. Das Ufer mit seinen Buchten, Büschen und dem niedrigen Wald war sanft und weich.
Wir stiegen eine Anhöhe empor, die von einem Mangobaum
beherrscht wurde. In seinem Schatten war ein Transparent
aufgespannt worden, vor dem sich drei Bischöfe am Messtisch
in Schale geworfen hatten. Der vierte war zu Hause geblieben.
Siemens-Ingenieure waren nirgends zu sehen.
Die Mundurukú filmten die Redner unter dem Mangobaum mit ihren Smartphones, schüttelten Blasrohre und Speere in die Kameras und tranken dazwischen Kaffee aus Plastikbechern in einer mit Palmenzweigen gedeckten Halle. Davor
war Dom Erwin von einem Fernsehteam auf eine Bank in die
Sonne gesetzt worden. Mit verwundertem Zeigefinger berührte er den Nasenring einer Aktivistin, die vor Freude bis
unter die Haarwurzeln errötete. Dann flüchteten wir uns zum
Interview in den Schatten der Schule.
«Der Widerstand gegen diese Projekte läuft vor allem über
die Kirche», sagte ich. «Warum?»
«Ich frage mich: Was ist Kirche? Kirche – das ist dieses Volk.
Als Bischof muss ich auf das Volk zugehen, in allen seinen Nöten
und Ängsten. Ich habe mit diesem Volk gegen alle Formen des
Todes anzukämpfen. Es geht um nichts anderes als das Leben.»
«Es sieht so aus, als ob eine besondere Beziehung zwischen der Kirche und den Indigenen besteht.» Ist der Damm gebaut, haben die heute am Flussufer lebenden Indios kein Siedlungsgebiet mehr
(oben). Der Konzern Norte Energia baut an anderer Stelle Betonhäuser für Zwangsumgesiedelte.
34
35
der ganzen Welt war. Zwischen den Jahren 2002 und 2013
sind dort 448 Menschen getötet worden; viele von ihnen hatten sich gegen Landraub, Bergbauoperationen oder Rodungen engagiert.
Der mutigste Mensch auf dem Boot
2001 wurde Ademir Alfeu Federicci ermordet, von seinen
Freunden «Dema» genannt, ein erklärter Gegner von Belo
Monte. 1987 überlebte Dom Erwin einen inszenierten Autounfall nur knapp; sein Mitfahrer starb. Bis heute steht der Bischof unter Polizeischutz. Und im Büro des Movimento hängt
das Foto der amerikanischen Nonne Dorothy Stang, die sich
für die Rechte von Kleinbauern eingesetzt hatte und 2005, im
Alter von 74 Jahren, in der Nähe der Transamazônica mit sechs
Schüssen hingerichtet wurde.
Hinter Verbrechen dieser Art stecken in der Regel Grossgrundbesitzer oder die Holzmafia. Sie hassen die Indios und
alle anderen, die sich für den Erhalt des Regenwalds einsetzen.
Sich mit der Holzmafia anzulegen ist ein Zeichen ausserordentlicher Tapferkeit. An Steuerbord arbeitete ein Staatsanwalt
im Licht einer Taschenlampe an seinen Papieren. Er hatte sowohl die Mörder von Dorothy Stang zur Strecke gebracht wie
auch die Klagen gegen die Rechtsbrüche von Belo Monte eingereicht. Vielleicht war Felício Pontes der mutigste Mensch auf
dem ganzen Boot. Er war ein jugendlicher Mann mit schwarzen
Augen und einem weichen Gesicht.
«Die Regierung versucht, uns die Schuld für die Verzögerungen beim Bau von Belo Monte in die Schuhe zu schieben»,
erklärte er mir, «doch sie wird damit nicht durchkommen. Nicht
die Prozesse sind der Grund, sondern die Komplexität des
Amazonasgebiets. Von Anfang an haben wir gesagt, dass die
Regierung nicht genug über diese entlegene Gegend weiss.
Genau das ist eingetreten.»
«Wie viele Klagen laufen derzeit?»
«23. Die meisten sind technischer Natur und haben mit
der Lizenzvergabe zu tun.»
«Was sind die wichtigsten?»
«In Brasilien müssen indigene Völker vorab konsultiert
werden, wenn sie von einem Projekt dieser Art betroffen sind.
Zweitens sagt das Gesetz, dass ein Projekt nicht durchgeführt
werden darf, wenn seine Auswirkungen so gross sind, dass die
Indigenen ihr Land verlassen müssen. Und drittens sind die
Auswirkungen auf die Volta Grande so immens, das einige Arten vernichtet werden.»
«Warum kann das Projekt überhaupt durchgeführt werden?»
«Die meisten Prozesse haben wir gewonnen. Doch es gibt
ein Gesetz aus der Militärdiktatur, das die Aufhebung von Gerichtsurteilen ermöglicht, wenn ein Projekt im nationalen Interesse liegt. Ein einziger Richter genügt, und er kann das
ohne zusätzliche Begründung tun. Bis der Fall vor das Verfassungsgericht kommt, wird der Staudamm gebaut sein.»
Die Verbindung der Kirche mit den indigenen Völkern ging
mir nicht aus dem Kopf. Der Gitarrenspieler mit dem Strohhalm in der Nase hatte sich wieder auf den Boden gesetzt, die
anderen Musiker um ihn herum. Die Luft war schwer gewor-
den, und ein Unwetter kündigte sich an, während das Boot auf
dem breiten Tapajós stromabwärts in Richtung Itaituba fuhr.
Ein halbes Jahrtausend lang waren Missionare in die entgegengesetzte Richtung gepaddelt. Dort trafen sie auf Indios,
die keine Erbsünde kannten. Im immergrünen Regenwald verstanden sie wenig von Zeit, und es war ihnen nicht zu vermitteln, dass es ein Paradies gebe, das erst nach dem Tod betreten
werden kann. Mit ihrem Zusammenhalt und den wenigen Besitztümern wirkten die Siedlungen wie ein Idealbild frühchristlicher Gemeinden. Die Missionare waren ausgezogen, um
fremden Völkern ihre Religion überzustülpen; nicht wenige
kehrten als Indigene im Herzen zurück.
Einer davon ist Edilberto Sena, ein robuster, gestenreicher
Prediger Anfang siebzig mit breiter Brust. Auf einem Radiolehrgang im niederländischen Hilversum hat der Prediger
fliessend Englisch gelernt. Und jetzt leitet er die Station von
Santarém.
«Ein katholisches Radio im Amazonasgebiet muss vier
Prinzipien folgen», erzählte er. «Ethik in der Kommunikation.
Erziehung durch Kommunikation. Objektivität. Und viertens:
Evangelisierung und Befreiung!»
Auf dem Oberdeck stiegen einige sehr junge Frauen aus
ihren Flipflops und begannen, mit einigen sehr alten Männern
zu tanzen. In Altamira sind alle Mitglieder des Movimento
von der Befreiungstheologie geprägt; Edilberto stellt darin
also keine Besonderheit dar.
«Die traditionelle Theologie blickt auf Gott und fragt, wie
man seinen Willen erfüllen kann. Befreiungstheologie macht
das Gegenteil. Sie schaut sich die Realität an, dann wendet sie
sich an Gott. Sie stellt eine Verbindung her zwischen Realität
und Glauben, nicht zwischen Glauben und Doktrin. Die Realität in Südamerika aber ist ein Skandal – politisch, sozial und
wirtschaftlich. Wir sagen: Das Wort Gottes hat diese Wirklichkeit zum Leuchten zu bringen.»
«Im traditionellen Christentum erfolgt Befreiung erst
durch den Tod und im ewigen Leben.»
«Nein!», rief er. «Nein! Befreiung beginnt hier, jetzt und
überall. Die Welt durchlebt eine Anti-Befreiung. Sie wird vom
Kapital beherrscht. Das Kapital spaltet die Menschen. Es gibt
eine kleine Gruppe von sehr reichen und eine grosse Gruppe von
sehr armen Leuten. Wir sind gegen diese Spaltung, denn wir
möchten jedem die Möglichkeit geben, ein Leben in Würde zu
führen. Wenn wir den Kampf fortsetzen, dass alle zu essen haben, medizinisch versorgt sind und eine Ausbildung erhalten,
dann schaffen wir den Himmel auf Erden.»
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
«Ja, das kann man so sagen. Speziell mit den Mundurukú.»
«Aber die Kirche ist doch auch für die Dezimierung ihrer
Kultur verantwortlich gewesen?»
«Mein Gott, die Missionare waren Kinder ihrer Zeit. Ich
will keine Steine auf vergangene Jahrhunderte werfen, aber wir
müssen aus diesen Fehlern lernen. Die Mundurukú sind katholisch, aber sie haben ihre Kultur nicht verloren. Und das
muss ja möglich sein.»
«Die Kulturen der indigenen Völker sind im Augenblick
sehr grossem Druck ausgesetzt, können diese Kulturen überhaupt noch bestehen?»
«Ich glaube noch immer daran, dass sie überleben. Und
ich glaube auch, dass das eins der Ziele der Kirche ist. 1987 haben wir zusammen versucht, ihre Völkerrechte in die Verfassung zu bringen. Und das ist uns gelungen. Ihr Recht auf ihr
angestammtes Gebiet, auf ihre kulturellen Ausdrucksformen,
ihre Sprache. Ihr Recht, dass man nicht in ihr Gebiet eindringen kann, es sei denn, man fragt sie. Und dass ihre Gebiete in
einer Frist von fünf Jahren abgegrenzt werden.»
«Das ist dann 1988 beschlossen worden?»
«Ja, 1988. Heute ist die Hälfte der Gebiete abgegrenzt. Es
gibt eine anti-indigene Kampagne, dass man diese Rechte revidiert. Da meine ich, dass die katholische Kirche auf den Tisch
hauen muss. Brasilien kann es sich nicht leisten, die indigenen
Völker an die Wand zu stellen.»
«Sie sind auch für ihr Engagement gegen Belo Monte bekannt geworden …»
«Vor 50 Jahren bin ich von Österreich nach Brasilien gekommen. Ich kenne, sage ich mit voller Überzeugung, den
Xingu wie sonst niemand. Und ich höre den Schrei dieser Völker. Ich weiss, was der Fluss für diese Menschen bedeutet. Ich
weiss auch, dass die Regierung den Fluss in seiner Gänze opfern will. Und das ist für mich ein Dolchstoss ins Herz von ganz
Amazonien. Ich weiss, dass wir Energie brauchen, aber auf
diese Art und Weise geht es nicht. Man kann nicht Völker der
Energiegewinnung opfern.»
«Der Energieverbrauch Brasiliens wird vor allem durch
Wasserkraft gedeckt. Kann man einem Land verweigern, sich
in diese Richtung industriell zu entwickeln?»
«Es geht nicht um Verweigerung. Wir haben Top-Wissenschaftler, die auch die Sonnenenergie, die Windenergie und
die Biomasse vorstellen. Sie haben mir gesagt: Wenn man die
bestehenden E-Werke überholt und die Überlandleitungen,
dann braucht man Belo Monte nicht.»
«Am Staudamm sind ausländische Firmen beteiligt ...»
«… Andritz, Voith, Siemens …»
«Haben Sie eine Botschaft an diese Firmen?»
«Hab ich schon längst schriftlich gemacht. Ich habe sie
sogar eingeladen, damit sie sehen, was hier geschieht. Ich habe
keine Antwort bekommen.»
Ich wahrte meine Anonymität bis zum Ende der Reise. Als
wir uns am Nachmittag auf den Rückweg machten, lernte ich,
dass mir weniger Gefahr von Curare-Pfeilen drohte als von
meinen kapitalistischen Brüdern. Ich erfuhr von einer Studie
der Organisation «Global Witness», aus welcher hervorgeht,
dass Brasilien für Umweltschützer das gefährlichste Land auf
nehmen wollte, umstürzlerische Umtriebe mit Spendengeldern zu finanzieren.
Während jeder Passagier ein T-Shirt des «Movimento Tapajós Vivo» erhielt, würde, wie an jedem anderen Tag auch, ein
Mann am Xingu seine Kakaobohnen prüfen. Es handelte sich
bei ihm um einen hageren Schwarzen im Blaumann mit einem
schlohweissen Bart und einer Machete am Gürtel. Man rief
ihn, nach dem Namen seiner Geburtsstadt, Maranhão. Von
dort war er vor vierzig Jahren in die Volta Grande gekommen,
um aus dem Dschungel seine Parzelle zu kerben.
Als Norte Energia im Dorf erschien, wurde den Bewohnern gesagt, dass ein Teil des Landes überschwemmt werden
würde. Die Betroffenen wurden grosszügig pro Kakaobaum
entschädigt. 500 Familien verliessen das Dorf. 300 Familien,
die keine Ansprüche geltend machen konnten, blieben zurück.
Nun fürchten sie sich vor den Juruna, die vertrieben werden
und irgendwann auf ihren Feldern stehen könnten.
Andere Dinge sind besser geworden. Es gibt jetzt eine asphaltierte Strasse, und die Arbeiter, die sie am Sonntag unsicher machen, werden irgendwann auch wieder verschwinden. Man hat Geld in die Schule gesteckt. Nachdem Anwohner die Strasse blockiert hatten, kam der elektrische Strom.
Am Mast klebt ein ausgebleichtes Foto von Lula da Silva und
Dilma Rousseff.
«Ich bin immer ein Fan von Dilma gewesen», erklärte
Maranhão. «Während der letzten Wahlen habe ich fast nicht
schlafen können.» Er hat die PT ein Leben lang unterstützt.
2010, als Dom Erwin den Alternativen Nobelpreis erhielt
und Lula nach Altamira kam, um Antônia Melos Herz zu brechen, schmolz sein Widerstand gegen den Damm.
Im selben Jahr führte der Rio Negro so wenig Wasser, dass
dort auf Felsen Höhlenmalereien aus der Eiszeit auftauchten,
als der Meeresspiegel hundert Meter tiefer lag als heute.
«Ich bin Katholik», sagte Maranhão. «Die Zeit für den
Damm ist gekommen.»
«Warum?»
«Gott hat das letzte Wort. Es war sein Wille, dass der
Staudamm gebaut wird», lächelte uns der freundliche Regenwaldabholzer über seine Lesebrille hinweg an. Dann spuckte
er den Kern einer Kakaobohne auf den Boden.
«Der Damm ist der Wille Gottes.»
•
Was will Gott?
Noch war der Regen so stark, dass wir das Oberdeck räumten
und die unteren Decks mit herabgerollten Planen schützen
mussten. Wegen des Wolkenbruchs hielt der Kapitän nicht wie
geplant in Itaituba. So blieben wir auf dem Fluss und fuhren
weiter nach Norden. Am kommenden Tag sprach es sich herum, dass die Mundurukú in Itaituba von Bord gegangen waren
und das Büro der Indianerbehörde Funai besetzt hatten. Nun
baten sie per SMS um Geld für Verpflegung. Das brachte die
Mitarbeiter der NGOs in Verlegenheit, da niemand es auf sich
C A R L VON SI EM EN S ist Publizist, er lebt in Berlin; redaktion@dasmagazin.ch
Die Fotografin J U L I A NA SPI NOL A lebt in São Paulo, Brasilien; www.julianaspinola.com
36
37
HÖRT AUF SALONEN!
Von Peter Révai
Bild Elis Hoffman
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Der Dirigent und Komponist Esa-Pekka Salonen zeigt, wie
sinnlich zeitgenössische E-Musik sein kann.
Die Eröffnungsrede zur Hightech-Konferenz Slush 14 in Helsinki Ende November hielt Alexander Stubb, der finnische Premierminister, höchstpersönlich. Die Veranstaltung dient als
Meeting-Plattform für Start-up-Firmen und Investoren aus
Politik und Industrie. Als Nokia weltgrösster Handy-Hersteller
wurde, wandelte sich Finnland zum Hightech-Standort. Der
Niedergang von Nokia hat das ganze Land nach unten gezogen – aber in Helsinki setzt man weiterhin auf Innovation. Slush
– auf Deutsch «Schneematsch» oder mit dem Zusatz money
sinnigerweise «Schmiergeld» – hat sich innert sieben Jahren
zum grössten Tech-Event des Nordens entwickelt.
Ein Dirigent mit Verve
Was das mit Musik zu tun hat? «Sehr viel», lautet die Antwort
des Dirigenten und Komponisten Esa-Pekka Salonen. Mit seinem Standarddress aus schwarzem T-Shirt, schwarzen Jeans
und schwarzem Jackett und seinem jungenhaften Aussehen
passt der 56-Jährige bestens zur Slush-Szene. Als bekanntester Musiker Finnlands wurde er zur Konferenz eingeladen, um
über seine Führungserfahrungen zu berichten. Darüber hinaus kam er jedoch, um seine Musik-App «Das Orchester» vorzustellen und sich über die neuesten Technologieentwicklungen auf dem Laufenden zu halten.
Musik habe eine soziale Funktion, die aktiv, überall und
mit allen Mitteln verteidigt werden müsse, davon ist Salonen
überzeugt. Musik als «Geist» oder geistiger Ausdruck sei eine
Idee deutscher Philosophen des 19. Jahrhunderts gewesen – für
ihn dagegen sei klar, dass Musik mit Geist ebenso wenig zu tun
habe wie mit dem menschlichen Stoffwechsel oder dem Fortpflanzungsapparat.
«Viele meiner Kollegen sind der Ansicht», sagt Salonen,
«dass Musik mit Politik kaum oder gar nichts zu tun hat.» Er
dagegen gehe vom Gegenteil aus. «Ich will im Zentrum von
politischen Debatten stehen wie bei Slush», erklärt er. Die aktuelle Krise der «klassischen Musik» oder «Kunstmusik» führt
er auch darauf zurück, dass er und seine Mitmusiker als Exponenten eines «vornehmen und deshalb abgehobenen Teils» der
Gesellschaft marginalisiert werden. Nach dem Motto: Mozart
und Beethoven zu spielen sei nett und könne niemanden wirklich langweilen, aber auch nicht wirklich aufregen.
In Finnland sei dies aber, im Gegensatz zur übrigen Welt,
ein wenig anders. Der klassischen Musik werde tatsächlich ein
herausragender Stellenwert beigemessen, sodass heute finnische Musiker weltwelt einen hervorragenden Ruf geniessen.
Diese stolze Haltung spiegelt sich selbst in der architektonischen Anlage der Hauptstadt wider. So liegt das 2011 eröffnete
Musikzentrum Musiikkitalo, das die Philharmoniker Helsinkis, das finnische Radio-Symphonieorchester, die Sibelius-Akademie als einzige Musikhochschule des Landes sowie eine
Musikbibliothek beherbergt, in unmittelbarer Nachbarschaft
des Parlaments.
«Das alles liegt in der Idee begründet, den Symphoniker
Jean Sibelius als wichtigste Persönlichkeit des modernen Finnlands auszumachen», erklärte Salonen vor einiger Zeit in
Deutschland. «Allein mit seiner Musik hat er es geschafft, das
Land zu einen, das eine ziemlich komplizierte Identität und
Geschichte hat. Sibelius ist das Symbol der Einheit und somit
– wenn auch nicht im streng historischen Sinn, aber der Idee
nach – bis heute die wichtigste politische Figur dieses Landes
geblieben.» Und das färbt auf nachkommende Musiker ab.
«Musiker zu werden gilt in Finnland weiterhin als gute Idee.
Man kann so zwar immer noch nicht reich werden, aber man
erwirbt sich durch diese Berufswahl Respekt. Das ist genauso
wichtig, vielleicht oft sogar wichtiger», sagt Salonen.
Sein öffentliches Prestige setzt der Musiker für seine politischen Anliegen mitunter ganz direkt ein. Eine grosse Algenplage im Baltischen Meer etwa veranlasste ihn 1999 gemeinsam
mit seinem russischen Kollegen Valery Gergiev, das Baltic Sea
Festival in Stockholm zu gründen. Seit 2003 steht er diesem als
künstlerischer Leiter jeden Sommer vor mit dem Ziel, die Ostsee-Nationen mit ihren rund 90 Millionen Einwohnern – unabhängig von den NATO- und anderen Grenzen – mithilfe konzertierender Musiker einander näherzubringen. Ausserdem
sollten mit dem World Wide Fund For Nature in Workshops ge­
meinsam entwickelte Konzepte beitragen, die Naturplage wirksam zu bekämpfen. Denn wie das Mittelmeer sei auch die Ostsee existenziell für die Anrainer, egal welche Politik gerade
verfolgt werde, erklärt Salonen.
Eine Blitzkarriere am Anfang
Sein Wort hat nicht nur in Helsinki Gewicht, schliesslich zählt
Salonen weltweit zu den zehn gefragtesten Dirigenten. Seitdem der Finne 1983 im Alter von 25 Jahren für eine Aufführung
der 3. Symphonie von Gustav Mahler durch das Londoner Philharmonia Orchestra für den indisponierten Michael Tilson
Thomas kurzfristig einsprang, ohne das Stück je dirigiert zu
haben, katapultierte er sich in die erste Reihe global agierender Dirigenten. Seitdem gelten sein untrügliches Rhythmusgefühl und seine sinnliche Klangbehandlung als seine Spezialitäten. Ausserdem ist Salonen in der Lage, mit seinem Dirigat
eine Partitur gleichsam zu visualisieren. Zwei Jahre nach seinem Londoner Erfolg wurde er Chefdirigent des schwedischen Radio-Symphonieorchesters.
Zu dirigieren begann der gelernte Hornist, um seine Kompositionen aufführen zu können. Korvat auki! – auf Deutsch
«Ohren auf!» – hiess sein erstes Ensemble, das er zusammen
mit seinen damaligen, inzwischen ebenfalls berühmt gewordenen Studien- und Komponistenfreunden von der SibeliusAkademie, Kaija Saariaho und Magnus Lindberg, gründete. Im
Jahr seines überraschenden Einstands in London hob er gemeinsam mit dem Dirigenten Jukka-Pekka Saraste ein weiteres auf zeitgenössische Musik spezialisiertes Ensemble aus der
Taufe. Avanti! gilt heute als führender Klangkörper für neue
Musik in Finnland, dessen Mitglieder es sich explizit vorbehalten, die Werke nach politischen Kriterien auszuwählen.
1984 gab er seinen ersten Auftritt in Amerika mit dem Los
Angeles Philharmonic. Dieses leitete er schliesslich als Chefdirigent und musikalischer Berater von 1992 bis 2009. Zu den
Höhepunkten seiner dortigen Arbeit zählte die Eröffnung des
neuen Konzerthauses, der Walt Disney Concert Hall, 2003. Es
wurde von Frank Gehry gebaut und ähnelt einem grossen gewellten Segelschiff. Für die einzigartige Akustik sorgte der Ja-
Esa-Pekka Salonen bei einer Probe mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra in Stockholm.
39
Die Quintessenz des Dirigierens
Seit 2007 ist Salonen Chefdirigent und künstlerischer Berater
des Philharmonia Orchestra in London und Ehrendirigent des
Los Angeles Philharmonic. Beim Dirigieren gehe es darum,
sagte er, sich ein Konzept eines Werks zu erarbeiten und die
Musiker von der getroffenen Wahl zu überzeugen. Als junger
Dirigent habe er zu viel kontrollieren wollen, statt als Primus
inter Pares die talentierten, gut ausgebildeten Profimusiker in
ihrer Entfaltung zu unterstützen. Unterstützende Lockerheit
sei also ein gefragtes Stilmittel.
Komponieren und Dirigieren betrachtet er als die intro­
spektive beziehungsweise extrovertierte Seite ein und derselben Medaille. Nach seinem Durchbruch als Dirigent legte er
zunächst als Komponist eine längere schöpferische Pause ein.
Erst als er sich in Los Angeles heimisch zu fühlen begann, fand
er 1996 mit dem Orchesterstück «LA Variations» zu seinem
persönlichem Stil und vollzog damit die Abkehr von den Vorbildern seiner Jugend. Denn er kam zum Schluss, dass die Zeiten der Avantgardisten der Nachkriegszeit mit ihren hochkomplexen musikalischen Experimenten vorbei seien, in denen sie
versuchten, die Ausdrucksmöglichkeiten ähnlich fundamental zu erweitern wie etwa die Motetten-Erfinder der NotreDame-Schule in der Renaissance mit ihren vielstimmigen, zum
Teil waghalsigen Vokalkonstruktionen. Er ist der Auffassung,
dass die Avantgarde für das musikalische Leben eine problematische Epoche gewesen sei, weil die Ergebnisse am Gross-
teil des Publikums vorbeigingen und nicht mit der «normalen»
Musik in Einklang zu bringen waren. Heute stünden wir an der
Schwelle einer neuen Periode, in der zeitgenössische Musik
wieder Teil eines grösseren Zusammenhangs werden könne,
der unter Verzicht von Stileinteilungen einfach «Musik» heisse.
Salonen ist deshalb weder an einem Geniekult noch an Hegels
Fortschrittsgeschichtsschreibung interessiert, im Gegenteil.
Musik als Biologie
Seine Musik baut seit seinem Paradigmenwechsel auf musikalischen Archetypen auf. Darunter versteht er wie andere nordische Komponisten die Verwendung grundlegender historischer Modelle wie etwa Beethovens Ostinato-Technik, deren
Komponenten er von Stück zu Stück weiterentwickelt. Basis
seines neuen Denkens ist die These, dass Musik ein biologisches und kein kulturelles Phänomen darstellt. Deshalb müsse
Musik nicht mit Ästhetik zu tun haben, sondern vielmehr gehe
es dabei um den Menschen als Gattungswesen. So sei musikalischer Ausdruck nicht nur eine Sache der höheren Schichten
des Bewusstseins, sondern auch eine Sache des Körpers.
Die Art von Variationstechnik, die er verwendet, hat deshalb mehr zu tun mit Metamorphosen, bei denen sich wie beim
Schmetterling von der Larve über das Puppenstadium zum
Falter die gesamte Gestalt verändert. So wie man in der klassischen Variation untergründig immer das Original durchhört,
gibt es bei Salonens Metamorphosen eine Verwandlung, bei der
der genetische Code immer derselbe bleibt. Salonen will, dass
Musik, und damit meint er auch seine eigene, Teil der Gesellschaft ist. Was er deshalb absolut nicht ertragen könne, seien
Leute, die sich selbst zu ernst nehmen. Musik müsse zwar ernst
genommen werden, ebenso wie die Kultur. Aber das Leben und
besonders die eigene Person sollte man nie allzu ernst nehmen,
betont er, es müsse genügend Raum bleiben für Ironie und
Witz, ohne die das Erdendasein unerträglich wäre.
So ist er sich nie zu schade, neue Kreise für die Klassik zu
gewinnen und dafür fast jede einigermassen seriöse Rolle zu
spielen, sei es als Dressman für Markenmode oder als WerbeIkone für Apple: Diesen Frühling outete er sich in einem Werbefilm als glühender Fan des iPad. Das «Testimonial» kam so
gut an, dass es innert 24 Stunden 100 000-mal bei Youtube heruntergeladen wurde. Es gibt in etwa den Schaffensprozess des
Komponisten wieder.
Der kreative Prozess erscheint hier wie die Umkehrung
der Kleist’schen Devise der «allmählichen Verfertigung des
Gedankens». Das einminütige Filmchen zeigt Salonen, der
beim Rasieren eine Melodie pfeift, diese auf seinem digitalen
Werkzeug abspeichert, um unterwegs dann im Taxi, Flugzeug
oder vor einem Restaurant mit weiteren Apps daran weiterzufeilen. Beim Rückzug in die Komponistenklause an einem finnischen Fjord klebt er Post-its auf eine Tafel zu einem zusammenhängenden Ganzen, um endlich im städtischen Probenraum mit der Geigerin Leila Josefowicz und dem Philharmonia
Orchestra in London sein neues Violinkonzert einzuüben.
Ihn habe die Zusammenarbeit mit den Hollywood-Technikern sehr fasziniert, erzählt Salonen. Hatte Ingmar Bergman
in seiner berühmten Einleitung in seinem Film zu Mozarts
«Zauberflöte» versucht, die Freude an der Musik in den Gesichtern des Publikums reflektieren zu lassen, wollten sie das
Gleiche mit den probenden Musikern realisieren. Mit ungewöhnlichen Kamerafahrten und 37 Videokameras im HDTVFormat glückte es recht eindrücklich. Via Internet lässt sich
das anhand des dritten Satzes gratis überprüfen.
Salonen ist es gewohnt, mit den neuesten Digitaltechniken
umzugehen. Als Komponist verwende er, erzählt er, in seinem
Studio als Notationssoftware und zur Klangerzeugung ein Sequencer-Programm. Ist er unterwegs, benutze er fast dieselben
Lösungen wie im Film. Waren Geigerin und Komponist geografisch voneinander entfernt, spielte diese ihm zur Überprüfung über Skype einzelne Passagen zu. Von mehreren Projekten
mit dem bekannten Videokünstler Bill Viola und dem Starregisseur Peter Sellars kennt der Dirigent alle Tricks der Tonaufnahme- und Videotechnik. Darüber hinaus hätten die Marketing-Abteilungen seiner beiden Stammorchester eigene Abteilungen für digitale Technologien mit ausgewählten Spezialisten,
um Konzertmitschnitte zu streamen, neuartige Webseiten über
aktuelle Programme zu kreieren und neuerdings auch fortschrittliche Lernsoftware in Form von Apps für das iPad zu
produzieren.
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
paner Yasuhisa Toyota, dessen Kompetenz einige Jahre danach
auch in Helsinki beim neuen Musikzentrum und in Paris bei
der von Jean Nouvel entworfenen Philharmonie zum Zuge kam.
Sein erfolgreiches Programmkonzept bestand darin, ein
möglichst breites Angebot mit Barockmusik, Klassik, Romantik, modernen und zeitgenössischen Werken von Komponisten
wie Iannis Xenakis, Luciano Berio, John Adams oder auch ganz
jungen Newcomern zu bringen, ebenso wie Konzerte mit den
Pop-Ikonen Cher und Barbra Streisand. Auch Auftritte von japanischen Gagaku-Ensembles, Jazz- oder Kammermusikgruppen durften dabei nicht fehlen. Es glückte ihm so, vermehrt
Dreissig- bis Vierzigjährige als neue Klientel in die Säle zu locken, die der industriellen Musiken überdrüssig waren und deshalb qualitätshungrig nach etwas Neuem Ausschau hielten.
Heute sei es sogar chic geworden, dass Jüngere sich für Dates
an Konzerten in der Disney Hall treffen. Der Konzertsaal ist damit nicht mehr etwas Exklusives, sondern ein Ort, der dazu ge­
macht ist, alle Arten von Debatten auszutragen – wo es primär
darum geht, Energie und Enthusiasmus zu erzeugen. Salonens
grösster Erfolg ist es, neue Musik zu einem normalen Programmpunkt gemacht zu haben, über den sich niemand mehr
beschwert. Die Konzertbesucher in L.A. erwarten nicht nur
neue Musik, sie suchten sogar diese Herausforderung – wie zu
Brahms’ Zeiten, sagt Salonen stolz: Erst heute sei die Klassik
wieder auf dem Weg zurück zu einem normalisierten Musikleben, dessen aufregendster Teil sozusagen frisch vom Komponisten kommt wie in der Rock- und Popszene, wo es ein Publikum gibt, das auf den neuesten Song von Radiohead und das
neue Stück von Björk wartet.
In den Fussstapfen Leonard Bernsteins
Neue Medien scheinen berühmte Kapellmeister schon immer
fasziniert zu haben, weil sie sie zur musikalischen Bildung
nutzen wollten. Es ist in der Musik wie beim Fussball: Wer die
Regeln nicht kennt, der wird das Spiel niemals wirklich ganz
begreifen und somit auch nicht in der Lage sein, es jemals voll
zu geniessen.
In den 50er- und 60er-Jahren wurde der amerikanische
Komponist und Dirigent Leonard Bernstein zu einer Art pädagogischer Lokomotive: Er versuchte, dem jungen Publikum
die Klassik mit einer TV-Show näherzubringen. In der Serie
«Young People’s Concerts» erklärte er charmant und intelligent
die Grundlagen der tonalen Musik. Begleitet wurde er dabei von
seinem New Yorker Orchester.
Rund zwei Generationen später ist Salonen mit einer
iPad-App an der Reihe. Neben Bild und Ton kommt nun die
neue Qualität der Interaktion dazu. Die App «Das Orchester»
ermöglicht ihren Benutzern, sich der Welt der Klassik selbstständig, spielerisch und eben interaktiv anzunähern.
Angesichts der weltweit immer desolateren Lage bezüglich der schulischen Musikerziehung sollen mithilfe dieser App
die Jungen auf die Klassik aufmerksam gemacht werden. Er
wolle damit seine Sympathie für die Klassik mit anderen teilen,
sagt Salonen. Gemeinsam mit seinen Londoner Musikern präsentiert er einen achtteiligen Parcours durch knapp 300 Jahre
orches­trale Musikgeschichte.
Am besten, man lässt sich zur Einstimmung zuerst von den
Stimmführern die Instrumente erklären. Es stehen repräsentative Aufnahmen von Sätzen und Passagen aus Haydns 6. Sinfonie, Beethovens 5. Sinfonie, Berlioz’ Symphonie Fantastique,
Mahlers 6. Sinfonie, Debussys «Prélude à l’après-midi d’un
faune», Strawinskys «Feuervogel», Lutoslawskis Konzert für
Orchester und Salonens Violinkonzert zur Verfügung. Es wer-
den jeweils Videoaufnahmen in drei Fenstern aufbereitet, wovon eines stets dem Dirigenten vorbehalten bleibt. Darunter
lassen sich auf Wunsch jeweils Versionen einer ganzen Partitur, einer «kuratierten» – einer auf die jeweils relevanten Stimmen reduzierten –Fassung und einer grafischen Notation für
Anfänger anzeigen. Ein roter mitlaufender Time Liner zeigt
die gespielten Stellen in Echtzeit an. Einsicht darüber gibt auch
ein völlig neuartiges Punktediagramm neben den Bildfenstern. Dabei repräsentieren einzelne Farbpunkte die Instrumente. Wird eines gespielt, blinkt der betreffende Punkt. Dabei sind
die Instrumentengruppen verschieden eingefärbt, sodass sich
ihr Spiel leicht mitverfolgen lässt. Im Beet­hoventeil ist zudem
eine Funktion zugeschaltet, mit der sich auch einzelne Stimmen verfolgen lassen.
Daneben gibt es eine rudimentäre Einführung zur Entwicklung der Orchester von Mark Swed, einem Musikkritiker
der «Los Angeles Times». Einzigartig ist die Lösung, schriftliche oder gesprochene Kommentare der Musiker und des Dirigenten unmittelbar zu den gespielten Musikpassagen aufrufen
zu können. So direkt und elegant konnte man sich noch selten
in die Gedankenwelt von Künstlern während ihrer Arbeit hineinzoomen. Gesprochene Werkeinführungen durch Salonen
runden das Ganze ab.
Salonen versteht die App als Pilotprojekt, mit dem er die
Reaktionen der Anwender auslotsen wolle. Auch in Zürich wirkt
Salonen nun als kreativer Pädagoge. Die neue Intendanz der
Zürcher Tonhalle unter Ilona Schmiel hat als eine der ersten Aktionen einen «Creative Chair» an Salonen vergeben. Das Schaffen des Finnen wird in neun Konzerten und in Gesprächen dem
Zürcher Publikum vorgestellt. Den Anfang machte Lionel Bringuier, der zum Saisonauftakt als neuer Chefdirigent der Tonhalle und im Beisein Salonens dessen voluminöses Auftragswerk «Karawane» für Chor und Orchester uraufführte, das als
Textgrundlage das berühmte Lautgedicht gleichen Namens
des Dadaisten Hugo Ball verwendet. Bringuiers Beziehungen
zu Salonen sind besonders eng, war er doch von 2007 bis 2013
dessen Assistent in L.A. Heute und morgen dirigiert Salonen
in der Zürcher Tonhalle sein Violinkonzert – Solistin ist die Geigerin Leila Josefowicz – und Anfang Juli sein Orchesterwerk
«Nyx».
Seinen Besuch der Start-up-Konferenz beendet Salonen mit
dem Hinweis, dass ihn wie alle Slush-Teilnehmer stets die Frage
nach dem nächsten technologischen Schritt interessiere. Die
Hightech-Besucherschar vergleicht er mit einem Orchester, in
dem auch viele hochgetrimmte Hirne gemeinsam daran seien,
ständig alles optimieren zu wollen.
•
Heute und morgen dirigiert Esa-Pekka Salonen in
der Zürcher Tonhalle u.a. sein Geigenkonzert.
Detail­informationen: www.tonhalle-orchester.ch
Salonens Einspielungen sind bei der Deutschen
Grammophon verfügbar.
PETER RÉVAI ist Musikwissenschaftler, Publizist und Berater in Zürich; prevai@matek.ch
Der Fotograf EL I S HOF F M A N lebt in Stockholm, Schweden; www.elishoffman.com
40
41
CHR ISTIAN SEILER
KOCHEN SAMSTAG, ESSEN SONNTAG (WENN IHR DAS SCHAFFT)
Ursprünglich ist das Chili con Carne eines jener Eintopfgerichte, wie sie jede kulinarische Kultur kennt: Gulasch, Curry,
Chowder, Cassoulet – you name it. Das Chili con Carne – weil
ich mit diesem Gericht persönlich befreundet bin, erlaube ich
mir, es in dieser Kolumne beim Vornamen zu nennen und nur
noch «Chili» zu sagen – stammt aus der nicht gerade grossen
Tradition der Tex-Mex-Küche, wobei ich die Recherche, ob das
wahre Chili aus Albuquerque oder San Antonio stammt, einem
Forschungsteam von «National Geographic» überlassen will.
Selbst dieses wird mutmasslich nicht mehr ans Tageslicht fördern, als dass jedes Chili anders als das nächste ist, wie es sich
für ein Produkt der bäuerlichen Küche gehört: Verarbeitet wird,
was es gerade gibt. Das klassische Chili ist im Grunde ein sättigendes Resteessen mit Schärfekick, nicht mehr.
Ausser natürlich, ein grosser Koch zeigt uns die richtigen
Handgriffe. Dann wird unser Chili von einer etwas ordinären,
groben Mahlzeit zu einem Muster an Eleganz und Molligkeit.
Ausserdem führt uns das Chili, das ich meine, auf bezaubernde Weise vor, dass es mit jedem Aufwärmen noch besser wird
als beim letzten Mal, sodass man angehalten ist, auf keinen
Fall zu wenig davon zu kochen. Ich multipliziere deshalb alle
Mengenangaben des Rezepts, das ich für das beste Chilirezept
der Welt halte, gern mit zwei (wofür man allerdings schon einen
Topf von respektabler Grösse braucht).
Noch eine Präambel: Normalerweise bin ich Verfeinerungen gegenüber skeptisch. Verfeinern meint in der durchschnittlichen Cuisine meistens, noch einen Löffel Butter oder Sahne
ins Essen zu kippen – dem kann ich nicht viel abgewinnen. Mit
dem grossen Eckart Witzigmann als Absender muss ich dieser Grundregel jedoch abschwören. Wie Witzigmann das Chili
denkt, wie er die bäuerlichen Deftigkeiten wegputzt und in ein
elegantes Gewand steckt, mit welchen Kunstgriffen er dem Gericht Struktur und Balance verleiht, wie er schliesslich final
Fruchtigkeit und Frische zufügt, ist absolut bewundernswert.
Die Zutaten (hier in der Originalmenge, die ich mit Vorliebe
verdopple; Witzigmann behauptet, es mache acht Leute satt,
ich sage: maximal fünf):
1 kg Rindernacken, mit Fett marmoriert, 100 g Lardo,
2 rote Zwiebeln (80 g), 4 kleine Knoblauchzehen, 100 g Staudensellerie, 1/2 EL Kreuzkümmel, 2 Jalapeño-Schoten, 500 g
rote Kidney-Bohnen aus der Dose, je 1 rote und gelbe Paprikaschote, 1 EL Mehl, 1 l Rinderbrühe, 2 EL Tomatenmark, 1,5 EL
Chilipulver, 0,2 l Coca-Cola, 600 g Tomaten aus der Dose,
0,33 l dunkles Bier, Salz und Pfeffer, Majoran, Koriander, Oregano, 1 TL Worcester- oder Teriyakisauce, 1 Bouquet garni.
Das Wichtigste neben guten Zutaten ist Zeit: Zeit, die das
Chili braucht, damit sich alle Ingredienzen ein bisschen besser
kennenlernen, miteinander ins Gespräch kommen und Sympathie füreinander entwickeln (die genaue Anleitung finden
Sie auf blog.dasmagazin.ch). Diese Stunden – rechnen Sie mit
etwa drei – gehören natürlich auch Ihnen, wenn Sie in der Küche stehen, Fleisch schneiden, Knoblauch schälen, kleine Jalapeños von ihren Kernen befreien und halbierten Paprikaschoten dabei zusehen, wie sie unter dem Grill Blasen werfen
und allmählich schwarz werden, damit man sie besser schälen kann. Sie schauen dem Cola beim Schäumen zu, probieren
vom dunklen Bier, zucken angesichts der ersten Schärfe zusammen, die aber stets balanciert bleibt, ohne zu sehr in den
Hintergrund zu treten.
Samstagnachmittage eignen sich besonders für die Zubereitung dieses Chilis. Wer Charakter hat, serviert es erst am
Sonntag. Aber wer hat schon Charakter?
Mehr von CH R I S T I A N SEI L ER immer montags in seiner «Montagsdemonstration» auf blog.dasmagazin.ch
Illustration A L E X A N DR A K L OBOU K
42
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
Witzigmanns «Chili con Carne»: das ideale Wintergericht – und eine Charakterprüfung
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5 — BI L D: JOA N JON A S: E I S E R N E R VOR H A NG, W I EN E R S TA AT S OPE R , 2014/201 5. C OU RT E S Y M U S E U M I N PRO GR E S S , W I EN. F O T O: A N DR E A S S C H E I N L E C K E R
Grosse Bühne für die Kunst: Joan Jonas’ «Eiserner Vorhang» in der Wiener Staatsoper
HANS ULR ICH OBR IST
VOR HANG ZU!
Robert Musil schrieb irgendwo in seinem Mammutbuch «Der Mann ohne Eigenschaften», dass
Kunst oft dort auftaucht, wo man sie am wenigsten erwartet. Und dann auch ganz besondere Wirkung entfaltet. Mich hat diese Idee, Kunst an Orten zu zeigen, wo man sie nicht erwartet, von meinen ersten Anfängen an interessiert, als ich Ausstellungen in meiner Küche machte, in einem
Hotel oder Restaurant. In den 90er-Jahren wurde
dieser Ansatz dann auch institutionell weitergetrieben, und Kunst erschien plötzlich nicht nur auf
öffentlichen Plätzen, sondern auch auf Werbeplakaten und sogar auf Flugzeugen. Erhalten hat sich
aus jenen Tagen das museum in progress in Wien,
das eben kein Museum im eigentlichen Sinn, sondern ein Kunstermöglichungsort ist. Eines seiner
Projekte besteht darin, jedes Jahr einen anderen
Künstler damit zu beauftragen, den «Eisernen
Vorhang» der Wiener Staatsoper zu gestalten.
Der Ort ist für ein Kunstwerk ideal, denn das
Publikum – Hunderttausende im Jahr – verbringt
vor Beginn der Vorstellung und in den Pausen ja
doch relativ viel Zeit vor der verdeckten Bühne.
Seit 1998 haben auf der riesigen, vom Bühnenportal gerahmten Bildfläche schon so berühmte
Künstler wie Richard Hamilton, Maria Lassnig,
Rosemarie Trockel, Jeff Koons oder David Hockney ihre Entwürfe gezeigt. Dieses Jahr ist es die
legendäre Video- und Performancekünstlerin
Joan Jonas, deren Werk derzeit auch noch in Mailand sowie ab Mai – als Vertreterin der USA im
amerikanischen Pavillon – auf der Biennale in
Venedig zu sehen ist.
Jonas ist eine Idealbesetzung für die Oper.
Sie wurde 1936 geboren und lebt seither in New
York, wo ihre Arbeiten seit den 60er-Jahren um
das Theater kreisen. In vielen ihrer Performances
bezieht sie Schauspieler, Tänzer und Requisiten
mit ein, oft auch die Zuschauer. 1975 schuf sie eine
Werkserie: «My New Theater»; es besteht aus drei
aufgebockten Sperrholzkisten. Blickt man hinein, sieht man Videos von Performances, wie in
einem virtuellen Minitheater.
Für Wien hat Jonas eine Zeichnung angefertigt, die von keltischen Ritualen, ihrerseits Vorformen der Theateraufführung, inspiriert ist. Sie
sieht zunächst sehr einfach aus, nach einer Art
Labyrinth, doch je tiefer man sich hineinversenkt,
desto verwirrender wird das Spiel zwischen der
Mikro- und der Makroebene der Linien, bis man
sich schliesslich in dem Labyrinth – wie in einer
packenden Oper – völlig verliert.
www.mip.at www.hangarbicocca.org/exhibitions/what-s-on/Joan-Jonas/
H A N S U L R ICH OBR I ST ist Kurator und Co-Direktor der Serpentine Galleries in London.
43
TRUDY MÜLLER-BOSSHAR D
1
4
5
6
11
7
8
12
FR ENKEL
ROGER IST DER GRÖSSTE
3
2
10
9
13
15
14
17
Roger hat ein neues Auto. Einen Mercedes CLS, kostet etwa 70 000 Franken.
Roger ist unser Nachbar. In unserem
Haus wohnen etwa zwanzig Menschen.
Die meisten kenne ich nicht. Gehen früh
zur Arbeit und kommen irgendwann am
Abend zurück. In Zürich klingelt man
leider nicht mehr bei allen Wohnung,
wenn man frisch eingezogen ist. Aber
Roger ist da anders, er hat sich gleich zu
Beginn vorgestellt. Er arbeite im ImportExport-Geschäft, sagte er mir damals.
Und jetzt hat er also einen neuen Mercedes, schwarz und glänzend.
Ich habe ihm natürlich, als wir uns
wieder mal auf der Treppe begegneten,
zum neuen Auto gratuliert. Er schmunzelte und erzählte mir auf der Stelle von
seinem neuesten Coup: Er habe mit einem Kollegen eine neuartige Hängematte erfunden. Das Besondere: Dank einer
16
18
19
20
21
22
23
24
28
27
31
35
32
29
33
36
40
26
25
30
34
37
38
39
41
PASST AUCH AUF LITTERHINTERLASSER:
Die Lösung ergibt sich aus den grauen Feldern waagrecht fortlaufend.
Überrollfunktion kann man sie auch
schlies­sen, die Matte.
Wenn es zum Beispiel regnet oder
stark windet, genügt eine Handbewegung, und schon schaukelt man in einer
Hängematte mit Dach! Nächste Woche
fliegt er nach China und lässt das Teil
hunderttausendmal herstellen. Und im
Sommer wird «Kohle gemacht»!
Ich stand da mit offenem Mund. Toll,
dieser Roger! Warum ist mir das nicht
eingefallen? Eine Hängematte mit Überrollfunktion. So einfach, so genial. Ich
guckte Roger noch nach, wie er mit seinem neuen Mercedes davonbrauste.
Letzten Monat das Gleiche. Ich war
gerade im Waschkeller und sann darüber
nach, was mir meine Frau diesmal wieder befohlen hatte: Neunzig Grad oder
sechzig Grad, bunt oder hell? Ich fluchte herum, weil die Glühbirne kaputt war
und ich im Halbdunkeln herumtapste.
Da kam Roger herein. Roger trug einen
Velohelm mit integrierter Stirnlampe.
Der Waschkeller war hell erleuchtet. Es
sah aus wie im Krippenspiel, wenn Jesus
mit Heiligenschein auf die Welt kommt.
Roger registrierte meinen Blick: «Habe
ich produzieren lassen!», kommentierte
er seine Stirnlampe. «Sind fünfzig Prozent günstiger als die Konkurrenz, weil
die Batterie mit einer Kurbel hinten aufgeladen werden kann.»
Dann zeigte er auf den Waschplan.
Heute war er eingetragen. Ich entschuldigte mich tausendmal und trug die dreckige Wäsche nach oben zurück. Dieser
Roger! Eine Idee, dann nach China, herumkommandieren – und mit hunderttausend Stirnlampen wieder nach Hause düsen. Toll! Im nächsten Leben will
ich als Roger auf die Welt kommen.
BEN I F R EN K EL ist freier Autor und lebt in Zürich.
HELPLINE FÜR RATLOSE: Sie kommen nicht mehr weiter? Wählen Sie 0901 591 937 (1.50 Fr. / A nruf vom Festnetz), um einen ganzen Begriff
zu erfahren. Wenn Sie nur den Anfangsbuchstaben wissen möchten, wählen Sie 0901 560 011 (90 Rp. / A nruf vom Festnetz).
WA AGRECHT (J + Y = I): 4 Empathie einer Schönen? Interpretationsdifferenz! 11 Folge von Muffensausen – nicht nur in Entenhausen. 17 Animiert gezielt
den Drüsentrieb. 18 US-Autor mit innewohnender Unglückspatronin. 19 Symbol, frankofon, der Libanon-Revolution. 20 Vor dem Bodenkontaktverlust
ein Must. 21 Muss, Drumherum einer Eiche, vor dem Prosit weichen. 22 Amore nach dem Karriereknick. 24 Schau mal einer an, stoppt das Gespann.
25 Hellenisch sieben, vorgeschrieben. 27 Würd ich bei Bullterriers gegebenenfalls ignorieren. 28 Wenns denn Nomen ist, wäre bekannte BDP-Frau blau
im Gesicht. 30 Zum Western passt das oder Pasta. 31 Monsieur kann sich die Stadt an sechs Händen abzählen. 33 Ist – nolens volens – Teil des britischen
Weltreichs. 34 Gibts, wenn Kater auf Faden trifft. 35 Herzlos würde die Stadt zum Tortenort. 36 Sorgt dank Dehnbarkeit für Passgenauigkeit. 39 Einstein dedizierte Forschungsstätte (helllautlos akronymisiert). 40 Ging, anfangs nicht ganz bei Sinnen, zur Welt auf grosse Distanz. 41 Tragbare
LÖSUNG RÄTSEL Nº 4: HAMMERFEST
WAAGRECHT (J + Y = I): 6 SANIERUNGSPROJEKT. 13 KAMMERORCHESTER. 18 STROMBOLI. 19 HANTEL. 20 STRAENDE. 22 URNE,
Rune. 23 EGER, von hinten: rege. 25 GETUE (aus einer Mücke einen Elefanten machen). 26 GLEICHFARBIG. 27 ROSI in P-rosi-t. 28 ULNA,
Luna. 30 (Eis-)BEUTEL. 32 WACHS. 33 GEMINI. 35 N-TE, Ente. 36 Ernst UDET («Des Teufels General»). 37 KOSENAME. 38 GIOTTO
(Name einer ESA-Sonde). 39 TAFELN. 40 PÈRES (franz. für Väter), Peres (Schimon). 41 DEERN.
SENKRECHT (J + Y = I) : 1 TAKTSTOCK. 2 (Stretch-)LIMO. 3 HURONEN (Gebrüll). 4 POSTER. 5 Emma PEEL. 6 «SISTER ACT». 7 EMMA
(Hamilton, Frauenmagazin). 8 REBELLEN («Animal Farm»). 9 NOLDI. 10 SCHUH(-spanner). 11 RENNAUTO. 12 KRUEGLEIN («Der zerbrochene
Krug»). 14 ARTUSHOF. 15 RIECHNERV («Das Parfum»). 16 HARFENIST. 17 TEEBEUTEL (sieben). 21 REISSER. 24 Rex GILDO. 26 GUGEL
(-hupf). 29 AIMÉ (franz. für geliebt). 30 BIG Ben. 31 TÊTE (franz. für Kopf). 34 MAP (engl. für Karte).
Lichtquellen, zuerst made in China.
SENKRECHT (J + Y = I): 1 Osmanischer Offizier, anpacken lassender Macker hier. 2 Küchenfee tuts und auch der Tunichtgut. 3 Zuchtinstrument – wenn
fünf entfällt: Potter-Geld. 4 Serenissima-Besucher landen beim Weitgereisten. 5 Bronzen, Günthörs Mitbringsel von hier. 6 Gibt Bambi-MamaVerspeiser hart zu beissen. 7 Kein Faultier (etwas antiquiert). 8 Bleibt meistens aussen vor beim Ad-hoc-Entscheid. 9 Perfekt, wenn Projekt in trockene
gesteckt. 10 Sowohl Lorbeerartiger als auch famoses Ross. 11 Nicht opulent – leistungsbezogen insuffizient. 12 Zubereitetes harrt hier schöpferischer
Tätigkeit. 13 Die Hore für alles, was Recht ist. 14 Im Widerwillen Vereinte? Leicht gedehnt degoutant! 15 Bei Slow-Food-Jüngern floppender Shop.
16 Von Erfahrungsschatzsuchern geschätzter Begleitprozess. 23 Keine Zwischenlösung, hoffentlich, für unseren Bayern-Abgänger. 26 Lässt Spitzen­
könnerin temporär kleiner erscheinen. 28 Typisch Anbiedermanns Sprechorgan. 29 Mit 23 senkrecht verlinkt, herrscht hier Linksverkehr. 32 Vom ignoranten Klaustrophoben gemiedenes Land. 37 Stallone (kurz), beschreibt Reineke Fox. 38 Obama etwa, steht Hollande nah.
«DAS MAGAZIN» ist die wöchentliche Beilage
des «Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung»,
der «Berner Zeitung» und von «Der Bund».
HERAUSGEBERIN
Tamedia AG, Werdstrasse 21, 8004 Zürich
Verleger: Pietro Supino
Wir finden für jeden Kunden die richtige Hypothek.
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
REDAKTION Das Magazin
Werdstrasse 21, Postfach, 8021 Zürich
Telefon 044 248 45 01
Telefax 044 248 44 87
E-Mail redaktion@dasmagazin.ch
Die beste Hypothek dank unabhängiger Beratung und Angeboten von über 70 Banken.
www.moneypark.ch
44
Zürich | Basel | Bern | Zug | St.Gallen | Luzern
Chefredaktor: Finn Canonica
Redaktion: Sacha Batthyany, Martin Beglinger,
Daniel Binswanger, Mathias Ninck, Anuschka Roshani,
Birgit Schmid
Artdirektion: Michael Bader
Bildredaktion: Frauke Schnoor / Studio Andreas Wellnitz
Berater: Andreas Wellnitz (Bild)
Abschlussredaktion: Isolde Durchholz
Redaktionelle Mitarbeit: Sven Behrisch, Anja Bühlmann,
Miklós Gimes, Max Küng, Trudy Müller-Bosshard,
Paula Scheidt, Christian Seiler, Thomas Zaugg
Honorar: Claire Wolfer
VERLAG Das Magazin
Werdstrasse 21, Postfach, 8021 Zürich
Telefon 044 248 41 11
Verlagsleiter: Walter Vontobel
Lesermarkt: Bernt Maulaz (Leitung),
Nicole Ehrat (Leitung Leserservice)
Werbemarkt: Walter Vontobel (Leitung),
Jean-Claude Plüss (Anzeigenleitung), Claudio Di Gaetano,
Catherine Gujan (Gebietsverkaufsleitung),
Michel Mariani (Agenturen), Katia Toletti (Romandie),
Esther Martin-Cavegn (Verkaufsförderung)
Werbemarktdisposition:
Jasmin Koolen (Leitung), Selina Iten
Anzeigen:
Tamedia AG, ANZEIGEN-Service,
Das Magazin, Postfach, 8021 Zürich
Telefon Deutschschweiz 044 248 41 31
Telefon Westschweiz 044 248 52 72
anzeigen@dasmagazin.ch
www.mytamedia.ch
Trägertitel:
«Tages-Anzeiger», Werdstrasse 21,
Postfach, 8021 Zürich,
Tel. 044 404 64 64,
abo@tagesanzeiger.ch;
«Berner Zeitung», Tel. 0844 844 466,
abo@bernerzeitung.ch;
«Basler Zeitung», Tel. 061 639 13 13,
abo@baz.ch;
«Der Bund», Tel. 0844 385 144,
abo@derbund.ch
Nachbestellung: redaktion@dasmagazin.ch
Ombudsmann der Tamedia AG:
Ignaz Staub, Postfach 837, CH-6330 Cham 1
ombudsmann.tamedia@bluewin.ch
Bekanntgabe von namhaften Beteiligungen
der Tamedia AG i.S.v. Art. 322 StGB:
20 Minuten AG, 20 minuti Ticino SA,
Aktiengesellschaft des Winterthurer Stadtanzeigers,
Berner Oberland Medien AG BOM, car4you Schweiz AG,
CIL Centre d’Impression Lausanne SA, Distributions­
kompagniet ApS, Doodle AG, DZB Druckzentrum Bern AG,
DZO Druck Oetwil a.S. AG, DZZ Druckzentrum Zürich AG,
Edita S.A., Editions Le Régional SA, Espace Media AG,
FashionFriends AG, homegate AG, JobCloud AG,
Jobsuchmaschine AG, LC Lausanne-cités S.A., LS
Distribution Suisse SA, MetroXpress Denmark A/S, Olmero
AG, Schaer Thun AG, search.ch AG, Société de Publications
Nouvelles SPN SA, Soundvenue A/S, Starticket AG,
Swiss Classified Media AG, Tagblatt der Stadt Zürich AG,
Tamedia Publications romandes SA, Trendsales ApS,
tutti.ch AG, Verlag Finanz und Wirtschaft AG, Zürcher
Oberland Medien AG, Zürcher Regionalzeitungen AG
45
EINE WOCHE IM LEBEN
Die Westschweizerin UFUK EMIROGLU, 34, drehte einen Film über
die Unruhen am Taksim-Platz in Istanbul – und damit auch über ihre
Eltern, die dort als Aktivisten in den Siebzigern demonstrierten.
Als ich am Flughafen in Istanbul ankam,
wollte ich gleich zur Eröffnungszeremonie des Filmfestivals nahe dem TaksimPlatz fahren. Mein Film «Mon père, la
révolution et moi» sollte dort ein paar
Tage später gezeigt werden. Ich wollte,
dass er in der Türkei uraufgeführt wird,
dort, wo er zum Teil spielt: im Heimatland meiner Eltern.
Ich freute mich auf einen Cocktail an
der Festivalbar mit Leuten aus der Filmszene. Doch es war der 31. Mai 2013, und
nichts war normal an diesem Tag in
Istanbul.
In der Metrostation rieten mir einige:
«Nein, nein, nimm lieber nicht die Metro,
auf dem Taksim gibt es Demonstrationen!» Obwohl Demos auf dem Taksim
seit dem Militärputsch 1980 eigentlich
verboten sind, sind sie dort aber auch
nichts Aussergewöhnliches – er gilt als
der Platz des Volkes. Ausserdem war mein
Bed & Breakfast gleich neben dem Taksim. Ich nahm den Bus dorthin.
Meine Eltern hatten auf dem Taksim in den 1970er-Jahren demonstriert;
man sieht Aufnahmen von riesigen linken Demos in meinem Film.
Der Taksim war voller Leute, alle in heller Aufregung. Man kam kaum vorwärts.
Am Morgen hatte die Polizei den GeziPark geräumt, wo die Proteste ein paar
Tage zuvor begonnen hatten. Niemand
hatte einen genauen Plan, wie man weitermachen sollte, schliesslich war es eigentlich nur darum gegangen, ein paar
Bäume im Gezi-Park zu retten.
Kurz nachdem ich mich in meiner
Unterkunft eingerichtet hatte, ging es
unten auf der Strasse los: mit Tränengas
und Barrikaden direkt unter meinem
Fenster. Ins Parterrefenster flog ein Stein.
Einige Demonstranten flüchteten in die
Pension, jemand gab mir Zitronen gegen
meine brennenden Augen.
Die Eröffnungszeremonie und die
ersten drei Tage des Festivals wurden ab­
gesagt, weil die meisten Kinosäle sich um
den Taksim herum befanden. Alles war
geschlossen; auch meine erste Vorführung im französischen Konsulat gleich
neben dem Platz wurde gestrichen.
Die Demos wurden von Tag zu Tag
grösser. Ich machte mit, alle machten
mit, und ich lernte Tausende neuer Leute kennen. Die meisten waren sehr jung,
höchstens 25. Es lag dieser Zauber in der
Luft: Gemeinsam konnten wir die Dinge
wirklich ändern, der Kampf für die Bäume hatte einen Raum der freien Meinungsäusserung geöffnet. Jetzt ging es
plötzlich um ganz vieles, um das grosse
Ganze, und am Ende, so unser Wunsch,
sollte die Regierung zurücktreten. Die
Stimmung war atemberaubend, das Gemeinschaftsgefühl enorm. Ich verstand
jetzt besser, was meine Eltern hier vor
mehr als 30 Jahren erlebt hatten.
Eine Woche lang ging das so weiter;
ich war überglücklich: 37 Jahre zuvor hatten hier meine Eltern gestanden, und
jetzt stand ich hier. Täglich simste mir
mein Vater aus der Schweiz neue Parolen.
Dann begann das Festivalprogramm doch
noch, und mein Film wurde im GeziPark gezeigt: vor 5000 Leuten! Ich bekam einen Preis und einen Spezialpreis:
eine original Gasmaske!
Gut, am Ende stürzte die Regierung
nicht, doch wenigstens die Bäume im
Gezi-Park waren gerettet. Es lohnt sich
also, alles zu fordern, um am Ende zumindest ein bisschen zu bekommen.
Protokoll D OM I N I K GRO S S; Bild R A F FA EL WA L DN ER
46
DA S M AGA Z I N 5/6 201 5
GORILLA ist ein Programm der
Unterstützt durch
.
R
E
S
S
A
TRINK W
r.
nd gesünde
Erfrische
ch
www.gorilla.
Autor
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
391
Dateigröße
7 930 KB
Tags
1/--Seiten
melden