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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Musikstunde
Expeditionen ins deutsche Herz
Teil III – Wo Siegfried siech lag
Von Katharina Eickhoff
Sendung:
Mittwoch, 21. Januar 2015
Redaktion:
Norbert Meurs
9.05 – 10.00 Uhr
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD
von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Musik sind beim SWR Mitschnittdienst
in Baden-Baden für € 12,50 erhältlich. Bestellungen über Telefon: 07221/929-26030
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Musikstunde mit Katharina Eickhoff
Mittwoch, 21. Januar 2015
Expeditionen ins deutsche Herz
Teil III – Wo Siegfried siech lag
Indikativ
Da steht man nun, irgendwo im Industriegebiet von Heppenheim, und
denkt: Armer Siegfried!
Ernstzunehmende Nibelungen-Forschungen haben überzeugende
Argumente gefunden, dass jene Quelle, an der der Held aller Helden
erschlagen wurde, genau hier zu finden sei, in Heppenheim am Rande
des Odenwalds, viereinhalb Stunden Fußwegs von Worms über den
Rhein. Und tatsächlich haben sie da auf einem Stückchen Wiese einen
Brunnenrand installiert und mit schmiedeeisernem Gitter hermetisch
zugeschweißt, damit nicht so auffällt, dass hier längst keine Quelle mehr
sprudelt. Aber ist ja auch alles schon ein bisschen her...
Verwirrend ist die heutige Umgebung des frühzeitlichen Tatorts allemal:
Eine Art Verkehrsinsel in der Ödnis des Gewerbegebiets, mit etwas Grün
und ein paar unglücklichen Bäumen, ein Geviert, das von den vermutlich
noch unglücklicheren Anwohnern aus den umliegenden Hochhäusern als
Hundeklo genutzt wird. Gegenüber schlägt das Herz deutscher
Speiseeis-Produktion: die Einfahrt zum Langnese-Werk ist mehrspurig
ausgebaut, das Langnese-Logo leuchtet dem Nibelungen-Pilger schon
von fern wie das illuminierte Herz Jesu. Ansonsten Supermärkte,
Tankstellen, was so ein Industriegebiet halt an Sehenswürdigkeiten zu
bieten hat...Und ausgerechnet hier soll also das Schicksal so schrecklich
gewütet haben, soll der Deutschen dienstältester Held auf der Jagd feige
hinterrücks von Hagens Speer zur Strecke gebracht worden sein?
Gut, dass Wagner das hier nicht gesehen hat, sonst wäre ihm womöglich
die grandios unheimliche Musik gar nicht eingefallen, mit der Hagen
seine Gibichsmannen zur Jagd zusammenruft...
1’50
Gebr. CD
T. 8 ab 0’20
ab 3’02 schnell raus 2’40
Wagner, Götterdämmerung, 2. Akt, Hoiho, ihr Gibichsmannen
Gottlob Frick, Wiener Philharmoniker, Georg Solti
Decca 8161167
...aus Wagners Götterdämmerung, Wagner, der ja aber die eigentliche
Nibelungengeschichte hoffnungslos verfälscht hat – wie ging die noch
mal? Ach ja: Natürlich sind wieder mal die Weiber an allem schuld.
In aller Öffentlichkeit haben sich die zwei Chef-Diven am Hof zu Worms
angezickt, aufs Übelste beleidigt haben sie sich gegenseitig im Streit
darüber, wer von beiden zuerst zur Türe rein darf, ob nun Kriem- oder
Brünhild...Und ihre zwei Männer Gunther und Siegfried sind, auch das ist
in solchen Fällen verbreitet, vollkommen ratlos, was das jetzt wieder soll.
Nutznießer der Situation ist dann Hagen, im Nibelungenlied auch gern,
damit man sich nicht vertut, „der grimme Hagen“ genannt:
Er redet Gunther und Brünhilde ein, dass es Siegfrieds Erscheinen war,
das die schöne Ruhe am Burgunden-Hof durcheinandergebracht hat.
Das leuchtet allen ein, und sein Angebot, Siegfrieden zu beseitigen, wird
ganz schnell abgenickt, prima, gute Idee, der Hagen solls richten, dann
ist wieder alles so schön wie früher, und das Geld vom Siegfried, den
Nibelungen-Hort, können wir uns danach auch einverleiben, wieso sind
wir bloß nicht früher...naja, und so weiter.
1’10
Gebr. CD
T. 9
Oscar Straus, Die lustigen Nibelungen,
Nun so lasst uns den Siegfried ermorden
Ensemble, Wiener Rundfunkorchester, Max Schönherr
Line 4992149
2’50
Jene Jagd , zu der man bei den Burgunden, die dann bei Wagner
Gibichungen heißen, geschritten ist, hat also im westlichen Odenwald
stattgefunden. Das mit dem Odenwald steht zwar schwarz auf weiß erst
so in der sogenannten „Handschrift C“ des Nibelungenlieds, einer
apokryphen, nachträglich ergänzten Version – andererseits steht aber
eben schon in der vermutlichen Urfassung zu lesen, dass die
Jagdgesellschaft übern Rhein in die Wälder gezogen sei, und der Wald,
der von Worms aus auf der anderen Seite liegt, das ist nun mal der
Odenwald. Und irgendwo hier also hat Gottlob Frick, äh, pardon, hat
Hagen unseren Siegfried harpuniert, an jener Stelle des Rückens, wo
Frau Kriemhild vorher schön deutlich das Kreuzchen gemacht hat. –
Heinrich Steinfest übrigens erklärt in seiner gerade rausgekommenen
Nibelungen-Nacherzählung Siegfrieds Unaufmerksamkeit direkt vor
seiner Ermordung damit, dass er, an jener Quelle im späteren
Industriegebiet eingetroffen, kurz abgelenkt ist, weil er dort nämlich das
versehentlich zurückgelassene Relikt eines Zeitreisenden aus der
Zukunft findet: Eine Langnese-Eisverpackung. Und während er noch
über das seltsame Stückchen Zukunftsmüll rätselt, hat ihn auch schon
Hagens Lanze erwischt, mit der im Rücken er dann, wie wir nun
wiederum aus Fritz Langs „Nibelungen“-Verfilmung wissen, noch
ziemlich lange mit wild rollenden Augen durch den Wald getorkelt ist,
bevor man ihn als schöne Leich zurück nach Worms schaffen konnte...
1’30
Gebr. CD
T. 10
Wagner, Götterdämmerung, Siegfrieds Trauermarsch
Wiener Philharmoniker, Georg Solti
Decca 8161167
2’30
...
Dieser Wald, das dürfte Siegfried in dieser unangenehmen Situation
entgangen sein, ist unglaublich schön. Wenn man von Heppenheim aus
wälderwärts fährt, zwischen den Bergen, die die Bergstraße bilden,
hindurch ins Hinterland, kommt man schon wieder in so eine Welt, die es
eigentlich gar nicht mehr gibt. Seidenbuch, Laudenau, Winterkasten
heißen die Orte, und auch wenn man viel an Obstbaumwiesen und
Äckern und Feldwegen entlang geht – immer kommt man irgendwann
wieder in den Wald zurück...
„Es ist“, schreibt Werner Bergengruen, „wahrhaftig ein recht wunderlicher
Wald, sehr kraus, sehr verschlungen, vieler Wälder Eigenarten in sich
vereinend. Eichen und Buchen, Fichten, Tannen und Lärchen stehen
mächtig über mannshohem Gestrüpp, Espen und schwarze Erlen
dazwischen, hier und da auch ein Wildapfel- und
Wildbirnengesträuch...Wasser sickert zwischen moosdunklen
Felsblöcken, schwarzgelbe Feuersalamander huschen über die
grünumwucherten Steine, handgroße, braune Schnecken kriechen in
Scharen über die Wege, und fällt einmal ein Sonnenstrahl in die
Dämmerung, so flammen sie rostrot auf wie Bruchstücke von
vergessenen Mordwaffen. Hier wachsen wie auf uraltem Moorboden
Torfmoos und Sumpfveilchen, Fieberklee und Siebenfingerkraut; hier ist
es heimlich, feucht und kühl auch an heißen Tagen, und man begreift
leicht, dass von diesem Walde seit Jahrhunderten allerhand
Spukgeschichten erzählt werden.“
1’30
Gebr. CD
T. 11
Weber, Variationen über ein Thema aus Silvana, Var. 6 –
Clemens Trautmann, Cornelius Meister
Berlin Classics 0017092BC
2’40
...die Oper spielt zwar ein Stückchen rheinabwärts im Rheingau, aber sie
ist hier trotzdem nicht fehl am Platz, Weber hat nämlich mit dem für
Bergstraße und Odenwald zuständigen Fürsten von Hessen-Darmstadt
näher zu tun gehabt – über den Fürsten und seine Familie wird noch zu
reden gleich...Silvana übrigens, die den Wald, „Silva“, ja schon im
Namen trägt, ist auch ein Fürstenkind, das von einer Nymphe vor einem
bösen Thronräuber gerettet wird und im Wald bei einem Köhler
aufwächst – im Lauf der Handlung wird ihr fast überall mit Misstrauen
begegnet, weil man wilde Waldmädchen wie sie früher ja für gefährliche
Zauberinnen gehalten hat.
So ist das auch den zwei Wildweibchen gegangen, die im Wald oberhalb
von Laudenau gehaust haben sollen – es heißt, die Leute aus den
Dörfern haben sich die Geschenke der zwei zotteligen Kräuterweiblein
gern gefallen lassen, aber wenn im Winter dunkle Mächte durch den
Wald gebraust sind und man die Frauen vor Angst hat schreien hören,
dann hat keiner mit den Outcasts zu tun haben wollen...
Der sogenannte Wildweibchenstein liegt heute noch da oben im Wald,
umweht von kühler Waldbrise und von Grusel- Geschichten – es heißt,
wer durch den Einschnitt in der Mitte hindurchsteigt, kommt auf der
anderen Seite nicht mehr heraus, sondern verschwindet ins Nichts. Aber
das gilt vermutlich nur für die Unartigen.
Ich jedenfalls komme unversehrt durch, und das, obwohl ich zu dem
Zeitpunkt einen beträchtlichen Äbbelwoi-Schwips habe – was einem in
dieser Gegend schnell mal unterlaufen kann...Nun fragt sich natürlich,
was das denn für schlimme Geister gewesen sein sollen, die da immer
mal wieder lärmend über Land gezogen sind?
Nun ja....wen man den Weg, der da am Wildweibchenstein vorbeiführt,
weitergeht, tiefer in den Wald hinein und ganz hinten um die Biegung ins
Freie, dann kommt man zur Ruine einer mächtigen Trutzburg, der Burg
Rodenstein. Die dazugehörigen Ritter scheinen nicht so irrsinnig begabt
darin gewesen zu sein, ihren Besitz zu pflegen und zu mehren, jedenfalls
hatten sie dauernd Schulden bei den Herren von Katzenelnbogen und
haben ihnen über die Jahrhunderte ihren halben Besitz verpfändet.
Rauflustig waren sie anscheinend auch, um nicht zu sagen:
kriegslüstern, und das hat dann wohl jener Legende Vorschub geleistet,
die seit dem siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert, in den
umliegenden Dörfern kursierte:
Einer der Herren von Rodenstein soll, als seine schwangere Frau ihn
von einem Kriegszug abhalten wollte, die Frau geschlagen haben, so
dass die ein totes Kind geboren hat und dann gleich selber
hinterherstarb, verständlicherweise hat sie vorher noch schnell ihren
Mann ordentlich verflucht – und der Fluch war wirksam: Der
Rodensteiner muss als Geist umgehen, immer, wenn irgendwo ein Krieg
bevorsteht, heißt es, zieht der dunkle Ritter mit seinem Wilden Heer von
der Burg Schnellerts bei Fränkisch-Crumbach übers Land hinüber nach
Rodenstein. Das Unheimliche ist, dass im 18. Jahrhundert tatsächlich
viele Leute unabhängig voneinander bei den Ämtern seltsame
akustische Phänomene gemeldet haben und sogar einzelnen Gestalten
des Geisterheers begegnet sein wollten – die vielen Berichte darüber
sind aktenkundig...
Wo es um rauflustige Ritter geht, da ist üblicherweise Victor von Scheffel
nicht weit – und tatsächlich, auch für diese etwas abgelegene Ecke hat
er ein Scheffel’sches Lied gedichtet, und da es für die schlagenden
Studentenverbindungen als Trinklied gedacht war, ist es halt
entsprechend schlicht geraten...
3’40
Gebr. CD
T. 12
Karl Hering, Der Rodenstein, rum plum plum...
Ernst Wolff
German Students’ Songs
Folkways 3274478
2’30
...Wie bei Lieblingsliedern schlagender Verbindungen nicht anders zu
erwarten: viel Lärm, wenig Inhalt. Was also hat es wirklich auf sich mit
diesem Rodensteiner, der laut Scheffel „zu Heidelberg im Hirschen“ an
einem Abend drei Dörfer versoffen hat? Um ein bisschen mehr und
Bedeutsameres über den Ritter und seine Geschichte zu erfahren,
lauschen wir doch lieber wieder Werner Bergengruen, was er in seiner
Erzählung „Tod, Leben, Abertod und Aberleben des Herrn von
Rodenstein“ zu berichten hat über den Geist und sein Gefolge:
„Er braust durch Wälder, Tannen prasseln vor ihm wie dürres Reisig,
Sturm bläht ihm den schwarzen Mantel, dass er aufflattert und alle
Sterne verhüllt. Tod zeigt er an, Grauen und Herbst und die Stunde,
nach der keine Zeit mehr sein soll: Bote Gottes und seiner Nacht,
Erfüllungskünder und Endeansager, der doch selber unerfüllt blieb und
unbeendet. Er ist den Menschen entrückt, den Lebenden wie den Toten,
und hat nicht mehr Teil an ihren Widerfahrnissen. Aber er rührt ihr Leben
an, das Leben der Sanftmütigen und der Wilden, der Jäger und der
Gejagten, der Sesshaften und der Unbehausten, der Nachtwandler,
Träumer und Verzauberten. Er bindet und löst die Schicksale der
Menschen, immer noch Herr seines alten Landes, erfüllt und beendet sie
zur allerletzten Freiheit und zur äußersten Dienstbarkeit.“
So - so schön - schreibt Werner Bergengruen über den Rodensteiner.
Bergengruen war ein literarischer Publikumsliebling der 20-er und frühen
30-er Jahre, den dann nach dem Krieg die linksintellektuelle
Literaturszene der Achtundsechziger arg gezaust hat, und der danach
nie wieder richtig rehabilitiert wurde. Als heimattümelnden, frömmelnden
Naivling haben sie ihn dargestellt, als Feigling der inneren Emigration –
dabei wurde meistens verschwiegen, was eigentlich allen bekannt war:
Dass Bergengruen seiner, wie das bei den Nazis hieß, „jüdisch
versippten“ Frau beigestanden und sie geschützt hat, dass es nie
opportunistische Schriften oder Gesten von ihm gab, die NSLiteraturszene und Kulturpolitik ihm im Gegenteil spinnefeind gewesen
sind und er ihnen, und dass zum Beispiel die Mitglieder der Weißen
Rose ihn tief verehrt haben. So, dies gesagt, kann man umstandslos
zum Schwärmen übergehen: Bergengruen ist einfach ein begnadeter
Erzähler, keiner hat die Schönheit und die märchendurchsetzte
Atmosphäre des Odenwalds so sehr in die genau richtigen Worte gefasst
wie er – und keiner hat so liebevoll die Legenden der Gegend
gesammelt und wiederbelebt.
Gewohnt hat Bergengruen in dieser Zeit drüben in Lindenfels, das neben
Amorbach eines der Zentren des früher mal brummenden OdenwaldTourismus war. Aber gesessen, getrunken und gelauscht hat er im
Gasthaus „Zur Freiheit“, das oberhalb von Laudenau direkt am Eingang
zum Rodensteiner Wald liegt. Dort hat er eine Runde Kirschwasser nach
der anderen ausgegeben – in seiner „Kirschwassergeschichte“ ist das
verewigt - , und hat dabei den Dorfbewohnern die alten, unheimlichen
Erzählungen aus den vom Äbbelwoi roten Nasen gezogen...
„Schattenhände klopfen gegen die Fenster, Wolkenpferde jagen heulend
über den Himmel, und ihre Hufe schlagen düsterrote Funken aus dem
verhüllten Monde. Hörst du von fern die Glockenschläge mit Rauch und
Sturm und Nebel ringen und mit dem aufsteigenden Brodem der
Leidenschaften und Begierden? Hörst du das Käuzchen schreien und
den Totenwurm hämmern? Hundegebell und Scherenschleifergeschrei,
Kinderweinen und Vogelschlag, Schüsse und Peitschenknall,
Liebesgeflüster, Kettenklirren und Sterbegestöhn, Fluch und Gebet,
Lieder und Beschwörungen, Zornlaut und Angstruf, das Rascheln der
Tiere im Waldgestrüpp und das Keuchen der Schläfer, auf deren Brüsten
Alb und Drude hocken, - es sei, was es sei, in allem klingt, donnernd
oder gedämpft, scharf oder kaum noch vernehmlich, ein Widerhall vom
Hufschlag des mitternächtigen Reiters.“
4’00
Gebr. CD
T. 13
Siegfried Wagner, Banadietrich, Das wilde Heer
Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ulf Hoelscher
Cpo 8822037
4’00
Ganz klar: Siegfried Wagner hätte einfach Filmmusik-Komponist werden
sollen – da hätte er mit Sicherheit eine schöne Karriere hingelegt und
Kinogeschichte geschrieben...Ist doch ein fantastisch-bildhaftes Stück,
dieses Vorspiel zum 3. Akt seiner Oper „Banadietrich“, und porträtiert
wird da tatsächlich „Das wilde Heer“, wie es dann auch in der Sage vom
„Rodensteiner“ übers Land kommt...
Bei Laudenau, dort, wo der Weg zur Burg beginnt, steht also seit Jahr
und Tag das Gasthaus „Zur Freiheit“, und der Name ist Programm:
Hier haben einst die Gebietsansprüche von drei verschiedenen
Zehntherren aneinandergegrenzt – allerdings gab es zwischen diesen
drei Zehntherrschaften ein kleines Geviert, das irgendwie zu keinem
gehört hat, eine Art „Niemandsland“. Dort durfte jeder, egal, was er
angestellt hatte, sich 48 Stunden lang unbehelligt aufhalten.
Man kann sich also denken, dass der Ort bei den auch in diesen
Wäldern verbreiteten Räubern ziemlich beliebt war.
Der vielleicht berühmteste Odenwaldräuber von allen, der Hölzerlips, hat
hier in der Nähe, an der Straße zwischen Laudenau und Hemsbach,
seinen letzten Überfall getätigt – zwei Schweizer Kaufleute in ihrer
Kutsche, der eine kam dabei ums Leben. Danach hat man in Hessen
und Baden eine großangelegte Fahndung durchgezogen, der
Fahndungszettel lautete wie folgt:
„Georg Philipp Lang, vulgo Hölzerlips:
30 – 32 Jahre alt, schlank gewachsen, ohngefähr 5 Schuh 6 Zoll groß,
eselsgraue Haare auf Bauernsitte geschnitten, gewöhnlicher Stirn,
weißlichten Augenbrauen, grauer Augen, lange Nase, mittelmäßigen
Mund, weißlichten Bart, runden Kinns, mittelmäßigen Gesichts, von
rother Farbe; trägt bei sich eine lederne Kappe mit Pelz besetzt, eine
rothgestreifte baumwollene Weste, mit zwei Reihen kleinen gelben
Knöpfen, ein Paar lange Hosen vom nämlichen Zeug, ein Wames von
Farbe wie Kümmel und Salz, baumwolen Zeug, läuft baarfuß.“
Schon anhand dieses Steckbriefs kann man erahnen, dass das Leben
als Räuber nicht so lustig war, wie es bei Lilo Pulver und Konsorten
aussieht: Wer mit dreißig nur noch weiße Haare auf dem Kopf hat, hat
womöglich ein paar Sorgen zuviel. Georg Philipp Lang jedenfalls hatte
nie eine wirkliche Chance – als Kind von Vaganten hat er es kurz mit
ehrlicher Arbeit versucht, aber beim Holzsammeln war er irgendwem
verdächtig, er wurde als Landstreicher weggesperrt und hat sich im
Gefängnis dann in entsprechender Gesellschaft zum Gewaltverbrecher
entwickelt, diesen elenden Kreislauf gibt es ja bis heute.
Nach dem Überfall im Bergstraße-Hinterland hat man die ganze Truppe
nach und nach in den Wäldern aufgegriffen, und ungefähr ein Jahr
später hat man sie auf dem Schandkarren durch die Heidelberger
Hauptstraße zum Tor hinaus Richtung Schafott transportiert. Aber die
Legende lebt. Wenn meine Großmutter früher über einen redete, der es
faustdick hinter den Ohren hatte, dann hieß es: Der ist ein Hölzerlips!
Nach jenem Raub an der Landstraße bei Hemsbach war unter den
Verurteilten auch Philipp Friedrich Schütz, der Korbflechter – ein Korb ist
im Odenwald eine Manne, also hieß er der Mannefriedrich, und der hat
im Gefängnis, während er auf seine Hinrichtung gewartet hat, ein Lied
gedichtet über den Überfall und alles, was danach geschah.
Und dieses Lied, das zeigt, wie gut mancher Räuber mit Sprache
umgehen konnte, hat in den 70-er Jahren eine Folk-Gruppe, die sich
„Hölzerlips“ nannte, aus den alten Prozessakten gefischt und
aufgenommen:
3’20
CD Hölzerlips
T. 3
P.F.Schütz, Der Hemsbacher Mord
Hölzerlips
Pläne 88843
3’30
Der Hölzerlips und die meisten seiner Bande gehörten zu den Jenischen
– die waren keine Volksgruppe mit einheitlicher Herkunft, sondern
einfach die Ausgestoßenen, die Vaganten, das fahrende Volk, bei denen
sich aber dann doch irgendwie gemeinsame Bräuche,
Zusammengehörigkeitsgefühl und sogar eine eigene Sprache entwickelt
haben, eben das Jenische, - das ist eng verwandt, aber nicht identisch
mit dem Rotwelsch, jener anderen Bettlersprache, die Worte sind teils
verballhorntes Deutsch, teils aus der Roma-Sprache, teils aus dem
Jiddischen übernommen, und haben sich tatsächlich zu einer
gesprochenen Sprache zusammengefügt, die, wie das Rotwelsch, ein
Erkennungszeichen war. Wenn wo ein jenisches Wort fiel, wusste man:
der gehört zu uns.
„Jenisch dibbern“, also: Jenisch sprechen, können heute nur noch
wenige – die Folk-Sänger und –Musiker von der Gruppe „Hölzerlips“
haben allerdings damals bei ihrer Räuber-Recherche nach den alten
jenischen Original-Liedern gesucht und einiges Erstaunliche zu Tage
gefördert, zum Beispiel das hier, „Makel-Schal“.
Schal kommt wohl von „Schall“ und heißt Lied, und der Makel, das war
die Kleidung, manche Überfälle sind damals ja auch einfach deshalb
getätigt worden, weil die Überfallenden ein paar Schuhe oder einen
Wintermantel brauchten...
1’30
Gleiche CD wie eben
Trad., Makel-Schal
Hölzerlips
Siehe oben
T. 6
2’00
Für die Vaganten, für die in den Jahrzehnten nach den Napoleonischen
Kriegen „nichts als Armut und Lumpen“ übrigblieben, wie einer vor
Gericht ausgesagt hat, war der Odenwald vermutlich tatsächlich oft die
Hölle...“Odenwaldhölle“ – unter diesem Stichwort hat letztes Jahr eine
von den coolen jungen Autoren, mit denen sich die Frankfurter
Allgemeine gelegentlich schmückt, einen Schmähartikel über den
Odenwald ihrer Kindheit veröffentlicht, eben jene hinter der Bergstraße
gelegene Märchengegend, wo aber für die heute noch wutentbrannte
Autorin alles dermaßen hässlich, unerheblich, dumpf und langweilig
gewesen sei, dass sie gar nicht anders gekonnt habe, als Nagellack im
örtlichen Drogeriemarkt zu klauen und Drogen zu nehmen. Großer
Aufruhr im Netz, miese PR für den Odenwald – aber die Leute aus der
so geschmähten Gegend haben gut reagiert:
Ein paar anerkannte Rapper haben einen Odenwald-Song geschrieben,
der darauf hinweist, dass vermutlich der Odenwald nichts dafür kann,
wenn junge intelligente Leute nichts mit sich anzufangen wissen, andere
Aktivisten haben Aufkleber und Statement – T-Shirts hergestellt, die jetzt
selbstironisch und stolz das Wort „Odenwaldhölle“ verbreiten.
Eins ist sicher: Wenn der westliche Odenwald die Hölle ist, dann ist der
Weg ins Paradies von dort aus nicht weit – man muss nur über den Berg
kommen, vielleicht so auf der Höhe von Bensheim, könnte dann von da
schon mal den Vorposten zum Paradies ersteigen, das
Kirchberghäuschen, ein Mitte des 19. Jahrhunderts oberhalb von
Bensheim erbautes Lusthaus mit weit in die Rheinebene leuchtenden
klassizistischen weißen Säulen und einem Kochkäs-Angebot, das den
Ausdruck „Lusthaus“ bis heute berechtigt erscheinen lässt.
Von dort kann man dann gestärkt und vorfreudig weiterwallen, „wallen“
ist in dem Fall vermutlich das angemessene Wort, durch den lichten
Wald, ein Tal hinunter und drüben, an den Weinstöcken entlang, wieder
bergauf. Oben, auf dem Hügelkamm, erreicht man ein paar weiße Bänke
unter schattigen Eichen, die einen dieser geheimen Zauberorte
markieren, die man dann sein Leben lang nicht mehr vergisst. Auf der
Bank sitzend, schaut man unter den Eichen hervor auf ein zutiefst
romantisches Panorama, rechts die Ebene, die sich ins scheinbar
Unendliche ausbreitet, links ansteigend die Bergstraßen-Berge, und
hinter den Bergen, sattgrün, dicht und ewig: Der Odenwald. Hier könnte
man für immer sitzenbleiben – hätte sich damit aber um den Rest vom
Paradies gebracht, der liegt nämlich im Jenseits...nun ja, jedenfalls auf
der anderen Seite des Hügelkamms. Wenn man von den Bänken aus
rückwärtig bergabwärts strolcht, steht man wieder mal vor einer Vedute
wie aus dem Bilderbuch: Eine riesige Wiese fällt steil und doch irgendwie
sanft ins Tal ab, rechts und links gesäumt von Bäumen, darunter dem
ältesten Mammutbaum Deutschlands, unten, im Talgrund, winkt
freundlich ein kleines klassizistisches Palais, und auf halbem Weg die
Wiese runter steht da doch glatt, fast wie ein Traum, ein weißes
Tempelchen, in den oben in Gold Worte über die Freundschaft
eingelassen sind. Man will sofort diese Wiese hinunterkollern, am besten
irgendwelche naturnahen Stellen aus Rousseaus „Neuer Héloise“
rezitierend, aber wer kann die schon auswendig... Wer das Fürstenlager
zu Auerbach an einem sonnigen Tag zum ersten Mal betritt, glaubt
tatsächlich, er sei in einem Traum von vergangenen Jahrhunderten
gelandet.
Johannes Hucke beschreibt das so schön in seinem „Bergstraße
Weinlesebuch“: „Auf heutige Gäste des Fürstenlagers...wirkt das
liebliche Ineinander von Landschaftsgarten und künstlichem Dörfchen
wie ein Schock. Die Empfindung einer unbestimmten Sehnsucht, die der
anmutige Anblick evoziert, liegt vielleicht gar nicht so weit weg von dem,
was die Landgräfinnen und –grafen von Hessen-Darmstadt dereinst
bewogen haben mag, sich zurückzubauen in einen Zustand des
Menschengemäßen, Naturharmonischen, VersunkenSpielerischen...Klassizistische Häuschen lehnen am grünen Hang;
moosbärtige Brünnlein lullen vor sich hin, Hochzeitskapellchen,
Herrenhaus, Kavaliersbau und Gesundbrunnen, unterbrochen von
Rasen, Blumen und Kies, scheinen so absichtslos-heiter verstreut
worden zu sein, dass wir gar nicht mehr wissen, wohin mit all unserem
Ernst, unserer geradlinigen Wichtigkeit und unserer Gewöhnung ans
Monströse.“
4’10
Gbr. CD
T. 14 bis Klarinette
etwa 4’30
C. M. v. Weber, Oberon, Ouvertüre
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Rafael Kubelik
DGG 7166641
...und da wären wir wieder bei Carl Maria von Weber - der war nämlich,
ebenso wie sein hochverehrter Kompositionslehrer, der Abbé Vogler, bei
Ludewig I., Großherzog von Hessen-Darmstadt und bei Rhein, eine
ganze Weile lang als Kammerkompositeur angestellt.
Unter Ludwigs Vater, dem Landgrafen Ludwig, hat der Landschaftspark
Fürstenlager schon Gestalt angenommen, nachdem man zuzeiten des
Opas, der natürlich auch schon Ludwig hieß, im Roßbachtal eisenhaltige
Quellen entdeckt hatte – um an diesem Wasser zu gesunden, ist dann
im 18. Jahrhundert schon jede Menge High Society angereist. Aber
seine goldene Zeit hatte dieser bukolische Ort erst mit dem inzwischen
zum Großherzog aufgestiegenen Enkel. Der hat erst mal zusammen mit
dem Aufklärerbaron Melchior Grimm Europa bereist, kannte Diderot und
d’Alembert und kam über seine Schwester Luise - die, die dann Weimar
vor Napoleons Truppen gerettet hat - an den Musenhof in Weimar. Dort
hat er Goethe und Schiller kennengelernt, mit denen er eine muntere
Brieffreundschaft eröffnet hat.
Und seine Gattin und Cousine, Luise Henriette Karoline, eine schöne
Frau, die Schiller, Goethe und Napoleon beeindruckt hat, Luise also war
genau wie der Fürst selber der ländlichen Schönheit des Fürstenlagers
verfallen, und so ist der gesamte Darmstädter Hof zu ihren Zeiten mehr
als vierzig Jahre lang jeden Sommer mit Sack und Pack raus nach
Auerbach gezogen.
Wo dann die Großherzogin mit dem Großherzog in jüngeren Jahren als
Diana und Aktäon verkleidet über die Wiese hüpfte, interessiert beäugt
von der Auerbacher Dorfbevölkerung...Später ist die allseits beliebte
Landesherrin gern mit einem Kreis von besonders wohlgeratenen
Auerbacher Jungfern strümpfestopfend im Schatten eines Baums im
Kreis gesessen und hat großzügig Lebensweisheiten und
Brautausstattungen verteilt. Und mit diesem schönen Bild vor Augen
verabschieden wir uns jetzt mal aus der Zaubersphäre des Odenwalds
und aus dieser geistergesättigten Sendung – nach all den Gespenstern:
dem Rodensteiner, den wilden Frauen, dem Räuber Hölzerlips und den
allegorisch verkleideten Landgrafens braucht’s vielleicht doch mal wieder
eine kleine Portion Realität. Die führen wir uns unten im Dorf im „Blauen
Aff“ zu, in Form eines schönen Handkäs – natürlich mit Musik, pardon:
Músik!
Gebr. CD
T. 15
Weber, Silvana-Variationen
Clemens Trautmann, Cornelius Meister
Berlin Classics 0017092BC
2’07
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