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FR1DA-STUDIE
Testlauf für ein
nationales Screening
In Bayern werden Kinder im Alter von
zwei bis fünf Jahren systematisch auf
Inselautoantikörper im Blut untersucht.
Ziel ist es, Typ-1-Diabetiker früh zu erkennen und Kandidaten für präventive
Interventionsstudien zu identifizieren.
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Inselautoantikörper: Welche gibt es
und was sagen sie aus?
Inselautoantikörper können bereits Jahre vor der klinischen Manifestation des Typ-1-Diabetes im Blut
nachgewiesen werden und erlauben eine Vorhersage
des Erkrankungsrisikos (8). Autoantikörper werden
insbesondere gegen vier verschiedene Betazell-Antigene gebildet (9–14):
● IAA, gegen das Hormon Insulin
● GADA, gegen das Enzym Glutamatdecarboxylase (GAD)
● IA-2A, gegen das Tyrosinphosphatase-homologe Protein IA-2
● ZnT8A, gegen den Kationenaustauschtransporter Zinktransporter-8 (ZnT8).
Das Auftreten einzelner Autoantikörper ist nur mit
einem gering erhöhten Erkrankungsrisiko verbunPerspektiven | Deutsches Ärzteblatt | 24. Oktober 2014
Foto: picture alliance
er Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindesalter, sie betrifft in
Deutschland derzeit etwa 15 000 Kinder unter 14 Jahren, Schätzungen zufolge kommen jährlich etwa 2 200
Neuerkrankte hinzu – Tendenz steigend. Zudem sinkt
das Alter des Erkrankungsausbruchs (1, 2). Im Zeitraum von 1987 bis 2003 wurden bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland jedes Jahr etwa vier Prozent mehr Neuerkrankungen beobachtet (3).
Typ-1-Diabetes ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die durch eine Zerstörung der insulinbildenden Betazellen im Pankreas durch das körpereigene Immunsystem entsteht. Die Folge ist eine
schrittweise sinkende Insulinproduktion bis zum völligen Fehlen von Insulin. Signifikant erhöhte Blutzuckerspiegel und andere Symptome treten erst auf,
wenn eine kritische Insulinmenge unterschritten
wird. Die Betroffenen werden dann plötzlich insulinpflichtig (4).
D
Besorgniserregend ist, dass etwa ein Drittel der
betroffenen Kinder den klinischen Ausbruch der Erkrankung aufgrund einer ausgeprägten Stoffwechselentgleisung (Ketoazidose) in einer lebensbedrohlichen Situation erlebt (5). Im Rahmen dieser akuten
Komplikation können auch bleibende Schäden am
Gehirn der Patienten entstehen (6). Das plötzliche
Auftreten des Typ-1-Diabetes führt bei vielen Eltern
und Kindern zu einer Überforderung und Traumatisierung.
Durch die Bestimmung von Immunmarkern im
Blut (Inselautoantikörper) kann Typ-1-Diabetes bereits in einem frühen Stadium sicher diagnostiziert
werden, in dem noch keine klinischen Anzeichen der
Erkrankung erkennbar sind (7). Dies bietet die Möglichkeit, betroffene Familien frühzeitig über Krankheitszeichen aufzuklären, um schwere Komplikationen zu vermeiden. Schulungsprogramme können die
Betroffenen auf die Erfordernisse der Erkrankung
vorbereiten und dadurch Unsicherheiten mindern,
um von Anfang an ein normales Leben auch mit Diabetes zu führen.
den. Sind jedoch mehrere Autoantikörper gleichzeitig im Blut nachweisbar, erkranken annähernd
100 Prozent der Betroffenen im Verlauf an Typ-1Diabetes (7). Die Zeitspanne vom erstmaligen Auftreten der Inselautoantikörper bis zur klinischen Manifestation kann zwischen wenigen Monaten und bis
zu 20 Jahren variieren. Prädiktive Faktoren für eine
schnelle Progression sind junges Alter, Reifegrad
und Intensität der Immunantwort sowie genotypische
Merkmale (15–19).
Foto: Helmholtz Zentrum München
Typ-1-Diabetes
als Autoimmunerkrankung:
Inselautoantikörper
binden Antigene
der Betazellen des
Pankreas und sind
im Blut nachweisbar.
Mittels eines serologischen Screenings lässt sich
also ein asymptomatisches Frühstadium des Typ-1Diabetes sicher diagnostizieren. Dies bietet die Möglichkeit für eine medizinische Überwachung sowie
frühzeitige Behandlungsschritte.
Deshalb sollte diskutiert werden, ob eine Antikörpertestung zur Vorhersage des Typ-1-Diabetes nicht
als allgemeine Routineuntersuchung bei allen Kindern der deutschen Bevölkerung eingeführt werden
sollte. Die wissenschaftliche Basis für ein solches
Screening könnte unter anderem mit der nun gestarteten Fr1da-Studie gelegt werden. Sie wird gemeinsam durchgeführt vom Institut für Diabetesforschung
am Helmholtz Zentrum München unter der Leitung
von Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler, dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (Landesverband Bayern), dem PaedNetz Bayern, dem
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität
München sowie dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.
Untersuchungsergebnis wird an
den behandelnden Arzt übermittelt
Die Screening-Aufforderung richtet sich an Kinderund Hausärzte in Bayern, teilnehmen können alle
Kinder zwischen zwei und fünf Jahren mittels
einer einmaligen kapillären Blutentnahme. Die
Blutprobe kann bei jedem Anlass des Arztbesuchs
entnommen werden und wird pseudonymisiert an das
Helmholtz Zentrum München geschickt. Hier erfolgt
die Untersuchung auf Inselautoantikörper.
Das Ergebnis wird an den behandelnden Arzt
übermittelt. Werden keine Inselautoantikörper im
Blut nachgewiesen, erfolgen keine weiteren Maßnahmen. Bei Nachweis von Inselautoantikörpern
(positiver Screening-Befund) informiert der behan-
14
delnde Arzt die Eltern des betroffenen Kindes.
Ziel ist es nun, die betroffenen Kinder und ihre Familien auf den Umgang mit der chronischen Erkrankung vorzubereiten. Dazu lädt das Helmholtz Zentrum München Teilnehmer mit einem positiven Testresultat zu einer intensiven Beratung und Schulung
ein, die in Zusammenarbeit mit lokalen Diabeteseinrichtungen in Wohnortnähe stattfindet.
Die Informationen für Eltern und Kind sowie die
medizinische Überwachung des Kindes sollen Entgleisungen des Stoffwechsels verhindern, indem das
Fortschreiten der Erkrankung früh erkannt und die
Therapie rechtzeitig eingeleitet wird. Eine Insulinpflichtigkeit ist bei 60 Prozent der Kinder in der frühen Phase des Typ-1-Diabetes innerhalb von fünf und
bei 80 Prozent innerhalb von zehn Jahren zu erwarten
(7). Die Informationsangebote sollen helfen, Symptome der Hypo- und Hyperglykämie zu erkennen und
Ernährungsstrategien, Insulintherapie und Blutzuckermessen zu erlernen sowie nötiges Wissen um Besonderheiten vermitteln, etwa beim Sport, in der Schule,
im Urlaub oder bei Krankheit. Mit der Früherkennung
des prädiabetischen Stadiums gewinnen Patienten,
Angehörige und auch der behandelnde Arzt wertvolle
Zeit, um sich auf die chronische Erkrankung vorzubereiten und den Alltag mit ihr zu bewältigen.
Darüber hinaus besteht für betroffene Familien die
Möglichkeit, an Präventions-Studien teilzunehmen.
Diese untersuchen innovative Ansätze, um die klinische Manifestation des Typ-1-Diabetes zu verhindern. Dazu gehören beispielsweise Studien, die darauf abzielen, eine Toleranz des Immunsystems gegenüber Typ-1-Diabetes-assoziierten Antigenen zu
induzieren. Die Wissenschaftler hoffen, durch eine
Antigen-Impfung die Immunantwort so regulieren zu
können, dass der Erkrankungsausbruch verzögert
oder sogar ganz verhindert werden kann.
Das bayernweite Typ-1-Diabetes-Screening im
Rahmen der Fr1da-Studie trägt Modellcharakter. Bei
Erfolg ist eine bundesweite, regelhafte Einführung
des Screenings (Aufnahme in U-Reihe) angestrebt.
Wie auch bei anderen häufigen Erkrankungen im
Kindesalter, die mittels Screening-Untersuchungen
erfasst werden, soll damit der häufigsten Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter, dem Typ1-Diabetes, Rechnung getragen werden, um die Erkennung und die medizinische Versorgung der Betroffenen zu verbessern. Für erstgradige Verwandte
von Patienten mit Typ-1-Diabetes gibt es schon jetzt
bundesweit die Möglichkeit eines Diabetes-Risiko▄
screenings am Helmholtz Zentrum München.
Dr. med. Nadja Becker, Helmholtz Zentrum München
Mehr Informationen:
• www.typ1diabetes-frueherkennung.de
• www.helmholtz-muenchen.de/idf1
• www.kompetenznetz-diabetes-mellitus.net/index.php/
betroffenen-info/studienuebersicht
@
Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/4314
Perspektiven | Deutsches Ärzteblatt | 24. Oktober 2014
FR1DA-STUDIE
Testlauf für ein nationales
Screening
Mit dem Projekt Fr1da soll in Bayern ein systematisches Screening bei Kindern im Alter von
zwei bis fünf Jahren erfolgen. Ziel ist es, Typ-1-Diabetes früh zu erkennen, früh zu behandeln
und Kandidaten für präventive Interventionsstudien zu identifizieren.
LITERATUR:
1. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2013, Hrsg: diabetesDE
– Deutsche Diabetes Hilfe
2. Ehehalt S, et al.: Epidemiological Perspectives on Type 1 Diabetes in Childhood and Adolescence in Germany. Diabetes Care
2010; 33: 338–40.
3. Ehehalt S, et al.: Continuous rise in incidence of childhood Type
1 diabetes in Germany. Diabet. Med 2008; 25: 755–7.
4. Atkinson MA, et al.: Type 1 diabetes – progress and prospects.
The Lancet 2013; DOI: 10.1016/S0140–6736(13)60591–7
5. Neu A, et al.: Ketoacidosis at diabetes onset is still frequent in
children and adolescents: a multicenter analysis of 14,664
patients from 106 institutions. Diabetes care 2009; 32: 1647–8.
6. Cameron FJ, et al.: Neurological consequences of diabetic
ketoacidosis at initial presentation of type 1 diabetes in a prospective cohort study of children. Diabetes care 2014; 37:
1554–62.
7. Ziegler AG, et al.: Seroconversion to multiple islet autoantibodies
and risk of progression to diabetes in children. JAMA 2013;
2473–79.
8. Maclaren NK, et al.: Multiple autoantibodies as predictors of Type
1 diabetes in a general population. Diabetologia 2003; 46:
873–4.
9. Palmer JP, et al.: Insulin antibodies in insulin-dependent diabetics before insulin treatment. Science 1983; 222: 1337–9.
10. Baekkeskov S, et al.: Identification of the 64K autoantigen in insulin-dependent diabetes as the GABA-synthesizing enzyme
glutamic acid decarboxylase. Nature 1990; 347: 151–6.
3
11. Wang C, et al.: Glucose inhibits GABA release by pancreatic
beta-cells through an increase in GABA shunt activity. Am J
Physiol Endocrinol Metab 2006; 290: E494–9.
12. Rabin DU, et al.: Islet cell antigen 512 is a diabetes-specific islet
autoantigen related to protein tyrosine phosphatases. J Immunol
1994; 152: 3183–8.
13. Lan MS, et al.: IA-2, a transmembrane protein of the protein
tyrosine phosphatase family, is a major autoantigen in insulindependent diabetes mellitus. Proc Natl Acad Sci USA 1996; 93:
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14. Wenzlau JM, et al.: The cation efflux transporter ZnT8 (Slc30A8)
is a major autoantigen in human type 1 diabetes. Proc Natl Acad
Sci USA 2007; 104: 17040–5.
15. Hummel M, et al.: Brief communication: early appearance of islet
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16. Achenbach P, et al.: Stratification of type 1 diabetes risk on the
basis of islet autoantibody characteristics. Diabetes 2004; 53:
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17. Achenbach P, et al.: Characteristics of rapid vs slow progression
to type 1 diabetes in multiple islet autoantibody-positive
children. Diabetologia 2013; 56: 1615–22.
18. Schlosser M, et al.: In insulin-autoantibody-positive children from
the general population, antibody affinity identifies those at high
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19. Bonifacio E, et al.: Quantification of islet-cell antibodies and prediction of insulin-dependent diabetes. Lancet 1990; 335:147–9.
Perspektiven | Deutsches Ärzteblatt | 24. Oktober 2014
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