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Leitlinien: ja, bitte – Normung: nein, danke!

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Editorial
© Foto: Vera Friederich
Leitlinien: ja, bitte –
Normung: nein, danke!
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in dieser Ausgabe des Hessischen Ärzteblatts f inden Sie den äußerst lesenswerten Beitrag von Professor Albrecht Encke und Professorin Ina Kopp: „Bedeutung und Entwicklung wissenschaf tlich
begründeter Leitlinien für die klinische Praxis.“ Darin heißt es, dass
die Verbesserung der medizinischen Versorgung der Patienten
durch die Vermittlung von aktuellem Wissen das vorrangige Ziel
von Leitlinien sei. Leitlinien der Stufen S2 und S3 entstehen in einem sehr aufwändigen Prozess, der nicht nur durch die systematische Evidenzbasierung gekennzeichnet ist, sondern auch durch ein
hohes Maß an Transparenz und Streben nach Unabhängigkeit. Damit soll die Verzerrung der Empfehlungen durch Sekundärinteressen bestmöglich verhindert werden. Zudem stellen Leitlinien keine
Richtlinien oder Kochbuchmedizin dar, die in jeder Situation unref lektiert zur Anwendung kommen müssen. Vielmehr kann und
muss in individuellen Konstellationen von der Leitlinie abgewichen
werden. Denn gerade die evidenzbasierte Medizin baut gemäß der
Definition von David Sackett auf dem Dreiklang aus externer Evidenz, klinischer Expertise und Präferenzen des Patienten auf.
Kann die Normung von medizinischen Dienstleistungen, die das
Europäische Komitee f ür Normung (CEN) seit Ende 2010 betreibt, Ähnliches vorweisen? Diese Frage kann eindeutig verneint
werden. Beschäf tigten sich CEN und das Deutsche Institut f ür
Normung f rüher damit, technische Standards z.B. f ür Medizinprodukte zu setzen, so hat das CEN im Jahr 2014 mit der EN
16732 erstmals eine europäische Norm f ür Dienstleistungen in
der ästhetischen Chirurgie ausgewiesen. Die Proteste der Bundesärztekammer waren leider vergeblich. In dieser Norm werden
nun Qualifikations- und Qualitätsstandards für ästhetisch-chirurgische Eingriffe vorgegeben, aber nicht in einem klar und nachvollziehbaren Verf ahren, wie es in dem o.g. Artikel geschildert
wird, sondern von privatwirtschaftlich organisierten Normungsinstituten, die an der Erstellung (Interessenvertreter müssen für
die Beteiligung an den Normungsverfahren bezahlen) und dem
Verkauf der fertigen Normen verdienen.
Wer war an der Entwicklung der Norm beteiligt? Nach welchen
Kriterien wurden die Experten ausgewählt? Wie wurde das Projekt finanziert? Wie wurden Interessenkonflikte vermieden? Welche Kontrollgremien gibt es?
Wie kam es überhaupt dazu, dass sich das CEN mit der Normung
von medizinischen Dienstleistungen beschäf tigt? Leider wurde
dies von Ärzten in Gang gesetzt, und zwar von einer kleinen
Gruppe ästhetisch-plastischer Chirurgen im europäischen Fachärzteverband UEMS. Dahinter könnten wirtschaftliche Interessen
stecken. Denn eine nach einer CEN-Norm zertif izierte Schönheitsklinik kann dieses Zertifikat werbewirksam inszenieren.
Auch wenn diese Normen nicht bindend sind, besteht die Gefahr,
dass Gerichte darauf zurückgreifen könnten. So würden die Kernkompetenzen der ärztlichen Selbstverwaltung im Beruf s- und
Weiterbildungsrecht ausgehöhlt. Zudem greift die Standardisierung ärztlicher Dienstleistungen in das Recht der Mitgliedstaaten
ein, die Organisation des Gesundheitswesens und die medizinische Versorgung eigenverantwortlich durchzu
f ühren. In
Deutschland sind die Ärztekammern für die Weiterbildungsordnungen und damit die Def inition der jeweiligen Facharztstandards zuständig! Dies gilt auch f ür den Facharzt f ür Plastische
und Ästhetische Chirurgie.
Der Behandlung kranker Menschen ist nicht mit starren Standards und Normen gedient. Patientinnen und Patienten brauchen engagierte Ärztinnen und Ärzte, die auf Basis ihrer anerkannten Fort- und Weiterbildung, der Nutzung von Leitlinien unter Einbeziehung der klinischen Expertise und der Patientenwünsche individuelle Behandlungen vornehmen. Eine europäische
Norm mag daf ür sorgen, dass Kaf f eemaschinen mit Glaskanne
sich nach 40 Minuten automatisch abschalten. Die individuelle
Behandlung kranker Menschen darf nicht standardisiert werden.
Deshalb Leitlinien: ja, bitte – Normung: nein, danke!
Abschließend möchte ich noch auf den Nachwuchskongress
„Operation Karriere“ des Deutschen Ärzteverlages am 21. Februar 2015 in Frankfurt/M (siehe Seite 83) hinweisen. Auch die
Landesärztekammer wird dort mit Inf ormationen zur Nachwuchsförderung und zur ärztlichen Fort- und Weiterbildung präsent sein.
Ihr
Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach
Präsident
Hessisches Ärzteblatt 2/2015 | 59
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Bildung
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