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Gefährliche Energy Drinks

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Manuskript
Beitrag: Herzversagen statt Höhenflug –
Gefährliche Energy Drinks
Sendung vom 20. Januar 2015
von Christian Esser, Stella Könemann und Martina Morawietz
Anmoderation:
Es boomten einmal die braunen Brausen Cola oder Pepsi. Die InGetränke von heute sind bunt, schmecken nach Gummibärchen,
und enthalten viel mehr Koffein. Die so genannten Energy Drinks.
Kinder und Jugendliche schütten sie sich literweise hinein. Red
Bull, Monster, Rockstar und Co versprechen Leistungssteigerung.
Wer sie trinkt, der kann Berge versetzen. Dem werden Flügel
verliehen, so die Werbebotschaft. Doch statt eines Höhenflugs
drohen Absturz und Herzversagen. Überflieger sind nur die
Konzerne, denn die machen Milliarden. Christian Esser und
Martina Morawietz über die flüssigen Aufputschmittel, die Kinder
krankmachen können.
Text:
Feiern bis zum Morgengrauen. Samstagnacht in Berlin. Ohne die
koffeinhaltigen Energy Drinks, gemischt mit Alkohol, geht hier gar
nichts.
O-Ton Dominik Rieche:
Wodka E gibt Dir wieder Energie und Power, damit Du wieder
tanzen kannst, und alles. Das geht bei anderen Drinks nicht.
O-Ton Nina Köppe:
Putscht einen auf.
O-Ton Frontal21:
Auf ‘ne gute Weise?
O-Ton Nina Köppe:
Ja!
O-Ton Frontal21:
Wie viele trinkst Du jetzt so davon, am Abend?
O-Ton Alex Raths:
Zehn, 15, 20.
O-Ton Frontal21:
Jemals Herzrasen bekommen von den Energy Drinks?
O-Ton Linda Sowa:
Wenn ich zu viel trinke, ja. Ja, auf jeden Fall. Also, da kann
ich nicht schlafen - deswegen drei Stück und es reicht!
Was viele nicht wissen: Der Koffein-Kick kann gefährlich werden.
Die 14-jährige Anais aus dem US-Bundestaat Maryland trinkt
zwei sehr hochdosierte Energy Drinks. Danach geht es ihr
plötzlich sehr schlecht. Ihre Mutter Wendy erinnert sich:
O-Ton Wendy Lane, Mutter von Anais:
Sie verdrehte ihre Augen und ihren Kopf, sie rang nach Luft.
Wir legten sie auf den Boden und riefen den Notarzt. Sie
versuchten sie wiederzubeleben, viermal, bis sie stabil genug
war für den Krankenwagen.
Anais, die unter einer Herzerkrankung leidet, ist nicht mehr zu
retten. Sie stirbt wenig später - laut Obduktionsbericht an einer
Koffein-Vergiftung. Herzstillstand.
O-Ton Wendy Lane, Mutter von Anais:
Wie konnte das passieren? Das hätte verhindert werden
müssen. So etwas darf es nicht im Süßigkeitenladen geben,
wo meine Tochter es gekauft hat. Das darf nicht in die Hände
von Jugendlichen geraten.
Ihr Anwalt Kevin Goldberg verklagt jetzt den Getränkekonzern
Monster Beverage, der immer mehr dieser Produkte auch in
Deutschland vertreibt. Goldberg vertritt inzwischen viele Fälle
gegen eine mächtige Industrie.
O-Ton Kevin Goldberg, Anwalt:
Wir untersuchen gerade über 20 Fälle. In sieben oder acht
Fällen klagen wir, in fünf geht es um Todesfälle. Es geht um
sehr junge Menschen, nicht alle sind Kinder, aber meistens
sind es Teenager.
Im Netz betreiben die großen Hersteller aggressives Marketing –
gezielt auf ein junges Publikum. Drinks für die Party, für den
Sport, für den Job. Das Geschäft boomt. Allein Marktführer Red
Bull hat bislang 40 Milliarden Dosen verkauft.
Doch jetzt warnt die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde
in einer neuen Studie vor den Folgen übermäßigen KoffeinKonsums – insbesondere vor Energy Drinks.
O-Ton Bernhard Url, Direktor Europäische Behörde für
Lebensmittelsicherheit:
Erhöhte Herzfrequenz, Blutdruck wird erhöht. Es kann zu
Zittern, Exzitationen kommen. Und wenn Menschen noch
dazu eine Vorschädigung hätten, eine
Kreislaufvorschädigung, kann das zu ernsten Konsequenzen
führen. Das kann letztlich zum Herzstillstand führen, das
kann zum Tod führen.
Die Wissenschaftler haben einen Höchstwert für Kinder und
Jugendliche ermittelt: Demnach überschreitet beispielsweise ein
12-jähriger Junge mit 50 Kilo Körpergewicht schon mit einer 0,5
Liter Dose eines Energy Drinks die unbedenkliche Menge.
Andrew aus Göttingen, heute 14, bekam schon früh schwere
Herzprobleme, nachdem er literweise Energy Drinks konsumiert
hatte.
O-Ton Andrew, Patient:
Angefangen habe ich ungefähr mit zehn, elf. Und dann habe ich
eben mit zwölf, 13 erfahren, dass ich eben so schwer krank bin,
und dass das eben gesundheitsschädlich ist. Und da habe ich
ungefähr damit aufgehört.
Sein Kardiologe behandelt immer häufiger Patienten, zu deren
Lebensalltag Energy Drinks gehören.
O-Ton Dr. Martin Hulpke-Wette, Kinderkardiologe:
Die Schäden am Herzmuskel sehen da so aus, dass der
Herzmuskel immer dicker wird, weil das Herz durch das
Koffein in dem Energy Drink aufgefordert wird, immer mehr
Leistung zu erbringen. Das ist ein Muskeltraining, der aber
dem Herzen überhaupt gar nicht gut tut.
Fast 70 Prozent aller Teenager greifen zu Energy Drinks. Für den
Arzt alarmierende Zahlen. Er fordert ein Abgabeverbot an
Minderjährige.
O-Ton Dr. Martin Hulpke-Wette, Kinderkardiologe:
Aus meiner Sicht ist dringender Handlungsbedarf dort. Und
wenn das ungebremst so weitergeht, dann wird es zu
weiteren Todesfällen kommen. Und irgendwann wird
irgendjemand aufwachen und sagen: Warum hat sich keiner
darum gekümmert.
Das zeigen auch aktuelle Zahlen der französischen
Gesundheitsbehörde. Die verfügt im Gegensatz zu Deutschland
über ein Meldesystem.
Seit 2008 listet die Behörde 257 Fälle unerwünschter Wirkungen
nach dem Konsum von Energy Drinks auf. Zum Beispiel
Herzrasen, erhöhter Blutdruck, Angst- und Panik-Attacken. In 25
Fällen wurde ein kausaler Zusammenhang mit dem Energy Drink-
Konsum als „wahrscheinlich“ oder „sehr wahrscheinlich“
angesehen. Dazu zählte auch hier ein Todesfall durch
Herzstillstand.
Die Grüne Woche in Berlin. Bundesernährungsminister Christian
Schmidt empfängt die deutschen Produktköniginnen.
Verkaufsverbote von Energy Drinks an Minderjährige lehnt er ab.
O-Ton Christian Schmidt, CSU, Bundesernährungsminister:
Meine Institute kommen zu dem Ergebnis, dass eine KoffeinBelastung, die in diesen Energy Drinks drin ist, in dem
Rahmen, wie sie genannt ist, mit Warnhinweisen, ausreichen,
um den Verbraucher zu schützen.
Doch die Warnhinweise sind kaum lesbar, nur mit einer Lupe zu
entziffern. Das reicht nicht, kritisieren Verbraucherschützer.
O-Ton Oliver Huizinga, foodwatch:
Es braucht Regeln, dass der Verkauf eingeschränkt wird,
denn hier sind wirklich stark gefährdete Gruppen dabei, die
besonders viel und besonders häufig diese risikoreichen
Drinks sich hinter die Binde kippen. Da braucht es Regeln
politischer Natur. Das ist nicht mit Warnhinweisen und
Appellen getan.
Selbst EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis schlägt
Alarm. In seiner Zeit als Gesundheitsminister in Litauen setzte er
ein Abgabeverbot an Minderjährige durch.
O-Ton Vytenis Andriukaitis, EU-Gesundheitskommissar:
In manchen Ländern nehmen die Fälle von KoffeinVergiftungen bis hin zum Koma zu. Es ist sehr gefährlich für
die Gesundheit.
Umstritten sind auch die beliebten Energy Shots. Sie sind noch
stärkere Koffein-Getränke. Selbst die will Christian Schmidt nicht
verbieten, obwohl sogar das bundeseigene Institut für
Risikobewertung seit Jahren warnt.
O-Ton Oliver Huizinga, foodwatch:
Warum der Bundesernährungsminister bis heute nicht auf
die eindringlichen Hinweise und Warnungen der Mediziner
der ganzen Welt eigentlich reagiert, ist uns schleierhaft.
Sogar seine eigene Risikoprüfungsbehörde hat im Fall der
Energy Shots schon vor sechs Jahren empfohlen, dass die
Produkte nicht sicher sind und nicht vermarktet werden
sollen. Bis heute ist Herr Schmidt untätig geblieben.
O-Ton Frontal21:
Warum ignorieren Sie das Ergebnis Ihrer eigenen Prüfer?
O-Ton Christian Schmidt, CSU, Bundesernährungsminister:
Ich ignoriere das überhaupt nicht, sondern wir müssen das
in dem Rahmen dessen, was die Regelungen sind, bringen auch europäisch. Wenn sich weitere Entwicklungen ergeben,
auch wissenschaftliche Bewertungen, dann werden die auf
europäischer Ebene auch zu bewerten sein. Ich sehe im
Augenblick keinen Handlungsbedarf.
Minister Schmidt schiebt die Verantwortung auf die Verbraucher.
O-Ton Christian Schmidt, CSU, Bundesernährungsminister:
Ich sehe den Weg über Aufklärung und Information und
Verantwortung der Erwachsenen. Da lasse ich die
Erwachsenen und die Erziehungsberechtigten und die Eltern
und die Lehrer nicht raus.
O-Ton Pressesprecher von Bundesernährungsminister
Christian Schmidt:
Gut vielen Dank! Wir müssen dann leider Schluss machen.
O-Ton Frontal21:
Wenn es dann doch den ersten Toten gäbe, würden Sie das
dann ändern?
Der Pressesprecher bricht das Interview ab.
Marktführer Red Bull reagiert nicht auf unsere Anfrage.
Der Lobbyverband der Industrie teilt uns mit, man sehe keine
sachliche oder rechtliche Grundlage für ein Verbot. Die Drinks
seien bei moderatem Gebrauch unbedenklich.
Auch vom Monster Beverage-Konzern gibt es keine Reaktion.
Die Mutter der toten Anais macht dem Unternehmen schwere
Vorwürfe.
O-Ton Wendy Lane, Mutter von Anais:
Ich würde die fragen, wie die nachts schlafen, mit dem
Wissen, dass ihre Produkte Kinder töten. Aber ich glaube,
das sind so große mächtige Manager, die in großen
Konzernen Millionen verdienen. Meine Tochter ist da nur ein
Betriebsunfall.
Im August beginnt der Prozess gegen den Getränkekonzern. Es
geht um Schadensersatz in Millionenhöhe.
Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur
zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten
unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen
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Seele and Geist
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