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Leonardo - Wissenschaft und mehr

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Leonardo - Wissenschaft und mehr
Sendedatum: 22. Januar 2015
Transition
Mit 18 wird es schwierig – vom Kinderarzt zum Facharzt
von Doris Arp
O-Ton:
„Ich habe den systemischen Lupus erythematodes. Das ist Rheuma der
inneren Organe. Bei mir speziell sind die Nieren betroffen und das ist
eigentlich wie eine Entzündung der Niere sozusagen.“
Sprecherin:
Der komplizierte lateinische Name ihrer Erkrankung kommt Carolin flüssig über die
Lippen. Die 17-Jährige hat seit zwei Jahren diese rheumatische
Autoimmunerkrankung.
O-Ton:
„Ich habe zum Glück keine Schmerzen, aber ich muss sehr starke
Medikamente nehmen, dass es nicht schlimmer wird. Aber Momentan habe
ich zum Glück keinen Schub.“
Sprecherin:
Schwierig genug ist ihr Leben mit dieser plötzlich aufgetauchten chronischen
Krankheit. Erwischt hat es Carolin mitten in der Pubertät. Eine ohnehin schon
herausfordernde Zeit, weiß die Kinder- und Jugendmedizinerin Silvia Müther.
O-Ton:
„Es ist ja so, dass man als junger Erwachsener sowieso schon viele
Entwicklungsaufgaben in dieser Zeit hat. In der Regel ist es so, dass man
sich beruflich orientiert, die Schule geht zu Ende, dass die Loslösung vom
Elternhaus ein riesen Thema ist. Wenn man dann noch eine chronische
Erkrankung mit im Gepäck hat, ist das nochmal eine zusätzliche Aufgabe.“
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen
Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder
vervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.
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Sprecherin:
Etwa 15 Prozent aller Vierzehn- bis Siebzehnjährigen in Deutschland brauchen
dauerhaft eine spezialisierte medizinische Versorgung, erklärt Dr. Silvia Müther. Bei
vielen von ihnen geht viel schief beim Wechsel in die Erwachsenenmedizin.
O-Ton:
„In der Literatur geht man davon aus, dass zwischen 30 und 40 Prozent der
Kinder und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen Probleme bei diesem
Wechsel haben können. Das kann dann dahin gehen, dass sie für längere
Zeit gar nicht mehr in der Betreuung sind. Dass sie die Behandlung
unterbrechen. Es ist für Jugendliche und junge Menschen schwierig, sich
vorzustellen, dass es Folgen geben kann, die in 20,30,40 Jahren relevant
werden können, wenn ich keine gute Behandlung mache.“
Sprecherin:
Der Rauswurf aus der Kindermedizin bedeutet auf jeden Fall den Abschied von
einem sehr umfassenden und fürsorglichen Hilfesystems. Wer hier mal seinen
Termin vergisst, wird angerufen, um einen neuen zu machen. Vergleichbares gibt es
in der Erwachsenenmedizin nicht.
O-Ton:
„Ich bin da schon sehr traurig drüber. Ich fühle mich hier schon sehr wohl. Ich
hab zu den Ärzten ein gutes Verhältnis und ich finde die Klinik an sich auch
toll. Ich hab mich hier immer gut aufgehoben gefühlt. Ich werde dann nur
noch eine von vielen sein. Und da habe ich schon Angst vor. Ja.“
Sprecherin:
Der Kinderrheumatologe hat mit Carolin schon besprochen, wie es künftig weiter
gehen wird. Die 17-Jährige hat Glück. Sie wird nach ihrem 18. Geburtstag weiter an
der Uni-Klinik Düsseldorf behandelt. Dann allerdings nicht mehr von Dr. Laws,
sondern von Kollegen der Inneren-Medizin.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen
Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder
vervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.
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O-Ton:
„Dann ist es natürlich so, dass bei dem ersten Termin beide Ärzteteams
zusammen sein sollten, um sich da auch auszutauschen mit Carolin
zusammen natürlich. Und dass man danach nochmal wechselseitige
Konsultationen hat, wo wir als Kinderärzte die Rückmeldung bekommen,
funktioniert das, müssen wir vielleicht nachhaken, noch mal sprechen, was
kann man da verbessern.“
Sprecherin:
Der Rheumatologe nimmt die Verantwortung für seine junge Patientin sehr ernst.
Aber das ist sein persönliches Engagement. Das Gesundheitssystem sieht eine
solche übergreifende Betreuung der Kinderärzte nicht vor. Transition, so der
Fachbegriff für den Wechsel aus der Kinder- in die Erwachsenenmedizin, gibt es in
der Vergütungsstruktur der Krankenkassen nicht. Dabei bräuchten viele junge
Patienten eine Unterstützung beim Übergang, meint die Kinder- und
Jugendmedizinerin Silvia Müther. Bei Diabetes, Epilepsie und Asthma seien die
Strukturen noch ganz gut, bei seltenen Erkrankungen und Behinderungen aber nicht.
O-Ton:
„Dann gibt es Erkrankungen, wie die Mukoviszidose, die jetzt erst eine
relevante Anzahl von Menschen hat, die erwachsen werden mit dieser
Erkrankung. Und dann gibt es noch eine Gruppe von Erkrankungen, wo die
Menschen von vornherein gar nicht autonom leben können. Also die ganzen
psychosozialen Erkrankungen beziehungsweise wo die Menschen sehr stark
eingeschränkt sind.“
Sprecherin:
Menschen mit einer geistigen Behinderung beispielsweise. Sie brauchen Ärzte mit
viel Erfahrung, die sich auch auf andere Formen der Kommunikation verstehen.
Solange die Patienten Kinder sind, werden sie in sogenannten Sozialpädiatrischen
Zentren unter einem Dach komplex versorgt. Vergleichbares gibt es in der
Erwachsenenmedizin gar nicht. Um diese Probleme bundesweit anzugehen, wurde
2012 die Deutsche Gesellschaft für Transition gegründet. In Berlin gibt es an DRKKliniken schon seit sechs Jahren ein funktionierendes Modell, das die Kinder- und
Jugendmedizinerin Silvia Müther leitet.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
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Das Projekt wird von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt und von einigen
Krankenkassen finanziert.
O-Ton:
„Das Kernelement des Berliner Transitionsprogramms ist ein professionelles
Case-Management, um eine Nachhaltigkeit zu sichern. Das heißt, wenn die
Jugendlichen den Wechsel gemacht haben, von der einen Einrichtung in die
nächste, soll es eine übergreifende Struktur geben, die weiterhin zuständig ist
und alle Fäden in der Hand behält.“
Sprecherin:
Im Berliner Transitions-Modell hat jeder chronisch kranke Jugendliche einen
persönlichen Begleiter, der zwei Jahre lang beim Übergang hilft. Gestartet wird mit
einem ausführlichen Vorbereitungsgespräch zwischen Kinderarzt und Patientin.
Darin geht es um Informationen zur Erkrankung und zum Gesundheitssystem und
um Vorschläge wo und wie die weitere Behandlung erfolgen soll. Der Kinderrheumatologe Hans-Jürgen Laws würde sich ein solches Programm auch für
Nordrhein-Westfalen wünschen. Noch hänge hierzulande alles vom Engagement
einzelner Ärzte ab.
O-Ton:
„Da sind zurzeit aufgrund unterschiedlichster Probleme, auch Finanzierung,
aber auch wie man diese Übergänge optimiert gestaltet, noch viele Wünsche
offen.“
Sprecherin:
Carolin ist zuversichtlich, dass sie mit der Hilfe ihres Kinderarztes einen guten
Übergang schaffen wird.
O-Ton Carolin:
„Es gibt da schon Gespräche. Und wenn das von Seiten der
Erwachsenenmedizin auch klappt, dann sollte das kein Problem werden. Das
hängt alles von den Erwachsenen ab, sozusagen.“
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2015
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