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SERIE „BESSER LEBEN“
SERIE
Einfach noch mal von
vorn anfangen
Teil 2:
Glück
Seite 44
2 5 . J A N U A R 2 015 | N R . 4 | W | 2 , 6 0 €
Deutschlands große Sonntagszeitung
Gegründet 2010
Das
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Böse
in uns
allen
Jeder Mensch hat die
Anlagen zu Brutalität,
Niedertracht und Gewalt.
Nur bei manchen werden
sie wirksam – nach ganz
bestimmten Mustern
Seiten 6 bis 9
Wie unser Land
zum Öko-Getto
wurde Seite 26
CHAOS-AIRPORT
Mehdorn über
Berlins große
Fehler Seite 16
ASTRONOMIE
Und was, wenn
uns ein Asteroid
trifft? Seite 22
GIGOLO AUF SEE
Der Mann, der
die Einsamkeit
vertreibt Seite 20
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WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
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4 Die Welt im Überblick
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
NACHRICHTEN DER WOCHE
20 Tote bei Angriff auf Hafenstadt Mariupol
Der Krieg in der Ostukraine weitet sich aus: Nach einer
Intensivierung der Kämpfe in den Rebellenhochburgen Donezk
und Lugansk wurde am Samstag auch die Hafenstadt Mariupol
von den Kämpfen erfasst. Nach Angaben der Regionalpolizei der
strategisch wichtigen Stadt am Asowschen Meer schlugen Raketen auf einem Marktplatz in einem dicht besiedelten Viertel ein
und töteten mindestens 20 Menschen. Mehr als 80 Menschen
wurden verletzt. Prorussische Separatisten haben sich zu dem
Anschlag bekannt.
UKRAINE
Wulff vertritt Merkel bei Trauerfeier
Nach
dem Tod des saudi-arabischen Königs Abdullah
ist Deutschland bei den
Kondolenzbesuchen internationaler Politiker am
Samstag offiziell von
Altbundespräsident
Christian Wulff vertreten
worden. Dabei kam Wulff
zugute, dass andere Kandidaten verhindert waren: Bundespräsident Joachim Gauck feierte seinen 75. Geburtstag, Kanzlerin
Angela Merkel war schwer erkältet. Und eine Teilnahme von
Außenminister Frank-Walter Steinmeier an der Zeremonie in
Riad wäre von den Saudis protokollarisch nicht als angemessen
Kommentar Seite 24
bewertet worden.
SAUDI-ARABIEN
SPD-Chef Gabriel nähert sich Pegida an
Überraschend hat Vizekanzler Sigmar Gabriel an einer
Diskussion mit Pegida-Anhängern teilgenommen. Er sei als Privatmann gekommen, um zuzuhören, sagte Gabriel am Freitag in
Dresden. Der SPD-Chef unterhielt sich nach der Veranstaltung
etwa eine Stunde lang mit Anhängern des islamkritischen Pegida-Bündnisses. Zu der Veranstaltung der Landeszentrale für
politische Bildung waren rund 200 Menschen gekommen. Die
SPD ist sich uneins über den Umgang mit Pegida. Während Generalsekretärin Yasmin Fahimi eine Teilnahme an solchen Veranstaltungen als „falsches Zeichen“ bezeichnete, zeigte sich
Fraktionschef Thomas Oppermann offen für den Dialog.
DRESDEN
Gefährliche Keime in Kieler Krankenhaus
Nach der Ausbreitung von gefährlichen Bakterien in der Kieler Uniklinik sind fünf schon zuvor schwer Erkrankte gestorben. Ob jeweils die Vorerkrankungen oder auch
die multiresistenten Keime den Tod verursacht oder mitverursacht haben, sei eine offene Frage, sagte der Chef des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel, Prof. Jens Scholz. Die
Toten waren zwischen 14 und 80 Jahre alt. Insgesamt infizierten
sich mehr als 19 Patienten mit dem gleich gegen vier Antibiotikagruppen resistenten gramnegativen Bakterium Acinetobacter
baumannii, das sich auch durch die Luft verbreiten kann.
MULTIRESISTENT
ZAHLEN DER WOCHE
TITEL: GETTY IMAGES (4); DOMINIK BUTZMANN; KATRIN BINNER; SEITE 4-5: AP (5); GETTY IMAGES; DPA
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Briten trinken mehr
Sieg für Stehpinkler
Ziel verfehlt
Vergleich Wer reserviert häufiger
Liegestühle, wer trägt öfter Socken
in Sandalen, wer säuft mehr im
Urlaub? Jede Menge Klischees gibt
es über Briten und Deutsche auf
Reisen. Eine Umfrage von travelsupermarket belegt und widerlegt
einige davon. Die Briten sichern
sich demnach doppelt so häufig
ihre Sonnenliegen mit Handtüchern
wie Deutsche. Dafür glaubt einer
von zehn Deutschen immer noch,
es sei völlig okay, Socken in Sandalen zu tragen. Deutsche Reisende
geben 23 Prozent mehr aus für ihre
Urlaube als die britischen, nämlich
2113 Euro, fliegen weiter und bleiben
mit zwölf zu zehn Tagen länger weg.
Dafür geben 25 Prozent der Briten
zu, im Urlaub deutlich mehr zu
trinken. Bei den Deutschen sind es
nur neun Prozent.
Urteil Mieter dürfen auf der Toilette ihrer Wohnung im Stehen
pinkeln. Dies gehöre zum vertragsgemäßen Gebrauch, entschied das
Düsseldorfer Amtsgericht und gab
damit einem Mieter recht, der auf
Auszahlung von 3000 Euro Kaution
geklagt hatte. Der Hausbesitzer
wollte 1900 Euro einbehalten, weil
der Marmorboden der Toilette
durch Urinspritzer abgestumpft
war. In der Urteilsbegründung heißt
es zum Stehpinkeln: „Jemand, der
diesen früher herrschenden Brauch
noch ausübt, muss zwar regelmäßig
mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit – insbesondere weiblichen – Mitbewohnern,
nicht aber mit einer Verätzung des
im Badezimmer oder Gäste-WC
verlegten Marmorbodens rechnen“,
(Az.: 42 c 10583/14).
Ankunft 80 Prozent der Fernzüge
sollten pünktlich sein, so das Ziel
der Bahn, das sie mit 76,5 Prozent
verfehlte (2013: 73,9 %). Genannte
Gründe für Verspätungen: Streik,
Wetter, Kabelklau, Brandanschläge.
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VERSPÄTUNG BEI DER BAHN
Anteil der pünktlichen Züge in Prozent
(weniger als 6 Minuten zu spät)
100
95
Nahverkehr
90
85
94,9
93,8
81,2
80
76,5
75
Fernverkehr
70
2009
2014
QUELLE: BAHN
WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
Die Welt im Überblick 5
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
ZITATE DER WOCHE
Bilder der Woche
DOPPELLEBEN IN PAKISTAN Tagsüber
verkauft Waseem Akram Handyzubehör in
einem kleinen Straßenladen im pakistanischen Rawalpindi. Abends rasiert er sich
den Bart ab, trägt Kajal auf, Mascara und
Rouge, steigt in seine Leggings und in das
leuchtend rote Festkleid – der 27-Jährige
wird zu Rani, der Hochzeitstänzerin. Auf
großen Feiern, aber auch im privaten Rahmen verdient er so Geld. „Ich bin nicht
transgender“, sagt Waseem. „Ich bin ein
Mann, der gerne tanzt und der Geld
braucht, um ein besseres Leben zu führen.
Als Frau kann ich das.“ Die Hijras, das dritte
Geschlecht, nicht Mann, nicht Frau, treten
in Pakistan traditionell auf Hochzeiten auf,
sie tanzen und segnen das Brautpaar. Ihre
Fürbitten sollen besonders wirksam sein.
So willkommen sie auf Hochzeiten sind, so
schwer ist das alltägliche Leben in der
streng muslimischen Gesellschaft für jene
Hijras, die sich auch tagsüber zur Transsexualität bekennen. Viele werden von ihren Familien verstoßen, sie leben am Rande
der Gesellschaft und landen oft in der Prostitution. Geschätzt mehr als 800.000 Hijras
gibt es in Pakistan. Waseem Akram hat seinen Freunden und Kollegen nichts von seinem Nachtleben erzählt.
„Bei jedem meiner drei Kinder hatte
ich das Gefühl, einen Sohn gezeugt zu
haben. Bekommen habe ich drei
Töchter, deshalb lasse ich mich von
Gefühlen nicht mehr leiten“
Bayern Münchens Co-Trainer HERMANN GERLAND auf die Frage,
welches Gefühl er für die Bundesliga-Rückrunde habe
„Wenn es an
einem Tag
gar nicht
läuft, dann
läuft’s einfach
nicht“
Deutschlands beste Tennisspielerin
ANGELIQUE KERBER nach
ihrem Erstrunden-Aus bei den
Australian Open
„Wer empathisch ausruft:
,Wir sitzen alle in einem Boot!‘,
will meistens nur gerudert werden“
Der Präsident des Bundesverfassungsgericht,
ANDREAS VOSSKUHLE, kritisiert den inflationären
Gebrauch des Begriffs „Solidarität“
KUNDENSERVICE
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asiatisch aussehende Puppe für 24,99 Pfund. Ein Fehler bei der Preisauszeichnung, entschuldigte sich Argos nach Rassismusvorwürfen.
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Anklage „Knöllchen-Horst“, ein
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verklagte den früheren Erotik-Star
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JAHRE
Bart ab Mehr als 3300 Jahre ging alles gut, doch
jetzt hat die Maske des Pharaos Tutanchamun
eine mächtige Macke. Wie bekannt wurde, ist bei
ihr vergangenes Jahr im Ägyptischen Museum in
Kairo beim Reinigen der Bart abgebrochen – und
rasch mit Kunstharz angeklebt worden. An die
dilettantische Reparatur erinnern eine Lücke
zwischen Gesicht und Bart sowie Kratzer auf der
Maske vom Auftragen des Klebers.
Einkauf Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland haben laut
einer Bitkom-Umfrage 2014 Lebensmittel über das Internet bestellt. Das
entspricht rund 28 Prozent und
einer Verdreifachung im Vergleich zu
2011. Beliebteste Bestellobjekte sind
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Kein Spaß: Wenn die
Angst vor dem Terror
überhandnimmt Seite 10
Rührend: Die Odyssee
eines siebenjährigen
Flüchtlingsjungen Seite 12
PSYCHOLOGIE
Das
Modekette Primark:
So leiden die
Mitarbeiter Seite 18
Böse in
Jeder Mensch ist zu
fürchterlichen Taten
fähig, auch wenn nur die
wenigsten zum Verbrecher
werden. Wissenschaftler
auf der Suche nach dem
Bösen – von Fanny Jiménez
H
Handgeschrieben war der Brief, zweifelsohne echt. „Liebe Mama, lieber Papa“, stand dort. „Ich habe mich entschlossen fortzugehen, um unabhängig zu sein. Ich bin
bei Leuten, die auf mich aufpassen, also in Sicherheit.
Ihr müsst Euch keine Sorgen machen oder nach mir suchen. Das ist meine Entscheidung – denn schließlich ist
es ja auch mein Leben.“ Erst 24 Jahre später wurde klar:
Elisabeth Fritzl, die als 18-Jährige plötzlich aus dem kleinen Ort Amstetten in Österreich verschwand, hatte die
Zeilen im Keller ihres Elternhauses geschrieben. Es war
der Keller, den ihr Vater Josef Fritzl zu einem mehrfach
gesicherten Gefängnis ausgebaut hatte. Um seine Tochter dort einzukerkern, um sie hungern zu lassen, zu foltern und tausendfach zu vergewaltigen.
Als das Verbrechen im April 2008 ans Tageslicht
kam, machte sich Fassungslosigkeit breit. Wie konnte
sich in einem Menschen der angesehene Geschäftsmann, der Fritzl oberhalb der Erde war, so perfekt mit
dem Sadisten vermischen, der er in seinem unterirdischen Reich war?
Nicht jeder ist zu Taten solcher Tragweite fähig.
Aber das Potenzial, andere zu beschränken, ihnen zu
schaden, wehzutun, das steckt in jedem Menschen.
Reinhard Haller versteht das Unwohlsein bei dem Gedanken, das Böse auch in sich selbst zu tragen. Mehr
als 300 Mörder hat der Gerichtspsychiater auf ihre
Schuldfähigkeit begutachtet. „Die meisten von uns
sind zu weitaus mehr Bösem fähig, als sie sich selbst
vorstellen können. Wenn wir etwas über Verbrecher lesen, dann ahnen wir, dass so etwas zumindest in Ansätzen auch in uns steckt, weil es uns gespiegelt wird.“
Gern grenzt man sich deshalb von Gewaltverbrechern
ab, personifiziert das Böse, gibt ihm einen Namen.
Josef Fritzl ist ein solcher Name. Mit ihm sprach
Heidi Kastner, ebenfalls Gerichtspsychiaterin, aus
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DEUTSCHLAND & DIE WELT
uns allen
GETTY IMAGES; ILLUSTRATION: STEPHANIE KOCK; CHRISTINE KENSCHE; DPA PICTURE-ALLIANCE / PETER STEFFEN
Linz. Insgesamt fast 30 Stunden lang. Sie befragte ihn
zu seiner Tat, zu seiner Kindheit. Hörte, dass die alleinerziehende Mutter eigentlich kein Kind wollte,
ihn oft schlug, ihn von anderen isolierte, ihn tagelang
allein zu Hause ließ, ohne zu sagen, ob und wann sie
wiederkäme. Josef Fritzl, als Kind ausgeliefert, wurde
zu einem Menschen, der beherrschen wollte. Als seine
Tochter in der Pubertät aufmüpfig wurde und mehrfach von zu Hause ausriss, fasste er seinen Entschluss. Heidi Kastner glaubt, dass jeder Mensch
grundsätzlich in der Lage dazu ist, ein Gewaltverbrechen zu begehen. „Aber ich glaube nicht, dass jeder
dazu fähig ist, schwere Gewaltverbrechen derart zu
planen und auch auszuführen“, sagt sie. Bis zu 16 Prozent aller Kinder werden geschlagen, weitere zehn
Prozent werden vernachlässigt, gedemütigt, erniedrigt, und etwa 15 Prozent aller Jungen und Mädchen
werden sexuell missbraucht. Doch nicht alle von ihnen werden später zu Schwerverbrechern.
GEWALT ALS MITTEL Bei den meisten Menschen,
auch jenen mit schlimmen Kindheitserfahrungen, werden aggressive Impulse in Schranken gehalten. Durch
die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, zum Mitgefühl und
durch die Akzeptanz moralischer Grundsätze. Wenn
aber eine oder sogar alle dieser Fähigkeiten versagen,
steigt das Risiko. Experten unterscheiden bei Intensivstraftätern drei Typen. Instrumentelle Täter, sie machen etwa 30 Prozent aus, sehen Gewalt als Strategie,
um Konflikte zu lösen. Sie sind in einem Umfeld aufgewachsen, das sie gelehrt hat: Gewalt ist überlebenswichtig, effektiv und wird belohnt. Das ist zum Beispiel
in Kriegsgebieten oft der Fall.
Die zweite Gruppe besteht aus impulsiven, chronischen Gewalttätern. Sie leiden an einer antisozialen
Persönlichkeitsstörung, fallen schon als Kinder auf,
weil sie stehlen oder das Eigentum anderer zerstören.
Sie wissen, dass ihre gewaltsamen Ausbrüche ihnen
langfristig eher schaden, ändern aber ihr Verhalten
nicht. Etwa 60 Prozent aller Intensivstraftäter fallen in
diese Kategorie. Sie fühlen sich schnell bedroht, rasten
schnell aus. Ihr Mitgefühl mit anderen hält sich in
Grenzen, ihr Selbstwert ist leicht angreifbar.
Reinhard Haller glaubt, dass gerade diese Verwundbarkeit bei den impulsiven Tätern starke Aggressionen
triggern kann. Fast allen Verbrechen, glaubt er, liegt eine tiefe Kränkung zugrunde. Auch Heidi Kastner sagt,
bei vielen Familientragödien oder Amokläufen habe es
zuvor eine Verletzung des Selbstwertes gegeben, oft sogar auf mehreren Ebenen: Job, Familie, Partnerschaft.
Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung sind dafür besonders anfällig. Sie fühlen sich als
Opfer, während alle anderen in ihnen die Täter sehen.
Neben einer problematischen Kindheit finden sich
bei diesen Menschen häufig Auffälligkeiten im Gehirn.
Neurowissenschaftler konnten zeigen, dass impulsive
Gewalttäter Veränderungen in der Anatomie und Funktion des präfrontalen Kortex, einem Areal hinter der
Stirn, aufweisen. Anders als bei anderen Menschen
hemmt das Areal bei ihnen aggressive Impulse nicht.
Darüber hinaus ist bei diesen Tätern die Stressverarbeitung gestört: Der Mandelkern, für die emotionale Bewertung von Reizen zuständig, ist hyperaktiv. Das führt
dazu, dass sich das Gefühl, bedroht zu werden, viel
schneller einstellt als bei anderen Menschen. Und
schließlich ist das Lernen aus Erfahrung eingeschränkt,
wie Niels Birbaumer vom Universitätsklinikum Tübingen herausfand. Der Forscher zeigte Schwerverbre» Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite »
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8 Deutschland & die Welt
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
3 von 4
60%
KEINE EMPATHIE Die meisten Intensivstraftäter, 60 Prozent, haben eine antisoziale Persönlichkeitsstörung. Sie sind
impulsiv, fühlen sich schnell von anderen
bedroht und haben wenig Mitgefühl
GRUPPENDYNAMIK Drei von vier Kämpfern, die aus dem Westen freiwillig in den
Syrienkrieg ziehen, sind von ihren Freunden
angeworben worden oder ziehen gemeinsam mit Freunden los.
35x
20 Staaten
1/4
BRUTALES ZEITALTER Die Mordrate
in Europa war am Ende des Mittelalters
noch 35-mal so hoch wie im zwanzigsten Jahrhundert.
RELIGION Die Zahl der Länder mit gewaltsamen religiösen Konflikten stieg in den Jahren seit 2012 laut Pew Research Center um 40
Prozent – auf 20 Staaten. Die Gewalt ging fast
immer von islamistischen Gruppen aus.
VORBELASTET Bis zu 25 Prozent der
Bevölkerung weisen dem US-Neurowissenschaftler James Fallon zufolge Veränderungen im Gehirn auf, die Schwerverbrecher haben – ohne, dass all diese
Menschen Verbrechen begehen.
10:1
MÄNNER begehen den Großteil aller
Gewaltverbrechen. Bei Tötungsdelikten
kommt auf zehn männliche Täter nur
eine Frau, die einem anderen Menschen das Leben genommen hat
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» Fortsetzung »
chern menschliche Gesichter und klemmte gleichzeitig
einen ihrer Finger ein. Eine Kombination, die die Gesichter unsympathisch werden lassen sollte – aber nicht
bei diesen Tätern. Sie lernten aus ihrer Erfahrung nicht.
Kein Lernen nach Bestrafung oder Belohnung, eine
Unempfindlichkeit gegenüber sozialen Sanktionen, das
ist auch typisch für die Psychopathen, mit zehn Prozent
die kleinste, aber gefährlichste Gruppe. Ihr Mandelkern
ist nicht hyperaktiv, sondern völlig still. Psychopathen
empfinden so gut wie keine Angst. Auch sie fallen bereits im Grundschulalter auf. Sie sind manipulativ, gefühlskalt, lügen, fühlen weder Reue noch Scham.
GENETISCH VORBELASTET Adoptionsstudien zeigen, dass es bei impulsiven Tätern und Psychopathen
eine genetische Anfälligkeit gibt. Verschiedene Genvarianten scheinen dabei eine Rolle zu spielen – aber besonders viel diskutiert wurde eine Mutation des Enzyms MAOA, das auch als „Krieger-Gen“ bekannt ist.
Die Mutation erhöht die Neigung zu aggressivem Verhalten und wird häufig bei impulsiven Tätern gefunden.
Träger der MAOA-L-Variante zeigen eben jene Hyperaktivität des Mandelkerns und verringerte Aktivität des
präfrontalen Kortex, der für diese Tätergruppe typisch
ist. Doch eine genetische Vorbelastung reicht nicht, um
einen Menschen zum Schwerverbrecher zu machen,
wie der Psychologe Avshalom Caspi von der Duke University nachwies. Kinder mit der MAOA-L Variante werden nur dann eher aggressiv als andere, wenn Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch dazukommen. Genetische Vorbelastungen und veränderte Hirnfunktionen allein machen niemanden zum Mörder, Vergewaltiger oder Amokläufer. Eine sichere Bindung und
ein warmes, förderndes Umfeld in der Kindheit können
also effektiv gegensteuern, bei allen Tätertypen.
Ist es dafür zu spät, versuchen Forscher, die Defizite
der Schwerbrecher auszugleichen – mit Trainings, die
ihr Gehirn umlernen lassen sollen. Die instrumentellen
Täter profitieren von einem Training in Konfliktlösung.
Den impulsiven hilft es, ihre Empathie zu stärken und
zu lernen, nicht überall Bedrohungen zu sehen.
Einzig bei den Psychopathen waren Wissenschaftler
lange hilflos. Die Gefühlskälte dieser Täter schien sie
unerreichbar zu machen. Niels Birbaumer hat nun einen ersten Erfolg dabei errungen, ihre Aggressivität herunterzufahren. Im Hochsicherheitsgefängnis im bayrischen Straubing rekrutierte er 25 Täter für eine Übung
in einer Technik namens Neurofeedback. Auf einem
Bildschirm wurde den Gefangenen die hirnelektrische
Aktivität in ihrem präfrontalen Kortex widergespiegelt,
wo die Selbstkontrolle sitzt. Birbaumer bat sie, die Aktivität zuerst einfach zu beobachten – und dann zu versuchen, sie zu steuern. „Sie brauchen länger als andere
Menschen, aber sie lernen es“, sagt Birbaumer. Nach
dem Training ging die Aggressivität der Männer zurück.
Ob das bedeute, dass von diesen Leuten ein geringeres
Risiko ausgeht, das könne er allerdings nicht beantworten. Es ist ein erster Erfolg – und mehr, als Forscher
sich noch vor ein paar Jahren erhofften.
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WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
Deutschland & die Welt 9
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Angriff nur im Rudel
Was treibt Menschen zum Töten, zum Terror? Ein Historiker, ein
Anthropologe und ein Philosoph geben Antwort – von Wiebke Hollersen
V
ielleicht
braucht
man einen Anthropologen, um den Dschihad zu verstehen.
Die Erzählungen
über das Aufwachsen der
Dschihadisten lassen einen
meist ratlos zurück, auch
nach den Anschlägen von
Paris ist es so. Die Brüder
Kouachi wuchsen in einem
Kinderheim auf, das wie
ein Palast aussieht und im
Grünen liegt, niemand
hielt sie für schwer erziehbar. Coulibaly, der Mörder
aus dem koscheren Supermarkt, hingegen fing schon
als Teenager an zu klauen.
Die terroristische Tat erklärt
sich selten in den Lebensgeschichten der Terroristen. Die
jungen Männer und Frauen, die
sich dem „Islamischen Staat“ anschließen, sind nicht alle psychisch
gestört. Ebenso wenig waren die Soldaten aus den deutschen Einsatzgruppen,
die im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa zwei
Millionen Juden erschossen, allesamt Sadisten
und Psychopathen. Auch Menschen, die allein nie
grausam handeln würden, werden in Gruppen zu Gewalttätern. Menschen verhalten sich gern konform und
widersetzen sich Anweisungen nur schwer.
Auf der Suche nach dem Wesen des Dschihadisten
reiste der Anthropologe Scott Atran nach Jemaa Mezuak, ein heruntergekommenes Viertel in der Stadt
Tétouan im Norden von Marokko, und nach Sidi Moumen. Das ist ein Slum in der Stadt Casablanca. Aus Jemaa Mezuak kamen fünf Hintermänner der Anschläge
auf die Pendlerzüge im Jahr 2004 in Madrid, bei denen
191 Menschen starben, aus Sidi Moumen die Verantwortlichen einer Serie von Bombenanschlägen. Atran
ist auch Psychologe, er hat Sicherheitsleute im Weißen Haus beraten und Verhandlungen im Nahostkonflikt begleitet. Seit Langem erforscht er die Ideologien
und den sozialen Zusammenhalt von Terroristen und
ihren Helfern. In Marokko befragten Atran und sein
Team 260 Menschen – je zur Hälfte Männer und Frauen, im Durchschnitt 25 Jahre alt – zu ihren Werten, ihrer Identität und danach, wie weit sie im Kampf für
die Scharia gehen würden. Würden sie Gewalt anwenden, sterben für die religiösen Gesetze des Islams?
FREUNDSCHAFT UNTER GEWALTTÄTERN Terrorgruppen werden durch Freundschaft zusammengehalten. Wenn der Einzelne seine Identität nicht mehr
trennt von der seiner Freunde, Atran spricht von „Identitätsfusion“, und wenn eine Idee zu einem „heiligen
Wert“ wird, wichtiger als das eigene Leben, als die Sorgen der Gegenwart, dann sind Menschen zu hohen Opfern bereit. „Die Hingabe an eine heilige Sache, in Verbindung mit einer bedingungslosen Verbrüderung mit
„
„Ein hoher Zusammenhalt
war notwendig, um Gewalt
auszuüben, die Mitglieder
verschmolzen durch
Kriegstänze oder Paraden
emotional miteinander“
„Die meisten von uns
sind zu weitaus mehr
Bösem fähig, als sie sich
selbst vorstellen können
GETTY IMAGES/SCIENCE PHOTO LIBRARY RF
den Kameraden kann dazu führen,
dass eigentlich schwächere Gruppen
besser ausgestatteten Gegnern widerstehen
können“,
schreibt
Atran.
Auch die Geschichtswissenschaft kann helfen, den Dschihad zu verstehen, indem sie
den Blick auf Terrorgruppen
der Vergangenheit richtet.
Auf Krieger aus dem spätrömischen Reich, Räuberbanden, Söldner der frühen Neuzeit, Warlords in Afrika. Eine
Forschergruppe, der Winfried Speitkamp angehört,
Professor für Geschichte an
der Universität Kassel, untersucht „Gewaltgemeinschaften“.
Über Jahrhunderte und Kontinente hinweg haben sie erstaunliche Gemeinsamkeiten entdeckt.
Die Gruppen übten Gewalt aus, um
sich zu bereichern, um an die Macht
oder Land zu gelangen. Ein hoher innerer Zusammenhalt war notwendig, um
Gewalt auszuüben, die Mitglieder verschmolzen durch Kriegstänze oder Paraden
emotional miteinander.
Die Gruppe ist wichtiger als der Einzelne, noch
wichtiger sind: die gemeinsamen Werte. Oder das, was
die Mitglieder zu Werten erklären und überhöhen, bis
es die Gemeinschaft durch die Grausamkeit trägt.
„Gruppen, die gemeinsam Gewalt ausüben, brauchen
etwas, was sie zusammenhält. Die Gewalt allein trägt
auf Dauer nicht“, sagt Speitkamp. Also berufen sie sich
auf die Ehre der Familie, erklären sich zu einem Volk
oder stellen sich in den Dienst einer Religion. „Es gibt
keine spontane, unerklärliche Gewalt“, sagt Speitkamp. Selbst Eskalationen ließen sich aus der Gruppendynamik erklären. „Das Wertesystem verschiebt
sich komplett.“
Detlef Horster war Professor für Philosophie in Hannover, er ist im Ruhestand, das „radikal Böse“ beschäftigt ihn weiter. Das Böse ist, philosophisch betrachtet,
„von der Moral abweichendes Verhalten“, sagt Horster.
Das radikal Böse geht darüber hinaus – es setzt die Moral außer Kraft. Die alten Gebote gelten nicht mehr. Eine neue Ordnung tritt an ihre Stelle, eine Religion, eine
Ideologie. Hannah Arendt habe diesen Mechanismus,
„die Negation der Moral als solcher“, beschrieben, als
sie über die Verbrechen der Nazis nachdachte. Der Ansatz helfe auch, die Grausamkeit des „Islamischen
Staats“ zu begreifen, sagt Horster. Die Ideologie, die die
Moral außer Kraft setzt, folge stets drei einfachen Sätzen: „Die Welt war früher besser. Die Welt ist dekadent
geworden. Wir versprechen eine bessere Zukunft.“ Und
die Ideologen verweigern jegliche Diskussion.
Wer dem Bösen vorbeugen will, kann den Einzelnen
in seiner Identität und das Gewaltmonopol des Staates
stärken. Und vor allem eine Gesellschaft schaffen, die
Meinungen zulässt, die gern und viel diskutiert.
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10 Deutschland & die Welt
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Der Terror
in unseren
Köpfen
Islamistische Gewalt kann unserer
Demokratie nichts anhaben, beteuerten
Politiker nach den Anschlägen von Paris.
Doch es finden sich immer mehr
Beispiele für Angst und Hysterie
– von Claus Christian Malzahn und Eva Marie Kogel
ALDISEIFE
Es muss ein besonders findiger Produktdesigner gewesen sein, der für Aldi Süd eine Verpackung für die Flüssigseife namens Ombia 1001-Nacht entworfen hat: Auf dem Etikett sind
die Minarette einer Moschee zu sehen. Mit dieser Verpackung stand die Seife eine ganze
Zeit in den Regalen der Supermarkt-Kette. Das änderte sich jedoch in der vergangenen
Woche. Da war auf der Facebook-Seite des Discounters die Beschwerde eines Kunden zu
lesen. Der bat darum, das Etikett der Seife zu ändern und die Moschee, „ein religiöses Symbol“, künftig nicht mehr zu nutzen. Aldi Süd reagierte prompt und sicherte zu, die Seife nun
aus dem Sortiment zu nehmen: „Es tut uns leid, dass es bei Ihnen aufgrund der Gestaltung
unserer Seife zu Irritationen gekommen ist. Bitte seien Sie versichert, dass dies keinesfalls
unsere Absicht gewesen ist.“ Dass die Abbildung stark an die Hagia Sophia erinnert, die bis
1453 eine christliche Kirche war, bis 1934 eine Moschee und heute ein Museum ist, schien
weder beim Beschwerdeführer noch bei Aldi Süd eine Rolle zu spielen.
NO CARTOONS
Der Streit wird grundsätzlich und transatlantisch geführt: Hat Feigheit, Prinzipientreue oder übersteigerte Political
Correctness die Redaktion der altehrwürdigen New York Times (NYT) dazu
bewogen, die Karikaturen aus „Charlie
Hebdo“ nicht zu drucken? Zwar berichtete das Blatt breit über den Terror von
Paris. Wer sich als Leser aber informieren wollte, wie die
Mohammed-Karikaturen eigentlich aussahen, suchte in der
NYT vergeblich. Den Vorwurf, sie hätte vor dem Terror gekuscht, bestreitet das Blatt: „Gemäß unserer Richtlinien
veröffentlichen wir normalerweise keine Bilder oder andere
Materialien, die absichtlich religiöse Gefühle beleidigen“,
hieß es zur Begründung. Man habe sich entschieden, die
Karikaturen zu beschreiben, statt sie zu zeigen. Schon während der Kontroverse um die Mohammed-Cartoons in der
dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ verzichtete die
NYT auf einen Abdruck.
Z E I T U NG
SCHWEINEREI
Die Oxford University Press hat Autoren aufgefordert,
mit Rücksicht auf religiöse Gefühle in Bild und Text
auf Schweine und Würstchen zu verzichten. Der Hintergrund eines entsprechenden Leitfadens: Die Schulkinderbücher sollen vor allem in islamische Länder
verkauft werden. Aber auch auf jüdische Kunden
wolle man mit dem Schweineverbot Rücksicht nehmen. Als die Regelungen vergangene Woche in einer
Radio-Show vorgelesen wurden, platzte vielen Abgeordneten des Unterhauses in London der Kragen. Als
„absoluten Quatsch“ bezeichnete Philipp Davies die
Vorgaben des Verlags. Zwar sei im Judentum das
Essen von Schweinefleisch verboten, nicht aber die
Darstellung und Erwähnung der Tiere. Die Oxford
University Press bleibt trotzdem bei ihrem Leitfaden.
Der Verlag macht mit Schulbüchern in der arabischen
Welt viel Geld.
ILLUSTRATIONEN: STEPHANIE KOCK
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Deutschland & die Welt 11
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BURKAVERBOT
ANGST IN HANAU
KARNEVAL OHNE
MOHAMMED
„Ich geh als Kardinal“: Wenn am Rhein Karneval
gefeiert wird und die Jecken mit Umzugswagen
durch die Städte fahren, werden Würdenträger der
katholischen Kirche gern auf die Schippe genommen.
Auch der Papst wird von Karnevalisten immer wieder
gern als Witzfigur aus Pappmaschee veräppelt. Doch
Karikaturen des Islam und des Propheten Mohammed werden beim Rosenmontagszug in Düsseldorf
am 16. Februar nicht zu sehen sein, stellte das Düsseldorfer Carnevals Comitee jetzt klar. Eine Installation
thematisiert immerhin den Terror von Paris: Ein
Jecke bohrt einen Stift in den Lauf einer Pistole.
Religiöse Symbole wolle man nicht verunglimpfen.
Man mache sich auch nicht über Jesus, das Kreuz
oder Mohammed lustig. Aber verkleidet sich wenigstens jemand als Salafist? Oder sind die Bartträger in
ihren weiten Hosen wohlmöglich auch noch echt?
Angst hat man offensichtlich auch in Hanau. Das
Karikaturistenduo „Greser und Lenz“ hatte hier für
den Monat März eine Ausstellung geplant. Nach den
Anschlägen von Paris sah sich das Museum Schloss
Philippsruhe zu einer Absage der Werkschau gezwungen. Die Begründung: Die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen seien nicht finanzierbar. Die Stadt
berief sich auf ihre Fürsorgepflicht für das Haus, die
Mitarbeiter und vor allem die Besucher. Deren Sicherheit stünde im Vordergrund. Kritik ließ nicht lange auf
sich warten. Von einem „Sieg der Terroristen“ war die
Rede. Die freie Meinungsäußerung sei in Gefahr. Nach
diesem verheerenden Medienecho zog Hanau die
Absage wieder zurück. Das ist ganz im Sinne der
Zeichner, die bekannten: Unsere persönliche Bedrohungssituation ist praktisch bei null. „Wir haben
keine Angst. Es war zwar hier einer von der Kripo, der
sich erkundigt hat, wie es uns geht, aber der hat auch
eher enthysterisierend gewirkt.“
KEINE DEMOS
Das sogenannte Burka-Verbot ist ein emotionaler
Dauerbrenner in der politischen Diskussion. Erst vor
wenigen Tagen diskutierte die schwarz-grüne Koalition im Frankfurter Römer, ob es Frauen gestattet
sein soll, in einem Ganzkörperschleier in der Öffentlichkeit aufzutreten. Die Befürworter eines Verbots
machten deutlich, dass sie eine Vollverschleierung
ablehnten, weil sie dem „Ziel unserer Integrationspolitik, Möglichkeiten zur Begegnung, zum Austausch
zu schaffen, konträr gegenübersteht“. Die Grünen
verwiesen auf das Grundgesetz, das Religionsfreiheit
garantiere. Das schließe auch Ausprägungen ein, „die
uns möglicherweise Unbehagen bereiten“. Auf ein
Verbot könne sich die Koalition nicht einigen. Im
Raum Frankfurt leben gerade mal 30 Frauen, die
einen Ganzkörperschleier tragen. Bedroht das wirklich unsere Freiheit? Schon Charles Baron de Montesquieu wusste: „Wenn es nicht notwendig ist, ein
Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen.“
Die Versammlungsfreiheit gehört zu den höchsten Gütern der
Demokratie. Man darf also vermuten, dass die sächsische Landesregierung es sich gut überlegt hat, als sie alle für den vergangenen Montag geplanten Demonstrationen in Dresden aus
Sorge vor einem Anschlag absagte. Doch genau daran zweifeln
Kritiker – leise zwar, aber vernehmbar. Sachsen habe das „ein
bisschen hochgejazzt“, hieß es aus Berliner Regierungskreisen.
Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) fragte
sich öffentlich, warum eigentlich nicht nur die Pegida-Demo,
sondern auch alle anderen Kundgebungen am Montag verboten
werden mussten. Der zuständige sächsische Innenminister
Markus Ulbig (CDU) widersprach. Es hätte eine „konkrete Gefährdungslage“ gegeben. Sicherheit geht vor. Ein schaler Beigeschmack bleibt.
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12 Deutschland & die Welt
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KAMALS FLUCHT Montagmittag, eine Woche später,
am Hauptbahnhof Magdeburg. Sahar Kamal* rückt sich
ihr Kopftuch zurecht, obwohl es einwandfrei sitzt. Am
Morgen ist ein Sozialarbeiter zu ihr gekommen und hat
ihr mithilfe einer Übersetzerin von ihrem Sohn Ali erzählt. In Magdeburg soll Kamal ihn in Empfang nehmen. Ein Mitarbeiter der Bahnhofsmission begleitet sie.
Schatten unter ihren hellbraunen Augen verraten, dass
Kamal lange nicht geschlafen hat. Die 41-Jährige ist seit
drei Wochen in Deutschland. Sie erzählt dem Dolmetscher ihre und Alis Geschichte. Die Familie kommt aus
Herat, einer Provinz im Westen Afghanistans. Vor etwa
fünf Jahren beschlossen sie und ihr Mann, mit ihren
beiden Söhnen das Land zu verlassen. Es habe in Afghanistan viele Schwierigkeiten gegeben, auch ein Problem
mit der Familie, sagt sie. Es ist ihr unangenehm.
Um die Flucht zu finanzieren, verkaufen sie ihr Haus
und gehen in den benachbarten Iran. Kamals Mann
zieht ein kleines Geschäft auf, verkauft Pullover und
Strümpfe an einem Straßenstand. Doch bald wird er
krank. In seiner Lunge bildet sich ein Tumor, später
kommt noch ein Bandscheibenvorfall dazu. Zweimal
hätte ihr Mann operiert werden müssen, sagt Kamal.
Danach habe er nicht mehr arbeiten können. Alis zwölfjähriger Bruder muss das Geschäft übernehmen. Die
Medikamente für den Vater fressen das Ersparte langsam auf. Sie hört, was man sich unter Flüchtlingen über
Deutschland erzählt. Dass es dort viele Krankenhäuser
gebe. Und gute Schulen.
Die Familie bricht nach Europa auf. Ein halbes Jahr
dauert ihre Reise. Schlepper führen sie in die Türkei.
Teilstrecken überwinden sie mit Bussen, die meiste Zeit
sind sie zu Fuß unterwegs. Kamals Mann hat starke
Schmerzen, manchmal fürchtet sie, dass er die Flucht
nicht überlebt. Sie schlagen sich an die türkische Westküste durch. Die Schlepper haben ein Fischerboot organisiert. Als es dunkel wird, legen sie ab Richtung Grie-
CHRISTINE KENSCHE
A
Am Sonntagmittag vor zwei Wochen läuft ein kleiner
Junge durch den Frankfurter Hauptbahnhof. In der
Hand eine Plastiktüte, darin zwei Pullis und eine Hose
zum Wechseln. Der Junge schaut sich suchend um.
Dann geht er auf zwei Polizisten in der Haupthalle zu.
Er zupft einen am Ärmel, zieht einen Zettel aus der Jackentasche, hält ihn den Beamten hin und sagt „Mama“.
Es ist der Höhepunkt einer Reise, die im Westen Afghanistans beginnt und im Osten Deutschlands enden
wird. Wenn alles gut läuft.
Die Beamten fragen den Jungen, woher er komme,
doch der wiederholt nur „Mama, Mama“. Sie nehmen
ihn mit auf die Wache. Auf dem Zettel ist ein grobkörniges Foto gedruckt: „Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber Sachsen-Anhalt“ ist darauf zu lesen. Es ist die
Kopie eines Heimausweises. Er kennzeichnet die Trägerin als Afghanin, neben dem Passbild einer Frau mit
schwarzem Kopftuch ist eine Handynummer notiert.
Unter der Nummer meldet sich eine weibliche Stimme,
die Polizisten verstehen sie nicht.
Sie reichen dem Jungen das Telefon weiter, der plappert aufgeregt in den Hörer. Eine Übersetzerin wird gerufen, sie befragt ihn auf Persisch. Er heißt Ali, ist sieben Jahre alt. Ali sagt, dass er mit dem Flugzeug aus
Griechenland gekommen sei und dass er seine Mutter
suche. Mehr ist aus dem Kind nicht herauszukriegen.
Am frühen Abend übergeben die Beamten den Jungen
an das Jugendamt in Frankfurt. Die Behörde soll herausfinden, ob es sich bei der Frau in Halberstadt um
die Mutter des Kleinen handelt.
Ein solcher Fall sei ihm in 25 Dienstjahren noch nicht
untergekommen, sagt einer der beiden Polizisten. Ein
Siebenjähriger allein unterwegs? „Dieser Junge muss
ziemlich tapfer sein.“
Ali reist allein
zu Mama
Ein Junge aus Afghanistan, gerade mal sieben,
steht verloren auf Frankfurts Bahnhof. Er sucht
seine Mutter. Es ist eine unglaubliche Odyssee,
mit Happy End – von Christine Kensche
chenland. Zusammen schafft es die Familie bis nach
Athen. Dann geht das Geld aus. Für ein Flugticket nach
Frankfurt verlangen Schlepper 4000 Dollar. Das Ersparte reicht noch für ein Ticket. Kamals Mann entscheidet,
dass die Mutter zuerst fliegen soll. Er mietet ein Zimmer für sich und die Jungen an. Am Silvesterabend verabschiedet sich Sahar Kamal von ihrem Mann und ihren
beiden Söhnen. Ali weint, er möchte die Mutter nicht
ziehen lassen. Niemand kann ihm sagen, wann die Familie wieder beisammen sein wird.
Kamal fliegt nach Frankfurt. Die Behörden schicken
sie nach Sachsen-Anhalt weitert. Sie ist gerade ein paar
Tage in dem Heim in Halberstadt, da ruft ihr Mann aus
Athen an. Kamal hat ein Handy, wenn das Guthaben
reicht, können sie sprechen. Ihr Mann klingt verzweifelt. Ali schlafe nicht mehr, rufe ständig nach der Mutter. Er habe sich von Bekannten etwas Geld leihen können. Aber nicht genug, um selbst den Sohn zu begleiten.
Eine Frau könne Ali im Flugzeug mit nach Deutschland
nehmen. Kamal ist ängstlich. Ihr Mann will den Sohn
einer Fremden anvertrauen. Doch sie haben keine andere Wahl. Kamal fotografiert ihren Heimausweis und
schickt das Bild an ihren Mann. Der druckt es aus,
schreibt ihre Telefonnummer daneben und steckt Ali
den Zettel in die Jackentasche.
Als Kamals Handy ein paar Tage später wieder klingelt, ist ein fremder Mann dran. Sie versteht ihn nicht.
Dann raschelt es in der Leitung und plötzlich hört sie
Alis Stimme. „Salam, Mama, ich komme zu dir“, ruft ihr
Sohn in den Hörer.
NICHT VIEL ZEIT Nun, in Magdeburg, fallen sich Mutter und Sohn auf dem Bahnsteig in die Arme. Für die
Begrüßung bleibt nicht viel Zeit. Kamal muss dem Jugendamtsmitarbeiter ein Papier unterschreiben, und
der Mitarbeiter der Bahnhofsmission drängelt, am
nächsten Gleis wartet der Regionalexpress zurück nach
Halberstadt. Eine heruntergekommene Anlage aus drei
großen grauen Betonklötzen wird Alis neues Zuhause
sein. Der Junge läuft aufgeregt voraus. Die Mutter ruft
ihn zurück. Man sieht ihr an, dass sie ihn am liebsten
nie wieder loslassen würde. Sie fragt Ali, wie genau er
nach Deutschland gekommen sei. Ali ist durcheinander.
Vermutlich ist die fremde Frau mit ihm bis nach Frankfurt geflogen. Daran, wie er vom Flughafen zum Hauptbahnhof gekommen ist, kann er sich nicht erinnern. Auf
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Deutschland & die Welt 13
Zurück zu ihr
Der siebenjährige Ali
hat seine Mutter Kamal
gefunden
dem Video einer Überwachungskamera, das die Polizei
ausgewertet hat, ist zu sehen, dass Ali ohne Begleitung
durch den Haupteingang läuft.
Am Empfang des Asylheims bekommt der Junge Essensmarken, Bettwäsche und eine Tüte mit Zahnbürste,
Klopapier und Shampoo ausgehändigt. In Block C wartet ein kleines Empfangskomitee. Die afghanischen
Frauen von der fünften Etage haben sich versammelt,
alle wollen Ali sehen. „Salam, Salam!“ Die Frauen streichen ihm über die Haare, Kamals Zimmergenossin
kocht Tee. Ali präsentiert das ferngesteuerte Auto und
einen Eisbären, den er vom Jugendamt geschenkt bekommen hat. Kamal holt Toast und zwei gekochte Eier
draußen von der Fensterbank. Dort lagern die Frauen
ihre Vorräte. Während Ali isst, sinkt Kamal erschöpft
auf ihr Bett. Wenn sie noch Tränen hätte, sagt sie, würde sie weinen. In die Freude darüber, dass sie Ali nun in
Sicherheit weiß, mischt sich Sorge um den älteren Sohn
und ihren Mann. Kamal hofft, dass die Deutschen ihr
helfen werden, die beiden nachzuholen.
Grundsätzlich stehen die Chancen nicht schlecht.
Die europäische Dublin-Verordnung sieht die Möglichkeit einer Familienzusammenführung vor. Angehörige
können in das Land überstellt werden, in dem ein Familienmitglied den Asylantrag gestellt hat. Eigentlich
„Laut EURecht können
Ehemann und
der andere
Sohn nachgeholt werden.
Die Chancen?
Nicht schlecht“
muss das in dem ersten EU-Staat geschehen, den ein
Flüchtling erreicht. Doch Griechenland ist mit den
Flüchtlingsströmen überfordert, ordentliche Asylverfahren kaum möglich. Deutschland schickt seit Jahren
keine Flüchtlinge mehr dorthin zurück.
ALI SOLL ZUR SCHULE In ungefähr drei Wochen wird
Kamal ihre erste Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge haben. Danach sollen sie und ihr
Sohn in eine andere Unterkunft in Sachsen-Anhalt gebracht werden, in der sie während des Asylverfahrens
leben werden. Ob sie dauerhaft hier bleiben dürfen,
hängt davon ab, ob Kamal triftige Gründe für ihre
Flucht vorweisen kann. Im vergangenen Jahr hat
Deutschland knapp 70 Prozent der Antragssteller aus
Afghanistan Schutz gewährt.
So weit will Sahar Kamal jetzt nicht denken. „Wir haben so viel hinter uns, ich möchte erst einmal ankommen“, sagt die Mutter müde. Sie hofft, dass Ali sobald
wie möglich in die Schule gehen kann. Und dann wagt
sie doch einen Blick in die Zukunft: „Wenn Ali groß ist,
wird er Doktor.“ Dass er zielstrebig genug ist, hat der
Kleine bereits bewiesen.
*Name von der Redaktion geändert
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14 Deutschland & die Welt
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E
Es geht um Milliarden. Doch Mario
Draghi will am Donnerstagnachmittag
in der übervollen Pressekonferenz erst
einmal ein kleines Detail erläutern.
Wenn der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) abstimmt und hinterher von einer „Mehrheit“ die Rede sei,
bedeute dies, dass es einzelne Gegenstimmen gegeben habe. Bei einem
„Konsens“ hätten sich dagegen allenfalls einzelne Ratsmitglieder enthalten.
Draghi blickt wieder auf seine Notizen,
als in seiner Entourage hektisches Getuschel ausbricht. Er habe noch ein
Szenario vergessen, flüstert man ihm
zu. „Ach richtig – die Einstimmigkeit.“
Draghi muss lachen, als er das sagt.
Dass alle 25 Mitglieder des Rates einig sind, das ist inzwischen selten geworden. Denn seit fünf Jahren arbeitet
die EZB im Krisenmodus, und je lockerer ihre Geldpolitik wurde, desto umstrittener war sie auch. Gerade in
Deutschland. Nicht genug damit, dass
die Notenbank ihre Leitzinsen praktisch auf null gesenkt hat. Nun will sie
auch noch Staatsanleihen von mindestens 1140 Milliarden Euro aufkaufen. Damit soll noch mehr Geld in die
Wirtschaft gepumpt und das Schuldenmachen noch billiger gemacht werden. Das soll Unternehmen zu mehr
Investitionen, Verbraucher zu mehr Konsum verleiten –
und so letztlich die Konjunktur ankurbeln.
Die Kritiker werfen ein, es sei gar nicht ausgemacht,
ob dies funktioniert. Sie fürchten, dass das ganze Geld
einfach irgendwo im Finanzmarkt versickert, einige
Glückliche damit viel verdienen, die Wirtschaft aber
letztlich weiter stagniert. Das stimmt einerseits, andererseits aber auch wieder nicht. Denn diese rein technische Betrachtung unterschlägt einen Faktor: die Psychologie. Denn diese ist es, auf die Draghi mit der neuen EZB-Politik zielt. Sein Psycho-Trick mit den EuroMilliarden könnte klappen, ist aber auch höchst riskant.
Denn dass der Kauf von Staatsanleihen nun aus dem
Nichts heraus die Wirtschaft ankurbelt, glauben nicht
einmal die größten Befürworter. Ein paar Zehntel Prozentpunkte könnte man die so niedrige Inflation vielleicht anheben, und selbst das halten die Notenbanker
der EZB für nicht gesichert, dafür ist der Mechanismus
zu komplex. Fest steht zunächst nur, dass die EZB Geld
drucken und davon ab März vor allem Anleihen der Eurozonen-Mitglieder kaufen wird. Dabei wird sie natürlich nicht physisch Banknoten drucken, vielmehr stellt
sie in ihrem Computersystem allmonatlich 60 Milliarden Euro an Guthaben ein, einfach so.
Davon erwirbt sie dann die Anleihen. Dies wird dazu
führen, dass die Kurse der Anleihen steigen, im Gegenzug sinkt deren Rendite, also der Zins, den Anleger damit erzielen können. Und dies führt dazu, dass das
Zinsniveau insgesamt sinkt, also auch Kreditzinsen für
Draghis
Drops
Die Europäische Zentralbank wirft
eine Milliardensumme auf den
Markt. Wirken könnte sie vor allem
über einen Kanal: die Psychologie
– von Sebastian Jost und Frank Stocker
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Deutschland & die Welt 15
Ein Mann, ein Krisenmanagement
EZB-Chef Mario Draghi kurvt um
Krisenherd herum
Kicks. Die Implementierung sei dann nachrangig. Es ist
ein wenig wie bei einem Placebo: Wenn der Patient
glaubt, dass es hilft, kann selbst eine TraubenzuckerPastille Wunder bewirken. Wissenschaftlich erwiesen.
Genau auf diesen Effekt zielt Draghi. Schließlich
ZWEIFEL „Die Erfahrungen in den USA, Großbritanglaubte schon Ludwig Erhard zu wissen, dass fünfzig
nien und Japan legen jedoch nahe, dass der Kanal über
Prozent der Wirtschaft Psychologie sind. Unternehmer,
die Kreditvergabe der Banken nicht sonderlich erfolgdie von Pessimismus befallen sind, investieren nicht.
reich ist“, sagt Janet Henry, Chefökonomin für Europa
Verbraucher, die Angst haben, konsumieren nicht. Ander Großbank HSBC. In all diesen Ländern, die ähnliche
leger, die keine Chance auf Gewinne sehen, verleihen
Programme durchgeführt haben oder noch durchführen,
ihr Geld nicht. Das wissen auch die Mitglieder des EZBerhöhte sich die Kreditvergabe nur wenig. Denn die FirRats nur zu gut. Ein Großteil des Gelmen und Konsumenten stöhnen noch
des, das sie im Laufe der Krisenjahre
immer unter der Last der Kreditberge,
über die Banken zur Verfügung gestellt
die sie vor der Finanzkrise aufgetürmt
haben, beflügelte die Konjunktur
haben. Und selbst dort, wo die Firmen
„DAS
RISIKO
FÜR
ÜBERTREIBUNGEN
STEIGT“
schon allein deshalb nicht, weil viele
vermehrt Kredite aufnahmen, gaben sie
Firmen die dargebotenen Billigkredite
das Geld ganz anders aus als gedacht. So
nicht haben wollten.
stellte die Investmentbank Société
WELT AM SONNTAG: Herr WeidDort war das Zinsniveau anfangs
Daher war es auch ein geschickter
Générale im Herbst in einer umfassenmann, Vorbild der EZB war die
deutlich höher. Außerdem finanzieSchachzug nicht nur, wie erwartet, den
den Analyse fest, dass viele Firmen in
Bundesbank. Ist es mit dieser
ren sich die US-Unternehmen stärKauf von Staatsanleihen zu verkünTradition nun endgültig vorbei?
den USA zwar von den günstigen Kondiker über den Kapitalmarkt, sodass
den. Der Umfang des Programms geht
tionen Gebrauch machten. Die UnterWertpapierkäufe der Notenbank
JENS WEIDMANN: Ich würde das
sogar noch über das hinaus, was sich
nehmen investierten aber nur in eigene
viel direkter wirken können als in
nicht zu einer Zeitenwende hochselbst die größten Befürworter nicht in
Aktien, die sie zurückkauften und so iheiner Wirtschaft, die sich über Banstilisieren. Für mich ist dieser Beihren kühnsten Träumen ausgemalt
re Aktienkurse nach oben trieben. Rund
ken finanziert. Das schleppende
schluss aber durchaus gravierend.
hatten. Er hat Wirtschaft und Finanzein Drittel des Geldes gaben sie hierfür
Wachstum in Europa geht letztlich
Staatsanleihenkäufe sind kein normärkte positiv überrascht. Das größte
aus – allein 2013 waren dies 480 Milliarauf eine hohe Verschuldung und
males geldpolitisches Instrument,
Problem dabei ist jedoch der Zeitden Dollar. Die Aktienkurse verdoppeleinen Mangel an Wettbewerbssie sind in der Währungsunion mit
punkt, zu dem die EZB nun diesen
ten sich so seit 2010. In den USA hatte
fähigkeit in einzelnen Ländern zubesonderen Nachteilen und Risiken
Weg einschlägt. „Eine durchgängige
das immerhin einen positiven Effekt.
rück. Dort müssen die Regierungen
verbunden. Deshalb sollte die HürBotschaft der Literatur zur Politik der
Dort haben weite Teile der Bevölkerung
ansetzen, was ja auch Mario Draghi
de für ihren Einsatz hoch sein.
Anleihenkäufe lautet, dass es für eine
davon profitiert, ihr Vermögen erhöhte
noch einmal betont hat.
maximale Wirkung entscheidend ist,
sich deutlich. „Diese Vermögenseffekte
Sie hielten sie nun nicht für nötig?
die Käufe früh und in großem Umfang
sind in Europa jedoch geringer, da die
Auch deshalb habe ich nicht zuKritiker werfen
durchzuführen“, sagt Janet Henry.
Menschen hier viel weniger Aktien beihm vor, die
gestimmt. Sicher, die InflationsSprich: Die Notenbank muss in einem
sitzen“, sagt Janet Henry.
Anreize für Reraten sind derzeit sehr niedrig, aber
frühen Stadium der Krise eingreifen.
formen zu unterdas ist stark durch die sinkenden
Bleibt noch der sinkende Außenwert
„Die EZB folgt nun jedoch sechs Jahre,
graben.
Ölpreise getrieben. Daher spricht
des Euro als weitere Folge des Gelddrunachdem die amerikanische und die
einiges dafür, dass die außergeckens. Viele halten dies sogar für das
In der Tat haben
britische Notenbank diesen Weg einwöhnlich niedrigen Teuerungsraten
wesentliche Ziel. Immerhin ist der Kurs
Staatsanleihengeschlagen haben.“
nur ein vorübergehendes Phänomen
seit den ersten Hinweisen, dass die EZB
käufe NebenUnd noch etwas könnte in Europa
sind. Die Mehrheit im EZB-Rat
ihre Politik weiter lockern könnte, von
Jens Weidmann, wirkungen. Viele
ganz anders laufen als in den USA. Pribefürchtete jedoch, dass sich die
knapp 1,40 Dollar auf nunmehr nur
Staaten müssten
Präsident der
Bundesbank
vatleute könnten sich dem Placebo-EfMenschen zu sehr daran gewöhnen
noch 1,12 Dollar gesunken. Dies kommt
eigentlich Schulfekt verweigern. „Die Menschen in
könnten, dass die Preise stagnieren,
den europäischen Exporteuren zugute.
den abbauen,
meinem Alter machen sich Gedanken,
was im Extremfall in eine AbwärtsDoch auch hier gießen Ökonomen
doch die Anreize dafür werden nun
ob und wie die Ersparnisse im Alter
spirale führen könnte.
Wasser in den Wein. „Japans Währung
geringer. Bei hoher Staatsverschulreichen werden“, sagt Michala Marhat um 40 Prozent abgewertet, seit die
dung kann die Notenbank unter
cussen. Sie ist 48 Jahre alt. Der psychoNotenbank Staatsanleihen kauft“, sagt
Druck geraten, für immer mehr
Sehen Ihre Kollegen im Rat wirklogische Effekt der niedrigen Zinsen
Michala Marcussen, Chefökonomin der
Erleichterungen zu sorgen – dieser
lich die Deflation vor der Tür –
sei bei ihr daher nicht, dass sie künftig
Société Générale. Und auch Japans Firoder wollen sie einfach die KonDruck wird sicher nicht schwächer.
mehr Kredite aufnehmen werde. Ganz
junktur ankurbeln?
men sind stark exportorientiert. Die
Immerhin werden die Notenbanken
im Gegenteil. Vielmehr werde sie noch
Prognosen gingen daher davon aus,
durch ein solches Programm zu den
Das lässt sich nicht so einfach trenmehr sparen. Und so wie ihr dürfte es
dass dies das Wachstum um zwei Progrößten Gläubigern der Staaten.
nen, weil mit einer stärkeren Konvielen gehen, gerade in einer alternden
zentpunkte anheben würde. „Aber das
junktur ja auch die Preise eher anGesellschaft wie in Deutschland.
ist nicht passiert.“ Offenbar sind die
ziehen. Bei einem Ölpreisrückgang
Befürchten Sie kurzfristige RisiDie Politik der EZB setzt daher
Preise der Hightech-Produkte, die Firken, etwa Blasen bei Immobilien?
fallen die Entwicklungen aber ausletztlich darauf, dass die Menschen ihmen der Industrieländer meist ausfüheinander: Die Preise sinken zuDas Risiko für Übertreibungen
re Risikoscheu endlich ablegen und
ren, nur noch eines von vielen Argunächst einmal, doch die Konjunktur
steigt sicherlich, auch wenn wir
wieder mehr konsumieren. Sie soll bementen auf dem Weltmarkt.
wird gestützt. Deshalb wäre es ein
etwa am deutschen Immobilienwirken, dass Unternehmer optimisDennoch befürwortet Marcussen die
plausibler Ansatz, als Notenbank
markt noch keine Blase sehen.
tisch in die Zukunft schauen und mehr
EZB-Politik, genauso wie Janet Henry
nicht darauf zu reagieren, sofern
Die unmittelbare und durchaus
investieren. Draghi möchte uns durch
und mit ihnen fast alle Ökonomen auZweitrundeneffekte ausbleiben. Wir
gewollte Folge der Anleihenkäufe
einen psychologischen Trick zu einer
ßerhalb Deutschlands. Für sie ist aber
haben ein mittelfristiges Inflationsist, dass die Zinsen sinken. Für
Verhaltensänderung ermuntern. Ob
etwas anderes dabei wesentlich wichtiziel, vorübergehend können die
deutsche Staatsanleihen sind bei
ihm die Menschen folgen, werden
ger als die verschiedenen Kanäle,
Teuerungsraten durchaus davon
Laufzeiten bis zu fünf Jahren die
die kommenden Monate zeigen. Die
über die das viele Geld in die Wirtabweichen.
Zinsen bereits jetzt negativ. Daöffentlichen Reaktionen in Deutschschaft sickern könnte oder eben auch
durch werden Investitionen und
land zeugen bisher jedoch eher von einicht. Für sie geht es um Vertrauen und
Konsum attraktiver, und Anleger
Wird das Programm wirken?
ner Verweigerungshaltung. Der PaZuversicht.
werden sich zunehmend nach erDie Wirkungen sind zwar schwer
tient hält seinen Psychologen schlicht
„Die Märkte glauben nach wie vor an
tragsstärkeren und risikoreicheren
abschätzbar, werden in Europa aber
für unfähig.
die Fähigkeit der Zentralbanken, ökoAnlagen umsehen.
wohl geringer sein als in den USA.
Unternehmen und Verbraucher. Diese können sich folglich leichter verschulden, sie werden bei den Banken
mehr Kredite aufnehmen. So weit die Theorie.
nomisch gewünschte Ergebnisse zu generieren“, sagt
Andrew Bossomworth, Anlagechef in Deutschland
beim weltgrößten Anleiheninvestor Pimco. Und wenn
sich die EZB nun so eindeutig positioniert, dann nehmen ihr das die Geldmanager gerne ab.
Mehr noch: Sie reagieren fast wie auf eine Droge. Nicolas Chaput, Chef des französischen Vermögensverwalters Oddo, spricht von „einer veritablen Schockwelle des Vertrauens“, die die EZB ausgesandt habe. Und
für Martin Moryson, Chefökonom von Sal. Oppenheim,
reicht allein schon die Ankündigung des Billionen-
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WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
16 Deutschland & die Welt
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„Das wird ein preiswe
Terrormiliz Boko Haram
tötet Kinder in Nigeria
Bei einem Angriff auf ein Dorf im Nordosten Nigerias haben radikalislamische
Kämpfer der Gruppe Boko Haram mindestens 15 Menschen getötet. Seit Freitag rücken die Extremisten auf die Stadt
Maiduguri vor. Dabei überfielen sie
Kambari und brachten den Ortsvorsteher sowie viele Kinder um. Boko
Haram kämpft für einen islamischen
Staat im armen Norden Nigerias. Seit
2009 tötete die Gruppe bei Anschlägen
und Angriffen auf Polizei, Armee, Kirchen und Schulen Tausende Menschen.
Kein Flüchtlingsheim an
Hamburgs nobler Alster
Im vornehmen Hamburger Stadtteil
Harvestehude wird es vorerst kein
Flüchtlingsheim geben. Anwohner haben vor Gericht erreicht, dass der Umbau eines ehemaligen Kreiswehrersatzamts gestoppt wird. 220 Flüchtlinge
sollten einziehen. Das Verwaltungsgericht Hamburg gab dem Veto der
Nachbarn statt. Ein Heim widerspreche
dem Charakter des Wohngebiets. Der
Hamburger Senat und das örtliche Bezirksamt Eimsbüttel legen Beschwerde
gegen die Gerichtsentscheidung ein.
Mehr Palliativpflege
gefordert statt Sterbehilfe
In der Debatte um die Sterbehilfe fordert der frühere SPD-Chef Franz Müntefering einen Ausbau der Palliativmedizin. Vielen sterbenskranken Menschen
mit Suizid-Gedanken könnte geholfen
werden, sagte er in der Evangelischen
Akademie Tutzing. Das Thema dort:
„Hilfe beim Sterben statt Hilfe zum
Sterben.“ In Kiel sprach sich SchleswigHolsteins Ministerpräsident Albig für
eine Stärkung der Hospizbewegung aus,
die Todkranken hilft. Der Bundestag will
kommende Woche seine Beratung zur
Neuregelung der Sterbehilfe fortsetzen.
D
ie Tage von Hartmut Mehdorn als Chef der Berliner
Flughäfen sind gezählt. Den
Eindruck eines Managers
auf Abruf macht er allerdings nicht. Mehdorn ist wild entschlossen, bis Juni alles zu tun, damit der
Hauptstadtflughafen BER im Herbst
2017 eröffnen kann.
Hartmut Mehdorn wird den BER
nicht zu Ende bauen. Doch das
Projekt ist auf einem guten Weg,
findet er. Ein Gespräch
über Rechnungen,
Vertrauen und
Champagner
WELT AM SONNTAG: Herr Mehdorn,
war Ihr Rücktritt vom Posten des Flughafenchefs wirklich so freiwillig?
HARTMUT MEHDORN: Absolut, es
ist so, wie ich gesagt habe. Der Aufsichtsrat hatte ganz offensichtlich kein
Vertrauen mehr in mich. Mit der gut verlaufenen Aufsichtsratssitzung im Dezember hat sich dann auch ein Kreis geschlossen. Das war ein guter Zeitpunkt
aufzuhören.
Wenn das freiwillig wäre, hätten die
Flughafengesellschafter nicht schon
länger einen Nachfolger gesucht.
Das bestreiten die Gesellschafter. Was da
wirklich gelaufen ist, ist nicht geklärt.
Aber das sagt ja viel aus: Da wird über einen Nachfolger des BER-Chefs spekuliert, und da kommt keine Klarstellung,
kein Dementi. Nichts. Nicht nur aus diesem Grund hatte ich ein Problem mit
diesem Aufsichtsrat.
Wer hat da jetzt weniger Vertrauen: Sie
gegenüber dem Aufsichtsrat oder umgekehrt?
Das weiß ich gar nicht. Fest steht, dass
dieser Aufsichtsrat ein Trauma hat. Die
Geschäftsführung unter meinem Vorgänger hat den Gesellschaftern anscheinend nicht immer die ganze Wahrheit
über die Lage auf der Baustelle gesagt.
Das wird zwar von den damals handelnden Personen bestritten. Dennoch, der
Aufsichtsrat fühlt sich getäuscht. Und
auch ich muss sagen: Die Berichte des
damaligen Projektsteuerers sind wenig
aussagekräftig. Sonst wäre es nicht zu
dieser kurzfristigen Terminabsage im
Mai 2012 gekommen.
Bergung des Air-Asia-Airbus
schon wieder gescheitert
Wenig aussagekräftig oder falsch?
Schwer zu sagen. Ich habe wirklich Routine im Lesen von Berichten, und aus
dem, was vor meiner Zeit vorgelegen hat,
hätte ich keine schwere Krise und keine
Gefahr für den angepeilten Eröffnungstermin herauslesen können.
Die vor Borneo ins Meer gestürzte AirAsia-Maschine ist weiterhin nicht zu
heben. Taucher konnten keine Stahlseile
an den am Meeresboden liegenden Flugzeugrumpf anbringen. Raue See und
starke Strömungen behindern die Arbeiten. Am heutigen Sonntag solle es
einen neuen Versuch geben, hieß es.
Bisher wurden nur 59 Leichen geborgen.
In den letzten Tagen etwa sechs Erwachsene, die mitsamt ihrer Sitze aus
dem Billigflieger geschleudert worden
waren. Der Airbus war am 28. Dezember
mit 162 Menschen an Bord abgestürzt.
Probleme wurden also verschleiert.
Die alte Geschäftsführung hat das in eine
Grauzone bugsiert, hat laviert. Bis das
Ding gegen die Wand gefahren ist. Das
hat viele dieser Kontrolleure tief verletzt, die stehen heute noch regelmäßig
vor Untersuchungsausschüssen und
müssen sich rechtfertigen. Bei allem,
was sie tun, fragen sie sich, vor welchem Ausschuss sie dafür in zwei
Jahren stehen werden. Das hat den
Aufsichtsrat misstrauisch gemacht,
und mit dieser Haltung trat dieses
DOMINIK BUTZMANN
DIE WOCHE
Gremium auch mir gegenüber. Aber es
ist grundsätzlich falsch zu glauben,
dass mehr Kontrolle am Ende mehr Qualität bringt.
Der Eindruck, dass das gesamte Flughafenmanagement überfordert ist, ist
also falsch.
Vollkommen falsch. Was den eigentlichen Flugbetrieb angeht, die Kernkompetenz einer Flughafengesellschaft, waren und sind wir in Berlin überdurchschnittlich gut. Bei Pünktlichkeit, Kundenzufriedenheit oder Profitabilität gehören die Berliner Flughäfen zu den besten in ganz Europa.
Was man in Tegel nicht unbedingt
sieht. Dieser Flughafen sieht ziemlich
runtergewirtschaftet aus.
Aber das ist doch klar. Da wird seit Jahren kaum noch investiert, nur noch das
Nötigste reingesteckt. Tegel sollte ja laut
Plan schon längst geschlossen sein. Aber
wir müssen ihn weiterbetreiben, weil der
neue Flughafen noch nicht auf ist. Man
hat vor Baubeginn entschieden, dass die
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Flughafengesellschaft den Bau des neuen Flughafens verantworten soll. Das ist
ungefähr so, wie wenn man sagt: Du hast
einen Führerschein, also bau mal ein Auto. Die Flughafengesellschaft war aber
aus heutiger Sicht zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Lage, ein solches Vorhaben zu stemmen.
Warum hat man dann so entschieden:
Flughafen baut Flughafen?
Zunächst war ein Generalunternehmer
im Gespräch, unter anderem Hochtief,
aber dann gab es Streit. Am Ende haben
die Gesellschafter, also der Bund und die
Länder Berlin und Brandenburg, gesagt:
Gut, dann machen wir es eben selbst.
Wobei ein Generalunternehmer kein
Garant für Erfolg ist, wie die Hamburger Elbphilharmonie zeigt.
Richtig, alle Großprojekte hierzulande
haben ein Problem mit der Terminleiste,
das ist kein Problem des BER. In einem
„Spiegel“-Interview hat Meinhard von
Gerkan, der den Flughafen entworfen
hat, gesagt, dass man Entscheider erst in
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Deutschland & die Welt 17
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rter Flughafen“
HARTMUT
MEHDORN
FLUGHAFENCHEF
Als Hartmut Mehdorn im
März 2013 Chef der Flughafen
Berlin Brandenburg GmbH
wurde, war das sein dritter
Job als Krisenmanager – nach
der Bahn, die er sanierte und
an die Börsen bringen sollte,
und der Fluggesellschaft
Air Berlin, die er vor dem
Absturz rettete. Vor seinem
Job als Bahn-Chef hatte Mehdorn fast 30 Jahre in der
Luftfahrtindustrie gearbeitet.
Am 15. Dezember 2014 kündigte er überraschend seinen
Rückzug als Flughafenchef an.
Spätestens zum 30. Juni 2015
wolle er aufhören. Als Grund
nannte Mehdorn fehlendes
Vertrauen des Aufsichtsrates.
den Wald lockt und dort verspricht, alles
wird billig und schnell gemacht, und am
Ende heißt es: April, April, nun wird es
teurer und dauert länger.
Und weil Sie mit den Gesellschaftern
Klartext geredet haben, wurde hinter
Ihrem Rücken ein Nachfolger gesucht?
Ich habe das nicht erklärt. Es ist mir
auch egal. In jedem Fall war es schlechter Stil. Ich habe einen Dreijahresvertrag, und ich hatte mich nicht für diesen
Job gemeldet. Ich wurde gefragt und habe dreimal abgelehnt, weil ich eine andere Planung hatte. Am Ende hatten mich
Manfred Stolpe, Matthias Platzeck und
Klaus Wowereit überredet. Sie hätten
keinen anderen, ich könnte das und wäre
auch bauzig genug für eine solche Aufgabe. Und ich wollte den Flughafen ja
auch fertigbauen. Aber wir haben am
BER immer wieder Überraschungen gefunden, die nicht auf den ersten Blick erkennbar waren.
Welche Überraschungen?
Überladene Kabelkanäle, eine verkorkste
und zu kleine Entrauchungsanlage und
der ganz normale Pfusch am Bau. Es
wurde flächendeckend nicht nach Plan
gebaut. Während des Baus hatte sich die
Grundplanung laufend verändert. Ursprünglich sollte der Flughafen 220.000
qm groß sein. Jetzt stehen da 360.000
qm. Und bei diesen ständigen Erweiterungen hat man die Auswirkungen auf
die komplexe Haustechnik komplett unterschätzt. Beispiel Brandschutz. Statt
ursprünglich 43.000 Sprinklerdüsen sind
es nun 70.000, statt 27.000 Datendosen
60.000. Die gesamte Steuerung war
viel zu kompliziert und nicht alltagstauglich. Wir mussten daher entscheiden,
über 90 km Kabel für eine neue Steuerung einzubauen.
Weil falsch geplant wurde oder weil
der Brandschutz übertrieben ist?
Klar ist so viel: Der Brandschutz in
Deutschland ist weltweit einmalig.
Selbst die Flughäfen München oder
Frankfurt würde man heute mit ihren
technischen Standards von damals nicht
mehr zugelassen bekommen.
Aber wenigstens war deren Bau oder
Ausbau kein Desaster wie in Berlin.
Na, na, na. Auch beim Münchener Flughafen hat es erhebliche Verzögerungen
gegeben. Die sind aber schon längst vergessen. Außerdem hat der Airport München Bayern an der Seite, Frankfurt das
Land Hessen. Wir haben mit Berlin,
Brandenburg und dem Bund drei Gesellschafter. Das macht es schwerer. Der
BER war zunächst für 17 Millionen Passagiere pro Jahr ausgelegt, mit Baukosten
von 2,4 Milliarden. Jetzt bauen wir für 27
Millionen pro Jahr zu einem Preis von
5,4 Milliarden Euro. Gemessen daran
wird der BER ein preiswerter Flughafen.
Auch Sie hätten sich mit neuen Vorschriften und Planänderungen für einen noch größeren Flughafen rumschlagen müssen.
Ich sage nicht, dass ich alles richtig gemacht hätte.
Wie bitte?
Es gibt keine Mehrkosten, es gibt mehr Airport. In den 5,4 Milliarden Euro sind zum
Beispiel 730 Millionen für besseren Schallschutz eingeschlossen. 2004, als geplant
wurde, war mit 140 Millionen Euro für den
Schallschutz kalkuliert worden. Und gut,
es entstehen am Ende höhere Kosten, weil
der ursprüngliche Eröffnungstermin nicht
gehalten werden konnte.
Was glauben Sie, welche Fehler Sie
selbst gemacht haben?
Ich habe in den eineinhalb Jahren, in denen ich hier bin, die Baustelle wieder in
Bewegung gebracht. Wir haben die Komplexität aus den Verfahren genommen,
wir haben die verkorkste Entrauchungsanlage umgeplant. Die wird jetzt funktionieren. Wir haben rund 60 neue Leute
auf der Baustelle und eine komplett neue
Geschäftsleitung installiert. Jetzt können wir unserer Bauherrenfunktion gerecht werden.
Was Sie erzählen, offenbart ganz entscheidende Planungsfehler. Man hat
den Flughafen schlicht viel zu klein
veranschlagt. Wer ist dafür verantwortlich?
Damals haben viele behauptet, die Planungen seien größenwahnsinnig. Jetzt
sehen wir, dass das nicht stimmte. Aber
solche Fragen klärt eine Reihe von Ausschüssen. Um Schuldfragen habe ich
mich nie gekümmert. Das ist nicht meine
Aufgabe. Aber klar ist, dass der Architekt
in der Verantwortung steht, der Projektsteuerer und andere. Und zuletzt waren
es auch unglückliche Umstände. Ich zeig
Ihnen mal was.
(Mehdorn beginnt zu malen)
Weil der Flughafen größer werden sollte,
wurde in das Terminal ein Zwischengeschoss eingezogen. Damit es genehmigungsrechtlich nicht zum Hochhaus mutierte, mussten die Geschosse geknautscht werden. Und weil man an der
Raumhöhe der Etagen festhalten wollte,
wurden die Hohlräume über der Decke,
in der sich die Gebäudetechnik befindet,
verkleinert. Da wurde es dann eng ...
... und jede Änderung löste eine neue
Kettenreaktion aus. Liegt das auch an
der deutschen Regelungswut?
Ja, das gibt es nirgendwo anders als bei
uns.
Anderswo würde das besser laufen?
Es würde anders laufen. Es gibt jede
Menge Sonderfälle. Brandenburg zum
Beispiel hat ganz eigene Spielregeln. Im
Fall der Flughäfen Frankfurt oder München ist der kleinste Raum, der für den
Fall eines Brandes eine Entrauchungsanlage benötigt, 200 Quadratmeter groß.
Im Fall des BER gilt das bereits für Räume mit 20 Quadratmetern – praktisch
für jede Besenkammer.
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Was hätte man denn von Anfang an anders machen müssen?
Ich hätte von Anfang an auf einen Generalunternehmer gesetzt. So hatten wir
den Fall, dass von Gerkan als Architekt
auch für die Bauüberwachung zuständig
war. Idealerweise sind das zwei getrennte Posten, die sich gegenseitig kontrollieren. Das fehlte völlig.
Wir hatten nach Ihren Fehlern gefragt.
Gut, sicher habe ich auch Fehler gemacht. Die werden andere benennen
können.
Anders gefragt: Was hätten Sie rückblickend anders machen sollen?
Ich hätte vieles radikaler angehen müssen. Wir hatten Ingenieurfirmen an
Bord, von denen ich mich sofort hätte
trennen sollen. Da wäre noch viel früher
ein Schnitt fällig gewesen.
Würden Sie denn auf den Eröffnungstermin für den Flughafen im Herbst
2017 wetten?
Sofort. Wenn Sie wollen, eine Kiste Dom
Pérignon, Jahrgang 1978.
Ein guter Jahrgang?
Sehr gut. Und teuer.
Was macht Sie so sicher?
Wir haben lange gar keinen Eröffnungstermin genannt. Aber in den zurückliegenden eineinhalb Jahren ist viel passiert. Wir haben jetzt einen genauen
Terminplan, der ist präzise und transparent. Und wir haben deutliche Baufortschritte gemacht. Wasser, Strom, IT-Anlage oder Sicherheitskameras, alles ist da
und funktioniert. 39 der 40 Flughafengebäude sind fertig und betriebsbereit.
Jetzt arbeiten wir am Hauptterminal.
Aber die Restarbeit, die zu leisten ist,
wird immer überschaubarer. Und wenn
wir die Dimension des BER nicht noch
ausweiten, werden auch die 5,4 Milliarden Euro reichen.
Das Gespräch führten Stefan Aust,
Beat Balzli und Nikolaus Doll
WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
18 Deutschland & die Welt
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Ihr seid
so was
von billig
Die Bekleidungskette Primark
ist extrem preiswert, extrem
erfolgreich. Doch Mitarbeiter
klagen über Lärm, Gestank
und Videoüberwachung
– von Anette Dowideit und Flora Wisdorff
S
Stickig ist es, und es ist laut. Den
Weg muss sich der Kunde durch
einen Wust überladener Kleiderständer bahnen. Auf dem Boden
liegen Berge zerknüllter T-Shirts.
Die Primark-Filiale in Köln ist
ein gigantischer Wühltisch auf
vier Etagen. Eine Verkäuferin
versucht sich mit den Ellenbogen Platz zu verschaffen, um einen weiteren Schwung Jacken
aufzuhängen. Ob sie den Laden
als Arbeitgeber weiterempfehlen
würden? „Wenn du Platzangst
hast, solltest du hier besser nicht arbeiten.“
Der irische Billigmodehändler mischt die Innenstädte auf, seit er vor gut fünf Jahren den Markt enterte. Bisher hat er 15 großflächige Konsumtempel eröffnet, in
diesem Jahr kommen mindestens drei hinzu. Alle in begehrter Innenstadtlage, vollgestopft mit einer maximalen Menge von Kleidern pro Quadratmeter – alle sehr,
sehr billig. „Wo immer Primark neu aufmacht, verzeichnet ein H&M erst einmal nennenswerte Einbußen, die
durchaus im zweistelligen Bereich liegen können“, sagt
Peter Frank, Textilexperte bei der Handelsberatung
BBE. Der weltweite Umsatz des schwedischen Konzerns betrug 2013 mehr als 16 Milliarden Euro, bei Primark waren es gut sechs Milliarden. Doch während
H&M seinen Umsatz im letzten veröffentlichten Geschäftsjahr um sieben Prozent steigerte, stiegen die Er-
löse bei Primark um 16 Prozent.
In den fünf Jahren ist die Mitarbeiterzahl schon auf 5750 geklettert. Platzhirsch H&M kommt
auf rund 22.000.
Offensichtlich beherrscht Primark das Kunststück, die Preisspirale in der margenschwachen
Textilbranche noch weiter nach
unten zu drehen – und trotzdem
bei der für sie relevanten Klientel als cool zu gelten. Jugendliche reisen für einen Großeinkauf
aus dem Umland an, es gibt YouTube-Bekanntheiten, die ihre Primark-Einkäufe im Internet besprechen, hunderttausendfach angeklickt.
Die günstige Produktion in Asien, die schlanken Verwaltungsstrukturen und die riesigen Mengen, die er absetzt, sind dabei nur ein Teil der Antwort auf die Frage,
wie Primarks Billigpreise möglich sind. Denn all das hat
die Konkurrenz mehr oder weniger auch zu bieten. Das
Konzept der Iren funktioniert auch deshalb so gut, weil
es auf einem äußerst effizienten Personalmanagement
fußt. Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ beschäftigt die Kette ihr Personal zu Arbeitsbedingungen,
die mindestens moralisch bedenklich, zum Teil aber
auch rechtlich angreifbar sind.
Die Angestellten müssen zumindest laut einem Arbeitsvertrag, der dieser Zeitung vorliegt, Diebstahlkontrollen über sich ergehen lassen – was Arbeitsrechtler
für problematisch halten. Betriebsräte bemängeln auch
ein hohes Stresslevel durch die Masse an Artikeln.
Obendrein müssen viele Mitarbeiter auf der Basis befristeter Teilzeitverträge arbeiten.
Sogar die Kirchenoberen hat die Kette schon erreicht. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki kritisierte vor zwei Wochen in einer Rede, dass der Textilriese sich demnächst in Wuppertal ansiedeln will. Primark stehe für „Manchesterkapitalismus pur“. Dabei
bezog er sich auf die Herstellungsbedingungen in Asien:
Primark gehörte zu den Textilhändlern, die in der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch produzieren ließen. Das
neungeschossige Gebäude stürzte im April 2013 ein und
begrub mehr als tausend Arbeiter unter sich.
KEINE SICHERUNGSETIKETTEN Dass Primark so
billig verkaufen kann, hat zum Beispiel auch mit dem
Verzicht auf eine aufgeblähte Verwaltung oder große
Werbekampagnen zu tun. Zum Sparmodell gehört auch,
dass die Firma keine elektronischen Sicherungsetiketten gegen Diebstahl in ihren Kleidern einsetzt – zumindest in Hannover und Berlin gibt es nach Angaben der
Betriebsräte keine solchen Systeme. Um sich gegen
Diebstahl zu schützen, setzt der Textildiscounter auch
auf Videoüberwachung. Schon im vergangenen Sommer berichteten Medien, dass in der Hannoveraner
Niederlassung 120 Kameras installiert worden seien.
„Primark hat in manchen Bereichen gegen das Datenschutzrecht verstoßen“, bestätigte die niedersächsische
Datenschutzbehörde. Viele Kameras hätten gefilmt, wo
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Deutschland & die Welt 19
Juristisch bedenklich
Weitgehende Vereinbarungen in
einem Primark-Arbeitsvertrag
schwert haben. In Nordrhein-Westfalen, Bremen, Hessen, Berlin und Niedersachsen haben die jeweiligen
Aufsichtsbehörden für Arbeitsschutz demnach bereits
anlassbezogene Kontrollen bei Primark durchgeführt,
in Hessen in diesem Monat zum wiederholten Mal. Um
unangemeldete Kontrollen zu rechtfertigen, müssten
sich Beschwerden häufen oder besonders ernst zu nehmen sein, erklärt die Sprecherin des niedersächsischen
Gesundheitsministeriums, Heinke Traeger.
Das Sortiment
ist riesig, die
Gänge eng, der
Erfolg groß
DOMINIK BUTZMANN
Filiale in
Berlin-Steglitz
keine Waren verkauft wurden, sagt Christian Lüttgau, Kunden geachtet werden und dass sich Primark beim
Einsatz von Kameras an die DatenschutzbestimmunReferatsleiter. Etwa in Aufzügen oder Kellerbereichen.
Der Betriebsrat berichtet, der ehemalige Filialleiter gen hält.“ Der Konzern schreibt in seiner kurzen Stelhabe sämtliche Kameraeinstellungen auf einem Bild- lungnahme, das Unternehmen sei mit dem Betriebsrat
schirm in seinem Büro abrufen können. Dabei ist eine in Hannover einig, dass Kameras nur eingesetzt werden
Kameraüberwachung nur in engen Grenzen zulässig. dürften, um Diebstahl und andere Straftaten zu verhin„Generell darf sie nicht der Arbeits- und Leistungskon- dern. Am Freitag verhandelten der Betriebsrat Hannotrolle dienen“, sagt Datenschützer Lüttgau. Er geht da- ver und Primark zum ersten Mal über eine Betriebsvervon aus, dass hinter der Überwachung mitunter ein einbarung zur Kameraüberwachung für alle Filialen.
Auch bei den Arbeitsverträgen nutzt Primark seinen
ganz anderes Motiv steckt: „Wir vermuten bei vielen
Einzelhändlern, dass Mitarbeiter mit den Kameras ne- Spielraum aus. In einem Vertrag heißt es etwa: „Der Arbenbei auch diszipliniert werden sollen.“ Inzwischen beitnehmer stimmt regelmäßigen Personalausgangskontrollen zu. Der Arbeitgeber behat Primark laut Lüttgau in Hannohält sich ein Durchsuchungsrecht
ver 40 Kameras abmontiert oder
vor.“ Ein derart weitgehendes pauausgeschaltet und bei den verbleischales Durchsuchungsrecht hält etbenden problematische Einstellunwa Ulrich Preis von der Universität
gen verändert. Die Behörde erwarKöln für angreifbar. „In diesem Vertet, dass der Einzelhändler bis zum
trag ist die Klausel zu allgemein geFrühling die datenschutzrechtlichen
halten“, sagt Preis, einer der beAnforderungen erfüllt.
kanntesten Arbeitsrechtler. Aus der
Auch die Berliner Datenschützer
Formulierung lasse sich nicht erkenhaben eine Überprüfung angenen, ob Primark womöglich vorhastrengt, Ergebnisse sollen im März
be, auch Leibesvisitationen vorzuvorliegen. „Bundesweit einheitliche,
nehmen, was ein Eingriff ins Persönrechtskonforme Maßstäbe“ seien erlichkeitsrecht wäre.
strebenswert. Ver.di-VorstandsmitDie Arbeitsschutzbehörden von
glied Stefanie Nutzenberger geht
EINE MITARBEITERIN über die
fünf Bundesländern berichten, dass
noch weiter: „Wir erwarten von PriArbeitsbedingungen bei Primark
Angestellte sich bereits über unzumark, dass die Persönlichkeitsrechte
mutbare Arbeitsbedingungen beder Beschäftigten, aber auch die der
„Wenn du
Platzangst
hast, solltest du
hier besser
nicht arbeiten“
LÄRM UND SCHIMMEL Offenbar leiden Mitarbeiter
unter der übermäßigen Lärmbelästigung während der
Arbeit. Auch der Chemikaliengestank aus Textilien, eine teilweise unzureichende Belüftung der Verkaufsräume und angeblicher Schimmelbefall an der Kleidung
wurden beanstandet, heißt es. In einigen Fällen musste
Primark den Behörden zufolge nach den Kontrollen
nachbessern. Das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium analysiert momentan Textilproben auf möglicherweise gesundheitsschädigende Ausdünstungen.
Das Ergebnis steht aus.
Wenn sich der Textilkonzern in einer neuen Stadt ansiedelt, arbeitet er oft mit den Jobcentern und den Arbeitsagenturen zusammen. Natürlich freuen sich auch
Politiker, wenn Primark auf einen Schlag mehrere Hundert Geringqualifizierte einstellt. Deswegen erhält das
Unternehmen nicht nur die kostenlose Personalvermittlung, sondern zusätzlich häufig auch Eingliederungszuschüsse für die Anstellung von Langzeitarbeitslosen. In Köln etwa zahlte die Arbeitsverwaltung 219 der
360 an Primark vermittelten Angestellten für mindestens drei Monate einen Teil des Gehalts. Solche Subventionen nehmen natürlich auch Konkurrenten gern
mit, wenn sie Mitarbeiter einstellen. Es sei betriebswirtschaftlich vernünftig, diese Möglichkeit auszuschöpfen, sagt Jürgen Dax, Hauptgeschäftsführer beim
Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels.
Zudem stellt Primark, wie viele Einzelhändler, seine
Beschäftigten häufig nur in Teilzeit ein. Das hat zum
Beispiel in Köln die Folge, dass von den 360 vermittelten Arbeitskräften 116 so wenig verdienen, dass sie zusätzlich aufstockende Leistungen vom Jobcenter erhalten. Auch in Hannover bestätigt der Betriebsrat, dass
die Teilzeit System habe. „Wenn einer krankheitsbedingt ausfällt, fehlen eben nur ein paar Stunden. So hat
Primark maximale Flexibilität“, sagt Betriebsratschef
Ralf Sander. In Hannover sind 175 von 424 Angestellten
Ver.di-Mitglied – ein Organisationsgrad, den bisher allerdings nur diese Filiale vorweisen kann. Der Betriebsrat und die Gewerkschaft wollen nun gemeinsam für einen Tarifvertrag kämpfen, um damit die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter und ihr Mitspracherecht zu verbessern. Falls Primark sich weigere, in Verhandlungen
zu treten, würden die Mitarbeiter streiken. An den
Wühltischen würde zum ersten Mal Ruhe einkehren.
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20 Deutschland & die Welt
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Darf ich
bitten?
Gestatten, Gigolo: Peter Nemela steht auf
einem Kreuzfahrtschiff amüsierfreudigen Damen
als Tänzer zur Verfügung – von Holger Kreitling
M
Männer, gleich mal ein Tipp aus dem Erfahrungsschatzkästlein des Peter Nemela. Männer, bügelt eure
Hosen. Natürlich keine Jeans, sondern Stoffhosen. Das
bringt Anerkennung der Damen. Nemela bügelt seine
Hosen im Dienst scharf, und er vermeidet es, sich nach
dem Tanz, wenn er ein bisschen verschwitzt ist, hinzusetzen. Denn das gibt Beulen an den Knien. Jedenfalls
bekommt er immer wieder schöne Komplimente für
seine tadellosen Falten, an den Hosen und auch sonst.
„Wir haben Sie genau beobachtet!“, rufen die Damen
gegen Ende der Reisen gerne und lachen.
Peter Nemela ist 76 Jahre alt und hat einen super Berufstitel. Er ist Gentleman-Host. An Bord des Kreuzfahrtschiffes „MS Deutschland“, bisher als „Traumschiff“ bekannt, betreut er alleinstehende Frauen und
steht offiziell als Tänzer zur Verfügung, ein Kavalier
und treuer Gastgeber.
Darf ich bitten, gnädige Frau?
Gewähren Sie mir den Tanz?
Ich darf den Arm reichen?
Funktioniert immer.
Er sagt: „Die Aufmerksamkeit, die man einer Dame
schenkt, das ist das Wichtige.“ Und: „Ein Kompliment
muss Wahrheit beinhalten.“
Er sagt immer Damen, nicht Frauen, ein gewisses Alter schwingt bei dem Wort mit, doch Nemela sagt auch
zu Frauen mit Mitte 30 Damen. Es geht dabei weder um
gesellschaftliche Ränge oder Standesdünkel oder Anbiederung, vielmehr um individuelle Wertschätzung,
um Höflichkeit. Die Sonne scheint, das Meer ist blau,
das Leben schön. Darf ich bitten? Aber gerne.
Dabei ist Peter Nemela sehr viel weniger altmodisch,
als man vielleicht denkt. Der Mann wirkt kein bisschen
gestrig. Um ihn zu besuchen, muss man auch nicht an
einen mondänen Ort fahren, in einen Tanzsaal oder eine Hotellobby. Der Gentleman-Host wohnt in einem
winzigen Dorf bei Schlüchtern im Hessischen, im letzten Haus vor den Feldern. Gegenüber gibt es noch einen ordentlichen Misthaufen im Hof. Das erdet.
Nemela wohnt alleine in dem Haus, er überlegt, wie
lange er da bleiben kann, man wird ja nicht jünger. Sei-
ne Frau ist vor 15 Jahren gestorben, der Sohn lebt in Berlin. Fotos der Hochzeit 1973 stehen auf einem Tischchen in der Ecke, beide strahlen vor Glück, die Frau hat
hochtoupiertes Haar, ein schönes Paar. Sie gingen gerne
tanzen.
Nemela sagt: „Wenn man zu Hause rumsitzt, ist das
tödlich. Dann stirbt man auch früher.“
Lange hat er eine Malerfirma mit vielen Mitarbeitern
geleitet, mit 50 Jahren machte er sich selbstständig, der
Betrieb gedieh. Vor vier Jahren ging er in Pension, und
was nun? Eigentlich sei er zufällig an die Schiffsfahrerei
gekommen, auf einer Geburtstagsfeier, sagt er. Freunde
von der Lufthansa hatten als Gentleman-Hosts auf der
„MS Deutschland“ angefangen, es gab dort viel zu tun.
Mensch, das wäre etwas für dich, meinten sie. Bald saß
Nemela in Hamburg bei der Reederei, wurde beäugt und
befragt. Man war sich schnell einig, Nemela wollte eine
Probereise machen, es ging von Hamburg über Island
nach Kanada. Im Range eines Gastes bekam er eine Kabine. Abfahrt: 4. Oktober 2011.
„Ich war selbstständiger Unternehmer“, sagt er, „und
musste mich plötzlich in die Hierarchie der Crew einordnen, demütig von unten nach oben schauen.“ Die
Aufgabe war klar, es gab einen Vertrag. Hauptarbeitsplatz: Kaisersaal, ab 21 Uhr Tanz. Tagsüber Tanzkurse,
Deck-Vergnügen, Kapitäns-Cocktail. Landgänge. Konversation, Plauderei, gute Laune verbreiten. Richtig
harte Arbeit, sagt er.
Nemela war begeistert. „Wir haben ein tolles Luxusleben“, sagt er.
Seitdem war er bei mehr als 20 Reisen in aller Welt
dabei, die Engagements dauerten zwei Wochen, drei
Wochen, bis zu zwei Monate. Sein Name steht stets auf
der Liste der Künstler an Bord, das freut ihn. Die hessischen Stoppelacker draußen hinter den Fenstern sind
weit weg.
Koffer packen:
Sechs Paar Schuhe, darunter zwei Paar zum Tanzen.
Drei Anzüge und ein Smoking. 16 bis 20 Krawatten plus
abgestimmte Einstecktücher. Über die Krawatten gibt
es viel zu sagen.
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Deutschland & die Welt 21
NEUE VISIONEN FILMVERLEIH; KATRIN BINNER
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Auf dem Traumschiff Peter Nemela, der Gentleman-Host, tanzt mit den Damen am liebsten Wiener Walzer
Himbeer – dreist und jung.
Dunkelrot – elegant und vornehm.
Orange – sommerlich, jugendlich.
Beige – zurückhaltend fein.
Man darf nicht überstylt sein, sagt er. Schon temperamentvoll, aber eben echt. Hosen werden selbst gebügelt, Hemden in die Wäscherei an Bord gegeben.
Mal sind nur zwei Gentlemen-Hosts dabei, mal fünf
oder sechs, es hängt von der Zahl der Single-Frauen ab,
die gebucht haben. Generation 60 plus: Viele von ihnen
waren bereits mit ihren Männern auf dem Schiff, als
Witwen oder Geschiedene fühlen sie sich weiter gut
aufgehoben. Sie wollen sich amüsieren, viele sind finanziell abgesichert, einige haben auf die Reise gespart. Der
Ton und der Umgang sind herzlich, offen, manchmal
ein wenig frivol und gespielt erwartungsvoll. Nemela
kann auch zweideutig sprechen, er lächelt dazu. Alle
flirten gerne an Bord. Er sagt: „Die Damen wollen nur
tanzen. Ein Augenzwinkern wird natürlich von beiden
Seiten mal gebracht. Das hat nichts weiter zu sagen.“
Eintänzer hießen Leute wie Nemela früher, in den
20er-Jahren verdingten sich deutsche Offiziere in Hotels für alleinstehende Frauen. Sie hatten Bildung, Umgangsformen, konnten tanzen. Die Armee war fort. Damals gab es das Lied „Schöner Gigolo, armer Gigolo“:
„Schöne Welt, du gingst in Fransen
Wenn das Herz dir auch bricht
Zeig ein lachendes Gesicht
Man zahlt und du musst tanzen.“
Gigolo? Na ja, sagt er.
Für die Tanz-Arbeit muss Nemela seine Kapazität
strikt aufteilen. Mindestens mit jeder Frau ein Tanz,
höchstens drei. Es dauert also eine Weile, bis eine amüsierwillige Dame zu ihrem nächsten Tanz kommt. Sie
setzen Tricks ein. Wenn er die Bühne verlassen will und
das Orchester einsetzt, wird oft gerufen: Ach, das ist ja
mein Lieblingstanz! Also gibt er nach, ganz Kavalier, die
Dame hat sich noch einen Tanz erschlichen.
Die Bühne ist zwei Stufen höher als der Saal. Rumba,
Samba, Cha-Cha-Cha, Tango, Foxtrott, am liebsten
tanzt er Wiener Walzer. Man muss sich als GentlemanHost auf die Partnerin einstellen. Meistens erlaubt das
Alter keine Kapriolen. Er hat auch schon Damen beim
Walzer mehr oder weniger über die Bühne geschleift.
Beim Tanz sieht er die Gesichter der Wartenden, sieht
auch Sehnsucht und ein wenig Einsamkeit. Er weiß
gleich, mit wem er als Nächstes tanzen wird, tanzen
muss, damit keine Eifersucht aufkommt. Gibt es
manchmal natürlich dennoch. Lieder:
„Love Is In The Air“
„Bei mir bist du schön“
„Stand By Me“
„I Just Call To Say I Love You“
Den ganzen Abend tanzen, das ist anstrengend. Nemela trinkt Wasser zwischen den Tänzen, später auch
mal ein Bier. Viel Alkohol ist nicht erwünscht. Er trägt
zwei Unterhemden übereinander, um Schweiß abzuhalten. Bei Disco-Partys auf dem Deck neben dem Swimmingpool geht es ein bisschen wilder zu. Dann heißt es
bald Hemd wechseln.
Sind die Frauen selbstbewusster geworden? Auch
fordernder? Ohne Zweifel, sagt Nemela.
„Sie sagen, wir haben auch ein Recht auf unser Leben, wir wollen es genießen, bis jetzt war es hart. Oder
sie waren in einer schwierigen Verbindung und blühen
auf. Sie sagen, was sie wollen.“
Sex kommt ja nicht vor, sagt er.
Nie?
Er lacht. Pause. Lacht erneut. Das ist natürlich eine
Antwort.
Peter Nemela erzählt gerne Bord-Geschichten. Sie
beginnen fast alle so: „Einmal hat eine Dame –.“ Dann
geht es um schöne Erlebnisse, um Glücksmomente,
auch um Forderungen, um Vereinnahmung, um Frauen,
die plötzlich wieder an Bord waren, seinetwegen. Einmal war eine Dame so fordernd und impertinent, dass
er sich verweigerte und den Kreuzfahrtdirektor vor-
warnte. Das Meer war gnädig, das Schiff rollte, der Dame wurde übel und dann war der Hafen erreicht.
Oft hört er zu, wenn Damen ihr Herz ausschütten,
die Weihnachtszeit ist schwierig, sagt er. Nemela ist
Unterhalter und Psychotherapeut, Seelentröster und
einer, der die Ordnung mit einem Kompliment zurechtrückt.
Vor zwei Jahren reiste eine Filmcrew auf die
„Deutschland“, sie filmte nicht das „Traumschiff“, sondern ihn und einen Kollegen. Der Film kommt diese
Woche in die Kinos, er heißt „Die letzten Gigolos“. Nemela tanzt. Nemela flirtet. Nemela lacht. Und herrlich
kapriziöse Damen sprechen über Beziehungen im Alter,
über Potenzprobleme bei Männern, sie klagen, dass
Herren sich heutzutage so wenig trauen und leider
nicht gerne tanzen.
Einmal war er richtig verliebt, er traf die Dame auf
der Reise nach Sizilien. Bei einem Landgang hatte er
zwei betagte Frauen zu betreuen, er war mit einer
schon beschäftigt, da sagte die Dame: Ich helfe Ihnen.
Wer macht denn so was auf einer Luxusreise, fragt er.
So kamen sie sich näher. Die Dame war oft an Bord, sie
hatte eine schlechte Ehe hinter sich. Peter Nemela hat
ein Buch mit gemeinsamen Fotos von ihr geschenkt bekommen. Man sieht unbeschwertes Lachen und Glück
an vielen Orten. Er hatte sich entschieden, wie er sagt,
mit dieser Dame den Rest des Lebens zu gehen, sie
wollten nach Bayern ziehen. Es sollte nicht sein.
In Monaco standen sie an der Reling, sie erzählte,
dass sie ein Insekt im Hals gestochen hat, der Arzt hatte
Blut abgenommen und zu einer Kontrolle zu Hause geraten. Es war Krebs, ihr blieben acht Monate.
Ein bisschen müde ist er. Fünf mal war er in St. Petersburg, will man ein sechstes Mal hin? Aber zu Hause
rumsitzen?
Die „MS Deutschland“ ist seit Oktober 2014 insolvent. Eine ausgebuchte Weltreise wäre im Februar losgegangen. Peter Nemela wollte von Australien nach
Neuseeland dabei sein. Der Insolvenzverwalter hat alle
Reisen abgesagt. Auf der Kreuzfahrt des Lebens spielt
die Musik auch mal außer Takt.
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22 Deutschland & die Welt
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Am Montag wird ein Asteroid an der Erde
vorbeifliegen. Beunruhigend nah. Es ist nur
eine Frage der Zeit, bis solch ein Geschoss
aus dem All auf Kollisionskurs geht. Bislang gibt
es dafür keine Abwehrstrategie – von Guido Meyer
Ein harter
S
ein Fernglas hat
Detlef Koschny schon
bereitgelegt. Was in der Nacht von
Montag auf Dienstag auf ihn und den
Rest der Menschheit zukommt, ist mit
bloßem Auge nicht sichtbar. Mit einem Abstand
der dreifachen Erde-Mond-Entfernung wird der
Asteroid „2004 BL86“ an der Erde vorbeirasen.
Der Brocken aus dem All misst nur etwa einen
halben Kilometer im Durchmesser. „Mit einem
mittelgroßen Fernglas, wie viele Menschen es für
Vogelbeobachtungen verwenden, sollte man den
Asteroiden aber schon sehen können“, sagt der
Astronom Koschny. Denn dreifache Mondentfernung, das ist nah. Beunruhigend nah.
Nicht erst seitdem ein Meteor vor zwei Jahren
nahe der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk eingeschlagen ist, wissen Forscher, wie real
die Bedrohung aus dem All ist. Durch die Beobachtung vorbeifliegender Asteroiden versuchen
sie mehr über die kosmischen Geschosse herauszufinden. Über ihre Eigenschaften, wie etwa die
Zusammensetzung, ist bislang kaum etwas bekannt. Doch gerade solche Informationen sind
dringend nötig, damit Abwehrmethoden entwickelt werden können, falls ein großes Objekt mit
der Erde zu kollidieren droht.
Bei „2004 BL86“ zeigen sich die Schwierigkeiten, vor denen Forscher stehen, deutlich. Obwohl
der Asteroid wesentlich größer ist als die Internationale Raumstation (ISS), ist er schwieriger zu
finden. Die ISS ist leicht als „fliegender Stern“
auszumachen, sie bewegt sich in nur zwei Minuten einmal quer über den Horizont. „2004 BL86“
fliegt anscheinend viel langsamer – und entzieht
sich so leicht den Blicken. Der Flug quer über den
Himmel dürfte fast eine halbe Stunde dauern.
Dort, wo Detlef Koschny arbeitet, am Institut
für Sonnensystemmissionen beim Estec, wird die
Bahn des Asteroiden professionell verfolgt: Europäische Teleskope auf Teneriffa und La Palma, die
im Near Earth Object Programme zusammenge-
schlossen sind, sollen den Brocken verfolgen und spektroskopische Analysen
seiner Zusammensetzung anstellen.
Amerikanische Instrumente werden ihn
mit Radar abtasten, um Größe und Form
zu bestimmen.
Auch wenn dieser Himmelskörper schon
2004 entdeckt wurde, ist er ein Fremder geblieben. Asteroiden leuchten nicht und sind auf der
Oberfläche eher dunkel gefärbt. Erst wenn sie sich
der Sonne nähern, reflektieren sie das Sonnenlicht
und erscheinen somit heller. So werden sie sichtbar. „Es ist nicht so, dass wir diese Brocken immer
erst wenige Wochen vor ihrem Vorbeiflug entdecken“, erklärt Detlef Koschny. Im Gegenteil – es
gebe Listen für die Vorbeiflüge der kommenden
zwei Jahrzehnte. Doch bis zum Zeitpunkt des Vorbeifluges sind außer ihrer Umlaufbahn wenig Details bekannt. „2004 BL86“ benötigt fast zwei Jahre, um die Sonne einmal zu umrunden. So nah wie
in der Nacht zu Dienstag wird er der Erde erst wieder in 200 Jahren kommen.
UMLENKEN ODER ZERSTÖREN „2004 BL86“
ist nur einer von rund 30.000 solcher Brocken,
die irgendwann die Bahn der Erde kreuzen oder
sie sogar treffen können. „Wir wollen die Öffentlichkeit nicht verängstigen“, sagt Detlef Koschny,
aber: „Derzeit sind wir nicht wirklich darauf vorbereitet, wenn wir einen Asteroiden entdecken
sollten, der sich auf Kollisionskurs befindet.“ Seit
Jahrzehnten wird darüber nachgedacht, was man
in einem solchen Fall tun könnte. Geschehen ist
bei der Asteroidenabwehr allerdings wenig.
Das soll sich mit dem europäisch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekt Aida (Asteroid Impact and Deflection Assessment) ändern. Dabei
sollen Europas Weltraumagentur Esa und die
US-Raumfahrtbehörde Nasa je einen Satelliten
bauen, die dann Richtung Doppelasteroid Didymos geschickt werden. Die Esa will eine kleine,
mit Kameras gespickte Sonde von nur einer halben Tonne Gewicht auf dem kleineren der beiden
Himmelskörper einschlagen lassen. Dieser Aufprall würde seine Bahn entweder beschleunigen
oder, wenn der Aufprall entgegen seiner Bewegungsrichtung geschieht, ihn abbremsen. „Diese
Veränderung könnten wir von der Erde aus messen“, so Koschny. In wenigen Wochen will die
Esa Industriestudien in Auftrag geben, die binnen eines Jahres abgeschlossen sein sollen.
In den USA beschäftigt sich der Astrophysiker
Dave Dearborn am Lawrence-Livermore-Forschungslabor in Kalifornien damit, welcher Typ
von Asteroiden wann beeinflusst werden muss,
damit er die Erde verfehlt. Als potenziell gefährlich gelten rund 200 erdnahe Asteroiden. „Wenn
wir einen gefährlichen Himmelskörper 50 Jahre
vor seinem Zusammenstoß mit der Erde erkennen, hätten wir in diesem Zeitraum sieben oder
acht Startfenster, in denen wir eine Rakete zu
dem Asteroiden schicken könnten“, sagt Dearborn. „Dabei sollten wir in jedem Startfenster
mehrere Raketen starten, die sich dem Brocken
auf unterschiedlichen Bahnen nähern.“
Im Gegensatz zur europäischen Aida-Mission
favorisieren die amerikanischen Forscher die rabiate Variante: „Ideal wäre, den Asteroiden nicht
zu zerstören, sondern in seiner Nähe eine Atombombe zu zünden, die einen Krater auf der Oberfläche hinterlässt“, so Dave Dearborn. Auch eine
solche Impulsübertragung, verursacht durch eine
Explosion in unmittelbarer Nähe, würde die
Bahn des Asteroiden leicht verändern. Das kann
klappen – aber auch danebengehen. „Wichtig ist,
ihn nicht zu sprengen“, warnt Dearborn. Denn ist
die Explosion zu stark, würde sie nicht die Bahn
des Objektes verändern, sondern es in tausend
Einzelteile zerbrechen lassen. Sind die einzelnen
Teile nicht klein genug, um in der Atmosphäre zu
verglühen, könnten sie auf der Erde regional Verwüstungen anrichten. Zudem würde sich die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne früher oder später durch das Trümmerfeld bewegen. Weitere
Einschläge wären möglich.
Die Nasa will im kommenden Jahr mit der Mission Osiris-Rex auch eine friedliche Form der Annäherung an einen erdnahen Asteroiden versuchen. Eine Sonde, die eine Art Düsenstaubstauger an Bord hat, soll die Oberfläche eines Asteroiden anpusten und das aufgewirbelte Material aufsaugen. Die Proben werden dann in einer Kapsel
automatisch zur Erde geflogen.
Denn abseits der Gefahren, die für die Erde
von himmlischen Gesteinsbrocken ausgehen,
bieten sie vielleicht auch Chancen: Privatfirmen
wollen versuchen, aus diesen toten Brocken aus
Eis, Gestein, Staub und diversen Metallen Geld
zu machen. „Das ist das Schöne an den erdnahen
Asteroiden: Sie bestehen aus so vielen verschiedenen Materialien“, sagt Chris Lewicki, Präsident der Firma Planetary Resources, die auf einem erdnahen Asteroiden Bergbau betreiben
will. Die Elemente Wasser, Eisen, Nickel, Kobalt,
Platin und Palladium könnten im All genutzt werden beim Aufbau größerer Strukturen, findet Lewicki. Aus ihnen ließen sich beispielsweise Module für eine Raumstationen bauen.
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MAURITIUS IMAGES/ALAMY
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d e n K ü s t e n We s t e u ro p a s k re u z t , e r w a rtet Sie Genuss pur: Auf der Route von
L i s s a b o n n a c h H a m b u r g b e t ö re n S t e r n e k ö c h e a n B o rd I h re S i n n e – u n d a u c h
an Land verzaubert man Sie mit edlen
G a u m e n f re u d e n . G e n i e ß e n S i e e n t s p a n n t e S t u n d e n i n b e r ü h m t e n M e t ro p o l e n u n d
e r l e b e n S i e d e re n e i n z i g a r t i g e n C h a r m e .
Z u m A u f t a k t I h re r R e i s e l o c k t P o r t o i n s e i n e
A l t s t a d t 2) u n d z u d e n z a h l r e i c h e n K e l l e reien des südlichen Stadtteils Vila Nova
de Gaia. Entlang des Kais lohnt ein Abstecher in eine der einladenden Bars, um
b e i e i n e m G l ä s c h e n P o r t w e i n d i e S c h i ff e
an sich vorbeiziehen zu lassen. Auf eine
lange Geschichte blickt auch La Coruna
zurück, herrlich gelegen an der Küste,
d e r e n S e h e n s w ü r d i g k e i t e n w i e d a s a rc h ä o l o g i s c h e M u s e u m o d e r d e r To r re d e
Hercules, der einzige noch betriebene
Leuchtturm aus der Römerzeit, sich als
F o t o m o t i v a n b i e t e n . U m g e b e n v o n We i n bergen liegt Bordeaux. Ob in der hist o r i s c h e n A l t s t a d t 2), i n d e r m o n d ä n e n
Einkaufsmeile Rue St. Catherine oder
b e i e i n e r F a h r t ü b e r d i e G a ro n n e – i m m e r
begeistert Frankreichs Weinzentrum mit
m a l e r i s c h e n A u s s i c h t e n . D i e E U R O PA
bleibt über Nacht – viel Zeit für Entdeckungen und zwei ganz besondere
Höhepunkte: Freuen Sie sich auf das
S c h w e s t e r n t r e f f e n v o n M S E U R O PA
u n d M S E U R O PA 2 u n d a u f e i n E x k l u s i v konzert von Kim Wilde, zu dem wir
die Gäste beider Schiffe einladen. Die
britische Sängerin wurde mit Hits wie
„Kids in America“ oder „You keep me hanging on“ weltbekannt und mehrfach
Highlights
Hamburg
• Reisen auf höchstem Niveau:
M S E U R O PA (m a x . 4 0 0 G ä s te)
w u r d e z u m 15. M a l m i t 5 - S te r n e p l u s a u s g e z e i c h n e t.*
Antwerpen
Zeebrugge
Honfleur
R eise E U R1511
• Ein Fest für Genießer:
In Ant werpen ver wöhnen Sie
r e n o m m i e r te Kö c h e a u f d e m
G o u r m e t f e s t i v a l E U R O PA s B e s te
an Bord.
La Pallice
Gironde
Bordeaux
La Coruna
St.-Jean-de-Luz
Leixoes
Lissabon
Tejo
a u s g e z e i c h n e t . A n B o r d d e r E U R O PA 2
w i r d S i e d i e P o p - I k o n e m i t n e u e n Tö n e n
überraschen und ihre sonst rockigen
Hits unplugged in einer ganz sanften
Ve r s i o n p r ä s e n t i e r e n . L i v e u n d h a u t n a h
erleben Sie ein musikalisches Highlight,
d a s i n d i e s e r g a n z b e s o n d e re n F o r m n u r
sehr selten stattfindet!
G e n i e ß e n S i e e i n e n f a s z i n i e re n d e n A b e n d
und entspannen Sie sich dann auf einem
Spaziergang durch das idyllische Honf l e u r, e i n m i t t e l a l t e r l i c h e s J u w e l i n m i t t e n
der Normandie. Beim Bummel durch die
verwinkelten Gassen stoßen Sie auf Atel i e r s u n d B i s t ro s , d i e z u m E n t d e c k e n u n d
Probieren einladen. Ganz im Stil seiner
B e w o h n e r s o l l t e n S i e A m s t e r d a m e rk u n d e n : D a s F a h r r a d 2) i s t h i e r n i c h t n u r
die beliebteste Art, sich fortzubewegen,
Sie erreichen über die flachen Straßen
auch bequem alle Sehenswürdigkeiten
w i e d e n Vo n d e l p a r k o d e r d a s A n n e Frank-Haus. Wer es noch entspannter
liebt, kann die Aussicht auf die schmalen
Häuser mit den typischen Giebeln auch
w u n d e r b a r b e i e i n e r G r a c h t e n f a h r t 2) g e n i e ß e n . G ro ß e V i e l f a l t e r w a r t e t S i e i m k l e i nen Belgien: Fühlen Sie sich im romantis c h e n B r ü g g e 2) b e i e i n e r F a h r t m i t d e m
Kanalboot ins Mittelalter zurückversetzt,
und folgen Sie Rubens’ Spuren durch
Antwerpen bis zu seinem ehemaligen
Wo h n h a u s . D e r K ü n s t l e r h i n t e r l i e ß s e i n e r
Wa h l h e i m a t h e r r l i c h e K u n s t s c h ä t z e , v o n
d e re n S c h ö n h e i t S i e s i c h i n d e r L i e b f r a u enkathedrale überzeugen können. Gaumenfreuden und Hochgenüsse für die
S i n n e s i n d g a r a n t i e r t , w e n n d i e E U R O PA
z u m G o u r m e t f e s t i v a l E U R O PA s B e s t e
l ä d t . Vo r d e r w u n d e r b a r e n K u l i s s e v o n
Antwerpen versammeln sich zum elften
Mal internationale Sterneköche, Chocolatiers, Pâtissiers, Fromagers, Affineure
u n d W i n z e r a u f d e m L i d o D e c k d e r E U R O PA
u n d f r e u e n s i c h d a r a u f , I h n e n i h r a u ß e rgewöhnliches Können zu präsentieren.
Reizvoller Ausklang einer einzigartig
s i n n l i c h e n R e i s e i s t „ E u ro p a s H a u p t s t a d t “
B r ü s s e l 2 ) . E n t d e c k e n S i e d i e g o t i s c h e A rchitektur rund um den Grand-Place und
lassen Sie sich Brüsseler Pralinés auf
d e r Z u n g e z e r g e h e n , b e v o r d i e E U R O PA
gen Hamburg aufbricht.
Sind Sie auf den Geschmack gekommen?
Dann gönnen Sie sich diese exklusive Entdeckungsreise für die Sinne und freuen
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Hochgenüsse!
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M S E U R O PA 2. I n k l. E i n l a d u n g
f ü r d i e G ä s te b e i d e r S c h i f f e –
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24 Forum
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Die zweite Chance
it dem Satz „Bin
grad auf dem
Weg zum Emir“
begann Christian Wulff vor
etwas mehr als zwei Jahren
seinen Kampf darum, Bundespräsident bleiben zu wollen.
Er sprach den Satz von Kuwait
aus auf den Anrufbeantworter
des „Bild“-Chefredakteurs,
drohte ihm wegen der Recherchen zu Wulffs Hauskauf mit
juristischem Krieg und verlor
das höchste Staatsamt. Am
Samstag machte Wulff sich auf
den Weg nach Riad. Er vertrat
im Namen der Bundesregierung unser Land auf der Trauerfeier für den saudischen
König. Christian Wulff gehört
wieder zum offiziellen
Deutschland – das zeigt diese
Mission ebenso wie sein Erscheinen in der ersten Reihe
bei der Schweigeminute für
die ermordeten „Charlie Hebdo“-Redakteure am Brandenburger Tor in Berlin. Und das
ist gut so.
Die Bundesrepublik ist ein
Land, in dem es nicht immer,
aber überwiegend gerecht
zugeht. Zur Gerechtigkeit
gehört der Verzicht darauf,
immer und überall nachtragend zu sein; zur Gerechtigkeit
gehört die zweite Chance. Die
bekam, aus je völlig unterschiedlichen Anlässen und
Gründen, Franz Josef Strauß
vier Jahre nach der „Spiegel“Affäre genauso wie 1998 mancher Linke, der vor 1989 die
DDR hatte anerkennen wollen.
Es ist richtig, sich in manchen
M
Situationen unverblümt die
Meinung zu sagen. Das haben
die Medien und Christian
Wulff gegenseitig getan, und
beide Seiten werden davon
kaum viel zurücknehmen.
Unverhältnismäßig wäre es
aber, jemanden zu ächten, der
mit dem Rücktritt die Konsequenz bereits gezogen hat.
Sofern es nicht um schwerste
Verbrechen geht, ist es unfair,
ein ganzes Leben auf einen
einzigen Fehler zu reduzieren.
Mit seinem Satz, der Islam
gehöre inzwischen auch zu
Deutschland, hatte Christian
Wulff einen umstrittenen,
mutigen Vorstoß gewagt. Die
Auspeitschung eines Bloggers
in Saudi-Arabien zählt nicht zu
den Elementen, die zu
Deutschland gehören. Wulff
ist der Richtige, um das in
Riad zu sagen.
In der Wüste begann Ende
2011 eine düstere Zeit seines
Lebens, in der Wüste endet sie
auch, zumindest der politische, der öffentliche Teil. Man
kann das als leise Ironie der
Geschichte empfinden. Auch
Spott freilich hat irgendwann
seine Grenze. Christian Wulff,
gerade auf dem Weg zum
Scheich: Das ist, knapp zwei
Jahre nach seinem Rücktritt
als Staatsoberhaupt, eine normale Entwicklung.
Vorsicht vor Asteroiden!
A
Vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit.
die Geschichte des Vernichtungslagers und die
VON TORSTEN
KRAUEL
Satire
m Montag wird die Erde
von einem Asteroiden
gestreift, vielleicht gar
getroffen. Der 2004 BL86 hat
einen Durchmesser von gut einem halben Kilometer und ist
unbewohnt. Der Ring Deutscher Makler will das Bauerwartungsland in Besitz nehmen und zu günstigen Preisen
an Familien verkaufen. Der
TÜV Rheinland hat davor gewarnt, sich montags weit aus
dem Fenster zu lehnen. Auch
der Aufenthalt auf Dachgärten
ist riskant. Niemand sollte auf
die oberste Stufe einer Haushaltsleiter steigen. Die PegidaBewegung hat aus Angst vor einem Zusammenprall ihre Montagskundgebung auf Sonntag
„Mein Zuhause,
verlegt. Falls der Asteroid auf
der Erde einschlägt, bittet die
Bundesregierung die Bevölkerung, Ruhe zu bewahren. Die
Aktienmärkte könnten eine Erschütterung spüren, und der
Euro wird einbrechen. Alexander Dobrindt erklärte, falls der
Bolide die Autobahn benutze,
werde eine Mautgebühr in kosmischer Höhe fällig. Die Mitglieder der Regierung wollen
sich Montag an geheimen Orten in Sicherheit bringen, damit der Gesteinsbrocken nicht
das politische Leben vernichten kann. Sigmar Gabriel wird
sich in seiner Eigenschaft als
Vizekanzler und Wirtschaftsminister an zwei Orten gleichzeitig verstecken. Hans Zippert
P
Plötzlich sehe ich meine Mutter vor mir. Sie weint. Ihr Körper zittert. Völlig verstört
schaue ich sie an. Was kann
ein zehnjähriges Kind tun,
wenn dessen Mutter von einem Augenblick zum anderen
schluchzend zusammenbricht?
Dann Stille. Ich umarme meine Mutter. Will sie trösten.
„Was ist los, Mama?“, frage
ich. „Kann ich helfen? Ist es
wieder die Erinnerung?“
„Erinnerung“, das war eines
der vielen harmlos klingenden
Wörter für Holocaust, Auschwitz, Nazis, Hitler. Während
ich in einem beheizten Wagen
von Krakau nach Auschwitz
fahre, muss ich an diese vielen
Zusammenbrüche denken. An
meine traumatisierten Eltern,
die ihr Urvertrauen verloren
hatten und die ich als ängstliche Menschen kennengelernt
habe. Vor 73 Jahren fuhren
auch meine Mutter und meine
Großmutter vom nahe Krakau
gelegenen Getto Plaszow nach
Auschwitz. Sie war damals ein
Mädchen, Anfang 20. Ihr
Transportmittel: ein Viehwaggon, der an der Rampe Auschwitz zum Stillstand kam.
70 Jahre nach der Befreiung
des Vernichtungslagers durch
die Sowjetunion stehen auf
dem Parkplatz vor dem Haupteingang viele Touristenbusse.
Auf der anderen Straßenseite
ein Hotel, ein Hamburgerladen, ein Restaurant. Wer
nicht weiß, wo er ist – für den
ist es ein Ort wie jeder andere.
Aber dieser Ort ist der größte
Friedhof der Welt – ohne Gräber. Nur Asche. So viel Asche.
Ich treffe mich mit Lukasz
Martyniak, er ist seit über 20
Jahren Fremdenführer in dieser Hölle. Hauptsächlich arbeitet er als promovierter
Historiker im Forschungszentrum der Gedenkstätte
Auschwitz-Birkenau. Wir werden eine Gruppe von sechs
Teilnehmern durch Auschwitz
begleiten, vier Deutsche und
zwei Schweizer, alle zwischen
23 und 35 Jahre alt. Lukasz ist
43 Jahre alt, verheiratet, zwei
Kinder. Dass er Auschwitz zu
seinem Arbeitsplatz gemacht
hat, hatte biografische Gründe.
„Mein Vater wohnte 30 Kilometer von hier. Dort war ein
Nebenlager. Damals war er
acht Jahre alt. Mein Opa hat
mir alles erzählt.“
Um zwölf Uhr stehen wir
vor dem Tor des Hauptlagers
Auschwitz. Da ist es, das zynische Empfangsschild „Arbeit
macht frei“. Menschen stehen
dort und fotografieren sich vor
diesem Hintergrund. Ist das
makaber oder gedankenlos?
Auschwitz, sagt Lukasz, ist ein
Synonym für die Schoah, für
die Judenvernichtung. „Spätestens nach der Wannseekonferenz im Januar 1942, als die
Endlösung der Judenfrage
beschlossen wurde, war das
endgültige Todesurteil gesprochen. Neben Auschwitz
gab es sechs weitere Lager,
Millionen Tote.“
Dazu kommen die Millionen
Juden in den Gettos, die auf
den Transporten, auf der
Flucht getötet worden sind.
Fast 50 Menschen meiner
Familie sind seit 70 Jahren tot.
Großeltern, Tanten, Onkel,
ihre Kinder – so viele Menschen, die ich nie kennengelernt habe. Nicht einmal ein
Erinnerungsfoto. Meine Eltern
haben selten von ihnen gesprochen. Aber auch wenn sie
es nicht in Worte kleiden
konnten, so waren sie immer
in unserem Alltag anwesend.
Mein Zuhause war ein
Friedhof. Wie wahrscheinlich
das aller Kinder von Holocaust-Überlebenden. Oh ja,
meine Eltern waren auch fröhlich und konnten lachen. Irgendwie war ihr Lebenswille
stärker als ihre Traurigkeit. Es
wurden auch viele Feste zu
Hause gefeiert, es wurde gegessen, getrunken und gelacht.
Aber ich erinnere mich genau,
dass ich als kleiner Junge den
Erwachsenen zugeschaut habe,
während sie am Abend miteinander feierten. Und wie es
mich erfreute, dass sie scheinbar glücklich waren. Und doch,
man hätte darauf wetten können, irgendein Gast musste
nur sagen „Erinnerst du dich
an Sarah?“, und die gute Stimmung brach augenblicklich
zusammen. Weinen, Schluchzen, Schweigen.
Lukasz erklärt, dass es in
Auschwitz spätestens seit den
40er-Jahren nur noch um eines
ging: „Töten und vernichten.
Ob durch Arbeitserschöpfung,
Hunger, Krankheiten – Hauptsache, die Gefangenen star-
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MARTIN U. K. LENGEMANN
Christian Wulff
Michel Friedman in Auschwitz 50 seiner Ver
ben.“ Auf die Frage, warum die
Vernichtungslager in Polen
errichtet wurden, erklärt Lukasz mit ruhiger Stimme, dass
„40 Prozent aller europäischen
Juden, 3,5 Millionen Menschen, damals in Polen lebten
und es sich aus logistischen
Gründen ergab, dass man die
Vernichtung auch in diesem
Land organisiert“.
Immer wieder wird die
Frage gestellt: warum die
Deutschen? Dabei haben die
Deutschen den Antisemitismus nicht erfunden. Den gab
es in vielen Ländern. Aber
Auschwitz, das haben die
Deutschen erfunden.
Die Deutschen, sagt Lukasz,
haben die ankommenden Häftlinge mit Nummern tätowiert,
weil damit ihr Name sich ins
Nichts auflöste, der Mensch zu
einer Nummer wurde. „Und
vor allem weil es für die Statistik und die Kontrolle leichter
war, eine Leiche durch die
Nummer zu identifizieren.
Dann betreten wir einen
abgedunkelten Raum. Auf der
linken Seite liegen Haare.
Menschenhaare. Zweitausend
Kilogramm. Das entspreche
etwa 40.000 Opfern, sagt
Lukasz. Viele Tausend Kilogramm Haare mehr wurden in
Auschwitz gesammelt und
dienten dann im Deutschen
Reich als Stopfmaterial für
Matratzen. Wir betreten Block 5.
In jedem Raum verglaste
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Forum 25
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
ein Friedhof“
IMPRESSUM
Verleger: Axel Springer (1985 †)
Herausgeber: Stefan Aust
Chefredakteur: Jan-Eric Peters
Michel Friedman über
Geschichte seiner Familie
wandten wurden in der Schoah ermordet
Schaukästen. Im ersten Tausende Brillengestelle. Jede
Brille steht für einen ermordeten Menschen. Der nächste
Raum, unendlich viele aufeinandergeworfene Schuhe –
Kinderschuhe. Dann noch eine
Vitrine. So viele Puppen.
Mit Auschwitz kam die
Gewalt an ihren Höhepunkt.
Nur wo fing sie an? Bei den
Lokführern, die ihre „Ware“ an
der Rampe ablieferten und
sich nicht fragten, warum sie
nie Menschen zurückfuhren?
Oder bei den deutschen Beamten, die die Endlösung der
Juden beschlossen? Oder bei
den Technikern, Architekten
und Bauarbeitern, die Gaskammern, Baracken, Krematorien bauten? Bei den Menschen, die in Frankfurt, Berlin,
München oder Hamburg in der
sogenannten „Reichskristallnacht“ mit ansahen, wie Synagogen angezündet wurden?
Ist der Gedanke so abwegig,
dass, hätte man am jeweiligen
Anfangspunkt Nein gesagt, es
nie zu Auschwitz gekommen
wäre? In meiner Jugend habe
ich immer wieder hören müssen: „Was hätte ich, was hätte
der Einzelne dagegen tun
können?“ Ich musste an Oskar
Schindler denken, den Mann,
der meine Mutter, meinen
Vater und meine Großmutter
gerettet hatte. In meiner Familie waren sie die Einzigen, die
die Schoah überlebten. Schind-
ler gründete eine Scheinfabrik,
fertigte eine Liste von über
1000 Juden an, die er für die
Arbeit brauchte, und tat das,
was Millionen Menschen nicht
taten: helfen.
Der schindlersche Frauentransport, zu dem meine Mutter und meine Großmutter
gehörten, wurde irrtümlich in
das KZ umgeleitet. Schindler
entschied sich, zum Lagerkommandanten Höß zu fahren
mit einem Sack Diamanten.
Den hatte er zuvor von seinen
Juden bekommen als Bezahlung dafür, dass sie in seine
Liste aufgenommen wurden.
Schindler legte dem Kommandanten den Sack auf den Tisch
und forderte seine Frauen
zurück. Er riskierte sein Leben. Höß nahm die Diamanten
und gab ihm seine Jüdinnen.
Wir verlassen das Stammlager, um nach Birkenau zu
gehen. Spätestens hier wird
die Einmaligkeit der Judenvernichtung deutlich. Sie kamen an, zu Hunderttausenden. Bereits in den Gettos
abgemagert, krank und erschöpft, nach einer mehrtägigen Reise in Viehwaggons,
standen sie an der Rampe.
Über 90 Prozent von ihnen
wurden direkt in die Gaskammern geschickt, wo sie
qualvoll starben.
Lukasz berichtet: „Man
erzählte den Juden, sie würden
sich duschen dürfen. Sie betraten einen Raum mit Duschköpfen. Sie standen nackt beieinander, als Zyklon B statt
Wasser ausströmte. Sie starben
qualvoll. Es dauerte zwischen
zehn und 15 Minuten, bis das
Gift wirkte. „Dann wurden sie
mit Sonderkommandos in die
Krematorien geschickt“, sagt
Lukasz. Wir gehen in ein Krematorium. Die Öfen sind geöffnet. „Die Krematorien“,
fährt er fort, „schafften es
nicht, die Anzahl der vergasten
Juden zu bewältigen. Auf offenem Feld wurden die Leichen
gehäuft und verbrannt. Jeder
und alle im KZ wussten davon.“
Die sechs jungen Menschen,
die seit vier Stunden mit mir
durch diesen Ort gehen, sind
sichtlich betroffen. „Und heute?“, frage ich Lukasz. „Ist die
Welt eine bessere geworden?“
Er denkt nach. „Ich will glauben, dass jeder, der Auschwitz
besucht, etwas lernt. 2001
waren es eine halbe Million
pro Jahr. 2014 schon 1,5 Millionen aus der ganzen Welt. Ich
hoffe, Sie sind Botschafter
gegen den Hass.“
Stellvertreter des Chefredakteurs: Dr. Ulf Poschardt, Arne Teetz
Stellvertretende Chefredakteure: Beat Balzli, Oliver Michalsky
Verantwortlich: Peter Schelling (V.i.S.d.P.)
Chef vom Dienst: Diemo Schwarzenberg
Layout: Julia Rechenberg Produktion: Christian Schneider
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Chefreporter Investigativteam: Jörg Eigendorf
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Mitarbeiter dieser Ausgabe: Thomas Behrendt, Babette Bendix,
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Die Zeitungen von WeltN24 erscheinen in
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Smartphone statt
Bankschalter: Die
wichtigsten Apps Seite 32
Cloud statt PC:
Satya Nadella baut
Microsoft um Seite 34
Mit dem Waldsterben
begann die Öko-Hysterie
der Deutschen. Inzwischen
ist das Land grün
geworden. Das hat viel
Gutes gebracht. Doch
manchmal sieht der
Umweltschützer den Wald
vor lauter Bäumen nicht
– von Dirk Maxeiner
und Michael Miersch
GETTY IMAGES; DPA PA/MICROSOFT/HANDOUT; DPA PA/OLEKSIY M
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In der
grünen
Hölle
D
aimler wirbt für Elektroautos, der Energieriese E.on zerlegt sich
selbst, und auf Elternabenden wird diskutiert, ob das Essen in
der Kita nur bio, biovegetarisch oder biovegan sein soll. Touristen werden mit Rikschas durch Berlin
und München kutschiert, abgasfrei und
geräuschlos. Glühbirnen sind verboten, und die Klos haben Wasserspartasten. Brokdorf-Veteranen bleibt die Spucke weg, wenn
eine CDU-Kanzlerin die Energiewende ausruft. In
Deutschland, Österreich und der Schweiz hat grünes
Gedankengut die Gesellschaft tief durchdrungen. Und
es wurde mit Erfolg in viele andere Länder der westlichen Welt exportiert. Fahrradfahren, Energiesparen
und Mülltrennen gehören zum Alltagsverhalten, wie
Zähneputzen. Man fühlt sich verantwortlich für das
Weltklima, die Rettung der Wale und den tropischen
Regenwald.
Alle sind grün geworden, von Angela Merkel bis Margot Käßmann, von „Bild“ bis „Brigitte“, von der Allianz
bis zum ADAC. Sogar McDonald’s hat sein Logo von rot
auf grün umgefärbt. Gleichzeitig wird immer verschwommener, für was die Etiketten „grün“ oder
„nachhaltig“ überhaupt noch stehen. Dafür werden die
Widersprüche verschiedener ökologischer oder vermeintlich ökologischer Kämpfer sichtbar. Da streiten
Wald- und Landschaftsschützer mit Klimarettern, die
Windräder, Sonnenfarmen oder Speicherseen errichten
wollen. Die dafür erforderlichen Stromtrassen werden
inzwischen bekämpft wie eine neue Autobahn.
Sozial eingestellten Grünen missfällt, dass die Großindustrie durch geschickten Lobbyismus den grünen
Markt an sich gerissen hat. Was, fragen sie, hat der
Windkraftinvestor mit dem Fledermausschützer noch
gemein? An den Rändern des grünen Denkens blühen
Heilslehren, die irgendwie grün daherkommen sollen,
doch mit Ökologie nichts zu tun haben. In deutschen
Buchhandlungen etwa schwemmen Esoterik, Wellness
und biodynamische Garten-Ratgeber in die Regale.
Beliebigkeit breitet sich aus. Bei vielen Errungen-
schaften neuerer Zeit stellt sich die Frage: Sind sie wirklich gut für die Umwelt, oder tun sie nur so? Auf den
Plastiktüten der Supermarktkette Tengelmann steht
„I’m green“. Begründung: Der verwendete Kunststoff
wird aus Zuckerrohr produziert. Aber warum soll Zuckerrohr „green“ sein? Die Plantagen sind oft alles andere als ökologisch vorteilhaft.
Nur ein Beispiel von vielen. Sind Sparleuchten umweltfreundlich, die giftiges Quecksilber enthalten? Ist
Bio-Landwirtschaft wirklich ökologisch, wenn sie für
den gleichen Ertrag doppelt so viel Land benötigt? Sind
Windkraftwerke umweltfreundlich, die Tausende Vögel
und Fledermäuse zerhacken? Welche Folgen hat Biodiesel für den Umweltschutz, wenn er aus Palmöl stammt,
für dessen Anbau Regenwälder abgebrannt werden?
Warum interessiert es deutsche Sonnenfreunde nicht,
dass chinesische Solarzellen-Fabriken die Umwelt verschmutzen und Menschen vergiften?
Zu diesen Widersprüchen konnte es nur kommen,
weil inzwischen alles durchgewunken wird, was grün ist
oder auf grün macht. Keine soziale Bewegung in der Geschichte siegte so schnell. Bis sich das Industrieproletariat akzeptable Lebensverhältnisse erkämpft hatte, bis
die Sklaverei in Amerika abgeschafft und Frauen gleichberechtigt waren, vergingen teilweise Jahrhunderte.
Vom Zeitpunkt, zu dem das Umweltthema in Deutschland aufkam, bis zum Ergrünen von Politik und Wirtschaft vergingen nicht einmal drei Jahrzehnte.
ZEITREISE Hätte man in den 60er-Jahren einen Deutschen in eine Zeitmaschine gesetzt, um ihn ins Jahr
2015 zu transportieren, er käme heute aus dem Staunen
nicht mehr heraus. Und dies nicht nur wegen
Smartphones, Internet oder Geldautomaten. Dieser
Mensch würde staunen, wie baumreich die Städte sind,
wie sauber die Gebäude, die damals rußgeschwärzt waren, und wie anders die Luft riecht. Er wäre verblüfft,
dass Essen aus Dosen nicht mehr als modern, sondern
als ungesund gilt. Verwundert würde er lesen, dass wieder Wölfe durch die Wälder streifen und kaum jemand
etwas dagegen hat. Und vielleicht könnte er nicht begreifen, dass Menschen freiwillig Fahrrad fahren, obwohl sie sich ein Auto leisten können.
Der grüne Siegeszug begann vor gut einem halben
Jahrhundert.
1959 kam Bernhard Grzimeks Film „Serengeti darf
nicht sterben“ in die Kinos. Das Savannen-Epos des
Frankfurter Zoodirektors war pathetisch und aufrüttelnd. Seine Botschaft: Die letzten Naturgebiete der Erde sind in Gefahr. Wir müssen umdenken und erkennen, dass wilde Natur ebenso wertvoll ist wie die großen Kulturschätze der Menschheit. Diese Sichtweise,
heute eine Selbstverständlichkeit, wurde damals von
vielen als Provokation empfunden. Zum Beispiel von
der katholischen Kirche, die im Adenauer-Deutschland
die unumstritten oberste Instanz für ethische Fragen
war. Bevor Grzimek wilde Tiere zum Kulturerbe erhob,
stellten Naturfilme sie als gefährliche Bestien dar. „Serengeti darf nicht sterben“ leitete einen Paradigmenwechsel ein: von der bedrohlichen zur bedrohten Natur.
Zwei Jahre später, 1961, erhob Kanzlerkandidat Willy
Brandt die Luftverschmutzung zum Wahlkampfthema:
„Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau
werden!“ Im Wahlprogramm der SPD stand damals:
„Erschreckende Untersuchungsergebnisse zeigen, dass
im Zusammenhang mit der Verschmutzung von Luft
und Wasser eine Zunahme von Leukämie, Krebs, Rachitis und Blutbildveränderungen sogar schon bei Kindern
festzustellen ist. Es ist bestürzend, dass diese Gemeinschaftsaufgabe, bei der es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, bisher fast völlig vernachlässigt
wurde.“ In einer Publikation des Umweltbundesamtes
aus dem Jahr 2011 heißt es dazu: Brandts Vorstoß „kann
zu Recht als der Beginn umweltpolitischen Denkens in
Deutschland gelten. Damit rückte Brandt – lange bevor
es die Begriffe Umweltschutz oder Umweltpolitik gab –
ein regionales und bis dahin vernachlässigtes Problem
ins Blickfeld gesellschaftspolitischer Debatten. Er
machte aufmerksam auf die Schattenseiten des deutschen Wirtschaftswunders.“
1962 erschien in Amerika das erste populäre Umweltschutz-Buch: „Der stumme Frühling“, verfasst von der
Biologin Rachel Carson. Es lenkte die Aufmerksamkeit
auf die ökologischen Folgen des Unbedachten Einsatzes von Pestiziden. Durch Carson wurde bekannt, dass
sich einige Vogelarten nicht mehr vermehrten, weil das
Insektengift DDT ihre Eier schädigte. Die amerikanische Öffentlichkeit war besonders dadurch alarmiert,
dass unter den betroffenen Spezies auch der Weißkopfseeadler war, das Wappentier der Vereinigten Staaten.
DDT und andere Pflanzenschutzmittel, die Farmer zuvor sorglos auf den Feldern versprühten, wurden als Reaktion auf Carsons Buch in vielen Staaten verboten.
Obwohl die Welt mitten im Ost-West-Konflikt steck-
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28 Wirtschaft & Finanzen
» Fortsetzung »
te und der Kalte Krieg ständig heiß zu werden drohte,
machten sich immer mehr Menschen in den westlichen
Industrieländern Sorgen um die Umwelt, den Zustand
der Natur und besonders um die Gesundheitsschäden,
die Menschen durch industrielle Abgase und Abwässer
erlitten. Rauchende Schlote galten bis dahin als Zeichen
von Fortschritt und wachsendem Wohlstand. Dass
Flüsse begradigt, Moore trockengelegt, Wälder gerodet
wurden, feierte man als Siege über eine feindliche Natur. Doch die Schattenseiten des Wirtschaftswunders
wurden immer deutlicher: Schaumberge türmten sich
auf den Flüssen, weiße Wäsche wurde vom Staub der
Kohleöfen und der Fabrikschlote grau gefärbt, wenn sie
zum Trocknen draußen hing. Im Winter vermischten
sich Nebel und Rauch zum gesundheitsschädlichen
Smog. Die Probleme waren unübersehbar, und bald
schon zeigten die Appelle von Grzimek und Co. Wirkung. Alle sprachen plötzlich von „Umweltschutz“, einem neuen Wort, das 1969 im FDP-geführten Innenministerium ersonnen worden war. Die sozialliberalen
Bundesregierungen erließen Gesetze und Verordnungen zum Schutz von Luft und Gewässern. In der darauf
folgenden Kohl-Ära wurden sie weiter verschärft.
„Die Reihen
der Bäume
lichten sich,
wie Armeen
unterm
Trommelfeuer“
„STERN“-ARTIKEL
über das Waldsterben, 1986
VORBILDLICH Heute ist Deutschland eines der Umweltmusterländer der Welt. Es ist nicht alles perfekt.
Die Lösung alter Probleme bringt oft neue Probleme
mit sich, die man nicht erwartet hätte. Doch die Verhältnisse haben sich von Grund auf gewandelt. Als 1993
Asbest verboten wurde, wusste man schon mehr als ein
halbes Jahrhundert lang, dass er die Gesundheit von
Menschen gefährdet. Heute werden manche Stoffe
schon beim Verdacht, sie könnten schädlich sein, aus
dem Verkehr gezogen, wie kürzlich Pflanzenschutzmittel, die Neonicotinoide enthalten.
Alles in allem ist der Umweltschutz in Deutschland
eine grandiose Erfolgsstory. Man könne meinen, dass
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den Umweltschützern langsam die Themen ausgehen.
Doch die professionellen Mahner und Warner haben
sich neuen Themen zugewandt. Je mehr Erfolge das
grüne Großreinemachen in Deutschland vorweisen
konnte, desto stärker rückten schwer überprüfbare Katastrophen-Prognosen in den Fokus der Aktivisten.
Und hier liegt eine große Gefahr.
DIE ERFINDUNG DES WALDSTERBENS Wie sich eine ganze Gesellschaft von Schreckensszenarien in den
Bann schlagen lässt, wenn die Ängste so stark werden,
dass es niemand mehr wagt, kritisch nachzufragen, erlebte Deutschland eindrucksvoll in den 80er-Jahren.
Das Gespenst der damaligen Zeit hieß Waldsterben.
Wer verstehen will, was damals passierte, fragt am besten Rudi Holzberger. Der Medien- und Agrarwissenschaftler glaubte seine Heimat, die Wälder des Allgäus,
Anfang der 80er-Jahre verloren. Doch zehn Jahre später
begann er, die Horrorszenarien zu hinterfragen, analysierte und verglich 150 Artikel überregionaler Printmedien. Er schrieb eine Doktorarbeit darüber.
Ab 1981 wurde das Waldsterben zum Dauerthema in
der deutschen Presselandschaft. 1983 schrieb der „Spiegel“: „Wir stehen vor einem ökologischen Hiroschima“.
Im „Stern“ stand 1986: „Die Reihen der Bäume lichten
sich, wie Armeen unterm Trommelfeuer.“
„Die überboten sich gegenseitig, wie beim Kartenspiel“, sagt Holzberger. In seiner Dissertation („Das sogenannte Waldsterben: Zur Karriere eines Klischees“,
1995) wies er nach, dass die Journalisten voneinander
abgeschrieben hatten und immer dieselben Experten
zitierten. Die wissenschaftliche Basis war dünn. Zwei
Wissenschaftler dienten als Kronzeugen. Fernsehen,
Hörfunk, Zeitungen und Zeitschriften befragten immer
wieder diese beiden und kaum je einen anderen Experten. Forscher, die Zweifel anmeldeten, wurden ignoriert. Die Fotos und Fernsehbilder, die den dramatischen Befund belegten, stammten größtenteils aus dem
Erzgebirge, damals DDR. Dort waren tatsächlich ganze
Hänge abgestorben. Die Ursache dieses Desasters lag
jedoch nicht in einem allgemeinen Waldsterben, sondern fand sich ganz in der Nähe. Braunkohlekraftwerke
der damaligen ČSSR bliesen riesige Mengen Schwefeldioxid in die Luft, das auf die Wälder niederregnete.
Das Horrorszenario und seine mediale Verstärkung
führten dazu, dass erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik quer durch die gesamte Bevölkerung Einigkeit über ein wichtiges Thema herrschte. Es war Konsens: Der Wald stirbt, und die Politik muss handeln.
Der große politische Gewinner des Waldsterbens waren die Grünen, die 1983 in den Bundestag einzogen.
Aber auch Helmut Kohl erkannte die Zeichen der Zeit
und griff das Thema auf. Die Betreiber von Stein- und
Braunkohlekraftwerken in Deutschland mussten Filteranlagen einbauen, die schädliche Schwefelverbindungen aus den Abgasen entfernen.
Die falschen Propheten von damals behaupten noch
heute, dieses wichtige Umweltgesetz sei durch ihre
zwar falschen, aber doch nützlichen Prognosen zustande gekommen. Doch die Verordnung über Großfeuerungsanlagen war nicht Ergebnis der Waldsterbenshysterie. Sie stammte aus den 70er-Jahren und war nur
noch nicht in Kraft getreten.
Eine wirklich neue Idee der Regierung Kohl war dagegen der „Waldschadensbericht“. Ab 1983 wurden
überall in Deutschland Förster in den Wald geschickt,
um anhand der „Kronenverlichtung“ festzustellen, wie
krank der Wald ist. Die Kriterien: der Blatt- oder Nadelverlust eines Baumes und die Verfärbung von Blättern
oder Nadeln. Doch Wissenschaftler halten diese Methode inzwischen für völlig ungeeignet. Denn es gibt
zahlreiche natürliche Gründe für solche Veränderungen. Ein Laubbaum kann je nach Witterung und Stand» Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite »
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30 Wirtschaft & Finanzen
» Fortsetzung »
ort bis zu 75 Prozent weniger Blätter tragen als ein
gleich alter Artgenosse. Bei Nadelbäumen beträgt die
Schwankungsbreite 66 Prozent. Der jährliche Waldschadensbericht (heute heißt er offiziell „Bericht über
den Zustand des Waldes“), der sich an Blätter- und Nadeldichte orientiert, ist nach Ansicht der Experten
längst ein sinnloses Ritual einer Bürokratie, die sich
verselbstständigt hat.
1993 veröffentlichte das Bundesforschungsministerium eine Zwischenbilanz aus zehn Jahren Waldschadensforschung. Das Expertengremium der Bundesregierung kam zu einem eindeutigen Ergebnis: „Das großflächige Absterben ganzer Waldregionen, wie es der Begriff ‚Waldsterben‘ unterstellt, wird heute von der Wissenschaft auch für die Zukunft nicht befürchtet.“
Und wie wurde diese frohe Kunde aufgenommen?
Man ignorierte sie. Noch 1994 verkündete der „Stern“
auf dem Titel: „So sterben unsere Wälder“.
MEHR BÄUME Die Forststatistik belegt: Als alle den
Wald für sterbenskrank hielten, nahm die Waldfläche
jährlich um 100 Quadratkilometer zu. Bis heute wächst
er weiter. Die Umweltverbände haben ihre Wortwahl
korrigiert und reden nur noch von „Waldschäden“. Und
im Jahr 2003, zehn Jahre nachdem wissenschaftlich
nachgewiesen war, dass es sich beim Waldsterben um
Hysterie gehandelt hat, verkündete die damalige grüne
Ministerin Renate Künast: „Ja, wir haben den Trend
umgekehrt. Ich kann nur dringend empfehlen, am
Sonntag einen Waldspaziergang zu unternehmen.“
Dreister kann man sich nicht mit fremden Federn
schmücken.
Das Waldsterben war die Mutter aller Öko-Ängste.
Wer die Hysterie verstehen will, die sich angesichts
mancher Ereignisse bis heute oft reflexhaft ausbreitet,
der sollte sich vor Augen führen, zu welcher Selbsttäuschung Deutschland damals fähig war. Bis heute haben
die Umweltverbände und die Grünen nicht selbstkritisch reflektiert, dass und wie sehr sie mit ihren Voraussagen zum Waldsterben danebenlagen. Statt daraus zu
lernen, stürzten sie sich auf immer neue Schreckensprognosen, mit denen sie Menschen Angst machen und
die Spendenkassen füllen. Das mulmige Gefühl einer
allgewaltigen Bedrohung ist geblieben. Heute fürchten
sich viele Deutsche vor einer kommenden Klimakatastrophe und vor Gentechnik in der Landwirtschaft. Die
Rhetorik ist praktisch dieselbe geblieben, und auch die
Prognosen sind ähnlich kühn wie damals.
Nach wie vor ist unbewiesen, ob tatsächlich das Kohlendioxid die treibende Kraft hinter den Klimaveränderungen ist. Erdgeschichtliche Analysen legen den
Schluss nahe, dass die Rolle dieses Gases überschätzt
wird. Und auch an den Schreckensszenarien haben
manche Wissenschaftler erhebliche Zweifel. Denn
Warmzeiten waren in der Vergangenheit stets besonders gute Zeiten für die Landwirtschaft und auch für die
Natur. Die Klimaprognosen haben den Vorteil, dass die
Propheten vielleicht nicht mehr am Leben sein werden,
wenn sich herausstellt, ob ihre Vorhersagen eingetroffen sind. Das Problem Umweltverschmutzung ist irgendwann erledigt, wenn die Luft wieder rein ist, die
Flüsse sauber und Wälder grün sind. Doch das KlimaThema bleibt erhalten. Und damit die Existenzberechtigung für Aktivisten, Nichtregierungsorganisationen,
kurz: NGOs, Konferenzen, Behörden, Industrien und
spezielle Forschungsinstitute. Solche, die immer wieder auf eine drohende Klimakatastrophe hinweisen.
Ein zweites Lieblingsthema heutiger Untergangspropheten sind gentechnisch veränderte Nahrungsmittel.
Anderen Ländern von Indien bis Südafrika hilft die
Gentechnik, Ernten zu steigern und Pflanzenschutzmittel einzusparen. Die Deutschen lehnen das ab – und
zwar rigoros. Seit 19 Jahren werden gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell angebaut. Inzwischen auf
175,2 Millionen Hektar durch 18 Millionen Landwirte.
Doch Deutschland will davon nichts wissen. Umweltministerin Barbara Hendricks fordert ein Totalverbot
dieser Pflanzenzuchtmethode. Die Folge ist, dass von
den 190 in Deutschland entwickelten transgenen Pflan-
„Wenn ich nicht
so eine Frohnatur
wäre, dann wäre
ich schon längst
ausgewandert“
INGE BROER, Biologieprofessorin
und Gentechnik-Forscherin
zen nicht eine einzige angebaut wird. Manche, wie etwa
eine optimierte Zuckerrübe der Saatgutfirma KWS, sind
im Ausland hochbegehrt. Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF zog vor drei Jahren mit seiner Sparte für
Pflanzenbiotechnologie komplett nach Amerika um, wo
Gentechnik ein selbstverständlicher Teil der Landwirtschaft ist. Wissenschaftler wandern ab, und Universitäten haben die Forschung auf diesem Gebiet eingestellt
oder reduziert.
Es sind zwei völlig unterschiedliche Fragen, ob man
mit Gentechnik gezüchtete Tomaten in seinem Salat
mag oder ob Gentechnik helfen könnte, Umweltprobleme zu lösen. Aber nicht in Deutschland. Man ist für
Gentechnik oder dagegen, schwarz oder weiß.
Beispiel gefällig? Die Rostocker Biologieprofessorin
Inge Broer versucht per Gentechnik Eigenschaften in
Pflanzen einzufügen, die beim Umweltschutz nützlich
wären. Sie forscht an Pflanzeninhaltsstoffen, die das
Phosphat im Waschpulver ersetzen können, und will
mithilfe von gentechnisch verbesserten Gewächsen Östrogen aus dem Trinkwasser filtern. Östrogen gelangt
durch die Ausscheidungen von Menschen, die Hormonpillen nehmen, ins Wasser. Es ist zu einer Belastung für
Fische und andere Wasserlebewesen geworden, es beeinträchtigt deren Fortpflanzung.
Aus ökologischer Sicht wäre es also wünschenswert,
würde Broer eine Pflanze entwickeln, die Abhilfe
schafft. Anerkennung muss sie nicht erwarten. Anti-
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Gentechnik-Aktivisten und ängstliche Politiker machen
ihr das Leben schwer. Die einen zerstören Versuchsfelder, die anderen stellen die Forschungsförderung ein
und erteilen bisweilen absurde Auflagen. „Wenn ich
nicht so eine Frohnatur wäre“, sagt Broer, „dann wäre
ich schon längst ausgewandert.“ Broer kommt aus der
Öko-Szene. In den 80er-Jahren lebte sie wie viele Studentinnen in einer Landkommune, buk Körnerbrot,
pflanzte Biogemüse an und engagierte sich für jene Umweltverbände, die heute gegen ihre Wissenschaft protestieren. „Ich war sicher, Gentechnik mache ich nie“,
erinnert sie sich, „aber im Laufe des Studiums wurde es
dann immer interessanter.“
GENTECHNIK Was sie heute tut, gilt vielen Deutschen
als Teufelswerk. Andererseits werden Millionen Bundesbürger beim Arzt oder im Krankenhaus mit Medikamenten oder Impfstoffen behandelt, die es ohne Gentechnik nicht gäbe. Es sind Mittel, die gegen Erbkrankheiten wie Diabetes, Bluterkrankheit oder angeborenen
Zwergwuchs eingesetzt werden, Präparate, die bei einem Herzinfarkt, bei Infektionskrankheiten helfen oder
die Krebstherapie unterstützen. Meist handelt es sich
bei gentechnisch hergestellten Medikamenten um körpereigene Stoffe des Menschen. Nicht alle sind unumstritten, aber es geht niemand auf die Straße, um gegen
sie zu protestieren. In wenigen Jahren, da sind sich viele Experten sicher, wird kein Medikament mehr auf den
Markt kommen, an dem die Gentechnik nicht in irgendeiner Form beteiligt war.
Dass sie womöglich helfen, die Umwelt zu schützen
und Menschenleben zu retten, davon sprechen höchstens noch die Hersteller.
Der Untergang steht nicht kurz bevor, im Gegenteil.
Die grüne Bewegung hat viel Gutes bewirkt. Auch wenn
es anders scheinen könnte. Denn manche Medienleute,
Lehrer, Pfarrer, Kulturschaffende und Politiker verharren im festen Glauben daran, dass es der Umwelt noch
nie so schlecht ging wie heute. Für sie steht fest, dass
der technische Fortschritt das größte Risiko unserer
Zeit darstellt und den Planeten zerstört.
Bemerkenswert daran ist, dass sich das grüne und
das konservative Milieu immer ähnlicher werden. Bei
Politikern wie Winfried Kretschmann oder Katrin Göring-Eckardt wird dies im Habitus und in der Rhetorik
deutlich. Der alte und der neue Konservatismus wachsen zusammen.
Man sieht sich beim Biobäcker, im Feng-Shui-Kurs
oder beim Homöopathen. Die Ökobewegten der 80erJahre stehen kurz vor ihrer Frühpensionierung und
wollen in Ruhe in ihrem Manufactum-Katalog blättern,
den auch der CDU wählende Nachbar abonniert hat. Sie
entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten. Man kann
über Designerfahrräder fachsimpeln und beim Italiener
über die Klimaerwärmung räsonieren. Die Kinder oder
Enkel gehen womöglich gemeinsam in die Waldorfschule. Und beim ambitionierten Mülltrennen übertrifft man sich gegenseitig.
Für den Christlich-Konservativen ist Pflanzengentechnik eine Sünde gegen den Schöpfungsplan, für den
Grünen ein Frevel wider die Natur. Das Zueinanderfinden ist im Grunde eine späte Heimholung. Die geistige
Landschaft des grün-konservativen Bürgertums ist inzwischen von Verboten so durchzogen wie die kleinkarierte Idylle der Adenauerzeit. Nur was von den Kontrollinstanzen der herrschenden Normen durchgelassen wird, hat eine Chance auf öffentliche Beachtung.
Eine grüne Gesinnung ist zum Bestandteil des gehobenen Lebensstils geworden, ein geistiges Statussymbol, ähnlich wie Weinkennerschaft oder Opernabonnement. Es scheint, als wäre das wichtiger geworden, als
die Lebensqualität für alle Menschen zu verbessern.
Es wäre an der Zeit, neu zu bestimmen, was Umweltschutz für unsere Gesellschaft bedeutet. Es sollte darum gehen, intelligente ökologische Lösungen für die
sich ständig verändernde, urbanisierte und technikgetriebene Welt des 21. Jahrhunderts zu finden. Grün sein
im 21. Jahrhundert kann nur heißen, das Wohlergehen
der Menschen wieder zum Maß der Dinge zu machen.
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Wirtschaft & Finanzen 31
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DIE SIEBEN SCHLIMMSTEN ÖKO-FLOPS
FALSCHER ALARM Bis zum Jahr 2000 sind alle
Ressourcen verbraucht, die Atomenergie führt automatisch zum Polizeistaat, Mobilfunk wird massenweise Krebs auslösen: Immer wieder gelang es der
grünen Bewegung, große Teile der Bevölkerung von
Horror-Prognosen zu überzeugen.
FORTSCHRITTSBLOCKADEN Junge Menschen
in Deutschland wollen nicht mehr Kernphysik studieren. Firmen, die erfolgreich in der Pflanzengentechnik sind, wandern aus. Auch Universitäten geben die
Forschung auf diesem Gebiet auf. Die Erschließung
unkonventioneller Erdgasvorkommen wird verhindert. Stammzellforschung und Reproduktionsmedizin
werden Fesseln angelegt.
VERRÜCKTE VORSCHRIFTEN Energiesparleuchten, die Quecksilber enthalten, Duschköpfe, die
nur noch Tröpfchen versprühen, damit im wasserreichen Deutschland Wasser gespart wird. Staubsauger, die weniger Strom verbrauchen, aber
schlechter saugen, und Dieselkraftstoff, dem Pflanzenöl beigemengt werden muss, das ökologisch mehr
schadet als nützt: Solche Vorschriften bestimmen
immer mehr das Alltagsleben. Industriezweige setzen
ihre Interessen durch, indem sie sich ein grünes
Mäntelchen umhängen.
VERMURKSTE ENERGIEWENDE Nach dem
Tsunami, der zur Katastrophe im Kernkraftwerk
Fukushima führte (bei der kein Mensch durch die
erhöhte Strahlung starb), entschied sich die Kanzlerin für den Ausstieg aus der Kernkraft und den
massiven Ausbau von Wind- und Solarkraftwerken.
Der Kohlendioxidausstoß in Deutschland stieg wieder
an, weil Kohlekraftwerke einspringen müssen, wenn
die Sonne nicht scheint und kein Wind weht. Viele
Menschen können die Energiekosten nicht mehr
bezahlen. 2013 wurde über 340.000 Kunden der
Strom abgestellt. Die Landschaft verarmt durch
Energiemais-Monokulturen. Windkraftanlagen töten
Vögel und Fledermäuse, darunter seltene Arten.
BRENT SPAR 1995 gelang der Organisation Greenpeace eine ihrer erfolgreichsten Kampagnen. Ganz
Deutschland boykottierte Shell-Tankstellen, weil der
Konzern seine ausgemusterte Ölplattform „Brent
Spar“ in der Nordsee versenken wollte. Shell beugte
sich, entsorgte die Plattform an Land. Greenpeace
hatte gelogen. Es waren nur 130 statt der behaupteten 5500 Tonnen Ölrückstände in der „Brent Spar“.
Meeresforscher erklären später, eine Versenkung
wäre sogar ökologisch vorteilhaft gewesen.
ÖKO-TERROR Längst haben die meisten vergessen, dass 1987 bei den Protesten gegen die
Startbahn West am Frankfurter Flughafen zwei
Polizisten von Waldschützern ermordet wurden. In
den 2000er-Jahren nahm die Gewalt gegen Sachen
zu, insbesondere wurden Versuchsfelder und andere Einrichtungen der Pflanzengentechnik zerstört.
BIO-TOTE Die meisten Deutschen haben Angst
vor chemischen Schadstoffen im Essen. Die
schlimmste Lebensmittelkatastrophe wurde 2011
durch Ehec-Bakterien auf Bockshornklee-Sprossen
ausgelöst. Die Samen stammten von einer ägyptischen Biofarm. In einem Biobetrieb in Niedersachsen wurden sie zur Keimung gebracht und
verpackt. Gut 4000 Menschen erkrankten, 855
entwickelten eine lebensgefährliche Nierenfunktionsstörung, 53 starben.
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32 Wirtschaft & Finanzen
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Kurzer
Draht
GETTY IMAGES
Sein Geld streicheln, am
liebsten auf dem Smartphone: So geht Bank
heute. Eine Filiale braucht
da keiner – von Karsten Seibel
Meine Bank ist hier Das mobile Gerät erledigt das schon
A
m 5. März 2014 ist der letzte Grund weggefallen, eine Filiale zu besuchen. Gemeint
ist der Tag, an dem die Finanzaufsicht
erstmals Bankkunden erlaubte, sich per
Video-Telefonat vom heimischen Computer oder Smartphone aus zu identifizieren. Seitdem
kann sich jeder den lästigen Gang in eine Bank- oder
Postfiliale sparen. Er kann viel schneller ein OnlineKonto im Internet eröffnen. Was nach einer technischen Spielerei klingt, wird den heimischen Bankenplatz grundlegend verändern. Jetzt haben traditionelle
Institute keinen Vorteil mehr gegenüber der neuen, virtuellen Konkurrenz. Die Bequemlichkeit der Kunden
steht einem Anbieterwechsel nicht länger im Weg.
GENERATION SMARTPHONE Wenn der Service
nicht stimmt, die Gebühren zu hoch sind, zieht der
Kunde halt weiter in die digitale Welt – das geht innerhalb von Minuten am Abend auf dem Sofa, in dringenden Fällen auch am Morgen in der Bahn. Die Versu-
chung, etwas Neues auszuprobieren, steigt von Woche
zu Woche. War die Bankenwelt über Jahrzehnte ein
Bollwerk gegen jede Art von Innovation – nur OnlineBroker drangen vor 20 Jahren ein –, zeigen Gründer
nun, wie Geldgeschäfte auch aussehen können. Große
Transparenz und einfache Lösungen sind die wichtigsten Merkmale der neuen Angebote.
Start-ups im Finanzbereich, auch Fintechs genannt,
bieten kostenlose Girokonten, die auf die Gewohnheiten der Smartphone-Generation zugeschnitten sind.
Oder sie entwickeln aufgeräumte Internetplattformen,
mit denen Kunden schnell das Festgeldkonto wechseln
oder günstig Geld ins Ausland überweisen können.
Beim Thema Altersvorsorge reichen plötzlich ein paar
Klicks, und der Computer erstellt nach Vorgabe der
persönlichen Bedürfnisse ein Wertpapierdepot. Kredite
von privat an privat und neue Bezahlformen sind weitere Bereiche.
Es ist nicht so, dass die alteingesessenen Banken in
ihrer analogen Welt verharren. Kontoeröffnung per Vi-
deo-ID ist seit dieser Woche bei der HypoVereinsbank
möglich. Die Sparkassen waren hierzulande die Ersten,
bei denen Kunden Geld sicher und einfach per
Smartphone überweisen konnten. Doch das Geschäft
neu zu denken ist ihre Sache nicht und noch nie gewesen. Das übernehmen nun andere: Die Ebay-Tochter
PayPal vereinfachte Zahlungen, Apple Pay schickt sich
an, der Masse das mobile Bezahlen per Smartphone
schmackhaft zu machen.
SECHS BEISPIELE, WAS GEHT Banken werden deshalb nicht überflüssig, sie werden auch in Zukunft im
Hintergrund agieren und beispielsweise Zahlungen abwickeln. Das ist den Eindringlingen zu mühsam, so
streng schaut die Aufsicht darauf, zu hoch sind die Sicherheitsauflagen. Den Fintechs reicht es, wenn sie den
Kontakt zum Kunden haben und damit zu seinem Geldbeutel. Ich zahle mit PayPal, heißt es schon heute. Dass
dahinter immer noch das Girokonto einer Bank steht,
spielt für viele Nutzer bereits keine Rolle mehr.
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Wirtschaft & Finanzen 33
DIE WOCHE
KOMPLETT Ein Girokonto, exklusiv
fürs Smartphone konzipiert, ist Number26. Das gebührenfreie Konto lässt
sich in weniger als acht Minuten direkt vom Gerät aus
eröffnen. Jede Geldbewegung sieht der Nutzer als
Push-Nachricht. Regelmäßige Ausgaben kann er sich,
nach Kategorie sortiert, anzeigen lassen. Um bis zu
100 Euro zu verschicken, reicht es, die Person aus den
Kontakten auszuwählen und den Betrag einzugeben.
Wer den Zins liebt
FESTGELD Nie hatten die Deutschen
so viel Geld auf der Bank, nie gab es so
wenig Zinsen. Die Plattformen Weltsparen, Savedo oder Zinspilot helfen, zu navigieren
und die jeweils besten Anlageagebote zu nutzen. Kunden können dann ihr Festgeld bei verschiedenen Banken anlegen, ohne selbst ein Konto zu eröffnen. Die
größte Auswahl (sechs Festgeldangebote) hat Weltsparen – mit Zinsen von 2,5 Prozent pro Jahr in Bulgarien.
Die neue Frau bei Apple macht
aus einer Million Dollar gleich 73
Die Chefin der 400 Apple-Stores und vorherige
Mode-Managerin Angela Ahrendts lässt sich
den Weg zum Technologiekonzern vergolden.
So wird ihr ein Aktienpaket, das sie bei Burberry hielt, nun bei Apple gestellt (37 Mio. Dollar).
Dazu kommt eine Antrittsprämie von AppleAktien im Wert von 33 Millionen Dollar. Regulär verdient Ahrendts, 54, „nur“ eine Million
im Jahr beim iPhone-Konzern. Doch alles in
allem erhielt sie im ersten Jahr 73 Millionen.
Allein für den Umzug gab es 450.000 Dollar.
Die deutschen Lokführer machen
wohl bald mal wieder Pause
Bei der Deutschen Bahn rücken neue Streiks
näher. Die Tarifverhandlungen zwischen Unternehmensspitze und der Gewerkschaft EVG sind
geplatzt. „Wir kommen auf dem Verhandlungs-
weg nicht weiter“, sagte EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba. Am Dienstag
berät die Gewerkschaft ihr weiteres Vorgehen.
Sie will unter anderem eine Lohnerhöhung um
sechs Prozent für 100.000 Mitarbeiter.
Arbeit haben heißt nicht, davon
auch leben zu können
Etwa 3,1 Millionen deutsche Erwerbstätige
hatten im Jahr 2013 nur ein Einkommen unterhalb der Armutsschwelle, das heißt weniger als
979 Euro netto im Monat. Das gehe aus Daten
des Statistischen Bundesamtes hervor, berichtet die „Saarbrücker Zeitung“. Damit sei die
Zahl derer, die trotz Arbeit Armut erleiden,
binnen fünf Jahren um 25 Prozent gestiegen.
Im Jahr 2008 gab es 2,5 Millionen. Im Jahr 2013
konnten allein 379.000 armutsgefährdete Erwerbstätige ihre Miete nicht rechtzeitig bezahlen, 417.000 verzichteten auf angemessenes
Heizen. Rund 538.000 sparten beim Essen.
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Wolfgang Heinrich geht mit seinem Getränkehandel online.
Die passende technische Infrastruktur dafür liefert
ihm sein Vodafone Business-Berater Christian Meyer.
1
vodafone.de/readycheck
Vodafone
Power to you
PUMPEN In den USA ist es weit verbreitet, nun vermitteln Unternehmen
wie Smava, Auxmoney und Lendico
auch bei uns. Anleger geben Geld für Kreditprojekte.
Gesucht werden zwischen 1000 Euro und 50.000 Euro.
Der offerierte Zinssatz bewegt sich je nach Risiko zwischen 2,5 Prozent und 15 Prozent. Die Idee ist nicht,
dass ein einzelner Anleger den Kredit gibt. Die Summe
soll durch viele kleine Beträge zusammenkommen.
Spielend zahlen
BARGELDLOS Kunden sollen im
Laden im Vorbeigehen zahlen – mithilfe eines Funkchips im Smartphone. Der Betrag wird einfach abgebucht. Yapital (gehört zum Otto-Konzern), Paij oder Kesh arbeiten am
Mobile Payment. Vorangekommen sind sie in jüngster
Zeit nicht. Noch fehlt die Akzeptanz. Die Hoffnung ruht
auf Apple. Es hat in den USA seinen Pay-Dienst gestartet. Apple-Anhänger gelten als technikaffin.
Günstig ins Ausland
TRANSFER Teure Gebühren und ungünstige Wechselkurse bei der Auslandsüberweisung sind ärgerlich.
Transferwise und Azimo ändern es. Wer 1000 Euro in
die USA oder nach Polen schickt, zahlt laut Transferwise 4,98 Euro statt 44,65 Euro. Azimo will Zahlungsdienstleistern wie Western Union Kunden wegnehmen.
Arbeiter aus Schwellenländern sollen so ihr Geld nach
Hause schicken. Es gibt Transfers in 198 Länder.
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34 Wirtschaft & Finanzen
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Liebt uns doch mal
K
napp ein Jahr ist Microsoft-Chef Satya Nadella im Amt – und bis zum vergangenen
Mittwoch war er vor allem durch ein Mantra aufgefallen: „Mobile first, Cloud first.“
Dieses kühle Bekenntnis zu mobilen Anwendungen aus der Datenwolke brachte der gebürtige
Inder regelmäßig bei öffentlichen Auftritten vor. Was
erwartbar war, schließlich verantwortete Nadella zuvor
die Cloud-Services von Microsoft, die dem Konzern im
dritten Quartal 2014 mit 127 Prozent das größte Umsatzwachstum brachten.
Hinter der unaufgeregten Fassade treibt Nadella den
Umbau des Konzerns voran. Wie weit, zeigt sich erst
jetzt. Microsoft wandelt sich von einem Unternehmen,
das sein Geld vor allem mit dem Verkauf von regelmäßig erneuerten Betriebssystemen für Server und PCs
und Office-Programmen verdient, hin zu einem Konzern, der die Softwarenutzung als Dienstleistung über
das Netz anbietet. Von einem auf PCs fokussierten Geschäftsmodell hin zu einer geräteunabhängigen Softwareplattform, die dank Cloud überall funktioniert.
Das klassische Softwaregeschäft geht dagegen zurück. Microsofts Umsatzwachstum im vergangenen
Jahr – von zwölf Prozent auf 86 Milliarden Dollar – basierte auf Cloud, Hardware und Services. Konsequenterweise rückt Nadella vom klassischen Software-Verkauf ab. Das neue Betriebssystem Windows 10 gibt es
als Update für jahrealte Windows-7-Maschinen kostenlos. Er verspricht zudem für die Zukunft lebenslange
Umsonst-Updates der Software. Ein radikaler Schnitt.
Der Aktienkurs jedoch legte erst einmal kräftig zu.
Wie sehr sich Nadella von seinem Vorgänger Steve
Ballmer unterscheidet, wurde bei seinem Auftritt in
dieser Woche deutlich: Da zeigte der 47-Jährige, dass er
eine Idee für Microsoft hat, die über das blutleere
„Mobile First, Cloud First“ hinausgeht. Eine
Vision, die Ballmer fehlte. „Wir wollen,
dass die Menschen nicht nur Windows brauchen, sondern sich für
Windows entscheiden und Windows lieben“, sagte Nadella jetzt.
MAGIE DER CLOUD „Windows
lieben“ – dieses Eingeständnis eines emotionalen Marken-Defizits ist meilenweit von Ballmers
aggressiven Verbal-Attacken auf
die Konkurrenz entfernt. Der
mutige Satz zeigt, dass Nadella
erkannt hat, was der Marke Microsoft im Vergleich zu Konkurrenten wie Apple fehlt: Windows ist bislang vielen Nutzern
zwar vertraut, wird aber nicht
geliebt. Es ist eher ein notwendiges Übel als ein heiß erwartetes Kult-Produkt. Damit aber
nutzt Microsoft das Potenzial
der Marke Windows nicht aus.
Nadella versuchte es nun mit einem „magischen Moment“, wie er
ihn selbst nannte. „Windows Holograms“ nennt Nadella die Erweiterung
von Windows, weg vom zweidimensionalen Bildschirm hin zur dreidimensionalen virtuellen Realität. Das Projekt setzt Nadellas Vision um, von einem Windows, das
nicht an einzelne Geräte gefesselt ist, sondern
den Nutzer überall in seinem Alltag begleitet.
Satya Nadella baut
Microsoft um. Wie
radikal, zeigt sich jetzt.
Sein Ziel: Windows soll
dreidimensional werden.
Und magisch wie Apple
– von Benedikt Fuest
Mit Coolnessfaktor Satya
Nadella, 47,
Microsoft-Chef
PICTURE ALLIANCE/DPA
„Vom kleinen zum großen Bildschirm – zu gar keinem
Bildschirm“, nennt das Chefentwickler Alex Kipman.
Windows soll künftig nicht mehr nur auf einem Bildschirm oder einem Mobilgerät laufen – stattdessen sollen die einstigen 2-D-Programmfenster als 3-D-Hologramme nahtlos mit der Umwelt des Nutzers verschmelzen.
Holograms könnte die kühne Zukunftsvision sein,
die Microsoft in den vergangenen Jahren fehlte, und
das Projekt ist kein Wolkenschloss: Der Konzern hat die
komplette Technologie zur Umsetzung bereits entwickelt. „Hololens“ heißt die Datenbrille, wie Kipman den
„ersten holografischen PC der Welt“ nennt.
Das Gerät sieht ein wenig aus wie eine Mischung aus
Jethelm-Visier und Hightech-Kopfschutz. In dem weißen Rand verbirgt Microsoft jede Menge Technik: Nutzer sehen durch die Linsen der Brille zwar ihre Umwelt,
das Gerät blendet aber die Hologramm-Inhalte dreidimensional über die Realität. Welches Potenzial die
Technik hat, zeigte Kipman in diversen Demonstrationen. Programminhalte werden, vom Bildschirm befreit,
nahtlos über Alltagsobjekte eingeblendet. Die
PowerPoint-Präsentation schwebt auf der Wohnzimmerwand, Outlook-Terminerinnerungen kleben als virtuelle Post-its am Kühlschrank, die Skype-Gesprächspartnerin sitzt als Videobild am Tisch gegenüber.
Die Brillen-Technik ist dabei nur Microsofts Mittel
zum Zweck – die ultimative Innovation ist die Integration des entsprechenden Software-Standards in das bereits dieses Jahr kommende Windows 10. Mit ihren
„Universal Apps“ definieren Nadella und sein Team en
passant den Standard für Augmented-Reality-Anwendungen – alle künftigen Windows-10-Programme laufen
nicht nur auf dem PC oder dem Smartphone, sondern
auch als Hologramme. Und da Windows 10 auch für alte, überall verbreitete Windows-7-Systeme umsonst als
Update verfügbar sein wird, garantiert Nadella Entwicklern eine breite Kundenbasis.
FREUDE IN DEN DEN AUGEN Jetzt also füllt er sein
Mantra „Cloud first“ mit emotionalem Leben und
schafft damit etwas, was Microsoft vielleicht zuletzt
mit Windows 95 erreichte: Der Konzern wirkt plötzlich
wieder innovativ statt alternd und Nadella als CEO
sympathisch-bescheiden und nicht überbordend-manisch aggressiv wie Ballmer. Vielleicht am bezeichnendsten für Nadella waren nicht die Sätze über „Magie“ und „Plattform-Produktivität“, sondern eine Geschichte, für die er ein Gutteil seiner Redezeit aufwendete: In den Weihnachtsferien hatte er die Möglichkeit,
einer Elfjährigen in Indien dabei zuzusehen, wie sie ein
„Lumia 535“-Smartphone auspackte – das erste
Internet-Gerät für ihre Familie. „Die Freude in ihren
Augen zu sehen“ sei ein Moment der Inspiration für ihn
gewesen.
Ballmer hätte eine solche Geschichte nie glaubwürdig erzählen können. Doch Nadella, der in einer mittelständischen Familie im indischen Hyderabad aufwuchs
und in Indien studierte, hat einen eigenen Blick auf die
Schwellenländer. Windows 10 soll überall auf der Welt
laufen, Microsofts Cloud-Services sollen in Entwicklungsländern etwas verändern. Am Donnerstagabend
trat Nadella auf dem World Economic Forum in Davos
auf und erklärte, wie das Internet die Dritte Welt transformieren könnte, indem es den Menschen Zugang zu
Finanz-Dienstleistungen, Bildung und Kommunikation
gewährt. Geht es nach Nadella, soll Microsoft dabei eine treibende Kraft sein. Denn Windows ist eine global
vertraute Marke – die vielleicht auch bald geliebt wird.
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Alles andere ist Schnee von gestern
Die Cadillac Winter Experience
Dass ein Cadillac auf Europas Straßen
neugierige Blicke erntet, steht außer
Frage. Das einmalige Design ist
Ausdruck eines starken Charakters
– für echte Kenner mit höchsten
Ansprüchen. Doch das schöne Äußere
ist nicht alles. Schließlich verbindet
die Philosophie der Cadillac Designer
„Art and Science“ miteinander.
Daher bestechen alle Cadillacs durch
technische Innovationen, die höchsten
Fahrspaß versprechen und auch in
Extremsituationen überzeugen.
Dank einer neuen innovativen
Heckantriebsarchitektur und
konsequentem Leichtbau zählen
der Cadillac ATS und CTS zu den
fahraktivsten Limousinen in ihren
Klassen. Der optionale Allradantrieb
sorgt für volle Kontrolle bei allen
Wetterkonditionen, vor allem bei
Schnee und Eis.
Darüber hinaus sorgen weitere
Sicherheitsoptionen wie serienmäßige
Gurtstraffer, acht Airbags, Brembo®-
Hochleistungsbremsen aus dem
Rennsport und das StabiliTrak ESC
System mit ABS für Sicherheit
rundum. Das optionale Magnetic Ride
Control System tastet die Fahrbahn
im Millisekunden-Takt ab und sorgt
jederzeit für die perfekte Dämpfung.
All das unterstreicht, warum Cadillac
eine der führenden Automobilmarken
im Premiumsegment ist – damit
lassen sich bestehende Konventionen
neu definieren.
Eisiger Test: Fahrsicherheit
und -vergnügen gehen bei
Cadillac Hand in Hand
1
2
Auf zur Cadillac
Experience in Gstaad
Nichts kann die eigene Probefahrt ersetzen. Und die Chance, die neuesten Cadillac Modelle
dabei einmal richtig auf Herz und Nieren zu testen, haben die wenigsten Fahrer. Das soll sich
nun ändern mit der exklusiven Cadillac Experience. Das Alpinzentrum Gstaad ist einer der
größten Schweizer Spezialisten für Outdoor-Aktivitäten. Mit dem Driving Center Schweiz,
einem Pionier für Fahrsicherheit, Fahrvergnügen und Ökologie, wird die 4x4-Performance in
verschiedenen Situationen auf Eis und Schnee genau unter die Lupe genommen. Nutzen Sie die
Chance und seien Sie dabei, wenn Cadillac in Gstaad das Außergewöhnliche erlebbar macht.
1 – Die Sicherheitsstandards der Cadillac ATS Limousine bewähren sich bei Glätte
2 – Im CTS Sedan bleibt der Fahrspaß nicht auf der Strecke
3 – Mit dem Cadillac SRX im verschneiten Gelände unterwegs
Mehr erfahren und registrieren unter
Cadillac.de/experience
3
Kraftstoffverbrauch (l / 100 km, kombiniert) und CO 2-Emissionen (g / km, kombiniert): # SRX 3.6L V6-AT: 10,8 l / 100 km, 252 g / km. Energie-Effizienzkategorie F. # Escalade 6.2L V8 (vorläufige Werte): 13,1 l / 100 km,
302 g / km. Energie-Effizienzkategorie G. # CTS Sedan 2.0T: 8,5 l / 100 km, 198 g / km. Energie-Effizienzkategorie E. # ATS Coupe 2.0T: 8,3 l / 100 km, 193 g / km. Energie-Effizienzkategorie E. # ATS Sedan 2.0T:
8,2 l / 100 km, 190 g / km. Energie-Effizienzkategorie E. US-Modelle abgebildet. Europäisches Angebot kann abweichen. Dies ist ein Angebot von Cadillac Europe, Stelzenstrasse 4, 8152 Glattpark, Schweiz.
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Feldforschung: Drei Teenager
erklären das Phänomen
Justin Bieber Seite 38
Banlieue-Report:
Ein Streifzug durch die
Pariser Vororte Seite 40
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Seelenreise: Miranda
Julys Roman „The First
Bad Man“ Seite 42
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KULTUR
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GESELLSCHAFT
Pin-up
Auf „Page Three“ zeigt die „Sun“ seit Jahrzehnten eine barbusige Frau.
Das trägt der Zeitung Sexismus-Vorwürfe ein. Mehr Kritik gab’s nur,
als die Nackte jetzt ein paar Tage fehlte. Ein Lehrstück – von Mara Delius
I
rgendwann waren sie verschwunden,
weg. Nichts, sie zeigten sich nicht, zwei,
drei Tage. Dann, plötzlich, als sei nichts
gewesen, waren sie wieder da, die Titten.
Seit Anfang der Siebzigerjahre tritt in
der „Sun“ das Page-Three-Girl auf, beinahe
täglich, über mehr als vier Jahrzehnte schon,
englisch wie die Glockenschläge von Big Ben
im grau verhangenen Himmel über London, eine zuverlässige, beruhigend unveränderliche
Größe in Form einer Nicole-Komma-27 oder
Debbie-Komma-19 und des dazugehörigen
Paars nackter Brüste – Exemplare, die eben gerade nicht Busen, sondern Titten sind: nicht
unbedingt auffällig oder anziehend, oft hängend bis wabernd, manchmal schlauch-, seegurken- oder hundeschnauzenförmig; statt
Schönheit zu zeigen und einen idealen Körper
geht es um das Vorführen einer Verbindung aus
wirklicher Alltagsgestalt und stereotyper Fantasiefigur, dem Mädchen von nebenan, das nur
ein wenig hübscher ist als die anderen und, warum auch immer, seine Brüste ausgepackt hat
und nackt in eine Kamera hält – und damit den
Augen von rund fünf Millionen Briten entgegen.
Was ist der Reiz und wie das Versprechen?
Darüber gibt es stapelweise Theorien, psychologische, feministische, anthropologische, popkulturelle. Allerdings scheinen sie in den letzten Tagen bedeutungslos geworden, weil jetzt
nicht eine Brust die Psyche eines Einzelnen
verwirrt, sondern Tausende Brüste die einer
gesamten Nation durcheinanderbringen.
Die Geschichte begann wie eine politische
Affäre. Freitag vor einer Woche erschien die
„Sun“ ohne Page-Three-Girl, zum ersten Mal,
hieß es aufgeregt in englischen Medienkreisen,
seit die Serie im November 1970 mit Stephanie,
ausgerechnet einer Deutschen, die buttrig aus
einem Feld herauslächelte, eingeführt worden
war. Schon manchmal hatte die Nackte gefehlt,
ohnehin an Wochenenden (Kinder, Familientisch, laszive Barbusige: unsexy Kombination),
nun aber, so verdichteten sich die Vermutungen zu einer Behauptung, sei die Serie offenbar
eingestellt worden, immerhin hatte es seit ein
paar Jahren immer wieder Proteste gegeben, die
Petition der „No more Page Three“-Kampagne
hatten mehr als 200.000 Menschen unterschrieben, Parlamentarier beider Parteien unterstützten sie.
Schon widmete das ultraseriöse „Today“-Programm von BBC Radio Four den fehlenden Busen den besten Sendeplatz in den stündlichen
Morgennachrichten, der linksliberale „Guardian“ versammelte die Stimmen der wichtigsten
weiblichen Kommentatoren, die boulevardkonservative „Daily Mail“ befragte ehemalige Girls,
während die Blogs des torynahen „Spectator“
befürchteten, Gewalt in der Gesellschaft könne
zunehmen, wenn das triebabfuhrermöglichende
Ventil verschwunden sei. Nur von der „Sun“
selbst war nichts zu hören.
OLD SCHOOL Allein die „Times“, die in derselben Mediengruppe, News UK, erscheint, deutete etwas dünnstimmig, das Blatt sei wohl dem
wachsenden Druck der Öffentlichkeit gewichen.
Erwiesen war immer noch nichts, aber der
Schluss lag nahe, weil Rupert Murdoch, Chef der
Mediengruppe, im Herbst getwittert hatte, es
sei doch reizvoller, hübsch angezogene hübsche
Frauen zu sehen als nackte, die Seite sei etwas
altmodisch, ein mutiges Statement für einen
Mann jenseits der achtzig. Von der „Sun“: Immer noch Stille, was in einem Land der meinungsstarken Chefredakteure und Rampensauauftritte gewöhnten Herausgeber als ungewöhnlich auffiel.
Anstelle einer Erklärung begann in der Zeitung ein Busenbildtheater, das an irgendwas
zwischen unbeholfenem Striptease und absurdem Harold-Pinter-Stück erinnerte, nur nicht
an die sonst so selbstbewusst verprollte Haltung des Blattes. Erst erschien Rosie Huntington-Whiteley, die nicht nackt, sondern in Unterwäsche auftrat und auch ein tatsächliches Model ist, kein „glamour model“ mit French Nails
an den spray-angebräunten Fingern. Tags drauf
ringelten sich halb bekleidete Serienschauspielerinnen von „Hollyoaks“. Schließlich folgte Ni-
cole, 22 aus Bournemouth, über deren drall-entblößter Oberweite der Vermerk „comments and
corrections“ prangte, man entschuldige sich
herzlich bei all den Journalisten und Kommentatoren, die sich in den letzten Tagen so viel Mühe mit Analyse und Deutung gemacht hätten,
aber dies sei die Page Three. Vorgestern, am
Freitag, wieder eine Frau in Unterwäsche.
Was war das nun? Eine nicht ganz durchschlagende Eigenwerbekampagne? Kein abrupter, aber ein schleichender Abschied von Nacktheit? Unentschiedenheit? Ein Sieg im Kampf gegen den Sexismus? Eine Niederlage für alle
Männer, denen jetzt die übergeschnappten Feministinnen auch noch das letzte bisschen ordentliche Frau wegnehmen wollen?
Als die Serie 1970 begann, hatte sie den Anklang von etwas Provokant-Subversivem; damals, in der Nachzeit der sexuellen Revolution,
wirkten die nackten Brüste „frisch“, wie es hieß,
„experimenthaft“. Es ist die naheliegende, aber
uninspirierte Deutung, nun zu schließen, es gebe doch ohnehin schon so viel Nacktheit in der
Öffentlichkeit (Werbung, Internet, Kapitalismus, ja, ja), dass es nun aufregender sei, weniger
zu zeigen.
Letztlich geht es in diesen Tagen nämlich
nicht einfach eindimensional um Sexismus in
den Medien, sondern um ein viel spannungsvolleres Gegenübertreten zweier urenglischer Phänomene, Political Correctness und Common
Sense. Seit etwa zehn Jahren verbreitet sich das
von außen angetragene Absichern des Einzelnen, etwa mit Hinweisen auf Weinflaschen, man
trinke gerade soundso viel der empfohlenen Alkoholeinheiten. Englischen Sensibilitäten erscheint das bisweilen als Angriff auf den Common Sense. Auch ein sexistischer Akt hat seinen
Raum, weil er im Land der freedom of speech
sofort wieder ausgehebelt werden kann. England war nie gut darin, sich selbst moralische
Regeln aufzuerlegen – was nicht bedeutet, keine zu haben, im Gegenteil. Das aufgeregte
Busentheater der letzten Tage zeigt die Beweglichkeit der Debatte.
Wo sie hinführt? Morgen, Page Three.
GETTY IMAGES(2); BELLA BRUNNET; ELIZABETH WEINBERG/ THE NEW YORK/ REDUX/ LAIF; MONTAGE: DIE WELT/KERTSIN SCHMIDT
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38 Kultur
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Jetzt spricht die Zielgruppe
E
Ein chinesisches Restaurant in BerlinCharlottenburg. Ich, 14, Praktikantin der
„Welt am Sonntag“, treffe mich mit meinen beiden Freundinnen Hanna Reinke,
14, und Miriam Hamilton, 15, um mit ihnen über das angebliche Teenie-Phänomen Justin Bieber zu reden. Miriam war
mal Fan, Hanna nicht, ich auch nicht.
Das Diktiergerät liegt auf dem Tisch zwischen uns.
Ja, er hat irgendwas mit beer pong
gepostet.
HANNA: Ja, aber beer ist doch in
Amerika ...
Nein, ab 21 alles.
MIRIAM: Außer Auto fahren.
HANNA: Er hat dieses eine Lied, das
heißt so „Maria“, und es ähnelt „Billie Jean“ von Michael Jackson so sehr. So vom
Kontext her und auch an einer Stelle so
richtig doll. Es ist schlimm, it’s a disgrace.
MIRIAM: Ich glaube, er hat so keine Personality wie früher so Michael Jackson
und jetzt so Khalifa, Tyga und so.
HANNA: Es geht gar nicht mehr um seine Musik, es geht nur noch um seinen
Namen.
Er hat ein networth of 200 million, and
he’s fucking 20 years old.
HANNA: That is fucked up.
MIRIAM: Was hat er?
Okay, ich schmeiß kurz mein Ding hier
an.
MIRIAM: Ich fühl mich irgendwie wie
Carrie Bradshaw und weiß nicht, warum.
Ein networth of 200 million.
HANNA: Sorry, aber er hat nicht mal eine so originelle Stimme. Ich werd’ in sein
neues Album nicht reinhören.
Ich mich erst mal, hallo? Ich bin bei der
Zeitung. Schläfst du jetzt eigentlich bei
mir?
MIRIAM: Wahrscheinlich. Als ob ich
meine Mutter nicht überredet bekomme.
Ich hab immer früher „One Time“ gehört, weil wir dazu
in Hip-Hop getanzt haben, und ich fand’s todesgeil.
HANNA: Ah, ja, das
weiß ich noch. Das war
aber auch scheiße. Ehrlich gesagt.
Justin Bieber!
HANNA: Er hat nichts mehr mit diesem
kleinen Jungen aus den Videos zu tun.
MIRIAM: Habt ihr die blonden Haare
gesehen?
Ja, oh mein Gott, so hässlich.
MIRIAM: Und die Calvin-Klein-Campaign?
HANNA: Ich find’s ein bisschen peinlich, dass es gefotoshopped ist.
Er hat ja so ein Bild auf Instagram gepostet. „Photoshop lol“. Und man
denkt nur so: Ja, aber dein Sixpack
sieht in der Campaign viel größer aus.
HANNA: Er wird in meinen Augen niemals ein Mann sein. Hat der nicht schon
zwei Filme gemacht?
MIRIAM: Echt? Aber so Justin-BieberFilme.
Ja, aber der in 2013 rausgekommen ist,
war so unerfolgreich.
HANNA: „Never Say Never?“
Nein, „Believe“ ist 2013 rausgekommen.
Das war der, der so unerfolgreich war.
MIRIAM: Warum?
Weil da einfach kein Mensch reingegangen ist. In „Never Say Never“ sind
wenigstens noch Menschen reingegangen.
HANNA: Wie alt ist er denn jetzt?
20.
MIRIAM: Ich hätte jetzt 19 gesagt.
HANNA: Macht er es öffentlich, dass er
trinkt?
Na ja komm, aber da
war er so 16.
MIRIAM: Ich war so
ein krasser Belieber,
das geht einfach
nicht. Ich hab so geweint, als er in Madrid war.
Du warst auf seinem Konzert?
MIRIAM: Ich war
dreimal auf seinem
Konzert.
HANNA:
Meine
Freundin war auf einem Justin-Bieber-Konzert, und ich hatte so
richtig lange keinen Respekt mehr vor ihr.
Wie krass war es denn bei
dir?
MIRIAM: Ich hab so TShirts, Caps, alles Mögliche
zu seinem Konzert getragen.
Mann, warst du peinlich.
MIRIAM: Ich weiß.
HANNA: Ich verstehe, wie Mädchen ihn gut finden und so, aber
ich finde, er hätte ohne Tattoos
und so bleiben sollen.
Miriam, wie lange warst du Belieber?
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MIRIAM: So richtig lange. Also so von
„One Time“ an, als es rausgekommen ist.
Alle denken, „Baby“ ist sein erstes Lied.
Das wusste ich, dass „One Time“ das
erste war und dann „One Less Lonely
Girl“.
MIRIAM: Genau, und alle Belieber immer so: Oh, mein Gott, „Baby“, sein erstes Lied. Und ich nur so: nein.
Ist man mit vierzehn raus aus dem Alter?
HANNA: Locker.
MIRIAM: Nein.
Okay, weil es gibt richtig viele Achtklässler, die One Direction richtig gut
finden. Meiner Meinung nach hat One
Direction Justin Bieber ein bisschen
ersetzt.
HANNA: Ich finde One Direction eh
besser als Justin Bieber.
Ja. Die sehen auch besser aus.
HANNA: Harry Styles sieht so gut aus.
Und auch dieser Louis, heißt der glaub
ich.
MIRIAM: Aber die sind ja alle älter, das
wusste ich gar nicht. So 23, 24.
Es gab so einen Radio-Contest,
und Beliebers haben gegen Directioners gewonnen, und das ist
nicht lange her.
MIRIAM: Stimmt.
HANNA: Ich will wissen, wie Justin Bieber in 20 Jahren aussieht.
Er wird so abstürzen, so wie
Macaulay Culkin.
HANNA: Drew Barrymore.
Aber die hat sich ja wieder
unter Kontrolle.
HANNA: Amanda Bynes.
Hier, #cutforbieber, wisst
ihr noch, als das so viral
war?
HANNA: That was unbefuckinglievable.
Wisst ihr, wie das entstanden ist?
MIRIAM: Wie?
Da waren so Internettrolls, die so gesagt
haben, okay, let’s
start a campaign. Like, if you wanna stop
Bieber from smoking
pot, cut your wrist.
Ich meine, wie kann
man sich denn für einen
Prominenten
schneiden? Würdet ihr
das jemals machen?
HANNA: Nein!
Man kann doch nicht abhängig von einer Person sein, die noch nicht einmal
weiß, dass man existiert.
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Kultur 39
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Kann uns mal jemand das Phänomen Justin Bieber erklären? Wir haben unsere 14 Jahre
alte Praktikantin gebeten, mit zwei Freundinnen darüber zu reden – von Bella Brunnet
Auch abgestumpft, weil ich glaube,
dass der schon ganz schön viele Drogen konsumiert. Kann mir doch keiner
sagen, dass der nicht kokst.
MIRIAM: Als ob er nicht kokst.
Wie lange, glaubt ihr, wird seine Karriere noch anhalten?
Dass er Vater ist?
HANNA: Ja, genau, deswegen ja „Maria“.
Weißt du, so richtig „Billie Jean“-mäßig.
GETTY IMAGES; BELLA BRUNNET
HANNA: Ja, und ich kann mir auch vorstellen, dass Justin Bieber echt arrogant
damit umgeht.
MIRIAM: Like when you’re famous, you
have to take so much responsibility.
HANNA: Ja, because you have so much
control, at the tip of your finger, you have so
much control.
MIRIAM: Exactly, und das weiß er nicht.
HANNA: Ja, und wenn es ihm bewusst
wäre, würde er auch, glaub’ ich, nicht so
doll drauf achten. Ich glaube, früher war
er wirklich so herzlich mit den krebskranken Kindern, die er besucht hat und
so. Er hat auch über ein krankes Mädchen so ein Lied geschrieben. Man kann
immer sagen: Promo. Aber na ja. Nur,
heute kann ich mir das bei ihm nicht
mehr vorstellen. Weil er einfach so kaputt ist von dem ganzen Geld.
Was ist so toll an Justin Bieber?
Autorin Bella Brunnet (Mitte) betreibt
Feldforschung mit Miriam Hamilton
(links) und Hanna Reinke
HANNA: Drei Jahre, allerhöchstens.
Wisst ihr noch, dieses Video mit der
Prostituierten.
HANNA: That was so funny. Ich will gar
nicht wissen wie viele Prostituierte ...
... der schon gebanged hat?
HANNA: Ja.
MIRIAM: Und es gab ja auch so ein Gerücht.
Miriam, verstehst du eigentlich noch,
wie es zu diesen Beliebern kommen
kann?
MIRIAM: Also, nach „Believe“ hat er ja
angefangen, sein Image so zu ändern.
Und diese ganzen Videoclips dann zu
„All That Matters“ und so, die waren halt
so richtig sexy badboy-mäßig und so.
Und weil sie ihn ja schon so richtig heiß
und hübsch und so finden, kann ich
schon verstehen, wenn sie nach diesen
Videos noch mehr so OH mein Gott waren.
Hanna, wieso hat dich der Hype nie so
gepackt?
HANNA: Ich glaub, es war einfach nur
so, ich fand seine Musik irgendwie nie
gut. Vielleicht einfach, weil so in dem
Moment, als der richtig berühmt wurde,
war ich richtig im Michael-JacksonHype.
Ich auch, weil der da gerade gestorben
ist.
HANNA: Ja, und da, like, I had no eyes for
anything else. Aber auch so, weiß nicht,
der hat mich irgendwie nie so interessiert.
Ich mochte „One Time“ echt gern.
Wisst ihr, wie lange das erste Album,
wie hieß ’n das? „My World“. Ratet mal,
wie lange das in den Charts war.
MIRIAM: Vier Monate. Wann kam’s
raus, 2009?
2010. Okay, soll ich sagen? 125 Wochen.
That is so crazy. Da war er 16. Als sein
drittes Album rauskam, war sein erstes
noch in den Charts.
Ich frage mich, ob es für so reiche Menschen wie Bieber einen Unterschied
gibt zwischen 78 und 81 Millionen.
MIRIAM: Ich glaub, für den ist das das
Gleiche.
HANNA: Ich meine, für uns wären drei
Millionen das Größte auf der Welt.
MIRIAM: Ich hab so gelesen, zum Beispiel für irgendeinen appearance irgendwo kriegt der schon so viel Geld,
so, locker ein paar Millionen. Party appearances.
Alle großen Entdeckungen
wurden mit dem
Schiff gemacht. Heute ist
Antwerpen dran.
Der Fuß betritt Neuland. Jeder Blick ist eine Überraschung. Entdeckungsreisen waren schon immer spannend.
Heute sind sie auch entspannend. Denn mit A-ROSA reisen Sie so komfortabel wie nie. Und für noch mehr
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40 Kultur
GETTY IMAGES; ANDIA/VISUM
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Kein Paradies auf Erden
W
enn man in den Buttes-Chaumont
steht, dem Pariser Park, in dem die
Brüder Chérif und Saïd Kouachi immer
joggen gingen, um sich für den Dschihad zu stählen, erscheint es schleierhaft, warum man von hier ins Paradies will. Man ist doch
schon da. Selbst im Winter stehen die Wiesen in sattem
Grün. Verträumte Hänge schaukeln zum See, der voll ist
von langmütigen Schwänen. Fette Enten dösen am Ufer.
Eine Hängebrücke führt zu einem steil aufragenden Felsen, auf dem ein Kapellchen thront, hoch über der Stadt,
deren Silhouette im Hintergrund verschwimmt. Mag sein,
dass Terroristen, solange die Jungfrauen fehlen, gegen solche Reize immun sind. Den Jogger Caspar David Friedrich
dürfte man sich hier als glücklichen Menschen vorstellen.
Die Buttes-Chaumont, nach denen die Terrorzelle benannt ist, aus der die „Charlie Hebdo“-Attentäter hervorgingen – „le gang du Buttes-Chaumont“, schreiben die
Zeitungen –, sind das Meisterstück des Landschaftsarchitekten Jean-Charles Alphand. Er baute auch den Bois de
Boulogne, in dem Proust ausfuhr, wenn er trübsinnig war,
den Bois de Vincennes, den Parc Monceau mit dem Maupassant-Denkmal, die Gärten des Trocadéro, kurz: fast alles, was in dieser grauen Stadt grün ist.
Ganz am Anfang, im 13. Jahrhundert, stand hier der Galgenberg Gibet de Montfaucon, den Verbrechern vorbehalten, die sich an König und Staat versündigten. Später
säumte den Steilhang – auf dem sich heute die Pärchen
mit Baguette und Rotwein füttern – die Moulin des Folies,
die Mühle des Wahnsinns. In die Nachbarschaft zogen
Jauchegruben und Abdeckereien, in denen jährlich 15.000
Pferde verwesten. Der Wind trieb die Pestdünste der Stadt
zu. In den Napoleonischen Kriegen belegten Artilleriebatterien die Preußen mit schwerem Feuer. In den Tagen der
Pariser Kommune trieben 800 Leichen im See.
Am Ende der blutigen Geschichte, so dachte man erleichtert, stehe Alphands Engagement durch Baron Haussmann, den Baumeister des modernen Paris, der ab den
1860er-Jahren luftige Breschen durchs Mittelalter schlug
und an ihren Fluchten Symbole der Republik platzierte –
das Panthéon, die Oper, die Siegessäule auf der Place
Stacheldraht, Graffiti,
Gewalt – aus Filmen
und Nachrichten glaubt
man, die Banlieue
zu kennen. Aber wie ist
es dort wirklich, wo
sich Chérif und Saïd
Kouachi für den
Dschihad stählten?
Eine Reise an die
Ränder von Paris
Vendôme. Alphand sollte das „verruchte Viertel“ um die
Buttes-Chaumont, „Nährboden für Diebe, Bohemiens und
Landstreicher“, so die Annalen der Stadtverwaltung, zum
Luxusquartier aufmöbeln. Er pflanzte vollendete Schönheit auf versunkene Sedimente des Hasses und der Verheerung. Nach den Anschlägen, deren Keimzelle in diesem
Park liegt und in den angrenzenden Straßen des 19. Arrondissements, sind die Sinne der Passanten geschärft. Über
dem Idyll scheint ein Pestgeruch zu liegen. Und unsichtbar mahlen die Mühlen des Wahnsinns.
Auf dem Weg hierher hat das der Fahrer des Taxidienstes Uber bestätigt. Beim Nachnamen möchte Eric in der
Zeitung Diät halten, dafür wölbt sich sein Bauch bis ans
Lenkrad seines Seats. „Hier war übrigens der Anschlag“,
sagt er und deutet auf einen kleinen, mit Blumen und laminierten Briefen übersäten Stand in der Mitte des Boulevard Richard Lenoir. „Die Redaktion ist in der abgesperrten Straße da hinten. Hier haben sie den Polizisten erschossen.“ Drei Ampeln weiter, als ein Streifenwagen mit
Blaulicht vorüberprescht, sagt er: „Die Stadt fühlt sich anders an. Die Leute haben Angst. Ich wette, bald kommt der
nächste Anschlag.“
– von Jan Küveler
HINTER STAHLBETONSTELZEN Eric nennt die Terroristen dumme Schafe, die sich von schmeichlerischen Widerlingen mit handfesten Interessen – Waffen, Drogen –
hätten einlullen lassen. Die Brüder seien Verlorene gewesen, Frustrierte ohne Job, ausgegrenzt, empfänglich für
den Irrsinn, den ihnen zuerst Farid Benyettou eingetrichtert haben soll, ein undurchsichtiger Charismatiker, der
heute alle Begeisterung für den Dschihad abstreitet und
als Krankenpfleger arbeitet. Ausgerechnet in dem Krankenhaus, in das die Überlebenden des Anschlags auf
„Charlie Hebdo“ eingeliefert wurden. Benyettou wohnt
neben dem Rathaus des 19. Arrondissements, das im Westen an die Buttes-Chaumont grenzt, in einem halb hohen
Hochhaus, das sachlich aussieht, schmucklos, selbstgenügsam. Nicht mal entfernt verwandt mit den halbgut gemeinten Plattenbauten in den Banlieues, in deren maroden Kulissen man „Blade Runner“ nachspielen könnte. Nur wäre
Harrison Ford Schwarzer oder Araber, würde kiffen und
Vorne Park, hinten Banlieue Die Buttes-Chaumont
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Kultur 41
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Nächtlicher Glanz
Bushaltestelle in einem
Pariser Vorort
hätte keinen Job. Wer den Spuren von Saïd und Chérif folgt,
bewegt sich lange inmitten der achtlosen Grandezza, die
Paris auch in seinen Außenbezirken mühelos gelingt: Gründerzeitbauten, Jugendstil, Art déco, hier und da etwas Abgewracktes. Erst hinter der Périphérique, der Stadtautobahn, deren Stahlbetonstelzen sich wie eine Grenze zwischen verfeindeten Staaten in die Stadtlandschaft stemmen, macht die Armut ernst. Hier, auf dem Platz neben den
Buttes-Chaumont, ruft General de Gaulle die Franzosen
zum Kampf auf: „Unser Vaterland ist in tödlicher Gefahr“,
steht auf einer Tafel. „Kämpfen wir, um es zu retten.“
Am Rathaus die Fahnen auf Halbmast. Große Blätter sind
von innen an die Tür geklebt. Auf allen steht dasselbe:
„Nous sommes la république“, wir sind die Republik, eine
Abwandlung des allgegenwärtigen „Je suis Charlie“. Die Türen sind geschlossen, unter der Trikolore, die unentschlossen im Wind flattert, verwehrt ein rot-weiß-gestreiftes
Band den Zutritt. Als wäre das kein Rathaus, sondern eine
Baustelle oder ein Tatort.
Eine befreundete Journalistin kommt. Zurzeit recherchiert sie für eine Fernsehdokumentation über Hitler,
aber heute hat sie frei und will sehen, in welchem Paris
die Attentäter lebten. Es ist nicht leicht, die Adda’waMoschee zu finden, in die die Kouachis gingen, bevor sie
Privatunterricht bei Benyettou nahmen. Die Rue de Tanger, zu Fuß eine Viertelstunde von den Buttes-Chaumont, geht von der Place Maroque ab, direkt neben der
Metrostation Stalingrad. Über der tristen Straße hängt
ein Kreuz, es gehört zu einem Kirchenbau aus schimmeligem Waschbeton, Notre-Dame des Foyers. Foyer meint
auf Französisch nicht nur den eleganten Empfangsbereich eines Hauses, sondern auch ein Jugendheim. Im 19.
Arrondissement gibt es neun davon, das Foyer Argonne
liegt gleich nebenan in einer Seitenstraße.
Ausnahmslos schwarze und arabische Jugendliche
kommen heraus, in Turnschuhen und dünnen Jacken, die
Kapuzen der Sweatshirts hochgezogen. Die Moschee
klafft als Lücke in der Straße. Was immer einst hinter
dem Eisenzaun mit der Nummer 39 stand, ist längst abgerissen. Auf dem Grundstück lagern Betonplatten, aus
denen nackte Streben ragen, der Rest ist Müll und Unkraut. Nebenan, gegenüber der Kirche, liegt eine muslimische Buchhandlung. Im Schaufenster Bücher, die lehren, wie man richtig betet. Es gibt zwei Ausgaben, eine
blaue für Jungen und eine rosa für Mädchen. Während
wir nach Norden gehen, Richtung Périphérique, auf der
Suche nach dem Ausweichort der Adda’wa-Moschee, erzählt meine Freundin von der großen Solidaritätsdemo,
als Millionen auf die Straße gingen. Sie kennt niemanden,
der nicht da war.
An der Porte de la Villette laufen wir unschlüssig herum, vorbei an einem Metzger mit einem siebenarmigen
Leuchter im Logo. Direkt unter der Périphérique, die hoch
über unseren Köpfen rauscht wie das Aquädukt einer
überlegenen Zivilisation, gehen wir im Kreis. Wir können
die Moschee nicht finden. Dafür sieht es endlich aus wie in
den Banlieues im Fernsehen. Das gigantischste Hochhaus
des Tages stiert böse in den Sonnenuntergang. Überall
Graffiti, Lidl-Tüten, Stacheldraht. Ein kleiner alter Mann
mit winzigen Augen schlurft uns entgegen. Er sagt, er sei
tunesischer Jude, zeige uns aber gern die Moschee. Er gehe dort sowieso hin, weil es daneben umsonst etwas zu essen gebe.
Neben einem verriegelten Klub namens „Glazart“
schraubt sich eine kleine Straße in einen Hinterhof. Rund
zweihundert Männer und eine Frau stehen herum. Viele
rauchen. In Etappen lassen zwei Ordner sie ein, in ein zeltartiges Gebäude, in dem die Armenspeisung stattfindet.
Hinten ist ein Tor, stacheldrahtbewehrt. Dahinter das
Dach eines flachen Wellblechbaus, die Moschee. In einem
Glaskasten verkündet ein Zettel, dass am 13. Januar „wegen der schrecklichen Ereignisse“ der Islamunterricht
ausfalle. Der tunesische Jude hat keinen Hunger mehr. Er
hat gehört, dass wir Deutsch sprechen. Bevor er sich zum
Gehen wendet, sagt er so leise, dass man ihn kaum hört:
„Tötet mich nicht.“
PLATTENKRITIK
Bette Midler
Keiner entzieht sich seinen formativen
Jahren. Mit acht ihrer 15 Girlgroup-Nachgesängen macht Die Göttliche Miss M,
Jahrgang 1945, einen charmanten Knicks
vor den frühen Sechzigern. Die Girlmeets-boy-Nummern von The Ronettes
(„Be My Baby“), The Shirelles („Baby It’s
You“, 1963 auch von den Beatles gecovert)
, The Crystals („He’s Sure The Boy I
Love“, hier im Duett mit Originalsängerin
Darlene Love) oder The Exciters (toll:
„Tell Him“) präsentiert die Midler mit
jugendlicher Stimme und so aufgedreht,
als ließe sie selbst gerade den Petticoat
auf dem College-Abschluss fliegen. Den
Andrews-Sisters-Klassiker „Bei mir bist
du schön“ singt sie mit sich selbst im
Terzett: makellos. Unter all den Hochkarätern schimmert nur der neueste Song
stumpf: TLCs „Waterfalls“. Rüdiger Knopf
Bette Midler:
„It’s The Girls!“
(Warner)
Der „Rolling Stone“, Deutschlands wichtigstes
Musikmagazin, erstellt die Plattenkritik exklusiv
für „Welt am Sonntag Kompakt“
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70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung
Günther Jauch – Heute um 21.45 Uhr
Ich fahre nach Auschwitz – Morgen um 22.45 Uhr
Night Will Fall – Morgen um 23.30 Uhr
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42 Kultur
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Macht Kunst, Bücher, Filme, Apps
Die Kalifornierin Miranda July
DISKRETER HORROR Dann sind da
diese Schluckbeschwerden, verursacht
durch eine Muskelverhärtung im Hals.
Wegen „Globus hystericus“ sucht sie einen Farbtherapeuten auf. Empfohlen hat
ihr den Phillip, der Mann, dessen Pullover vom selben Grau sind wie seine Haare und in den sie seit etlichen Jahren
heimlich verliebt ist. Wovon Phillip anscheinend nichts ahnt. Weil er Cheryl
aber für einen Menschen mit männlicher
und weiblicher Perspektive hält, zieht er
sie mit in sein kindliches Spiel hinein.
Sie soll entscheiden, ob er und seine Geliebte, die sechzehnjährige Kirsten, Sex
haben dürfen. Cheryl wird zur moralischen Instanz, „weil es keine Stammesältesten mehr gibt, die uns leiten“.
Wie July diesen diskreten Horror nach
und nach entfaltet, ist nur der erste Spaß
in der langen Reihe von jaulend machendem Vergnügen, die einem dieser Roman
bereitet.
Während Cheryl sich also überlegt,
was zu tun sei, hält Phillip sie über den
Stand der Annäherungen auf dem Laufenden. Seine Textnachrichten gehören
mit zum Furchtbarsten, was je auf dem
Bildschirm eines Mobiltelefons zu lesen
war: „KIRSTEN WILL DEINE ERLAUBNIS FÜR ORALSEX???! KEIN DRUCK.
WIR WARTEN, BIS WIR DEIN GRÜNES
ELIZABETH WEINBERG/THE NEW YORK TIMES/REDUX/LAIF; SCRIBNER
E
in Klassiker der psychologischen Literatur heißt „Spiele
der Erwachsenen“. Erstmals
1964 erschienen, war Eric
Bernes
Ratgeber
über
menschliche Beziehungen ein Bestseller.
Beim Lesen von Miranda Julys neuem
Buch „The First Bad Man“ beschleicht einen das Gefühl, sie kenne das Werk.
Die vierzigjährige Kalifornierin Miranda July nennt man der Einfachheit halber am besten Künstlerin, will man sich
nicht in Schrägstrichkonstruktionen verlieren. Sie scheint etwas zu wissen über
die Zeit und die Verhältnisse, in denen
wir miteinander leben. Das lässt sie seit
zehn Jahren so schlaue wie erhebende
Kinofilme machen, Kurzgeschichtenbände, Performances, E-Mail-Interventionen oder auch die App Somebody, mit
der Leute Textnachrichten über menschliche Übermittler austauschen können.
„The First Bad Man“ nun ist ein Entwicklungsroman über die 43 Jahre alte,
in Los Angeles lebende Cheryl Glickman.
Die arbeitet als Managerin bei einer Firma namens Open Palm, wo früher
Selbstverteidigungsvideos für Frauen
produziert wurden, aus denen aber über
die Jahre Fitness-DVDs namens „Survival of the Fittest“ geworden sind. Cheryl
isst Grünkohl, meidet weißes Mehl und
trägt Halsketten vom Bauernmarkt. Ihr
Haus und das Ordnungssystem, das sie
darin über die Jahre entwickelt hat, ermöglichen ihr eine geschmeidige Wohnerfahrung. Cheryl hat ihr kanten- und ruckelfreies Leben fest im Griff. Na gut, sie
kommuniziert seit ihrem neunten Lebensjahr telepathisch mit einem Baby
namens Kubelko Bondy, das ihr immer
wieder in Gestalt anderer Kinder begegnet. Aber so etwas zählt unter Julys Personal zu den normalen Neurosen.
Leben,
Du fragiler
Wahnsinn
Miranda July hat einen Roman
geschrieben. Es geht um Oralsex,
Grünkohl und gezielte Tritte in die
Leistengegend – von Anne Waak
LICHT BEKOMMEN“. Aber Cheryl,
überzeugt davon, dass Phillip und sie seit
der Steinzeit als Paar auf der Erde wandeln, erträgt das alles mit einer Langmut,
die nur aus dieser Vorstellung von Ewigkeit erwachsen kann.
Cheryls gegenwärtige Probleme erinnern dabei oft an die von Larry David aus
der Fernsehserie „Curb Your Enthusiasm“: die überaus komplizierte Welt der
sozialen Verhaltensweisen. Was, wenn
man im Sprechzimmer seiner Therapeutin auf einmal zur Toilette muss, der
Weg dahin aber ein Drittel der teuren
Sitzung verschlingen würde und einem
die Therapeutin anbietet, doch schnell in
einen der chinesischen Fast-Food-Behälter hinter dem Paravent zu pinkeln?
Was, wenn die Vorbesitzer des Hauses, in dem man wohnt, einem den obdachlosen Gärtner vererbt haben, dessen
Anwesenheit man nicht erträgt und weswegen man daher um 7 Uhr morgens das
Haus verlässt, den man aber aus Gründen des Selbstbildes nicht feuern will?
Doch was heißt feuern – Cheryl bezahlt
ihn ja ohnehin nicht, wo sie ihn doch nie
um seine Hilfe gebeten hat. Wo „Curb“
im Slapstick endet, wird Cheryl als die
vielleicht doch nicht ganz wohlwollende,
moralisch stabile Erwachsene gezeichnet, für die sie alle halten – sie selbst eingeschlossen. Aber ihre stellenweise
aufscheinende Klarsicht lässt einen bei
ihr bleiben.
Cheryls ganzes wohlgeordnetes Leben
gerät ins Wanken, als sich die pinkfarbene, stinkende Clee darin breitmacht. Sie
ist die zwanzigjährige Tochter von Cheryls Chefs. Einmal dort abgeladen, brauchen Clee und ihre nachlässige Sexyness
nur wenige Tage, um Cheryls Heim zu einem schlecht beleumundeten Haushalt
zu machen. Clee nennt sich achselzuckend Misogynistin und behandelt Cheryl wie die traurige, ausgetrocknete Person, die sie in ihr sieht. Wie gelähmt lässt
Cheryl auch diese Erniedrigungen, die
schnell zu Gewalt werden, über sich ergehen. Sie, die selbst nie einen der
Selbstverteidigungskurse ihrer Firma gemacht hat.
Bis sie dann zurückschlägt. Weil sich
das als einzig probates Mittel gegen ihre
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Halsenge erweist. In einem wortlosem
Arrangement spielen Cheryl und Clee
immer wieder die Szenarien der alten
VHS-Kassetten nach: Frau sitzt auf Parkbank, wird angemacht und verteidigt
sich erfolgreich. Spiele der Erwachsenen.
Clee nimmt dabei die Rolle des sexuell
aggressiven Angreifers ein, des ersten
bösen Mannes aus dem Romantitel.
Durch sie wird Cheryl aus der sicheren Ödnis ihrer Existenz herausgegängelt, bis sie Quad fährt, Industriezucker
isst, Sex vollkommen Besitz von ihren
Gedanken ergreift und sie irgendwann –
oh Horror – tatsächlich in herumstehende Gefäße pinkelt.
SURVIVAL OF THE FITTEST Die diversen Spiele, in die sich diese Erwachsenen
miteinander verstrickt haben, sind zu
zeitgemäß vertrackt, als dass ein Psychohandbuch aus den Sechzigerjahren sie
noch aufdröseln könnte. Dazu kommen
die fiesen Ambivalenzen, mit denen man
sich zum Beispiel als moderne Frau (und
also als Feministin) konfrontiert sieht:
Die Kick-Bewegung des Knies gegen die
gegnerische Leistengegend etwa heißt
Can-Can. „Yes, you can-can“, ruft die
Vorturnerin in „Survival of the Fittest“
und weist zwinkernd darauf hin, dass
man mit dem neuen, durchtrainierten
Körper auf der Straße öfter attackiert
wird als zuvor. Lach. Heul.
Ohne zu viel vom Fortgang der Geschichte zu verraten: „The First Bad
Man“ erzählt von den haarstäubend unordentlichen und unvorhersehbaren
Verhältnissen, die Beziehungen sind.
„Ich verstand, dass wir alle denken, wir
seien schreckliche Menschen. Aber wir
zeigen das erst, kurz bevor wir jemanden
bitten, uns zu lieben.“
Cheryl wird vor den Augen des Lesers
zum Menschen mit einem Leben, das
diesen Namen verdient (oder auch den:
fragiler Wahnsinn) und in dessen Verlauf
sie auch Kubelko Bondy wiedertrifft,
das Baby.
In den Danksagungen bedenkt die Autorin alle – ihre lieben Freunde, ihren Vater, ihren Mann Mike Mills. Aber gerade
nicht ihren Anfang 2012 geborenen Sohn,
der vermutlich etwas zu tun hat mit Kubelko Bondy. Miranda July weiß zum
Glück genau, wo die Grenzen zwischen
Kunst und Kitsch und Können verlaufen.
Und dass Erwachsene Verantwortung
tragen, kleinen Menschen aber vielleicht
noch keine aufgebürdet werden sollte.
Stattdessen bedankt Miranda July sich
bei ihrer Agentin dafür, dass diese ihr
versichert hat, ein Kind bekommen und
einen Roman schreiben zu können. Keine Ahnung, wie das Kind geraten ist.
„The First Bad Man“ jedenfalls: ganz
wunderbar.
Miranda Julys Roman
„The First Bad Man“ ist
bei Scribner erschienen.
Die deutsche Übersetzung
kommt im Herbst bei
Kiepenheuer & Witsch.
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Kultur 43
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Nichts für Memmen
Theater Sebastian Hartmann hat
immerhin eines geschafft: Jeder in
der Theaterwelt hat eine Meinung
zu ihm. Die einen halten ihn nur
für einen präpotenten Krawallbruder und Castorf-Epigonen, die
anderen für einen zwar oft nervigen, aber dringend nötigen Störer
eines allzu satten Publikums und
Betriebs. Auf jeden Fall können
sich die Banker und Bürger mit
Abo im Schauspiel Frankfurt am
Main schon mal freuen, wenn der
Kapitalismusfeind Hartmann ihnen
am Freitag „Dämonen“ von Dostojewski gewohnt improvisiert vor
den Latz knallt (im Foto: Isaak
Dentler und Paula Hans).
Die Posen der Frauendarstellerin
19,4
MILLIONEN
Euro So hoch ist der Schadenersatz, den der Kunsthändler
Helge Achenbach, 62, nach einem
Urteil des Landgerichts Düsseldorf
an die Familie des 2012 gestorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht
zahlen muss. Richter Joachim
Matz sah es als erwiesen an, dass
Achenbach bei Verkäufen von
21 Kunstwerken und elf Oldtimern
an Albrecht unberechtigte Provisionsaufschläge genommen hat.
Kunst Die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman, 1954 geboren, ist berühmt für ihre fotografischen Selbstporträts, die
nichts über sie selbst, dafür viel
über die Rollen verraten, die Frauen in der Gesellschaft zu spielen
haben. In der Sammlung Goetz in
München sind von Donnerstag an
(bis 18.7.) sechzig Arbeiten von ihr
in einer von Cindy Sherman selbst
mitgestalteten Retrospektive zu
sehen, etwa dieses Bild aus der
„Untitled“-Serie (Nr. 299, 1994).
Für die Serie schlüpfte die Künstlerin in stereotype Rollen aus
fiktiven Filmszenen. Es sind Bilder,
die einem vertraut scheinen – und
es doch nicht sind.
DAS GUTE,
Schöne,Wahre
Väter, Söhne, Schwestern,
Töchter: Was diese
Woche in der Kultur passiert
„Gibt
keinen“
Kein Problem, echt
Klassik Christoph Prégardien
ist als lyrischer Tenor ein Weltklassesänger und gilt im Fach
„romantisches Lied“ als konkurrenzlos. Er hat einen Sohn,
der Julian Prégardien heißt, 27
ist – und lyrischer Tenor ohne
Vaterkomplex. Im Gegenteil:
Gemeinsam haben sie „Father
and Son“ (Challenge Classic)
aufgenommen, SchubertLieder für zwei Stimmen bearbeitet. Einfach großartig.
Ein Film-Wunder
Michael
Keaton
Comeback
mit „Birdman“
Kino Was dem mexikanischen
Regisseur Alejandro González Iñárritu („Babel“, „21 Gramm“) mit „Birdman (oder die unverhoffte Macht
der Ahnungslosigkeit)“ gelungen ist,
bezeichnen viele als ein Wunder.
Eine Satire über Hollywood, über
das Superhelden-Genre, ein Künstlerdrama und fantastisches Schauspielerkino – mit der Star-Auferstehung des Michael Keaton im Zentrum. Oscar-würdig. Ab Donnerstag.
Gang ins gelobte Land
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KEN DUKEN, 35, Schauspieler, auf
die Frage nach dem Grund, warum er
schon mit 21 Jahren geheiratet hat Rektorin/Rektor der
Medizinischen Universität Wien
Pop Die Spaß-Live-KrawallArt-Band Deichkind („Arbeit
nervt“) – nordisch wie Hamburg, dabei völlig ungehemmt
– ist bekannt dafür, sich Fragen zu stellen, auf die niemand kommt. „Niveau Weshalb Warum“ etwa heißt das
neue Album, für das die HipHop-Jungs Ferris MC, Kryptic
Joe, Porky und DJ Phono
sogar ein eigenes Label gründeten: Sultan Günther Music
(Album ab Freitag). Es gehe
ihnen musikalisch um die
„Total Connectivity“, albern
sie. Mit Songs, die „Powered
by Emotion“ heißen oder:
„Like Mich Am Arsch“.
Mehr Kultur-News
finden Sie im Internet auf
der Seite welt.de/kultur
u
W
SULTAN GÜNTHER MUSIC; BRIGIT HUPFELD; COURTESY OF THE ARTIST AND SAMMLUNG GOETZ, MÜNCHEN; AP; WEYDEMANN BROS.; CHALLENGE CLASSIC
„Like Mich Am Arsch“
An der Medizinischen Universität Wien ist ab 1.10.2015 die
Funktion der Rektorin/des Rektors zu besetzen. Die Funktionsperiode beträgt vier Jahre.
Die Medizinische Universität Wien ist mit über 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und rund 7.500 Studierenden
sowie einem Budget von derzeit über EUR 400 Mio. pro Jahr
eine der größten medizinischen Universitätseinrichtungen
in der EU. Das Universitätsklinikum der MedUni Wien, das
Allgemeine Krankenhaus der Stadt Wien, ist mit über 2.000
Betten die größte Zentralkrankenanstalt in Europa.
Kino Am Anfang bleibt die Leinwand schwarz: Stimmen, Geräusche,
man hört Schläge, Tritte, Stöhnen, jemand zählt langsam. „Los Ángeles“,
das Spielfilmdebüt von Damian John Harpers (ab Donnerstag, mit dem
First Steps Award ausgezeichnet) springt direkt hinein in eine Welt aus
Armut, Hass und Brutalität. Mateo, Mexikaner, 17, will nach L.A., die
Familie braucht Geld. Um dort sicherer zu sein, schließt er sich schon in
seinem Dorf an der Grenze einer Gang an – der Beginn einer Tragödie.
„Der neue Roman sollte eigentlich
gut ausgehen. Der Held sollte
zu seiner Freundin nach Israel reisen
und glücklich werden. Leider
hat mein Verleger in Israel keine
Unterkunft für mich gefunden.
Also gab es kein Happy End“
MICHEL HOUELLEBECQ, der Schriftsteller der Stunde, hat eine einfache
Erklärung, warum „Unterwerfung“ (Dumont) kein versöhnliches Ende hat
Das erforderliche Profil:
• Abgeschlossenes Universitätsstudium, vorzugsweise ein
Medizin- oder verwandtes Studium
• Kenntnisse und Erfahrung in der Leitung eines komplexen
Universitätsbetriebes oder einer vergleichbar komplexen
Organisationsstruktur im Wissenschaftsbereich
• Internationale Erfahrung im akademisch wissenschaftlichen Betrieb und/oder Wissenschaftsmanagement
• Dokumentierte Planungs- und Entscheidungskompetenz
• Kooperationsfähigkeit, soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit nach innen und nach außen
• Erfahrung im Bereich Personalführung und –entwicklung
• Kompetenz im Bereich der Frauenförderung und Gender
Mainstreaming
Die öffentliche Ausschreibung im vollen Wortlaut gemäß
Universitätsgesetz und mit Informationen zu den erforderlichen Unterlagen ist im Personal-Mitteilungsblatt Nr. 2
vom 5.1.2015 veröffentlicht und steht online unter
www.meduniwien.ac.at/rektor2015 zum Download zur
Verfügung.
Bewerbungen sind bis spätestens 2. März 2015 an den Vorsitzenden des Universitätsrats, Dr. Erhard Busek, und den
Vorsitzenden des Senats, Univ.Prof. Dr. Oswald Wagner
(p. A.: Medizinische Universität Wien, Büro der Universitätsleitung, Spitalgasse 23, 1090 Wien oder
buero-universitaetsleitung@meduniwien.ac.at) zu richten.
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Gekonnt rasiert:
Ein Besuch im Berliner
Herrenklub Seite 48
Ein Klecks Buntes:
Die Stiltrends der
Woche Seite 49
Kaschmir-Queen:
Iris von Arnim feiert ihren
70. Geburtstag Seite 50
SERIE
Teil 2:
Glück
BESSER LEBEN
Mal was Sinnvolles
machen
Banker werden Feinkosthändler, Kriminalpolizistinnen
Heilerinnen: Die Suche nach dem Beruf als Berufung wird
zur Massenbewegung – von Brenda Strohmaier
Der 45-jährige Feinkosthändler Gerhard Beer ist
einer, der lieber geduzt als gesiezt wird. Mails unterschreibt er mit Menze, seinem Spitznamen.
„Den Herrn Beer habe ich in der Bank gelassen“,
sagt er. Genauer in der Sparkasse im österreichischen Vorarlberg, die er sieben Jahre leitete.
Heute verkauft er unter dem Namen „Menze Spezialitäten“ Käse und Wurst aus dem Bregenzer
Wald nach Berlin und sagt: „Lebensmittel sind
Mittel, um zu leben. Es erfüllt mich mehr, mit gutem Essen zu einem guten Leben beizutragen, als
Bankkunden Bausparverträge aufzuschwatzen.“
Vom Banker zum Käsemann – so ein Wechsel
hätte früher als Abstieg gegolten. Langsam allerdings setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein
wahrer Traumjob nicht automatisch mit Geld,
Macht und/oder einem Arbeitsvertrag bis zur Rente einhergeht, sondern ein Beruf sein sollte, der
auch als Berufung taugt. „Manche halten mich
zwar für verrückt, aber auf Berliner Märkten gibt
es immer mehr Verrückte wie mich“, sagt Menze.
Da stehen etwa ein ehemaliger Tierarzt, der in Lavendel macht, und ein einstiger Pressesprecher,
der nun lieber imkert.
Auch jenseits der Marktwelt trifft man immer
mehr Menzes. Menschen, die nach vielen Jahren
im Beruf noch mal ganz neu anfangen. Da werden
Telekom-Mitarbeiterinnen zu Profistrickerinnen
D
oder Kriminalpolizistinnen zu Heilerinnen. Das
Credo heißt heute: Umsteigen ist das neue Aufsteigen. Statt den Chef nach der Gehaltserhöhung
fragen sich immer mehr Menschen selbst: „Soll’s
das jetzt gewesen sein?“
Wie sehr die Frage neuerdings drängt, zeigt die
große Nachfrage nach entsprechender Beratung.
„Gerade jenseits der 40 wächst bei den Menschen
das Bedürfnis, etwas zu tun, was Sinn macht und
die Welt etwas besser“, erzählt die Psychologin
und Coaching-Pionierin Angelika Gulder. „Das
muss nicht ein Job bei Amnesty sein, das kann
auch heißen, als Friseurin Menschen oder als Einrichtungsberater Wohnungen zu verschönern.“
Gulder entwickelte vor über zehn Jahren eine Methode, um Menschen zu helfen, den richtigen Beruf zu finden. Ihr Ratgeber „Finde den Job, der
dich glücklich macht“ (Campus, 19,99 Euro) hat
sich 75.000-mal verkauft, und ihre Dienste sind
mehr gefragt denn je. „Vergangenes Jahr gab es
noch einmal einen Sprung, ich habe mindestens
vierzig Prozent mehr Anfragen zu meinem Berufscoaching als in den Vorjahren.“
In etwa 80 Prozent der Fälle stehe am Ende der
Beratung ein Berufswechsel. Ob man diesen wirklich braucht, könne jeder schnell selbst beantworten. „Stellen Sie sich vor, in Ihrem Job wären die
Rahmenbedingungen ideal. Wären Sie dann zu-
frieden, sollten Sie dafür kämpfen.“ Ansonsten
stellt sich die Frage nach dem perfekten Job. Eine
Frage, die in dem von Gulder entwickelten „Karriere-Navigator“ erst mal weitere Fragen nach sich
zieht: nach dem idealen Tag, Lieblingsbeschäftigungen, Kindheitsträumen.
Alles Fragen, die Menschen bei der Wahl ihrer
Ausbildung oder des Studiums den Erfahrungen
von Beratern zufolge fahrlässig vernachlässigen.
Nach Einschätzung des DCV, einer der zahlreichen
Berufsvereinigungen
der
deutschen
Coachingbranche, ist der Bedarf nach einer
„gründlichen beruflichen Neuorientierung“ auch
deshalb so groß, weil etliche Arbeitnehmer „versehentlich“ in ihren Beruf gerutscht seien. „Viele
Menschen, die ins Coaching kommen, möchten
ihre Fähigkeiten wirklich nutzen und entsprechend ihren Werten arbeiten“, erklärt die Sprecherin des Verbandsvorstands Margot Böhm.
MORALISCHE ZWEIFEL Tatsächlich zeichnen
sich viele Karrieren von Berufsumsteigern dadurch aus, dass ihr Wertesystem irgendwann mit
ihrem Job kollidierte. Wie bei Feinkosthändler
Menze. „Das Kerngeschäft der Bank habe ich gerne betreut, heißt: Spareinlagen sammeln und zur
Finanzierung weitergeben. Doch als die Zinsen
sanken, wurde der Druck von oben immer stärker,
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STIL
SILJA GÖTZ; STEFFEN ROTH; SVEN HOFFMANN JOURNAL
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46 Stil
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Do it yourself
» Fortsetzung »
mit Dienstleistungsgeschäften wie Leasingverträgen Umsatz zu machen.“ Menze, damals noch
Herr Beer, traf dann vor vier Jahren einen der heutigen Betreiber der Markthalle 9, des Berliner
Mekkas für Gourmet-Hipster. Eben darin befindet
sich nun sein Stand, an dem Schinken von Schweinen verkauft wird, die er mit Namen gekannt hat.
Vom Anzugträger zum Lebensmittelhändler –
diesen Wandel hat auch Jan Bredack hinter sich,
allerdings in einer fleischlosen Variante. Einst riss
er als Manager bei Mercedes 20-Stunden-Tage ab.
Dann kam das Burn-out – und Bredack, Pardon
Jan, gründete die vegane Supermarktkette Veganz.
Von Benz zu Veganz – der Fall zeigt, wie sich Statussymbole ändern. Mit fundiertem Wissen über
Tofu, Fahrräder oder Handwerkeln lässt sich in
manchen Kreisen schon mehr hermachen als mit
einem teuren Auto. In Zeiten, in denen Millionen
Menschen stundenlang auf Bildschirme starren,
wird die echte Wirklichkeit zum Traum.
Seit vergangenem Jahr gibt es sogar ein Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, Kurzfluchten in vor allem solche Jobs zu vermitteln.
Auf dem Internetportal descape.de kann man sich
mal eben für ein paar Stunden oder mehrere Tage
ein Leben als Londoner Gin Destiller, Berliner
Maßschuhmacher oder Surfbrettbauer in Portugal
buchen. Mini-Sabbaticals nennt sich das. Arbeiten
kann dabei teuer werden: Ein Tag Kaffeerösten in
der deutschen Hauptstadt kostet 1200 Euro, Winzern in Österreich ist ab 70 Euro zu haben.
LIEBER WAS IDEELLES Im echten Leben gehen
manche Arbeitnehmer den Weg, vom Handfesten
zum Ideellen. Auf der Seite der Fernuniversität
Hagen finden sich Lebensläufe eines Jongleurs
und einer Musikerin, die dort gerade Mathematik
studieren. Eine Physiotherapeutin hat bereits ihr
Psychologiestudium abgeschlossen. Und der hessische Kfz-Mechaniker Frank Hrachowy hat sich
dort vor ein paar Jahren zum Literaturwissenschaftler promoviert. Hrachowy war mit 16 vom
Gymnasium abgegangen, weil er keine Lust mehr
hatte, Französisch zu pauken. „Ich merkte schon
während der Lehre, dass ich lieber mit Schreiben
über Technik als mit Schrauben Geld verdienen
wollte.“ Dennoch machte er seinen Meister und
leitete danach eine Autohausfiliale. Heute arbeitet
er freiberuflich als technischer Redakteur für den
Motorbuch Verlag Stuttgart und verlegt selbst Autobücher zur Automobilgeschichte. Seinen Umweg über die Werkstatt hat er nie bereut. „Die
handwerkliche Lehre war eine gute Basis für mich.
Ich kenne manche, die einfach irgendetwas studiert haben und nun Kurierfahrer sind.“
Auch wenn es der Coachingbranche zufolge nie
zu spät ist, neu anzufangen, fällt früh umsatteln
natürlich leichter. So wie es einst Norbert Bisky
tat, heute einer der bedeutendsten deutschen Maler der Gegenwart. Anfang 20 arbeite er als Altenpfleger – bis er den Sprung ins Künstlerdasein
wagte. Den Anstoß dazu gaben die Menschen, die
er in einer Berliner Sozialstation betreute. Viele
von ihnen hätten angesichts des nahen Todes vor
allem die Dinge bereut, die sie nicht getan hätten.
Da sei ihm klar geworden: „Ich muss jetzt machen,
was ich will, damit es mir mal nicht so geht.“
Die Autoren Phil Stutz und
Barry Michels dachten sich, das
von Baumärkten propagierte
Do-it-yourself-Prinzip tauge
doch auch zur Lebensoptimierung. Ihr Buch
„The Tools: Wie Sie wirklich Selbstvertrauen,
Lebensfreude, Gelassenheit und innere Stärke
gewinnen“ (Goldmann, 9,99 Euro) soll als
„Werkzeugkasten“ dienen und den Arzt sparen.
Liebesnacht mit
sich selbst
Selbstvergebung
Die Mutter wieder nicht
zurückgerufen? Kein Grund
zum Selbsthass, meint
Therapeutin Hina Fruh. Ihr Ratgeber „Die Kraft
der Selbstvergebung. Wie wir uns bedingungslos
lieben lernen“ (GU, 12,99 Euro) erscheint im Februar und stützt sich auf die in spirituellen Kreisen angesehene Methode des Therapeuten Colin
Tipping zur „radikalen Selbstvergebung“. Eine der
Übungen – eine Liebesnacht mit sich selbst.
Leichtigkeit
Ein Dauerbrenner unter den
Glückskonzepten ist die „Leichtigkeit des Seins“. Der Bergsteiger Steve Kroeger hat sich
eine von seinen Expeditionen
auf die höchsten Gipfel inspirierte Anleitung zur
Alltagsbewältigung ausgedacht. Mit seinem Ende
März erscheinenden Buch „Leichtigkeit“ (Gabal,
14,90 Euro), will er „44 Impulse“ dafür geben,
wie man es dorthin schafft, wo man hinwill.
Alltäglichkeit
Der französische Psychiater
Christophe André ist ein
Vertreter der „Positiven
Psychologie“, die eine Konzentration auf die schönen Dinge propagiert.
Ihm reicht es für ein gutes Lebensgefühl schon,
wenn er seine Grünpflanze im Büro betrachtet.
In seinem Buch „Und vergiss nicht, glücklich zu
sein!“ (Campus, 19,99 Euro), das am 9. Februar
erscheint, erzählt er von den alltäglichen Freuden.
Fuck it
In der Glücksliteratur gibt es ein
richtiges Lager der Fuck-itRatgeber, quasi als Gegenpol
zum Terror des durchoptimierten Lebens. Auch die Autoren Stefan Hieronimus
und Barbara Wilde möchten mit ihrem am 24.
März erscheinenden Buch „Fuck your luck“
(Südwest, 16,99 Euro) dabei helfen, sich gegen
Glückstyrannei und Fremdbestimmung zu
wehren. Ein Ziel: unabhängig von Lob zu werden.
Wir steigern
Ihr Wohlstand macht die
ist man ihnen weit voraus.
E
s war einmal ein König in einem kleinen
Land mitten im Himalaja. Jigme Singye
Wangchuk wollte seine Landsleute glücklich machen. So sehr, dass er das Streben
nach Glück in der Verfassung des Königreiches Bhutan verankern ließ. „Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen“, steht dort in Artikel 9,
Absatz 2.
Das war in den 80er-Jahren, und der König meinte es
schließlich sehr ernst mit dem Staatsziel des Bruttonationalglücks. Auch wenn es vermutlich nur folgenschwere Verlegenheit war, als der König vor der Glücksoffensive auf die Frage nach dem Bruttoinlandsprodukt
Bhutans, dem weltweit niedrigsten, geantwortet hatte:
„Das Bruttoinlandsprodukt interessiert mich nicht.
Mich interessiert das Bruttoinlandsglück.“
Die Welt belächelte ihn dafür zunächst. Das Glück
über das Wirtschaftswachstum stellen? Für andere
schien das undenkbar – und irgendwie naiv. Wohlstand
schafft Zufriedenheit, auf dieser Annahme basierte das
Bruttoinlandsprodukt als weltweit meistgenutztes Maß
des Lebensstandards. Dann aber geriet man auch in anderen Ländern ins Grübeln.
Denn die Forschung dachte sich nach und nach immer neue sogenannte Glückindizes aus, die messen
sollten, wie glücklich die Nationen im weltweiten Vergleich nun eigentlich wirklich waren. Dazu kombinierten Wissenschaftler objektiv messbare Eckdaten des relativen Wohlstands mit
Einschätzungen der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Und dabei fanden
sie heraus: Wohlstand ist
eine zwar notwendige,
aber keine hinreichende
Bedingung für das Glück
eines Landes.
So fristet das zweifellos nicht ganz arme
Deutschland etwa im
„World Happiness Report“ der Vereinten Nationen auf Platz 26 ein
ziemlich trauriges Dasein, während auf den
Top-Plätzen der gut 160
ausgewerteten Nationen
Dänemark,
Norwegen
und die Schweiz vorne liegen. Selbst Länder wie Oman,
Panama oder auch Brasilien stehen noch vor Deutschland in diesem Ranking.
Nicht viel besser sieht es nach den Daten des internationalen Glücksatlas des Washingtoner Gallup-Instituts aus: Auch hier landet Deutschland nur im Mittelfeld, derzeit auf Platz 46 von 138 Nationen – hinter Ruanda und etwa gleichauf mit Kenia und dem Senegal.
Die Spitzenplätze gehen in diesem Index nach Lateinamerika: Paraguay, Panama und Guatemala liegen vorn,
als einziges europäisches Land schaffte es Dänemark
unter die Top Ten.
Auch beim „OECD Better Life Index“ liegt Deutschland nur auf Platz 14 von 36, während Australien, Norwegen und Schweden das Ranking anführen – Länder,
die mit Deutschland vergleichbar sind, wenn es um das
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„Deutschland
landet auf
Platz 46 von
138 Nationen –
hinter Ruanda
und etwa
gleichauf mit
Kenia und dem
Senegal“
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Stil 47
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das Bruttoinlandsglück
Deutschen nicht besonders zufrieden. Anderswo
Im Königreich Bhutan zum Beispiel
Bruttoinlandsprodukt, um Beschäftigungszahlen oder
die Lebenserwartung geht. Für das Glück reicht das allein aber eben nicht. Wie die Daten zeigen, muss daneben auch Folgendes gegeben sein: respektvoller Umgang und enge Beziehungen zu anderen, die Freiheit,
über das eigene Leben zu entscheiden, Zeit zum Ausruhen und Lachen zu haben und körperlich und psychisch
gesund zu sein.
Zumindest innerhalb Deutschlands aber geht es langsam aufwärts, wie der „Glücksatlas“ zeigt, den Forscher
seit einigen Jahren regelmäßig im Auftrag der Deutschen Post erheben. Der 2014er-Atlas zeigte zwar, dass
Schleswig-Holstein, eines der ärmsten Bundesländer,
wie schon zuvor die glücklichsten Menschen Deutschlands beherbergt, aber die süddeutschen Regionen holen auf. Zudem befinde sich Deutschland auf einem
„Glücksplateau“: Die Zufriedenheit mit Einkommen,
Arbeit und Familienleben habe im letzten Jahrzehnt zugenommen, steht im Bericht.
Das kleine Land Bhutan hat mit dem Bruttonationalglück Großes angestoßen. Doch Bhutan sucht man in
den internationalen Indizes allerdings vergeblich. Daten gibt’s nur vom Glücksministerium des Landes. Der
letzten staatlichen Erhebung zufolge, die aus dem Jahr
2010 stammt, sind schon 40,9 Prozent der Bevölkerung
glücklich.
Fanny Jiménez
SILJA GÖTZ
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48 Stil
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Sie kümmern
sich André
STEFFEN ROTH
Goerner mit
seinem Team
im Berliner
„Gentlemen’s
Circle“
Die Gentlemen bitten zur Rasur
Eine neue Art von Herrenklub bietet in Berlin eine Rundumversorgung des
modernen Großstädters an. Frauen sind nur freitags erlaubt – von Frédéric Schwilden
I
m gerade eröffneten Herrensalon
„Gentlemen’s Circle“ auf der
Charlottenstraße in Berlin-Mitte
sitzt der Sternekoch Kolja Kleeberg. Und zwar auf einem Herrenfriseurstuhl „Apollo 2“ der Traditionsfirma Takara Belmont und wartet darauf,
frisiert und rasiert zu werden.
Durch die Luft fliegen Dixieland-Stücke, die sich mit Swing und Doo-Wop abwechseln. An der Wand hängt ein von
Norbert Bisky in Öl gemalter Mann, der
etwas im Gesicht hat, was sicherlich kein
Rasierschaum ist. Kleeberg geht bald rüber in sein Restaurant „Vau“ in der Jägerstraße, um nach dem Rechten zu schauen. Noch eine Stunde, dann beginnt dort
der Mittagstisch. Ein perfekt frisierter
und rasierter Gastgeber macht das Mittagessen erst gänzlich perfekt. Und dafür
sorgt seit Kurzem der Berliner Friseur
André Goerner.
Der hat sich mit seinem „Gentlemen’s
Circle“ einen Traum erfüllt. 39 Jahre ist
er jetzt alt. Ein Sachse aus der Nähe von
Dresden. Als die Mauer noch steht,
kommt der Friseur der Familie Goerner
von einer Messe aus dem Westen. Im Gepäck eine Schere, die einmal Udo Walz
gehört hat. Damit schneidet der Dorffriseur fortan seinen Freunden die Haare.
„Zur Jugendweihe war es dann so weit.
Zum ersten Mal wurde auch ich mit der
Walz-Schere frisiert. Vielleicht hat das ja
dazu geführt, dass ich den Weg zum Friseur gefunden habe“, sagt Goerner. Er
geht zur Lehre nach Erding in Bayern.
Anschließend nach München zum StarFriseur Gerhard Meir. Ende der Neunziger zieht Goerner nach Berlin. Übernimmt die Leitung des Meir-Salons im
Hotel „Adlon“, später die des Salons im
„Grand Hotel Heiligendamm“. 2004
macht er sich selbstständig. Sein Salon
ist ein großer, weißer Wellness-Würfel
am Hausvogteiplatz. Dort, wo jetzt die
arrivierte Mitte Berlins ist.
Vor sechs Jahren kommen Goerner
die ersten Ideen zum „Gentlemen’s Circle“. Er begrüßt in seinem ersten Salon
Männer und Frauen. „In einer homogenen Umgebung führe ich mit meinen Damen und Herren ganz andere Gespräche“, sagt er. „Es gibt Bereiche in unserem Leben, bei denen es uns lieber wäre,
es wäre anders. Aber man traut es sich
nicht zu sagen.“ Männer, so sieht es Goerner, wollen nicht neben Frauen sitzen,
die Strähnen gemacht bekommen. Und
Frauen nicht neben Männern, die rasiert
werden.
„Jeder Mann, der sich selbst beobachtet, weiß, dass er sich anders verhält, sobald eine Frau im Raum ist und umgekehrt.“ Deshalb ist der „Gentlemen’s
Circle“ ein Ort für Männer geworden.
Frauen sind nur am Freitag zwischen 19
und 21 Uhr erlaubt. Als Begleitung der
Männer. Um sie abzuholen. Um mit ihnen einen Drink zu nehmen. Um eine Zigarre am Tresen zu rauchen.
ZWISCHENDURCH ’NEN DRINK Im
Klub der Berliner Gentlemen (keine Mitgliedschaft erforderlich, Vorbeikommen
oder Termin reicht völlig) darf Mann
tagsüber einen Drink nehmen, während
er auf die Rasur wartet, und er muss sich
nicht schlecht fühlen. Es gibt drei Hausweine. Dazu eine geeignete Auswahl an
Spirituosen, aus denen klassische
Gentleman-Drinks wie ein Old Fashioned oder der fast vergessene Gin Rickey
gemischt werden. Dazu hält der „Gentlemen’s Circle“ ein Grundsortiment an Jacketts, Polohemden, Hosen, Schuhen
und Reisegepäck bereit. Nach den Phasen Metro, Queer, Androgyn, Spornound Lumbersexual ist es mittlerweile
wieder in Ordnung, sich auf altbewährte
Insignien der Männlichkeit zu konzentrieren. Ein Paar gute Schuhe braucht
der Mann: Captoe Oxford, Monkstrap,
Derby und für den Sommer Loafer. Natürlich müssen sie richtig geputzt werden. Er soll einige richtig sitzende Anzüge im Schrank haben. Strümpfe sind wieder wichtig: gern bunt, gern gemustert,
gern lang. Die Fingernägel müssen gepflegt sein. Das Haar präzise geschnitten. Ein Mann muss riechen. Aber nach
Sandelholz bitte. Rosmarin ist auch gut.
Nach Wärme. Nicht nach Axe-Deodorant.
Wer sich zu diesem stilistischen Konzept hingezogen fühlt, für den ist der
„Gentlemen’s Circle“ wie gemacht. Der
nimmt Platz im „Apollo 2“. Auf das Gesicht werden heiße, feuchte Tücher aufgebracht, ehe die Rasur beginnt. Selbstverständlich nass, mit Echthaarpinsel
und Messer. Tief durchatmen, die zitronige Luft einatmen, ehe der Barbier beginnt. Der Barbier trägt Weste über dem
nach oben gekrempelten Hemd.
Es könnte ein Barbershop aus den
60er-Jahren sein. Nicht die verkitscht
niedliche Variation davon, die in New
York, Paris und inzwischen auch Berlin
oder Chemnitz angekommen ist. Nicht
überall, wo sich ein Barber’s Pole rot-weiß
und zuckerstangensüß dreht, wird heute
rasiert. Nach den Billig-Friseuren kam
die Retro-Friseurwelle. Aber retro waren
häufig lediglich die Einrichtung und die
Musik, die alten Techniken von Rasur
und Haarschnitt wurden selten beherrscht. Ganz anders im „Gentlemen’s
Circle“. Dennis heißt der Barbier an die-
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sem Tag. Er ist stark tätowiert. Aber so,
dass es nicht einschüchternd, sondern
wahnsinnig gut aussieht.
Nach der Rasur wieder Tücher. Dann
ein pflegendes Öl. Die Haare werden geschnitten, während eine junge Dame
dem Gast die Nägel macht. Erst schneiden, dann feilen, dann die Haut am Nagelbett zupfen. Mit einem Ledertuch den
Nagel polieren. Das Beste, was man in
diesem Moment tun kann, ist es, die Augen zu schließen und Ella Fitzgeralds „It
Don’t Mean A Thing If It Ain’t Got That
Swing“ zuzuhören, das inzwischen durch
den Laden fliegt wie ein nervöser Vogel
im Frühling.
Wenn Mann dann die Augen öffnet
und in den Spiegel schaut, sich wie neu
geboren und doch von bewährter erwachsener männlicher Schönheit fühlt,
dann war alles richtig. Zum Abschluss also noch ein Drink an der Bar.
Goerner empfiehlt den OpthimusRum, ein Rum aus der Dominikanischen
Republik, 25 Jahre alt, in Whiskey-Fässern gelagert. Und dazu noch einen
Gentlemen’s Corner. Der Corner ist ein
von Kolja Kleeberg erdachtes Gebäck.
Leicht gezuckert. In Fett ausgebacken.
Den Trendsetter erinnert es sicherlich
an den Cronut, den Franken eben an die
Küchlein.
Kolja Kleeberg geht wieder in sein
Restaurant. Wie für jeden Gast war der
Aufenthalt in André Goerners Herrenklub auch für den Koch eine kleine Auszeit vom Alltag und gleichzeitig ein Investment ins Selbst. „Zu uns kommen
Menschen, die Freude an den schönen
Dingen des Lebens haben. Die eine Aura
hinterlassen: ein Typ, ein Mann, eine
Präsenz.“ In Berlin darf man also wieder
Mann sein, und das ist auch gut so.
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Stil 49
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Bunte Wolleproppen
Eine leuchtende Affäre
80
Mehr Glanz Der Schmuck der Londoner Designerin Solange Azagury-Partridge schaffte es ins Victoria and Albert
Museum. Nun liefert sie zu unvergänglich schönen Stücken gleich noch schöne Wortschöpfungen: Chromance heißt
die neueste Kollektion. Glänzt wie
Chrom und rührt doch an. 3300 Euro,
solange.co.uk
JAHRE
Peng Eine Pistole zum Malen? Mit
neuartigen Gieß- und Spritztechniken kam der junge amerikanische Künstler Jackson Pollock in
den 1930er-Jahren erstmals in
Berührung. Er lernte es bei einem
Mexikaner in New York, in einem
Seminar. Und – peng! – sogleich
vergaß dieser Pollock sein Idol
Picasso und schuf die eigene
Marke: Tröpfeln, Gießen, Klecksen.
Pompon Wohin gehört der Bommel? Natürlich auf die Mütze.
Selbstredend schön bunt, puschelig. Ein wenig Pomp, als Tüpfelchen
obendrauf. Pompon sagt der
Franzose. Hier haben sich einige
Wolleproppen auf eine Decke
verirrt. Und niemand wird’s bestreiten: Sie stehen einer Plaid
nicht schlecht. Von Eagleproducts,
325 Euro. meinwohndekor.de
SCHÖNE
neue Welt
Ein Klecks Buntes.
Das ist immer ein Tröpfchen
Trost im grauen Winter
Blenden auf dem Asphalt
Der Reifen rockt
Camouflage Auffallen ist die
beste Tarnung. Oder doch Abschreckung? Jedenfalls hilft’s, zum
Beispiel jenen harten Hunden, die
auch im Winter nicht vom Radeln
lassen können. Vor allem bewahrt
es davor, eine jener entwürdigenden Leuchtwesten tragen zu müssen. Dann lieber Valentino! Nur
muss man sich den erhellenden
Spaß etwas kosten lassen. 1200
Euro bei stylebop.com
Kunterbunt Ein Tupfer Ultramarin, ein wenig Violett, SienaOcker. Dieser Armreif hat sie alle:
die ordentlichen Farben, wie sie
der Tuschkasten für den Schulgebrauch vorschreibt. Allerdings in
Kunterbunt, flüchtig von Hand
aufgetupft. Ein Reif wie eine Malerpalette, kreiert von Elena Meyer. 205 Euro bei luisaviaroma.com
„Schminken
mit
Drei-LetterCode“
Weltenbummler Nagellacke von Uslu Airlines
heißen wie Flughäfen, und zwar abgekürzt in ThreeLetter-Codes. Je 20 Euro, usluairlines.com
FERIDE USLU UND JAN MIHM,
Gründer der Kosmetiklinie Uslu Airlines
„Vorschrift sind
Cyanblau, Magenta,
Zinnoberrot,
Schwarz und Ultramarin. Außerdem
Ockergelb und
Gebrannte Siena“
Action-Painting auf Seide
Getaggt Da gehen Farbsprühdosen drauf, dass es nur so kracht,
wenn Straßenkünstler solch ein
Werk auf Häuserwände sprayen.
Das Luxuslabel Hermès lässt es
auch krachen, und zwar auf reiner
Seide. Im Vintagestil, als wäre es
eine 80er-Jahre-Brandwand in
Brooklyn, ist das Tuch bedruckt.
Ganz fein bis ins Detail, bis hin
zum Accent grave im Graffiti. Ab
500 Euro bei malleries.co
Auf den Punkt
Tuning Für „schnelle, multidirektionale Bewegungen“ hat ihn der
Hersteller ausgelegt, schließlich mit
Multicolor und Airbrush aufgetunt.
Da kann man ja nur abheben. Nike
Free TR 5 iD, 160 Euro. nike.com
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DIN 5023: 1989-02. Die Norm
schreibt insgesamt zwölf Farben für
einen Schul-Malkasten vor
Noch mehr Style
in unserem Stil-Blog
„Fantastic“ auf fantastic.welt.de
u
W
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50 Stil
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Seit Tagen, bald Wochen wurde geräumt.
Das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Ausgenommen das Privateste ganz oben unterm Dach. Doch im Rest der Hamburger
Stadtvilla sollte endlich einmal wieder richtig groß gefeiert werden. Also galt: Büros
und Atelier raus, Videoinstallationen, Musik
und Caterer rein. Und gleich die Gelegenheit nutzen, alles zu sichten, zu sortieren,
aus- und aufzuräumen. Nicht, dass Iris von
Arnim je wirklich einen Grund brauchte für
eine Party. Schon als „Habenichtse“ in jungen Jahren, als sie mit Freunden in einem
Münchner Abrisshaus wohnte, wurden mal
eben die Wände schwarz gemalt, Äste von
der Straße geholt und weiß gestrichen, jeder
brachte zehn Mark und einen Schnaps mit
und das Leben war lustig, auch wenn es gar
nicht immer einfach war.
An diesem Sonntag feiert Iris von Arnim
nun ihren 70. Geburtstag und den 35. ihrer
Firma gleichen Namens, und aus diesem
Anlass waren gestern 310 Gäste in jene Immobilie in Hamburg Harvestehude gebeten,
die ihr Heimat und Arbeitsplatz zugleich ist.
Als sie das Haus vor 25 Jahren gekauft hatte
und die Freunde zur Einweihung lud, da flackerten Friedhofskerzen im ansonsten völlig leeren, lichtlosen Gebäude, und eine
Acht-Mann-Reggaeband heizte den Gästen
ein. Die Ansprüche mögen sich verändert
haben, gestiegen mit der Bedeutung der
Marke, die sich im angespannten deutschen
Modemarkt stark, gesund, kreativ, finanziell
unabhängig und Inhaber geführt behauptet,
der mag Wein exzellent sein, Essen und Service bestens, das Wesentliche hat sich nicht
verändert. Die Bodenständigkeit der Gastgeberin. Wenn man sich manchmal fragt,
wie die Leute aussehen, die den Begriff der
Bohème verkörpern, dann muss man nur
Iris von Arnim studieren.
Wie sie da sitzt in ihrem Wohnzimmer
unterm Dach, die wilde, inzwischen weiße
Mähne ungeduldig aus dem Gesicht gestrichen, wie sie es so häufig tut, mit dem Blick,
der wissen will und manchmal auch wegträumt, mit all den Falten, die das Leben
eingeritzt hat und die sie gewähren lässt,
weil sie gar keinen Sinn darin sähe, sich liften zu lassen, überhaupt den Kopf viel lieber dem Sylter Wind hinhält als einem Dermatologen. Die Strickjacke ist aus eigener
Kollektion, die eben immer auch ihren eigenen Stil widerspiegelt. Lässig, wild, aber feine Ware. Auf dem Foto fehlt nur die Zigarette. Und man muss Iris von Arnim eigentlich
hören, denn die rauchige, wohl tatsächlich
errauchte Stimme macht die Allure komplett. Groß, stark und sehr souverän wirkt
diese Frau. „Ich gehöre nicht zu denen, die
sagen, ich fühle mich jünger. Ich fühle mich
wie Siebzig. Für den Traum, einen Gipfel zu
erklimmen, in der Berghütte zu rasten,
draußen zu duschen und barfuß durchs
Grün zu laufen, dafür fehlt mir inzwischen
die Puste.“ Ihr Leben bestand lange aus An-
SVEN HOFFMANN JOURNAL(2); PICTURE-ALLIANCE/DPA
S
„Ich fühl mich
wie siebzig“
Und siebzig wird sie auch: Die Designerin Iris von
Arnim bestrickt seit 35 Jahren die Welt. Ihr Stil: Lässig,
wild, aber fein. Ihre Stärke: Ehrlichkeit. Sie hält ihr
Gesicht lieber dem Sylter Wind hin als einem
Dermatologen – von Inga Griese
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Stil 51
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Noch immer Bohème
Iris von Arnim feiert am heutigen
Sonntag ihren 70. Geburtstag
zog sie nach Hamburg, eröffnete am Großneumarkt ein Lädchen, schon ein Jahr später zierte ihr Regenbogenpullover das Cover
der Zeitschrift „Für Sie“. Ihr Stil war einmalig, vor allem der Mut zur Farbe.
In Kampen auf Sylt eröffnete damals Heide Dürr mit einer Freundin eine Boutique
gegenüber von der Bar des legendären
„Karlchen“, Iris von Arnim ließ sich als Verkäuferin anstellen unter der Bedingung,
dass sie ihre Pullover auch anbieten dürfe.
Im Hamburger Geschäft in der „Arme-Leute-Gegend“ verkaufte sie sechs Stück im
Monat. Das reichte im Grunde, denn ein
Pulli kostete doppelt so viel wie die Monatsmiete von 150 Mark, und Luxus war nicht ihre Sache. Aber auf Sylt gingen sechs Stück
am Tag weg. Im ersten Sommer dort oben
kam alles zusammen. Zum Erfolg gesellte
sich die große Liebe. Die
Geburt von Sohn Valentin, den sie dann doch allein großzog, weckte die
Verantwortung, tatsächlich mehr aus allem zu
machen.
Der Regenbogen führte
zu
einem
kleinen
Cashmere-Imperium. Im
richtigen Moment ging
die Selfmade-Unternehmerin zur Messe nach
Düsseldorf, fand den richtigen Schritt, neue Materialien. Erst Angora, dann
Jacquard
und
dann
Cashmere, das hatte man
damals ja noch nicht.
Schon gar nicht grobmaschig-leger. Oder in Pink!
Ein Hit für die SunshineGeneration, die Iris von
Arnim
prompt
zur
„Cashmere-Queen“ ausrief. Sie arbeitete auch als
Designerin für andere, bei
EIN UNFALL ALS WENDE
Bruno Cucinelli in Italien
Iris wollte auch machen,
etwa ließ sie erst produwusste nur nicht genau,
zieren, dann entwarf sie
was. Die Heimatlosigkeit
auch für ihn. „Nach drei
übertrug sich als RuheloJahren wusste er dann,
sigkeit, Lebenshunger und
wie es geht“, erzählt sie
Durchhaltevermögen. Sie
munter. Sie ist sich immer
wechselte Internate, ging
Lässige Masche Der grüne Pulli
treu geblieben. Und vonach Amerika, kam zurück
entstammt der Kollektion 2015,
rangeschritten. Stillstand
nach Europa, lernte Reisedas Modell unten von 2007
mag sie nicht. Abgesehen
bürokauffrau, arbeitete als
davon, dass sie „zunehWerbetexterin, als Fotografin und als Journalistin bei „Bild“. Alles eher mend richtig faul lange im Bett liegen kann
zufällig. Sie war begehrt und fand sich doch und lesen.“ Nun also wieder ein Anfang. Sie
nicht. Fragte sich zweifelnd, was ist mein übergibt die Verantwortung an Sohn ValenTalent? Das zu erkennen, brauchte es einen tin, will sich nur noch um das Design kümirrwitzigen Unfall. War doch der Albtraum mern. Nach Lehrjahren in den USA, auch als
am Eschborner Kreuz Anfang der 70er-Jahre Banker, ist der Junior vor neun Jahren ins
der Auslöser für diese große Modekarriere. Unternehmen eingestiegen.
Die Party-Gäste wurden gebeten, für
Ein mehrfacher Salto mit dem alten Käfer,
sieben Operationen. Nach einer musste sie Flüchtlinge zu spenden. Es geht um ein Profünf Monate im Krankenhaus liegen. Ein jekt in der Nachbarschaft. Das ist nicht unFreund warf ihr ein Kilo Wolle und Nadeln umstritten, in bester Lage soll eine Unterauf ’s Bett: „Mach mal etwas anderes, als kunft entstehen. „Wir wollen Vorurteilen
und Ängsten begegnen und hier beweisen,
Stones zu hören!“
Eigentlich konnte sie nur rechte Maschen dass Integration gut gehen kann. Mit Herz.
geradeaus stricken. Aber sie hatte ein Ge- Aber eben vor allem mit Verstand. Herz alspür für Farben und Formen, fertigte Pullo- lein reicht bei solchen Projekten nicht.“ Sie
ver, die es so noch nicht gegeben hatte. 1976 ist halt mehr Kaschmir-Löwin als Queen.
fängen. Sie zögert, manches zu erzählen.
„Will das einer wissen?“ Man will es schon
deshalb, weil die Schicksals-Päckchen ihres
Lebens ähnlich auch an andere Haushalte
geliefert werden und es beruhigend ist, dass
aus Unglück Glück erwachsen kann. Man allerdings dafür kämpfen muss. Inzwischen
krempelt Iris von Arnim dabei Ärmel aus
Kaschmirwolle hoch. Die Kindheit war anders. Iris von Arnim wurde geboren auf einem Gut in Schlesien, „wo manchmal schon
im Oktober die Kartoffeln im Acker festfroren. Es gab Land, einen riesigen Wald, einen
anständigen Weinkeller, kein Reichtum,
aber man konnte gut leben“. Dann flohen
die von Arnims vor den Russen und landeten in einer Sozialwohnung in Hannover.
Die Mutter stirbt sehr früh, Iris ist erst drei,
sie lebt mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder
und dem Vater, der den
Verlust von Heimat, Ehre,
Land, einem Auge und seiner patenten Frau kaum
verkraftet. Das Trauma hält
ihn in der Vergangenheit
fest, die Tochter versteht
ihn nicht, wenn er davon
spricht, dass die von Arnims etwas Besonderes
sind. Er stirbt als sie 16 Jahre jung ist.
Iris von Arnim wurschtelt sich durch, will sein wie
die Mutter, die sie nicht erinnert, aber erträumt. Die
Mutter war handfest, haben
sie ihr erzählt. Mit ihr wäre
es in Hannover vielleicht
ganz anders gelaufen. „Wir
waren ja viele Flüchtlinge,
das war ganz normal. Aber
es waren eben die Frauen,
die wieder anpackten, selten die Männer.“
RÄTSEL
frühere
südafrikanische
Provinz
Meerneunauge
Ausgangspunkt,
Beginn
heilige
Formel
der
Inder
Abk.:
pharmaz.techn.
Assistent
kleine
Mahlzeit
(engl.)
Abk.:
außer
Tarif
Halteband an
Kleidern
fein,
dünn,
sanft
über
eine Tat
Informierter
Verfall,
Zusammenbruch
in höchstem
Maße
begabt
Autor von
„Robinson
Crusoe“
† 1731
großes
Meeressäugetier
Geliebte
des
Simson
(A. T.)
frühere
hinweiital.
Währungs- sendes
Fürwort
einheit
verblüht
Inseleuropäer
4
früherer
asiatischer
Nomade
Abwasser
aufbereiten
1
Zirkus-,
Varietékunst
3
alle
ohne
Ausnahme
Herrscherstuhl
Reifeprüfung
(Kw.)
Fluss
durch
München
Fotografie
Strecker,
an Draht
geleitete
Weinranke
keltischer
Name
Irlands
Schlagader
wirklich,
ungelogen
Fruchtbrei
Weizenart
Tennisschläger
(engl.)
flache
Schale
als Essgeschirr
ernsthaft,
anständig
9
Vorbild,
Muster
Stadt in
Niedersachsen
bibl.
Ort
nordital.
Landschaft
Abk.:
elektron.
Datenverarbeitung
6
Froschlurch
Abk.:
NussRundfunk
inneres BerlinBrandenb.
5
DrauZufluss
Fragewort
Raumbegrenzung
Abk.:
bezahlt
2
grober
Mensch
sühnen
®
Abk.:
Bankleitzahl
8
1
2
3
4
7
Auflösung aus dem
Auflösung
ausvorvergangenen
dem Heft 02Heft
D
A
E D E R S E
M A I S
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L I A I S O
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(1-9) Rahmkaese
5
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8
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A
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G
A
L
9
slv1318.22-4
SUDOKU
LEICHT
SCHWER
MITTEL
Lösung des Rätsels
der vergangenen
Woche: im Uhrzeigersinn rechts
beginnend leicht,
mittel und schwer
Autor: Stefan Heine
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WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
52 Reisen
GETTY IMAGES
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Billig unter Palmen
Bangkok
K AM
THAILAND
BOD
SCH
A
ASIEN
Koh Chang
Koh Mak
Golf von
Koh Kut
Thailand
A
BIRM
Drei Wochen Thailand mit Strand, Komfort und Spaß
für weniger als 1500 Euro pro Person? Das ist machbar.
Mit ein paar Kompromissen – von Michael Fabricius
80 km
E
Es ist die wahrscheinlich langsamste Fahrt, die mit einem Reisebus überhaupt möglich ist. Schon seit Stunden quält sich das Fahrzeug durch die flachen Hügel der
thailändischen Provinzen Rayong und Chanthaburi,
südöstlich der Hauptstadt Bangkok. Bergauf mit vielleicht 30 Stundenkilometern, auf flacher Strecke sind es
um die 50. Die Geschwindigkeit steht in Kontrast zur
Aufmachung des in Angeber-Rot lackierten Busses. Auf
der oberen Frontscheibe prangen eineinhalb Meter
hoch die Buchstaben „V.I.P.“, die Felgen glänzen silbern, geklöppelte Vorhänge hinter den Scheiben. Der
Motor aber ist nur noch ein historischer Rest seiner
selbst. Es geht im Kriechtempo über verregnete Landstraßen, auch die Partyzone von Pattaya wird passiert.
Deprimierende Leere, geschlossene Bars.
Genau das war der Plan. Mitten im Juli – doch in der
mäßigen Regenzeit – in den Südosten Thailands reisen
und von den günstigen Preisen der Nebensaison profitieren. Das ehrgeizige Vorhaben: Es geht um eine drei-
wöchige Fernreise mit Familie, Strand, Spaß und so viel
Komfort wie möglich, aber für weniger als 1500 Euro
pro Person. Also weniger als 500 Euro pro Woche. Inklusive aller Kosten für Reise, Transfers, Unterkunft
und Verpflegung. Wer nicht davor zurückschreckt, wochenlang immer wieder Flug-Kontingente online zu
prüfen, Urlaubsberichte in Foren durchzuarbeiten, Fotos auf Google Earth zu checken und, ganz altmodisch,
einen Reiseführer zu kaufen, stellt fest: Das ist machbar. Und zwar ohne dabei auf komfortable Unterkünfte,
gutes Essen und Ausflüge zu verzichten.
DIE INSEL Das Ziel ist Koh Chang, eine sehr grüne und
bergige Insel in Sichtweite Kambodschas. Koh Chang
besteht zu 80 Prozent aus einem riesigen Naturschutzgebiet, das streng bewacht ist, aber mit freundlichen
Trekking-Führern zu einem tollen Dschungel-Abenteuer mit Badespaß in Flüssen und Wasserfällen werden
kann. An der Westküste drängeln sich die Touristen-Re-
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WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
Reisen 53
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Einfach Hütten am White
Sand Beach auf Koh Chang
Unser Autor wählte eine
luxuriösere Variante
sorts, und die liegen fast durchweg zwei
Preisklassen unter denen in den Hotspots im Golf von Thailand.
3 WOCHEN THAILAND FÜR 4 PERSONEN
Im Januar vor einem Jahr begann die
Preise in Euro
konkrete Planung. Die Karibik wurde
durchgearbeitet und schnell für zu teuer
Tage/
pro
gesamt
Familie
Nächte Zimmer pro Nacht gesamt
befunden. Costa Rica und Mexiko ebenfalls, wegen relativ hoher Flugpreise.
Zug Berlin - Warschau hin u. zurück
Es folgte eine zugegebenermaßen ober(2 Erwachsene)
140,00
flächliche Prüfung diverser PauschalanHotel Mercure Warschau 2 Zimmer
1
52,00
104,00
104,00
gebote am Mittelmeer und am Roten
Meer. Wenn man nicht drei Wochen in
Flug Warschau - Bangkok hin u. zurück
1
2258,24
einem winzigen Zimmer in einer BetonHotel Feung Nakorn Bangkok 2 Zimmer
3
35,00
70,00
210,00
burg verbringen möchte. ist das generell
kostspielig.
Bus + Fähre Bangkok - Koh Chang
(nur hin)
51,48
Thailand erwies sich als die Destination, die zu akzeptablen Konditionen erResort Koh Chang Paradise Garden
reichbar war und vor Ort das berühmte,
(2 x Bungalow)
15
42,46
84,92 1273,80
weil günstige Preis-Leistungs-Verhältnis
Transfer
Resort
-Airport
Trat
37,60
zu bieten hatte. Man muss allerdings
Kompromisse eingehen. Koh Chang ist
Flug Trat - Bangkok
130,12
zwar günstig, aber abgelegen und im
Hotel Evergreen Bangkok 2 Zimmer
1
136,20
136,20
Sommer etwas regnerisch. Die meiste
Gesamtkosten
4341,44
Zeit ist es bewölkt, trotzdem kann man
Sonnenbrand bekommen, wie wir schnell
Budget Restaurantbesuch und Ausflüge
1658,56
feststellen mussten.
Gesamtkosten
all
inclusive
21
6000,00
Wer Koh Chang erreichen will, muss
zunächst nach Bangkok. Günstige Flüge
mit akzeptablen Flugzeiten und weniger
als 18 Stunden Reisedauer gibt es in der
Ein paar Tage in Bangkok sind im Gegensatz dazu obRegel nur ab München (zurzeit 600 Euro), je nach Buchungszeitpunkt auch ab Frankfurt am Main. Von Ber- ligatorisch. Was die Unterkunft angeht, sollte man sich
lin-Tegel aus ist das Ticket meistens teurer. Eine Bahn- als Pfennigfuchser jedoch entscheiden. Entweder man
reise zu den günstigen Abflugorten im Süden ist kost- wohnt nahe den historischen Sehenswürdigkeiten auf
der Ostseite des Flusses Chao Phraya. Oder man ist auf
spielig, also keine Option.
Für Bewohner der ostdeutschen Bundesländer kann Shopping-Touren aus – beispielsweise im günstigen Baes da hilfreich sein, über die Grenzen hinauszublicken: sar-Kaufhaus „MBK“ schräg gegenüber dem ShoppingMit Warschau als Abflughafen wurde ein Flug-Kom- Center Siam Discovery im Stadtteil Siam. Wir entscheiplettpreis von 564 Euro pro Ticket möglich, gebucht den uns auf dem Hinweg für die erste, auf dem Rückweg
über Airline-direct.de. Wer glaubt, gewisse Regelmäßig- für die zweite Variante. Das „Feung Nakorn Balcony“keiten zu kennen, zu denen man besonders günstige Ti- Hotel liegt fußläufig zu allen wichtigen Sehenswürdigckets erwischen könnte, wird enttäuscht. Das Einzige, keiten wie dem liegenden Buddha im Tempel Wat Pho
was wirklich hilft, ist: dranbleiben. Das enorm gute Ge- oder dem Königspalast. Die trubelige Khao San Road ist
fühl, ein paar Hundert Euro durch die Zugreise von Ber- in 15 bis 20 Minuten zu Fuß zu erreichen. Ursprünglich
lin nach Warschau gespart zu haben, hilft über die lange war das Hotel ein Schulgebäude und wurde liebevoll
Fahrtzeit hinweg. Und wir bekamen so die Gelegenheit, umgebaut zu einer familienfreundlichen Unterkunft
den historischen Kern der polnischen Hauptstadt zu mit 41 Zimmern in ruhiger Hinterhof-Lage. Der rote Bus
zur Fähr-Anlegestelle in dem Hafenort Trat ist in budbesichtigen.
gettechnischer Hinsicht der sportliche
Höhepunkt. Zusammen mit dem Fährticket auf die Insel zahlen wir 12,87 Euro
pro Person. Bequemer und schneller
geht es auf dem Rückweg mit dem Flugzeug von Trat nach Bangkok. Denn es
pro
Person
ging uns nicht darum, die billigste aller
Reisen zu veranstalten. Vielmehr kam es
einfach darauf an, das Beste für eine Fa70,00
milie mit zwei Kindern nach einem an26,00
strengenden Arbeitsjahr herauszuholen.
Und so fiel auf Koh Chang die Wahl der
564,56
Unterkunft auch nicht auf die einfachen
52,50
Bambushütten am White Sand Beach
(Foto). Sondern auf eines der bequems12,87
ten Resorts an der Westküste, mit modernen klimatisierten Bungalows, täglich
gesäubertem Strand, großem Swimming318,45
pool und hervorragender Küche: dem
9,40
„Koh Chang Paradise Resort“. Es liegt
am Chai Chet Beach, dem oberen Ende
32,53
einer lang gestreckten Bucht. Die Küste
34,05
hat an dieser Stelle kein vorgelagertes
1120,36
Korallenriff, aber das Wasser ist auf 50
Meter Breite sehr flach. Nachteil im
379,64
Sommer: Der Regen spült Sedimente
1500,00
vom Festland ins Meer, und das Wasser
ist eher trübe. Wer schnorcheln will,
bucht eine Tour zu einer der nahe gelegenen Inseln im Süden.
Der Aufenthalt war, dem Namen des Resorts entsprechend, paradiesisch. Was auch daran gelegen haben
mag, dass in der Nebensaison nur rund die Hälfte der
Bungalows belegt war. Es gab überall Platz – am Pool,
im Restaurant, am Strand. Personal und Ausstattung
sind klasse. Frühstück war inklusive, der Rest nicht.
Trotzdem reichte das selbst gesteckte Budget, und sogar ein Kochkurs mit Thai-Gerichten ist drin. Zu empfehlen: die Thai Cooking School an der Straße zum
Wasserfall Klong Plu. Und wer den riesigen Naturpark
nicht einfach links liegen lassen will, kommt an einem
Mann nicht vorbei: Mr Tan. Er bietet wahlweise intensive und weniger anstrengende Touren. Die meisten kennen ihn. Einfach an der Rezeption fragen. Fragen kostet
ja nichts.
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WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
54 Reisen
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Schlichte Wahrheit
„Eine Berlin-Karte
ohne Brandburger
Tor können sie
direkt in die Tonne
kloppen“. Bei der
Kuh geht es „um das
Erlebnis“
Ferien
für immer
Boris Hesse betreibt den
größten Ansichtskarten-Verlag
Deutschlands. Ein Gespräch
über Motive und Motivationen
S
martphone, Facebook und Twitter zum Trotz
gehören Ansichtskarten zum Urlaub wie der
Sand zum Meer. Denn die Deutschen schreiben noch immer gern und viel, freut sich Boris Hesse. Er ist Geschäftsführer des Schöning-Verlags. Mit rund 25 Millionen gedruckten Karten
pro Jahr ist dieses Lübecker Unternehmen der größte
Ansichtskartenhersteller Deutschlands.
WELT AM SONNTAG: Herr Hesse, welche Postkarte
haben Sie zuletzt aus Deutschland bekommen?
BORIS HESSE: Eine von der Insel Sylt, mit einem
Strandkorb in den Dünen.
Das klingt nach einem der üblichen
Kassenschlager.
Nicht unbedingt. Acht von zehn verkauften Karten sind Mehrbildkarten.
Die meisten Leute sagen zwar, dass
sie ein großes Foto wie das vom
Strandkorb schöner finden. Am Ende
wollen aber doch alle anhand mehrerer Bilder zeigen, wie toll es dort ist,
wo sie gerade sind.
Warum sind unter den meistverkauften Karten keine Motive aus
Städten oder von einzelnen Sehenswürdigkeiten?
Ein Seehundbild verkaufe ich die gesamte Nord- und Ostseeküste rauf
und runter. Wenn ich aber ein Bild
aus St. Peter-Ording habe, dann wird
das auch nur dort gekauft. Darum
sind unter den Top 16 die Regionen
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stärker vertreten. In St. Peter-Ording selbst ist der Seehund allerdings nicht der bestverkaufte, sondern ein
Motiv aus dem Ort selbst. Die allgemeinen Motive stehen an zweiter Stelle, liegen aber durch ihr großes Verbreitungsgebiet bei den Absatzzahlen ganz vorn.
wollen in ein oder zwei Tagen die Stadt erleben. Und
auf der Ansichtskarte, die Sie verschicken, muss eben
das drauf sein, was Sie auch gesehen haben. Die Frage
bei der Auswahl ist immer: Kann ich dazu eine Geschichte schreiben?
Wer entscheidet in Ihrem Verlag, welche Motive gedruckt werden?
Wir beschäftigen drei Verlagsherstellerinnen, die sich
in Nord-, Mittel- und Süddeutschland bestens auskennen. Außerdem haben wir 15 Außendienstmitarbeiter,
die sich über Veränderungen auf dem Laufenden halten. Anders als eine Glückwunschkarte, bei der es vor allem ums Design
geht, ist die Ansichtskarte eine redaktionelle Arbeit. Eine Mehrbildkarte
von Berlin ohne das Brandenburger
Tor könnten Sie beispielsweise direkt
in die Tonne werfen.
Und hinten steht dann doch immer nur drauf: Das
Wetter ist schön, das Essen lecker ...
Nicht nur. Deutsche Ansichtskartenschreiber schreiben
sehr viel auf eine Karte – und zwar an jeden Empfänger
etwas anderes. Zehn Karten, zehn Texte.
#!" $ ! Sie drucken immer nur die fünf bis
zehn Top-Sehenswürdigkeiten?
Wir werden manchmal von Einheimischen gefragt: Warum zeigt ihr immer
nur das Offensichtliche? Wir haben
so viele versteckte Schmuckstücke.
Dann muss ich antworten: Ja, aber die
versteckten Schmuckstücke kennt
nur ihr.
Wäre das nicht umso mehr ein
Grund, Unbekanntes zu zeigen?
Die Kollektion ist zu 99 Prozent für
Touristen gemacht. Sie müssen sich
vorstellen, Sie steigen aus dem Bus,
Ist das bei anderen Nationen anders?
Ja, bei den Holländern beispielsweise. Die sind sehr genügsam und schreiben: „Liebe Grüße, Dein Hans“.
Nach dem Motto: Den Rest sieht man auf der Karte.
Welche Lebensdauer haben eigentlich Postkarten?
Das ist zum einen von der Relevanz des Ortes und dem
Verkaufserfolg abhängig, vor allem aber vom Motiv. Wir
haben eine zeitlose Karte mit einem Seehund, die seit
dreißig Jahren erfolgreich ist. Von der Dresdner Frauenkirche hingegen mussten wir in den vergangenen Jahren Tausende Karten entsorgen und neu produzieren,
weil sie durch die Bauarbeiten überholt waren.
Was machen Sie mit den Karten, die nicht verkauft
werden?
Ich habe vor Kurzem meinen alljährlichen Gang durchs
Lager gemacht. Jede Karte, die sieben Jahre alt und
noch da ist, wird weggeschmissen.
Und wie viele sind im Müll gelandet?
Ich schätze, mehr als 100.000. Die haben sich einfach
nicht verkauft.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
Reisen 55
SCHÖNING VERLAG (5)
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Wie lange dauert es von der Aufnahme eines Motivs
bis zur fertigen Postkarte beim Händler?
Wenn es schnell gehen muss: zwei Wochen. Die Praxis
aber ist eine andere. Im Frühjahr beauftragen wir 50 Fotografen, die regelmäßig für uns arbeiten, mit bestimmten Motiven, die sie dann im Herbst einreichen müssen.
Müssen Postkarten den Wechsel der Jahreszeiten berücksichtigen?
Im Postkartengeschäft gibt es nur eine Saison, und die
heißt Ferien. An der See ist das von April bis September,
in den Städten ganzjährig.
In fast ganz Deutschland sind gerade die MehrbildLandschaftskarten die bestverkauften. In Bayern ist
es das Bild einer Kuh. Hat Bayern ein Imageproblem?
Die Kuh repräsentiert ja nicht das Land. Da geht es um
ein Erlebnis. Beim Wandern einer Kuh gegenüberzustehen fühlt sich für Städter schon an, als würden sie an
einem Stierkampf teilnehmen. Vielleicht ist es auch
einfach ein Trend. Am Ende aber läuft es immer darauf
hinaus, dass ich zu dem Motiv etwas zu erzählen weiß.
Keine Experimente Touristen
wollen Erkennbarkeit.
Auf den Karten muss deshalb
genau das drauf sein, was sie
auch gesehen haben – oder was
jeder mit dem Ort verbindet.
Karten von Harz, Bodensee und
Frankfurt am Main
Postcrossing zum Beispiel. Sie melden sich bei einer
Community an, schreiben eine Postkarte an jemanden
und bekommen von einer dritten Person eine Karte zurück. Geschrieben wird ausschließlich auf Englisch.
Am Briefkasten führt für Sie kein Weg vorbei?
Ja, ich schicke täglich Mails und SMS, aber eine Postkarte ist eine höhere Wertschätzung.
BORIS
HESSE
SCHÖNINGVERLAG
Welche Karte würden Sie gern mal drucken, selbst
wenn sie sich nicht gut verkauft?
Eine Autogrammkarte von mir. (lacht)
Das Familienunternehmen wurde
1925 in Lübeck gegründet.
In den 70er-Jahren warben
die Postkartenhersteller mit
dem Spruch „Lass nicht warten,
schreib Schöning-Karten“.
Schöning ist mit 25 Millionen
gedruckten Ansichtskarten im
Jahr Marktführer in Deutschland
und wird von Boris Hesse
als Geschäftsführer geleitet.
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Großartiges New York. Einzigartige Momente.
175 Jahre Cunard.
Wie identifiziert man solche Trends?
Trial and Error! Wir können Dinge ausprobieren, müssen nicht erst zwei Jahre forschen, um uns sicher zu
sein. Dann wäre der Trend ja schon wieder vorbei. Wir
hauen Sachen einfach raus.
Gibt es einen neuen technologischen Trend?
Ja, 3-D. Die Qualität dieser mehrdimensionalen Karten ist mittlerweile unheimlich gut. Allerdings stehen
wir da postalischen Problemen gegenüber. Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen
die Ansichtskarte automatisiert zugeteilt wird. Das
geht viel schneller als in Ländern wie Spanien oder
Italien, wo sie noch per Hand sortiert werden. Die
Automatisierung hat aber auch Nachteile: 3-DKarten aus Kunststoff sind zu schwer für den normalen Versand, und gestanzte Postkarten in Form eines
Fischs oder einer Flasche werden von den Sortiermaschine nicht richtig eingelesen. Es ist natürlich möglich, sie zu verschicken, kostet aber 1,45 Euro.
Was halten Sie von Postkarten-Apps?
Die Idee fand ich gut. Aber sie setzt sich nicht durch. Zum
einen ist die Qualität der Fotos, die wir abliefern, viel besser. Wenn Sie bei bedecktem Himmel ein Foto vom Brandenburger Tor machen, erkennt man zwar das Brandenburger Tor, aber wirklich chic sieht das nicht aus. Außerdem geht der wichtigste Anteil einer Ansichtskarte dabei
verloren: die handschriftliche Botschaft.
Ist es nicht viel persönlicher, ein Foto von der eigenen Familie am Strand zu verschicken?
Den Mehrwert haben Sie ja auch, wenn Sie das Foto als
SMS schicken oder es auf Ihrer Facebook-Seite veröffentlichen – und das kostenlos. Diese Individualisierung kann
die Karte in der Tat nicht leisten. Um zu sagen: „Schau
mal, ich habe gerade mein Halloween-Kostüm für heute
Abend gekauft“, wäre die Postkarte zu langsam. Ich glaube
deshalb, dass die Sozialen Medien der Ansichtskarte nicht
Konkurrenz machen, sondern sie ergänzen.
Und was funktioniert in der analogen Welt der Grußbotschaften derzeit am besten?
Hamburg
Southampton
New York
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Reif: Arjen Robben
im zweiten FußballFrühling Seite 58
E
Einen versierteren Fan hätten sich die deutschen Handball-Nationalspieler nicht suchen
können. Fußballprofi Mario Götze weiß
schließlich nur zu genau, wie man Weltmeistertitel gewinnt: Ballannahme mit der Brust,
Drehung, Schuss. Und schier endloser Jubel.
Als empathischer Anhänger der deutschen
Handball-Auswahl outete sich der Bayern-Kicker gleich nach dem Auftaktsieg gegen Polen,
den Götze vor Ort in Katar verfolgte, weil er
dort zeitgleich mit seinen Münchner Kollegen
im Trainingslager weilte. Zurück in der Heimat pegelte seine Euphorie noch höher.
„Wow!!! Sauber, das war so spannend!“,
schrieb Götze in den sozialen Netzwerken
nach dem 30:30 gegen den Top-Turnierfavoriten Dänemark.
Nicht nur das Interesse des Weltklassekickers haben die Ballwerfer seitdem geweckt,
die Deutschen entdecken nach dem ungefährdeten Gruppensieg und vor dem Beginn der
K.-o.-Runde mit dem Achtelfinale am Montag
wieder ihre Liebe zum Handball. Dass die
deutsche Auswahl die WM-Endrunde dabei
nur mit einer fragwürdigen Wildcard erreichte, ist längst vergessen, der Imagegewinn des
zwischenzeitlich arg gering geschätzten deutschen Teamsports von den Verbandsbossen
dagegen mit Genuss verbucht worden.
Den Erfolg verantwortet vor allem Dagur
Sigurðsson. Der 41-jährige Isländer übernahm
erst am 12. August als Bundestrainer. Binnen
kürzester Zeit aber erwies sich der Coach, der
auch das Bundesliga-Team der Füchse Berlin
trainiert, als absoluter Glücksgriff. Sigurðsson
Streif: Kjetil Jansrud
gewinnt die Abfahrt
in Kitzbühel Seite 60
HANDBALL-WM
Junge
Wilde in
der Wüste
Bundestrainer Dagur Sigurðsson
entfacht mit seinem
runderneuerten Team in Katar
eine ungeahnte Euphorie
– von Jens Bierschwale
schaffte, was selbst Experten für kaum möglich hielten: Nach der sportlich gescheiterten
WM-Qualifikation impfte er seiner verunsicherten Mannschaft wieder das Siegergen ein.
In Rekordzeit.
NICHT TYPISCH DEUTSCH „Ich bin positiv
überrascht davon, wie die Jungs den Ball laufen lassen. Und dass sie nicht nur typisch
deutsch spielen, nicht nur mit Kraft und einer
Hau-drauf-Mentalität, sondern auch technisch anspruchsvoll“, lobt Handball-Legende
Stefan Kretzschmar. Für den Silbermedaillengewinner von Olympia 2004 ist das vor allem
das Verdienst des Coachs. „Sigurðsson ist dafür bekannt, etwas selber zu entwickeln und
seine eigene Linie zu fahren. Und für mich ist
wichtig, wie sich die Mannschaft präsentiert.
Das ist bislang grandios.“
Sigurðsson vernimmt derlei Lob mit gebotener Zurückhaltung. Er will gar nicht im
Rampenlicht stehen, ist Teamplayer geblieben. Wie früher als Spielmacher der isländischen Auswahl und der Klubs Valur Reykjavík,
LTV Wuppertal, Wakunaga Hiroshima oder
Bregenz. Ein stiller Star.
„Wenn man die mentale Stärke hat, das
Spielsystem umzusetzen, dann hat man auch
gute Chancen zu gewinnen“, beschreibt der
Coach eines seiner Erfolgsgeheimnisse. „Und
wenn wir behaupten, wir haben in Deutschland die beste Liga der Welt, dann kann man
auch davon ausgehen, dass die Spieler Drucksituationen kennen und mit ihnen umgehen
können.“
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SPORT
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Da steckt Power drin Der erst 19-jährige Paul Drux zieht ab, und kein Däne kann ihn stoppen
Einen Nachweis, den die deutschen Handballer vor den Titelkämpfen in Katar lange
Zeit nicht geliefert haben. Nach dem WM-Titelgewinn 2007 im eigenen Land ging der
Kontakt zur Weltspitze schnell verloren: Vierter bei der EM 2008, WM-Fünfter 2009, EMZehnter 2010, Elfter bei der WM 2011, Siebter
bei der EM 2012 und WM-Fünfter 2013. Für die
kontinentalen Titelkämpfe vor einem Jahr in
Dänemark und Olympia 2012 in London konnte sich das Team nicht einmal mehr qualifizieren. Eine Katastrophe für die urdeutsche
Sportart. Nun macht die jüngste europäische
Mannschaft bei der WM in der Wüste endlich
wieder von sich reden.
Der Bundestrainer sei enorm wichtig für
die rasante Entwicklung des Teams, betont
auch Paul Drux. Mit 19 Jahren ist der gebürtige
Gummersbacher der Youngster im deutschen
Team. Trotzdem kennt sich Drux schon gut
aus mit den veränderten Verhältnissen,
Sigurðsson ist auch sein (Vereins-)Trainer in
Berlin. „Ich denke, ich muss mich trotzdem
beweisen und kriege keinen Bonus“, sagt der
wurfgewaltige Teenager. „Wir haben eine super Stimmung und eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen, frischen Spielern, die
sich keinen Kopf machen. „Das passt ziemlich
gut.“ Auch weil Sigurðsson bei der Auswahl
seines WM-Kaders ein glückliches Händchen
bewies. Neben Drux, der erst seit dieser Saison regelmäßig in der Bundesliga spielt, vertraut er auf weitere Talente wie Erik Schmidt,
22, oder Hendrik Pekeler, 23. „Sigurðsson ist
ein ruhiger Typ mit einem großen Handball-
Bundestrainers. „Es ging darum, die beste Lösung für den deutschen Handball zu kreieren“, sagt Hanning.
Bis zum Sommer muss Sigurðsson noch die
schwierige Doppelfunktion ausüben und versuchen, nach der WM auch die auf Tabellenplatz zehn abgestürzten Füchse wieder auf
Vordermann zu bringen. Der Isländer, der in
seiner Heimat gern zum Fliegenfischen geht,
ist durchaus erprobt in Doppelrollen. Bereits
2009 war er neben seinem Job als Vereinscoach auch noch Trainer der österreichischen
Auswahl.
sachverstand. Er stellt uns gut auf den Gegner
ein, ist dabei immer entspannt und fokussiert“, erklärt Drux.
Eine Eigenart, die sich auch auf die Spieler
überträgt. Wo der glücklose Vorgänger Martin
Heuberger oft übernervös und fahrig agierte,
bleibt Sigurðsson nordisch kühl und sachlich.
Der Skandinavier hat immer eine spielerische
Lösung parat und versteht es, diese an das
Team weiterzugeben. Mit dem Klemmbrett
zeigt er den Seinen den nächsten Spielzug an,
wirkt dabei wie ein wohlwollender Professor.
ER KANN AUCH FUSSBALL Sigurðsson helfen im neuen Job seine vielfältigen sportiven
Erfahrungen: Mit 17 noch spielte er im isländischen Auswahlteam Fußball und absolvierte
sogar sieben Junioren-Länderspiele. Weil er
aber im Handball noch besser war, gab er kurz
darauf die duale Sport-Ausbildung auf. Die Fähigkeit, ein Spiel zu lesen und die Kollegen
adäquat in Szene zu setzen, bestimmte seither seinen Stil. Das änderte sich auch nicht,
als er 2007 vom Spielfeld auf die Trainerbank
wechselte. „Dagur ist völlig handballverrückt“, sagt Bob Hanning. „Er kann alte Spieler führen und junge motivieren.“
Dem Manager der Füchse Berlin ist es zu
verdanken, dass Sigurðsson überhaupt die
Nationalmannschaft reformieren durfte.
Hanning ist im Nebenjob Vizepräsident des
Deutschen Handballbundes, er empfahl im
Sommer nach dem Aus im WM-Play-off und
dem schlimmen Tief des Sports in Deutschland seinen Vereinscoach für den Job des
DPA/GUILLAUME HORCAJUELO; REUTERS (2); BONGARTS/GETTY IMAGES
„Dagur kann
alte Spieler
führen
und junge
motivieren“
BOB HANNING, DHBVizepräsident, über seinen
Bundestrainer
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HOHE FLEXIBILITÄT Einigen kommt die
neue Spielphilosophie des neuen Chefs noch
reichlich revolutionär vor. Bisweilen tauscht
Taktiker Sigurðsson zwischen Abwehr und
Angriff drei Spieler aus, dabei galt derlei Spezialistenwechsel lange als Verrat am schönen
Spiel, weil er die Dynamik hemmt. Sigurðsson
indes orientiert sich sowohl am Gegner als
auch an den Möglichkeiten seines Personals.
Als gegen Dänemark das Remis in Unterzahl
90 Sekunden verteidigt werden musste, ließ er
im Angriff so viele Spielzüge absolvieren, bis
der Schlusspfiff ertönte. Kreisläufer Jesper
Nøddesbo, Kreisläufer des WM-Zweiten von
2013, lobte hinterher: „Deutschland hat sehr
clever gespielt.“
Wohin die Reise für den Fliegenfischer mit
seinen jungen Wilden wohl noch geht? Steffen
Weinhold, 28, hat eine Ahnung: „Vielleicht“,
so der Rückraumspieler, „gibt es hier ja ein
Wüstenmärchen.“
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58 Sport
DAS WIRD SPASSIG:
KÜHNE PROGNOSEN
ZUR RÜCKRUNDE
ÜBERRASCHUNG
IN BREMEN
Tim Wiese kehrt zurück und
hütet wieder den Werder-Kasten
Grund: Er hat sich mittlerweile
auf 170 Kilo aufgepumpt und
füllt das Tor komplett aus.
BIBI ERSTKLASSIG
Schiedsrichterin Bibiana
Steinhaus leitet als erste Frau
in Deutschland ein Bundesligaspiel, darf zur Premiere
am 11. April gleich den Kultklassiker Paderborn – Augsburg
pfeifen.
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„Ich
bin ein
Denker“
FULL HOUSE
Max Kruse, im Juni mit 36.000
US-Dollar für Platz drei beim
Pokerturnier in Las Vegas belohnt, fliegt aus der Nationalelf,
weil er dort eine Zockerrunde
installiert hat. „Jogi ist pleite“,
verrät ein Insider danach.
HOENESS GREIFT AN
Uli Hoeneß baut Bayerns Jugendakademie so erfolgreich
aus, dass die A-Jugend in der
Bundesliga mitspielen darf und
dort der einzige echte Konkurrent der Profis wird.
LIVE AUS DER KABINE
Um weiteres TV-Geld zu scheffeln, verkauft die DFL für die
letzten zehn Spieltage die Rechte
für Live-Halbzeitberichte aus der
Kabine. Bei Lucien Favre und
Pep Guardiola gibt es Untertitel.
„UNS UWE“ SORGLOS
Der Hamburger SV wird auf
einmal total gut, Rafael van der
Vaart kann urplötzlich wieder
sprinten, HW4 verteidigt exzellent, Lasogga trifft ohne Ende.
Und „Uns Uwe“ Seeler muss sich
endlich nicht mehr sorgen.
RANGNICK MODERIERT
Ralf Rangnick schmeißt bei Red
Bull hin, lässt Leipzig und Salzburg sausen. Und moderiert
dafür das „Aktuelle Sportstudio“.
Ohne Gäste, nur mit Taktiktafel
und Videos.
HUUB ENTKNURRT
Stuttgarts Trainer Huub Stevens
erzählt nur noch Witze in Mannschaftsbesprechung und bei der
Halbzeitandacht. Seine VfBProfis eilen, total tiefenentspannt, von Sieg zu Sieg.
BONGARTS/GETTY IMAGES/SIMON HOFMANN
SCHWEINIS NEUE SCHUHE
Bastian Schweinsteiger lässt
seine Schuhe mit allen Flaggen
dieser Welt pflastern und dazu
„Schatzi“ draufsticken. Passt bei
jedem Freundinwechsel.
Konzentriert Vor den Spielen hat Arjen Robben Musik im Ohr und nur eines im Sinn: Gewinnen
Arjen Robben ist ein untypischer Fußballprofi – auf und neben
dem Platz. Damit ragt er sogar im Bayern-Starensemble heraus
Z
wei Stunden nach Trainingsende. Als einer der wenigen
Bayern-Spieler ist Arjen Robben noch an der Säbener
Straße. Der Niederländer hat
sich massieren lassen und einen Obstsalat gegessen. In der Hinrunde gehörte er
zu den besten Bayern, in seiner Heimat
wurde Robben Sportler des Jahres. Soziale Netzwerke interessieren ihn nicht,
er malt und liest lieber. Vorgestern feierte der dreifache Familienvater seinen 31.
Geburtstag, Freitag eröffnet er mit den
Münchnern bei Wolfsburg die Rückrunde der Bundesliga.
WELT AM SONNTAG: Wann haben Sie
zuletzt mit einem Krokodil gekämpft?
ARJEN ROBBEN: (lacht) Noch nie. Im
Trainingslager vergangene Woche in Katar habe ich nur einen Spaß gemacht. Ich
hatte mir im Training einen Finger umgeknickt und musste einen Verband tragen. Als ich am Trainingsplatz die Reporter stehen sah, wusste ich, dass ihr mich
nach der Ursache dafür fragen werdet.
Mit Thomas Müller haben wir uns dann
gesagt: Komm, wir müssen mal was
Überraschendes liefern. Also sagte ich:
Ich wollte beim Billard eine Kugel aus
dem Loch holen, und dabei hat mich ein
Krokodil gebissen.
Im Internet basteln die Fans seitdem
fleißig Fotomontagen: Ein Krokodil
foult Robben, Robben boxt gegen ein
Krokodil, Robben schießt den Ball gegen ein Krokodil.
Wahnsinn, was aus einem Witz werden
kann. Im Ausland wurde meine Aussage
von einigen Medien sogar ernst genommen. Schlagzeile: „Robben von Krokodil
gebissen!“ Ich kann darüber lachen. Spaß
und Lockerheit gehören dazu. Man muss
auch mal entspannt sein.
und den Ball nach Verlust sofort wieder
erobert. Für einen Außenstürmer wie
mich ist das super. Taktisch ist er einer
der Weltbesten. Er weiß genau, wo die
freien Räume sind. Wir können jetzt verschiedene Systeme spielen. Ich habe zuletzt mal rechts gespielt, mal in der Spitze, mal hinter der Spitze. Das finde ich
sehr gut. Ich habe mich unter ihm weiterentwickelt.
Sie wirken seit dem Gewinn der Champions League 2013 sehr gelassen. Betrachten Sie das Fußballgeschäft mit 31
Jahren weniger verbissen als früher?
Kann schon sein. Viele sagen mir, dass
ich lockerer geworden bin. Die gewonnenen Titel sind da sicher ein Faktor. Vor
allem aber liegt es daran, dass ich gesund
bin. Das gibt mir viel Sicherheit. Generell bin ich immer noch dieselbe Person.
Und nicht satt. Im Gegenteil: Ich bin seit
dem Erfolg in der Champions League
noch hungriger. Ich will immer noch
mehr erreichen. Und mich immer weiter
verbessern. Hart arbeiten und dann genießen – ich weiß inzwischen, dass das
gut zusammengeht.
Im Gegensatz zu früher sind Sie kaum
verletzt. Vielleicht weil Sie mit einem
eigenen Physiotherapeuten arbeiten.
Er ist Osteopath, und ich kenne ihn
schon seit meinem letzten Jahr bei Real
Madrid. Einige Menschen denken an einen Scharlatan, wenn sie das Wort hören. Weit gefehlt! Er kontrolliert meine
Gelenke, vor allem im Rücken. Ich bin da
inzwischen quasi ein Spezialist (lacht).
Mindestens 80 Prozent der Adduktorenund Oberschenkelverletzungen haben
ihren Ursprung im Rücken, zum Beispiel
durch verschobene Wirbel. Das hatte ich
früher oft. Mit seiner Hilfe kann ich Verletzungen nun besser vorbeugen. Er hat
eine Praxis in den Niederlanden und
kommt hin und wieder zu mir nach München. Die optimale Ergänzung zu unseren Vereinsärzten. Ich spüre, dass ich
meinen Körper unter Kontrolle habe.
Zehn Tore, drei Vorlagen: In der Bundesliga-Hinrunde waren Sie einer der
effektivsten Spieler. Welchen Anteil
hat Trainer Pep Guardiola daran?
Mir gefällt, wie er über Fußball denkt. Er
will, dass seine Mannschaft dominant ist
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Viele Profis fielen zuletzt mit Verfehlungen auf: Fahren ohne Führerschein,
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Sport 59
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Prügeleien, Frauengeschichten. Sie
sind schon mit 16 Jahren Profi geworden, hatten nie einen Skandal. Sind Sie
ein Langweiler?
Meine Eltern haben Schuld! (lacht) Sie
haben mich gut erzogen, und zum Glück
sind mir deshalb nie solche Sachen passiert. Im Training streite ich mich auch
mal, das ist danach allerdings sofort vergessen. Für mich sind Werte sehr wichtig. Ich versuche, mich meinen Mitmenschen gegenüber korrekt zu verhalten.
Und ich möchte betonen, dass es viele
Spieler gibt, die auch skandalfrei leben.
Stimmt eigentlich die Story, dass Ihr
Vater Hans ein Angebot von Ajax Amsterdam für Sie ablehnte, weil der Klub
auf einem Dokument Ihren Namen
falsch geschrieben hatte?
Ajax hatte den Namen wirklich falsch geschrieben. Aber das war nicht der entscheidende Grund. Wir hatten bei PSV
Eindhoven einfach insgesamt ein besseres Gefühl.
Dürfen Ihre Söhne Fußballer werden?
Mein Ältester, Luka, ist jetzt sechs Jahre.
Er spielt in einem kleinen Verein. Und er
hat sehr viel Spaß. Das ist mir das Wichtigste. Ihm wird immer mehr bewusst,
dass die Menschen seinen Nachnamen
oft gleich mit mir verbinden. Das ist
nicht immer leicht. Viele fragen: Hat er
so viel Talent wie sein Vater? Kann er es
auch ganz nach oben schaffen?
ARJEN ROBBEN
STÜRMENDER
BUCHFREUND
Arjen Robben gehört zu den
bekanntesten Niederländern.
Die Medien dort wählten ihn
gerade zur „Persönlichkeit
des Jahres“. Er wuchs in der
Provinz Groningen auf und
kam über Eindhoven, Chelsea
und Real Madrid vor knapp
sechs Jahren zum FC Bayern.
2013 schoss Robben im Finale
der Champions League das
entscheidende 2:1 gegen
Dortmund. Für die Niederlande hat er bislang 86 Spiele
bestritten (28 Tore). Er ist mit
Bernadien verheiratet, seine
Söhne heißen Luka und Kai,
seine Tochter Lynn.
Fast alle Profis posten Fotos und Nachrichten in den Netzwerken. Sie nicht.
Ich verstehe meine Kollegen schon. Wir
haben Fans weltweit, und mit denen
können wir auf diese Weise kommunizieren. Doch ich mache das lieber persönlich, bei Trainingslagern und Auswärtsspielen. Ich brauche diese sozialen
Netzwerke nicht. Mein Leben außerhalb
des Fußballplatzes geht nicht jeden was
an. Ich hatte schon mehrfach Angebote
von Menschen, die mit mir etwas in diesem Bereich machen wollten. Vielleicht
in der Zukunft. Aber derzeit nicht.
Das niederländische „malen“ heißt auf
Deutsch tagträumen oder nachdenken.
Was bewegt Sie beim Malen?
Ich bin ein Denker. Ich mache mir viele
Gedanken. Auch über meine Zukunft.
Ich hoffe, noch einige Jahre auf höchstem Niveau spielen zu können. Aber es
gibt auch ein Leben danach. Meine Frau
und ich sprechen mehr und mehr darüber. Ich werde mir noch mehr Zeit für die
Familie nehmen. Sie ist wegen meines
Berufs oft umgezogen und hat sich immer nach mir gerichtet, ich möchte etwas zurückgeben. Du kannst im Leben
nichts planen, aber ich möchte nicht mit
36 dastehen und fragen: Und was jetzt?
Was planen Sie nach Ihrer Karriere?
Es gibt noch keinen konkreten Plan,
doch ich habe einige Ideen gesammelt.
Vielleicht Trainer, vielleicht etwas mit
Jugendlichen. Während meiner Zeit bei
Real Madrid habe ich die Sportart „Paddel“ lieben gelernt, eine Mischung aus
Tennis und Squash. Hinter unserem
Haus hatten wir einen Court, und auch
meine Familie liebt das Spiel. So eine Anlage in meiner Heimatstadt Groningen
aufzubauen, das fände ich interessant.
Meine Kumpels fragen immer schon:
Wann legen wir endlich los? (lacht)
Sie interessieren sich für Politik und
Ökonomie. Wo sehen Sie den Fußball
in einer Welt voller Konflikte, Terrorismus und Folter?
Fußball ist ein großer Teil meines Lebens. Aber nicht das Wichtigste. Es passieren derzeit in der Tat viele negative
Dinge – Kriege, Hungersnot in Afrika, Armut. Das geht mir sehr ans Herz. Du bist
in erster Linie Mensch – und erst dann
Fußballspieler. Als Botschafter von
Unicef versuche ich, so gut es geht zu
helfen. In den Niederlanden habe ich
drei Kinderbücher herausgegeben, deren
Einnahmen guten Zwecken zugutekommen. Und ich werde mich in Zukunft
weiter engagieren.
Das Gespräch führte Julien Wolff
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60 Sport
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Kastrierte Streif
Wegen Nebels wird die Strecke in Kitzbühel verkürzt.
Kjetil Jansrud siegt mit 0,02 Sekunden Vorsprung
NACHRICHTEN
Klay Thompson schreibt
NBA-Geschichte
Basketball Shooting Guard Klay
Thompson erzielte beim 126:101 seiner
Golden State Warriors gegen die Sacramento Kings im dritten Viertel 37 Punkte und stellte einen NBA-Rekord auf. Die
alte Bestmarke von 33 Punkten in einem
Spielabschnitt hielten George Gervin
(San Antonio Spurs, 1978) und Carmelo
Anthony (Denver Nuggets, 2008). Einen
Klubrekord schafften die Atlanta Hawks
mit dem Deutschen Dennis Schröder:
Das 103:93 gegen Oklahoma City Thunder war der 15. Sieg in Folge.
Ski alpin Viktoria Rebensburg hat als
Vierte in der Abfahrt von St. Moritz
einen Podestplatz knapp verpasst. Lara
Gut holte beim Heimrennen in der
Schweiz den zwölften Weltcup-Sieg
ihrer Karriere. Zweite wurde Gesamtweltcupsiegerin Anna Fenninger aus
Österreich. Mit Rang drei heimste Edit
Miklos den ersten ungarischen Podestplatz der Weltcup-Geschichte ein.
Felix Loch siegt in
Winterberg
Rodeln Olympiasieger Felix Loch
(Berchtesgaden) hat auch den dritten
Weltcup im neuen Jahr gewonnen. Der
25-Jährige setzte sich in Winterberg vor
dem Russen Stepan Fedorow und dem
Amerikaner Tucker West durch und
baute seinen Vorsprung in der Gesamtwertung damit aus. Julian von Schleinitz
(Königssee) fuhr auf Platz fünf.
Frenzel auch in Sapporo
erfolgreich
Ski nordisch Kombinierer Eric Frenzel
(Oberwiesenthal) entschied den zweiten
Weltcup-Wettbewerb in Sapporo (Japan)
für sich – sein fünfter Sieg in Folge.
Zweiter wurde Lokalmatador Akito
Watabe, Dritter Tyler Fletcher (USA).
Becker scheidet in
Melbourne aus
Tennis Benjamin Becker ist bei den
Australian Open in Melbourne als letzter von acht deutschen Herren ausgeschieden. Der 33 Jahre alte Mettlacher
war zwei Tage nach seinem Fünf-SatzSieg gegen den Australier Lleyton Hewitt gegen den an Nummer acht gesetzten Milos Raonic (Kanada) chancenlos.
Kjetil
Jansrud
hebt ab auf
dem Weg
zum Sieg in
Kitzbühel
AP/ALESSANDRO TROVATI
Gut gewinnt Abfahrt,
Rebensburg Vierte
Skiflug
S
kirennen auf der Streif, das ist das Hochamt
des alpinen Skisports: Mausefalle. Steilhang.
Gschöss. Alte Schneise. Bei diesen Streckenabschnittsnamen denken Skifans auf der ganzen Welt mit einer Mischung aus Faszination
und Grusel sogleich an den Nervenkitzel bei der
schwersten Abfahrt des Jahres. Und auch am Samstag,
zur 75. Auflage der Hahnenkammrennen, schien alles
einmal mehr angerichtet. Morgens um 7.30 Uhr hatte
die Jury Kurs und Startzeit für bestens befunden. Allein, im mittleren Teil der Strecke zog zäher Nebel auf.
Leichter Schneefall ist für die Rennläufer handelbar,
selbst im Vollgasmodus. „Aber wenn’st mit 120 in a Nebelwand hineinfoahrst, is’ des die Hölle für die Foahrer“, sagt Ex-Rennfahrer Hans Knauß.
So wurde der Start an diesem Vormittag ein ums andere Mal verschoben. Von 11.45 auf 12.15 auf 12.45 auf
13.45 Uhr. Unten im Zielraum bibberten die Zuschauer,
oben am Berg zerbrach sich die Jury den Kopf. So viel
hängt an diesem Rennen. Mehr als 40.000 Zuschauer
vor Ort (angeblich wurde sogar das Druckerpapier für
Eintrittskarten knapp) und Millionen in gut 40 Ländern
vor dem Fernseher – da lässt sich eine Rennabsage
schwer vermitteln. Nein, die Streif-Abfahrt muss stattfinden. Drum fiel am späten Mittag die Entscheidung:
Start 13.45 Uhr, aber ab Seidelalm, was eine Verkürzung
der Strecke um gut die Hälfte ihrer Länge auf 58 Sekunden Fahrtzeit bedeutete. Eine kastrierte Streif. Das ist
wie Gin Tonic ohne Gin. Schmeckt irgendwie, ist aber
nicht das Gleiche. Lange Gesichter allenthalben also.
„Start von der Seidelalm. Ein Tiger ist zum Kätzchen
geworden, aber es gilt: Safety first“, twitterte der Führende im Abfahrts-Weltcup, Kjetil Jansrud, 29, am Mittag. „Wird ein enges Rennen. Aber wenigstens werden
wir eines haben.“ Tatsächlich ging es bei der kurzen
Fahrtdauer eng zu. Platz eins und Platz 25 trennten 0,94
Sekunden. Jansrud setzte sich mit 0,02 Sekunden Vorsprung auf den Italiener Dominik Paris – Sieger des Super-G vom Vortag – und 0,21 Sekunden vor dem Franzosen Guillermo Fayed durch. Der beste Deutsche, Andreas Sander, hatte als 16. nur 0,68 Sekunden Rückstand.
„Kitzbühel-Sieger? Das klingt richtig gut!“, jubelte
Jansrud. Wie ein halber Gewinner fühlt sich der bullige
Norweger jedenfalls nicht: „Rennen ist Rennen.“ In ein
paar Jahren, lässt sich vermuten, fragt beim Blick in die
Siegerlisten kein Mensch mehr nach, ob die Abfahrt anno 2015 ein reguläres oder ein Sprint-Rennen gewesen
ist. Kitzbühel-Sieger, das ist schließlich so ein Titel, der
immer bleibt. Oder, wie der auf Rang 44 gelandete Amerikaner Travis Ganong sagt: „Kitzbühel ist wichtiger als
Olympia und unsere Heim-WM.“ Die findet in Vail/USBundesstaat Colorado statt (2. bis 15. Februar). Doch
während manch Weltmeister rasch in Vergessenheit geraten ist, bleibt ein Abfahrts-Erfolg auf der Streif wie
ein unsichtbarer Orden am Revers haften.
SPEKTAKEL AUF DER EISGLATZE Ausgerechnet zur
Jubiläumsausgabe schien das Rennen an diesem verschneiten Samstag noch eine Spur schneller, schien
noch mehr Spektakel zu versprechen. Die Piste war zur
„Eisglatze“ präpariert geworden, wie Skirennläufer zu
sagen pflegen. Schon der Super-G tags zuvor hatte zum
Verdruss der Techniker einer Abfahrt light geglichen.
Die Verlegung des Starts weit bergab habe den Charakter des Wettbewerbs verändert, sagte Jansrud. Bevor sie
sich auf dem kurzen Weg zur Mausefalle und zu 85 Prozent Gefälle stürzen, sind alle Starter oben am Berg
normalerweise nervös. Diesmal aber konnte jeder mehr
Risiko gehen, glaubt Jansrud. „Ein Riesenunterschied.“
Es in Kitzbühel allen Rennläufern recht zu machen
gleicht immer wieder einer Quadratur des Kreises.
Während die einen klagen, wenn die Piste ruppig, wellig, schlagig ist, mosern die anderen, sobald sie zu glatt,
also zur „Autobahn“ wird. Motto: Dann könne ja jeder
die Streif schnell fahren. Ein schmaler Grat. Einer wie
Vorjahressieger Hannes Reichelt, 34, findet: „Die Streif
ist wie Rallye fahren bei schlechter Sicht, mit Licht und
Schatten und vielen, vielen Bodenwellen. Einfach gefährlich.“ Aber Spektakel wollen sie hier. Kein Wunder,
dass der Zielsprung dieses Jahr wieder eingeführt wurde. An Geschwindigkeiten von 140 km/h dort änderte
die Verkürzung der Strecke nichts.
Jens Hungermann
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Beispiel iPad mini 3, 16 GB, Wi-Fi + WELT DIGITAL Komplett mit ePaper für 24 Monate = 551,76 € (24 x 22,99 €) / iPad Air 2, 16 GB, Wi-Fi + WELT DIGITAL Komplett mit ePaper für 24 Monate = 647,76 € (24 x 26,99 €). Der Gesamtbetrag und die
sich aus diesem ergebenden Monatsraten variieren je nach ausgewähltem Tablet und dessen Ausführung. Nettodarlehensbetrag entspricht dem Gesamtbetrag. Effektiver Jahreszins und gebundener Sollzins 0,00 % p. a. Bonität vorausgesetzt.
Die Angaben stellen zugleich das 2/3 Beispiel gemäß § 6a Abs. 3 PAngV dar. Mindestvertragslaufzeit 24 Monate. Verlängerung um jeweils einen weiteren Monat, wenn nicht bis 7 Tage vor Ablauf der laufenden Vertragsperiode gekündigt worden
3
Das Angebot enthält keinen Vertrag für die Bereitstellung einer WLAN-Verbindung oder der Nutzung eines Mobilfunknetzes.
ist. Preis nach Ablauf der Mindestvertragslaufzeit: zzt. 25,99 €/Monat. Alle Preisangaben inkl. USt.
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62 Leute
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
STATISTIK DER WOCHE
Rob Lowe, 50, Schauspieler, liebt
Golfspielen. Er spielt aber nicht
mehr. Das liegt daran, dass er
einmal den Vogel abgeschossen
hat: Einen Trauerzeisig mit dem
traurigen lateinischen Namen
Carduelis tristis, der Vogel ist
Symboltier des US-Staates Iowa.
Lowe selbst behauptet, die statistische Wahrscheinlichkeit für
einen solchen Treffer liege bei
eins zu 747 Millionen, spielt aber
vorsichtshalber doch nicht mehr.
15,95
Alex Nash, 5, kleiner Junge, hat
die Geburtstagsparty seines
Freundes geschwänzt. Er musste
zu einem dringenden Termin mit
Oma und Opa. Die Mutter des
Freundes schickte ihm daraufhin
eine ganz offizielle Rechnung
über 15,95 Pfund, weil sie für die
Kinderparty das Ski-Center von
Devon gemietet hatte. Alex’ Mutter versuchte, die aufgebrachte
Frau zu beruhigen. Doch die will
das Geld jetzt sogar einklagen.
Völlig fertig
Sam Taylor-Johnson, 47, die
Regisseurin der „Fifty Shades
of Grey“-Verfilmung, fühlt
sich „komplett ausgelaugt“.
„Es ist, wie auf der Schneide
eines Messers entlangzulaufen“, sagte sie dem britischen
Magazin „Red“, da „jeder
Blick, jeder Wimpernschlag“,
den Film aufs falsche Gleis
bringen könnte. In dem Moment, in dem sie die Regie
übernommen habe, sei sie „in
einen Hochgeschwindigkeitszug eingestiegen: Die Türen
schlossen sich, und ich konnte
nicht mehr aussteigen“. Vorlage des Films ist die Trilogie
der Buchautorin E.L. James.
In „50 Shades of Grey“ geht es
um Sex-Spiele eines reichen
Geschäftsmanns mit einer
jungen Studentin. Der Film
wird während der Internationalen Filmfestspiele in
Berlin in einer „Berlinale
Special“-Vorführung gezeigt.
JO MCLINTOCK; GETTY (3); PICTURE ALLIANCE; INSTAGRAM
PFUND
Auch schon
zu alt
Katie Redford überzeugt in der Rolle eines Teenagers. Kriegt sie aber nicht
KATIE REDFORD, Schauspielerin, wollte eine Rolle in der britischen Kultserie
„Coronation Street“ – sie läuft inzwischen seit dem 9. Dezember 1960 – und
bekam sie auch: Der Sender ITV stellte
sie vor als Besetzung für die Ausreißerin
Bethany, die aus Mailand in der Straße
ankommen wird. Es gab nur ein Problem, wie sich dann herausstellte: Auch
Redford ist schon zu alt. Sie hatte den
Machern der Serie offenbar überzeugend
vorgespielt, dass sie 19 Jahre alt wäre.
Doch Serienfans recherchierten im Internet, sie fanden einen früheren Twitternamen mit Geburtsdatum, katieredford89, und einen älteren Lebenslauf,
der den 2. März 1989 als Geburtsdatum
angab. Damit wäre sie bald zwölf Jahre
älter als das Mädchen, das sie darstellen
soll – und nur zwei Jahre jünger als ihre
vorgesehene
Serienmutter,
Tina
O’Brien. Redfords Agentin Jo McLintock
nahm jetzt die Schuld auf sich: „Sie ist
natürlich jetzt sehr aufgewühlt. Es war
unser Fehler, dass die Produzenten das
Alter von Katie Redford nicht kannten!“
Trotzdem habe es der Sender abgelehnt,
noch einmal mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Rolle der Bethany wird jetzt
neu besetzt.
„Nur eine Frage der Zeit, bis uns alles von
BH-losen Männerhasserinnen in
Gesundheitsschuhen vorgeschrieben wird!“
RHIAN SUGDEN, 28, empörtes Seite-3-Mädchen, zu der Nachricht, dass auch die „Sun“ die altehrwürdige
Institution des täglichen nackten Mädchens auf Seite 3 aufgeben wird, nach 44 Jahren. Übrigens, nach einer
Woche Pause gab es das Seite-3-Girl wieder
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Leute 63
W E LT A M S O N N TAG N R . 4 , 2 5 . JA N UA R 2 015
Veteranen unter sich
Ein schöner Mist bei der Misswahl
Prince Charles, 66, dienstältester
Thronfolger der Welt, hat sich
mit dem Boxer Amir Khan, 28,
zweifacher Weltmeister, über
Kampfverletzungen ausgetauscht –
und gewonnen:
Charles hatte
mehr, vom Polospielen. Das reichte
von einem gebrochenen Arm
nach einem Sturz
vom Pony bis zu
diversen Rückenproblemen. Schlüsselbein und
Rippe brach er sich allerdings bei
der Fuchsjagd. Khan gab sportlich
zu: „Er hatte mehr als ich. Das
zeigt, dass man sich eben bei
jedem Sport verletzen kann.“
Doron Matalon, 21, Miss
Israel, und Miss Libanon
Saly Greige befinden sich
bei den Wahlen zur Miss
Universe in Florida im
Kriegszustand. Auf dem Foto
freuen sich die beiden noch
schön brav miteinander,
doch genau wegen dieses
Fotos geriet Greige zunächst
unter Beschuss aus dem
eigenen Lager, wie die libanesische Zeitung „The Daily
Star“ berichtete. Libanesen
regten sich über den freundlichen Umgang der beiden
auf und forderten, Greige
müsse ihren Titel abgeben.
Greige verteidigte sich damit, Matalon habe sich in
letzter Sekunde auf das Foto gedrängt, sie könne nichts dafür. Das wiederum
stimmte Matalon „traurig“, wie sie schrieb. Sie bat die Konkurrentin – beide gelten
als Mitfavoritinnen für den Endausscheid am heutigen Sonntag – um Frieden:
„Schade, dass du die Feindseligkeiten nicht lassen kannst.“ Auch US-Investor Donald Trump, 68, Veranstalter der Wahlen, mahnte: „Miss Israel, Miss Libanon –
Schluss mit den Kämpfen!“
Russische Lichtblicke
Alexander Kolesow, Meteorologe des Wetterdienstes
von St. Petersburg, hat für
seine Stadt nur wenige sonnige Zeiten zu verkünden:
Im Dezember schien in
Russlands zweitgrößter Metropole (fünf Millionen Einwohner, 2300 historische
Prunkbauten) gerade einmal
eine Stunde die Sonne, teilte
Kolesow am Freitag mit. „Sie
schien am 2., 10. und 24.
Dezember jeweils 15 bis 20
Minuten, insgesamt macht
das eine Stunde“, sagte der
Meteorologe. Für das Jahr
2015 sieht er aber schon
einen Lichtblick und hat
erfreulichere Nachrichten:
Seit Anfang des Monats habe
er schon 13 Stunden Sonnenschein gezählt, so Kolesow.
„Meine Frau
und meine Kinder
haben den Dudelsack verbannt.
Man muss wirklich
ganz oben auf
einem Berg leben,
um den Dudelsack
spielen zu können“
EWAN MCGREGOR, 43,
Schauspieler und Schotte, über die
Musik, die ihm „im Blut liegt“
8000
KALORIEN
Bradley Cooper, 40, Schauspieler, musste für seine Titelrolle in „American Sniper“
herausgefüttert werden. Alle 55 Minuten gab es eine Mahlzeit, insgesamt 8000 Kalorien am Tag. Damit die nicht nur in Körperfett umgewandelt wurden, musste Cooper vier Stunden am Tag trainieren. Für die Rolle des wahren Chris Kyle, der der
tödlichste Scharfschütze des US-Militärs war und schließlich 2013 zu Hause in den
USA von einem Veteranen mit Kriegstrauma auf einem Schießstand erschossen
wurde, ist Cooper inzwischen für einen Oscar nominiert.
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Mehr Tipps unserer
Crew unter LH.com/
wo-ich-gern-lande
An Bord überlasse ich nichts dem Zufall. Schön, dass ich in Wien genau das
Gegenteil tun kann. Denn was im Restaurant „1070“ auf den Tisch kommt, ist
jedes Mal eine Überraschung. Weil die Küche da fast so klein ist wie bei uns
an Bord, wird nämlich nur eines serviert: das, wonach dem Koch gerade ist.
Irgendwie lässig! Ohne Speisekarte gibt’s schließlich auch kein „Ich kann mich
nicht entscheiden“. Und lecker ist ohnehin alles!
Deutschland heute
5
4
Kiel
5
3
4
1
Bremen
Emden
Rostock
4
Hamburg 1
4
1
5
2
Berlin
Hannover
3
-1
4
4
1
2 Münster
Köln
Düsseldorf Leipzig 2
-1
3
Kassel
2
4
2
Frankfurt
Saarbrücken
2
0
4
2
Nürnberg
Dienstag
Mittwoch
12
2
-3
4
Lissabon
Norden
2
5
3
6
1
6
0
Mitte
3
-9 bis -5
-4 bis 0
1 bis 5
6 bis 10
11 bis 15
16 bis 20
21 bis 25
26 bis 30
31 bis 35
über 35
5
3
6
2
7
2
19
5
19
Las Palmas
Süden
-1
1
-2
2
-1
2
-2
2
H
T
Bordeaux
Nizza
Barcelona
Madrid
11
3
12
Palma
Malaga
13
18
1
-4
5
Zürich
7
13
München
Friedrichshafen
7
London
Brüssel
Paris
Donnerstag
Hoch/Tief
12
-1
Stockholm
Kopenhagen
Dublin
Vorhersage
Montag
2
Oslo
4
Heute ist es östlich der Elbe meist trocken bei einem wechselnd bis stark bewölkten Himmel. Sonst überwiegen die Wolken, und gebietsweise fällt noch etwas Schnee, Schneeregen
oder Regen. Südlich der Donau schneit es auch längere Zeit.
Die Temperaturen erreichen Höchstwerte von 0 bis 6 Grad.
1
-3
Stuttgart -2
2
1
4
1
-2
Dresden
Reykjavik
Gebietsweise etwas Schnee
15
4
5
4
1
Warschau
13
Moskau
-11
2
Budapest
1
-1
Zagreb
3
12
Rom
9
15
Istanbul
13
15
Athen
15
Kaltfront
Amsterdam
Barcelona
Buenos Aires
Djerba
Genf
Hongkong
Innsbruck
Kairo
Kapstadt
Kreta
Los Angeles
Mailand
Malta
Miami
New York
Palermo
Peking
Prag
Salzburg
Sydney
Tel Aviv
Tokio
Kiew
4
Wien
Algier
Warmfront
Weltwetter
-3
St. Petersburg
Riga
5
Berlin
Helsinki
Okklusion
14
19
Tunis
Warmluft
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Kaltluft
5° bedeckt
12° sonnig
40° wolkig
15° wolkig
3° sonnig
21° wolkig
0° Schneefall
24° wolkig
26° heiter
12° Regenschauer
26° heiter
7° bedeckt
14° Regenschauer
20° heiter
-1° wolkig
14° Regenschauer
3° heiter
0° wolkig
1° Schneefall
39° wolkig
24° wolkig
10° wolkig
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TV-Programm
SONNTAG, 25. JANUAR 2015
ARD
ZDF
PRO SIEBEN
KABEL 1
RTL
SAT 1
5.30 Kinder-TV 5.55 ¥ dasbloghaus.tv 6.45 Kinder-TV 10.03 ¥ g
Tiere bis unters Dach Zugvögel
10.30 ¥ g Die Maus
11.00 ¥ g Sechse kommen
durch die ganze Welt
Märchenfilm, D 2014
12.03 ¥ Presseclub
12.45 ¥ g Europamagazin
13.15 ¥ Tagesschau Mit Wetter
13.30 ¥ g Das Traumhotel:
Chiang Mai
TV-Familienfilm, D/A 2010
15.00 ¥ Das Traumhotel: Sri
Lanka Familienfilm, D/A ’10
16.30 ¥ g Delfine hautnah (1)
17.15 ¥ Tagesschau Mit Wetter
17.30 ¥ g Gott und die Welt
18.00 ¥ g Sportschau
18.30 ¥ g Bericht aus Berlin
18.50 ¥ g Lindenstraße
19.20 ¥ Weltspiegel
20.00 ¥ Tagesschau Mit Wetter
20.15 ¥ g Tatort: Borowski
und der Himmel über Kiel
TV-Krimi, D 2014
21.45 ¥ g Günther Jauch
Mein Leben mit Auschwitz –
Das Vermächtnis der letzten
Überlebenden
22.45 ¥ g Tagesthemen
Griechenland
23.00 ¥ g ttt U.a.: Hitchcocks
unvollendeter KZ-Lehrfilm
für die Deutschen
23.30 H ¥ g 50/50 – Freunde
fürs (Über)leben
Tragikomödie, USA 2011
1.05 H ¥ g Das Kabinett des
Doktor Parnassus Fantasyfilm, GB/CDN/F 2009
3.00 ¥ g Günther Jauch (Wh.)
5.40 ¥ g hallo deutschland 6.00
Kinder-TV 9.00 ¥ sonntags 9.30 ¥
Katholischer Gottesdienst
10.15 ¥ g Sport extra:
Ski alpin: Slalom Herren /
ca. 10.40 Biathlon / ca. 12.10
Ski alpin: Super-G Damen /
ca. 13.00 Rodeln / ca. 13.10
Bob / ca. 13.25 Ski alpin: Slalom Herren / ca. 14.25 Rodeln: Teamstaffel / ca. 14.55
Biathlon / ca. 16.25 Skispringen: Weltcup der Damen /
ca. 17.05 Ski Freestyle: WM,
Skicross / ca. 17.15 Skispringen: Weltcup der Damen
18.00 ¥ g ZDF-Reportage
18.30 ¥ g Terra Xpress
19.00 ¥ heute Wetter
19.10 ¥ Berlin direkt
19.30 ¥ g Terra X Stonehenge –
Das verborgene Reich
20.15 ¥ g Inga Lindström:
In deinem Leben
Liebesgeschichte, D 2014.
Mit Suzan Anbeh,
Hendrik Duryn, Tara Fischer
Regie: Thomas Nennstiel
21.45 ¥ heute-journal Wetter
22.00 ¥ g Inspector Barnaby:
Du bist tot! (4/5). TV-Krimi,
GB 2012. Mit Neil Dudgeon,
Jason Hughes, Fiona Dolman
Regie: Alex Pillai (Forts.:
So., 01. 02., 22.00 Uhr)
23.30 g ZDF-History Bomben
auf Auschwitz? Ein Streitfall
0.15 heute
0.20 H ¥ Die Fälscher
Drama, A/D 2007
1.55 Frag den Lesch
2.10 ¥ g Terra X (Wh.)
5.50 Malcolm mittendrin 6.05
Chuck 7.40 g Mike & Molly 8.30 g
Cougar Town 9.30 Two and a Half
Men 10.25 g The Big Bang Theory
11.20 How I Met Your Mother
12.15 g Galileo Spezial
Die Insel der Superlative
13.20 g Galileo Spezial
Superkräfte der Natur!
14.30 H g Stormbreaker
Actionfilm, GB/USA/D 2006
16.15 H g Next
Actionthriller, USA 2007
18.00 Newstime
18.10 Die Simpsons
19.05 g Galileo Die längste
Hängebrücke Europas
20.15 H g Captain America:
The First Avenger Actionfilm, USA 2011. Mit Chris
Evans, Hayley Atwell
Regie: Joe Johnston
22.45 H g Battle of the Damned
Actionthriller, USA/SIN 2013
Mit Dolph Lundgren,
Melanie Zanetti, Matt Doran
Regie: Christopher Hatton
0.30 H g Quarantäne
Horrorfilm, USA 2008
Mit Jennifer Carpenter
Regie: John Erick Dowdle
2.10 H g Quarantäne II:
Terminal Horrorfilm, USA
2011. Mit Mercedes Masöhn
5.10 g Miami Medical 5.50 g Steven liebt Kino – Spezial (Wh.) 6.15
g Elementary 8.05 H Ich glaub,
mich knutscht ein Elch Komödie,
USA 1981 10.10 H Agent Null Null
Nix Agentenkomödie, USA/D 1997.
Mit Bill Murray. Regie: Jon Amiel
12.00 H Joe Jedermann Liebeskomödie, USA 2001. Mit Tim
Allen, Julie Bowen, Kelly
Lynch. Regie: John Pasquin
14.00 K1 Reportage spezial
16.00 g News
16.10 g Mein Revier
18.10 g Rosins Restaurants –
Ein Sternekoch räumt auf!
Das „Netz” in Düsseldorf
20.15 g K1 Reportage spezial
Detektive unterwegs
22.20 g Abenteuer Leben Spezial „Gewusst wie” u.a. mit:
„Das „Colonia” – Das höchste Wohnhaus Deutschlands”
0.10 g Mein Revier Zigarettenschmugglern oder Temposündern – ihnen sind eifrige
Ordnungshüter auf der Spur.
2.15 H Wächter über Himmel
und Erde Abenteuerfilm,
CHN/HK 2003. Mit Wen
Jiang. Regie: Ping He
4.20 H Weiblich, ledig, jung
sucht II Thriller, USA 2005
Mit Kristen Miller
5.05 Verdachtsfälle 5.55 Das Strafgericht 6.55 Das Strafgericht 7.55
Die Trovatos – Detektive decken
auf 10.00 g Monk Krimi-Serie
11.50 g Dr. House
12.45 Best of...! Deutschlands
schnellste Rankingshow
13.45 g Deutschland
sucht den Superstar
15.45 g Undercover Boss
16.45 g Das Erfolgsrezept
Herzhaft. Mit Tim Raue
(Sternekoch), Peter John
Mahrenholz (Werbeagentur
Jung von Matt), Inga Koster
(Geschäftsführerin und
Mitbegründerin true fruits)
17.45 Exclusiv – Weekend
18.45 RTL aktuell
19.05 Vermisst Horst sucht seinen
Sohn in Deutschland / Karry
sucht ihre Familie in Brasilien
20.15 H ¥ g Ghost Rider: Spirit
of Vengeance Fantasyfilm,
USA/VAE 2011. Mit Nicolas
Cage, Idris Elba. Regie: Mark
Neveldine, Brian Taylor
22.00 g Ich bin ein Star –
Holt mich hier raus!
23.15 „Spiegel”-TV Magazin
Panikattacken: Wenn Angst
den Alltag beherrscht /
Der Preis war heiß – die
Karriere des Walter F. /
Eine Frage des Glaubens –
Facharzt für Nächstenliebe
0.00 g Ich bin ein Star –
Holt mich hier raus! (Wh.)
1.15 H ¥ g Ghost Rider: Spirit
of Vengeance Fantasyfilm,
USA/VAE 2011 (Wh.)
2.50 Exclusiv – Weekend (Wh.)
5.55 g Steven liebt Kino – Spezial.
Unbroken 6.15 g In Gefahr – Ein
verhängnisvoller Moment 7.10 g
In Gefahr – Ein verhängnisvoller
Moment 8.05 g So gesehen – Talk
am Sonntag 8.25 g In Gefahr –
Ein verhängnisvoller Moment 9.20
g Auf Streife 10.20 g Auf Streife
14.20 H g Die drei ??? – Das
Geheimnis der Geisterinsel
Abenteuerfilm, SA/D 2007
Mit Aaron Chancellor Miller
Regie: Florian Baxmeyer
16.10 H g Wickie und die starken Männer Abenteuerfilm,
D 2009. Mit Jonas Hämmerle
Regie: Michael Herbig
18.00 H g Wickie auf großer
Fahrt Kinderfilm, D 2011
Mit Jonas Hämmerle
Regie: Christian Ditter
19.55 Sat.1 Nachrichten
20.15 g Navy CIS Die Schlinge
um den Hals. Der russischen
Navy-Forscherin Sofia
Glazman wurde mit einer
motorisierten Garotte langsam der Kopf abgetrennt.
21.15 g Navy CIS: L.A.
Krimi-Serie. Eiserne Reserve /
Eine Frage der Ehre
23.15 g Criminal Minds
Das Netz vergisst nichts
In Idaho sind drei Frauen
verschwunden. Alle waren
bei Facebook und gingen
dort offen mit intimen
Informationen um.
0.15 g Navy CIS (Wh.)
1.10 g Navy CIS: L.A. (Wh.)
2.40 g Criminal Minds (Wh.)
3.20 g Navy CIS Rocket Man
ARTE
3SAT
VOX
RTL 2
12.00 g Grand'Art 12.30 ¥ g Philosophie 13.00 g Square für
Künstler 13.25 g 360° – Geo Reportage 14.20 g Die geheime
Welt der Babys 15.15 g Die Gallier – Sagen und Wahrheit Dokumentarfilm, F/CDN 2013 16.50 g
Metropolis 17.35 g Nie wieder
Theresienstadt! 18.30 g David
Garrett spielt Fritz Kreisler 19.15
ARTE Journal 19.30 g Silex and
the City Logenplatz gesucht 19.35
¥ g Karambolage 19.45 g Zu
Tisch ... Im Grödnertal 20.15 H g
Match Point Drama, GB/LUX/USA
2005. Mit Jonathan Rhys Meyers,
Scarlett Johansson. Regie: Woody
Allen 22.15 g Notruf Dokumentarfilm, D/FIN/F 2014 23.35 g Die Roma und Sinti Philharmoniker 0.30
g Konzert der Preisträger
13.10 ¥ g Erlebnis Österreich
Die Plodar – Eine deutsche Sprachinsel in den Bergen Bellunos 13.35
Buffalo Boys 14.20 ¥ g Terra X.
Imperium: Der Kriegsruf der Indianer
15.05 ¥ g Terra X Goldrausch am
Yukon 15.50 g Das Beste der European Outdoor Film Tour 16.50
H õ g Der letzte Countdown
Kriegsdrama, USA 1980 18.30 ¥ g
Griaß di und Ciao 19.00 ¥ heute
19.10 NZZ Format 19.40 Schätze
der Welt – Erbe der Menschheit
Form und Leere – Kyoto (Japan)
20.00 ¥ g Tagesschau 20.15 g
Pufpaffs Happy Hour 21.00 g
Vince Ebert: „Evolution” 21.45
Menachem und Fred Dokumentarfilm, D 2008 23.15 Entschädigt Dokumentarfilm, D 2006 0.35 Mendel
lebt Dokumentarfilm, D 1999
5.20 Menschen, Tiere und Doktoren 6.10 g hundkatzemaus 7.20
g Die Pferdeprofis 8.25 g Vier
Hochzeiten und eine Traumreise
13.25 g Goodbye Deutschland!
Die Auswanderer 15.30 g Auf
und davon 16.30 g Schneller als
die Polizei erlaubt 17.00 g auto
mobil. Vergleichstest: BMW 2er Active Tourer vs. VW Golf Sportsvan
18.15 Biete Rostlaube, suche
Traumauto 19.15 g Die Küchenchefs. Restaurant „Gaia” in Hamburg 20.15 g Promi Shopping
Queen Doku-Soap. Motto in Berlin:
Sexy Dekolleté – Setz' Deine Weiblichkeit in Szene! Mit Bettina Cramer, Enie van de Meiklokjes, Anastasia Zampounidis, Bonnie Strange
23.20 Prominent! 0.05 Biete Rostlaube, suche Traumauto (Wh.)
5.35 X-Factor: Das Unfassbare 6.55
g Der Trödeltrupp 8.55 Zuhause
im Glück – Unser Einzug in ein
neues Leben 10.55 g Die Bauretter 12.55 g Die Schnäppchenhäuser – Der Traum vom Eigenheim
Landliebe und Stadtkind-Allüren und
Hilfe, wir brauchen mehr Platz! 13.55
g Die Schnäppchenhäuser – Der
Traum vom Eigenheim. Das
Schnäppchen-Atelier 14.55 g Der
Trödeltrupp 16.55 g CityCheck
18.00 g Grip – Das Motormagazin. Gipfeltreffen mit Walter Röhrl
19.00 Grip Extrem – Das Motormagazin 20.00 g RTL II News 20.15 H
Kate & Leopold Liebeskomödie,
USA 2001. Mit Meg Ryan. Regie:
James Mangold 22.35 H g Eyes
Wide Shut Mysterythriller, GB/USA
1999 1.40 Das Nachrichtenjournal
BR
WDR
12.00 Fein sein, beinander bleibn
Musiktheater 13.35 H Was eine
Frau im Frühling träumt Romanze,
D 1959 15.15 Mit Milbergs im Museum 15.30 Welt der Tiere 16.00 ¥
weiß blau 16.45 ¥ Rundschau
17.00 ¥ herzhaft und süß 17.30 ¥
Alpen-Donau-Adria 18.00 Aus
Schwaben und Altbayern 18.45 ¥
Rundschau 19.00 Unter unserem
Himmel 19.45 Der Komödienstadel: Der Senior Lustspiel, D 1984
21.15 ¥ Bergauf, bergab 21.45 ¥
Rundschau-Magazin 22.00 Blickpunkt Sport 22.45 Blickpunkt
Sport Regional 22.55 H ¥ The Big
Easy – Der große Leichtsinn
Thriller, USA 1986 0.30 Startrampe
12.45 H ¥ Die Herausforderung
des Herkules Abenteuerfilm, I 1965
14.10 H ¥ ® Die große Schlacht
des Don Camillo Komödie, I/F 1955
15.45 ¥ Cosmo-TV 16.15 ¥
Gesichter des Islam 16.45 ¥ g
Tulpen aus Amsterdam Drama, D
2010 18.15 ¥ Tiere suchen ein
Zuhause 19.10 ¥ Aktuelle Stunde
19.30 ¥ Westpol 20.00 ¥ g
Tagesschau 20.15 ¥ g Wunderschön! U.a.: La Palma – Zauberinsel
im Atlantik 21.45 ¥ g Erstaunlich!
Das Jubiläumskonzert Konzert. 25
Jahre „Dä Blötschkopp” Marc Metzger 23.15 ¥ g Kasalla & Gäste
in der Live Music Hall 0.15 Rockpalast Blaudzun 1.15 Rockpalast
NDR
MDR
11.30 ¥ g 100 Jahre Landleben
im Norden 13.00 g Schöne Halligen – Leben mitten im Meer 13.30
¥ g die nordstory 14.30 30. Januar 1945 15.30 g 7 Tage ... beim
Bund 16.00 Lieb und teuer 16.30
DAS! Wunschmenü mit Rainer
Sass 17.00 Bingo! 18.00 ¥ g Ostsee Report Eisiger Saisonstart in
Luleå 18.45 ¥ g DAS! 19.30
Ländermagazine 20.00 ¥ g
Tagesschau 20.15 Das große
Wunschkonzert 21.45 g Die NDR
Quizshow 22.30 g Gefragt –
Gejagt 23.30 ¥ Kommissar Beck –
Die neuen Fälle: Heißer Schnee
TV-Krimi, S 1998 0.55 ¥ g Ostsee
Report (Wh.) 1.40 ¥ 3 nach 9
12.20 Mitteldeutsche Markenzeichen 12.50 g Brisant – die Woche
13.10 ¥ Die Stein Drunter und drüber 14.00 ¥ g Unter uns 16.00 ¥
g MDR aktuell 16.05 H g Der
Schut Abenteuerfilm, D/F/I/JUG 1964
18.00 ¥ g MDR aktuell 18.05 ¥ g
In aller Freundschaft 18.52 Unser
Sandmännchen 19.00 MDR Regional 19.30 ¥ g MDR aktuell 19.50 ¥
Kripo live 20.15 g Steimles Welt
21.45 ¥ MDR aktuell 22.00 ¥ g
Nichts für Feiglinge Drama, D 2013
23.30 ¥ Meine Familie, die Nazis
und Ich Dokumentarfilm, USA/ISR/D
2012 0.55 ¥ Die gläserne Fackel: Die
Waffenschmiede (3/7) Chronik, DDR
1989 (Forts.: Di., 27. 01., 0.05 Uhr)
TV-Tipp des Tages
ACTIONFILM
Captain America: The First Avenger
20.15 | Pro 7 1943 für wehruntauglich befunden, erhält
der schmächtige Steve Rogers (Chris Evans) vom Wissenschaftler Dr. Erskine ein Wunderserum, das aus
dem Asthmatiker den ersten und einzigen Supersoldaten der USA macht. Später wird er zum Superhelden.
N24 Nachrichten um 8, 9, 12, 15, 18,
19 und 20 Uhr
9.15 g Catching Hell – Die
Speerfischer von Florida
10.05 g Überlebt –
Die schlimmsten Stürme
11.05 g Überlebt – Kollision am
Himmel Dokumentation
12.15 g Mayday: Panik über
den Wolken
13.10 g Lost – Geisterflug
MH370 Dokumentation
14.00 g Mission Asteroid
15.15 g Schatten der Zukunft
16.10 g Aliens – Der ultimative
Ratgeber (1)
17.10 g Aliens – Der ultimative
Ratgeber Dokumentation
18.05
19.05
20.05
21.05
22.05
23.00
0.00
0.50
g Geheimakte Amerika
sonnenklar.tv
Der Weg ins Atomzeitalter
g Der Kollaps:
Kein Weg zurück
Armageddon – Geheimpläne für den Ernstfall
g Las Vegas County Jail –
Auf der dunklen Seite
der Glitzermetropole
Geheimnisse des Weltalls
Bonnie und Clyde
21.05 Im fiktiven Jahr 2210
suchen Forscher Antworten
PHOENIX
EUROSPORT
16.45 Helgoland 17.00 Thema
18.15 Schätze der Welt 18.30 Ein
blinder Held – die Liebe des Otto
Weidt Dokumentarfilm, D 2014
20.00 ¥ Tagesschau 20.15 Russland, mein Schicksal (1–2/3) 21.45
Dilli Dilli 22.30 Bedrohtes Paradies
am Rande der Welt 23.15 Fremd
im eigenen Land 0.00 Diskussion
10.45 g Tennis: Australian Open
Live 14.15 g Tennis 14.30 g Ski
alpin 15.00 g Biathlon Live 16.30
Biathlon 17.45 Skispringen 18.45
Fußball: Africa Cup of Nations Live.
Gabun – Äquatorialguinea 21.00 Tennis 21.30 Springreiten 22.30 Tennis
(Wh.) 0.30 Tennis (Wh.) 1.00 g
Tennis: Australian Open Live
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Heute um 22.05 Uhr
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Was passiert, wenn der Tag X kommt
„Armageddon - Geheimpläne für den Ernstfall“
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WELT am SONNTAG-2015-01-25-smv-4 e60acbf7d838f0da902647192a0bd6d4
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Seele and Geist
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