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MENSCHEN | PORTRÄT 18 |
| NR. 4, 19. JANUAR 2015 | MIGROS-MAGAZIN |
Der Zuhörer
Thomas Bisig programmierte früher Algorithmen
für den Währungshandel. Heute hört er Menschen zu.
Z
wei Stühle, ein Tabourettli und ein
Schild mit der Aufschrift «Möch­
test Du etwas erzählen? Ich höre
Dir zu.» – mit diesen Requisiten hat sich
Thomas Bisig (32) auf dem weitläufigen
Platz vor dem Opernhaus in Zürich posi­
tioniert. Er sucht keinen Blickkontakt
mit den Fussgängern, sondern starrt
teilnahmslos ins Leere.
Viele Passanten verlangsamen ihr
Tempo. Lesen erst das Schild, schauen
sich den Mann mit Rossschwanz und
Dreitagebart an und gehen dann weiter.
Manche ­zücken das Handy und machen
ein Foto. Kommen Paare daher, zupft der
eine den anderen oft am Ärmel und sagt:
«Schau mal der!», «Da könntest du
­reden!» oder «Willst du dich nicht hin­
setzen?» Thomas Bisig verzieht derweil
keine Miene.
Es ist Samstagnachmittag. Die Sonne
scheint zwar, aber es bläst ein heftiger
Wind. So vergehen zehn Minuten, 20
Minuten. Dann ist da plötzlich dieser
Mann mit dicker Daunenjacke. Er muss
schon früher vorbeigekommen sein,
denn aus dem Blickwinkel, den er beim
zielstrebigen Näherkommen hat, kann
er das Schild gar nicht lesen. Er setzt sich
auf den freien Stuhl und meint: «Ich
möchte dir ein Gedicht vom ‹Tell› auf­
sagen.» Das habe ihm seine Urgross­
mutter, an die er sich so gern erinnere,
beigebracht. Thomas Bisig erwacht aus
seiner Starre. Er wendet sich seinem
­Gegenüber zu, stellt sich vor, lächelt,
nickt aufmunternd und hört sich
­Schillers «Tell» an. So schnell wie der
Mann mit dem Gedicht aufgetaucht ist,
verschwindet er wieder.
In einer Welt voller Zahlen
fehlten ihm die Menschen
Bis vor anderthalb Jahren hat Thomas
Bisig, der über einen ETH-Abschluss in
Theoretischer Physik verfügt, Algo­
rithmen für den Währungshandel pro­
grammiert. Seine Welt war voller Zah­
len, Formeln und Kurven. Er mochte
­seine Arbeit, aber etwas fehlte ihm: «Ich
war von Anzügen umgeben, nicht von
Menschen.» Im Herbst 2013 kündigte er
den gut bezahlten Job, gründete sein
«Zuhörer Studio» und zog wieder in
­eine Wohngemeinschaft, um Kosten zu
reduzieren.
Achtsam zuhören, ohne zu werten
‒ das ist die Herausforderung
Seinen Lebensunterhalt verdient Tho­
mas Bisig mit gelegentlichen Stell­
­
vertretungen als Sek- und Gymnasial­
lehrer und mit Spenden. Er erhält sie von
Menschen, die sein offenes Ohr nach
­einem ersten ­Kennenlernen ein weiteres
Mal in ­Anspruch nehmen – und sich
­dafür ­revanchieren wollen. Eine weitere
­Einnahmequelle sind Kurse in Acht­
samkeit und Kommunikation, die Bisig
ebenfalls auf Spenden­basis für Private
und Schulen anbietet. Einzig Unter­
«Oft geht
es ums Thema
Loslassen.»
nehmen stellt er seine Dienstleistung in
Rechnung. Achtsamkeitstrainings g
­ elten
in der Geschäftswelt inzwischen als
­Psychowaffe gegen Stresserscheinungen
und Burn-out.
Auf das Thema Achtsamkeit ist
­Thomas Bisig, der sich selbst bisher
nie ­ausgebrannt gefühlt hat, über den
Buddhismus gekommen. Den Moment
­möglichst ­bewusst wahr­zunehmen,
die eigenen ­Gefühle und Bedürfnisse
­anzuerkennen und ­immer wieder zurück
in den ­Moment zu kommen, darum geht
es bei der Achtsamkeit. In ­diesem Sinne
will Thomas Bisig auch möglichst
­achtsam zuhören – stets aufmerksam
und ohne zu be­werten, was sein Gegen­
über ihm erzählt.
Während er sitzt und wartet, bis sich
ein weiterer Passant zu ihm setzt, übt
sich Bisig selber in Achtsamkeit. Dies
­erklärt mitunter seine starre Mimik. Er
meditiert und konzentriert sich dabei
beispielsweise auf die bewusste Wahr­
nehmung von Körper oder Atem. So wird
ihm nie langweilig.
Vor dem Opernhaus geht ein Paar am
Zuhörer vorbei, beide um die 50, in eine
Diskussion vertieft. Der Mann gestiku­
liert heftig, die Frau schüttelt den Kopf.
Dann nimmt er Bisig und sein Schild
wahr, will seine Partnerin zum Absitzen
bewegen – und setzt sich schliesslich
selber auf den freien Stuhl: «Ich liebe
diese Frau. Aber sie versteht mich ein­
fach nicht. Sie will Leidenschaft, ich will
Liebe.» Die Frau hat sich inzwischen ein
paar Meter weiter auf eine Bank g
­ esetzt
und beginnt ein Gespräch mit ­einem
Fremden. Ihr Begleiter erhebt sich,
meint zum Zuhörer: «Schau. Kaum bin
ich weg, bandelt sie mit einem an­deren
an.» Dann ziehen die beiden auch schon
wieder weiter – gemeinsam.
Immer ein offenes
Ohr für Menschen
und ihre Sorgen:
­Thomas Bisig auf
dem Zürcher
Sechse­läuten­platz.
MENSCHEN | PORTRÄT
| MIGROS-MAGAZIN | NR. 4, 19. JANUAR 2015 |
«Viele Geschichten, die mir anvertraut
werden, handeln von Beziehungs­
problemen, oft geht es dabei ums Los­
lassen», erzählt Thomas Bisig. Auch
Stress und fehlende Anerkennung seien
immer wieder ein Thema. Menschen mit
Migrationshintergrund würden über­
proportional häufig auf sein Angebot
einsteigen. «Viele sagen, sie hätten in
der Schweiz keine Freunde und fühlten
sich einsam.»Das Schlimmste, was ihm
bisher zu Ohren gekommen ist, sind
­sexuelle Übergriffe. «Belastet hat mich
das nicht, aber ich habe der Frau trotz­
dem empfohlen, sich professionelle
­Hilfe zu suchen.» Zuhören allein reiche
für die Bewältigung eines solchen
­Traumas nicht. Die Motivation für das
Zuhören ist für Bisig – neben seinem
­Interesse am Menschen – die Freude, die
er empfindet, wenn er etwas Gutes tun
kann: «Es macht mich glücklich, Men­
schen in ihrer Reflexion zu unterstützen
und sie in ihrer persönlichen Entwick­
lung zu begleiten, indem ich ­ihnen ein
offenes Ohr schenke.» Zudem seien die
Begegnungen durchaus auch für ihn
­inspirierend.
Unvoreingenommener Zugang
statt «Gschpürsch mi»-Groove
Derzeit bildet sich Bisig im Institut für
Integrative Gestalttherapie in Zürich
­
weiter. Ein anerkanntes Diplom wird er
dort nie machen können, weil ihm das
Psychologiestudium als Basis fehlt.
Überhaupt: Hätte Bisig Psychologie statt
Physik studiert und sich anschliessend
auf Therapie weitergebildet, wäre er für
das Zuhören besser entlöhnt. Die Erzäh­
lenden würden ihm zuge­wiesen, und er
könnte seine Leistungen über die Kran­
kenkasse abrechnen.
Mit seiner Ausbildung hadert Tho­
mas Bisig indes nicht. «Ich habe einen
anderen Zugang zu den Menschen als ein
Psychologe, da ich ursprünglich aus der
rationalen Welt komme. Das macht mich
unvoreingenommen.» Und wer weiss
– vielleicht hätte er ja mit ­
einem
­Psychologiestudium auch eine zu hohe
­Dosis «Gschpürsch mi?» abbekommen.
Text: Andrea Freiermuth
Bild: Gian Marco Castelberg
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Seele and Geist
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