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Die vergessene Weiße Rose

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Die vergessene Weiße Rose
Ein Kapitel, das in der geschichtlichen Forschung bisher ausgespart blieb: Die „Weiße Rose“ gab es
in Bayern, lange bevor sich die Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl in München formierte.
Von Heike Mayer
Die Weiße Rose gilt heute als Inbegriff des studentischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Doch unter dem Namen Weiße Rose wehrten sich Pfarrer der katholischen Kirche in
Bayern bereits in den 30er Jahren gegen die Vereinnahmung ihrer Jugendlichen durch Hitlerjugend
und Bund Deutscher Mädchen. Nachdem die kirchlichen Vereine von den Nationalsozialisten offiziell
verboten worden waren, konnte die Verbandszeitschrift „Blätter der weißen Rose“ immerhin noch
bis 1939 erscheinen. Drei Jahre später, im Sommer 1942, verbreitete Hans Scholl zusammen mit
Alexander Schmorell in München dann vier „Flugblätter der Weißen Rose“. Im Verhör leugnete er
gegenüber der Gestapo, einen katholischen Verein dieses Namens zu kennen. Wie glaubhaft ist
das? Welche Verbindungen gibt es? Eine Spurensuche.
Ostern 2014: Die 91jährige Kathi Schweiger sitzt im Garten ihrer Tochter vor der Tuffsteinwand und genießt die warme Frühlingssonne im Berchtesgadener Land. Sie deutet auf ihre Brust:
„Das Rosenzeichen war irgendwie hier. Die Bluse war weiß, mit
Spitzen.“ 80 Jahre ist es her, nicht alle Details fallen ihr noch
ein. Aber an manches kann sie sich genau erinnern. „Der
Kaplan war sehr katholisch. Er erklärte uns, die Weiße Rose ist
ein Symbol für Reinheit. Es bedeutete: ohne Sünde zu leben.“
Der Kaplan, das war der Geistliche Johann Oberhauser. Im April
1933 war er aus München in den Rupertiwinkel, nach Teisendorf
in die Pfarrei St. Andreas gekommen. Als erstes gründete er
den Katholischen Jugendverein. Es gab zwei Gruppen, Buben
und Mädchen waren getrennt. Die Mädchengruppe nannte sich „Weiße Rose“. Kathi Schweiger aus
Sillersdorf gehörte dazu. Sie ist eine der letzten aus dieser Gruppe, die heute noch leben.
Mädchen mit Weiße-Rose-Kleid.
Aus dem Jungschar-Brief
der Weißen Rose, Ostern 1934
1
„Daß früher einmal eine Mädchenorganisation unter diesem
Namen bestanden hat, wußte ich gar nicht.“
Hans Scholl im Verhör der Gestapo
Im Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl dabei erwischt, wie sie im Lichthof der Münchner
Universität Flugblätter verteilten, um zum Widerstand gegen das Hitler-Regime aufzurufen. Zu dieser Zeit gab es offiziell keine katholischen Jugendgruppen mehr; Vereine dieser Art waren längst
verboten. Doch der Gestapo war die katholische Weiße Rose durchaus noch gegenwärtig, wie das
Verhörprotokoll verrät. Auf die Frage des vernehmenden Beamten, Kriminalsekretär Mahler, warum
Scholl dem Flugblatt gerade die Überschrift „Weiße Rose“ gegeben habe, antwortet er, dieser Name
sei „willkürlich gewählt“. Zum Zweck einer „schlagkräftigen Propaganda“ habe er einen festen Begriff gesucht, der einen „guten Klang“ habe. Scholl weiter: „Es kann sein, daß ich gefühlsmäßig diesen Namen gewählt habe, weil ich damals unmittelbar unter dem Eindruck der spanischen Romanzen von Brentano „Die Rosa Blanca“ gestanden habe. Zu der „Weißen Rose“ der englischen Geschichte bestehen keine Beziehungen.“
Die Frage, woher der Name der Münchner Widerstandsgruppe Weiße Rose stammt, hat der späteren
Forschung vielfach Anlass zu Spekulationen gegeben und ist bis heute letztlich ungeklärt. Der Satz
aber, der dieser Stelle im Verhör unmittelbar folgt, wird bei der Suche nach einer Antwort gewöhnlich außer Acht gelassen. Die Fragen des vernehmenden Beamten sind im Protokoll an dieser Stelle
nicht wiedergegeben – offenbar aber wurde Hans Scholl gefragt, ob es einen Zusammenhang mit
der katholischen Weißen Rose gebe. Seine Antwort: „Daß früher einmal eine Mädchenorganisation
unter diesem Namen bestanden hat, wußte ich gar nicht.“
Viele von Scholls Aussagen sind, wie aus heutiger Sicht schnell erkennbar, nicht für bare Münze zu
nehmen. Oft handelt es sich um Schutzbehauptungen, um taktische Aussagen. Sie entsprechen
nicht unbedingt der Wahrheit, dienen vielmehr dazu, sich selbst, die Schwester und andere Personen zu schützen. Konfrontiert mit nicht widerlegbaren Beweisen legt Scholl schließlich ein Geständnis ab und gibt zu, die Flugblätter zusammen mit Alexander Schmorell verfasst, hergestellt und verbreitet zu haben.
Dass früher einmal eine Mädchenorganisation mit dem Namen „Weiße Rose“ bestand, habe er nicht
gewusst, gibt Hans Scholl zu Protokoll. Entspricht das der Wahrheit? Oder versucht Scholl auch hier
zum Schutz von Betroffenen jeden Zusammenhang zu leugnen?
Im Visier der Gestapo:
die katholische Weiße Rose
Bei der Aufarbeitung der katholischen Jugendarbeit vor und in der NS-Zeit haben Forscher und Publizisten bis heute fast ausschließlich die männlichen Vereine und Verbände in den Blick genommen,
die Burschenvereine, die Arbeiter- und Gesellenvereine oder den Katholischen Jungmännerverband.
Den weiblichen Organisationen dagegen wird wenig Beachtung geschenkt. Man begnügt sich mit der
Annahme, diese hätten sich rein religiös betätigt und wären daher unter dem Aspekt des Widerstands unergiebig und wenig interessant.
Dagegen fand die Gestapo seinerzeit, dass es durchaus notwendig sei, einen genaueren Blick auch
auf die Vereine für die weibliche Jugend zu werfen: „Besondere Beachtung verdienen die Frohschar
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[11-14jährige Mädchen] und die Treuschar [14-17jährige Mädchen]“, heißt es in einem „Sonderbericht des Chefs des Sicherheitshauptamtes des Reichsführers SS“ über das katholische Vereinswesen, verfasst im September 1935. „Sie sind die Organisationen, die sich bewußt der entsprechenden
nationalsozialistischen Organisation, dem B.d.M. [Bund deutscher Mädel] gegenüberstellen.“ Weiter
heißt es: „Die weiße Rose ist der süddeutsche Verband katholischer weiblicher Jugendvereine.“
In der Bayerischen Staatsbibliothek befinden sich
die Ausgaben der Vereinszeitschriften „Weiße Rose“
und „Blätter der Weißen Rose“ von 1929–1939.
Abbildung: Einband der Weißen Rose, Jahrgang 1932
Fürstin Sophie zu Oettingen-Spielberg (1857–1941), Protagonistin der katholischen Frauenbewegung, ist die Gründerin der „Weißen Rose“. 1898 führte sie als Zentralpräsidentin des „Verbandes
süddeutscher Patronagen für jugendliche katholische Arbeiterinnen" in München das französische
Vereinssystem der Patronagen ein. Gruppen junger Mädchen aus der Arbeiterschicht wurden von
sogenannten Patronessen („Führerinnen“) betreut und zu Religiosität, sittlichem Handeln und sinnvoller Freizeitgestaltung angeleitet. Am 15. Mai 1906 kamen die jungen Mädchen zum ersten Mal
zusammen, anfangs unter dem Namen „Gute Freundin“. Die „Weiße Rose“ war das offizielle „monatliche Verbandsblatt der katholischen Jungmädchenvereine Süddeutschlands“. Von ihm leitet sich die
Bezeichnung der Ortsgruppen wie auch zuweilen der Mädchen selbst als „weiße Rosen“ ab. Seit
1929 erschienen zusätzlich die „Blätter der weißen Rose“, ebenfalls eine Monatsschrift, die sich an
die geistlichen Führerinnen und Führer der Gruppen richtete. Beide Blätter kamen anfangs im Verlag Leohaus heraus, in der Münchner Pestalozzistraße 1, der Hauptstelle der katholischen Vereine.
In 25 Jahren gab es sieben Schriftleitungen, ab 1930 übernahm Elisabeth Steindl dauerhaft die
Chefredaktion. Sie arbeitete von der Schwanthalerstraße 5 aus für den mittlerweile eigenen „Verlag
Weiße Rose“.
Zu dieser Zeit existierten in der Erzdiözese München und Freising 80 Vereine dieses Namens mit zusammen 4600 Mitgliedern. Altersmäßig waren die Gruppen breit angelegt – die Mädchen waren teilweise erst elf, zum großen Teil aber 16 Jahre und älter. Oettingen-Spielberg hatte bei ihrem Engagement vor allem die gerade aus der Schule entlassenen Mädchen im Auge, ein Artikel aus der Weißen Rose vom Mai 1930 bestätigt diese Zielgruppe: „Ihr aber sitzt als Lehrmädchen den ganzen Tag
hinter der Schreibmaschine oder dem Pult, steht an eurer Arbeit in der Fabrik und hinter dem Ladentisch...“ (S. 74) Als das katholische Vereinswesen 1933 durch die Nationalsozialisten in Bedrängnis kam und die Kirche eine Liste einzelner katholischer Vereine und Verbände erstellte, die gemäß
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Artikel 31 des Reichskonkordats ihre Existenzberechtigung behalten sollten, sorgte der Bischof von
München und Freising, Kardinal Michael Faulhaber, eigenhändig dafür, dass die Weiße Rose in der
Liste nicht vergessen wurde. (Auf der folgenden Abbildung, linke Seite oben).
Die weiteren Verhandlungen zwischen Papst, deutschen Bischöfen und Regierung über diesen Vereinsschutz gestalteten sich zäh, bevor sie Anfang 1935 endgültig scheiterten. Schon vorher hatten
die Nationalsozialisten keine Mittel gescheut, die Vereine vor Ort zu schikanieren und zu unterminieren. „Er [der Verein Weiße Rose] ist in Süddeutschland vor allem der Verein, der gegen den Bund
der deutschen Mädchen arbeitet“, führt der Gestapo-Bericht von 1935 aus. Ihm zufolge gab es damals insgesamt 500 Ortsvereine mit insgesamt 20.000 Mitgliedern. Die Weiße Rose selbst hatte
1931 ihre Mitgliederzahl mit 28.000 angegeben (Weiße Rose, Heft 9/1931, Seite 148). 1937 gab es
allein in der Erzdiözese München und Freising immerhin noch 107 Vereine mit insgesamt 5.500 Mitgliedern.
Die Aktivitäten der katholischen Weißen Rose
wurden von den Nationalsozialisten genau verfolgt
Aktivitäten und Mitglieder der Weißen-Rose-Vereine – allen voran die Pfarrer und Kapläne, die die
Gruppen vor Ort leiteten – wurden vom NS-Staat misstrauisch beäugt und überwacht. So wurde im
Dezember 1934 beispielsweise der Verein Weiße Rose im Bezirksamt Pfaffenhofen verboten, weil
der Präses, Benefiziat Neumeier, „sogenannte 'Heimabende' abends in der Pfarrkirche bei verschlossenen Kirchentüren abhielt“, wie es in dem Monatsbericht des Regierungspräsidenten von Oberbayern vom November 1934 heißt. „Das Bezirksamt konnte feststellen, daß den Mitgliedern der weißen
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Rose durch Vorträge das Gefühl einer Art Märtyrertums unter der nationalsozialistischen Regierung
eingeflößt wurde, der sie von den übrigen Volksgenossen absonderte und zu Geheimnistuerei veranlaßte.“
Auch andernorts wurde gegen die Weiße Rose vorgegangen. Der Regierungspräsident von Oberund Mittelfranken hält in seinem Monatsbericht vom Dezember 1935 fest: „Der katholische Jugendverein 'Weiße Rose' in Ansbach hat das von der Staatsjugend [Hitlerjugend] vielfach gesungene
Lied Wir traben in die Weite ... auf das Festhalten im katholischen Jugendverein umgedichtet und
bei seinen Abenden gesungen; Strafanzeige wurde erstattet und Betätigungsverbot erlassen.“ Verfahren wurden eröffnet, häufig auch wieder eingestellt. Teils mit grotesken Zügen. Etwa wenn der
Weiße-Rose-Verein im niederbayerischen Gangkofen die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich lenkte,
weil die Mitglieder zum Wandern gingen, das Verfahren dann jedoch eingestellt wurde, weil eine
(verbotene) sportliche Betätigung nicht nachweisbar war.
Nicht immer ging es um vermeintlich oder tatsächlich Harmloses. In Eichstätt hielt Dompfarrer Johannes Kraus am 31. Januar 1937 im Dom eine Predigt, die offenbar scharfe Angriffe gegen die
Staatsmacht enthielt. „Kraus ist ein außerordentlich scharfer und fanatischer Kämpfer gegen den
Nationalsozialismus“, so der Regierungsbericht. „Die Predigt wurde in der Stadt mit Maschinenschrift, geschrieben von Angehörigen der Weißen Rose, verteilt und auch in einer Gemeinde … von
der Kanzel verlesen.“ Es gab hier einen kleinen Stamm von Mädchen, meist ehemaligen Mitgliedern
des (inzwischen unterminierten) Eichstätter Weißen-Rose-Vereins und Dienstmädchenvereins, „die
sich aktiv an der von Kraus initiierten Widerstandsarbeit beteiligten“, wie Evi Kleinöder in ihrer Eichstätter Fallstudie über Verfolgung und Widerstand der katholischen Jugendvereine schreibt. Einige
der Mädchen, die in Verdacht standen, an der von Pfarrer Kraus organisierten Herstellung und Verbreitung von Flugblättern beteiligt zu sein, mussten Kleinöder zufolge die Stadt verlassen.
In Eichstätt (und andernorts) wurde unter anderem auch ein offener Brief an Goebbels verbreitet,
der von den Machthabern als Hetzschrift eingestuft wurde, die davon zeuge, „dass der politische Katholizismus gewillt ist, den unterirdischen Kampf gegen den Nationalsozialismus fortzuführen“ (Monatsbericht der Regierung von Ober- und Mittelfranken vom August 1937). In Nürnberg wurde ein
Verfahren gegen den Jesuitenpater Alois Jung wegen Hochverrats eingeleitet, nachdem Abschriften
dieses Briefs bei ihm gefunden wurden. Der Bericht vermerkt außerdem, dass Jung auch andere
„Hetzflugblätter“ vervielfältigt habe und durch die „Marianische Jungfrauenkongregation St. Kunigund“ verbreiten ließ, weshalb diese Vereinigung ebenso wie die Jugendgruppe Weiße Rose von der
Staatspolizeihauptstelle Nürnberg-Fürth verboten wurde.
In Schwandorf erging gegen den dortigen Jungmädchenverein Weiße Rose und seinen Leiter, den
Kooperator Köstlbacher, ein Betätigungsverbot zunächst für drei Monate. Dies geht aus einem
Lagebericht des Regierungspräsidenten von Niederbayern vom Juli 1935 hervor, in dem es dann
weiter heißt: „Als daraufhin Flugzettel an die Mitglieder der 'Weißen Rose' verteilt wurden, wurde
die Abberufung des Kooperators und einer klösterlichen Lehrerin veranlaßt.“
Die ländliche Bevölkerung sympathisierte
mit den katholischen Vereinen
Ähnliches ereignete sich in Teisendorf, hier ging die Sache für die Geistlichkeit allerdings glimpflich
aus. Der Teisendorfer Schriftsteller Karl Robel (geboren 1925) berichtet davon in seinen persönlichen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus, die er im Herbst 2013 veröffentlicht hat.
Darin schildert er, wie der Kaplan Johann Oberhauser im Frühjahr 1933 in den Rupertiwinkel kam
5
und einen kirchlichen Jugendverein gründete, „mit einer Buben- und einer Mädelgruppe“. Karl und
seine Schwester Wally gehörten damals auch dazu. Die Buben trugen bei kirchlichen Anlässen blaue
Hemden, die Mädchen blaue Baumwollkleider, bei denen der Rocksaum mit Kreuzstichen bestickt
war. „Der Verein nannte sich 'Weiße Rose' und das Stickmuster rundum waren eben auch weiße Rosen“, schreibt Robel.
Im Gespräch erinnert Karl Robel sich im Septmeber 2014 auch noch an eine Theateraufführung in
Teisendorf Mitte der 30er Jahre, in der die Weiße Rose als Erkennungszeichen für die katholische
Jugend eine Rolle spielt. Er erzählt das Folgende im Rupertiwinkler Dialekt.
In dem umbauten ehemaligen Roßstall beim Dechanthof, beim Pfarrhof in Teisendorf hat der Gesellenverein, die jungen Handwerker, den Roßstall zu einem Jugendheim umbaut. Da war aa a kloane bescheidne Bühne drin. Bei am Pfarrabend mit Angehörigen von de Mädeln ham s a selbst
gschriebens Stück aufgführt. Der Inhalt: Petrus schaut mit dem Fernrohr auf uns herunter, dabei
führt er a Selbstgespräch und zum Schluss sagt er „Gut Nacht, du bucklerte Welt da unten!“ und
geht wieder eini.
Nacheinander kommen dann einige ans Himmelstor. Ich kann mich noch an zwei erinnern. A Mäderl, zwoa Jahr jünger wia i, a Schulmäderl, die Schädler Ilu, klopft am Himmelstor und sagte: „I
möcht eini.“
„Ja, wer bist Du denn?“ fragt der Petrus.
„Ich bin ein Kommunionkind.“
„Ja gut, komm eini.“
Dann läut a anders Mäderl beim Petrus an. Des war des Sickinger Maral.
Petrus fragt: „Was ist mit Dir?“
„I möcht aa eini!“
„So?“
„Ich war bei der katholischen Jugend.“
„Hast an Beweis?“
Da macht sie ihr Gwand auf und zoagt ihr Kleid mit de weißn Rosen. Des einfarbige, blaue Gewand
war gleichförmig rundum am unteren Rand mit in Kreuzstich gnähte weiße Rosen bestickt. Drauf
hat er sie einigwunkn.
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Der 1903 in Wang (Moosburg) geborene Oberhauser war zuvor Kaplan in der Münchner Pfarrei St.
Benedikt gewesen. Hier, in München-Westend hatte er die Leitung des Gesellenvereins (ab 1935
„Kolpingsfamilie“) inne und kümmerte sich auch um die kirchliche Jugendarbeit. Ganz offensichtlich
lag ihm diese Aufgabe sehr am Herzen; denn beidem, Gesellenverein und Jugendverein, widmete
Oberhauser sich sogleich auch, als er 1933 seine neue Stelle St. Andreas in Teisendorf antrat.
Kooperator Johann Oberhauser mit
Ministranten, Teisendorf 1938.
Oben in der Mitte:
der 13jährige Karl Robel.
Die ländliche Bevölkerung zeigte
damals überwiegend Sympathie mit
den katholischen Vereinen. Doch
die
Nationalsozialisten
beäugten
dieselben mit größtem Misstrauen
und mit Feindseligkeit. Schon vor 1933 kam es immer wieder auch zu tätlichen Angriffen gegen Mitglieder der katholischen Kirche. 1936 wurde ein behördliches Versammlungsverbot erlassen, das
streng überwacht wurde. Der Verein blieb dennoch aktiv – und die Mädchen, so Robel, trugen weiterhin die Gewänder mit der weißen Rose – jetzt aber im Verborgenen. Kati Schweiger bestätigt das
im Gespräch.
Dicht beschreibt Robel in seinem Buch, wie die Inkriminierung vonstatten ging. Im Juli 1935 kamen
kirchliche Mädchengruppen aus München zum Wandern und Singen ins Ferienlager nach Teisendorf.
Im Zuhaus vom Lechnerbauern in Hub bei Neukirchen fanden sie Unterkunft. Die nationalsozialistischen Machthaber vor Ort schöpften sofort Verdacht. In einem Dokument aus der Zeit sind Name,
Geburtstag und Wohnort der Münchnerinnen aufgezeichnet. „Durch eine undichte Stelle“, schreibt
Robel, „gerieten die Namen der Teilnehmerinnen
an die Gemeinde und [das Treffen] wurde als illegale Zusammenkunft an die Kreisleitung der
Partei (NSDAP) nach Laufen (Kreisstadt) weitergemeldet mitsamt den kleinen Mäderl.“
Lechnerbauer in Hub bei Neukirchen,
Teisendorf (heutige Ansicht)
7
Die NSDAP beobachtete die Aktivitäten
der katholischen Weißen Rose: „Absolut nicht harmlos“
Die Diözesanleitung der Katholischen Jugend setzte sich mit der Politischen Polizei in München in
Verbindung, woraufhin diese nach Teisendorf meldete, der Aufenthalt der Mädchen sei in Ordnung,
„selbstverständlich unter Beachtung des Verbots betreff Tragens von Uniformen und Abzeichen.“
Doch die Gemeinde meldete nach einer Kontrolle an die Kreisleitung der Partei, dass „die Sache absolut nicht so harmlos sei“. Man argwöhnte, das kirchliche Ferienlager sei bloße Tarnung, in Wahrheit gehe es dabei um „Propaganda gegen den Staat und Hoffnungsschimmer für die Gewinnung einer politischen Machtstellung der katholischen Organisationen“.
Im Oktober 1935 tritt der Teisendorfer Kooperator Johann Oberhauser zusammen mit der Lehrerin
Schwester Fulgentia Franz als Verbreiter eines Rundbriefes in Erscheinung, in dem unter Verweis
auf den Hirtenbrief der deutschen Bischöfe vom 29. August 1935 die katholischen Eltern ermuntert
werden, sich nicht staatlicherseits zwingen zu lassen, ihre Kinder in die nationalsozialistischen Jugendverbände Hitlerjugend und BdM zu schicken. Es folgt die Aufforderung, die Kinder stattdessen
in die Obhut katholischer Jugendverbände zu geben: „In jedem Fall ist es für Euch eine heilige
Pflicht, Eure Kinder nur in solche Verbände zu schicken, in denen die religiöse Überzeugung geachtet, und die sittliche Reinheit nicht bedroht ... und die Freiheit des Gewissens gewahrt bleibt. … Wir
betrachten als besonderen Segen für unsere Zeit und unsere Lage die katholischen Jugendvereine.“
Unterzeichnet ist der Brief mit „Eure Seelsorger“. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter leitet eine Abschrift
des Rundbriefes an die Partei-Kreisleitung nach Laufen weiter. „Der Inhalt dieses Briefes“, empört
er sich, „ist zweifellos eine versteckte Hetze gegen die Hitler-Jugend.“ Der Seelsorger blieb zwar im
Amt, der Vorfall hatte für ihn aber möglicherweise doch Folgen.
Aufschluss darüber könnte die Personalakte Oberhausers geben, die sich im Erzbischöflichen Archiv
in München befindet. In ihr haben sich – anders als bei den meisten Personalakten – Schriftstücke
aus der Zeit des Nationalsozialismus erhalten. Die Akte ist aus datenschutzrechtlichen Gründen gesperrt, das Gesuch um eine Ausnahmegenehmigung zum Zweck historischer Aufarbeitung, das Erzbischof Kardinal Marx persönlich vorgelegt wurde, hat dieser im September 2014 ohne Angabe von
Gründen abgelehnt.
Die Teisendorfer
Weiße-Rose-Gruppe
bestand auf jeden Fall
noch im Sommer 1937,
wie diese Todesanzeige
im Heft 6 der „Weißen
Rose“ (Juni 1937) zeigt.
Die 20-jährige Elisabeth
Waldherr ertrank bei
einer Bootsfahrt auf
dem Waginger See, als
ein Sturm aufkam.
8
Hans Scholl und die katholische Weiße Rose
waren sozusagen Nachbarn
Von Ende April bis August 1941, während seiner Kasernierung in der Studentenkompanie in der
Bergmannschule im Münchner Westend, mietete Hans Scholl ein Zimmer, in dem er (verbotenerweise) wiederholt übernachtete. Es befand sich in der St.-Paul-Straße 9, in unmittelbarer Nachbarschaft zur katholischen St. Paul Kirche (Abbildung links, heutige Ansicht).
Der dortige Stadtpfarrer Joseph Schrallhamer (1881-1950) war seit
1920 Verbandspräses der katholischen Vereine und damit auch der
Weißen Rose. Eine Weiße-Rose-Gruppe hat es auch in seiner Gemeinde gegeben, die ablehnende Haltung gegenüber Hitler muss unverkennbar gewesen sein. Chefredakteurin Elisabeth Steindl schreibt
rückblickend 1974 in einem Porträt Schrallhamers: „Als sicher darf
gelten, daß kaum jemand aus dem Kreise derer, die bewußt Gemeinde lebten, sich bei der Wahl 1933 für den 'Führer' entschied. Auch
der dem Pfarrer nahestehende Jugendverband hat sich von der
Staatsjugend distanziert mit allen daraus folgenden Konsequenzen.
Der Pfarrer von St. Paul [Schrallhammer] hatte wiederholt Verhöre
und 'Belehrungen' durch die Gestapo zu bestehen, die nur deswegen
nicht übler ausgegangen sind, weil ein guter Geist hinter den Kulissen letzte Härten verhinderte.“
Ob Hans Scholl und Pfarrer Schrallhamer sich persönlich kannten, ist
nicht bekannt, darf aber angenommen werden. Belegt ist, dass Scholl, der aus einem evangelischen
Elternhaus stammte, sich zunehmend intensiv mit katholischer Theologie beschäftigte und die Nähe
zu katholischen Glaubensvertretern suchte. Im Oktober 1941 lernte er Carl Muth kennen, den Herausgeber der katholischen Monatsschrift „Hochland“, die im Juni des Jahres verboten worden war.
Auf Vermittlung von Muth, dessen Bibliothek er katalogisieren sollte, erhielt Scholl einen Platz in der
Bibliothek der Münchner Benediktiner. Hier, in der Stiftsbibliothek St. Bonifaz, setzte er sich mit den
Schriften christlicher Autoren auseinander, um Antwort zu finden auf Gewissensfragen wie die nach
der Legitimität, Widerstand gegen den Staat zu leisten. Insbesondere habe ihn das Thema Tyrannenmord beschäftigt, berichtet später der Betreuer der Bibliothek, Pater Romuald Bauerreiß (1893–
1971). In seinen Lebenserinnerungen schildert der Pater, wie Scholl und Schmorell 1942 wertvolle
Bücher aus der Klosterbibliothek schmuggelten, um sie vor
den Nationalsozialisten zu retten.
Auch hier in St. Bonifaz gab es wie in St. Paul eine Jugendgruppe der Weißen Rose, sie besaß hier sogar ein eigenes
Heim, wo zumindest in den 30er Jahren zweimal wöchentlich Zusammenkünfte stattfanden. Dies kann Hans Scholl,
als er später hier in der Bibliothek weilte, zur Kenntnis gekommen sein. Vor diesem Hintergrund erscheint seine Beteuerung im Gestapo-Verhör, er kenne keine katholische
Weiße Rose, eher unwahrscheinlich.
Bibliothek St. Bonifaz
München, Karlstraße
9
Die Lehre der katholischen Weißen Rose: „Das Christentum
führt unser Leben auf der Linie des größten Widerstandes“
Nicht ausschließlich mit geistig hochstehenden Persönlichkeiten aus dem katholischen Umfeld suchte Scholl immer wieder Kontakt. Als Famulant kam Scholl in verschiedene, katholisch geführte Lazarette, unter anderem im oberbayerischen Schrobenhausen, wo er sich mit den katholischen Ordensschwestern „wunderbar gut“ verstand, wie er in einem Brief nach Hause festhielt. „Es zieht mich
manchmal schmerzlich hin zu einem Priester“, notiert Scholl im August 1942, als er sich für eine
dreimonatige „Front-Famulatur“ in Russland befand. „... ja, wenn Pfarrer Schwarz hier wäre ... noch
lieber würde ich mit einem klugen 15½jährigen Mädchen mich unterhalten ...“. 1939 hatte Scholl in
Bad Tölz den Aachener Chefarzt Professor Eduard Borchers kennengelernt und sich in dessen 14jährige Tochter Ute „leidenschaftlich“ verliebt (so Scholls Studienfreund Hellmut Hartert). Utes Mutter
wandte sich deswegen in einem Brief an Hans Scholl, dieser schrieb ihr am 3. März 1940 zurück:
„Ich hatte mir vorgenommen, Ute nichts von meiner Liebe zu ihr zu sagen, um ihr das Kindsein
nicht zu nehmen. Es gelang mir nicht, die Gefühle waren stärker als der Verstand, ich liebte sie zu
sehr. Sie aber tat das Richtige, ohne darum zu wissen, indem sie gefühlsmäßig ablehnte. Ich bewundere sie daher umso mehr. Ihre kindliche Reinheit und Unantastbarkeit sind mir zu einer größeren Erkenntnis geworden, als alle Weisheit der Bücher.“
Die Sache war damit aber nicht abgetan, wie ein Brief zeigt, den Scholl ein Jahr später, am 10.
März 1941, an seine Schwester Inge schreibt: „Gestern war ich in Tölz zu Gast. Mit Frau Borchers
verbindet mich eine herzliche Freundschaft, und der kleinen Ute muß ich wider alle meine Gefühle
ihre Kindlichkeit lassen, wie es mir mein Verstand vorschreibt ...“ Reinheit und Unantastbarkeit –
die Eigenschaften, die Hans Scholl der kindlichen Ute zuschreibt, entsprechen der Symbolik der
„Weißen Rose“, wie auch Kathi Schweiger sie als Zielsetzung des katholischen Mädchenvereins
formuliert hat. Die Symbolik ist allerdings vielfältiger, wie in der Zeitschrift selbst (Heft 2/1937)
erklärt ist:
10
Schriftleiterin Elisabeth Steindl setzte sich in der „Weißen Rose“ regelmäßig mit Zuschriften der Leserinnen auseinander. In der Rubrik „Zwischen Dir und mir“ schrieb sie im Februar-Heft 1937 einem
Mädchen, das offenbar an der Lebensführung vieler Gläubiger in ihrer Umgebung zweifelte: „Aber
schau, Du darfst nicht vergessen, das wahre Christentum stellt auch sehr hohe Anforderungen, die
höchsten, die an uns Menschen überhaupt gestellt werden können. Wo wird denn sonst von einem verlangt, daß
er sogar seine Feinde lieben, daß er sein Kreuz tragen,
den Verführungen heroischen Widerstand leisten solle?
Das Christentum führt unser Leben auf der Linie des
größten Widerstandes.“ In diesen Worten an die jungen
Mädchen werden Sinn und Idee des Christentums substanziell und direkt an eine Haltung des Widerstands geknüpft – freilich ohne explizit politischen Zusammenhang.
Zeitschrift „Die weiße Rose“
Ausgabe Mai 1937
Letzte Ausgabe der
„Blätter der Weißen Rose“
Juni/Juli 1939
Auch in Bad Tölz gab es eine Ortsgruppe der katholischen Weißen Rose. Sie war im Januar 1929 gegründet worden und existierte bis 1939, wie sich aus den Akten im Pfarrarchiv ergibt. Die Borchers
hatten hier im Bayerischen ein Feriendomizil. Während Professor Eduard Borchers seine Stelle als
Oberarzt in Aachen behielt, ließ er seine Kinder ab 1935 in Tölz zur Schule gehen. Die Familie war
allerdings evangelisch, und die Kinder erhielten evangelischen Religionsunterricht. Daran erinnern
sich die beiden heute noch lebenden Geschwister von Ute (die 1997 gestorben ist) im Gespräch im
Sommer 2014. Von einer katholischen Weißen Rose, sagen sie, haben sie keine Kenntnis.
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Hans Scholl gab in seiner Vernehmung am 18. Februar 1943 zu, seit drei Jahren mit Ute Borchers
befreundet zu sein und ihr erst kürzlich einen Brief nach Aachen geschrieben zu haben. Dieser sei
jedoch rein privat, nicht etwa politisch motiviert gewesen.
So oder so: Die räumliche Nähe, die innere Bindung, die vielfältigen persönlichen Beziehungen zur
katholischen Kirche, seine geheimnisvolle Anspielung auf eine Knospe einer Rose 1938, alles das legen es nahe, dass Hans Scholl die katholische Weiße Rose kannte. Liebe, Tugend, Tapferkeit, sich
durchringen, gutes Recht, Verschwiegenheit – diese Symbolik und die Geisteshaltung von Hans
Scholl weisen zumindest einen inneren Zusammenhang auf.
Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet. Die weiteren Mitglieder der Weißen Rose Alexander Schmorell und Kurt Huber wurden am 13. Juli 1943,
Willi Graf am 12. Oktober 1943 hingerichtet.
Pfarrer Johann Oberhauser starb 1983 in Freilassing im Alter von 80 Jahren. Als Gründer der örtlichen Weißen Rose in Teisendorf hat Karl Robel ihn in Erinnerung gebracht. Sein Beispiel zeigt, welche interessanten Perspektiven sich ergeben können, wenn man katholische Jugendvereine in der
NS-Zeit nicht als eine rein religiöse Betätigung betrachtet, sondern wahrnimmt, wie das verdeckte
Tragen von Abzeichen trotz staatlichen Verbots, das Empfangen, Abschreiben und Verbreiten von
Flugblättern Ausdruck „alltäglichen“ aktiven Widerstands waren.
In Teisendorf wie in sehr vielen anderen Orten wehrten sich Geistliche dagegen, dass die Kinder und
Jugendlichen von den nationalsozialistischen Jugendverbänden vereinnahmt wurden. Für einen weitergehenden, geschlossenen Widerstand der Kirche fehlte es allerdings an Rückhalt von oben. Thomas Forster schreibt in seinem Buch „Priester in Zeiten des Umbruchs“: „Im Eigeninteresse der Gesamtkirche, die bestrebt war, sich gegenüber dem Regime möglichst staatstreu und loyal zu präsentieren, wurden Priester, die sich – mitunter bereits vor 1933 – politisch aktiv gegen den Nationalsozialismus gewandt hatten, in der Mehrzahl der Fälle alleingelassen.“ Beide großen Kirchen verurteilten offiziell die Teilnahme am politischen Widerstand.
Herzlichen Dank an Karl Robel, Peter Dorfner und Dr. Birgitta Klemenz für Unterstützung bei der Recherche.
Dieser Beitrag ist im Internetportal Gradraus erscheinen: http://gradraus.de/grdrswp/?p=14650
Liliom Verlag 978-3-934785-78-6
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