close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Abstracts Internationales Symposium junger Goetheforscher

EinbettenHerunterladen
INTERNATIONALES SYMPOSIUM JUNGER GOETHEFORSCHER
Anna Christina Schütz (Lüneburg)
„Schaffen Sie Gegenbilder zu diesen Kupfern!“ Die Skepsis des Dichters angesichts der Macht
des Bildes
Die Ausgaben von Goethes Werken wurden häufig mit bildlichen Darstellungen versehen. Dabei fällt
Goethes Urteil über diese Art von Bildern durchaus ambivalent aus. So lobt er noch in Dichtung und
Wahrheit die Titelvignette Daniel Chodowieckis zu Friedrich Nicolais Die Freuden des jungen Werthers; in
einem Schreiben an Johann Friedrich Cotta stellt er jedoch fest, dass es sehr schwer sei, „daß etwas
geleistet werde, was dem Sinne und dem Tone nach zu einem Gedicht paßt. Kupfer und Poesie
parodieren sich gewöhnlich wechselweise“. Der Vortrag möchte diese Aussage zum Anlass nehmen, der
Auffassung Goethes von Text-Bild-Verhältnissen nachzugehen, um daraus Rückschlüsse auf die
spezifischen Wirkungen von Bildern und Texten, die gemeinsam im Medium Buch erscheinen, zu ziehen.
Dafür sind nicht nur die in Briefen an Verleger und Freunde getroffenen Aussagen Goethes über Bilder zu
literarischen Werken zu untersuchen, sondern auch das 1800 im Auftrag Cottas geschriebene Prosastück
Die guten Frauen als Gegenbilder zu den bösen Weibern. Angenommen wird, dass es dem Dichter
Goethe bedenklich erscheint, wenn sich ein Bild, das im Rezeptionsakt simultan zu erfassen ist, vor den
sukzessiv wahrnehmbaren Text schiebt. Denn Bilder können, um mit den Worten Henriettes aus den
Guten Frauen zu sprechen, einen „unauslöschlichen Eindruck“ machen, der die Wirkung des literarischen
Textes entscheidend mitbestimmt.
Anthony Mahler (Tübingen)
Goethes Mäßigung der Form
Im August 1779, vier Jahre nach seiner Ankunft in Weimar, inszeniert Goethe in seinem Tagebuch die
Urszene seiner mittleren Schaffensperiode. Das ästhetische Programm, das nach seinem Tod als die
Weimarer Klassik bekannt wird, beschreibt er als Teil einer neuen Lebensform, die sich vom subjektiven
und mit Leidenschaften überschwemmten Sturm und Drang abwendet. Er steht nun da „wie einer der sich
aus dem Wasser rettet und den die Sonne anfängt wohlthätig abzutrocknen“. Seine jugendliche
Lebensweise, einschließlich ihrer Dichtungsart, versteht er als lebensgefährlich und ertrunken „in
zeitverderbender Empfindung und Schatten Leidenschafft“. „Da die Hälfte nun des Lebens vorüber ist“,
möchte er sich einer Selbstdisziplin unterwerfen, die seinem täglichen Leben, seinen dichterischen
Arbeiten und seinem inneren Gefühlshaushalt „festumrissene“ Grenzen setzt. Diese Selbstdisziplin ist
eine diätetische Lebensweise und Poetik nach Goethes Auffassung des stoischen Entsagungskonzepts.
Der Vortrag hat das Ziel, den zeitlichen Umfang dieser Lebensweise und Ästhetik Goethes zu umreißen,
um sie dann als tragendes Formprinzip seiner literarischen Entwürfe zu beschreiben.
Sebastian Meixner (Tübingen), Carolin Rocks (München)
Über Dichtung: Episches im Drama und Dramatisches im Erzähltext. Zur Gattungsfrage bei Goethe
und Schiller
In ihrer Programmschrift Über epische und dramatische Dichtung verhandeln Goethe und Schiller die
Leistungsprofile erzählender und dramatischer Texte. Dabei verabschieden sie sich – so unsere These –
rasch von dem Vorhaben einer Differenzierung der Gattungen und verhandeln grundsätzlicher ‚über
Dichtung‘. Dabei zeigen wir, wie Goethe und Schiller das Modell einer wesensmäßigen Interdependenz
von Drama und Erzähltext konturieren. Unter dem Regiment des übergeordneten Dichtungskonzepts, das
„die eigentliche Aufgabe der Kunst“ in einer Harmonisierung gegensätzlicher Größen sieht, versammeln
sich beide Gattungen. Zudem legen wir dar, wie Goethes und Schillers literarische Texte jene Phänomene
einer „Vermischung und Grenzverwirrung“ der Gattungen als eher agonales denn kooperatives
Miteinander gestalten. Wir wollen anhand ausgewählter Texte eine poetologische Bedeutungsdimension
herausstellen, die ein weitaus konfliktreicheres Aufeinandertreffen erzählender und dramatischer
Verfahren ins Bild setzt als die Programmschrift und ihre Paratexte. Reden Goethe und Schiller dort
einem Dichtungsmodell von Vermittlung, Kooperation oder gar Vereinigung im Sinne gesteigerter
ästhetischer und ethischer Produktivität das Wort, lassen sich die an die jeweilige Gattungsgrenze
führenden literarischen Textpassagen als ästhetisch-poetologische Bruchstellen lesen. Wo das Drama an
seinen Höhepunkten zu erzählen beginnt, wo sich vice versa der Erzähler im Roman sprachlos
zurückzieht und die Begebenheiten scheinbar unmittelbar in Handlung setzt, verdichtet sich ein kritisches
Reflexionspotential ‚über Dichtung‘.
Dr. Martin Schneider (Hamburg)
Goethes „Novelle“ als eine Kulturtheorie des Ereignisses
Goethes These, seine Novelle erzähle „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“, bietet einen
adäquaten Zugang zur Interpretation dieses Textes. In ihm verhandelt Goethe auf exemplarische Weise
das Wechselspiel von kultureller Ordnung und Ereignissen, die diese Ordnung begründen, aber auch
destabilisieren können. Die damit verbundenen Probleme narrativer Ereignis-Darstellungen werden, wie
die Analyse der Novelle zeigt, von der strukturalistischen Definition des Ereignisses als einer zeitlich
begrenzten Zustandsveränderung nur ungenügend erfasst. Deshalb wird vorgeschlagen, Goethes Text
als eine mimetische Inszenierung von ‚Widerfahrnissen‘ zu begreifen, denen eine chiastische
Zeitverschränkung des ‚Noch-Nicht‘ und ‚Nicht-Mehr‘ zu eigen ist. Das Erzählen hält damit jenen
Zwischenraum offen und erfahrbar, aus dem heraus sich kulturelle Distinktionen und Bedeutungen bilden
können.
Wolfgang Hottner (Berlin)
„Auf eine geheimnisvolle Weise zusammengesetzt“. Zu Goethes Kristallen
Goethes Beschäftigung mit Granit, dessen kristallinen Bildungsgesetzen und Erosionen, fällt in die Zeit
der Fragmente, der Abbrüche und Zerstreuungen – sie ist eine unter vielen „Episoden einer Epoche“, wie
Goethe nachträglich schreibt. Der Vortrag möchte anhand der Reflexionen über den Granit sowie den
Plänen zu einem „Roman über das Weltall“ einige Formprobleme der Goethe’schen Poetik aufzeigen. Es
geht dabei weniger um eine wissenschaftshistorische Rekonstruktion von Goethes Thesen, sondern
vielmehr um die Form der Aneignung, der metonymischen Zerstreuung und Umschrift geologischer
Fragestellungen innerhalb des Prosawerks. Es geht um formale und poetische Probleme, die für diese
Prosa und besonders für die Form des Romans bedeutsam sind: das Problem der Vorgeschichtlichkeit,
des Anfangs und „wie es aufeinander gekommen ist“, des Retardierenden, der Erzählperspektive,
schließlich der Form des Romans selbst, als jenes „größeren und zusammenhängenden Ganzen“
literarischer Formen. Zugleich figuriert sich im ‚Granitischen‘ ein Geschichts- und Geschichtenmodell, das
für die innere Dynamik des Goethe’schen Werks, seiner ständigen Rückbezüglichkeit, der Stellenlese, für
Goethes Umgang mit dem Gewordenen und noch Wirkenden entscheidend ist. Das Nachdenken über
Vorgeschichtlichkeiten der 1790er Jahre wird somit selbst zur naturwissenschaftlichen und
poetologischen Vorgeschichte, von der jener Roman erzählt, der die Probleme der Form dieser Gattung
zum letzten Mal zu lösen versucht: die Wanderjahre.
Oliver Grill (München)
„Wenn so viele Wesen durch einander arbeiten“. Schwere Kräfte in Goethes Meteorologie
Der Vortrag geht von der Beobachtung aus, dass Goethe das Wetter und seine Erforschung mit der
Gefahr verbindet, im flüchtigen Medium der Atmosphäre den Boden unter den Füßen zu verlieren. Immer
wieder droht in den meteorologischen Schriften der „Zusammenhalt mit der Erde verloren“ zu gehen.
Diese Bedrohung wird verknüpft mit einem Verlust stabiler Formen und (kausaler) Gründe. Dadurch geht
eine profunde Verunsicherung vom Wetter aus, die Goethe einerseits zu beherrschen sucht, andererseits
aber markiert, reflektiert und so allererst hervortreibt.
Dieses meteorologische Tremendum gibt Anlass, die vielbelächelte Theorie einer pulsierenden
Schwerkraft neu zu lesen. Es gilt zu zeigen, dass Goethe mit seiner tellurischen These einen sicheren
Grund bzw. ein Mittel zur ‚Erdung‘ der Wetterforschung bereitzustellen sucht. Insofern aber diese These
ihrerseits als willkürliche Setzung ausgestellt wird, vermögen die ‚schweren Kräfte‘ in Goethes
Meteorologie den Gravitationsverlust nur bedingt zu bannen. Das beunruhigende Potential des Wetters
überträgt sich vielmehr auch auf den vermeintlichen Stabilitätsgaranten und erzeugt so bestenfalls einen
schwankenden Grund.
Adrian Robanus (Köln)
„Vernunftähnliches“ oder „unendliche Kluft“? Die anthropologische und poetische Funktion von
Goethes Tieren in „Satyros“, „Die Wahlverwandtschaften“ und „Metamorphose der Tiere“
In Dichtung und Wahrheit bemerkt Goethe, wie irritierend die Verunsicherung ist, die sich aus der
Infragestellung der Mensch-Tier-Grenze ergibt: „Wenn sich in Tieren etwas Vernunftähnliches hervortut,
so können wir uns von unserer Verwunderung nicht erholen: denn ob sie uns gleich so nahe stehen, so
scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt und in das Reich der Notwendigkeit
verwiesen“. Hat sich Goethe einerseits, als Zoologe und vergleichender Anatom, lebenslang mit der
Körperlichkeit der Tiere und damit der nahen Verwandtschaft von Mensch und Tier beschäftigt, so ist er
andererseits Vertreter einer strikten anthropologischen Differenz („unendliche Kluft“). Wie die Ambivalenz
von Tiernähe und Tierferne des Menschen und die damit verbundene Verunsicherung bei Goethe auf
verschiedene Weise literarisch umgesetzt wird, werde ich anhand des frühen Dramas Satyros oder der
vergötterte Waldteufel, der Thematisierung der Affen in den Wahlverwandtschaften und des umfassenden
Ordnungsentwurfs in der Metamorphose der Tiere erörtern. Mit der Lektüre dieser Werke im Kontext
zeitgenössischer zoologischer, anthropologischer und politischer Tierkonzeptionen werde ich in meinem
Vortrag insbesondere die grundsätzliche Literarizität, die Gemachtheit der Mensch-Tier-Grenze
untersuchen, die sich als prekäres, stabilisierungsbedürftiges Konstrukt beschreiben lässt. Damit leistet
die Analyse einen Beitrag zur Erforschung von Goethes zoologischer Ästhetik.
Philipp Restetzki (Mainz)
„Streben“ und „Liebe“ als spinozistische Motive in den „Faust“-Szenen „Prolog im Himmel“ und
„Bergschluchten“
„Es irrt der Mensch so lang er strebt“. Erst mit diesem Vers kann das Schicksal Fausts seinen Lauf
nehmen, wird damit doch Mephisto die Erlaubnis erteilt, Faust zu versuchen. Aber nicht nur in diesem
Sinne spricht der Herr im Prolog im Himmel diese Worte aus; ihr Echo mündet in den Bergschluchten in
jene Versen, die die Rettung der Seele Fausts begründen: „Wer immer strebend sich bemüht / Den
können wir erlösen“. Im Verweis auf den Prolog verbinden die Engel in derselben Strophe den Begriff des
Strebens nun direkt mit der Liebe, die in Relation zum Göttlichen gedacht wird und sinnstiftend für die
letzte Szene, mithin für die Auflösung der Tragödie ist.
Goethes intensive Beschäftigung mit dem lange als Atheisten geschmähten Philosophen Baruch de
Spinoza ist kein Geheimnis und gut dokumentiert – von seiner frühen Begeisterung um 1774 bis zu seiner
Rolle im Pantheismusstreit und darüber hinaus. Und wie Goethes Faust beginnt auch Spinozas Ethica in
ihrem Bezug auf den Menschen mit dem Streben (conatus) und endet in der letzten Erkenntnisstufe mit
der Liebe (amor dei intellectualis).
Der Vortrag soll verdeutlichen, dass das in beiden Werken miteinander verbundene Begriffspaar ‚Streben‘
und ‚Liebe‘ in den zwei Faust-Szenen in seiner spinozistischen Bedeutung von Goethe nutzbar gemacht
und uns so eine neue Beurteilung der Erlösung Fausts ermöglicht wird.
Autor
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
48
Dateigröße
107 KB
Tags
1/--Seiten
melden