close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

EU-Rekordapfelernte trifft auf russischen Importstopp

EinbettenHerunterladen
Betrieb und Markt
Bild: A. Schiebel
Ann-Sophie Schiebel
EU-Rekordapfelernte trifft auf russischen Importstopp
„Äpfel essen gegen Putin“ und „An apple a day keeps the Putin away“ geht dieser Tage durch die
Medien. Seit Russland Anfang August einen Importstopp für Obst aus der EU erhoben hat, ist die
Sorge unter den deutschen Obsterzeugern groß. In Anbetracht der prognostizierten Erntemengen
macht sich eine gewisse Nervosität unter den Marktteilnehmern breit. Doch wie groß sind die
Auswirkungen auf den deutschen Markt tatsächlich und wie kann man ihnen begegnen?
I
Vorbild Apfelessen
Bild: Landesbildstelle Baden
Tabelle 1
Apfelproduktion in der
EU-28* ab dem Jahr 2009
Quelle: WAPA
in 1.000 t
gesamt
darunter
Polen
Italien
Frankreich
Deutschland
- Niederelbe
- Bodensee
2009
n der EU wird in diesem Jahr eine Rekordernte
in Höhe von 11,9 Mio. t Äpfeln erwartet (Tab. 1).
Auf Polen, das die größte Ernte in der Geschichte
des Landes einfahren wird, entfallen davon rund
3,5 Mio. t. Weitere wichtige Erzeugerländer sind
traditionell Italien, Frankreich und Deutschland.
In den wichtigsten deutschen Apfelanbaugebieten
an der Niederelbe und am Bodensee wird jeweils
eine Vollernte erzielt und die Vorjahresmengen
teils deutlich übertroffen. Im deutschen Streuobstanbau wird die diesjährige Ernte auf 800.000t
beziffert. Alternanzbedingt betrug sie 2013 lediglich 300.000 t. Die große Warenverfügbarkeit im
Streuobst- und Hausgartenanbau wird die Nachfrage nach Tafeläpfeln in der Regel bis in den Dezember hinein entsprechend dämpfen. Erschwerend hinzu kommt die noch vorhandene alterntige
Tafelware (Jonagold-Gruppe, Idared), die nur
über Preise im Bereich des Industrieobstes vermarktet werden kann und den Markt zusätzlich
belastet. Dies alles sind Faktoren, die schwächere
Preise für die neue Saison 2014/15 erwarten las-
2010
2011
2012
sen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die
Preise in den beiden Vorsaisons mit 62,22 und
58,88 €/dt am Bodensee auf einem relativ hohen
Niveau bewegten (Abb. 1).
Eine Entlastung des Marktes könnte die Verwertungsindustrie bieten. Da sich die Tanks durch
Lagerräumungen zum Saisonende jedoch gut füllten, pendelt sich der Mostobstpreis aktuell am
Bodensee bei rund 5 €/dt ein. Zum Vergleich: in
der Saison 2013/14 wurden durchschnittlich
14,95 €/dt erzielt (Abb. 1). Auch der Großteil des
Streuobstanbaus fließt für gewöhnlich in die Saftindustrie. In Anbetracht des sehr niedrigen
Mostobstpreises ist es allerdings möglich, dass
vielerorts auf eine Ernte aufgrund mangelnder
Wirtschaftlichkeit verzichtet wird und somit weniger Äpfel als erwartet auf den Markt gelangen.
Sorge bereitet zudem der russische Importstopp,
der seit Anfang August unter anderem für Äpfel
aus der EU gilt. Russland ist für die EU ein wich-
2013
2014s
2014/13 in %
11.008
9.740
10.746
10.095
10.909
11.893
+9
2.600
2.237
1.651
1.071
335
265
1.850
2.179
1.579
835
260
235
2.500
2.293
1.701
953
280
310
2.900
1.939
1.169
972
283
269
3.170
2.122
1.576
804
182
244
3.540
2.388
1.487
1.036
334
294
+12
+13
-6
+29
+84
+21
s = Schätzung
* bezieht sich in jedem Jahr auf die Länder der EU-28
32
Landinfo 4 | 2014
Betrieb und Markt
tiger Exportmarkt. 62 % der russischen Apfelimporte entstammte 2013 der EU 28. Außerhalb der
EU greift Russland vor allem auf Ware aus Moldawien, China oder Serbien zurück. Insbesondere
China wird kurzfristig enorm profitieren, da Russland nun versucht, die Angebotslücken über andere Länder zu schließen. Direkt ist Deutschland nur
zu einem kleinen Anteil von der russischen Importsperre betroffen. In den vergangenen fünf
Jahren wurden ein bis drei Prozent der deutschen
Apfelproduktion nach Russland exportiert, ein
wichtiger Markt insbesondere für größere Kaliber
der Jonagold-Gruppe und Sorten wie Idared. Als
Exportmarkt verliert Russland für Deutschland
jedoch seit Jahren an Bedeutung, da vor allem Polen diesen Absatzkanal verstärkt nutzt. Seit Jahren
sinkt bereits der Exportanteil nach Russland
(Abb. 2). Üblicherweise sind die ersten Monate der
neuen Saison wenig entscheidend. Erst ab Januar
werden vermehrt Äpfel nach Russland ausgeführt,
wenn die dortige Eigenversorgung abnimmt. Viel
stärker wird allerdings der indirekte Effekt dieser
Sanktionen gesehen. EU-Mitgliedsstaaten, die den
russischen Markt nutzten, müssen sich nun andere
Absatzwege suchen. Dadurch werden größere
Mengen auch preisgünstigerer Äpfel auf den Inlandsmarkt drängen.
Um die Auswirkungen abzufedern, hat die EU ein
Hilfsprogramm auf den Weg gebracht. Mit insgesamt 82 Mio. € sollte der Apfel- und Birnensektor
entlastet werden. Wegen Unstimmigkeiten bei der
Antragsstellung wurden die Beihilfen jedoch vorerst ausgesetzt. Inzwischen wurde ein neues Programm verabschiedet, das zusätzliche Hilfen in
Höhe von 165 Mio. € vorsieht. Die beihilfefähigen
Mengen in den einzelnen Mitgliedsstaaten werden
nun genau benannt.
Unabhängig von möglichen Hilfszahlungen ist es
auch für Deutschland wichtig, andere Märkte zu
sichern beziehungsweise zu erschließen. In Asien
haben deutsche Produkte grundsätzlich einen guten Ruf - ein Aspekt, der verstärkte Exportbemühungen erfolgreich erscheinen lässt. Doch behindern teilweise Handelsbeschränkungen bislang
den Absatz. Die Importsperre Russlands kann
jedoch auch als Chance für den Inlandsmarkt begriffen werden, der den Apfelkonsum beim deutschen Verbraucher wieder in den Fokus rücken
und so langfristig steigern könnte. Seit Jahren essen die Deutschen weniger Äpfel. Lag der ProKopf-Verbrauch (inklusive Verarbeitung) 2005/06
noch bei 36,5 kg, wird er von BLE/BMEL in
2012/13 mit nur noch 24,7 kg angegeben. Betrachtet man den gesamten Obstverbrauch, ist
auch hier ein deutlicher Rückgang feststellbar.
Landinfo 4 | 2014
in EUR/dt
70
Tafeläpfel
60
Mostäpfel
50
40
30
20
10
0
99/00
01/02
03/04
05/06
07/08
09/10
11/12
13/14v
v = vorläufig
Abbildung 1
Preisverlauf bei Tafel- und Mostäpfeln am Bodensee (Erzeugerorganisationen)
in 1.000 t
in %
200
100
180
nach Russland
90
160
in übrige Länder
80
140
%-Anteil Russland
70
120
60
100
50
80
40
60
30
40
20
20
10
0
0
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
Abbildung 2
Deutsche Exporte von Tafeläpfeln von 2006 bis 2013
Beispiele aus anderen EU-Ländern zeigen einen
anderen Umgang mit der aktuellen politischen Lage. In der österreichischen Steiermark etwa kam es
nach einem Aufruf der dortigen Landwirtschaftskammer zu zahlreichen Solidaritätsbekundungen
und Aktionen im Einzelhandel sowie öffentlichen
Einrichtungen. In Polen entstand eine Initiative,
bei der sich im ganzen Land Menschen beim Apfelessen fotografierten oder filmten. Auf diese
Weise wird der Blick des Verbrauchers auf die
Bedeutung des Apfelkonsums gelenkt.
Vergleichbare Maßnahmen fehlen bislang fast
gänzlich in Deutschland, so dass das Thema aus
dem Fokus der breiten Öffentlichkeit zu geraten
droht und damit die Chance den Apfelkonsum zu
steigern vertan werden könnte. Von zentraler Bedeutung dabei wird jedoch der Preis sein. Nach
zwei hochpreisigen Jahren müsste der Endverkaufspreis für gelegte Ware aufgrund der beschriebenen Rahmenbedingungen wieder deutlich unter
zwei Euro liegen. Hier ist jetzt der Lebensmitteleinzelhandel gefragt. „
Ann-Sophie Schiebel
LEL Schwäbisch Gmünd
Tel. 07171/ 917-206
Ann-Sophie.Schiebel@lel.
bwl.de
33
Autor
Document
Kategorie
Bildung
Seitenansichten
1
Dateigröße
227 KB
Tags
1/--Seiten
melden