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20.01.2015, Terrorkarrieren - Wie Jugendliche radikalisiert

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Manuskript
Beitrag: Terrorkarrieren – Wie Jugendliche
radikalisiert werden
Sendung vom 20. Januar 2015
von Arndt Ginzel, Manka Heise, Sohad Khaldi, Herbert Klar, Birte Meier und
Susana Santina
Anmoderation:
Gute Vorsätze - normalerweise eine bloße Floskel zu jedem
Jahresbeginn. Jetzt aber sind sie in der Politik nötiger denn je.
Für eine wirksame Terrorabwehr sollte sich die Regierung ganz
schnell vornehmen, mehr für die Prävention zu tun. Statt nur
Gesetzesverschärfungen zu planen und Dschihadisten per
Passentzug an der Ausreise zu hindern, muss sie junge
Menschen, die anfällig sind für fanatische Verführer, viel früher
stoppen. Gleich am Anfang eines Weges, der sonst im
Terrorismus enden könnte. Manka Heise, Herbert Klar und Birte
Meier berichten über mörderische Radikalisierung und mangelnde
Prävention.
Text:
Terroralarm in Deutschland. Fast täglich Razzien und
Festnahmen von verdächtigen Islamisten.
O-Ton Thomas Mücke, Violence Prevention Network,
Frankfurt / Main:
Auffällig ist ein geringes Bildungsniveau. Auffällig ist, dass
sie Schwierigkeiten haben, Identität zu finden. Und auffällig
ist auch, dass sie ein geringes Selbstwertgefühl haben.
Es sind junge Männer wie diese: „Die Lohberger Brigade“ aus
Dinslaken - hier an der Terror-Front. Auf Facebook brüsten sie
sich mit den abgetrennten Köpfen ihrer Gegner.
Aus Deutschland sollen schon rund 600 Islamisten ausgereist
sein. Manche haben Migrationshintergrund, andere nicht. In
einem aber sind sich alle ähnlich:
O-Ton Thomas Mücke, Violence Prevention Network,
Frankfurt / Main:
Auffällig ist schon das Thema, dass sie religiös ungebildet
sind. Sie konvertieren nicht in eine Religion, sie konvertieren
in den Extremismus.
Auch in Wolfsburg gab es eine Festnahme: der Deutsch-Tunesier
Ayoub B. Der 26-Jährige soll laut Bundesanwaltschaft in Syrien
eine Kampfausbildung durchlaufen haben.
Mit seinem islamischen Glauben habe das nichts zu tun, sagt
Murat. Er kennt einige aus der Gruppe.
O-Ton Murat A.:
Also, ich glaube und denke halt, dass viele Jugendliche dort
runter gegangen sind, weil die keine Perspektive gesehen
haben. Die meisten sind auch teilweise sehr lange einen
schlechten Weg gegangen, viele waren im Gefängnis vorher.
So wie Zaid B.F., hier in der Mitte zu sehen. Auch er kommt aus
Wolfsburg, soll sich dem IS angeschlossen haben und gilt jetzt als
tot.
Hier posierte er mit dem Ex-Rapper und IS-Terroristen Dennis
Cusbert. Der verherrlicht das Netzwerk von Glaubensbrüdern
hinter Gittern in einem Musikvideo.
Gefängnisse spielen eine bedeutende Rolle bei der
Radikalisierung junger Männer und bei deren Rekrutierung.
So wendet sich zum Beispiel die salafistische LIES!-Aktion, die
vom Verfassungsschutz beobachtet wird, gezielt an Häftlinge. YouTube-Zitate:
O-Ton YouTube, Quelle Aktion LIES!:
Liebe Geschwister, wir sind hier in Wiesbaden vor der JVA.
Hinter uns ist die JVA, ein Jugendvollzug und auch eine
Untersuchungshaft. Da in dem Gefängnis war ich mehrere
Monate. Wir haben 100 Koran-Exemplare der JVA gebracht
und die werden an die Gefangenen ausgehändigt.
Und auch nach dem Tag der Entlassung rühmen sich die
Glaubensbrüder, füreinander da zu sein. Auch dies PropagandaMaterial auf YouTube:
O-Ton YouTube, Quelle OnLionMuslim:
Guck mal, die Brüder haben mir erzählt, du bist heute wieder
auf freiem Fuß und das erste, woran du denkst, ist mit den
Geschwister, inschallah, einen Infostand zu machen. Guck
dir das mal an.
O-Ton YouTube, Quelle OnLionMuslim:
Allah, direkt dabei.
O-Ton YouTube, Quelle OnLionMuslim:
Die haben ja ‘nen paar Monate Vorsprung, aber inschallah,
kannste einholen.
Ahmad Mansour arbeitet seit Jahren mit muslimischen
Jugendlichen und wurde dafür vergangenes Jahr ausgezeichnet.
O-Ton Ahmad Mansour, Psychologe, Beratungsstelle
HAYAT:
Die Salafisten sind die besseren Sozialarbeiter, obwohl
dieser Satz wahrscheinlich viele Leute wütend macht. Aber
sie sind da, wo die Jugendlichen ansprechbar sind. Sie sind
auf der Straße, sie sind da, wo die Jugendlichen Fußball
spielen, da wo die Jugendlichen ratlos, hilflos,
orientierungslos, da wo sie ihre Drogen konsumieren, da wo
sie Alkohol trinken, da wo sie Gewalt anwenden und auch in
Gefängnissen, da wo sie eigentlich auf Suche nach einem
Strohhalm sind, um sich besser zu fühlen und da sind sie.
Und da müssen wir auch da sein und Alternativen anbieten.
So wie in Niedersachsen. Dort ist man in Sachen Prävention
schon weiter. Hier in der JVA Hannover sind seit zwei Jahren
islamische Seelsorger im Einsatz.
Soner Durmaz ist einer von ihnen - ausgewählt von den
muslimischen Verbänden und dem Landesjustizministerium.
Dreimal im Monat kommt er hierher und soll den Gefangenen
einen gemäßigten Islam vermitteln - und so beispielsweise die
Insassen von Anschlagsplänen abhalten.
O-Ton Soner Durmaz, islamischer Seelsorger:
Wenn es der Fall bei mir sein sollte, also kommen würde,
würde ich sagen: Nein! In dem Glauben gibt es kein Attentat.
Oder: Ein Moslem kann nicht einen anderen ermorden. Das
ist nicht die Lösung.
Einen solchen vertrauenswürdigen islamischen Seelsorger zu
finden, ist gar nicht so einfach.
Das Problem: Es gibt in Deutschland viele verschiedene
islamische Verbände und Strömungen. Anstaltsleiter Matthias
Bormann beispielsweise bekam Soner Durmaz vom türkischen
Dachverband DITIB zugewiesen.
O-Ton Matthias Bormann, Leiter JVA Hannover:
Ich habe auch überhaupt gar keinen Einfluss auf die Auswahl
der Imame. Die Imame werden von DITIP selbst auch als
Verbandsvorstand berufen. Und ich muss mich auch darauf
verlassen können, dass die auch Imame berufen, die sich
natürlich auch an das Grundgesetz unserer Bundesrepublik
halten.
Immerhin eines von wenigen Projekten, die versuchen, die Gefahr
einzudämmen. Eine bundesweite Strategie gibt es dazu nicht.
O-Ton, Quelle IS-Propagandavideo:
Hallo Mama und Papa, ich bin schon seit Februar in Syrien
und ich bin nur gegangen, damit Allahs Wort das Höchste ist.
Nur eines von vielen YouTube-Videos aus Syrien und dem Irak.
Die Angst vor der Radikalisierung der eigenen Kinder ist
inzwischen in Deutschland angekommen, besonders bei
muslimischen Eltern.
In Berlin-Neukölln treffen sich jede Woche Väter. Väter, die sich
Sorgen machen und versuchen zu erklären, wie die jungen
Menschen auf fanatische Verführer reinfallen können.
O-Ton Alisan Genc, Vater:
Ich bin als Jugendlicher in Berlin in keine Disko
reingekommen, 20 Jahre später kommt mein Sohn in keine
Disko rein, obwohl der blendend aussieht, ja. Unterhalten Sie
sich mal mit ihm über westliche Werte, wenn er sich mitten in
Berlin aus dieser westlichen Gesellschaft ausgeschlossen
fühlt. Und diese Ausschlusserfahrungen sind natürlich sehr
hilfreich, wenn diese Rattenfänger mit archaischen
Heilsmethoden versuchen Jugendliche einzufangen.
Die Sorge, dass Rückkehrern nicht ordentlich geholfen wird, ist
groß.
O-Ton Kazim Erdogan, Gründer Vätergruppe Neukölln:
180, habe ich gelesen, sind zurückgekehrt. Und das sind
doch tickende Zeitbomben, auch für die Eltern oder für alle
Menschen, die in diesem Land leben, weil man nicht weiß,
was sie vorhaben. Sie sind traumatisiert, sie haben
wahrscheinlich Menschen ermordet, Menschen enthauptet,
und jetzt kommen sie dann hierher und man ist darauf noch
nicht so ganz vorbereitet. Sie brauchen dringend
Behandlung, Therapien.
Auch dafür fehlt in Deutschland ein übergreifendes Konzept.
Dabei macht die dänische Kleinstadt Aarhus vor, wie
Radikalisierte integriert werden können. Noch 2013 reisten von
hier aus 30 Dschihadisten nach Syrien. Hier YouTubePropaganda-Material.
Die Stadt reagierte mit einem Präventionsprogramm: Sie bietet
den Rückkehrern psychologische und medizinische Hilfe an und
unterstützt sie bei der Job- und Wohnungssuche. Das
Erfolgsrezept: Alle Behörden arbeiten zusammen, auch die
Polizei. Nach einem Jahr zog nur noch ein Einziger in den
Dschihad.
O-Ton Allan Aarslev, stellv. Polizeidirektor Aarhus,
Dänemark:
Wenn wir uns gemeinsam für diese jungen Menschen
einsetzen, sinkt das Risiko, dass wir umfassende Kriminalität
erleben.
Die örtliche Moschee ist auch mit dabei. Obwohl viele ISTerroristen angeblich von hier angeworben wurden. Mittlerweile
bekennt sich inzwischen der Imam zur Prävention.
O-Ton Oussama El Saadi, Imam:
Zu den jungen Leuten, die zurückkommen, sagen wir: Pass
auf, wir verstehen, dass du gefahren bist, um zu helfen - und
das hast du gemacht, okay. Danke. Aber du darfst unsere
Gesellschaft hier nicht zerstören. Wir sind ein Teil davon. Es
ist unsere Gesellschaft, hier haben wir unsere Kinder, unsere
Familien, alles. Wie früher in unserem alten Land. Dies ist
jetzt unser Land. Und wir sind sehr daran interessiert, dass
wir hier in Sicherheit leben, dass du das nicht zerstörst.
Auch in Deutschland gibt es Organisationen, die Erfahrung mit
Extremismus haben und schon gute Erfolge bei der Prävention
erzielten. Doch es sind wenige und es fehlt an einer
bundesweiten Strategie.
O-Ton Thomas Mücke, Violence Prevention Network,
Frankfurt / Main:
Wir haben zum Beispiel das Programm, was sehr wichtig ist,
die Arbeit mit extremistisch gefährdeten jungen Menschen in
den Jugendvollzugsprogrammen. Das war ein
Bundesprogramm gewesen, das ist zum 31.12. ausgelaufen.
Und es ist noch nicht finanziell gesichert, dass wir die
pädagogische Arbeit fortführen können.
O-Ton Ahmad Mansour, Psychologe, Beratungsstelle
HAYAT:
Wieso müssen wir warten, bis solche Anschläge in Paris
oder in Brüssel passieren, damit wir Gelder frei machen,
damit wir nach Lösungen suchen, damit die Medien sich so
intensiv mit dem Thema beschäftigen? Salafismus,
Jihadismus ist kein Thema von gestern. Das ist ein Thema,
das uns seit mindestens sieben, acht Jahren begleitet.
O-Ton Frontal21:
Das heißt, die Politik hat hier geschlafen und hat das
Problem einfach übersehen?
O-Ton Ahmad Mansour, Psychologe, Beratungsstelle
HAYAT:
Definitiv. Wir regieren nicht mehr, wie reagieren.
Wieso ist das so? Wir fragen nach bei der Innenministerkonferenz
und beim Bundesinnenministerium - keine Antwort.
Hier das Selbstmordvideo des 27-jährigen Rashid aus Frankfurt.
Er sprengte sich vergangenen August in einem irakischen
Regierungsgebäude in die Luft.
Solange junge Männer wie Rashid nicht aufgehalten werden,
bringen sie sich und anderen Tod und Terror.
Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur
zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten
unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen
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