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Das Magazin 4 vom 24. Januar 2015

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N ° 4 — 24. JA N UA R 2015
CHRISTIAN SEILER
ÜBER SEINEN VATER
S. 18
WIE MAN SICH NACHHALTIG SCHÄMT
S. 22
REICH GESEGNET
Der ungewöhnlichste Milliardär der Schweiz
Rund 10’000 Produkte,
selber hergestellt.
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––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Was uns am Herzen liegt, das
machen wir selber. Zum Beispiel
unser Bifidus Joghurt, das wir
in einem unserer eigenen
Schweizer Betriebe herstellen.
––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Mehr auf: www.vonuns-vonhier.ch
DA S M AGA Z I N 04/201 5 — BI L D C OV E R : A N DR I P OL ; E DI T OR I A L OBEN: S E RGE HOE LT S C H I; U N T EN: M A R I A Z I E GE L B Ö C K
EDITOR IAL/INHALT
Die Reichsten werden immer reicher,
das Vermögen von etwa 70 Millionen
Menschen, also des reichsten Prozents der Weltbevölkerung, wächst
immer schneller, die Entwicklungsorganisation Oxfam verweist auf den
grösser werdenden Graben zwischen
Arm und Reich vor allem in den
Entwicklungsländern. Die Behauptung,
die globale Ungleichheit insgesamt
nehme zu, ist jedoch bereits problematisch, hat doch vor allem der Aufstieg
Chinas zu einer Mittelschichtsnation
wiederum die Lücke gefüllt. Am
Weltwirtschaftsforum in Davos wird in
den kommenden Tagen vermutlich
viel von der globalen Ungleichheit die
Rede sein – mein Kollege Martin
Beglinger porträtiert in diesem Heft
(S. 10) einen Schweizer Milliardär, auf
den jedoch ganz und gar nicht die Heuschrecken-Metapher passt, die immer
wieder bemüht wird, wenn es um
Firmen geht, die sehr viel Kapital auf
dem Globus verschieben. Der Mann
heisst Fredy Gantner, kaum jemand
würde ihn auf der Strasse erkennen,
zudem ist er Mormone. Sogar noch Bischof einer Schweizer Mormonen­
gemeinde. Milliardär, Vermögensverwalter und Mormone – drei Begriffe,
welche die Ressentimentmaschine vieler sofort in Betrieb setzen.
Nicht so bei Martin Beglinger.
Für genau diese Art von Menschen hat
sich mein Kollege stets interessiert.
Umso mehr bedaure ich seinen Abschied
vom «Magazin» nach elf Jahren.
Ich bedanke mich bei dem
Kollegen für alles, was er für dieses
Heft geleistet hat. Finn Canonica
Die Wissenschaftlerin Jennifer Jacquet erzeugt
bei Umweltsündern ganz bewusst Gefühle der Scham.
Die Strategie ist erfolgreich. S. 22
Christian Seiler ist heute schon einige Tage älter,
als sein Vater je war. Darüber hat er in
einem sehr persönlichen Essay nachgedacht. S. 18
3
KOMMENTAR
WILLKOMMEN
IN EUROPA!
ausstehenden quantitativen Lockerungen der EZB mitzuziehen und den Euro
auf seiner kommenden Talfahrt zu begleiten. Es wäre davon auszugehen gewesen, dass eine Verteidigung der Untergrenze unter den kommenden verschärften Bedingungen die SNB-Bilanz noch
einmal um einen kräftigen Sprung verlängert hätte. Ein Anstieg auf mehr als
100 Prozent des Schweizer BIP wäre
durchaus plausibel gewesen. Die potenziellen Verlustrisiken, die eine so lange
Bilanz mit sich bringt, sind nicht unproblematisch.
Dennoch erscheint nicht einsichtig,
weshalb die SNB sie plötzlich nicht mehr
tragen wollte. Warum waren zwar 85 Prozent, nicht aber 100 Prozent tolerabel?
Ein etwaiges späteres Zusammenbrechen der Untergrenze hätte zwar noch
grössere Verluste mit sich gebracht und
das Eigenkapital der SNB höchstwahrscheinlich negativ werden lassen. Auch
das wäre jedoch im gegenwärtigen deflationären Markt­umfeld kaum ein Problem gewesen: Vorübergehend negatives
Eigenkapital bringt eine Notenbank bekanntlich nur dann in Schwierigkeiten,
wenn sie inflationäre Liquidität schöpfen
muss, um ihren eigenen Verbindlichkeiten nachzukommen. In der gegenwärtigen Situation ist das ein unwahrscheinliches Szenario.
Am plausibelsten erscheint, dass die
SNB deshalb einen überstürzten Politikwechsel eingeleitet hat, weil sie eine sehr
pessimistische Prognose macht für die
Entwicklung in der Eurozone, nicht nur
aufgrund der EZB-Entscheide, sondern
auch aufgrund der politischen Risiken in
Griechenland und anderen Südländern.
Das mag richtig sein. Allerdings würde
dies bedeuten, dass die SNB mit massiven Fluchtgeldbewegungen in den nächs-
ten Wochen rechnet – und also auch mit
einem gigantischen Druck auf einen
nicht mehr interventionistisch geschwächten Franken. Alle Entwicklungen, die dafür sprechen, die Untergrenze
aufzugeben, weil ihre Verteidigung zu
teuer wird, sprechen erst recht dafür,
dass ein ungeschützter Franken durch die
Decke geht. Aus dieser Sicht erscheint
der von Finanzministerin WidmerSchlumpf anvisierte Neukurs von 1.10
Franken pro Euro als reichlich verwegenes Wunschdenken.
Irritierend an der SNB-Kommunikation ist die Tatsache, dass sich die Deflationsgefahr offenbar urplötzlich in Luft
aufgelöst haben soll. Als die Nationalbank 2011 die Untergrenze einführte,
war die Deflation die Hauptrechtfertigung. Auch heute hat die Schweiz wieder negative Teuerungsraten. Weshalb
lässt man heute zu, dass sie weiter absinken, während bis anhin negative Inflationserwartungen als inakzeptabel
galten?
Dass die SNB zu einer konventionelleren Form der Geldpolitik – gesündere Bilanzen, weniger Intervention, weniger künstliche Liquidität – zurückkehren will, ist im Prinzip nachvollziehbar.
Leider aber kann Normalität nicht erzwungen werden. Solange das Wachstum
stagniert und mit einem globalen Schuldenüberhang zu kämpfen hat, werden
die Notenbanken die Weltwirtschaft mit
Liquiditätsspritzen am Laufen halten.
Etwas Besseres steht ihnen nicht zur Verfügung. Dass die SNB nicht mehr vorbehaltlos mitmachen will, erfreut die geldpolitischen Dogmatiker – aber gewiss
nicht die Schweizer Wirtschaft.
Dina Lasha, 32, Oberwil BL
Ich will für sie,
was meine beiden
Mamis für mich
wollten.
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Alle Möglichkeiten und dass sie glücklich wird.
Das konnte mir meine leibliche Mutter nicht bieten.
Deswegen hat sie mich zur Adoption freigegeben
und gehofft, dass ich bekomme, was sie sich für
mich wünscht. Jetzt bin ich selbst Mami und jetzt
liegt es an mir, ein Kind zu beschützen.
Dinas ganze Geschichte auf
generali.ch/zuhoeren
DA S M AGA Z I N 04/201 5 Von DANIEL BINSWANGER
«Sie machten eine Politik, die funktionierte. Warum sind sie ausgestiegen?» So
formuliert Nobelpreisträger Paul Krugman das grosse geldpolitische Rätsel, das
letzte Woche einen Tsunami über die
Devisenmärkte hereinbrechen liess, reihenweise Forex-Broker in die Pleite trieb
und in der Schweiz für dramatisch gesenkte Konjunkturprognosen, rote Köpfe
und Protestgebrüll von allen Seiten
sorgte.
Thomas Jordan muss schwerwiegende Gründe gehabt haben, um die
Schweizer Volkswirtschaft einem so gravierenden Risiko wie einer schockartigen Frankenaufwertung auszusetzen.
Gründe für eine Aufgabe des Euro-Mindestkurses gibt es zwar tatsächlich – aber
sie erscheinen weder absolut zwingend,
noch kann man behaupten, dass sie heute wesentlich schwerer wiegen als vor gut
drei Jahren, als die Untergrenze eingeführt wurde. Der dramatische Kurswechsel der SNB dürfte eher einer geldpolitischen Grundsatz­überzeugung als einer
empirisch abgesicherten Risikoabwägung geschuldet sein.
Die Schweizer Volkswirtschaft wird
potenziell einen bitteren Preis bezahlen
müssen für die SNB-Repositionierung
im Dogmenstreit der Geldpolitiker. Der
Sonderweg der Konjunkturentwicklung,
den die Schweiz seit dem Ausbruch der
Eurokrise erfolgreich beschritten hat,
dürfte an ein Ende gekommen sein. Jordan führt uns zurück ins Herz des europäischen Kontinents. Willkommen in der
Wirtschaftszone mit anämischem bis negativem Wachstum, steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Deflation.
Der Zeitpunkt des Kurswechsels lässt
keinen Zweifel daran, dass er motiviert
war durch den Unwillen der SNB, mit den
Um zu verstehen, muss man zuhören.
Lebenssituationen sind vielfältig, unsere Lösungen auch.
DA N I EL BI N S WA NGER ist Redaktor bei «Das Magazin».
4
HAZEL BRUGGER
WARUM FR AUEN NICHT SO LUSTIG SIND
lachen. Ernst nehmen kann man solch
einen Anblick nicht, die Flucht nach vorn
ist das eigene Auslachen. Nur Witzeleien können einen nackten, unerigierten
Mann noch liebenswürdig und nicht
komplett erbärmlich erscheinen lassen.
Der Frau hingegen bleibt, egal, wie
albern sie nackt auch aussehen mag, im-
mer noch die Fähigkeit, innerhalb weniger Monate eine andere, noch nie von der
Welt gesehene Person aus sich herausspazieren zu lassen. Beeindruckend. Wer
das kann, hats nicht nötig, von irgendetwas abzulenken, und wer das kann, hat
vor allem Sinnvolleres zu tun, als sein
Antlitz und die Harmonie für eine poten-
ziell missglückte Pointe zu opfern. Will
man so richtig zum Lachen bringen,
muss man sich auf sehr ehrliche, verletzlich machende Art exponieren.
Wer zum Lachen bringt, verlangt
aus­serdem immer auch Aufmerksamkeit, ist dominant und hält das, was er
oder sie sagt, für wichtiger als das, was
sonst gesagt würde. Je grösser das
Publikum (seien dies nun Bekannte an einer Party oder zahlende,
fremde Zuschauer), umso unkontrollierbarer die Reaktionen, die
das Gesagte auslöst. Bringt der
Mann tausend Leute zum Lachen,
von denen die Hälfte Frauen sind,
stehen seine Chancen nicht
schlecht, dass gleich mehrere mit
ihm schlafen wollen. Das triebgesteuerte Tier freut es, denn je
mehr Nachwuchs produziert wird,
desto mehr überlebt später auch,
dem Witz sei Dank.
Ist die Person im Rampenlicht
hingegen eine Frau und wollen
mit ihr gleich fünfhundert Männer auf einmal ins Bett, bringt ihr
das in Sachen Nachwuchsquantität herzlich wenig.
Was an Frauen, die trotzdem
gerne öffentlich andere zum Lachen bringen, anders ist, weiss ich
nicht genau. Aber dass man sich
von der Ernsthaftigkeit des Alltags nicht überfahren, zerquetschen und verkrüppeln lassen soll, das
ist natürlich klar. Denn weniger lustig als
Frauen sind schliesslich nur Männer, die
einer Frau ganz ernsthaft erklären, dass
sie sie überraschend lustig finden.
H A Z EL BRUG GER SHOW A N D T EL L , 29. Jan., 17. Feb., 5./17. März 2015, jeweils 20 Uhr im Theater Neumarkt.
Die Slampoetin H A Z EL BRUG GER schreibt hier im Wechsel mit Katja Früh.
Bild LU K A S WA S SM A N N
6
DA S M AGA Z I N 04/201 5 «Du bist aber sehr lustig – für eine Frau»,
muss ich mir manchmal anhören und
fühle mich dann so, als wäre ich eine Tetraplegikerin, der man sagt, sie beherrsche ihren Rollstuhl so gut. Nur dass ich
das Gegenüber in dieser Situation dann
leider nicht geschickt mit meinem Gefährt überfahren kann. Ich antworte darauf jeweils mit ernster Miene, dass
ich auch nicht wisse, was da schiefgelaufen sei bei mir, und dass man
das wohl therapieren und mich
einschläfern lassen müsse.
Dieser als Lob gemeinte und
als Beleidigung servierte Kommentar trägt immer diese eine
Grundfrage mit sich: Warum sind
Frauen im Allgemeinen weniger
lustig als Männer? Oder, vielleicht
etwas passender formuliert:
Warum haben weniger Frauen es
nötig, so lustig zu sein wie viele
Männer? Humor ist schliesslich
kein instinktiv vorhandener, überlebenswichtiger Teil der Grundausstattung des Menschen, Humor ist Flucht vor der unlustigen
Realität, eine Tugend aus der Not,
Humor macht eigentlich nicht
wirklich Sinn.
Ein sehr lustiger Freund von
mir antwortete mir auf die Frage,
warum Männer lustiger seien als
Frauen, einmal mit der Gegenfrage, ob ich schon einmal einen
schlaffen Penis gesehen habe. Ich musste lachen und ihm recht geben. Wer den
grössten Teil des Tages mit einer kümmerlichen Fleischpatrone in der Hose
herumlaufen muss, die er als Kleinkind
schon ausgiebig beim Spielen in Szene
gesetzt hat, kann eigentlich nur über das
Leben und alles, was darin vorkommt,
DA S M AGA Z I N 04/201 5 M A X KÜNG
LESEN SIE DIESEN TITEL GANZ LANGSAM
«Slow» sei der Megatrend des neuen Jahres, sagte ein Kollege.
Es war mir in den Tagen zuvor schon aufgefallen, dass mein
Kollege langsamer zu reden schien seit dem Jahresbeginn. Ich
hielt dies zuerst für Nachwirkungen der Silvesterparty, aber
nun war mir klar: Er lebte langsamer. Dann riss er ein Zuckerbriefchen auf, ganz langsam, liess den feinkörnigen Inhalt in
den Kaffee rieseln und begann, mit sachten Bewegungen die
Brühe umzurühren. Und als sei dies nicht genug der Demonstration seines neuen Lebensstils, zog er ohne Hast den Pulloverärmel zurück und zeigte mir eine Uhr. «Das ist die Slow Watch»,
sagte er. Ich runzelte meine Stirn, bis sie aussah wie das Hinterteil von Maxi, dem Elefantenbullen im Zoo, und mit feinem
Zweifel gewürzte Worte kamen aus meinem Maul: «Heisst das,
dass sie langsamer läuft?» – «Nein, schau, sie hat nur einen
Zeiger, und eine Umdrehung des Zeigers entspricht nicht zwölf,
sondern vierundzwanzig Stunden – so wird die Zeit nicht auf
die Sekunde genau angezeigt, noch nicht mal auf die Minute
genau.»
«Und wozu soll das gut sein? Das Tolle an der Zeit ist doch,
dass man sich tatsächlich auf sie verlassen kann, im Gegensatz
zu den meisten anderen Dingen im Leben.»
«Es entschleunigt mich. So schlage ich der Diktatur der Zeit
ein Schnippchen. Nicht die Zeit herrscht über mich, sondern ich
herrsche über die Zeit. Slow eben!»
«Dann müsstest du ja in ein anderes Land zum Leben.»
«Hab ich auch schon gedacht. Kanada. Diese Weiten ...»
«Ich dachte eher an die Slowakei oder Slowenien.»
Lange gab mein Kollege mir zum Abschied die Hand und
lächelte das verschmitzt-wissende Lächeln der Frau aus der
Echinaforce-Werbung, die mir immer einen Schauer über den
Rücken jagt. Er sagte: «Versuch es auch. Beherrsche die Zeit.
Und übrigens: Ich stricke jetzt. Stricken ist das neue Yoga.»
Nicht lange Zeit später stand ich vor dem hypnotisierend gros­
sen Regal mit Zeitschriften am Bahnhofskiosk, um mich für
eine bevorstehende Zugsfahrt aufzumunitionieren, als mir
mein Kollege wieder in den Sinn kam. Denn wo ich normalerweise nur Velo-, Auto- und Modelleisenbahnmagazine sah, da
fand ich nun lauter Zeitschriften zum Thema Entschleunigung.
Sie heissen «Emotion – Zeit für neue Gedanken», «Auszeit»
(mit toller Story über Tantramassage und tollem Rezept für
Sauerkrautsuppe plus Workshop «Wolle färben»), «Herzstück
– Inspirationen für Leib & Seele» und «Flow – Das Magazin für
Achtsamkeit, Positive Psychologie und Selbstgemachtes».
Die Slowisierung schreitet voran: Slow Food gibt es ja
schon lange, aber nun gibt es auch Slow Holidays, Slow Fashion, Slow Journalism und – selbstverständlich – die Slow-Carb
Diet. Und was kommt als Nächstes? Slow Economy lässt sich
einfach einrichten in diesen Zeiten, aber ich denke, vor allem
die Welt des Sports steht vor grossen Herausforderungen und
hat eine gehörige Portion Nachholbedarf an Entschleunigung.
Ich freue mich schon auf die Slowlympics (vor allem wenn der
Doppelrodel so langsam wie nur möglich ins Ziel zu kommen
versucht).
Und auch vor dem Extremismus wird die Slow-Bewegung
nicht haltmachen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Slow
Dschihadismus salonfähig wird (mit dem Slogan «Nur nid
gschpränggt»); so etwas wie Slow Nationalsozialismus haben
wir mit Pegida ja schon.
Die Ansage für 2015 ist also die totale Entschleunigung.
Werdet slow! Bremst die Zeit aus. Aber sofort, subito, schnell,
schnell! Es pressiert!
PS: Nach dem Lesen nun bitte gaaanz laaangsaaam umblättern. Daaaaanke.
M A X K Ü NG ist Reporter bei «Das Magazin».
7
DR AUSSEN SEIN MIT: VICTOR IA SCHULZ
Die Schauspielerin spaziert entlang der ehemaligen Berliner Mauer bis nach
Pankow, wo sie seit ihrer Kindheit lebt.
DA S M AGA Z I N 04/201 5 Von SVEN BEHRISCH
Am Ende des Spaziergangs, in der Wilhelm-Kuhr-Strasse 3 in
Berlin-Pankow, erinnern ein Emailleschild und eine ins Glas
der Eingangstür gravierte zylinderartige Flasche daran, dass
hier einmal Reinhold Burger gelebt hat, der die Thermoskanne
erfand. Studiert hat er nicht, stattdessen reiste er herum und
arbeitete, wo es ihn interessierte, bis er genug wusste und konnte, um in Berlin eine Glasinstrumentenfabrik zu gründen, die
präziseste, die es weit und breit gab. Vor dem Haus steht Victoria Schulz, die 125 Jahre später zur Welt kam und ein paar
Strassen weiter wohnt. Sie ist Anfang zwanzig, hat auf eine
Schauspielausbildung verzichtet und stattdessen gerade in ihrem dritten Kinofilm die dritte Hauptrolle gespielt. Alle drei
Filme haben dieses Jahr Premiere. Wie Reinhold Burger stand
sie vor der Wahl, entweder zuerst ein paar Jahre mit Trockenübungen zu verbringen oder lieber gleich das zu machen, was
sie interessiert.
Vorliebe fürs Planlose
Zu wissen, was man möchte, ist vielleicht die grösste, weil eine
der rarsten Gaben, über die man verfügen kann. Victoria Schulz
scheint sie in jeder Hinsicht zu besitzen. Das fängt beim Treffpunkt für den Spaziergang an: Am Schwedter Steg soll man
sich treffen, weil man von dem aus einen weiten Blick über
das ehemalige deutsch-deutsche Niemandsland, den Prenzlauer Berg und Mitte hat; von dort solle es weitergehen auf dem
Mauerweg, einem Spazierpfad entlang der ehemaligen Berliner Mauer bis zum Bürgerpark im heimatlichen Stadtteil Pankow, in dem sie seit ihrer Kindheit lebt. Sie trägt einen rosafarbenen Kunstledermantel, einen schwarz-weiss karierten Rock,
und in das kurze Haar hat sie sich ein buntes Tuch gebunden,
dessen Enden in der frühlingshaft lauen Luft dieses sonnigen
Januartages zwischen den kahlen Ästen eines Kirschgartens
flattern. Die Japaner haben ihn nach der Wende als Symbol der
Freude über die neue Einheit angelegt, an einer Stelle, die noch
immer mehr Brache als Park in einer Stadt ist, deren Charme
und Anziehungskraft auch daher rührt, die Dinge einfach mal
laufen zu lassen.
Mit der Planung hat es auch Schulz nicht so. Sechs Jahre
war sie alt, als eine Bekannte der Familie, die als Garderobenfrau am Deutschen Theater arbeitete, ihr die erste Rolle vermittelte: In Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» wurde sie,
fauchend und in einem Pantherkostüm, über die Bühne getragen. Doch obwohl ihr der Einstand ins Theaterfach so überzeugend gelang, dass sich eine Dame im Publikum über die Tierquälerei beklagte und sich bei ihr seither der Wunsch verfestigte, Schauspielerin zu werden, liess sie, von einem Kurs an der
Volkshochschule abgesehen, die Sache erst einmal ruhen. Sie
spielte Basketball, fotografierte, schrieb Gedichte und ging sehr
gern aufs Gymnasium in Pankow, wo sie, «ja, schon», eine
ziemlich gute Matura hingelegt hat. «Sieht aus wie Hogwarts»,
sagt sie, als wir dann an dem in der Tat beeindruckenden Gebäude vorbeikommen.
Schliesslich war es so weit, dass sie die Schauspielerei irgendwie angehen musste. Auf Anhieb nahm man sie für eine
weitere Rolle am Deutschen Theater, dann ging sie, da allgemein empfohlen, auf eine Schauspielschule. Ein knappes Jahr
hielt sie es aus, dann brach sie ab. Denn vom Stand weg wurde
sie für den Film «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer
Eltern» gecastet, harter Tobak, bei dem sie an der Seite von Lars
Eidinger die Hauptrolle spielt: eine geistig behinderte Frau, die
einem Psychopathen verfällt und vom umhätschelten Kind zur
Frau reift (Uraufführung am 23.Januar an den Solothurner Filmtagen, im Kino ab 15. Februar). Nahtlos folgten das zweite, dann
das dritte Angebot. Nun, in der Ruhe vor dem Sturm der grossen Festivals, auf denen sie in ihren Filmen zu sehen sein wird,
schreibt sie mit einem befreundeten Regisseur an einem Drehbuch, freut sich auf alles, was noch so kommen mag, und dass
sie nicht, wie ihre Altersgenossen, beim Sprechunterricht sitzt.
Für viele, sagt sie, sei diese Zeit der Orientierung an einer
Schauspielschule ja wichtig, in der die Fähigkeiten und Vorlieben reifen können, drei oder vier Jahre in einem scheinbar geschützten Rahmen mit festen Dozenten. Aber einerseits mussten bei ihr gar keine Vorlieben reifen, denn sie wusste ja bereits,
was sie mochte und, viel wichtiger, was sie auf keinen Fall
wollte; und andererseits missfiel ihr die Vorstellung, die Schauspielerei wie ein Handwerk zu erlernen. Schauspiel sei doch
der Kunst viel näher als dem Handwerk: Und für Kunst – zumindest sehe sie das derzeit so – brauche man Freiraum, die
Möglichkeit, Dinge für sich selbst herauszufinden, und keinen
getakteten Zehnstundentag mit gemeinsamem Mittagessen
in der Schulkantine.
Durch ein gelbes Tor laufen wir in einen Park. Die Beete
sind mit Tannenzweigen abgedeckt, das Gras gepflegt, die
Hecken beschnitten. «Das ist der Bürgerpark», erklärt Schulz,
denn: «Er sieht ja auch sehr bürgerlich aus.» Stimmt das eigentlich, dass man den Dingen und Menschen äusserlich ansieht, was sie innen drin sind: ob bürgerlich, neurotisch oder
geizig? «Das ist ja die grosse Frage beim Schauspielen», sagt sie:
«wie das Äussere und das Innere miteinander zusammenhängen. Wenn ich zum Beispiel Kopf und Schultern senke, dann
fühle ich mich anders, als wenn ich wie jetzt erhobenen Hauptes
laufe.»
Und erhobenen Hauptes geht sie die Wilhelm-Kuhr-Stras­
se entlang, vertraulich das Haus des Thermoskannenmannes
grüssend.
Victoria Schulz auf dem Schwedter Steg in Berlin.
Bild JÖRG BRÜG GEM A N N
9
DER WEG DES
PATRIARCHEN
DA S M AGA Z I N 04/201 5 Er ist einer der hundert reichsten Schweizer.
Und garantiert der einzige Milliardär, der auch noch
Bischof und Seelsorger ist. Wer ist Fredy Gantner?
Von Martin Beglinger
Bilder Andri Pol
Fredy und Cornelia Gantner im Kirchgemeindehaus der Mormonen in Samstagern.
10
11
Fredy, der Expander
Auch in diesem Jahr figuriert er wieder auf der Reichstenliste
des Blattes, zum siebten Mal in Folge. Er sagt es zwar nicht so,
aber Gantner hasst diese Liste. Denn mit jeder weiteren Ausgabe sieht er sich wieder mit der Frage konfrontiert, «ob diese
Superreichen eigentlich auch noch Menschen sind».
Durchaus. Hier steht einer: einsneunzig gross, mächtige
Postur, dunkelbraune Locken. Alfred Gantner, 46, trägt einen
schwarzen Anzug, ein weisses Hemd und eine markante Fliegeruhr am Handgelenk. Seine Schwiegermutter nennt ihn
einen «Expander»: Wo er reinkommt, da füllt er gleich den
Raum mit seiner offenen und direkten Art.
Nach einer Viertelstunde wechselt er flugs zum Du – «Ich
bin der Fredy» – und fragt nach Kaffee. Selber trinkt er ein Gebräu, das aussieht wie ein perfekter Latte macchiato, doch ei-
12
nem Gast würde er das nie zumuten. Es ist Caro, Kaffeeersatz.
Schmeckt scheusslich. Er hat sich längst daran gewöhnt, weil
er echten Kaffee nicht trinken darf, wie erst recht keinen Alkohol, so will es das «Wort der Weisheit».
Weit mehr als die Reichstenliste ärgert ihn der miserable
Ruf seiner Branche. Ja, der Vergleich mit den Heuschrecken sei
«leider nicht nur völlig falsch», ein Blick auf die Schlagzeile
des Tages reicht: «Rekordbusse für die UBS nach Devisenmanipulationen.» – «Da wirds mir übel, richtig übel», flüstert er,
dessen Unternehmen jährlich Währungsrisiken in der Höhe
von 50 Milliarden Dollar absichern muss. «Vom Geld, das diese
Händler illegal verdient haben, gehören Millionen unseren
Kunden.»
Gestartet ist die Partners Group 1996 als Finanzboutique
für Unternehmerfamilien. Viel Geld begannen sie erst ab 1999
zu verdienen, nachdem sie voll auf Private Markets gesetzt
hatten, ein amerikanisches Businessmodell, das in Kontinentaleuropa noch fast niemand betrieb. Es bedeutet, dass institutionelles Geld in Firmen, Immobilien oder Infrastrukturprojekte investiert wird, die nicht an der Börse gehandelt werden. Oder besser: noch nicht, denn das Ziel des Investments
ist ein Weiterverkauf oder ein Börsengang.
Also doch Heuschrecken? Einfallen, aushöhlen, abstossen, abkassieren?
«Eben gerade nicht!», ruft Gantner aus und redet sich ins
Feuer. «Bei uns gehts um Nachhaltigkeit und nicht um ein Nullsummenspiel!» Denn die PG investiere nicht nur Kapital, sondern engagiere sich auch zwischen vier und zehn Jahren direkt im Management.
Beispiele?
«Wir bauen ein Spital in Südengland. Ein Krebsforschungszentrum für 3500 Forscher in Melbourne. Wind- und Solaranlagen in Mitteleuropa. Eine Entsalzungsanlage in Kalifornien.
Neue Eisenbahnlinien in Australien. Tiefseekabel zwischen
Brasilien und den USA. Und so weiter. Hier passiert viel Gutes, Produktives mit dem Geld unserer Kunden!»
Mittlerweile verwaltet die höchst konservativ, weil nie mit
Fremdkapital finanzierte Partners Group über 40 Milliarden
Franken Kundengelder, vorwiegend von Pensionskassen und
Versicherungen. Mehrere Zehntausend Arbeitsplätze habe ihr
Unternehmen bisher geschaffen, Hunderte Millionen Franken Steuern bezahlt – und nicht zuletzt weit über hundert Millionen Pensionskassenmitgliedern zu einer guten Rendite verholfen. «Nein», beteuert Fredy Gantner nochmals, «als Heuschrecken sehen wir uns definitiv nicht.» Mögen die Schweizer
Aufsichtsbehörden auch skeptisch sein gegenüber PrivateEquity-Firmen, er hält sein Geschäft für «eine nahezu ideale
Form des Investierens von Vorsorgegeldern und somit des
nachhaltigen Geldkreislaufes».
Hier spricht der «exzellente Verkäufer», als den ihn viele
beschreiben. Wahr ist aber auch: Die Partners Group ist bislang tatsächlich bemerkenswert skandalfrei. Gantners Ruf in
der Branche: Triple A. Die Firma hat ihren Börsenwert innert
acht Jahren vervierfacht, und doch ist in 19 Jahren keine einzige negative Schlagzeile über sie zu finden. Ein Wunder in der
Finanzwelt.
Mögen die Schweizer Aufsichtsbehörden auch
skeptisch sein gegenüber Private-Equity-Firmen – Gantner
hält sein Geschäft für eine nahezu ideale Form des
Investierens von Vorsorgegeldern.
Fredy Gantner sinkt zwar jeden Morgen zum Gebet auf die
Knie, bevor er ins Büro fährt, doch mit Beten allein entsteht
kein Sieben-Milliarden-Konzern, der hoch rentabel ist und in
der Champions League der Branche spielt. Partners Group ist
nicht die Caritas. Der Geschäftsmann Gantner ist ein tough
guy, das sagen alle, die ihn gut kennen. «Ein knallharter Verhandler», sagt einer von ihnen. Die Finanzkrise 2008 habe er
«eiskalt ausgenützt», als viele Banken taumelten und Firmen
und Immobilien mit 70 Prozent Rabatt notverkaufen mussten. Die solvente Partners Group stand bereit und strich Riesengewinne ein – «für unsere Kunden», wie Gantner betont.
Im Büro ist Fredy Gantner der Antreiber. Er hält die gros­
sen Motivationsreden, wenn die Belegschaft von New York
bis Tokio per Video nach Baar zugeschaltet ist; er sorgt für eine
fast schon familiäre Stimmung im Laden, an Firmenfesten
schwitzt er beim Tanzen Haar und Hemd glatt durch. Natürlich weiss Gott stocknüchtern.
DA S M AGA Z I N 04/201 5 Er ist reich und religiös – oder besser: Er ist sehr reich und sehr
religiös, und das ist fast schon die ultimative Todeskombination für einen guten Ruf in der säkularen Schweiz. Wer als Financier schon mehrere Hundert Millionen verdient hat und privat
für die Mormonen missioniert, der darf bestenfalls wählen, ob
er in der Öffentlichkeit lieber als Heuschrecke gelten will oder
als verschrobener Frömmler.
Würde man meinen.
Als die Familie Gantner 2012 via Radio eine Million Franken für die Weihnachtsaktion «Jeder Rappen zählt» spendierte,
da giftete ein Kritiker auf Facebook, diese Inszenierung als
edle Gönner sei «zum Kotzen». Andere mögen auf solche Anwürfe hin PR-Berater oder Anwälte engagieren – falls sie überhaupt reagieren. Nicht so Alfred Gantner. Er postete gleich persönlich zurück: «Du kennst mich und meine Familie ja gar
nicht. Und Du hast auch keine Ahnung, wie wir mit unserem
Geld umgehen. Vielleicht bin ich ja gar nicht zum Kotzen.»
In der Zwischenzeit ist Alfred Gantner wieder um 30 oder
40 Millionen reicher geworden, und auch in seiner Kirche ist er
aufgestiegen: zum Bischof. Gleichwohl kennt noch immer kaum
ein Mensch auf Schweizer Strassen den vielleicht ungewöhnlichsten Reichen dieses Landes.
Zeit für einen Besuch. Nicht in Oberägeri, wo er mit seiner
Familie wohnt, sondern an der Zugerstrasse in Baar, wo er mit
zwei Kollegen, vier Interio-Tischen und null Fremdkapital eine
Firma für Vermögensverwaltung gegründet hat: die Partners
Group. Das war im Jahr 1996. Heute ist sie ein Investmentunternehmen mit über 700 Mitarbeitern, 18 Niederlassungen rund
um die Welt und einem aktuellen Börsenwert von 7,8 Milliarden
Franken. Exakt 10,01 Prozent davon gehören Alfred Gantner.
300 der 700 Angestellten arbeiten am Hauptsitz in Baar, in
einem vierstöckigen Glasbau, der auf einem Dutzend silberner
Säulen ruht. Gantners Büro liegt im vierten Stock, ein Eckbüro,
nicht gross, aber eindrücklich. Selten entdeckt man auf dem
Schreibtisch eines Schweizer Financiers ein Bild von – Jesus.
Es steht direkt neben dem Telefon, in einem schlichten Rahmen, A5-Format. Rechts von Jesus liegt der Businesscase für
eine Firmenübernahme, daneben ein Buch mit dem Titel «Eigentlich müsste ich längst tot sein» und am Rande des Tisches
die neuste «Bilanz».
Nicht ganz wie Christus
«Der Fredy» ist für alle offen, aber zugleich gibt er in sehr irdischem Ton den Tarif durch und staucht manchmal Leute zusammen, dass es ihm hinterher leid tut. Ein «wohlwollender
Patriarch» sei er, sagt ein langjähriger Vertrauter. «Ich bin ein
sehr emotionaler Mensch. Das ist eine grosse Stärke und zugleich meine grösste Schwäche.» Da habe er «einen nicht ganz
christusähnlichen Charakter», witzelt er.
Seine ersten Franken hat Fredy mit Wanderdiscos verdient,
doch bereits als Konfirmand, so erzählt er, interessierten ihn
auch die ewigen Fragen des Lebens. Woher wir kommen. Wohin wir gehen. Gott. In einem protestantischen Elternhaus im
Aargau aufgewachsen, Fünfter von fünfzehn Stöcken, war Fredy schon immer ein neugieriger Mensch, ein Suchender. Einer seiner Freunde war Zeuge Jehovas, ein anderer Muslim,
und den ersten Kontakt zu den Mormonen fand der 14-Jährige
über seine ältere Schwester und ihren späteren Mann, die beide Mitglied der Kirche waren.
Neun Jahre lang war er Beobachter am Rand, stellte Fragen, Fragen, Fragen; und dachte er nicht über Gott nach, ging
es in seinem Leben vor allem um Märkte. Finanzmärkte. Nach
einer kaufmännischen Berufslehre wurde er mit 21 Börsenhändler in Zürich.
Im Sommer 1991 vermittelte ihm dann sein Schwager einen
Sprachaufenthalt in den USA, aber nicht irgendwo, sondern an
der Brigham Young University in der Nähe von Salt Lake City,
quasi dem akademischen Mekka der Mormonen. Fredy war
elektrisiert von dem Riesencampus, von dieser «Mischung aus
Spiritualität und intellektueller Neugier»; da waren 35 000 junge Mormonen, und alle liessen sich offenbar leiten vom «Wort
der Weisheit» im Buch Mormon, wonach es besser kommt im
Leben, wenn man sich von der Sucht nach Tabak, Kaffee und Alkohol befreit und auf Sex vor der Ehe verzichtet. Er war «so unglaublich fasziniert» vom Geist und Gemeinschaftssinn auf
diesem Campus, dass er sich umgehend taufen liess.
Ein Jahr später war er zurück in Utah, nicht nur frisch getauft, sondern auch frisch verheiratet mit Cornelia, einer gleichaltrigen Schweizer Mormonin mit indischen Wurzeln, die er
in Wettingen kennengelernt hatte. Sie begannen an der BYU
zu studieren, er Finanzwissenschaften, sie Journalismus, und
beide schlossen so erfolgreich ab, dass sie einen Job bei NBC
in New York fand und er bei Goldman Sachs an der Wall Street.
Goldman Sachs – der Himmel aller Investmentbanker! Aber
Fredy Gantner war kein Banker wie alle. Andere «Goldies»,
wie sie in der Branche heissen, begossen ihre fünfstelligen Tagesprovisionen in den Bars der Stadt und freuten sich auf mehr;
er hingegen, der nicht mal wässrigen Filterkaffee anrührt, ging
nach Hause, verbrachte seine knappe Freizeit mit Frau und
Kind, dankte Gott für den prächtigen Tag und bat um den Segen für den nächsten. Mit 28 verdiente er eine Million Dollar im
Jahr, doch was ihm fehlte, war der Sinn. Nur immer mehr Geld
war ihm bald zu wenig. Er wollte etwas Eigenes aufbauen. So
kündigte er seinen goldenen Job nach zwei Jahren, was eigentlich niemand verstand ausser zwei seiner Kollegen, Marcel Erni
und Urs Wietlisbach, ehemalige «Goldies» auch sie. Aus ihnen
wurde das Gründertrio der Partners Group, von denen heute
jeder 10 Prozent an den PG-Aktien hält. (Der nächstgrössere
Aktionär ist Black Rock, der grösste Vermögensverwalter der
Welt, mit 5 Prozent.)
Ein Mormone und zwei Atheisten
Die drei teilen vieles, nicht aber den Glauben an Gott. Gantners
Mitgründer sind harte Atheisten. Aber sie finden sich, wenn es
um Werte, um Berufsethik, im Grunde um die berühmte goldene Regel geht: Behandle den andern so, wie du selber behandelt werden möchtest.
Logisch, dass Gantner dies von einem glaubenstreuen Mormonen ganz besonders erwartet. Nicht erstaunlich auch, dass
er immer mal wieder Leute von «seiner» Brigham Young University für die Partners Group rekrutiert hat. Denn nicht nur
unter ihresgleichen gelten Mormonen als arbeitsam, zielstrebig und wirtschaftlich überdurchschnittlich erfolgreich. In den
Anfangsjahren der PG waren drei von neun Geschäftsleitungsmitgliedern Männer aus seiner Kirche, darunter der langjäh-
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Quer zu allen Parteien
Tragisch nahm er es nicht. Als Retter einer zunehmend gottlosen Schweiz sah er sich ohnehin nicht, und vielleicht ist es
auch besser, dass er die Politik ausliess, denn mit seinen Ansichten über Gott und die Welt liegt er quer zu jedem Parteiprogramm.
Linke und Grüne? Zu etatistisch und zu atheistisch. «Dort
ist Religion ein No-Go. Dabei ist doch weitgehend sozial eingestellt, wer heute nach dem Evangelium zu leben versucht.
Was ist schlecht daran?»
Der Unternehmer Gantner versteht sich als Wirtschaftsliberaler, hält den freien Markt für einen Segen, müsste also ein
Freisinniger sein. Doch die FDP ist ihm zu familienfeindlich.
Die CVP wiederum hält er zwar für familienfreundlicher, aber
sonst für immer sozialdemokratischer. «Du würdest dich bei
uns nicht wohlfühlen», sagte ihm mal sein guter Kollege und
Fastnachbar in Oberägeri, CVP-Nationalrat Gerhard Pfister.
Bleibt die SVP. Mit ihr teilt er zwar die Ablehnung eines
EU-Beitritts und den Respekt für Christoph Blocher. Ansonsten aber ist ihm vieles «zu populistisch und zu intolerant», etwa
die Minarettinitiative, die ihm «völlig unverständlich» ist.
Er, der Chef einer durch und durch globalisierten Belegschaft mit Bürosprache Englisch, war für die Masseneinwanderungsinitiative, weil er es für selbstverständlich hält, dass
die Schweiz, wie jedes andere Land auf der Welt, ihre Einwan-
derung selber steuern will. «Kein Staat und keine Familie lässt
alle herein, die möchten. Nur in der Kirche heissen wir jeden
willkommen», merkt er lächelnd an. Zugleich zeigte er Verständnis für die Forderungen nach einem Mindestlohn, auch
für Minders Abzockerinitiative hatte er «grosse Sympathien».
Die Partei, die zu Fredy Gantner passt, ist offensichtlich
noch nicht erfunden. Das Land hingegen schon: die Schweiz.
Die Isolationsängste teilt er überhaupt nicht, vielmehr hält er
das Land «historisch vielleicht für den bestmöglichen Platz auf
Erden für ein pflegliches Zusammenleben auf hohem Niveau».
Obwohl es, den leeren Kirchen nach zu schliessen, immer
gottloser wird.
Gerade für die Mormonen ist der Boden hier besonders
hart. Während die Kirche weltweit boomt und die Zahl der Mitglieder in den letzten 40 Jahren von 3 auf 15 Millionen angewachsen ist, dümpelt sie in der Schweiz bei 8000 Mitgliedern.
Kein Wunder, bei diesen Ansprüchen. «Wir wachsen aus eigener Potenz», meint Gantner schmunzelnd. Die meisten Mormonen haben drei bis sechs Kinder. Er hat fünf.
Ohne Politik und exekutives Mandat in der Firma hat er
jetzt mehr Zeit für seine Kirche. Sie steht – noch vor dem Unternehmen – auf Platz zwei der Prioritätenliste seines Lebens.
Religion – kein einfaches Thema in der Schweiz, er weiss es.
Er bindet es auch niemandem auf die Nase. So mancher Bekannte ist ganz froh, wenn er mit Fredy Gantner über die Partners Group reden kann anstatt über Engel oder über den Propheten Joseph Smith, jenen 14-jährigen Bauernsohn aus Vermont, dem Gott und Jesus im Jahr 1820 erschienen; sie gaben
ihm persönlich den Auftrag, «das Buch Mormon zu übersetzen
und das Evangelium wiederherzustellen», wie er es in seiner
Lebensgeschichte schreibt. So gründete Smith im Jahr 1830
die «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» – so der
offizielle Name.
Viele Leute halten das für jenseits von Gut und Böse, auch
dies weiss Fredy Gantner. Mormonen, das klingt gerade in vielen Schweizer Ohren nach Sekte, Intoleranz und Obskurantismus. Und ganz von ungefähr kommt auch dieser Ruf nicht. Ursprünglich ordinierte die Kirche weder Schwarze noch Homosexuelle zum Priestertum, hingegen war Polygamie erlaubt und
bis vor Kurzem gar die posthume Taufe von Holocaustopfern.
«Stimmt», sagt Gantner. «Doch das wurde unterdessen
korrigiert.» Dass ihr Gründer tatsächlich bis zu 40 Frauen hatte, räumte kürzlich gar der Haushistoriker der Mormonen öffentlich ein. Die Vielehe «wurde bereits 1890 abgeschafft, eheliche Treue gilt längst als eines der höchsten Gebote, und jede
Form von Polygamie führt seit Jahrzehnten unweigerlich zum
Ausschluss aus der Kirche», sagt der Bischof.
Die Frage der Toleranz
Was Gantner am meisten ärgert, ist der Vorwurf der Intoleranz.
Er hält ihn für vollkommen ungerecht, «vor allem aus dem
Mund von jenen, die dauernd von Toleranz reden». Viele Protestanten anerkennen die Mormonen nicht als Christen, obwohl auch die Bibel ihr Leitfaden ist und nicht nur das Buch
Mormon. Bei diesem Thema zitiert Gantner am liebsten Lessings Nathan und dessen Weisheit, dass Gott seine Kinder alle
gleich liebt, unabhängig von der Religion. Selber sagt er es so:
«Toleranz heisst doch: Cool, dass ihr einen anderen Glauben
habt! Gerade in der Religion ist Vielfalt eine grosse Qualität.»
Heisst Toleranz für ihn auch, dass Karikaturisten über die
Mormonen spotten dürfen wie «Charlie Hebdo» über Muslime oder Christen? «Sie dürfen» – auch wenn er es weder gut
noch sinnvoll findet. Immerhin: Er habe selber «stellenweise
mitgelacht» in einem satirischen Musical über die Mormonen.
Was den Vorwurf der Sekte betrifft, so ist Gantners Schwester sein bestes Gegenbeispiel. Ausgerechnet sie und ihr Ehemann, die Fredy zu den Mormonen brachten, sind selber wieder ausgetreten. Es war ihnen «zu eng» geworden in dieser
Kirche, wie Sibylle Gantner sagt, die Skepsis gegenüber der
Lehre war zu gross. «Doch unser Austritt war nie ein Problem.
Von Sekte oder Gehirnwäsche kann keine Rede sein», und auch
das Verhältnis zu ihrem Bruder schildert sie als «herzlich wie
eh und je».
Fredy Gantner beschäftigt sich nun seit 30 Jahren mit dem
Mormonismus und hat trotzdem noch immer nicht auf jede
Frage eine Antwort gefunden. «Es ist wie ein Puzzle.» Doch
gewiss ist für ihn, dass das Leben nicht mit der Geburt beginnt
und ebenso wenig mit dem Tod erlischt. Für die Mormonen
existiert ein «vorirdisches Leben», in dem der Mensch als
Seele bei Gott lebte. Nach dem physischen Tod verbleibt die
Seele im eigenen «Geistkörper» bis zur Auferstehung, dem
Dasein in der Ewigkeit. Wie genau, das weiss Gantner nicht,
doch für ihn ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass er
seine Familie im nächsten Leben wiedersehen wird. Sie steht
schon in diesem Leben zuoberst auf seiner Prioritätenliste.
Mormonen heiraten nicht, bis dass der Tod sie scheidet; sie
lassen ihre Ehe im Tempel «siegeln» – «bis in alle Ewigkeit».
Ein Mormonentempel, wie es in der Schweiz nur einen in
Zollikofen bei Bern gibt, ist für Nichtmitglieder tabu. Aber in
einer normalen Kirchgemeinde sind selbst agnostische Journalisten jederzeit willkommen. «Komm einfach vorbei», sagt
Fredy, unkompliziert wie immer.
DA S M AGA Z I N 04/201 5 rige Finanzchef. Zeitweilig waren 8 Prozent der Mitarbeiter in
Baar Mormonen, und deshalb gabs manchmal Sticheleien:
«Bist du auch einer von denen?»
«Ja.»
«Okay, dann bist du wenigstens ehrlich.»
Doch einen Kirchenbonus in der Firma gab es nie. Der Erste der wenigen Mitarbeiter, die Fredy Gantner in den letzten
19 Jahren entlassen hat, war ein Mormone; die Leistung hatte
nicht gestimmt. Falsch offenbar auch die Vorstellung, die Kirche sei eine Art religiös getarnter Rotary Club zum Aufgleisen
geschäftlicher Deals. «Das Gegenteil ist wahr», sagt Gantner:
«Wer diese Karte bei mir spielt, der hat schon verloren.»
Fredy Gantner war in der Partners Group schon alles, was
man in einem Unternehmen werden kann: Mitgründer, CEO,
Präsident des Verwaltungsrates. Seit Frühling 2014 beschränkt
er sich auf die Rolle eines einfachen, wenn auch sehr aktiven
Partners und VR-Mitgliedes. Zudem leitet er als Vorsitzender
das Global Investment Committee der Firma. So bleibt er der
charismatische Expander im Hintergrund.
Fast hätte sich Fredy Gantner einmal in der Politik versucht. Inspiriert von freisinnigen Freunden und wohl auch ein
bisschen von Mitt Romney, dem berühmtesten aller Mormonen, der schon 2012 gegen Barack Obama antrat und auch 2016
wieder um das Amt des US-Präsidenten kämpfen wird, wollte
Gantner 2011 für die FDP in die Zuger Kantonalpolitik einsteigen, um dann 2015 als Nachfolger von Rolf Schweiger für
den Ständerat zu kandidieren. Dazu kam es nicht, weil Schweiger bereits im Sommer 2011 überraschend vorzeitig zurücktrat – zu früh für den Quereinsteiger, der damals gerade auf
Weltreise war.
Taufen zählen zu den Höhepunkten für einen Bischof, ob in
einem Tempel, im Taufbecken des Kirchgemeindehauses oder
im eiskalten Ägerisee, wo Fredy Gantner auch schon einen geistigen Bruder unter Wasser tauchte.
An diesem Sonntag steht keine Taufe an, dafür die Ordinierung von Bruder Linus, einem jungen Flüchtling aus Nigeria, der mit seiner Familie zu den Mormonen in Samstagern gefunden hat und nun vor Bischof Gantner auf einem Stuhl sitzt,
während dieser und drei weitere Priester ihre Hände feierlich
auf sein Haupt legen und ihn selber zum Priester weihen.
Und natürlich ist am Sonntag Predigt. Wobei hier jedes
Mitglied eine halten darf, nicht nur der Bischof. Kurz sind sie
alle. Fredy Gantner hat sich diesmal das Thema «Glücklich
sein» ausgesucht, und das Überraschendste daran ist, dass er
weniger das Buch Mormon oder die Bibel zitiert, sondern vor
allem den amerikanischen Psychologen Martin Seligman und
dessen Glücksformel.
Dann wird gesungen, gebetet, gesegnet, auch gelacht,
während die Kinder auf dem Boden spielen oder malen. Und
mittendrin die Gantners: Mutter, Tochter, drei Söhne; der vierte und älteste Sohn ist auf Mission. Eine strahlende Familie,
die so glücklich aussieht wie alle Mormonenfamilien in den
Prospekten ihrer Kirche.
Wer ein schwermütiges Hausmütterchen erwartet hat, der
liegt weit daneben. Cornelia Gantner wirkt so lebensfroh wie
ihr Mann. Sie fährt Porsche, ein Hochzeitstagsgeschenk von
Fredy. Zum Gottesdienst erscheint sie im eleganten Deuxpiè-
Taufen im eiskalten Ägerisee
Am ersten Advent, einem nebligen Sonntagmorgen, ist es so
weit. Im ländlichen Samstagern, hoch über dem Zürichsee, trifft
sich die örtliche Mormonengemeinde zum Gottesdienst, 120
«Brüder und Schwestern», vom Säugling bis zum 80-Jährigen,
die Frauen im Rock, die Männer im Anzug, unter ihnen drei
Kaderleute der Partners Group. Fredy Gantner steht vor dem
neuen Kirchgemeindehaus und begrüsst jedes Mitglied herzlich wie an einem grossen Familienfest.
Seit einem Jahr ist er nun Bischof, also eine Art Gemeindepfarrer, und das bleibt er für die nächsten vier bis sechs Jahre.
Es ist ein Laienamt wie fast alle Funktionen in der Kirche. Während 10 bis 15 Stunden pro Woche organisiert er das Gemeindeleben. So geht er zu Familien auf «Hirtenbesuch» und hilft
auch mal bei einer Budgetplanung mit, aber nicht durch eine
private Spende, sondern indem er seine Mitglieder zu mehr
Selbstverantwortung anhält. Als Bischof ist er auch Seelsorger
von 30 Jugendlichen mit durchaus irdischen Problemen, von
der Lehrstellensuche bis zum Liebeskummer.
Der Expander: Fredy Gantner in einem Sitzungszimmer der Partners Group in Baar.
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Die Hotelkarriere
Dazu war sie aus Zufall gekommen, als die Gantners im Jahr
2007 einen Feriensitz für ihre Grossfamilie auf der Lenzerheide suchten. Ein Haus fanden sie nicht, hingegen ein langsam
verlotterndes Hotel namens Guarda Val. «Das können Sie sich
nicht leisten», sagte der Besitzer zum Interessenten, den er
nicht kannte. Gantner konnte, investierte am Ende gar 40
Millionen, während seine Frau ihr Talent als Gestalterin entdeckte und ihre Leidenschaft als Gastgeberin. Sie renovierte
das Guarda Val so überzeugend und belebte es mit neuem Geist,
dass es nun regelmässig zum Hotel des Jahres gekürt wird.
Zwei Jahre lang sei das Guarda Val ihr «Baby» gewesen,
erzählt Cornelia Gantner. Machbar war das nur mit einer temporären Haushaltshilfe. «Mit diesem Projekt war ich plötzlich
interessant» und auch in jenen Tischrunden cool, wo es ansonsten gleich still wird, wenn sie über ihr Familienbild spricht.
Weitere Hotelrenovationen, die ihr angetragen wurden, lehnte sie ab. Cornelia Gantner wollte wieder hauptsächlich Mutter und Hausfrau sein, also kochen, putzen, waschen und in
erster Linie die Kinder umsorgen – alles, was sie auch schon
früher gemacht hatte, während ihr Mann seine Vierzehnstundentage in der Firma abspulte, allerdings nie an Wochenenden, die waren «heilig». Sie hat es «keinen Moment als Verzicht empfunden» oder gar als Opfer.
Es gab Situationen, da fühlte sich Cornelia Gantner mehr
auf der Anklagebank als an einem Geschäftstreffen mit ihrem
Mann: Wenn sie sich anhören musste, eine Akademikerin wie
sie sei als Mutter eine volkswirtschaftliche Verschwendung.
Das nimmt sie mittlerweile gelassen, während ihr Mann «bei
diesem Thema auch schon die Contenance verloren» hat, wie
er sagt. «Es ist beelendend, wie wenig Wert in unserer Gesellschaft der Erziehung der Kinder beigemessen wird.»
Aber wem obliegen Erziehung und Hausarbeit? Schreibt
das seine Kirche nicht der Frau vor?
«Überhaupt nicht. Für mich gibt es kein richtiges Modell. Mein Schwager hat in den letzten fünf Jahren den Hauptteil der Erziehungsarbeit übernommen, während die Mutter zu
80 Prozent berufstätig war. Das ist genauso wertvoll. Meine
Frau hat als Mutter von fünf Teenagern, als Heimgestalterin
und Präsidentin unserer karitativen Stiftung sicherlich eine
ebenso anspruchsvolle berufliche Aufgabe.»
Auch in der Partners Group gibt es diverse familienkompatible Angebote, und eines, auf das Fredy Gantner besonders
stolz ist, ist das Familiensabbatical. Er selber meldete sich
2010 gleich ein ganzes Jahr aus seinem Unternehmen und die
Kinder von der öffentlichen Schule ab, worauf die Gantners
mit einem Wohnmobil durch die halbe Welt fuhren.
Bevor der Bischof das Kirchgemeindehaus in Samstagern
abschliesst, putzt er noch rasch einen verschmutzten WC-Ring,
den er im Vorbeigehen sah, dann steigt Fredy Gantner in seinen
nachthimmelblauen Porsche Panamera. Ja, auch er hat einen.
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Er tat sich lange schwer, auch in der Kirche damit vorzufahren, weil er weiss, dass «die Vorurteile gegenüber Reichen bei
uns die gleichen sind wie anderswo».
Gerade deshalb will er ein ganz normales Mitglied wie jedes andere sein, das auch dann bei der Kleidersammlung oder
beim Quartalsputz anpackt, wenn keine Journalisten dabei
sind. Und er zahlt wie alle Mitglieder seinen Zehnten auf den
Lohn samt Kapitalgewinn an die Kirche. Nur sind das bei ihm
mehrere Millionen – pro Jahr.
Luxus ist keine Sünde bei den Mormonen, aber ebenso
wenig Ausdruck von Gottgefallen, wie das die Calvinisten
glaubten. «Ich kenne viele Mitglieder, die weitaus bessere und
glaubenstreuere Menschen sind als ich, und trotzdem bringen sie es finanziell auf keinen grünen Zweig», sagt Gantner.
«Es gab auch schon arbeitslose Bischöfe – und vielleicht waren sie gerade darum wundervolle Hirten.»
Hunderte Millionen verdienen – und verlieren
Er ist auch weit von der Vorstellung entfernt, es sei sein Verdienst, was er verdient. Sein Erfolg sei «zwar nicht grad wie
Lotto gewesen», auf jeden Fall aber mit viel Glück verbunden.
«Wir lagen draussen auf unseren Surfbrettern, dann kam die
grosse Welle. Klar, du musst im richtigen Moment dort sein,
musst vorher trainiert haben und sie dann runtersurfen. Aber
ohne diese Welle wären wir nicht durchgestartet. Gerade deshalb sehen wir unseren Wohlstand auch als grosse gesellschaftliche Verpflichtung.»
Geld, sagt er, habe ihm nie viel bedeutet, auch nicht als
Jungverheiratetem in einer engen Einzimmerwohnung. Aber
klar, das sagt sich heute leicht mit einem Konto wie seinem, vor
allem nach dem Börsengang der Partners Group im April 2006.
Über Nacht hatte Fredy Gantner damit mindestens doppelt so
viel verdient wie die Herren Ospel, Grübel und Vasella im gleichen Jahr zusammen. Steuerfrei.
Ein paar Wochen nach diesem Treffen wird die Partners
Group innerhalb einer einzigen Stunde an der Börse 1,3 Milliarden Franken weniger wert sein – am Tag, als der Franken
vom Euro entkoppelt wird –, und trotzdem klingt Gantner am
Telefon erstaunlich entspannt.
«Trotz allem Erfolg ist er kein arroganter Neureicher geworden. Auch das macht ihn zu einem so angenehmen Zeitgenossen», sagt Franz Humer, der langjährige CEO und Präsident von Roche, mit dem Gantner seit einigen Jahren befreundet ist. Er schätzt ihn als «Geschäftsmann mit Handschlagqualität», mit dem man nicht nur über Aktienkurse reden könne,
sondern ebenso über die Familie, die Politik, die Oper oder
Ethik. Ihn zu missionieren, versichert Humer, der Salzburger
Katholik, habe der Fredy freilich noch nie versucht.
In den Monaten vor dem Börsengang, erzählt Cornelia
Gantner, hatten sie bei Freunden und auch einem Paartherapeuten Rat eingeholt, wie die Familie den absehbar über sie
hereinbrechenden Reichtum seelisch unbeschadet überstehen könne.
«Möglichst normal» wollten sie bleiben, «nicht abheben»,
und das hiess für die Mutter zunächst einmal: weiterhin keine
Hausangestellten. Selber putzen, waschen, kochen und damit
ein Vorbild bleiben. Die Kinder wiederum müssen bis heute
ihr Taschen- und Kleidergeld ansparen, wenn sie unbedingt
Markenjeans kaufen wollen.
Ja, die Familienferien seien teurer geworden, sagt Fredy
Gantner. Aber selbst für einen Zwölfstundenflug nach Los
Angelos zwängte er sich in einen Economy-Sitz. Auch für ihn
musste reichen, was er für die Kinder für gut genug hielt. Irdischer Reichtum, lehrt der Vater die Kinder, ist vergänglich. So
hält er eine fundamentale Geldentwertung nicht für ausgeschlossen, gerade im Euroraum, dessen Hütern er wenig traut.
Der Mensch, dies sein zweiter Rat, sei überdies nicht geboren, um reich zu werden, sondern um charakterlich und intellektuell zu wachsen. Jeden Tag. So steht es im Buch Mormon.
Der dritte Rat, um auf dem Boden zu bleiben, ist ein praktischer: die Mission. Jedes Mitglied ein Missionar, heisst ein
geflügeltes Wort der Mormonen. Es ist ein Soll, kein Muss, er
selber war nie auf Mission, weil er damals, «als frisches
23-jähriges Mitglied, noch nicht bereit für dieses Opfer war».
Trotzdem hält es Fredy Gantner für die vielleicht beste Lebensschule. 88000 Jungmormonen, fast die Hälfte davon
Frauen, sind derzeit auf der ganzen Welt unterwegs, immer zu
zweit, jeder in dunklem Anzug, weissem Hemd und Krawatte
oder im Sonntagsrock – wer hat sie noch nie gesehen in einer
Fussgängerzone oder an der eigenen Haustüre?
Es ist eine harte Schule, gerade in der Schweiz. Diesem
Land geht es zu gut für die Missionare, hier werden sie ignoriert
oder belächelt, nur selten hört jemand zu. Doch es hat den
Vorteil, dass die Mormonen hervorragend Fremdsprachen beherrschen und ebenso die Kunst des beharrlichen Dranbleibens. Beides ist nützlich fürs Leben wie im Beruf.
Auch der älteste Sohn der Gantners ist seit bestandener
Matura unterwegs. Die Kirchenzentrale in Utah hat ihn nach
Spanien geschickt, wo er zwei lange Jahre mit vier Euro pro Tag
durchs Land marschiert, sechs mal zwölf Stunden pro Woche,
am siebten Tag wird geruht. Periodisch schicken ihm die Eltern ein Fresspäckli und ein neues Paar Schuhe, Anrufe sind
zwei pro Jahr erlaubt, Besuche gar keine. Aber schreiben darf
man. Und was der Vater im Missionsblog seines 19-jährigen
Sohnes liest, der verzweifelten Spaniern, die die Finanzkrise
auf die Strasse spülte, zum Glauben verhilft, das rührt den Vater zu Tränen vor Rührung und Stolz.
Natürlich ahnt er, wie das bei Kritikern ankommt: als
zweijähriges Brainwashprogramm. Und selbst Freunde des
Hauses argwöhnen, ob vielleicht nicht doch sanfter oder auch
weniger sanfter Druck hinter alldem steckt.
Mitnichten, sagt der Vater und freut sich, dass wohl auch
der Zweitälteste nach der Matura auf Mission gehen wird. Wer
das alles nicht selber wirklich will, der halte das nicht durch.
Ob man es ihm glaubt? Was andere davon halten? Letztlich kümmert es ihn nicht. Fredy Gantner, der Mormone, der
Milliardär geworden ist, geht seinen Weg. •
M A RT I N BEGL I NGER verabschiedet sich mit diesem Artikel nach elf Jahren von der Leserschaft des «Magazins».
Künftig wird er für das Magazin «NZZ Geschichte» tätig sein. Der Fotograf A N DR I P OL lebt in Basel; www.andripol.com
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DA S M AGA Z I N 04/201 5 ces, balanciert auf hohen Absätzen und ginge problemlos als
Model in einem Magazin über die arrivierte Businessfrau durch.
Und tatsächlich ist sie eine arrivierte Businessfrau, nämlich
eine der erfolgreichsten Hotelières der Schweiz.
agazin «connect»
Das unabhängige Fachm
«mobile Telefonie»
vergibt die Bestnote für
llen Test erhält das
neu an Sunrise: Im aktue
samtnote «SEHR GUT».
Sunrise Mobilnetz die Ge
r Federer, wechseln
Machen Sie es wie Roge
nrise.ch /RF
auch Sie zu Sunrise. su
Wenn dieses Magazin erscheint, bin ich um neunzehn
Tage älter, als mein Vater je war.
Von Christian Seiler
Bilder Maria Ziegelböck
DA S M AGA Z I N 04/201 5 Eine Vater-Sohn-Geschichte
Am 30. Mai 1993, dem Tag, als mein Vater starb, war er 53 Jahre und 103 Tage
alt, und ich hatte die stampfende gute
Laune eines Hangovers. Tags zuvor war
ein Freund von mir vierzig geworden. Er
hatte in unserem gemeinsamen Stammlokal im Zürcher Kreis 5 eine Party geschmissen, wir hatten viel getrunken und
gelacht, und ich war schliesslich mit einer Frau, die nicht meine Freundin war,
nach Hause ge­gangen. Ich wusste, dass
mein Vater die Nacht in Wien im Krankenhaus verbrachte, aber ich mass dem
keine grös­sere Bedeutung bei. Er hatte
Schmerzen im Bauchraum gehabt und
war deshalb in die Notaufnahme gegangen, so viel war klar; aber niemals wäre
ich auf den Gedanken gekommen, dass
der Grund dieser Schmerzen – wie sich
später herausstellte: die Entzündung der
Bauchspeicheldrüse – meinen Vater umbringen würde, und zwar binnen 24
Stunden.
Als wir am Tag vor seinem Tod zum
letzten Mal miteinander telefonierten –
ich in Luzern, er in Wien auf der Internen
im Krankenhaus Lainz –, fiel mir zwar auf,
wie schlecht und angestrengt er klang,
aber die Schärfe der Bedrohung drang
nicht zu mir durch. Mein Vater war vielleicht nicht mehr jung, aber keinesfalls in
einem Alter, dachte ich, in dem man
stirbt. Wenn aus der wechselhaften Geschichte unserer Beziehung ein Motiv
herausstach, dann war es jenes der Zukunft, von der wir – er 53, ich 32 Jahre alt
– noch reichlich zu haben schienen. In
dieser Zukunft würde vieles von dem,
was zwischen uns ungesagt und un­getan
geblieben war, ausgesprochen und ausgelebt werden, und allein deshalb schien
mir der Gedanke absurd, dass das kurze,
inhaltslose Telefongespräch an sein
Krankenbett zu famous last words werden könnte. Wir waren noch nicht fertig miteinander. An Abschied nicht zu
denken.
Auf meine Frage, wie es ihm gehe,
antwortete er: «Nicht gut.» Logisch, sonst
wäre er ja nicht ins Krankenhaus gegangen. Dass er Mühe beim Sprechen hatte,
dass er Angst hatte, verzweifelt war, kann
ich heute hören, in meiner Erinnerung,
aber nicht damals, an diesem Samstag
im Mai des Jahres 1993. Ich notierte die
Telefonnummer meines Vaters auf die
Rückseite der aktuellen «Spiegel»-Ausgabe – Titelgeschichte war ein Porträt
des obskuren VW-Managers José Ignacio
López – und fragte ihn, ob es okay sei,
wenn ich am nächsten Tag um dieselbe
Zeit wieder anrufe. Er sagte Ja – was sonst.
Ich dachte an jenem Abend kein einziges
Mal mehr an meinen Vater, der im Wiener Krankenhaus seine letzte Nacht erlebte.
Mein Vater war früh Vater
Mein Vater klagte nie über die prekären
Umstände seiner Jugend. Er war 1940 in
Wien auf die Welt gekommen, mitten im
Zweiten Weltkrieg, sein Vater starb 1945
in russischer Gefangenschaft, deshalb
musste mein Vater als ältester von drei
Brüdern den Mann im Haus darstellen,
was er irgendwie hinkriegte. Alle drei
Brüder schafften es, keine Selbstverständlichkeit, aufs Gymnasium. Mein
Vater war der Begabteste. Er konnte gut
zeichnen, sein Strich war fein und sicher.
Er wollte Architekt werden, aber als er
20-jährig sein Architekturstudium begann, lernte er eine junge Frau kennen,
die kein Jahr später meine Mutter war.
Es ist der Normalität der frühen
Sechzigerjahre geschuldet, dass die Episode nicht übergangen oder wegredigiert
wurde, sondern in ein folgenreiches Missverständnis mündete. Volles Programm:
Hochzeit im Frühjahr, Geburt des Knaben im Herbst, Unglück im Winter, Trennung im nächsten Frühjahr. Der Knabe,
ich, wuchs bei der Grossmutter auf, der
Mutter meines Vaters, und das war – im
Gegensatz zum Beziehungs­leben meiner Eltern – eine gute Idee.
Mein Vater, 21, heuerte dann ohne
Studium in einem Architekturbüro an,
aber anstelle inspirierender, kreativer
Prozesse, die er sich wahrscheinlich erträumt hatte, warteten auf ihn vor allem
die Aufgaben, vor denen sich Architekten
gern drücken: Organisation, Kontrolle,
Zeitplan. Wenn man am Schluss fragte,
was denn eigentlich sein Anteil an einem
Bauwerk sei, antwortete mein Vater:
«Dass es steht.»
Unter der Woche wohnte ich bei der
Grossmutter, am Wochenende holte mich
der Vater ab. Meistens fuhren wir im
Döschwo seinen Bruder besuchen, meinen Onkel, der selbst zwei Töchter hatte,
dort wurde ich den Girls überlassen. Die
Männer spielten einander neue Jazzund Rockplatten vor, rauchten Zigaretten
und tranken Bier. Musik, Rauch, Rausch:
Aus diesem Material bestehen meine frühen Erinnerungen. An viele Ausflüge ins
Grüne kann ich mich nicht erinnern, an
Museums- oder Theaterbesuche gar
nicht, und auf Urlaub fuhren wir nur zweimal: einmal zu zweit an einen Kärntner
See, ein anderes Mal gemeinsam mit der
neuen Freundin meines Vaters nach Jugoslawien, wo ich nur widerstrebend einwilligte, mit an den FKK-Strand zu gehen.
Mein Vater hatte in meinen Augen
etwas Wildes, Romantisches. Er war selten da, man konnte niemals genau sagen,
wann er auftauchen würde. Er hatte sich,
Roaring Sixties, die Haare lang wachsen
lassen, bis auf die Schultern – was mir
meine Grossmutter nie und nimmer gestattet hätte –, trug sein Hemd bis auf die
Brust aufgeknöpft und sagte Dinge über
einzelne Lehrer, die im Haus meiner
Grossmutter niemals ausgesprochen
werden durften. Wenn sie die altmodische, obrigkeitsgläubige Systemerhalterin war (was sie war; wenn auch weit mehr
als das), trat mein Vater als juveniler Anarchist auf. Sie übte mit mir auf der Blockflöte Telemann-Sonaten. Er brachte mir
«Fool on the Hill» von den Beatles mit,
den einzigen satisfaktionsfähigen Popsong, in dem eine Blockflöte zu hören ist.
Mir war gar nicht bewusst, wie wenig,
verglichen mit anderen Vätern, meiner
sich um mich kümmerte, und trotzdem
galt für meinen, was Philip Roth in seinem Buch «Mein Leben als Sohn» lakonisch über seinen Vater schrieb: «Er war
nicht irgendein Vater, er war der Vater,
mit allem, was es an einem Vater zu hassen gibt, und allem, was es an einem Vater zu lieben gibt.» Ich hasste, dass er nur
am Wochenende da war und dass er mich
dazu gezwungen hatte, nackt baden zu
gehen. Den Rest, den ich gar nicht wirklich kannte, liebte ich.
Der Fluchtpunkt
Am Sonntag, dem 30. Mai 1993, stand ich
gegen zehn auf, und legte meine Lieblings-CD dieser Wochen ein, «Fragments
of a Rainy Season» von John Cale, ein Livekonzert, auf dem Cale ein paar seiner
besonders schönen Songs hart an der
19
Mir fiel auf, dass der Zeitpunkt seines Todes, sein Alter
beim Abgang, eine Art Fluchtpunkt für mich darstellte.
Unbeschwertheit zu, die mich bis zum
An­ruf meines Onkels beseelt hatte, die
jugendliche Unbesiegbarkeit, von der
man zwar ahnt, dass sie nicht ewig dauern
wird, was freilich nicht heisst, dass man
glaubt, dass sie verschwinden könnte?
In seinem Roman «Lügen über meinen Vater» schreibt der schottische
Schriftsteller John Burnside: «Ich kann
nicht über [meinen Vater] reden, ohne
über mich selbst zu reden, so wie ich nie
in den Spiegel sehen kann, ohne sein Ge­
sicht zu sehen.» Die Erkenntnis, dass ich
mit meinem Vater tiefer verbunden bin,
als ich mir das vielleicht vorstellen wollte, streifte mich, erst lange nachdem ich
aufgehört hatte, die Sonntage, die Wochen, die Mo­nate zu zählen, die mein Vater nicht mehr erlebt hatte.
Ich beobachtete mich dabei, einen
Witz zu machen, wie ihn auch mein Vater gemacht haben könnte, weniger charmant, als das meinem Selbstbild entsprach; ich sah mir dabei zu, wie ich dieselbe entwürdigende Glatze bekam wie
er. Auf Fotos bemerkte ich sein melancholisches Lächeln in meinem Gesicht
und begann mir Gedanken darüber zu
machen, wie mein Leben jetzt, da ich
nicht mehr mit ihm sprechen konnte,
noch immer mit seinem Leben zusammenhing.
Aber merkwürdig: Sobald ich mir etwas Konkretes, Lebendiges vorstellen
wollte, scheiterte ich wie die Erzählerin
in Hilary Mantels Story «Endstation»,
die ihren toten Vater in einem Zug vorbeifahren sieht, sich reflexartig an ihn erinnern möchte und bemerkt, dass ihr nichts
in den Sinn kommt: «Selbst in den hintersten Winkeln meines Gedächtnisses
wurde ich nicht fündig, mir wollte keine
einzelne Situation einfallen. Dabei sollte
ich voller Anekdoten sein (…). Aber ich
bekomme nichts zu fassen und kann nur
sagen, dass eine gewisse Anzahl an Jahren verstrichen ist.»
Diese Arithmetik der Erinnerung an
meinen Vater schob sich langsam in den
Vordergrund. Mir fiel auf, dass der Zeitpunkt seines Todes, sein Alter beim Abgang, eine Art Fluchtpunkt für mich
darstellte, der anfangs noch weit entfernt
war, mit den Jahren aber markanter und
deutlicher wurde. Dieser Fluchtpunkt,
der Tag, an dem ich 53 Jahre und 103 Tage
alt wäre, nötigte mich zu ständiger Positionsbestimmung: Wo stehe ich? Wo stehe ich im Verhältnis dazu, wo mein Vater
stand? Und wo stehe ich in meinem eigenen Leben, gemessen an meinen Wünschen und Träumen, Ansprüchen und
Vorstellungen? Wenn ich jetzt vor dem
Fait accompli stünde, vor dem mein Vater
stand, wie würde ich, was bisher geschah, bewerten? Würde ich etwas be­werten?
Würde ich klar sehen oder bloss die Augen schliessen?
Als ich die Rede für das Begräbnis
meines Vaters aufschrieb – ein Freund las
sie der Trauergesellschaft vor, weil ich
selbst noch viel zu verstört war, anschliessend spielten wir «All Blues» vom epo­
chalen Miles-Davis-Album «Kind of
Blue» –, begann ich mit einer Art Präambel zum Wesen von Grabreden. «Grab­
reden sind meistens unbefriedigend»,
schrieb ich. «Sie sind so vorsichtig wie
unvollständig. Sie dienen nicht dazu,
einen Toten darzustellen, wie er war,
sondern wie wir ihn gern gehabt hätten.
Das hat seinen Sinn: Es fällt uns in der
Regel schwer genug, uns von jemandem
zu trennen. Der, der gestorben ist, muss
schliesslich nicht mehr getröstet werden, sondern die, die er zurücklässt.»
Vor allem ich selbst: Ich schrieb meinem Vater die Trauerrede, die mich trös-
DA S M AGA Z I N 04/201 5 Grenze zum Absturz vorführt (oder, wie
bei «Heartbreak Hotel», weit darüber
hinaus). Höhepunkt der Platte war Cales
Version des Cohen-Klassikers «Hallelujah», den er sich mit seiner tiefen, hohlen
Stimme und einer unvergleichlichen Intensität des Vortrags aneignet. Ich steuerte «Hallelujah» an und drehte die Regler nach rechts, dann läutete das Telefon,
und ich nahm ab.
«Dreh die Musik leiser», sagte mein
Onkel aus Wien, und ich drehte die Musik
leiser.
Dann sagte er: «Dein Vater ist gestorben.»
Mein Onkel und meine Grossmutter
hatten meinen Vater im Spital besuchen
wollen und waren nicht zu ihm vorgelassen worden. Die Entzündung der Bauchspeicheldrüse hatte zu einem Multiorganversagen geführt, gegen das auch heftige
Wiederbelebungsmassnahmen nichts
ausrichten konnten.
Mein Vater war tot, und ich hatte gedacht, er hole sich maximal die Ermahnung einer Krankenschwester ab, ein
bisschen besser auf sich aufzupassen.
Nachdem ich das erste Tal der Tränen
durchwandert hatte, musste ich mich um
Dinge kümmern, von denen ich nun wirklich keine Ahnung hatte – ein Grab besorgen, einen würdigen Abschied inszenieren, eine Grabrede schreiben, die
Musik zur Zeremonie aussuchen, mich
um das Erbe kümmern – und mich in
diesem Koordinatensystem artfremder
Beschäftigungen überhaupt erst dessen
zu vergewissern, was ich gerade verloren
hatte.
Der Vater war tot. Fehlte er mir als
Person? Fehlte mir die Vorstellung, dass
er in meinem Leben noch einmal eine
wichtigere Rolle einnehmen würde als
bisher? Oder setzte mir der Verlust der
tete, indem ich ihm zuschrieb, ohne Vorbereitung, also auch ohne Angst gestorben zu sein, einen schnellen Abgang
ge­habt zu haben, wie man ihn sich wünschen mag, wenn man nicht altersweise
und mit sich im Reinen ist oder, um es
auszusprechen, panische Angst vor dem
Sterben hat.
«Ich glaube, dass sich mein Vater
einen schnellen Abschied gewünscht
hat», schrieb ich. Aber woher wollte ich
das wissen? Später, erst lange nach dem
Begräbnis, erfuhr ich aus Gesprächen,
dass mein Vater durchaus eine Ahnung
davon gehabt hatte, dass es nicht gut um
ihn stand. Dass er schon über Monate
Schmerzen gehabt hatte, die er nicht etwa
mit den spezifischen, vom Arzt verschriebenen Medikamenten und Verhaltensweisen bekämpfte, sondern indem er
sich, wenn die Bauchschmerzen zu stark
wurden, einen Wodka einschenkte und
vielleicht noch einen – was bei einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse ungefähr dasselbe bedeutet, wie ein Feuer mit
einem Kanister Benzin löschen zu wollen.
Er schlug sich unter seinem Wert
Dass mein Vater panische Angst vor
Krankheit hatte (er hielt die Schmerzen
vermutlich für Symptome einer Krebs­
erkrankung), erschütterte mich. Das Ertränken der Schmerzen und der Sorgen
im Wodka empört mich noch heute, vor
allem, weil sich offenbar niemand zuständig fühlte, das Problem zu sehen,
ihm ins Gewissen zu reden und ihn einer
vernünftigen Behandlung zuzuführen.
Den Vorwurf kann ich auch mir nicht ersparen, selbst wenn ich damals nicht in
derselben Stadt wie mein Vater lebte und
mir bei unseren routinierten Telefonaten
– «Was gibt es Neues?» – «Nichts Besonderes» – nie aufgefallen ist, dass mein Vater angetrunken oder irgendwie merkwürdig ge­wesen wäre. Die etwas arrogante Misanthropie, mit der mein Vater
seit seinen späteren Dreissigern kokettiert hatte, war offenbar in handfeste Einsamkeit umgeschlagen.
«… kann nicht über ihn reden, ohne
über mich selbst zu reden»: Früher hatte
mir die Schlagfertigkeit meines Vaters
gefallen, sein Witz, auch wenn der für
meinen Geschmack zu schnell ins Verletzende umschlagen konnte, sein Gefühl
dafür, wie man Räume einrichtet, seine
Begeisterung für den Jazz der Fünfzigerund Sechzigerjahre, die Art, wie er sich
kleidete (er war der Meisterträger des ab­
gerockten Lacoste-T-Shirts in Kombination mit Flanellhosen).
Darin mochte und mag ich mich gern
wiedererkennen (bis auf die Flanellhosen). Aber natürlich fahndete ich auch
nach Anhaltspunkten dafür, ob mein Leben der gleichen Flugkurve folgen würde
wie seines. Es fiel mir auf, wie er in seinem Beruf zunehmend mit Dingen und
Menschen zu tun hatte, denen er lieber
ausgewichen wäre, dass er aber gleichzeitig nicht die Energie oder den Mut aufbrachte, daran etwas zu ändern. Nicht
dass ich dem Stress und der Überhitzung
des Baugewerbes die Schuld an seinem
Tod zugeschrieben hätte. Aber ich fand es
entwürdigend, dass mein Vater vor der
Eröffnung der Baumax-Märkte, deren
Bauleitung er innehatte, Blut schwitzen
musste, weil die Terminpläne grotesk eng
waren und auf ihre Nichteinhaltung Konventionalstrafen standen, die ein kleines
Architekturbüro wie das, bei dem mein
Vater arbeitete, in Schieflage bringen
konnten. Ich fand es demoralisierend,
dass als Hinterlassenschaft der Kreativität meines Vaters bloss ein paar kistenförmige Baumärkte an der Peripherie
herumstanden, die zu allem Überfluss
zuletzt sogar in Konkurs gegangen sind.
Scheissarbeit: Mein Vater schlug sich,
fand ich, unter seinem Wert, und es regte
mich auf, wie die verzehrende Banalität
der Arbeit auch den Menschen veränderte: Der Mann, der sich so vital für neue
Literatur und abgefahrene Kunst interessiert hatte, glitt in eher geistlose Unterhaltungsmuster vor der Glotze ab, matt,
ausgelöscht, Rauch und Rausch. Meine
Entscheidung, nie einer «entfremdeten
Arbeit», wie Marx so packend formulierte, nachzugehen, stammt aus der Anschauung meines Vaters in seinen Vierzigern und wurde durch seinen Tod nur
noch verstärkt. Dass es mir tatsächlich
gelang, war das Produkt vieler Faktoren.
Aber den Entschluss, niemals den Kopf
für Dinge hinzuhalten, die sich nicht mit
meinen eigenen Interessen und Überzeugungen decken, schulde ich meinem
Vater, wenn auch indirekt, gemäss dem
berühmten Diktum von Michel Foucault:
«Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns
weigern zu sein.»
Ich bin älter, als mein Vater je war.
Der Satz hat eine gewisse Wucht, er trägt
mich über die Schwelle eines neuen Lebensabschnitts. Wenn ich in den Fotos
krame und den Mann mit seiner etwas
unordentlichen Frisur sehe, mit den
grauen Schläfen und dem Blick, der mir
auf irreversible Weise melancholisch zu
sein scheint, erfassen mich Traurigkeit,
Mitleid und Dankbarkeit, eine verwirrende Mischung.
Dankbar bin ich meinem Vater, auch
wenn das arrogant klingt, dass ich nicht
so werden musste wie er. Gleichzeitig
fehlt er mir immer wieder fast körperlich.
Dass er meinen Sohn, der jetzt dreizehn
ist, nie kennengelernt hat, ist eine Wunde, die noch immer schmerzt, und dass
wir als erwachsene Menschen keine Gelegenheit hatten, die Nähe herzustellen,
die ich mir als Junge immer gewünscht
hätte, macht mich selbst dann beinahe
eifersüchtig, wenn ich in «Mein Leben
als Sohn» die Passagen lese, in denen
Philip Roth mit seinem 86-jährigen Vater, der einen Hirntumor hat, den Neurochirurgen aufsucht und es immerhin
schafft, «mit meinen Worten seine finstere Stimmung um etwa ein Milliwatt
aufzuhellen».
Dieses Milliwatt hätte ich auch gern
beigetragen, auch wenn ich nicht böse
bin, dass meinem Vater und mir der Rest
der Geschichte erspart geblieben ist. Um
die Intensität vieler Momente, die Vertrautheit und die gemeinsame Erinnerung, die vielleicht wertvollste Währung
der gemeinsamen Vergangenheit, tut es
mir so leid, dass ich mich manchmal ganz
stumpf fühle. Also hole ich meinen Vater
näher an mich heran, indem ich mich mit
ihm vergleiche, unsere Biografien arithmetisch vermenge, um wenigstens von
dem, der ich bin, zu erfahren, wer er gewesen sein könnte. «Ich muss mich genau an alles erinnern», schreibt Philip
Roth, «damit ich, wenn er nicht mehr ist,
den Vater wieder erschaffen kann, der
mich geschaffen hat.»
•
CH R I S T I A N SEI L ER ist redaktioneller Mitarbeiter des «Magazins»; c.s@me.com
Die Fotografin M A R I A Z I EGEL BÖ CK lebt lebt in Wien. www.mariaziegelboeck.com
20
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Die amerikanische Umweltwissenschaftlerin Jennifer Jacquet
plädiert für mehr Schamgefühl zur Rettung der Welt.
Von Sacha Verna
Bild Serge Hoeltschi
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DA S M AGA Z I N 04/201 5 SIE WILL, DASS WIR
UNS SCHÄMEN
Unter Amerikas jungen Starakademikern gilt Jennifer Jacquet
als die Frau mit den Fischen. Mit Studien über Nachhaltigkeit
und die Weltmeere hat sie auf sich aufmerksam gemacht. Nun
sorgt sie unter Aktivisten für Wirbel, indem sie eine radikale
Strategieänderung fordert. In welche Richtung diese neue
Taktik gehen soll, umreisst sie in diesem Gespräch.
Das Magazin — Frau Jacquet, wann haben Sie sich zuletzt ge­
schämt?
Jennifer Jacquet — Hmm ... da kommen mir einige Momente in
den Sinn, besonders solche aus meiner Kindheit. Aber die
würde ich nicht einmal meinem Psychiater anvertrauen. Wie
unangenehm uns allein die Erinnerung an Augenblicke der
Scham ist, beweist die Macht dieser Emotion.
Wann haben Sie zuletzt Schuldgefühle empfunden?
Ich fühle mich täglich schuldig, stündlich. Heute habe ich mir
für den Kaffee wieder einen Wegwerfbecher geben lassen, weil
ich meine Thermotasse immer zu Hause vergesse. Oder gestern
Abend, da unterhielt ich mich mit einem Freund über die Berg­
gorillas im Kongo, von denen nur noch achthundert am Leben
sind. Da fühlte ich mich schuldig, weil wir dort nach wie vor die
Wälder abholzen und keine Mittel zur Verfügung stellen, um
diese Tiere zu retten. Und da an der Wand ...(deutet auf gerahmte Bilder von Tieren über ihrem Schreibtisch)... die Stellersche
Seekuh. Die letzte Riesenseekuh wurde im 18. Jahrhundert
umgebracht, 27 Jahre nachdem die Europäer diese Tiere ent­
deckt hatten. Ein Blick darauf, und ich fühle mich schuldig.
In Ihrem Buch «Is Shame Necessary?»* definieren Sie Scham
als Gefühl eines Individuums, das die Normen einer Gemein­
schaft verletzt hat, und Schuld als Gefühl eines Individuums,
das mit seinem eigenen Gewissen hadert. Wie sollen Scham­
gefühle Seekühe, Berggorillas und die Welt an sich retten?
Scham, genauer: der Akt der Blossstellung, ist ein sehr wirksa­
mes Mittel, wenn es darum geht, Konzerne, Institutionen, ja
Länder zu Veränderungen zu zwingen. Hätte jeder Einzelne Ge­
wissensbisse angesichts der Umweltverschmutzung und so wie
ich das Bedürfnis, etwas dagegen zu tun, liesse sich mit Schuld­
gefühlen natürlich viel schneller viel mehr erreichen als mit
Scham. Dann könnten wir alles der Selbstregulation überlas­
sen. Aber das funktioniert nicht, erst recht nicht auf institutio­
neller Ebene. Doch wir können Firmen oder Regierungen sehr
wohl blamieren und so Verhaltenskorrekturen bewirken.
Scham und Schuld sind menschliche Empfindungen. Wie sieht
es aus, wenn ExxonMobil errötet?
Ich erwarte von ExxonMobil keine Scham im traditionellen
Sinn. Ich weiss aber, dass dieser Konzern jedes Jahr Millionen
für seine Imagepflege ausgibt. Man wird alles vermeiden wol­
len, was der Marke schadet. Hier kommt die Blossstellung ins
Spiel: Schon mit der Drohung, ihren Ruf zu ruinieren, kann man
Umweltsünder dazu bringen, ihr Vorgehen zu ändern.
Erpressung als Pranger des 21. Jahrhunderts?
Das ist keine Erpressung. Die Öffentlichkeit hat ein Recht dar­
auf, über die Praktiken von Ölfirmen Bescheid zu wissen oder
über die Folgen der Genmanipulationen von Saatgutherstel­
lern wie Monsanto. Aber Transparenz allein nützt nichts. Na­
türlich darf das Mittel der Blossstellung nur sparsam eingesetzt
werden. Wir brauchen dazu nicht mehr wie früher einen Ein­
zelnen zu teeren und zu federn. Der physische Teil der Bestra­
fung fällt weg, gerade bei eher abstrakten Entitäten wie Kon­
zernen oder Ländern. Dank der sozialen Medien können wir
mit dem Finger auf sie zeigen, ohne jemandem ein Haar zu
krümmen, und das vor einem Millionenpublikum.
Dem Ökonomen Milton Friedman zufolge ist es für ein gewinn­
orientiertes Unternehmen unmoralisch, moralisch zu sein ...
... es sei denn, das unmoralische Verhalten führt zu Gewinn­
einbussen. Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko fiel
der Aktienkurs von BP in den Keller. Er fiel weiter, als die Ver­
tuschungsmanöver der Firma ans Licht kamen. Was würde
Milton Friedman dazu sagen?
Es geht ums Geld, nicht um die Moral.
Es geht um den Entzug von Ressourcen. Einem blossgestellten
Individuum wird die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft entzogen,
was neben psychischen Folgen auch den finanziellen Ruin be­
deuten kann. Ähnliches gilt für Unternehmen. Auch sie können
nicht ausserhalb der Gesellschaft operieren. Sie haben keine
Psyche, aber eine Menge finanzieller Gründe, sich um ihr Anse­
hen in dieser Gesellschaft und um deren Werte zu kümmern.
Wir teeren und federn niemanden mehr. Weshalb ist der An­
blick eines CEOs mit einer Sahnetorte im Gesicht trotzdem
noch immer so befriedigend?
Weil Formen körperlicher Bestrafung normalerweise Autori­
täten vorbehalten sind. Heute ist das meistens der Staat. Er al­
lein kann Menschen ins Gefängnis stecken oder die Todes­strafe
verhängen. Früher durfte jeder Höhergestellte seine Unterge­
benen züchtigen und öffentlich erniedrigen. Die Sahnetorte
dagegen ist eine Waffe der Schwachen gegen die Starken. Ge­
nauso wie die Blossstellung eine Waffe der Schwachen gegen
die Starken ist. Jeder kann sich ihrer bedienen.
Wer ist «jeder»?
Es können «Norm-Entrepreneure» sein. So nennt der Rechts­
wissenschaftler Cass Sunstein ungewöhnliche Leute, denen es
wie Gandhi oder Nelson Mandela gelingt, genug weitere zu mo­
bilisieren, um eine Veränderung der Normen zu bewirken. Es
kann eine Bürgerbewegung mit Tausenden Aktivisten sein.
Der Umweltphilosoph Dale Jamieson sagt: Um soziale und
politische Veränderungen zu bewirken, braucht es eine sehr ak­
tive Minderheit und die Bereitschaft der Übrigen, diese Min­
derheit gewähren zu lassen. Es ist nie eine Mehrheit.
Im Fall von Occupy war diese Strategie nicht sehr erfolgreich.
Es stimmt, die Occupy-Bewegung hat keine Umverteilung des
Reichtums bewirkt. Allerdings ist es ihr gelungen, den Banken­
sektor nachhaltig zu diskreditieren. Keiner meiner Studenten
würde zugeben, Banker werden zu wollen, selbst wenn dies sein
innigster Herzenswunsch wäre. Banker und Banken haben
einen schlechten Ruf. Sie können nicht mehr tun und lassen,
was sie wollen, weil ihnen Politik und Gesellschaft auf die Finger
schauen. Sie sind eifrig darum bemüht, ihr Image zu polieren.
Das ist ein erster Schritt nach vorn.
Die Occupy-Bewegung machte die Banken zur Zielscheibe.
Wen wollen Sie wegen der globalen Armut oder der globalen
Umweltverschmutzung zur Verantwortung ziehen?
Sie haben recht: Blossstellungskampagnen benötigen konkre­
te Ziele, und die sind oft schwer auszumachen. Es würde zu
23
24
25
nichts führen, ein System wie den Kapitalismus anzuklagen.
Dennoch sind die Verantwortlichen für viele Missstände der
letzten Jahren klarer erkennbar geworden. Hier in den USA ha­
ben wir etwa die Unternehmen der Brüder Koch. Die geben
Millionen aus, um die Durchsetzung von Umweltgesetzen zu
verhindern. Auf sie kann man mit dem Finger zeigen – und so
auf das Problem Umweltverschmutzung hinweisen.
Die Koch-Brüder scheinen davon wenig beeindruckt zu sein.
Wir stehen ganz am Anfang. Auch Kenneth Roth, Geschäfts­
führer von Human Rights Watch, ist sich der Schwierigkeit
bewusst, dass Scham nur funktioniert, wenn den Sündern an
der Gemeinschaft gelegen ist, gegen deren Normen sie ver­
stossen haben. Dennoch bezeichnet Roth die Blossstellungs­
methode als eines der stärksten Mittel von Organisationen wie
der seinen – die Möglichkeit, Fehlverhalten aufzudecken und
die Verantwortlichen der öffentlichen Schande preiszugeben.
Wie lehrt man eine Gesellschaft das Schämen, in der es legitim
ist, das Eigeninteresse über das der Gemeinschaft zu stellen?
Scham ist in kollektivistischen Kulturen wie Japan, China oder
Russland tatsächlich ein viel weiter verbreitetes Gefühl als im
individualistischen Westen. Dort definieren sich Individuen
durch ihr Verhältnis zur Gruppe. Wir hingegen sagen immer
ich, ich, ich. Das erklärt, weshalb wir Schamgefühle nach und
nach durch Schuldgefühle ersetzt haben. Wir fühlen uns in ers­
ter Linie uns selber gegenüber verpflichtet und erst dann der
Gemeinschaft. Aber auch wir sind keine autonomen Wesen.
Das merken wir spätestens, wenn wir mit Epidemien wie Ebo­
la konfrontiert werden. Davon sind alle betroffen: Wenn die
Gemeinschaft in Gefahr ist, sind auch wir Einzelne gefährdet,
egal für wie individuell wir uns halten. Die Frage ist, wie und
wo diese Gemeinschaft die Prioritäten setzt.
Wie lautet die Antwort darauf?
Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Heute bezeichnen 25 Pro­
zent der Amerikaner die Umweltverschmutzung und die Kli­
maerwärmung als grösste Probleme der Zukunft. Nur zehn
Prozent nennen die Wirtschaft oder den Terrorismus. Noch vor
zehn Jahren war das Verhältnis umgekehrt. Vor diesem Hinter­
grund sehe ich für die Schamtaktik durchaus Chancen.
Andere sagen, unsere Gesellschaft habe jede Scham verloren.
Man kann diesen Eindruck gewinnen, aber ich halte ihn für
falsch. Es gibt nach wie vor vieles, das völlig tabu ist: etwa in
Washington anti-israelische Kommentare von sich zu geben. Es
gibt viele Verhaltensweisen, die gesellschaftlich stark geahndet
werden. Unsere Aufgabe ist es, diese Kräfte zu nutzen.
Warum ist ein grünes Gewissen selten ein reines Gewissen?
Weil wir, selbst wenn wir nur Biogemüse kaufen, doch kaum
zur Rettung des Planeten beitragen. Das Geschäft mit Biopro­
dukten ist in den USA 30 Milliarden Dollar wert, macht aber nur
vier Prozent des Handels insgesamt aus. Oder die Fischerei:
80 Prozent der Meeresfrüchte, die wir konsumieren, sind im­
portiert, zwei Drittel aus Entwicklungsländern. Und was wir
nicht wollen, geht nach China. Der kommerzielle Fischfang
floriert, auch wenn Sie MSC-zertifizierte Produkte essen.
Nach Ihrer These sind wir zu Konsumenten geworden, die von
Schuldgefühlen angetrieben versuchen, das Richtige zu tun ...
... und so in eine Falle laufen. Ich will nicht, dass wir uns der Il­
lusion hingeben, mit dem Konsum der «richtigen» Produkte
etwas zu bewirken. Mit Einkaufen löst man keine globalen Pro­
bleme. Aber das wird uns vorgegaukelt. Ein grünes Gewissen
ist meist ein schlechtes Gewissen. Darauf spekulieren die Un­
ternehmen, die uns immer mehr Ökolabel präsentieren.
Wer steckt hinter dieser Verschwörung?
Ich sage nicht, dass es eine Verschwörung ist. So funktioniert
die freie Marktwirtschaft. Wie früher beim Ablasshandel: Wer
sichs leisten kann, kauft sich von Sünden frei. Damals steckte
man den Prälaten Goldmünzen zu, heute zahlt man das Dop­
pelte für Freilandeier und umweltverträgliches Waschpulver.
Die Wirkung ist dieselbe: keine. Jemandem mit Schädelbruch
Vitamine zu verschreiben schadet nichts, ist aber Ablenkung.
Wovon?
Von den Anstrengungen, die wirklich nötig sind. Statt uns für
eine Korrektur des Systems einzusetzen, in dem wir gefangen
sind, sollen wir unser Konsumverhalten ändern. Damit delegie­
ren die Unternehmen und die Institutionen, die am Erhalt des
Status quo interessiert sind, das Handeln an uns und verdie­
nen auch noch daran.
Dann soll ich das Geld sparen und wieder Batterieeier kaufen?
Natürlich nicht. Aber Sie sollten es nicht beim «grünen Einkau­
fen» belassen.
Sondern Mitglied bei Greenpeace werden?
Warum nicht? Greenpeace hat die Beschämungstaktik oft er­
folgreich genutzt. Statt wie andere Umweltorganisationen an
die Kunden zu appellieren, keinen chilenischen Zackenbarsch
zu kaufen, nahm Greenpeace den Lebensmittelhändler Tra­
der Joe’s ins Visier und stellte ihn so lange an die Spitze einer
Liste von Umweltsündern, bis er Fischprodukte aus dem An­
gebot nahm, die nicht aus nachhaltigem Fischfang stammten.
Sagten Sie nicht, es nütze nichts, wenn ich MSC-zertifizierten
Fisch kaufe?
Der Unterschied liegt in der Grössenordnung. Ihr Kaufverhal­
ten allein bewirkt nichts. Das einer Supermarktkette hingegen
schon. Wenn Trader Joe’s sein Sortiment umstellt, sind die gros­
sen Zulieferer betroffen. Damit sind Sie der Quelle des Übels
schon viel näher. Es geht darum, vom Aussterben bedrohte
Meerestiere nicht nur aus dem Angebot von Trader Joe’s zu ver­
bannen, sondern deren Fang grundsätzlich einzustellen. Die
Frage ist: Schaffen wir es mit der Blossstellungs­taktik, die un­
geheuren Schäden zu beheben, die wir in den letzten Jahr­
zehnten verursacht haben? Vermutlich nicht. Aber wir müssen
es versuchen – bis die Regierungen aller Länder mit der inter­
nationalen Gesetzgebung nachziehen. Das Umdenken auf
politischer und Gesetzesebene ist das Ziel – das einzig wirksa­
me Mittel gegen die Zerstörung unseres Planeten.
Glauben Sie, dass Sie dieses Umdenken noch erleben?
Meine Alltagserfahrungen beflügeln mich nicht gerade zur
Hoffnung. Mein Verstand sieht schwarz. Aber im Herzen bin ich
Optimistin. Resignation ist keine Alternative.
* Jennifer Jacquet: Is Shame Necessary?, Random House, 2015.
SACH A V ER NA ist freie Journalistin in New York; sverna@earthlink.net
Der Fotograf SERGE HOELT S CH I lebt in Los Angeles; www.hoeltschi.com
www.volkswagen.ch
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*
CHR ISTIAN SEILER
DER LUXUS, NEIN ZU SAGEN
In einer seiner letzten Ausgaben beschäftigte sich das britische
Magazin «The Economist» mit der Zukunft des Luxus. Es interviewt dafür zum Beispiel Ben Elliot, den Chef der Quintessentially Group, die eine Art Concierge-Service für die Superreichen anbietet. Elliots schnoddrige Definition von zeitgemässem Luxus zielt nicht mehr auf superteure Gebrauchsgüter,
sondern auf immaterielle Güter: zum Beispiel, etwas zu tun,
was andere nicht tun können, und damit über ein exklusives
Distinktionsmittel zu verfügen (auf Deutsch: damit angeben
zu können). Als Beispiel führt Elliot einen Vormittagskick mit
David Beckham an, aber auch eine Radreise von Rom nach
Venedig – und das ist der Punkt, an dem ich in die Unterhaltung einsteige.
Luxus ist definitionsgemäss etwas Überflüssiges, manchmal diesseits, manchmal jenseits der Grenze zur Verschwendung gebaut. Wenn Lifestyle-Magazine sich dem Thema widmen, greifen die Fotoredakteure gern in die Kiste mit den
Jachten, fetten Autos, Zigarren und grossen Champagnerflaschen – so als habe sich unsere Auffassung von Luxus seit den
Achtzigerjahren nicht geändert.
Schon vor fast 20 Jahren stellte der Schriftsteller Hans
Magnus Enzensberger fest, dass «der Begriff von Luxus (…)
ebenso relativ [ist] wie der der Armut». Noch bevor die digitale Revolution in ihrer ganzen Wucht über uns hereinbrach,
stellte Enzensberger die Diagnose, dass ein Luxus der Zukunft
nicht mehr nach Karat oder PS bemessen werde, sondern nach
substanzielleren Kriterien: nach Zeit, Aufmerksamkeit, Raum,
Ruhe, Umwelt und Sicherheit.
Ben Elliots Beispiele passen perfekt in Enzensbergers Modell. Die Zeit zu haben, mit David Beckham Fussball zu spielen, verbindet sich dabei mit der Aufmerksamkeit, die man da-
für bekommt. Und die Radreise von Rom nach Venedig macht
ihre Teilnehmer frei von allen Pflichten, entledigt sie selbst der
Verpflichtung, die Ferien auf der sündhaft teuren Terrasse der
Villa La Cupola in der Ewigen Stadt totzuschlagen.
In der kulinarischen Welt verlagert sich die Aufmerksamkeit auf ähnliche Weise. Gab es eine Zeit lang den Trend,
Restaurants in kulinarische Abenteuerspielplätze zu verwandeln, so rückt derzeit das Einfache, Pure immer mehr in den
Vordergrund. War lange die maximale Vielfalt, der verschwenderische Überfluss gefragt, ist es heute das Ursprüngliche, das
Einzige. Nach Jahren, in denen zahllose Bäckereien dichtmachten, weil sich die Konsumenten mit den in den Supermarkt­
filialen warm gemachten Backmischungen zufriedengaben,
ist man plötzlich bereit, für ein doppelt gebackenes Sauerteigbrot ein kleines Vermögen auszugeben. Der Trend zum Regio­
nalen lenkt den Blick, der auf Luxusartikel wie Steinbutt, Kaviar oder Gänseleber fixiert gewesen war, auf Butter von der
Büffelherde, die auf dem Knonauer Amt weidet, oder auf sanft
gegarte Filets von den Felchen aus dem Zürichsee. Das Abseitige wird ersetzt durch Produkte von gesicherter Herkunft
und handwerklicher Machart. Dinge, die man gerade noch
für ordinär und nicht weiter bemerkenswert hielt, bekommen
heute Autorenstatus: das Fleisch von Metzger eins, der Käse
von Käser zwei, die Butter von Bauer drei.
Ich liebe frisches Sauerteigbrot, von dem ich mir dicke
Scheiben abschneiden kann, und ich neige dazu, mir zu viel
Butter draufzustreichen. Ich bin bereit, überdimensional viel
Geld dafür auszugeben – aber mir reicht es, ein Stück Brot als
Brot und nicht als Kunstwerk von spezieller Autorenschaft zu
verzehren.
Diesen Luxus leiste ich mir.
Mehr von CH R I S T I A N SEI L ER immer montags in seiner «Montagsdemonstration» auf blog.dasmagazin.ch
Illustration A L E X A N DR A K L OBOU K
26
DA S M AGA Z I N 04/201 5 «The Economist», Enzensberger und schon wieder eine neue Definition von Luxus
DA S M AGA Z I N 04/201 5 — BI L D: E T E L A DN A N, U N T I T L E D (#6 5), 2010. C OU RT E S Y S F E I R- S E M L E R G A L L E RY, BE I RU T U N D H A M BU RG
In ihrer Kunst zeigt sich Etel Adnan optimistisch, in ihrer Analyse der Gegenwart eher nicht.
HANS ULR ICH OBR IST
DENN WIR KENNEN EINANDER NICHT
Einen Tag nach den Anschlägen auf die Redaktion
der Zeitschrift «Charlie Hebdo» in Paris sprach
ich länger mit Etel Adnan, der bedeutendsten arabischen Dichterin, Künstlerin und Intellektuellen.
Adnan wurde 1925 in Beirut geboren und pendelt
seit den 50er-Jahren zwischen dem Libanon und
ihrer Wahlheimat Kalifornien. Im Gespräch erinnert sie an eine Zeit der künstlerischen Blüte der
arabischen Welt Mitte des 20. Jahrhunderts, die
un­trennbar mit einem Medium verbunden war,
das jüngst den Hass von Terroristen auf sich gezogen hat: der Zeitung. Für arabische Schriftsteller und Dichter, sagt Adnan, war die Kulturbeilage
in den beiden damaligen kulturellen Hauptstädten des Nahen Ostens, in Beirut und vor allem
Bagdad, die einzige Möglichkeit, publiziert zu
werden. Nur hier wurden Gedichte und Kurzprosa
veröffentlicht, denn die arabischen Intellektuellen
seien mangels Arbeitsmöglichkeiten an Universitäten praktisch durchweg Redakteure gewesen,
die auf diesem Weg versuchten, der Kultur Gehör
zu verschaffen.
Wie erfolgreich das funktionieren konnte, erfuhr auch Adnan selbst: Nachdem sie in einem
Kommentar die Politik in Beirut dafür attackiert
hatte, dass diese mit Polizeigewalt die Premiere
eines Theaterstücks stürmen und die Aufführung
verbieten liess, lenkte die Regierung ein und hob
das Verbot auf – ein eindrucksvolles Indiz sowohl
für die Stimme Adnans als auch für die Stellung
der Zeitung. Journalisten und Verlegern wie Yusuf al-Khal, den Adnan besonders hervorhebt, sei
es aber nicht in erster Linie um Kritik gegangen,
sondern darum, sowohl die arabische Welt mit
sich selbst als auch Orient und Okzident miteinander bekannt zu machen. Denn das Informationsdefizit, das Fehlen kulturellen Wissens, sei
doch das grösste Problem.
Während ihre Bilder einen leuchtenden Optimismus ausstrahlen, hat sich Adnan in ihrer
Dichtung illusionslos und hellsichtig der Wirklichkeit gestellt: In dem Gedichtzyklus «Arabische
Apokalypse», vor allem aber in ihrer brillanten
Novelle «Sitt Marie-Rose» beschreibt sie anhand
des libanesischen Bürgerkriegs, wie aus vormals
friedlichen Bürgern eines Landes blutige Feinde
werden konnten. «Wir reden von Information und
Öffnung, aber in Wirklichkeit leben zwei Gesellschaften völlig berührungslos nebeneinander, in
ein und demselben Land», sagte mir Adnan nun.
«Wir sprechen also alle von Dingen, von denen wir
keine Ahnung haben.»
«Arabische Apokalypse» und «Sitt Marie-Rose» von Etel Adnan
sind 2012 und 2014 auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen.
H A N S U L R ICH OBR I ST ist Kurator und Co-Direktor der Serpentine Galleries in London.
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TRUDY MÜLLER-BOSSHAR D
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FR ENKEL
HAT JEMAND FLÖR LI GESEHEN?
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Bei uns im Quartier wird momentan nach
drei Katzen gesucht. Eine heisst Minusch, die andere Flörli. Den Namen der
dritten Katze habe ich vergessen. Von
Finderlohn steht auf den Fahndungslisten leider nichts. Nur dass die Besitzer
furchtbar traurig sind. Auf den Fotos sieht
man Katzen, wie es sie halt zu Tausenden
gibt. Auf einem Bild sieht man ein Büsi
auf einem Kratzturm. Was noch wichtig
ist: Die drei Katzen stammen von drei
verschiedenen Besitzern.
Geich drei verschwundene Katzen
also. Das ist eigenartig. Ob sie schon tot
sind? Wahrscheinlich nicht. Unsere Quartierstrassen sind verkehrsberuhigte Strassen. Und die Menschen, die hier leben,
die quälen keine Katzen. Zuerst habe ich
natürlich an das asiatische Res­taurant
um die Ecke gedacht. Aber die kochen
europäisch.
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FÜR PART YGÄNGER ATTRAKTIV KLINGENDE NORDLANDSGEMEINDE:
Die Lösung ergibt sich aus den grauen Feldern waagrecht fortlaufend.
HELPLINE FÜR RATLOSE: Sie kommen nicht mehr weiter? Wählen Sie 0901 591 937 (1.50 Fr. / A nruf vom Festnetz), um einen ganzen Begriff
zu erfahren. Wenn Sie nur den Anfangsbuchstaben wissen möchten, wählen Sie 0901 560 011 (90 Rp. / A nruf vom Festnetz).
LÖSUNG RÄTSEL Nº 3: FERSENGELD
WAAGRECHT (J + Y = I): 5 KAFFEEKRAENZCHEN. 11 FUENFSTERNEHOTEL. 17 Nick KNATTERTON. 18 Uri GELLER. 19 «KLUTE». 20 AILA in M-aila-nd. 21 «Der Archipel GULAG». 22 (Eur-)OPA. 23 ULRIKE Folkerts (Lena Odenthal in «Tatort»). 26 LAKE. 27 RUGEL. 29 BOYS resp. bois (franz. für Holz). 30 (B)ASEN. 31 TIO (span. für Onkel). 32 LALLEN. 33 Henrik IBSEN («Gespenster»). 34 STRESSOREN. 37 STREITAXT, Anagramm: Texasritt. 38 EIMASSE. 39 WETTERGOTT. 40 (Michael) ENDE. 41 TAO.
SENKRECHT (J + Y = I): 1 GEFRAESSIG. 2 ORTOLAN (Beethovens 5. Sinfonie). 3 BERGGEISTER. 4 SCHLAGARM. 5 KONKUBINE. 6 FUTURIST. 7 FETT. 8 ZELLULOID. 9 Peter HØEG («Fräulein Smillas Gespür für Schnee»). 10 NESPRESSO (George Clooney). 11 FALLOBST.
12 NÉE (franz. für geborene). 13 STILETT(O). 14 ENAK. 15 NEUROSEN. 16 TROLL. 24 ISÈRE. 25 «Citizen KANE». 28 ELEATE, Anagramm
aus Ale Tee. 31 TEXT (engl. für SMS). 35 RAT (Professor Unrat/Heinrich Mann). 36 NSA (National Security Agency) in Luftha-nsa.
SENKRECHT (J + Y = I): 1 Damit gibt Stabstelleninhaber den Einsatzbefehl. 2 Brandlöscher – denglisch gestreckt ein Partyvolkswagen. 3 Attackieren,
laut James Fenimore Cooper, phonstark. 4 Newsgroupaktiver? Hängt an der Wand! 5 Als 7-senkrecht-Anhang: gespielt von Rigg und Thurman. 6 Erheitert mit Goldberg im Habit. 7 Mit Nelson Verbandelte – gibts im Zeitschriftenhandel. 8 Bei Orwell sinds zuerst Schweine. 9 Liess den Helden von
Sempach eventuell aufhorchen. 10 Mit einer Art Voyeur: Treterpflegezubehör. 11 Schiesst, wenns rund geht, übers Ziel hinaus. 12 Verkleinert, was in
Dorfrichter Adams Drama Totalschaden erleidet. 14 Sagenhafter Herrschersitz, unter anderem möbliert mit rundem Tisch. 15 Ein bei einem SüskindProtagonisten leicht Gereizter. 16 Andere Saiten aufzuziehen kostet ihn Zeit. 17 Erspart einem das Zehn-minus-drei. 21 Der Nervenkitzler ist auch eine
Erfolgsgeschichte. 24 Kombiniert mit König: Ludwig Franz Hirtreiters (selig) Alias. 26 Narrenkappe, die Kuchenklassikers Namenspate. 29 Ein Fils, der
– nominell gewertet – willkommen. 30 Verjüngter Jüngster wird damit zum Glockenturm. 31 Was Robespierre am Ende verlor. 34 Mit GPS entbehrliches
«DAS MAGAZIN» ist die wöchentliche Beilage
des «Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung»,
der «Berner Zeitung» und von «Der Bund».
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Verleger: Pietro Supino
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der mal mit jemandem schmusen zu dürfen. Der Erwin ist schliesslich schon seit
zehn Jahren tot. Aber genau deswegen
entlaufen hier so viele Katzen! Die Besitzer können noch so lange jammern, es
bringt nichts. Ich rate also: Richten Sie
Ihre Katze zur Bestie ab. Sie muss lernen,
dass niemand sie berühren darf ausser
der Bezugsperson. Und wenn doch jemand sie streichelt, wird bis zur Tollwutspritze gebissen!
Warum ich so engagiert bin? Weil
wir auch mal so eine liebe Katze hatten.
Fläckli. Schmuste mit allen herum. Dann
war sie plötzlich drei Tage fort. Als sie zu­
rückkam, wog sie ein halbes Kilo mehr.
Nach einem Monat war sie wieder tagelang weg. Und irgendwann kam sie gar
nicht mehr zurück! Fläckli war halt ganz
eine Liebe, jadudududu! Hoffentlich
landete sie in einem Suppentopf!
BEN I F R EN K EL ist freier Autor und lebt in Zürich.
WA AGRECHT (J + Y = I): 6 Bei der Akropolis ein indiskutables Herkulesvorhaben. 13 Nicht fürs Gemach gedachte Klangkörperschaft. 18 Für seinen
Inkontinenten bekanntes liparisches Eiland. 19 Damit wird beim Körperformen viel Aufhebens gemacht. 20 Werden von knapp Betuchten mit Tüchern
belegt. 22 Zwei auf eins, und der Meinungscontainer wäre in Stein gehauen. 23 Durch das alte Böhmen Strömende ist retrospektiv aktiv. 25 Macht aus
einem Kerb- ein Rüsseltier. 26 Zusammengehörigkeit signalisierende Tenue-Eigenheit. 27 Im Trinkspruch zu suchende Sperrbezirkskandalnudel. 28 Endet an der Hand – wird zwei auf eins italienischer Erdtrabant. 30 Mit Eis kühlt die Tüte. 32 Ist – Ikarus’ finale Erkenntnis – nicht hitzeresistent.
33 Sternzeichen, war bei der NASA Programm. 35 Mathebegriff mit Bindestrich – geht als Federvieh ins Ohr. 36 Jagdfliegerass, war Vorbild für Zuckmayers Harras. 37 Ist, lieb gemeint, oft Peinlichkeit. 38 Später allgegenwärtiger Renaissance-Trendsetter. 39 Tut man im Stehimbiss nur schon mangels
Möbelstück nicht. 40 Akzentfrei werden Väter zum Friedensnobelpreisträger. 41 Jungfrau von der Waterkant.
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Wo sind sie also, die Büsibüsis? Als hochintelligenter Mensch denke ich natürlich
komplexer. Ich habe also die Aushänge
von Bäumen und Wänden abgerissen
und die Vermisst-Anzeigen analysiert.
Etwa so, wie sie es bei «CSI: Miami» tun.
Alle drei Katzen werden als verschmust
und zutraulich beschrieben. Es genüge,
steht da, einfach Flörli, Flörli! zu rufen.
Und wenn einem das verschmuste Katzenvieh entgegenrennt, soll man es behutsam aufheben und bitte ganz schnell
die Nummer 07756 ... wählen.
An diesem Punkt möchte ich nachhaken. Meiner Meinung nach werden die
Schweizer Katzen grundsätzlich falsch
erzogen. Was bringt der Erfolg, eine zutrauliche Katze zu besitzen? Die läuft
dann einfach eine Strasse weiter, maunzt
so lange vor einem Haus, bis eine ältere
Frau rauskommt und glücklich ist, wie-
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Oberland Medien AG, Zürcher Regionalzeitungen AG
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festliche Weise, die den «99 Cent»Laden im Hintergrund weniger schäbig
aussehen liess. «Hey, du siehst toll aus»,
sagte ich. «War grade im Yoga», antwortete sie und zeigte hinter sich. In dem heruntergekommenen Haus war eine verbeulte Tür, die mit einem Summton aufschnappte. Und im zweiten Stock dieser
Bruchbude begann an diesem Tag etwas,
das mein Leben grundlegend änderte –
viel mehr, als ein Paar Silikonkissen es je
hätte tun können.
Ich zahlte zehn Dollar, zog die Schuhe aus und wartete still in einem winzigen
Flur, bis die vorangehende Klasse vorbei
war. Die Verheissung roch nach Räucher-
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n1501g001.362
Nach meiner Ankunft in New York spielte ich eine Zeit lang mit dem Gedanken
an eine Brustvergrösserung. Jede Verkäuferin hatte damals gemachte Titten,
und ich dachte: Warum nicht? Die Stadt
war wie geschaffen für Neuanfänge, und
ich war offen für alles. Morgens trug ich
den schweren Kinderwagen aus dem vierten Stock nach unten und rammte in jeder Kurve voller Genuss die Trockenblumengestecke des Vermieters.
Ich hatte wenig Freunde und freute
mich sehr, als mir eines Tages bei meiner
üblichen Runde zum Union Square «Cherie» über den Weg lief. Cherie war Exmodel, ungeschminkt und glühte auf eine
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Nur gültig solange Vorrat oder bis 31.3.2015.
Die Journalistin K R ISTIN RÜBESAMEN, 48, war neu in New York,
als eine Tür vor ihr aufging. Dahinter wartete etwas, was für sie alles
veränderte.
stäbchen und verschwitzten Körpern,
nach Sandelholz und dem Gummi der
Matten. Gar nicht so schlimm. Irgendwann durften wir in einen grossen Raum
mit unverputzten Wänden. Eine Frau über
fünfzig kam herein, sie trug unspektakuläre alte Tanzklamotten und hatte immer
noch eine scharfe Figur. Sie setzte sich
vorne ans Fenster neben einen flachen
Tisch, auf dem Tankstellenblumen einen
gleichmütig lächelnden Buddha umrahmten. Es gab keinen Spiegel im Raum.
Die Leute sassen mit gekreuzten Beinen
auf ihren Matten. Manche hielten die
Augen geschlossen, manche offen. Sie
unterschieden sich von den Menschen
in der Subway, die in die Leere schauten,
weil sie keinen Ärger wollten. Auf einmal öffnete die Lehrerin den Mund, und
heraus kam ein langes «Ohhhmmm»,
in das wir alle einstimmten. Mein Gesicht brannte vor Peinlichkeit, und ich
brachte keinen Ton hervor. Danach ging
es weiter mit einer Atemübung, bei der
man stossweise durch die Nase ausatmen
musste. Mir wurde schwindlig, und ich
fand es lästig, mich mit dem Einzigen ab­
zugeben, was von allein funktionierte –
der Atmung. Die nächste Zumutung bestand darin, meine Aufmerksamkeit in
mein Kreuzbein zu schicken. Neunzig Minuten leitete uns Libby, die Lehrerin,
durch verschiedene Stellungen, die, obwohl sie so niedliche Namen trugen wie
«Baby Cobra», so anstrengend waren,
dass meine Arme zu zittern begannen.
Trotzdem kam ich wieder. Jeden Tag.
Ich begriff irgendwann, dass ohne Aufmerksamkeit nichts läuft im Yoga. Einen
Mann kann man umarmen, auch ohne
verliebt zu sein, aber Yoga ohne Aufmerksamkeit zu üben wäre, wie eine Tür zu
küssen: Es ergibt wenig Sinn.
Das war vor 17 Jahren. Heute geht es
mir im Yoga nur noch um meine Seele
oder, besser: meinen Seelenfrieden. Und
in meinem Job als Yogalehrerin und auf
unserem Portal yogaeasy.de geht es mir
darum, Yoga unter die Leute zu bringen,
damit es nicht nur weisse, dünne, reiche
Frauen machen.
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