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IPS-WELTBLICK Jg. 34 – Nr. 3 | 20. Januar 2015

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03 | 2015
PAKISTAN:
Afghanische Flüchtlingsfrauen
schneidern sich bessere Zukunft
LIBANON:
Videospiele
im Kugelhagel
AFRIKA:
BRASILIEN:
Hälfte des Agrarlands für
Erdölindustrie verLandwirtschaft unbrauchbar ändert Leben in Rio
Jahrgang 34 | Nr. 3
IPS-Weltblick
20. Januar 2015
INHALT
BLICKPUNKT
Der WELTBLICK bietet Ihnen jeden Dienstag
Nachrichten, Hintergrundberichte und Analysen
über den 'Global South' und informiert Sie eingehend über aktuelle und grundlegende Entwicklungen besonders in den Regionen Afrika, AsienPazifik und Latein-amerika-Karibik.
IPS berichtet unabhängig und kritisch. Themen
der menschenwürdigen und nachhaltigen Entwicklung sowie der internationalen Zusammenarbeit für eine 'faire Globalisierung' bilden den
Schwerpunkt. So schärft IPS das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der nachhaltigen
Entwicklung.
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über Ticker, Internet, E-Mail und Print. In
Deutschland besteht IPS seit April 1981. Der
deutschsprachige Dienst wurde mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung gegründet.
IPS Deutschland ist ein Unternehmen des gemeinnützigen Vereins 'Global Cooperation Council' der 1983 als Nord-Süd-Forum zur Förderung
der Völkerverständigung gegründet wurde. IPS
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Die internationale Organisation IPS unterstützt
den Aufbau von Informations- und Kommunikationsstrukturen, die zur nachhaltigen Entwicklung,
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IMPRESSUM
Herausgeber:
IPS-Inter Press Service Deutschland GmbH
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Geschäftsführung und Chefredaktion:
Ramesh Jaura | Karina Böckmann
Tel.: 030 5481 4531 | Fax: 030 5482 2625
E-Mail: weltblick@ipsnews.de
Online: www.weltblick-online.de
Verlag:
Globalom Media Information <> Communication
<> Publishing Agency GmbH
UN: Machtlos gegen Peitschenhiebe auf AntiFolter-Konvention
S. 03
UN: Feldeinsätze gefährlicher denn je
S. 05
AFRIKA
AFRIKA: Hälfte des Agrarlands für die Landwirtschaft unbrauchbar
S. 07
KAMERUN: Boko-Haram-Rebellen gefährden
Bildungsziele
S. 09
NAHOST
LIBANON: Videospiele im Kugelhagel
S. 11
ASIEN u. PAZIFIK
SRI LANKA: Gefährliches Pflaster für
Karikaturisten
S. 13
PAKISTAN: Afghanische Flüchtlingsfrauen
schneidern sich bessere Zukunft
S. 15
INDIEN: Industrieanlagen 30 Jahre nach
Bhopal verbesserungswürdig
S. 17
LATEINAMERIKA u. KARIBIK
BRASILIEN: Erdölindustrie verändert Leben
in Rio
S. 19
KARIBIK: Vom Joch der fossilen Brennstoffe
befreien
S. 21
ST. VINCENT: Kurs auf erneuerbare Energien
S. 23
KOMMENTAR
Die Geheimgespräche von JFK mit Fidel
Von Robert F. Kennedy Jr.
S. 25
TITELSEITE
Mit Schneiderarbeiten können afghanische
Flüchtlingsfrauen in Pakistan
etwa 150 Dollar im
Monat verdienen –
Bild: Ashfaq
Yusufzai/IPS
Jahrgang 34 | Nr. 3
IPS-Weltblick
20. Januar 2015
BLICKPUNKT
UN: Machtlos gegen Peitschenhiebe auf Anti-Folter-Konvention
Von Thalif Deen
New York (IPS) – Menschen auszupeitschen, ist ein klarer Verstoß gegen die Anti-Folter-Konvention
der Vereinten Nationen. Doch diese besonders grausame Form der Prügelstrafe, die derzeit ein
saudischer Blogger erleiden muss, offenbart die Ohnmacht der Weltorganisation, die Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards durchzusetzen.
Der UN-Menschenrechtshochkommissar Zeid
Ra'ad Al Hussein, der ehemalige ständige Vertreter Jordaniens bei den UN, erklärte am 15.
Januar, dass das Auspeitschen mindestens als
eine grausame und unmenschliche Art der Bestrafung betrachtet werden muss, "die nach internationalen Menschenrechtsbestimmungen und insbesondere der von
Saudi-Arabien ratifizierten Anti-Folter-Konvention verboten ist."
Im Grunde wird die
internationale
Übereinkunft
sowohl durch das saudische Verhalten als
auch durch die Folterung mutmaßlicher Terroristen durch die USGeheimdienste ad absurdum geführt. Denn die
Vereinten Nationen sind hilflos und unfähig, die
verantwortlichen Staaten zur Rechenschaft zu
ziehen, es sei denn, der UN-Sicherheitsrat
bringt diesbezüglich eine entsprechende Resolution zustande.
Für den Gründer der Webseite 'Free Saudi Liberals', Raif Badawi, bedeutet die Machtlosigkeit,
dass er jeden Freitag, dem heiligen Feiertag
der Muslime, öffentlich ausgepeitscht wird: 50
Peitschenhiebe, bis das Strafmaß von 1.000
Schlägen abgegolten ist.
Badawi befindet sich bereits seit 2012 in Haft.
Die ersten 50 Schläge erhielt er jedoch erst am
9. Januar in der Hafenstadt Dschidda an Roten
Meer. Wie inzwischen bekannt wurde, ist sein
Gesundheitszustand so schlecht, dass die zweite Runde der körperlichen Züchtigung kurzfristig abgesagt wurde.
Der 30-Jährige hatte in seinen Blogs wiederholt
Kritik an der saudischen Sittenpolizei geübt.
Die Behörden warfen
ihm Beleidung des Islams vor. "Dabei hat
er lediglich von seinem Recht auf freie
Meinungsäußerung Gebrauch gemacht", so
Sevag Kechichian, Experte für Saudi-Arabien bei 'Amnesty International'. "Raif Badawi ist ein Gewissensgefangener."
Das
extrem
hohe
Strafmaß – 1.000 Peitschenhiebe, zehn Jahre
Gefängnis und eine Geldbuße in Höhe von einer
Million Saudi-Riyal (266.000 US-Dollar) – zeige
die Verbissenheit, mit der die saudischen Behörden jeden politischen Widerstand im Keim
zu ersticken suchten, meinte Kechichian und
forderte Riad auf, mit Badawis unverzüglicher
und bedingungsloser Freilassung auf den internationalen Aufschrei der Empörung zu reagieren.
Amnesty erinnerte daran, dass die saudische
Regierung den Anschlag auf 'Charlie Hebdo' am
7. Januar in Paris als Akt der Feigheit verurteilt
hatte. "Doch nur einen Tag später lässt sie Raif
Badawi auspeitschen, weil er sein Recht auf
freie Meinungsäußerung wahrgenommen hat.
Das ist Heuchelei, die angeprangert werden
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Jahrgang 34 | Nr. 3
IPS-Weltblick
20. Januar 2015
BLICKPUNKT
muss, um Saudi-Arabien zum Einlenken zu
zwingen."
Wie Adam Coogle, Nahost-Experte bei 'Human
Rights Watch', gegenüber IPS erklärte, hat das
Büro des UN-Menschenrechtshochkommissars
(OHCHR) die Peitschenhiebe als Folter entlarvt
und folgerichtig Saudi-Arabien zur Abschaffung
der Praxis aufgefordert. "Wir begrüßen die
Pressemitteilung des OHCHR. Gleichzeitig appellieren wir an Zeid und die Vereinten Nationen, Saudi-Arabien im Auge zu behalten und
öffentlich zu kritisieren, wenn es harte und
drakonische Strafen gegen friedliche Aktivisten
und Dissidenten verhängt."
Die USA haben Saudi-Arabien, ihrem engsten
Verbündeten in Nahost, eine ungewöhnlich harsche Rüge erteilt und nahe gelegt, die Haftstrafe für Badawi aufzuheben und den Fall erneut
zu prüfen. Die USA seien strikte Gegner von
Gesetzen, die Menschen einschließlich angeblicher 'Abtrünniger' um ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Religionsfreiheit bringen
würden. "Wir fordern alle Länder dazu auf, die
Ausübung dieser Rechte zu ermöglichen", meinte die Sprecherin des State Department, Jen
Psaki.
Javier El-Hage, Rechtsberater bei der 'Human
Rights Foundation' (HRF), warf Saudi-Arabien
vor, mit seinem Verstoß das Übereinkommen
der Vereinten Nationen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung ins Lächerliche zu ziehen und
ein wichtiges Werkzeug zum Schutz der Menschenrechte zu schwächen.
"Das Anti-Folter-Komitee muss die Regierung
von Saudi-Arabien unverzüglich dazu auffordern, die Peitschenhiebe gegen Herrn Badawi
einzustellen, da diese Form der Bestrafung ein
klarer Vertragsbruch ist, den Saudi-Arabien im
Zusammenhang mit der Anti-Folter-Konvention
begeht", so El-Hage.
Artikel 20 der Konvention berechtige das UNAnti-Folter-Komitee, "kraft seines Amtes Untersuchungen durchzuführen, wenn ihm glaubwürdige Informationen und Indikatoren vorliegen,
dass es im Staatsgebiet eines Vertragsstaates
systematisch zu Folterungen kommt", unterstrich er. Auch wenn das Gremium über keine
Vollstreckungsgewalt verfüge, um SaudiArabien zur Einstellung der Auspeitschungen zu
zwingen, könne das Komitee einen entsprechenden Bericht verfassen, Saudi-Arabien dafür
verurteilen und Empfehlungen ausgeben.
In seiner Mitteilung forderte Zeid den saudischen König auf, von seinem Recht Gebrauch zu
machen, Badawi zu begnadigen und ihm
dadurch die weiteren Hiebe zu ersparen. Auch
verlangte er die unverzügliche Abschaffung dieser besonders harten Bestrafungsform.
Der UN-Menschenrechtshochkommissar wies
ferner darauf hin, dass Badawi einer von vielen
verfolgten zivilgesellschaftlichen Akteuren in
dem Wüstenstaat sei. Am 12. Januar hatte ein
Berufungsgericht ein Urteil gegen Badawis Anwalt und Schwager Waleed Abu Al-Khair wegen
Beleidigung der Justiz und Gründung einer
nicht angemeldeten Organisation aufrechterhalten und das Strafmaß von zehn Jahren
Haft auf 15 erhöht.
Das UN-Anti-Folter-Komitee hat wiederholt die
Länder, in denen Menschen ausgepeitscht werden, aufgefordert, diese Form der Bestrafung
abzuschaffen. Im nächsten Jahr steht die Überprüfung des saudischen Berichts über die Einhaltung der Konvention an. 
Begleitbild: Raif Badawi
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD16-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/u-n-helpless-as-saudi-flogging-violates-torture-convention/
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IPS-Weltblick
20. Januar 2015
BLICKPUNKT
UN: Feldeinsätze gefährlicher denn je
Von Thalif Deen
New York (IPS) – Die weltweiten Einsätze der Vereinten Nationen, vor allem in den afrikanischen,
asiatischen und nahöstlichen Konfliktgebieten, fordern von Jahr zu Jahr mehr Menschenleben. Die
Gefahr für Leib und Leben ist oftmals so absehbar, dass die Weltorganisation ihre Mitarbeiter indirekt dazu ermuntert, ihr Testament zu machen.
Für die Weltorganisation zu arbeiten, hat sich
besonders im letzten Jahr als lebensgefährlich
herausgestellt. Mitarbeiter wurden gezielt angegriffen oder sahen sich äußerst bedrohlichen
Situationen ausgesetzt, wie vom Ständigen Ausschuss der UN-Gewerkschaft für die Sicherheit
und Unabhängigkeit des internationalen zivilen
Dienstes zu hören ist.
Es ist für die Vereinten Nationen schwierig, das
eigene Personal in solchen kritischen Überseeeinsätzen angemessen zu schützen. "Die Hauptschutzverantwortung kommt den Ländern zu, in
denen die UN-Mitarbeiter leben und arbeiten",
meint dazu die Vorsitzende der UN-Gewerkschaft, Barbara Tavora-Jainchill. Für sie stellt
sich die Frage, ob die UN ihre Mitarbeiter überhaupt an Orte schicken sollte, wo sie für deren
Sicherheit nicht garantieren könne.
Im vergangenen Jahr kamen mindestens 61
Menschen, die für die Vereinten Nationen direkt oder indirekt tätig waren, ums Leben. Unter den Opfern waren 33 Blauhelme, 16 zivile
Mitarbeiter, neun Begleitpersonen und drei Berater. 2012 starben im UN-Einsatz 37 Mitarbeiter – davon 20 Zivilisten und 17 Blauhelme.
Dem Ständigen Ausschuss der UN-Gewerkschaft
zufolge stellte sich im letzten Jahr vor allem
Nordmali als gefährlicher Einsatzort heraus.
Dort gerieten im vergangenen Oktober neun
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Jahrgang 34 | Nr. 3
IPS-Weltblick
20. Januar 2015
BLICKPUNKT
UN-Soldaten in einen tödlichen Hinterhalt. Zwischen Juni und Oktober wurden dort insgesamt
28 Blauhelme getötet. Der Gazastreifen wurde
zwischen Juli und August für elf zivile UNMitarbeiter zur tödlichen Falle. Auch die Einsätze in Afghanistan, der Demokratischen Republik Kongo (DRC), in Kambodscha, Pakistan,
Somalia, dem Südsudan, dem sudanesischen
Darfur und der Zentralafrikanischen Republik
verliefen für einige UN-Mitarbeiter tödlich.
Im August nahm der südsudanesische Nationale
Sicherheitsdienst zwei einheimische UNAngehörige fest. Und im Oktober hinderten
acht bewaffnete Männer in Zivilkleidung einen
Beschäftigten des Weltgesundheitsprogramms
daran, vom Flughafen Malakal abzufliegen, und
fuhren mit ihm davon. Etliche weitere UNMitarbeiter und deren Begleiter seien in Geiselhaft genommen, entführt oder verschleppt
worden, heißt es in der Mitteilung.
Bei einem Festakt im Gedenken an die vielen
Opfer in den UN-Reihen erklärte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in diesem Monat, dass ihn
die Zahl der zivilen Helfer und Blauhelme, die
im letzten Jahr "gezielt" attackiert worden seien, zutiefst empöre.
Auf den Golanhöhen verhafteten im Zeitraum
vom 28. August bis 11. September 2014 bewaffnete Mitglieder der politischen Opposition
44 Blauhelme von den Fidschi-Inseln. Im Jemen, in der sudanesischen Darfur-Region, in
Pakistan und im Südsudan wurden weitere UNMitarbeiter verschleppt. Am 12. Juni war immerhin ein Inder, der für die UN-Mission in Darfur (UNAMID) gearbeitet hatte, nach 94-tägiger
Gefangenschaft auf freien Fuß gesetzt worden.
Auf der gleichen Veranstaltung meinte Ian
Richards, Vorsitzender des Koordinationsausschusses der internationalen Mitarbeiterverbände: "Wir werden zu den schwierigsten und
gefährlichsten Plätzen der Welt gerufen. Die
Arbeit erfüllt uns und wir tun sie aus freien
Stücken. Das einzige, was wir von der Organisation verlangen, ist, dass sie ihr Bestes tut, um
uns zu schützen, dass sie sich um unsere Familien kümmert und unsere Angreifer, auch wenn
sie aus Regierungskreisen kommen, haftbar
gemacht werden."
In einer am 13. Januar verbreiteten Mitteilung
wies der Ständige Ausschuss der UN-Gewerkschaft darauf hin, dass der Sudan das Land ist,
in dem die meisten einheimischen UN-Mitarbeiter verhaftet oder entführt würden. Im
Mai letzten Jahres hatte es geheißen, dass Mitglieder der südsudanesischen Streitkräfte in
zwei separaten Zwischenfällen in Juba zwei
UN-Mitarbeiter angegriffen und ohne rechtliche
Grundlage verhaftet hätten.
Wie Barbara Tavora-Jainchill gegenüber IPS bestätigt hat, bekommt das UN-Personal je nach
Einsatzort und Grad der Bedrohung eine Gefahrenzulage. "Jede internationale Dienststelle unterliegt besonderen Herausforderungen, die
letztendlich über die Höhe der Gefahrenzulage
entscheiden." Das UN-Personal profitiere zudem von einem Rentenfonds, der im Sterbefall
den Angehörigen Renten beziehungsweise Entschädigungen zahle.
Kollegen, die sich auf ihren Einsatz in den gefährlichen Weltregionen vorbereiteten, würden
aufgefordert, "ihre Angelegenheiten und Papiere in Ordnung zu bringen", bestätigte die Vorsitzende der UN-Gewerkschaft, die sich nach
eigenen Angaben innerhalb der UN-Verwaltung
diesbezüglich umgehört hatte. "Für mich klingt
das so, als könnte mit 'Papiere ordnen' durchaus auch ein 'Testament machen' gemeint sein."

Begleitbild:
Blauhelme der UN-Mission im Kongo – Bild: Martine Perret/UN
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD14-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/u-n-field-operations-deadlier-every-year/
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IPS-Weltblick
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AFRIKA
AFRIKA: Hälfte des Agrarlands für die Landwirtschaft unbrauchbar
Von Busani Bafana
Distrikt Ntungamo, Uganda (IPS) – In Afrika sind etwa 65 Prozent des urbaren Landes zu stark geschädigt, um noch für die Nahrungsproduktion genutzt zu werden. In einem neuen Bericht schildert das 'Montpellier Panel' in London, wie die Dreifachbelastung aus Bodendegradation, schlechten Ernten und Bevölkerungswachstum den Kontinent unter Druck setzt.
In dem im Dezember veröffentlichten Report
'No Ordinary Matter: Conserving, Restoring and
Enhancing Africa's Soil' empfiehlt das Expertengremium den afrikanischen Regierungen und
den Gebern, in
Land- und Bodenmanagement zu investieren. Zudem
sollen sie im Interesse eines verantwortungsvollen
Umgangs mit Land
und eines nachhaltigen Bodenmanagements
Anreize
zum Schutz von
Landrechten schaffen.
Der Report wurde
im gleichen Monat veröffentlicht, in dem die
Vereinten Nationen das Internationale Jahr des
Bodens 2015 ausgerufen haben. Der Generaldirektor der Weltagrarorganisation FAO, José
Graziano da Silva, würdigte die Entscheidung
als wichtigen Schritt zu einer "echten nachhaltigen Entwicklung für alle und durch alle".
Laut FAO hat der Druck, den Menschen auf die
Ressource ausüben, dazu geführt, dass weltweit etwa ein Drittel der Böden, die für die
Nahrungsproduktion benötigt werden, verödet
ist. Ohne neue Ansätze werde im Jahr 2050 nur
noch ein Viertel des urbaren Landes vorhanden
sein, das jedem Erdenbürger noch 1960 zur
Verfügung stand. Der Organisation zufolge dauert es bis zu 1.000 Jahre, dass sich ein Zentimeter fruchtbarer Boden bilden kann.
Der Agrarwissenschaftler Moses Tenywa, der an
der Makerere-Universität in der ugandischen
Hauptstadt Kampala lehrt, drängt die Regie-
rungen Afrikas, sich stärker als bisher für den
Erhalt von Erdreich und Gewässern einzusetzen. Meist gingen Bauern mit ihrer Hände Arbeit und finanziellen Mitteln in Vorleistung.
"Kleinbauern haben
oft nicht über die
Möglichkeiten, um
Gewässer und Böden wirksam genug
zu schützen. Deshalb muss man ihnen größere Anreize bieten, etwa in
Form einer Marktanbindung, die ihnen zu Einkünften
und Krediten verhelfen kann", sagt
Tenywa. Die klimasmarte Landwirtschaft könne die Bodengesundheit fördern. Der Begriff 'klimasmarter Anbau'
meint Aktivitäten wie die Agroforstwirtschaft,
den Mischkulturanbau, Fruchtwechsel, effizientere Vorhersagen extremer Wetterphänomene,
die Kombination von Pflanzenbau und Tierhaltung sowie ein verbessertes Wassermanagement.
Bevor die Farmer mit Bodenkonservierungsmethoden vertraut gemacht worden seien, hätten
sie Düngemittel ohne Überprüfung ihrer Böden
eingesetzt, so Tenywa. Inzwischen jedoch sei
es üblich, dass sie die Bodenbeschaffenheit mit
entsprechenden Test-Kits untersuchten oder in
Labors kontrollieren ließen.
Laut dem Bericht des Montpellier Panel sind
schätzungsweise 180 Millionen Menschen in
Subsahara-Afrika von der Bodendegradation betroffen, die aufgrund ausbleibender Ernteer-
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IPS-Weltblick
20. Januar 2015
AFRIKA
träge wirtschaftliche Verluste in Höhe von etwa
68 Milliarden US-Dollar verursacht.
"Die Belastungen, die die beschädigten Böden
in Afrika verursachen, werden in einem unverhältnismäßig hohen Maß von den armen Bauern
getragen", erklärt Sir Gordon Conway, der Vorsitzende der Gruppe afrikanischer und europäischer Wissenschaftler. "Probleme wie eine fragile Sicherheit der Böden und ein begrenzter
Zugang zu Finanzmitteln führen dazu, dass diese Farmer auf bessere Praktiken im Umgang
mit Land verzichten. Diese Methoden würden
aber auf längere Sicht die Bodengesundheit
fördern."
Eine gute Bodenqualität sei in Afrika ausschlaggebend für die landwirtschaftliche Produktivität, für den Broterwerb extrem vieler Menschen und für eine zufriedenstellende Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, betont der
Entwicklungsexperte Wole Fatunbi vom Forum
für Agrarforschung in Afrika (FARA). "Der Gebrauch einfacher und passender Werkzeuge,
die für Kleinbauern erschwinglich sind, sollte
weiter untersucht werden. Zugleich ist eine
strikte Regulierung der Landnutzung für landwirtschaftliche Zwecke notwendig, um das
Ausmaß der Bodendegradation zu reduzieren."
Fatunbi hatte vor 15 Jahren eine Reihe von Methoden entwickelt, mit deren Hilfe herkömmliche Düngemittel in der westafrikanischen Savanne durch pflanzliche Dünger ersetzt werden
sollten. Die Technologie habe sich nicht durchgesetzt, weil das Sammeln des Materials und
die Herstellung des Komposts sehr aufwendig
gewesen seien. "Wenn Technologien den Bau-
ern nicht sofort mehr Einkommen oder Nahrung
verschaffen, sind sie nicht willkommen. Denn
gute Böden kann man nicht essen", so Fatunbi,
der dazu rät, Kompost und mineralischen Dünger in Pellet-Form anzubieten, um die Anwendung attraktiver zu machen.
Dem Experten zufolge hat sich der Terrassenanbau auf ugandischen und ruandischen Hochplateaus als Erfolgsgeschichte zur Bekämpfung
der Bodenerosion herausgestellt. In diesen Ländern seien entsprechende Gesetze eingeführt
worden. Außerdem habe sich die Verwendung
von organischem Dünger in Savannenlandschaften als Erfolgsmodell für ein Agrarsystem herausgestellt, das Ackerbau und Viehzucht zusammenführe.
US-Wissenschaftler weisen indes in einem Bericht ( 'Climate Change and Security in Africa')
auf die verheerenden Folgen des Klimawandels
für die Böden hin. Demnach wird der erwartete
Temperaturanstieg auf dem Kontinent höher
ausfallen als im globalen Durchschnitt.
Die jährlichen Niederschlagsmengen werden
den Voraussagen zufolge mit Ausnahme von
Ostafrika fast überall in der Region sinken. Weniger Regen werde gravierende Folgen für die
Landwirtschaft in Subsahara-Afrika haben, die
zu 75 Prozent von Regenwasser abhänge, heißt
es in der Studie.
Im Jahr 2015 werden in der Region voraussichtlich 22 Prozent weniger Mais, 17 Prozent weniger Hirse, 18 Prozent weniger Erdnüsse und
acht Prozent weniger Maniok geerntet werden.

Begleitbild:
Gesunde Böden sind von entscheidender Wichtigkeit für die globale Nahrungsproduktion – Bild:
FAO/Olivier Asselin
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD14-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/more-than-half-of-africas-arable-land-too-damaged-for-foodproduction/
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IPS-Weltblick
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AFRIKA
KAMERUN: Boko-Haram-Rebellen gefährden Bildungsziele
Von Ngala Killian Chimtom
Maroua, Kamerun (IPS) – "Ich würde eher meinen Beruf aufgeben, als an einem solchen Ort zu unterrichten", so der Grundschullehrer James Ngoran auf die Frage, warum er eine Stelle in Kameruns Far-North-Region ausgeschlagen hat. Dort, im äußersten Norden des Landes an der nigerianischen Grenze, kommt es immer wieder zu Blitzanschlägen der aus dem Nachbarland stammenden
islamistischen Boko-Haram-Miliz.
So wie Ngoran denken viele seiner Kollegen.
"Wer in die Far-North-Region geschickt oder
versetzt wird, tritt seinen Dienst einfach nicht
an. Denn ansonsten
müsste er um sein
Leben
fürchten",
erläutert
Wilson
Ngam, ein Mitglied
der für Grundschulbildung zuständigen
Far-North-RegionalDelegation. Seinen
Angaben
zufolge
haben sich mehr als
200 Lehrer geweigert, ihre Arbeit in
der Far-North-Region aufzunehmen.
Die Überfälle von Boko Haram haben vor Ort
ein Klima der Angst und Unsicherheit geschaffen. Immer mehr Lehrer flüchten aus der 'Todeszone' und versuchen sich mit Hilfe von Bestechungsgeldern alternative Arbeitsplätze zu
erschließen.
Erst kürzlich hat der Boko-Haram-Führer
Abubakar Shekau Kamerun in einer über YouTube ausgestrahlten Videobotschaft damit
gedroht, Kamerun zu einem zweiten Nigeria zu
machen, wo die Terrororganisation zuletzt etliche Dörfer ausgelöscht hat. Seine Warnung kam
nach einer Reihe von militärischen Auseinandersetzungen mit der kamerunischen Armee.
Berichte, wonach Shekau im September von
kamerunischen Truppen getötet worden sei,
stellten sich somit als falsch heraus.
Während die nigerianische Sekte ihre Angriffe
auf kamerunischem Territorium intensiviert,
sieht sich die Regierung gezwungen, zahlreiche
Schulen zu schließen. Nach Angaben von
Mounouna Fotso, einem Beamten im Ministerium für Sekundarbildung, mussten
bereits 130 Schulen
geschlossen
werden. Betroffen
sind vor allem die
Einrichtungen
in
Mayo-Tsanaga, Mayo-Sava und dem
Logone-et-ChariBezirk an der kamerunisch-nigerianischen Grenze.
"Die Regierung
sieht sich gezwungen, die Schulen zu schließen
und Lehrer und Schüler anderswo unterzubringen. Schließlich bedrohen die Boko-HaramKämpfer das Leben tausender Schüler. Wir dürfen unsere Kinder nicht gefährden", meint
Fotso. Die Terrormiliz Boko Haram, für die
westliche Bildung Sünde ist, hat in den letzten
fünf bis sechs Jahren hunderte Schulkinder in
Nigeria massakriert. Die Gesamtopferzahl liegt
bei mehr als 10.000.
"Nach jedem Angriff, auch wenn er noch so viele Kilometer entfernt von hier stattfindet, bleiben mehr Schüler weg", berichtet Christophe
Barbah, der Leiter einer Schule in Kolofata, einem Gebiet in Far North.
Die Schließung der Einrichtungen bedeutet
auch einen herben Rückschlag für das Millenniumsentwicklungsziel der universellen Bildung.
Schon jetzt ist klar, dass es in Far North bis Ablauf der Frist Ende 2015 nicht zu erreichen ist.
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IPS-Weltblick
20. Januar 2015
AFRIKA
Die Einschulungsrate liegt dort mit 49 Prozent
weit unter dem nationalen Durchschnittswert
von 83 Prozent.
tember ums Leben kamen. Teilten sich einst
drei Schüler eine Bank, seien es nun sechs, berichtet er.
Mahamat Abba ist Vater von vier Kindern, die
einst eine staatliche Schule in Fotocol besuchten. Doch inzwischen ist die gesamte Familie
nach Kouseri an der kamerunischen Grenze zum
Tschad geflohen. "Ich sah meine Kinder und
meine wunderbare Frau und wusste, dass sie
jederzeit von einer Kugel oder Bombe getötet
werden könnten", sagt er. "Deshalb haben wir
uns ein sichereres Umfeld gesucht. Doch der
Neuanfang mit nichts ist ein Albtraum."
"Unter normalen Umständen sind in jedem
Klassenraum höchstens 60 Schüler untergebracht. Doch nun befinden wir uns in einer Situation, dass es mehr als 130 sind", berichtet
Mahamat Ahamat, regionaler Delegierte für
Grundschulbildung. "Wir setzen Lehrer aus Risikogebieten ein. Wir holen sie an die Schulen,
zu denen die Schüler geflohen sind. Diese Angriffe machen uns das Leben sehr schwer."
Alhadji Abakouras Heimatstadt Amchidé ist
quasi zu einer Geisterstadt verkommen. "Hier
gab es einst sechs Grundschulen und eine Kindertagesstätte. Sie alle mussten geschlossen
werden."
Dass viele Schüler, Lehrer und Eltern zu sicheren Ufern aufbrechen, setzt die dortigen Schulen unter einen enormen Druck. Dass sie Unmengen an neuen Kindern beschulen müssen,
bedeutet für sie, die ohne Extra-Mittel auskommen müssen, eine immense Belastung.
Nach Angaben des Weltkinderhilfswerks UNICEF
gingen im Jahr 2013 90 Prozent der Jungen und
85 Prozent der Mädchen in Kamerun zur Schule.
Doch im äußersten Norden ist der Anteil deutlich geringer. Dem Nationalen Statistikamt zufolge ist die Region nur zu 40 bis 50 Prozent alphabetisiert. 60 bis 70 Prozent sind es in dem
nordzentralen Bundesstaat Adamawa.
"Viele von uns sind gezwungen, dem Unterricht
durchs Fenster zu folgen, weil es in dem Klassenzimmern selbst nicht genug Platz gibt", erzählt Ahmadou Saidou, Schüler an der staatlichen weiterführenden Schule in Maroua. Er ist
aus Amchidé geflohen, nachdem zwei Mitschüler und ein Lehrer bei einem Anschlag im Sep-
Die nigerianischen Boko Haram haben ihre Angriffe in Kamerun in den letzten Jahren intensiviert. Immer wieder kommt es zu Massakern
und Entführungen zwecks Lösegelderpressungen.
Um auf diese Gefahr zu reagieren, hat Kamerun
eine Reihe militärischer und rechtlicher Reformen eingeleitet. So wurde eine neue Miltärregion in der Far-North-Region mit dem Ziel geschaffen, die Soldaten näher an die Gefahrenzonen heranzubringen, damit sie die Rebellen
aufhalten. Die dafür erforderliche militärische
Ausrüstung soll Berichten zufolge mit internationaler Hilfe finanziert werden.
Mebe Ngo’oo zufolge wird Kamerun in den
nächsten zwei Jahren 20.000 Soldaten rekrutieren, um den Kampf gegen die Terroristen zu
verstärken. Neben der militärischen Option
setzt Kamerun auch auf rechtliche Maßnahmen.
So hat das Land im vergangenen Dezember ein
Anti-Terror-Gesetz verabschiedet, das die Todesstrafe für Personen vorsieht, die terroristischer Aktivitäten für schuldig befunden werden. Doch Oppositionspolitiker, sowie Vertreter
der Zivilgesellschaft und Kirchen lehnen das
Gesetz als undemokratisch ab. Es diene vor allem der Unterdrückung der bürgerlichen Freiheiten, heißt es. 
Begleitbild:
Eine Gruppe nigerianischer Flüchtlinge in Mora in Kamerun – Bild: D. Mbaoirem/UNHCR
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD15-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/boko-haram-insurgents-threaten-cameroons-educational-goals/
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IPS-Weltblick
20. Januar 2015
NAHOST
LIBANON: Videospiele im Kugelhagel
Von Oriol Andrés Gallart
Tripoli, Libanon (IPS) – "Menschen gewöhnen sich an Krieg. Auch bei den letzten Kämpfen kamen
Kinder, um am Computer zu spielen. Das muss man sich mal vorstellen: Ein siebenjähriger Junge,
der nur wegen eines Videospiels durch den Kugelhagel rennt", sagt Mohammad Darwish, Eigentümer eines Internetcafés in einer Hauptstraße von Bab Al-Tabbaneh, einem Viertel der nordlibanesischen Stadt Tripoli.
Für seine jungen Kunden sei der Konflikt zur
Normalität geworden. Sie rechneten gar nicht
mehr mit einem dauerhaften Frieden, sagt
Darwish. Die vergangenen
sechs
Jahre hätten sie
gelehrt, dass es auf
kurz oder lang wieder knallen werde.
Daran
erinnern
auch die vielen
stummen Zeugen –
die zerschossenen
Gebäude – in dem
Stadtteil.
Zuletzt hatten sich
im Oktober 2014 Armee und lokale sunnitische
Milizionäre bekämpft. Das öffentliche Leben in
Tripoli kam drei Tage lang zum Erliegen, Teile
der historischen Altstadt wurden zerstört und
mindestens acht Zivilisten, elf Soldaten und 22
Kämpfer getötet. Tabbaneh steht seither unter
Militärkontrolle. An jeder Straßenecke sind Soldaten und Panzer abgestellt.
An Häusern und Ladenfassaden wehen jedoch
Fahnen mit dem Emblem der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). "Ich unterstütze den IS und
die mit dem Terrornetzwerk Al Qaeda verbündete Gruppe 'Jabhat Al-Nusra' (JN)", so der 19jährige Hassan. Die Miliz werde dafür sorgen,
dass er endlich Arbeit finde, friedlich nach den
Grundsätzen des Islams leben könne und die
Möglichkeit habe, sich frei zu bewegen.
Tabbaneh ist wahrscheinlich das gefährlichste
Pflaster, auf dem man in Tripoli aufwachsen
kann. Versäumnisse mehrerer Regierungen haben dazu geführt, dass in der vorwiegend von
Sunniten bewohnten zweitgrößten Stadt des Libanons, etwa 80 Kilometer nördlich von Beirut
gelegen, ein alarmierend hoher Anteil von Menschen in Armut
lebt, keine Arbeit
hat und sozial ausgegrenzt wird.
Wie aus einer 2012
veröffentlichten
Studie der Wirtschafts- und Sozialkommission
für
Westasien (ESCWA)
hervorgeht, sind 76
Prozent der Bevölkerung Tabbanehs
arm. Ein weiteres Problem ist, dass in erzkonservativen Gesellschaft religiöse Gewalt geschürt wird. Infolgedessen kommt es regelmäßig zu Zusammenstößen, vor allem zwischen
den Bewohnern der Stadtteile Tabbaneh und
Jabal Mohsen, die nur eine Straße voneinander
getrennt sind.
Während in Tabbaneh in erster Linie Sunniten
leben, sind die meisten Menschen in Jabal Mohsen, wie die Familie des syrischen Präsidenten
Bashar al-Assad, Alawiten. Den größten Rebellengruppen in Syrien gehören dagegen Sunniten
an.
Die Wurzeln für die religiös motivierte Gewalt
reichen bis in das Jahr 1976 zurück, als syrische
Truppen den Libanon besetzten und bis 2005 im
Land blieben. Die Feindseligkeiten flammten
2008 wieder auf und verschärften sich nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011. Während
der vergangenen drei Jahre kam es in Tripoli zu
mehr als 20 Gewaltausbrüchen, bei denen sich
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NAHOST
zumeist Milizen aus Tabbaneh und Jabal Mohsen befehdeten.
"Wir kämpfen, um unser Volk zu verteidigen
und Frieden zu schaffen", sagt der 19-jährige
Khaled, der in einer Bäckerei arbeitet und einer
lokalen Miliz angehört. Der gleichaltrige Ahmad gibt
jedoch der wirtschaftlichen Misere die Schuld an
der Gewalt. "Die
Menschen kämpfen
vor allem deshalb
gegeneinander,
weil sie arm und
arbeitslos sind", so
der junge Mann,
der mit finanzieller Unterstützung
der regionalen Hilfsorganisation 'Ruwwad Al
Tanmeya' Ingenieurswissenschaften studiert.
Die Sozialarbeiterin Hoda Al-Rifai teilt Ahmads
Ansicht. "Viele Familien haben kein Einkommen. Und immer wenn ein Konflikt ausbricht,
werden Kämpfer bezahlt, die ihrerseits Kindern
Geld geben, damit sie bestimmte Aufgaben erfüllen. Drei US-Dollar am Tag zu erhalten, ist
für sie besser, als zur Schule zu gehen. Ihre Eltern denken genauso."
Junge Menschen in Tabbaneh hätten aufgrund
von Vorurteilen Schwierigkeiten, einen Job zu
finden, erklärt Rifai. "Die Folge ist ein Mangel
an Selbstvertrauen." Den Medien wirft sie vor,
das Viertel ausschließlich mit Gewalt, Negativem und als Ort in Verbindung zu bringen, in
dem es an brillanten jungen Männern fehlt, in
die zu investieren es sich lohnen würde.
In Tabbaneh selbst gibt es Darwish zufolge keine IS- oder JN-Mitglieder. Vielerorts seien die
Extremistenflaggen nur ein Zeichen der allgemeinen Unzufriedenheit. Der Regierung wird
vorgeworfen, die Sunniten und vor allem die
Bewohner von Tabbaneh zu vernachlässigen. "Das ist kein religiöser, sondern ein
politischer Konflikt",
versichert
Darwishs
49-jährige
Tante.
Wenn sich Politiker
etwas
mitzuteilen
hätten, zahlten sie
dafür, Kämpfe loszutreten. "In dieser
Stadt ist ein Junge für
20 Dollar bereit, einen Krieg anzufangen", meint ihr Neffe.
Etliche Studien haben
gezeigt, dass allerdings nur ein kleiner Prozentsatz der schätzungsweise bis zu 80.000 Einwohner von Tabbaneh aktiv an den bewaffneten
Auseinandersetzungen beteiligt ist.
Wie Sarah Al-Charif, die Ruwwad-Leiterin im
Libanon, berichtet, bietet ihre Organisation
jungen Menschen die Möglichkeit, an Projekten
mitzuarbeiten. Das stärke das Selbstwertgefühl
der Betroffenen. "Sie werden sich ihrer gemeinsamen Interessen, Werte und Nöte bewusst",
erklärt sie. "Vor allem die Mädchen werden
dadurch weltoffener."
Rifai zufolge ist es wichtig, dass die Menschen
verstehen, warum es zu den Kämpfen kommt.
Das sei eine der wichtigsten Voraussetzungen
für einen dauerhaften Frieden. 
Begleitbilder:
Plakat mit Bild eines jungen Mannes, der bei Auseinandersetzungen in Tripoli getötet wurde – Bild:
Oriol Andrés Gallart/IPS
Der 19-jährige Ahmad kann mit Unterstützung einer NGO studieren – Bild: Oriol Andrés Gallart/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD12-01-2015)
Bilder: http://www.ipsnews.net/2015/01/video-games-poverty-and-conflict-in-bab-al-tabbaneh/
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SRI LANKA: Gefährliches Pflaster für Karikaturisten
Von Kanya D'Almeida
Colombo (IPS) – Die Ermordung von Karikaturisten und Redakteuren des französischen Satiremagazins 'Charlie Hebdo' durch islamistische Extremisten beherrscht derzeit die Schlagzeilen von Medien in aller Welt. Seit dem Anschlag in Paris am 7. Januar sind in vielen Ländern Millionen Menschen
auf die Straße gegangen, um das Recht auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen.
Doch Anschläge auf diejenigen, die mit spitzer
Feder zu gesellschaftlichen Entwicklungen Stellung beziehen, erfahren im Tausende Kilometer
entfernten Sri Lanka noch nicht einmal einen
Bruchteil der Aufmerksamkeit, die den insgesamt 17 Opfern der Terrorakte in Frankreich
zuteil wird. Vielleicht hat das damit zu tun,
dass missliebige Karikaturisten in dem südasiatischen Inselstaat nicht vor aller Augen ermordet werden, sondern auf Nimmerwiedersehen
verschwinden.
Wie im Fall Prageeth Eknaligoda geschehen,
der seit dem 24. Januar 2010 vermisst wird. An
jenem Tag telefonierte er gegen 22.00 Uhr mit
seiner Frau Sandhya, um ihr mitzuteilen, dass
er gerade das Büro verlasse und sich auf den
Weg nach Hause mache, wo er aber nie ankam.
Seine Frau schaltete sowohl die örtliche Polizei
als auch die Vereinten Nationen in Genf ein –
bisher ohne Erfolg. Menschenrechtsorganisationen wie 'Amnesty International' halten es für
möglich, dass die srilankischen Behörden bei
Eknaligodas Verschwinden die Hände mit im
Spiel hatten. Nachbarn berichteten, dass sie
am Tag seines Verschwindens einen parkenden
Lieferwagen ohne Nummernschild vor seinem
Haus gesehen hätten. Es ist bekannt, dass in
solchen Fahrzeugen schon viele Personen auf
Nimmerwiedersehen abtransportiert wurden.
Eknaligoda, der als Cartoonist und Kolumnist
für das Internetnachrichtenportal 'Lanka eNews'
(LEN) arbeitete, hatte seinen Stift gegen Korruption, Menschenrechtsverstöße und die Aushöhlung der Demokratie in dem Staat gerich-
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tet. Auf einer seiner bekanntesten Zeichnungen
ist der Rücken einer halbnackten Frau zu sehen, die von einer Gruppe lachender Männer
umzingelt wird. An der Wand dahinter sind die
Worte "Die Mehrheit wünscht sich Demokratie"
zu lesen. Einige Kommentatoren interpretieren
die Zeichnung als Anspielung auf die Machtlosigkeit der Minderheiten in dem vorwiegend
von Sinhala-Buddhisten bewohnten Land.
Der Karikaturist nahm auch Bildungsprobleme
aufs Korn und zeigte, wie verheerend sich ein
schwaches Schulsystem auf junge Menschen
auswirken kann. In einem Cartoon thematisierte er den Selbstmord einer Schülerin an einer f
Mädchenschule in der Hauptstadt Colombo.
Sri Lanka steht auf dem Index für Straflosigkeit
des Komitees zum Schutz von Journalisten
(CPJ) an vierter Stelle – zwischen den Philippinen und Syrien. Somit war es vielleicht nur eine
Frage der Zeit, dass Eknaligoda mundtot gemacht wurde. Der ehemalige Generalstaatsanwalt Mohan Peiris erklärte 2011 vor einem UNKomitee gegen Folter, dass Eknaligoda noch lebe und sich im Ausland aufhalte. Diese Äußerung nahm er später zurück.
Beweise dafür, dass er das gleiche Schicksal erlitten hat wie die insgesamt 19 srilankischen
Journalisten, die seit 1992 kaltblütig ermordet
wurden, gibt es allerdings nicht. Eknaligoda
wird deshalb nicht offiziell zu denjenigen gezählt, die für ihre kritische Arbeit mit dem Leben bezahlten. Da seine Leiche nicht gefunden
wurde, gibt es auch kein Grab, an dem seine
Angehörigen um ihn trauern könnten.
Für die Familie des Karikaturisten wiegt sein
Verschwinden schwer. In einem Interview mit
IPS sagte Sandhya Eknaligoda 2012: "Nicht zu
wissen, wo ein geliebter Mensch ist, bedeutet
seelische Folter. Dies ist schrecklicher als kör-
perliche Misshandlungen, bei denen alle die
Spuren des Leidens sehen können."
Als die Nachricht von dem Massaker in Paris am
7. Januar Staats- und Regierungschefs in aller
Welt erreichte, sprach der kurz darauf abgewählte srilankische Staatspräsident Rajapaksa
den Hinterbliebenen sofort sein Beileid aus.
Diejenigen, die Eknaligodas Fall genau verfolgt
haben, werfen ihm Scheinheiligkeit vor. Von
seinem am 9. Januar vereidigten Amtsnachfolger Maithripala Sirisena erhoffen sich Aktivisten
nun ein Ende der Straffreiheit.
An den neuen Staatschef erging bereits die Aufforderung, den Fall Eknaligoda aufzuklären.
"Sein Sieg am 8. Januar gibt Sri Lanka die
Chance für die Pressefreiheit zu verbessern",
meint der CPJ-Vertreter Sumit Galhotra. "Sirisena hat zugesichert, die Korruption zu beseitigen und für mehr Transparenz zu sorgen. Wir
werden nun genau beobachten, ob er seinen
Worten Taten folgen lässt."
Zu den Verbrechen gegen Journalisten zählt
auch die Ermordung von Lasantha Wickrematunge am hellichten Tag des 8. Januar 2009.
Der Gründer und Chefredakteur der bekannten
englischsprachigen Wochenzeitung 'The Sunday
Leader' kritisierte unumwunden alle Formen
von Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen. Vor etwa 50 Menschen, die sich an
seinem diesjährigen Todestag an seinem Grab
versammelt hatten, warf sein Bruder Lal den
staatlichen Ermittlern Versagen vor.
Wie Ruki Fernando, ein bekannter Graswurzelaktivist in Sri Lanka, erklärte, wurden seit dem
Amtsantritt des neuen Präsidenten die Webseiten von 'TamilNet', 'Lanka eNews' wieder freigeschaltet. Das sei zunächst einmal ein gutes
Zeichen, meinte er. "Doch nun müssten Fälle
wie die von Wickrematunge, Eknaligoda und
vielen anderen aufgeklärt werden." 
Begleitbild:
Bild des seit fast fünf Jahren vermissten Karikaturisten Prageeth Eknaligoda – Bild: Vikalpa/
Groundviews/CPA/CC-BY-2.0
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD15-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/in-sri-lanka-cartoonists-arent-killed-theyre-disappeared/
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PAKISTAN: Afghanische Flüchtlingsfrauen schneidern sich bessere Zukunft
Von Ashfaq Yusufzai
Peshawar, Pakistan (IPS) – Mit 46 Jahren hat Naseema Nashad ein neues Leben begonnen. Nicht aus
freier Entscheidung, sondern aus Notwendigkeit. Die Afghanin war 25, als Kämpfer der Taliban die
Hauptstadt Kabul erstürmten. Nashads Familie sah sich gezwungen, in das benachbarte Pakistan zu
fliehen, um der brutalen Herrschaft der Islamisten zu entkommen.
"Mein Vater blieb da, um sein kleines Geschäft
weiterzuführen. Er schickte uns jeden Monat
Geld, mit dem wir unsere siebenköpfige Familie ernähren und die Miete in Peshawar zahlen
konnten", erzählt sie.
1999 töteten die Taliban Nashads Vater "ohne jeden Grund",
wie Nashad sagt. Seitdem muss die Familie
täglich aufs Neue um
ihr Überleben kämpfen.
Ihre Brüder im Alter
von zwölf, 14 und 15
Jahren fanden damals
rasch Arbeit in Hotels,
die jedoch Hungerlöhne zahlen. Auch Nashad
schlägt sich seither mehr schlecht als recht mit
Gelegenheitsjobs durch. Sie wünscht sich eine
Vollzeitbeschäftigung, die sie auch zu Hause
ausüben kann und die ihr ein regelmäßiges Einkommen verschafft.
Diesen Traum hofft sie nun mit Unterstützung
eines Berufsbildungszentrums der unabhängigen 'Afghanischen Frauenorganisation' in Peshawar in die Tat umsetzen zu können. "Ich habe nähen und sticken gelernt. Bald werde ich
bei mir zu Hause ein kleines Atelier aufmachen.
Einige Frauen, die früher in dem Zentrum ausgebildet wurden, helfen mir", erzählt sie.
Tausende Flüchtlingsfrauen haben sich in den
vergangenen fünf Jahren auf diese Weise
Handarbeitskenntnisse angeeignet. Jede von
ihnen hat eine eigene Geschichte zu erzählen.
Die 14-jährige Gul Pari kam vor sieben Jahren
aus Afghanistan nach Peshawar. Ihr Vater, ein
Tagelöhner, verdiente einfach nicht genug.
Heute betreiben Gul und ihre jüngere Schwes-
ter Jamila eine Änderungsschneiderei. Sie wohnen nach wie vor in einer einfachen Lehmhütte, verdienen aber mittlerweile so viel Geld,
dass sie die gesamte Familie versorgen können.
Safoora Stanikzai, die
Leiterin der Afghanischen Frauenorganisation, berichtet, dass sie
seit der Eröffnung des
Zentrums etwa 4.000
Frauen fortgebildet hat.
"Die meisten waren
entweder Witwen oder
Waisenkinder aus Afghanistan, die männliche Familienmitglieder
verloren haben und in Pakistan in großen Geldschwierigkeiten waren."
Von der Organisation, die mit bescheidenen finanziellen Mitteln auskommen muss, erhalten
die Frauen nach Abschluss des Trainings Nähmaschinen. Stanikzai spricht auch Frauen an,
die auf den Straßen und auf Märkten betteln,
um ihnen eine neue Chance zu bieten. In der
Kriegsregion, in der Zivilisten bei den Gefechten zwischen Extremisten und dem Militär oft
zwischen die Fronten geraten, sind solche Angebote ansonsten rar gesät. Zahlreiche Binnenflüchtlinge leben dort dicht an dicht mit der
lokalen Bevölkerung, die ohnehin schon mit einem Mangel an Wohnraum, Nahrung und Jobs
geschlagen ist.
Dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zufolge
leben etwa 1,6 Millionen Afghanen legal in Pakistan. Die Dunkelziffer der Menschen ohne Papiere dürfte aber weit höher sein. Seit der Invasion sowjetischer Truppen in Afghanistan
1979 sind Schätzungen zufolge zwei Millionen
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ASIEN-PAZIFIK
bis drei Millionen Flüchtlinge heimlich über die
rund 2.700 Kilometer lange und vielerorts
durchlässige Grenze in das Nachbarland gekommen. Die Afghanen, die sich durch das Gebirge nach Pakistan durchschlugen, waren früher in den so genannten Stammesgebieten unter Bundesverwaltung (Fata) und in der Provinz
Khyber Pakhtunkhwa willkommen.
Als jedoch der USgeführte Truppeneinmarsch in Afghanistan 2001 die Taliban-Kämpfer in die
Berge
abdrängte,
kam es dort verstärkt zu bewaffneten Auseinandersetzungen, für die
niemand zur Rechenschaft gezogen
wurde. Die Bevölkerung wollte daraufhin nichts mehr mit den geflohenen Zivilisten zu tun haben, die seither
am Rande der Gesellschaft leben und für den
Anstieg von Gewalt und Kriminalität im Norden
Pakistans verantwortlich gemacht werden.
Nach Ansicht von Ahmed Rasool, Professor für
Internationale Beziehungen an der Universität
von Kabul, haben die verarmten afghanischen
Flüchtlinge keine andere Wahl, als in Pakistan
zu bleiben. Denn die Aussichten auf ein besseres Leben in der alten Heimat sind schlecht.
"Der seit drei Jahrzehnten andauernde Konflikt
trifft Frauen am härtesten. Sie haben Väter,
Ehemänner und andere männliche Familienmitglieder verloren und können kaum für ihren Lebensunterhalt aufkommen", sagt Rasool. Einige
dieser Witwen und Waisen sind im Zuge der
2001 begonnenden Fluchtwelle nach Pakistan
gekommen. Andere leben schon länger in dem
Land und fühlen sich dort längst heimisch.
Die früher reichlichen Finanzhilfen fließen allerdings immer spärlicher. Internationale Hilfsorganisationen haben mit dem Abzug der ausländischen Truppen ebenfalls die Region verlassen. Die pakistanische Regierung, die es kaum
schafft, die eigene verarmte Bevölkerung im
Norden zu unterstützen, kann kaum Hilfen für die Flüchtlinge abzweigen. Ihnen
wird nun gesagt,
dass sie sich bereits
zu lange in dem
Land aufhalten. Initiativen wie Stanikzais Zentrum sind also wilkommene Oasen in einer immer
feindlicheren Wüste.
Die 49-jährige Shamin Ara, die vor fünf Jahren
an dem Zentrum ausgebildet wurde, ist nur ein
Beispiel für den Erfolg der Initiative. Sie kam
1992 nach Pakistan, und ihr Vater starb vor
sechs Jahren an Tuberkulose. Ihr sei nichts anderes übrig geblieben, als wohlhabende Verwandte um Almosen zu bitten, sagt sie. Nun
verdient sie aber aus eigener Kraft umgerechnet 150 US-Dollar im Monat durch Nähen und
Sticken. Das ist ein ordentliches Einkommen in
einem Land mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von etwa 1.250 Dollar.
Einen Ehemann hat Ara bisher nicht gefunden,
weil sie immer noch in tiefer Armut lebt. Immerhin kann sie aber für sich und ihre vier Kinder sorgen. Ihre selbstständige Arbeit will sie
noch weiter ausbauen. Fünf anderen Afghaninnen konnte sie inzwischen helfen, zu Kleinstunternehmerinnen zu werden. 
Begleitbilder:
Mit Schneiderarbeiten können afghanische Flüchtlingsfrauen in Pakistan etwa 150 Dollar im Monat
verdienen – Bild: Ashfaq Yusufzai/IPS
Afghanische Witwen und Waisen haben in Pakistan kaum Möglichkeiten, sich aus eigener Kraft zu
ernähren – Bild: Najibullah Musafer/Killid
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD14-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/women-sewing-a-bright-future-in-northern-pakistan/
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INDIEN: Industrieanlagen 30 Jahre nach Bhopal verbesserungswürdig
Von Neeta Lal
Neu-Delhi (IPS) – Mehr als 30 Jahre nach der Giftgaskatastrophe im zentralindischen Bhopal, bei
der am 3. Dezember 1984 aus einer Produktionsanlage von 'Union Carbide India Limited' Unmengen
an tödlichem Methylisocyanat (MIC) und andere toxische Gase entwichen, muss die drittgrößte
Volkswirtschaft Asiens bei den Sicherheitsstandards in ihren Industrieanlagen weiterhin kräftig
nachbessern.
Bei dem bisher weltweit schlimmsten Chemieunglück wurden schätzungsweise 4.000 Menschen auf der Stelle getötet. Hunderttausende
wurden verstümmelt und/
oder erblindeten. Und
noch immer kommen in
der Hauptstadt des Bundesstaates Madhya Pradesh und den angrenzenden Ge-bieten Kinder mit
körperlichen Missbildungen
und geistigen Behinderungen auf die Welt. Die toxischen Dämpfe haben Böden und Grundwasser für
Jahrzehnte verseucht. Opfer sind die Armen, die es
sich nicht leisten können, die Region zu verlassen.
2013 arbeitete das Zentrum mit Experten aus
ganz Indien zusammen, um einen auf fünf Jahre angelegten Aktionsplan auszuarbeiten, der
auf eine Sanierung des
Erdreichs, die Beseitigung des Giftmülls und
die
Dekontaminierung
des Grundwassers in der
Nachbarschaft abzielt.
Zur Zahl der Menschen, die weiterhin unter den
Folgen der Katastrophe leiden, gibt es laut einem im Dezember veröffentlichten Buch des in
Neu-Delhi ansässigen Zentrums für Wissenschaft und Umwelt (CSE) bislang keine umfassenden Untersuchungen. "Nachdem die Regierung bereits – wenn auch geringe – Entschädigungszahlungen an mehr als eine halbe Million
Opfer geleistet hat, kommen immer neue Forderungen", heißt es in der Publikation.
"Nach Bhopal wurden die Gesetze in Bezug auf
Chemieunglücke und Betriebssicherheit verschärft. Noch sind wir damit aber nicht am Ende angelangt", sagt die CSE-Generaldirektorin
Sunita Narain bei der Vorstellung des Buches.
"Auch wenn es keine weiteren menschlichen
Tragödien dieses Ausmaßes gegeben hat, erlebt
das Land noch immer viele Mini, die Menschenleben fordern und Kontaminationen durch
Giftmüll hervorrufen."
Nach Erkenntnissen von 'Amnesty International'
befinden sich auf dem Grundstück der Fabrik in
Bhopal derzeit noch etwa 350 Tonnen Giftmüll.
25 Jahre nach dem Unglück hatte CSE 2009 eine unabhängige Überprüfung durchführen lassen, bei der hohe Belastungen in Böden und
Grundwasser im Umkreis der Produktionsanlage
festgestellt wurden.
Experten zufolge hat die Regierung zwar eifrig
Komitees gegründet, die die Schäden einschätzen und Schutzmaßnahmen empfehlen. Doch
nach wie vor ereignen sich in Fabriken und
Bergwerken schwerwiegende Pannen. Die Probleme werden durch ein laxes Regulierungsumfeld und tief verwurzelte Korruption verschärft. Ökonomen sagen daher voraus, dass
das exponentielle Wirtschaftswachstum in dem
Obwohl die Katastrophe
von Bhopal weiterhin Bücher, Filme und Debatten über Firmenhaftung
und ungenügende Sicherheitsbestimmungen in Indien hervorbringt, erscheint es immer noch als fraglich, ob das Land
gegen ein ähnliches Fiasko gewappnet wäre.
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ASIEN-PAZIFIK
Land mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern
erheblich zu Lasten von Mensch und Umwelt
gehen wird.
weltministerium zehn toxische Stellen benannt,
an denen Tausende Tonnen gefährlicher Abfälle
lagern.
Dabei betonen Experten für Unternehmensrecht, dass Indien über eines der umfassendsten Gesetze zur Industriesicherheit verfügt. Sicherheitsüberprüfungen sind demnach in allen
Fabriken obligatorisch, die über eine bestimmte Grenze hinaus gefährliche Chemikalien lagern. Das Gesetz schreibt Vor-Ort-Kontrollen in
Fabriken mit gefährlichen Verfahren vor. Zum
Schutz von Arbeitern und Anwohnern wurden
Notfallpläne erarbeitet.
"Das Schlimme ist, dass trotz der ganzen Aufregung der Giftmüll auf dem Fabrikgelände von
Union Carbide immer noch nicht beseitigt worden ist. Verschiedene Parteien streiten darüber, wie die Reinigung durchgeführt und der
Müll entsorgt werden sollte und wer dafür bezahlen müsste", sagt der stellvertretende CSEDirektor Chandra Bhushan.
1996 erlassene Richtlinien im Umgang mit
Chemieunfällen sehen bessere Sicherheitsstandards vor, wie der Risikomanagement-Berater
B. Kartjikeyan erklärt. Demnach soll in jeder
Firma ein Spitzenmanager benannt werden, der
im Unglücksfall die volle Verantwortung trägt.
"Das wichtigste Gesetz, das nach dem BhopalUnglück eingeführt wurde, war jedoch der 'Environment Protection Act' von 1986. Er erteilt
der Zentralregierung die Befugnis, Industriebetriebe, die gegen die Spielregeln verstoßen,
schließen zu lassen oder zu regulieren", erklärt
die Rechtsanwältin Gita Sareen aus Mumbai.
"Das Rahmengesetz implementiert auch das
Mandat der Weltumweltkonferenz, die Umwelt
des Menschen zu verbessern und Gefahren für
alles Leben zu vermeiden."
Die Kluft zwischen Versprechen und Realität ist
jedoch groß. Die Gesundheitsfürsorge reicht in
den meisten Fabriken nicht aus und Zuwiderhandlungen werden selten geahndet. Laut CSEUntersuchungen kamen 2011 landesweit mehr
als 1.000 Menschen in Fabriken ums Leben.
Tausende wurden verletzt. Auch die Verseuchung von Böden und Gewässern ist ein zunehmendes Problem. 2010 hatte das indische Um-
Im formellen Sektor hat das Sicherheitsbewusstsein zugenommen, und Regeln werden inzwischen besser eingehalten, da große Unternehmen um ihr Image besorgt sind. Im informellen Sektor läuft dagegen in dieser Hinsicht
noch vieles schief. So kommt es in Fabriken,
die Feuerwerkskörper herstellen, zu Bränden,
und bei der Säureproduktion häufen sich die
Unfälle, wie Bhushan kritisiert. Dies zeige, dass
es in diesem Bereich eine bessere Überwachung
geben müsse. "Die Crux liegt darin, dass Sicherheit anders als im Westen in Indien noch
nicht Teil der Landeskultur ist."
Shashank Shekhar, Geologieprofessor an der
Universität von Neu-Delhi, weist darauf hin,
dass Abwässer aus Industriebetrieben die
schwerwiegendste Einzelursache für Wasserverschmutzung und Erkrankungen von Millionen
Menschen in Indien sind. In einer Studie, an der
er als Ko-Autor beteiligt war, erklärt Shekhar,
dass das Grundwasser im ganzen Land mit
krebserregendem Blei und Kadmium verseucht
ist. Auch andere gefährliche Stoffe wie Arsen,
Nitrat, Mangan und Eisen wurden darin nachgewiesen. "In Wasser gelöste Schwermetalle
sind bereits in geringen Mengen für Menschen
hochgiftig und können irreparable Schäden hervorrufen", erklärt er. "Dennoch wird das Problem nicht angegangen." 
Begleitbild:
Mahnwache indischer Kinder, die mit Missbildungen geboren wurden. Ihre Eltern waren dem Giftgas in Bhopal ausgesetzt – Bild: Mit freundlicher Genehmigung von 'Chingari Trust'
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD13-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/bhopal-cloud-hovers-over-industrial-safety-in-india/
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BRASILIEN: Erdölindustrie verändert Leben in Rio
Von Mario Osava
Rio de Janeiro (IPS) – Seit dem Leck einer Unterwasserpipeline in der Guanabara-Bucht im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro im Januar 2000 ist der Fischer Alexandre Anderson zum Umweltaktivisten und Sprecher seiner Kollegen geworden. "Auf dem Meer vor der Küste schwamm ein
schwarzer Ölteppich, und der Wellenschlag klang irgendwie dumpf", erinnert er sich.
Trotz dieses Unglücks, durch das 1,3 Millionen
Liter Öl in die Bucht gelangten, und trotz des
Zustroms unbehandelter Abwässer aus dem
Großraum Rio de Janeiro, haben Fische und Fischerei überlebt. Doch die Zahl der Menschen,
die sich einst vom Fischfang ernährten, ist Anderson zufolge in den letzten 15 Jahren um 60
Prozent auf 6.000 zurückgegangen. In Rio de
Janeiro leben zwölf Millionen Menschen.
Die größte Bedrohung für den Fischereibetrieb
stellt der Rückgang des Areals dar, in dem der
Fischfang noch möglich ist. Noch vor einigen
Jahrzehnten konnten die Fischer ihre Netze in
mehr als zwei Dritteln der Bucht auswerfen.
Doch inzwischen ist ihr Einsatzgebiet auf zwölf
Prozent geschrumpft.
Die Erdölindustrie hat sich mit ihren Fabriken,
Pipelines und Tankern 46 Prozent der Bucht
einverleibt. Und angesichts der Tiefseebohrungen im Atlantik vor der brasilianischen Küste
und des Baus einer zweiten, bis 2016 funktionsfähigen Raffinerie in der Nähe der Bucht dürfte
es für die Fischer noch schwieriger werden, ihren Beruf auszuüben.
"Die Ölindustrie ist ein Synonym für das Ende
der Fischerei und der Fische in der GuanabaraBucht", berichtet Anderson IPS. Neben der Verkleinerung des Fischereigebietes sind die zahlreichen Pipelines, die kreuz und quer durch die
Bucht verlaufen, für ökologische Veränderungen verantwortlich. Damit das Erdöl flüssig
bleibt, wird es mit hohen Temperaturen durch
das Leitungssystem gepumpt. Gas hingegen
wird verflüssigt und dann mit zweistelligen Minustemperaturen in die Pipelines eingespeist.
Brasiliens staatlicher Ölkonzern Petrobras unterhält in der Bucht Gasverflüssigungsanlagen
und Lagerstätten für die in den Pipelines angelieferten fossilen Brennstoffe. Das marine Leben leidet auch unter den Auswirkungen der
Geräusche und Erschütterungen infolge des unter hohem Druck stattfindenden Pumpvorgangs.
Die Fischerei ist einer umfangreichen Transformation des Großraums von Rio zum Opfer
gefallen. Die Ökonomie der Zuckerhutstadt, die
sich mit ihren kulturellen Aktivitäten, dem
Tourismus und dem Karneval international einen Namen gemacht hat, hängt nun weitgehend von der Erdöl- und metallverarbeitenden
Industrie ab.
Die Erdöllagerstätten, die unter einer zwei Kilometer dicken Salzschicht im Gestein und Sand
der Tiefsee rund 300 Kilometer vor der Küste
von Rio de Janeiro liegen, haben zu einer Wiederbelebung der bis dahin praktisch inaktiven
Schiffswerften und zu einer Ansiedlung großer
multinationaler Ingenieursdienstleister geführt.
Sie haben ferner dazu beigetragen, dass die
Wahl für den Bau des Petrochemiekomplexes
COMPERJ auf die 60 Kilometer von Rio de
Janeiro nahe des nordöstlichen Teils der Guanabara-Bucht gelegene Stadt Itaboraí fiel. Bislang umfasst der Komplex eine Raffinerie mit
einer Produktionskapazität von 165.000 Barrel
Öl pro Tag. Auf der anderen Seite der Bucht, an
der Rio de Janeiro beginnt, betreibt Petrobras
die Raffinerie Duque de Caxias, die seit 1961
242.000 Barrel Öl pro Tag weiterverarbeitet.
"Mit den Lagerstätten unterhalb der Salzschicht
wird Brasilien zwischen 4,5 Millionen und 5,5
Millionen Barrel Öl pro Tag in den nächsten 20
Jahren produzieren können und zu einem maßgeblichen Erdölexportland aufsteigen", meint
Alexandre Szklo, ein auf Energieplanung spezia-
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LATEINAMERIKA u. KARIBIK
lisierter Professor an der Föderalen Universität
von Rio de Janeiro.
Der internationale Erdölpreisverfall um fast 40
Prozent hat daran nichts geändert. Denn unter
den derzeitigen Bedingungen werde der Expansionskurs lediglich durch lang anhaltende Preisschwankungen gefährdet, so Szklo. "Die Ölindustrie ist wie ein Elefant. Es dauert eine Weile, bis sie sich in Bewegung setzt, und ebenso
lange, bis sie zum Stillstand kommt."
Der Anteil Brasiliens an den internationalen Öllieferungen mag zwar mit etwa rund fünf Prozent recht niedrig sein. Doch entfallen auf das
südamerikanische Land 60 Prozent aller Aufträge für Bohrtürme sowie Erdölexplorations- und
Fördersysteme, da sich das Gros der Ölreserven
offshore befindet.
Die Wirtschaft von Rio de Janeiro profitiert von
der Entwicklung der Schiffsindustrie und der
damit einhergehenden Dienstleistungen für den
Sektor. Brasilien hofft, mit Hilfe dieses Rohstoffreichtums sein Bildungs- und Gesundheitssystem in den kommenden Jahren zu verbessern und Arbeitsplätze zu schaffen.
"Doch die Ölproduktion schafft nur sehr wenige
Jobs", erläutert der Professor. "Sie braucht vor
allem hochqualifizierte Arbeiter, die sich ihre
Arbeit gut bezahlen lassen. Dadurch steigen die
lokalen Kosten, die wiederum andere Industriesektoren schwächen."
In den Außenbezirken von Campos, 280 Kilometer nordöstlich von Rio de Janeiro gelegen, wo
in den letzten drei Jahrzehnten Unmengen an
Erdöl aus der Tiefsee gefördert wurden, hat die
Holländische Krankheit zur Zerstörung der lokalen Zuckerindustrie und zum Anstieg der Lebenshaltungskosten geführt.
Rio de Janeiro erlebt derzeit die gleiche Entwicklung und gehört inzwischen zu den teuersten Städten der Welt. In den letzten fünf Jahren haben sich die Mietpreise für MittelklasseWohnungen verdreifacht.
Doch sind es vor allem die ökologischen Folgen,
die den größten Widerstand gegen die Ansiedlung der Ölindustrie an der Guanabara-Bucht
hervorrufen. "Der Standort für COMPERJ ist
schlecht gewählt. Nun sind Flüsse, die in einem
guten Zustand waren, und das letzte erhaltene
Fischereigebiet der Bucht bedroht", warnt der
Biologe Breno Herrera.
Er führt eine Bewegung aus Anwohnern, Wissenschaftlern und Juristen an, die die Pläne
von Petrobras, dem Eigentümer von COMPERJ,
zu durchkreuzen versucht, den Fluss Guaxindiba in einen Transportweg für schweres Gerät
der Erdölindustrie auszubauen. "Durch die Baggerarbeiten könnten Schwermetalle, die sich
im Flussbett befinden, aufgewirbelt werden
und Fische und Menschen verseuchen."
Die Raffinerie werde sauren Regen produzieren, der durch Winde zu den Wäldern und
Grünflächen in den Bergen transportiert und
dort große Zerstörungen anrichten werde,
fürchtet Herrera, der ehemalige Leiter eines
Schutzgebietes, das nun von der Erdölindustrie
bedroht wird.
Die Raffinerie Duque de Caxias sei eine der
schlimmsten Verseuchungsquellen der Guanabara-Bucht und der nächsten Nachbarschaft.
Atemwegserkrankungen, Allergien und geschwollene Augen seien die Folge, so auch Sebastião Raulino vom 'Forum der von der Öl- und
Petrochemieindustrie betroffenen Menschen'
(FAPP). 
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD13-01-2015)
http://www.ipsnoticias.net/2015/01/petroleo-especie-acuatica-e-invasora-en-la-capital-delcarnaval/
http://www.ipsnews.net/2015/01/oil-an-invasive-water-species-in-the-carnival-capital/
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KARIBIK: Vom Joch der fossilen Brennstoffe befreien
Von Desmond Brown
Basseterre, St. Kitts (IPS) – Die Karibiknation St. Kitts und Nevis, die es zum weltweit ersten nachhaltigen Inselstaat bringen will, hat mit ihrem Programm zur Senkung der Energiekosten einen
großen Schritt nach vorn gemacht.
Erst kürzlich stellte die Regierung die Weichen
für den Bau eines zweiten Solarparks. Dazu
meinte Ministerpräsident Denzil Douglas gegenüber IPS, er werde sein Land "aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen befreien". Ziel
sei es, die natürliche Kraft der Sonne zu nutzen, über die St. Kitts and Nevis reichlich verfüge. "Das nationale Elektrizitätswerk SKELEC
kann dann die Importe fossiler Brennstoffe zurückfahren."
weniger bezahlen müssen." Eine Kilowattstunde
Strom kostet in dem Karibikstaat zurzeit umgerechnet 42,3 US-Cent.
Wie Douglas weiter betonte, "sind wir fest entschlossen, St. Kitts and Nevis in einen grünen
und nachhaltigen Staat zu verwandeln. Die Kosten für Energie werden sinken, die Verbraucher
Während ökologische Nachhaltigkeit in der Karibik immer mehr an Zugkraft gewinnt, sieht
der Exekutivdirektor des Umweltprogramms
der Vereinten Nationen (UNEP), Achim Steiner,
Die Errichtung des zweiten Solarparks wird zu
45 Prozent von SKELEC und zu 55 Prozent von
Taiwan finanziert. Der erste Solarpark, dessen
Bau im September 2013 in Auftrag gegeben
wurde, versorgt inzwischen den Internationalen
Robert-L.-Bradshaw-Flughafen mit Elektrizität.
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die Region auf dem richtigen Weg. "In mancher
Hinsicht hat die Karibik bereits eine starke Führungsrolle übernommen", sagte er.
"In dem Augenblick, in dem sich Staaten damit
auseinandersetzen, welche Auswirkungen der
Klimawandel auf ihre Zukunft und die Zukunft
ihrer Volkswirtschaften haben wird, erkennen
sie, dass sie ohne eine Einbeziehung der ökologischen Nachhaltigkeit weitaus höhere Risiken
eingehen und mit höheren Kosten rechnen müssen." Steiner warnte auch vor dem Verlust
kostbarer Vermögenswerte wie Land, Wäldern,
Korallenriffen und Fischbeständen.
Die karibischen Korallenriffe sind in den vergangenen Jahrzehnten bereits erheblich dezimiert worden. In zahlreichen Studien wird diese Entwicklung als Hauptgrund dafür genannt,
dass die Fischpopulationen immer weiter
schrumpfen. Die Riffe dienen nicht nur als Unterschlupf für Fische, sondern schützen auch
die Küsten. Schätzungen zufolge erwirtschaftet
der mit den Korallenriffen in Verbindung stehende Fischfang in der Karibikregion jährliche
Nettoeinnahmen von mindestens 310 Millionen
Dollar.
Die kontinuierliche Degradation der wenigen
verbliebenen Korallenriffe droht diese Einnahmen ab 2015 auf etwa 95 bis 140 Millionen Dollar zu drücken. Auch der zu erwartende Rückgang des Tauchtourismus könnte die Region
teuer zu stehen kommen.
Der Premierminister von Antigua und Barbuda,
Gaston Browne, ist ebenfalls fest entschlossen,
mit Hilfe der erneuerbaren Energien den ökologischen Fußabdruck seines Landes zu verringern. "Barbuda wird in kurzer Zeit zu einer Insel der grünen Energie werden. Wir werden
moderne umweltfreundliche Technologien ein-
führen, um damit unseren gesamten Energiebedarf zu decken", sagte Brown, dessen von
der 'Antigua Labour Party' geführte Regierung
seit Juni 2014 im Amt ist. Er will in seiner
Amtszeit erreichen, dass 20 Prozent des genutzten Stroms aus umweltverträglichen Quellen kommt.
In einem am 12. Januar veröffentlichten Bericht der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energie (IRENA) ist ein Plan dargelegt, mit dessen Hilfe bis 2030 der Anteil erneuerbarer Energien weltweit verdoppelt werden soll. In ihrem Fahrplan 'REmap 2013'
schätzt IRENA auch das Potenzial der USA und
anderer Länder ein, die Nutzung sauberer
Energien zu steigern, unter anderem in der Industrie und im Transportsektor.
Der Report bestätige Studien, die die zunehmende Kostenwettbewerbsfähigkeit und das
Potenzial für erneuerbare Energien in den USA
aufzeigten, sagt Dolf Gielen. Direktor des IRENA-Zentrums für Innovation und Technologie.
"Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass das Potenzial erneuerbarer Energien nicht nur auf den
Stromsektor begrenzt ist, sondern in einem hohen Maße auch in Gebäuden, in der Industrie
und im Verkehrssektor zu nutzen ist."
Vom 17. bis 18. Januar treffen sich Regierungschefs aus mehr als 150 Ländern und Vertreter
von 110 internationalen Organisationen zu der
fünften IRENA-Versammlung in Abu Dhabi. "Wir
müssen begreifen, dass innerhalb eines globalen Wirtschaftssystems, das die Staaten mit einer hohen Arbeitslosigkeit insbesondere der Jugend konfrontiert, der Übergang zu einer grünen Wirtschaft als Chance für eine inklusive
grüne Wirtschaft begriffen werden muss", so
Steiner. 
Begleitbild:
Achim Steiner, Exekutivdirektor des Weltumweltprogramms UNEP – Bild: Desmond Brown/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD16-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/island-states-throw-off-the-heavy-yoke-of-fossil-fuels/
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ST. VINCENT: Kurs auf erneuerbare Energien
Von Kenton X. Chance
Kingstown (IPS) – Jahrzehnte lang wurde auf den produktiven Hängen des Vulkans La Soufriere im
Norden der Insel Marihuana angebaut. Die Droge befeuert die Schattenwirtschaft und den Handel
der östlichen Karibik. Doch nun soll der 1.234 Meter hohe Riese, der zuletzt 1979 ausgebrochen ist,
für ein hehres Ziel herhalten: die Erzeugung von geothermischer Energie.
Regierungschef Ralph Gonsalves hält Erdwärme
für einen vielversprechenden Energieträger, um
die Wirtschaft des Inselstaates St. Vincent und die
Grenadinen in Schwung zu
bringen. In dem Land, in
dem der Tourismus bislang
die Haupteinnahmequelle
ist, kostet die Kilowattstunde um die 40 bis 50 USCent. Zum Vergleich: In
Deutschland lagen die Industriestrompreise im Jahr
2014 nach Angaben des
Statistikportals 'Statista' bei
etwa 8,5 Euro-Cent.
Haushalte und produzierendes Gewerbe in St.
Vincent und die Grenadinen hoffen, dass sich
aus geothermischen Quellen die zehn bis 14
Megawatt Strom generieren lassen, die das
Land so dringend braucht, um seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern
und seine Agrarerzeugnisse und andere Rohstoffe weiterzuverarbeiten.
Die Exploration des Erdwärmepotenzials erfolgt
im Rahmen eines Partnerschaftsprojektes der
'Unity Labour Party', der isländischen Firma
'Reykjavik Geothermal Ltd.' und des internationalen Energiekonzerns 'Emera Inc.', der im kanadischen Nova Scotia angesiedelt ist und in
der Karibik Elektrizitätswerke besitzt.
Im Dezember, ein Jahr nach dem Beginn der
Explorationsarbeiten, erklärte Ministerpräsident Gonsalves, der sich in diesem Jahr zum
vierten Mal in Folge für eine Amtszeit bewirbt,
dem Parlament, dass die Erdwärmeanlage bis
Ende 2017 fertiggestellt sein dürfte. Bis Juni
2015 soll der Expertenbericht vorliegen und der
Standort für die Anlage und den Schacht feststehen, wie er betonte. "Wir sind auf dem besten Weg. Wenn nichts dazwischenkommt, könnten
wir ab Ende 2017 zehn Megawatt Strom erzeugen."
Mit den "extrem zinsniedrigen Geldern", die dem
Land nach Aussagen von
Gonsalves in Kürze bereitstehen, könnten die Kredite in Höhe von insgesamt
15 Millionen Dollar gemeint
sein, die die Regierung
beim 'Abu Dhabi-Entwicklungsfonds' und bei der 'Internationalen Agentur
für erneuerbare Energien' (IRENA) beantragt
hat. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich auf
der fünften Sitzung der IRENA-Versammlung
vom 17. bis 18. Januar in Abu-Dhabi entscheiden, an der Gonsalves teilnehmen wird.
Dazu meinte der Regierungschef im IPSGespräch, dass es in diesem Jahr um einen Gesamtbetrag in Höhe von 60 Millionen Dollar gehe, der auf acht Parteien verteilt werde, die
den Zuschlag erhielten. Insgesamt lägen um die
80 Anträge vor.
Trotz des jüngsten Ölpreisverfalls ist Gonsalves
nach wie vor überzeugt, dass die erneuerbaren
Energien die richtige Wahl für St. Vincent und
die Grenadinen sind. "Lediglich in Zeiten, als
der Diesel für 15 Dollar das Barrel zu haben
war, gab es den Druck nicht, sich alternativen
Energieformen zuzuwenden", fügte er hinzu.
Ein Viertel der 20 Megawatt Strom, die der karibische Inselstaat zur Deckung der Verbrauchsspitzen benötigt, werden derzeit von drei Was-
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serkraftwerken generiert. Mit Diesel im Wert
von 70 Millionen Dollar (2013) werden die restlichen 15 Megawatt erzeugt.
"Wir wollen die Wasserkraftwerke effizienter
machen. Und wir wollen und werden Energie
aus Solarkraft und Erdwärme erzeugen", versprach Gonsalves. Mit Erdwärme allein ließen
sich bereits 98 Prozent des Grundlaststrombedarfs des Landes decken. Sonnenkraft könnte
mindestens 20 Prozent des Grundlaststroms generieren. "Das zeigt, dass wir trotz der reichlich vorhandenen Sonne für den Grundlaststrom
immer noch auf Wasserkraft, Geothermie und
Diesel zurückgreifen müssen", betonte der Regierungschef.
Zu denjenigen, die die Fertigstellung der Erdwärmeanlage kaum erwarten können, gehört
der Möbelproduzent Montgomery Dyer, der 28
Mitarbeiter beschäftigt. Er lebt in Spring Village, einem Ort in North Leeward, dem Bezirk
im Nordwesten von St. Vincent, wo sich ein Teil
des Vulkans befindet. La Soufriere estreckt sich
über das nördliche Drittel der 344 Quadratkilometer großen Insel.
Wie der 52-Jährige berichtete, machen die
derzeitigen Strompreise zehn Prozent seiner
Produktionskosten aus. Monatlich fielen an die
1.100 Dollar an Energiekosten an. "Wenn wir
die Stromkosten drosseln können, sinken die
Produktionskosten. Wir werden dann viel wettbewerbsfähiger sein", meinte er gegenüber IPS.
St. Vincent und die Grenadinen haben bereits
einige Schritte unternommen, um den fast
ganzjährig vorhandenen tropischen Sonnenschein für Energiezwecke zu nutzen. Das Land
verfügt über Photovoltaikanlagen, die etwa 750
Kilowattstunden bereitstellen können. Eine
Zehn-Kilowattstunden-Solaranlage befindet sich
im Finanzkomplex, in dem auch das Büro des
Ministerpräsidenten untergebracht ist. Die Kos-
ten für die Kühlung des Gebäudes konnten um
20 Prozent gesenkt werden.
Die meisten Solarinstallationen gehören dem
staatlichen Stromerzeuger 'St. Vincent Electricity Services Ltd.' (VINLEC), der das Monopol
auf die Gewinnung von Industriestrom und auf
die Stromverteilung hält. VINLEC verfügt in seinen Cane-Hall-Stromwerken östlich von Kingstown über Solarzellen, die 557 Kilowattstunden
erzeugen. Eine weitere Anlage befindet sich in
der Lowmans Bay westlich der Hauptstadt, wo
auch eine Dieselstromanlage steht.
Der Staatsbetrieb hat eine Million Dollar für Solarzellen ausgegeben. Doch für die Verbraucher
bedeutet dies nur einen Rückgang der Verbraucherpreise um Cent-Beträge.
Alle landesweit installierten Solaranlagen werden den Schätzungen zufolge die Treibhausgase
von St. Vincent und die Grenadinen um 800
Tonnen pro Jahr verringern. "Das mag sich zwar
bescheiden ausnehmen, doch wollen wir damit
der Welt zeigen, dass wir als kleiner Inselentwicklungsstaat unseren Beitrag gegen den Klimawandel leisten", so Gonsalves.
Die CO2-Emissionen sind die Hauptverursacher
der Erderwärmung, die St. Vincent und die
Grenadinen in den letzten Jahren heftige Wetteranomalien beschert hat. So kam es Heiligabend 2013 zu schweren Überschwemmungen
mit zwölf Todesopfern. Den offiziellen Angaben
zufolge schlugen die wirtschaftlichen Schäden
mit 122 Millionen oder 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Buche.
Dem Möbelhersteller Dyer brachten die Überschwemmungen Verluste in Höhe von 445.000
Dollar. Er musste mehrere Kredite aufnehmen,
um seine zerstörte Fabrik wieder aufzubauen.
"Die Wassermassen rissen das Gebäude teilweise ein setzten den Maschinenpark unter Wasser
und Schlamm. Das war ihr Ende." 
Begleitbild:
St. Vincent und die Grenadinen setzt auf Solarkraft – Bild: Kenton X. Chance/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD13-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/st-vincent-embarks-on-renewable-energy-path/
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KOMMENTAR
KOMMENTAR: Die Geheimgespräche von JFK mit Fidel
Von Robert F. Kennedy Jr.*
White Plains, New York (IPS) – Am selben Tag im November 1963, als John F. Kennedy ermordet wurde, traf
sich einer seiner Gesandten heimlich mit [dem damaligen kubanischen Staatschef] Fidel Castro am Strand
von Varadero, um über die Bedingungen für ein Ende des US-Embargos gegen Kuba zu verhandeln und den
Entspannungsprozess zwischen beiden Ländern einzuleiten.
Das ist nun schon über 50 Jahre her, und endlich
nimmt US-Präsident Barack Obama den Verhandlungsprozess wieder auf, indem er die diplomatischen Beziehungen wieder herstellt, um JFKs Traum
doch noch wahr werden zu lassen.
Die Geheimverhandlungen in Castros SommerPräsidentenpalast am Strand von Varadero waren
bereits seit Monaten im Gang und entwickelten sich
nach der Beilegung der Kubakrise von 1962 parallel
zu Bemühungen, die Beziehungen zwischen den USA
und der Sowjetunion zu verbessern.
Im Verlauf der Kubakrise hatten JFK und der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow, die mit
ihren jeweiligen Hardlinern im Militär zerstritten
waren, einen gewissen Respekt füreinander entwickelt. Ein von ihnen geschlossenes Geheimabkommen stellte die Weichen für den Abzug der sowjetischen Mittelstreckenraketen aus Kuba und der USJupiter-Raketen aus der Türkei, was beiden Seiten
erlaubte, ihr Gesicht zu wahren.
Fidel Castro hatte sich über die russische Entscheidung geärgert, die Raketen ohne vorherige Rücksprache mit ihm von der Insel abzuziehen. Nach Beilegung der Kubakrise lud Chruschtschow den über
den Alleingang erbosten Fidel nach Russland ein, um
ihn zu besänftigen.
Castro und Chruschtschow verbrachten sechs Wochen miteinander. Der russische Regierungschef versuchte auf Fidel einzuwirken, mit Präsident Kennedy
seinen Frieden zu machen und zu einer Entspannung
der Beziehungen beizutragen. Chruschtschows Sohn
Sergej schrieb später, dass "mein Vater und Fidel
eine
Lehrer-Schüler-Beziehung
entwickelten".
Chruschtschow wollte Castro davon überzeugen,
dass JFK vertrauenswürdig sei.
Castro selbst schilderte, wie Chruschtschow "mir
stundenlang Botschaften von Präsident Kennedy vorlas, Botschaften, die manchmal durch [JFKs Bruder]
Robert Kennedy überbracht worden waren". Castro
kehrte mit dem festen Annäherungswillen nach Kuba
zurück.
Die CIA spionierte damals alle Parteien aus. In einem Top-Secret-Memorandum vom 5. Januar 1963
warnte Richard Helms [der 1966 neuer CIA-Chef
werden sollte] seine Mitagenten, dass "Castro unter
dem Einfluss von Chruschtschow mit dem Vorsatz
nach Kuba zurückgekehrt sei, dessen Annäherungskurs gegenüber der Kennedy-Regierung bis auf weiteres fortzuführen".
JFK war offen für solche Entwicklungen. Im Herbst
1962 hatten er und sein Bruder Robert den New Yorker Anwalt James Donovan und den Freund und Berater meines Vaters Robert Kennedy, John Dolan,
losgeschickt, um von Castro die Freilassung von
1.500 kubanischen Häftlingen zu erwirken, die im
Zusammenhang mit der [misslungenen] US-Invasion
der Schweinebucht in kubanischen Gefängnissen
einsaßen.
Donovan und Nolan entwickelten freundschaftliche
Gefühle für Castro, der sie auf Rundreisen durch das
Land mitnahm. Fidel führte sie dorthin, wo die
Kämpfe in der Schweinebucht stattgefunden hatten,
und nahm sie als seine Gäste zu vielen BaseballSpielen mit, dass, so hat Nolan mir erzählt, er sich
geschworen habe, sich nie wieder eines anzusehen.
Als Castro an Heiligabend 1962 die letzten 1.200 Gefangenen freiließ, fragte er Donovan nach der weiteren Vorgehensweise, um die Beziehungen zu den
USA zu normalisieren. Darauf antwortete ihm Donovan, das Ganze ebenso vorsichtig anzugehen, "wie
Stachelschweine, wenn sie Liebe machen".
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IPS-Weltblick
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KOMMENTAR
Mein Vater Robert und JFK waren extrem gespannt,
was Donovan und Nolan über die Person Castro zu
erzählen hatten und forderten eine detaillierte Beschreibung.
Die US-Presse hatte Fidel verschiedentlich als Trunkenbold, als schmutzigen, launenhaften, gewalttätigen und undisziplinierten Menschen dargestellt.
Doch Nolan erklärte seinen beiden Zuhörern: "Unser
Eindruck entspricht nicht der üblichen Darstellung.
Castro war nie gereizt, nie betrunken und nie
schmutzig." Er und Donovan beschrieben den kubanischen Führer als weltoffen, witzig, neugierig, gut
informiert, gepflegt und als fesselnden Gesprächspartner.
Nach den ausgedehnten Rundreisen mit Castro und
den spontanen Huldigungen, die Castro in Begleitung seines kleinen aber professionellen Sicherheitsteams zuteil wurden, bestätigten sie die internen
CIA-Berichte, denen zufolge er vom kubanischen
Volk geliebt wurde.
JFK brachte der Kubanischen Revolution eine intuitive Sympathie entgegen. Sein Sonderreferent und
Biograph Arthur Schlesinger schrieb, dass "Präsident
Kennedy eine natürliche Sympathie für die lateinamerikanischen Underdogs hegte und sich der Ursachen der verbreiteten Ressentiments gegen die USA
bewusst war".
Wie er weiter erklärte, habe sich Castro in einer
Zeit, in der er sich dem Westen hätte zuwenden
können, aufgrund der langen Geschichte von Missbrauch und Ausbeutung gegen die USA und für die
Sowjets entschieden. Kennedy habe sich lediglich
daran gestört, dass sich Kuba als Werkzeug und
Plattform für eine Ausweitung der sowjetischen Einflusssphäre hergegeben und in ganz Lateinamerika
Revolutionen und die Expansionsgelüste der Sowjets
unterstützt habe.
Castro hatte eigene nationalistische Gründe, die
Abhängigkeit von den Sowjets insbesondere nach
der Kubakrise zu begrenzen. Diesen Wunsch nach
Annäherung [an die USA] verdeutlichte er während
privater Gespräche mit der ABC-Journalistin Lisa
Howard, die ebenfalls als informelle Vermittlerin
zwischen JKF und Fidel fungierte.
Howard berichtete dem Weißen Haus, dass Castro
"in unseren Gesprächen klar und deutlich erklärt
hat, dass er zu Gesprächen über die Anwesenheit
von sowjetischem Personal und militärischer Ausrüstung, die Entschädigung für enteignete USImmobilien und Investitionen und über die Rolle Kubas als regionalem Stützpunkt für revolutionäre Aktivitäten bereit ist".
Nach der Freilassung der kubanischen Gefangenen
war JFK ernsthaft daran gelegen, einen Neuanfang
der Beziehungen zu Castro zu wagen. Diese Anwandlung trieb ihn in ein gefährliches Fahrwasser. Im
Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 1964 barg
allein schon der Gedanke an eine mögliche Entspannungspolitik mit Castro politischen Sprengstoff.
Barry Goldwater [den die Republikaner als ihren
Kandidaten für die Wahlen 1964 nominiert hatten],
Richard Nixon [Vizepräsident unter Dwight D. Eisenhower und JFKs Rivale im Wahlkampf 1960] und Nelson Rockefeller [Goldwaters Rivale vor der Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat]
betrachteten Kuba als das größte politische Kapital
der Republikaner.
Gewisse mordgierige und gewaltbereite Exilkubaner
und ihre Verbündeten bei der CIA lehnten jedes Gespräch über die Ko-Existenz der USA und Kuba als
einen zum Himmel schreienden Verrat grundsätzlich
ab.
Im September 1963 wandte sich JFK still und leise
an William Atwood, einen ehemaligen Journalisten
und US-Diplomaten bei den Vereinten Nationen, und
bat ihn, mit Castro geheime Verhandlungen aufzunehmen. Atwood kannte Castro seit 1959, als er für
das Magazin 'Look' über die Kubanische Revolution
berichtet hatte, bevor sich Castro gegen die USA
stellte. Im selben Monat forderte mein Vater Atwood auf, einen sicheren Ort für Verhandlungen mit
Fidel zu finden.
Im Oktober begann Castro mit den Vorkehrungen für
die heimliche Ankunft auf einem entlegenen kubanischen Landeplatz, um mit den Gesprächen über die
Entspannung zu beginnen. Am 18. November 1963,
vier Tage vor der Ermordung von JFK in Dallas, hörte
Castro mit, wie sein Referent Rene Vallejo telefo-
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KOMMENTAR
nisch mit Atwood die Eckpunkte für das Treffen
festlegte.
besondere dessen positiven Formulierungen im Zusammenhang mit der Kubanischen Revolution.
Am gleichen Tag bereitete JFK seine für die Öffentlichkeit bestimmte Rede vor, die der Annäherung
den Weg ebnen sollte. Gegenüber dem Interamerikanischen Presseverband im Zentrum der kubanischen Exil-Gemeinde in Miami erklärte er, dass es
nicht Sache der US-Politik sei, irgendeinem Land
den Wirtschaftskurs vorzugeben. "Jedem Land steht
es frei, die eigene Wirtschaft in Übereinstimmung
mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu gestalten."
Dann hüllte sich Castro in nachdenkliches Schweigen, um anschließend bedächtig die Worte zu formulieren, von denen er wusste, dass JFK sie so sehr
erwartete: "Ich glaube, dass Kennedy aufrichtig ist.
Ich glaube auch, dass der Ausdruck seiner Aufrichtigkeit von politischer Bedeutung sein könnte."
Einen Monat zuvor hatte JFK einen weiteren geheimen Gesprächskanal über den französischen Journalisten Jean Daniel, Redakteur der sozialistischen
Zeitung 'Le Nouvel Observateur', geschaffen. Auf
dem Weg zu einem Interview mit Fidel in Kuba am
24. Oktober 1963 besuchte Daniel das Weiße Haus,
wo sich JFK über die US-kubanischen Beziehungen
ausließ.
In einer für Castros Ohren bestimmten Botschaft kritisierte JFK Castro für dessen Rolle in der Kubakrise.
Dann wechselte er den Ton und sprach Kuba wie
schon dem russischen Volk in seiner Rede vom 10.
Juni 1963 an der 'American University', als er das
Atomtestverbotsabkommen mit den Sowjets ankündigte, sein Mitgefühl aus.
Kennedy setzte bei dieser Gelegenheit zudem zu einem Vortrag über die lange Geschichte der USBeziehungen zu dem korrupten und repressiven Regime von Fulgencio Batista an. JFK erklärte Daniel,
dass ihn Castros 'Manifest der Sierra Maestra' zu Anfang der Kubanischen Revolution angesprochen habe.
Zwischen dem 19. und dem 22. November 1963
führte auch Castro etliche Gespräche mit Daniel. Er
erläuterte dem Franzosen präzise und ausführlich
sämtliche Aspekte seines Treffens mit JFK und ins-
Dann folgte eine weitläufige Kritik an den Regierungen Kennedys und Eisenhowers für ihre Ablehnung
der kubanischen Revolution "lange bevor es den
Vorwand und das Alibi des Kommunismus gab".
Gleichwohl fügte er hinzu: "Ich kann nachvollziehen,
dass [Kennedy] ein schweres Erbe angetreten hat;
ich denke nicht, dass ein Präsident der USA jemals
wirklich frei sein kann, und ich denke, dass Kennedy
derzeit die Folgen dieses Mangels an Freiheit zu spüren bekommt. Ich bin mir darüber hinaus sicher,
dass er sich inzwischen klar geworden ist, wie sehr
er fehlgleitet wurde, besonders mit Blick auf die
kubanische Reaktion auf die Invasion in der Schweinebucht."
Ferner betonte er gegenüber Daniel: "Ich kann nicht
umhin zu hoffen, dass sich in Nordamerika ein Führer hervortun wird (Warum nicht Kennedy, für den
vieles spricht!), der bereit ist, der Unpopularität
standzuhalten, Konzerne anzugehen, die Wahrheit
zu sagen – und, was besonders wichtig ist – die unterschiedlichen Staaten nach eigenem Gutdünken
handeln zu lassen. Noch könnte Kennedy dieser
Mann sein."
Castro erklärte weiter: "Noch wäre er geschichtlich
gesehen in der Lage, zum größten Präsidenten der
USA zu werden, der Führer, der endlich versteht,
dass selbst in den Amerikas eine Koexistenz zwischen Kapitalisten und Sozialisten möglich ist. Dann
wäre er sogar ein noch größerer Präsident als [Abraham] Lincoln." 
*Der Jurist, Umweltschützer und Buchautor Robert F. Kennedy Jr. ist der Sohn von Robert [Bobby] F. Kennedy und Neffe des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD15-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/opinion-jfks-secret-negotiations-with-fidel/
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Faire Globalisierung setzt echte Kooperation voraus
Nachhaltige Globale Sicherheit setzt Kultur des Friedens voraus
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