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Frankfurter Allgemeine Zeitung (19.01.2015)

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Z E I T U NG F Ü R D E U T S C H LA N D
Montag, 19. Januar 2015 · Nr. 15 / 4 D 2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Franziskus feiert
größte Messe
aller Zeiten
fäh. MANILA, 18. Januar. Papst Franziskus hat am Sonntag zum Abschluss seiner
Asien-Reise mit mehr als sechs Millionen
Menschen in Manila einen Gottesdienst
gefeiert. Den Angaben der philippinischen Behörden nach war es die größte
Messe in der Geschichte der katholischen
Kirche, vor dem Gottesdienst von Papst
Johannes Paul II. am selben Ort mit fünf
Millionen Teilnehmern im Jahr 1995. Die
Gläubigen hatten trotz strömenden Regens stundenlang im Rizal Park auf das
Eintreffen des Papstes gewartet. Wie
schon in den Tagen zuvor wurde Franziskus mit frenetischem Jubel gefeiert. Das
Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche hatte zunächst Sri Lanka besucht und
dann die Philippinen, das mit mehr als
achtzig Millionen Gläubigen größte katholische Land Asiens. In seiner Predigt forderte er die Filipinos auf, sich für die Verbreitung des Christentums in Asien einzusetzen. „Die Filipinos sind berufen, hervorragende Missionare des Glaubens in
Asien zu sein“, sagte Franziskus. Das Kirchenoberhaupt hatte am Samstag die Region in den Zentralphilippinen besucht, die
im Herbst 2013 der Taifun Haiyan verwüstet hatte. Wegen eines neuerlichen Tropensturms musste er seinen Aufenthalt abbrechen und nach Manila zurückkehren.
(Siehe Seite 3; Kommentar Seite 8.)
2,30 € D 2954 A
Wir sind Dresden
Von Reinhard Veser
uss die Losung „Je suis Charlie“
M
nun von „Wir sind Pegida“ abgelöst werden? Für die Initiatoren von
Pegida und für die Dresdner Demonstranten gilt das Gleiche wie für die Satiriker von „Charlie Hebdo“: Der Angriff auf ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ist ein Angriff auf uns alle.
Sollten Islamisten tatsächlich einen
Anschlag auf die Kundgebung oder einen ihrer Organisatoren planen, dann
planen sie einen Anschlag auf den
Kern dessen, was unser Gemeinwesen
ausmacht.
Das ist keine Solidarisierung mit Pegida. Die mitunter abenteuerlichen
Behauptungen aus den Reihen dieser
Bewegung werden dadurch nicht richtiger, ihr verqueres Verständnis von
Meinungsfreiheit (alles, was nicht der
eigenen Weltsicht entspricht, ist
„Lüge“) bleibt inakzeptabel, die Melange aus Wut und Vorurteil, die sich
bei den Demonstrationen Bahn
bricht, tut diesem Land auch weiterhin nicht gut. Die Auseinandersetzung mit Pegida muss deshalb weitergeführt werden – mit Worten oder
auch gewaltfreien Demonstrationen.
Aber die Aufgabe des Staates ist es, alles dafür zu tun, dass die Pegida-AnWeltrekord: Mehr als sechs Millionen Menschen wollen Franziskus im Rizal Park zu Manila sehen.
F. A. Z. im Internet: faz.net
hänger bald wieder demonstrieren
können. Ein Gefühl von Angst und
Unsicherheit wird vermutlich auch
dann bleiben, wenn Kundgebungen
dereinst wieder erlaubt werden. Denn
auch wenn die Polizei bis dahin vielleicht mehr weiß und möglicherweise
sogar einige Gefährder aus dem Verkehr gezogen hat, wird sich an der Bedrohungslage nur wenig ändern. Das
ist schlimm genug. Und es ist zu befürchten, dass Sicherheitskräfte und
Behörden auch in Zukunft immer wieder vor der schweren Entscheidung
stehen werden, das Grundrecht der
Versammlungsfreiheit und konkrete
Sicherheitsbedenken gegeneinander
abzuwägen. Und das nicht nur, wenn
es um islamkritische (oder -feindliche) Demonstrationen geht.
Auch das wird in Dresden deutlich:
Das Demonstrationsverbot, das die
Dresdner Polizei aus Furcht vor Anschlagsplänen für Montag erlassen
hat, richtet sich nicht nur gegen Pegida – auch deren Gegner dürfen nicht
auf die Straße gehen. Beide Seiten sitzen plötzlich im selben Boot. Den Terroristen wäre es vermutlich ohnehin
gleichgültig, wen sie treffen: Auch Demonstrationen für eine offene Gesellschaft sind schließlich eine Kampfansage an sie. Die richtige Reaktion
auf die Drohungen gegen die PegidaKundgebung lautet deshalb: „Wir sind
Dresden.“
Foto AFP
Wasser auf die Mühlen
Heute
Keine Lust
mehr auf Satire
Was die Wirklichkeit sich als Reaktionen auf die Pariser Morde erlaubt, ist für Satiriker nicht mehr
zu überbieten. Feuilleton, Seite 9
Hauen und Stechen
Auf dem Landesparteitag der AfD
in Baden-Württemberg gibt es wie
immer Streit. Selbst Lucke ist das
manchmal zu viel. Politik, Seite 4
Was Simon Rattle ausmacht
Keiner denkt jünger als er: Wie der
Chef der Berliner Philharmoniker
zu einem der berühmtesten Dirigenten wurde. Feuilleton, Seite 11
Die Schuldenuhr tickt
Nordrhein-Westfalen wird weitere
Milliardenschulden anhäufen.
Das Land führt damit eine neue
Rangliste an. Wirtschaft, Seite 17
Polizei verbietet Demonstrationen
in Dresden wegen Anschlagsgefahr
Morddrohung gegen Pegida-Organisator / De Maizière: Es besteht Grund zur Sorge
ban./lock. DRESDEN/BERLIN, 18. Januar. Die Polizei in Dresden hat für diesen
Montag ein allgemeines Versammlungsverbot für die sächsische Landeshauptstadt erlassen. Der Staatssekretär im sächsischen Innenministerium, Michael Wilhelm, sagte, dass es „konkrete Anhaltspunkte dafür gibt, dass Menschenleben in
Gefahr“ seien. Die Anhaltspunkte beruhten auf einer geheimen Einschätzung des
Bundeskriminalamtes, das die Gefährdungslage für ganz Deutschland analysiere. „Dieser haben wir uns angeschlossen“,
sagte Wilhelm. Polizeipräsident Dieter
Kroll sagte: „Wir gehen in der Bewertung
der aktuellen Lage nicht mehr nur von einer abstrakten Gefahr, sondern von einer
konkreten aus.“ Dabei gehe es um ein Mitglied des Organisationsteams von Pegida
sowie die für diesen Montag geplante
Kundgebung. Attentäter seien aufgerufen
worden, sich unter die Demonstranten zu
mischen, um „zeitnah einen Mord an einer Einzelperson des Organisationsteams
zu begehen“. Dabei soll es sich um den Pegida-Gründer Lutz Bachmann handeln.
Zuvor hatte Pegida selbst die geplante dreizehnte Veranstaltung auf dem Theaterplatz abgesagt. Nach Worten der Mitorganisatorin Kathrin Oertel gebe es „Hinweise auf ein Attentat“.
Das Bundesinnenministerium hatte
zum Wochenende mitgeteilt, es gebe ein
„erhöhtes Aufkommen“ an sicherheitsrelevanten Hinweisen, und angekündigt, dass
„unverzüglich die erforderlichen Maßnahmen“ getroffen würden, sobald sich aus
den Hinweisen Handlungsbedarf ergebe.
Innenminister Thomas de Maizière
(CDU) sagte: „Die Lage ist ernst, es be-
steht Grund zur Sorge und Vorsorge, jedoch nicht zu Panik und Alarmismus.“
Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD)
teilte nach einer Meldung in der Zeitung
„Bild am Sonntag“ mit, derzeit gebe es in
Deutschland etwa 350 Beschuldigte im Zusammenhang mit der terroristischen Organisation „Islamischer Staat“. Verschärfungen im Strafrecht seien nicht erforderlich.
„Purer Aktionismus stoppt keine Terroristen“, sagte Maas. Unterdessen ging in der
großen Koalition die Auseinandersetzung
über die Vorratsdatenspeicherung weiter.
Mehrere Spitzenpolitiker der Union plädierten dafür, unabhängig vom Vorgehen
der EU-Kommission eine gesetzliche Regelung zu schaffen. Hingegen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dafür plädiert, eine Richtlinie der EU-Kommission
abzuwarten. (Siehe auch Seiten 2 und 3.)
Israel: Finanzierung des Strafgerichtshofs einstellen
Aufforderung an Deutschland, Kanada und Australien / Lieberman: Politische Institution
hcr. JERUSALEM, 18. Januar. Israel hat
Deutschland, Kanada und Australien aufgefordert, den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nicht mehr finanziell zu unterstützen. Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman reagierte
damit auf die Ankündigung des Gerichtshofs, eine Voruntersuchung zur „Lage in
Palästina“ zu beginnen, wo Israel nach
Ansicht der palästinensischen Führung
Kriegsverbrechen begangen haben soll.
Der Strafgerichtshof sei eine „politische
Institution“ und solle abgeschafft werden,
verlangte Lieberman im Rundfunk. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der die
Entscheidung von Chefanklägerin Fatou
Bensouda als „absurd“ zurückwies, wollte
am Sonntag mit dem japanischen Ministerpräsident Shinzo Abe und dem kanadischen Außenminister John Baird spre-
chen, die sich beide in Jerusalem aufhalten. Die Palästinenser hätten keinen eigenen Staat, deshalb könnten sie auch nicht
vor dem Strafgerichtshof gegen die israelische Demokratie klagen, sagte Netanjahu
am Wochenende. Ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums bestritt
ebenfalls, dass es einen palästinensischen
Staat gebe, der dem Strafgerichtshof beitreten könne. Es sei eine „tragische Ironie“, dass man in Den Haag nun das Vorgehen Israels untersuche, das Terroristen
mit Tausenden Raketen beschossen hatten. Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas lobten die
Ankündigung als „historisch“.
Die Voruntersuchung reicht bis zum 13.
Juni 2014 zurück. Am Tag zuvor hatten Hamas-Mitglieder bei Hebron drei jüdische
Religionsstudenten entführt. Sie wurden
Ende Juni ermordet aufgefunden. Die israelische Armee reagierte darauf mit einer großangelegten Suchaktion. Im Juli begann dann der Krieg im Gazastreifen.
Die Untersuchung sei „gemäß den
Richtlinien“ des Gerichtshofs eingeleitet
worden, hob die Anklägerin hervor. Es
handele sich nicht um ein förmliches Ermittlungsverfahren, sondern man prüfe
nur, ob es dafür eine Grundlage gebe. Die
Voruntersuchungen können sich über Jahre hinziehen. Die Palästinenser hatten Anfang Januar eine Erklärung abgegeben,
der zufolge der Gerichtshof schon mit der
Arbeit beginnen kann, bevor der Beitritt
im April wirksam wird, und zwar auch für
die Vergangenheit. Palästina war zu Jahresbeginn beigetreten, obwohl es bei den
Vereinten Nationen nur den Status eines
Beobachters hat. (Kommentar Seite 8.)
Brand im Eurotunnel
stoppt Zugverkehr
„In der Ukraine geht
es um Europas Werte“
EZB will Berlin offenbar
entgegenkommen
Golfer Kaymer verspielt
zehn Schläge Vorsprung
LONDON, 18. Januar (dpa). Ein brennender Lastwagen hat am Wochenende zu
einer Unterbrechung des Zugverkehrs im
Tunnel unter dem Ärmelkanal zwischen
Frankreich und Großbritannien geführt.
Die Züge hätten in beiden Röhren umkehren müssen, teilte der Betreiber des Tunnels am Sonntag mit. Die Passagiere des
betroffenen Zugs mussten die Waggons
verlassen. Der Brand war aber schnell unter Kontrolle. Am Sonntagmorgen wurde
der Betrieb zunächst wieder aufgenommen. Wenig später führten Probleme mit
der Stromzufuhr zu weiteren Verzögerungen. (Siehe Deutschland und die Welt.)
F.A.Z. FRANKFURT, 18. Januar. Der
ukrainische Präsident Petro Poroschenko
fordert von Europa Solidarität mit seinem
Land. In einem Beitrag für diese Zeitung
schreibt er, wenn die Ukraine in ihrem
Kampf für Demokratie bestehen solle,
„dann müssen alle Europäer heute ein wenig zu Ukrainern werden“. Wie bei den
Millionen Europäern, die mit dem Satz
„Je suis Charlie“ gegen den Terror demonstriert haben, gehe es in der Ukraine „um
die Werte, die uns gemeinsam überall in
Europa so teuer sind“. Die Einigkeit der
EU im ukrainisch-russischen Konflikt zeige, „dass Europas Rückgrat zu stark ist,
um durch wirtschaftliche Einbußen gebeugt zu werden“. Die Ukraine kämpfe
nicht nur gegen einen Aggressor, schreibt
Poroschenko, sondern führe auch „Krieg
gegen die Korruption“. (Siehe Seite 8.)
ppl. FRANKFURT, 18. Januar. Mario
Draghi, der Präsident der Europäischen
Zentralbank (EZB), versucht den Widerstand gegen den Kauf von Staatsanleihen
zu besänftigen, den der EZB-Rat voraussichtlich am Donnerstag beschließen wird.
Dazu beitragen soll nach Informationen
dieser Zeitung die Möglichkeit, dass die
EZB nur einen Teil der Anleihen auf Gemeinschaftsrechnung kauft. Weitere Anleihekäufe sollen von nationalen Notenbanken getätigt und bilanziert werden. Käme
es zu Verlusten, würden zumindest diese
nicht auf alle Euro-Notenbanken verteilt,
wie es bei Käufen durch die EZB der Fall
wäre. Im Gespräch sind 500 Milliarden
Euro und mehr für die Anleihekäufe. „Es
gibt aber noch keine erkennbare Festlegung von Draghi auf dieses Modell“, hieß
es. (Siehe Wirtschaft, Seite 15.)
F.A.Z. FRANKFURT, 18. Januar. Der
deutsche Golfer Martin Kaymer hat auf
der letzten Runde der Abu Dhabi Championship einen Vorsprung von zehn Schlägen verspielt und das Turnier als Dritter
beendet. Felix Neureuther gewann am
Samstag in Wengen den Weltcup-Slalom.
Der Amerikanerin Lindsey Vonn gelang
in Cortina d’Ampezzo im Abfahrtsrennen
ihr 62. Weltcup-Sieg; sie stellte damit den
35 Jahre alten Rekord von Annemarie
Pröll ein. Biathlet Simon Schempp entschied am Sonntag beim Weltcup in Ruhpolding den Massenstart-Wettbewerb für
sich. Eric Frenzel hat wie im Vorjahr das
Seefeld-Triple in der Nordischen Kombination gewonnen. Die Handball-Nationalmannschaft gewann mit dem 27:26 gegen
Russland auch ihr zweites Spiel bei der
WM in Qatar. (Siehe Sport.)
Münchner Fußballriesen
Die Bayern sind zufrieden: Perfektes Trainingslager in Qatar, und
der Trip nach Saudi-Arabien wird
fürstlich entlohnt. Sport, Seite 23
Profitabel sein
Jedes Unternehmen will lange
Zeit Gewinne vorweisen. Doch
woran misst sich Profitabilität am
besten? Der Betriebswirt, Seite 16
Briefe an die Herausgeber
Seite18
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Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH; Abonnenten-Service: 0180 - 2 34 46 77 (6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz, aus Mobilfunknetzen max. 42 Cent pro Minute). Briefe an die Herausgeber: leserbriefe@faz.de
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Von Daniel Deckers
ieder rast der Mob, wieder sterben Menschen, wieder brennen
W
Kirchen. Und wieder haben gezielte
Provokationen aus dem Westen in
manchen Teilen der islamisch geprägten Welt die Spirale der Gewalt in Bewegung gesetzt. So war es schon 2005
mit den Mohammed-Karikaturen, so
ist es jetzt mit dem bewusst an ein
Tabu rührenden Titelbild der Zeitschrift „Charlie Hebdo“, die sich immer wieder mit obszöner Verächtlichmachung alles Religiösen hervortut.
Und so war es dazwischen, nicht zu vergessen, im September 2006 mit der Regensburger Rede von Papst Benedikt
XVI.
Damals reichte es, dass der Papst
mit den Worten eines spätbyzantinischen Herrschers die Frage aller Fragen stellte, die nach dem Verhältnis
von Religion und Gewalt: „Zeig mir
doch, was Mohammed Neues gebracht
hat, und da wirst du nur Schlechtes
und Inhumanes finden wie dies, dass
er vorgeschrieben hat, den Glauben,
den er predigte, durch das Schwert zu
verbreiten.“
Für Benedikt und für seinen Kaiser
aus dem späten 14. Jahrhundert war
die Sache klar: Glaubensverbreitung
durch Gewalt ist widersinnig, da im
Widerspruch zum Wesen Gottes und
zur Seele des Menschen. Doch diese
Aussage ist genauso wahr und genauso
falsch wie die Beteuerungen aus den
vergangenen Tagen, dass Hass und Gewalt nichts mit dem Islam zu tun hätten. Denn gleich ob monotheistisch
oder polytheistisch, es gibt kaum eine
Religion, deren Geschichte nicht von
Gewalt durchwirkt wäre – weil es angesichts der conditio humana gar nicht
anders geht. Eine Religion, die die destruktiven und antisozialen Triebe des
Individuums nicht in die Transzendenzbeziehung integrierte, wäre keine
solche.
Also ist die Frage nicht, ob Religion
und Gewalt in Beziehung zueinander
stehen, sondern wie. Die Antworten,
die die Geschichte des Christentums
bereithält, sind kaum weniger ambivalent als die Antworten des Islams. Die
Wirkungsgeschichte der im Gleichnis
vom großen Gastmahl überlieferten
Aufforderung Jesu, Menschen zur Teilnahme zu nötigen („compelle intrare“), ist seit den Tagen des Augustinus
immer wieder mit Blut geschrieben
worden, vor allem gegenüber jenen,
die sich den Totalisierungsansprüchen
nicht beugen wollten – und das längst
nicht nur im Raum der katholischen
Kirche.
So taugen auch die (auch von islamischer Seite) gerne bemühten Kreuzzüge zum Beleg dieser Gewaltgeschichte
denkbar schlecht. Man stelle sich nur
vor, Christen hätten Mekka und Medina, die heiligen Stätten des Islams, erobert – die islamische Welt hätte dem
Treiben der Christen wohl ebenso wenig ungerührt zugesehen wie die Christen der Aggression der Muslime, die
erst Jerusalem eroberten und später
Konstantinopel berannten. Nein, die
Gewaltgeschichte des Christentums
muss anders geschrieben werden. Bis
in seine jüdischen Wurzeln hinein handelt sie ebenso sehr von der Einhegung der Gewalt, um sie sozial produktiv zu machen, wie von der Legitimation von Gewalt durch die Bereitstellung eines gesellschaftlich anerkannten Bezugsrahmens und als Resonanzraum individueller Gewaltphantasien.
Mit dem Islam ist es qua Religion bis
heute nicht anders.
Daher sollte sich der Westen auch
hüten, Religion im Allgemeinen und
den Islam im Besonderen als die Quelle von Gewalt schlechthin zu stigmatisieren. Und das nicht nur aus religionssoziologischen Gründen, sondern in
Anschauung der eigenen Gewaltgeschichte. Es war im Westen, wo Religi-
Gerade der Westen sollte
sich hüten, Religion
als Quelle von Gewalt
zu stigmatisieren.
on seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
zur Privatsache erklärt oder mit unvorstellbarer Gewalt unterdrückt wurde.
Das Vakuum, das die Religionen hinterließen, füllte sich schnell mit neuen
Bezugsrahmen und Resonanzräumen,
vom Nationalismus über den Liberalismus und den Kommunismus bis hin
zum Antisemitismus. Die Verbrechen,
die in deren Namen nach der Entzauberung der Welt begangen wurden,
sind in ihrer Monstrosität in der Geschichte der Menschheit ohnegleichen.
Freilich täte man dem Islam zu viel
der Ehre an, würde man in ihm nur
den Sündenbock sehen – und dieser
sich einen Tort, sähe er seine eigene
Gewaltgeschichte nur als Reaktion auf
eine Aggression des Westens. Es
brauchte noch nie den Westen dafür,
dass Blut im Namen Allahs floss. Die
konfessionellen Zersplitterungen sind
heute vielleicht wirkmächtiger denn
je. Und heftiger denn je rächt es sich
heute, dass die islamische Theologie
nicht vermocht hat, den Koran gegen
die Instrumentalisierung durch Fundamentalisten zu immunisieren. Das
Christentum ist dieser Gefährdungszone immerhin über Jahrhunderte in
schmerzhaften Lernprozessen entkommen.
Die muslimische Welt, vor allem die
arabisch-muslimische, hat diesen Weg
noch vor sich. Dass diese Welt als
Rückwirkung der europäischen Kolonialgeschichte und ungesteuerter Einwanderung inzwischen Teil des Westens geworden ist, macht die Sache
nicht leichter. Denn das mit zunehmender Verachtung bis hin zur absichtsvollen Blasphemie einhergehende Unverständnis gegenüber allem, was anderen heilig ist, ist Wasser auf die Mühlen derer, die das Heilige brauchen,
um individuelle und kollektive Gewaltphantasien zu rechtfertigen.
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