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Das perinatologische Konsil

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Fachbeiträge – Thema
Das perinatologische Konsil –
interdisziplinäre Beratung bei
auffälliger pränataler Diagnostik
Mehtap Bulgay-Mörschel, Ekkehard Schleußner
Die niedrigen Geburtenraten in der
westlichen Gesellschaft weisen jeder
Schwangerschaft eine besondere Bedeutung zu, so daß die Möglichkeiten
der pränatalen Diagnostik in zunehmendem Maße in Anspruch genommen werden – überwiegend zur Bestätigung eines „unauffälligen Feten“ und
Beruhigung der Schwangeren. Die unerwartete Konfrontation mit einer „fetalen Auffälligkeit“ löst beim betroffenen Paar eine Kaskade von individuellen Prozessen aus, die in Zusammenhang mit der interdisziplinären Beratung im Rahmen eines perinatologischen Konsils zur Entscheidungsfindung
führen.
Das interdisziplinäre perinatologische
Konsil setzt sich aus Vertretern mehrerer klinischer Fachdisziplinen zusammen:
- Dem Geburtshelfer (Pränataldiagnostiker) unterliegt die Organisation
und Moderation des Konsils.
- Der Neonatologe, als unmittelbarer
Ansprechpartner des Geburtshelfers,
ist bei allen Konsilen anwesend.
- In Abhängigkeit von der spezifischen
fetalen Anomalie fachspezifische Kollegen unter anderem aus folgenden
Abteilungen: Kinderchirurgie, Neuropädiatrie, Kinderkardiologie, Kindernephrologie,
Kinderradiologie,
HNO.
- Psychologin.
Aufgaben des perinatologischen Konsils:
- Darstellen der erhobenen Befunde
(z. B. fetale Fehlbildungen, Chromosomenanomalien, Stoffwechselkrankheiten, Infektionen) und Kommunikation derselben mit der Schwangeren / dem Paar
- Einschätzen der Prognose der vorliegenden Auffälligkeit
88
- Aufklärung über diagnostische und
therapeutische Möglichkeiten
• Pränatal (z. B. Sonografie, fetales
MRT/MKG, invasive Diagnostik,
intrauterine Therapie)
• Postnatal (z. B. bildgebende Diagnostik, Funktionstests, Operation)
- Planung Entbindungsmodus, Entbindungszeitpunkt und Entbindungsort
- Planung weiterer Verlaufskontrollen
während der Schwangerschaft in Kooperation mit dem betreuenden niedergelassenen Frauenarzt
- Bei Notwendigkeit Vermittlung an
Perinatalzentren mit spezifischen
diagnostischen/therapeu­t ischen
Möglichkeiten (z. B. intrauterine
Operationen, intrauterine Bluttransfusion, Laser­t herapie, ECMO)
- Festlegen der neonatologischen Betreuung (Intensivtherapie, notwendige Diagnostik und Therapie)
- Aufklärung über die rechtlichen Rahmenbedingungen und Möglichkeit
einer Schwanger­schaftsbeendigung
nach §218 (a)2 aus medizinischer Indikation
- Vermittlung humangenetischer Beratung
- Aufklärung über Notwendigkeit einer pathologisch-anatomischen Untersuchung durch einen spezialisierten Paidopathologen zur Überprüfung der pränatalen Diagnose (Qualitätssicherung)
- Psychologische Betreuung:
• während und im Anschluß an das
Konsil
• im Rahmen eines eventuell stationären Aufenthaltes
• ambulante Weiterbetreuung nach
Entlassung aus der Klinik
- Hinweis auf Selbsthilfegruppen, Kontaktvermittlung zu betroffenen Familien.
Dr. Mehtap Bulgay-Mörschel
Das perinatologische Konsil findet in
der Universitätsfrauenklinik Jena mittwochs, bei Notwendigkeit und/oder
Dringlichkeit auch an anderen Wochentagen statt. Die Präsenz aller Fachgruppen an einem Ort ermöglicht die konzentrierte interdisziplinäre Beratung,
die mit „einer Sprache spricht“ und so
Mißverständnissen oder Mißdeutungen
vorbeugt und erspart der Schwangeren
wiederholte Termine bei verschiedenen
Spezialisten an unterschiedlichen Orten. Das schriftliche Protokoll des Konsils wird an alle Beteiligten ausgehändigt, an die involvierten niedergelassenen Kollegen weitergeleitet und im
Kreißsaal hinterlegt. Im Falle der Entbindung an der Universitätsfrauenklinik Jena können mit dem Eintreffen
der Schwangeren im Kreißsaal die fachspezifischen Ärzte informiert werden
und auf Basis des Protokolls des perinatologischen Konsils die erforderlichen
medizinischen Maßnahmen getroffen
werden. Dadurch werden die organisatorischen Voraussetzungen für eine
optimale Entbindung und postnatale
Versorgung des Neugeborenen geschaffen. Auf diese Weise ist die Kontinuität
zwischen Pränataldiagnostik, Geburtshilfe, Neonatologie und anderen pädiatrischen Fachgebieten gesichert.
In der Ultraschallabteilung der Geburtshilfe der Frauenklinik FSU Jena
werden jährlich über 8000 geburtshilfliche Sonografien durchgeführt. 2008
erfolgten über 1300 Sonografien zum
Ausschluß fetaler Anomalien im 1. und
Ärzteblatt Thüringen
Fachbeiträge – Thema
2. Trimenon. Die Anzahl der diagnostizierten fetalen Anomalien und parallel
hierzu die Häufigkeit der perinatologischen Konsile nehmen seit 2006 stetig
zu (Abb. 1). Die häufigsten fetalen
Anomalien betreffen den Urogenitaltrakt, das Herz-Kreislauf-System, das
Zentralnervensystem, gefolgt von Chro­
mo­somenauffälligkeiten, wie z. B Trisomie 21, Trisomie 13 oder Trisomie 18
(Abb. 2).
Die stetig steigende Anzahl der perinatologischen Konsile sind auf die enge
kollegiale Zusammenarbeit mit den
pränatalmedizinischen Schwerpunktpraxen und Krankenhäusern in Thüringen und den benachbarten Bundesländern, eine zunehmende Qualität der
Ultraschallausbildung aller niedergelassenen Frauenärzte und nicht zuletzt
auf die technischen Fortschritte bei den
Ultraschallgeräten zurückzuführen.
Der Zeitpunkt des Fehlbildungsultraschalls rückt zunehmend vom 2. in das
1. Trimenon, mit dem Vorteil der sehr
frühen Diagnose fetaler Anomalien,
Verbesserung
der
Schwangeren­
betreuung und optimierter Therapieplanung. Das frühe Wissen um Fehlbildung mit unsicherer Prognose, aber
auch das Wissen um Fehlbildungen im
1. Trimenon, die naturgemäß in einem
hohen Prozentsatz im Abort enden,
kann andererseits die Schwangerschaft
zu einer psychischen Zerreißprobe machen.
Bei der systematischen Abhandlung
des perinatologischen Konsils dürfen
die ethischen Aspekte und das persön-
Abb. 1. Fetale Anomalien, invasive Diagnostik und perinatologische Konsile an der UFK Jena.
Abb. 2. Häufigkeit fetaler Anomalien 2008.
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Ausgabe 2 / 2010 21. Jahrgang
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Fachbeiträge – Thema
liche Leid der Schwangeren/des Paares
nicht in den Hintergrund treten.
Ethisch schwierige Situation, z. B.
Schwangerschaftsabbrüche aus medizinischer Indikation an der Grenze der
Lebensfähigkeit oder Festlegungen
über das Ausmaß lebenserhaltender /
lebensverlängernder intensivmedizinischer Therapie nach Geburt eines Kindes mit infauster Prognose, bedürfen
einer engen interdisziplinären Zusammenarbeit, bei Notwendigkeit weiterer
Konsile oder der Einbeziehung der klinischen Ethikkommission des Universitätsklinikums Jena. Auch die Vermitt-
lung psychologischer Begleitung der
Schwangeren/des Paares während der
Schwangerschaft und im Wochenbett
ist genuine Aufgabe des perinatologischen Konsils. Wesentliche Ziele des
perinatologischen Konsiliums sind
demnach die Beratung betroffener Eltern sowie die Organisation und die
Wahrung der Kontinuität zwischen Geburtshilfe, Neonatologie und anderen
pädiatrischen Fachdisziplinen, um das
klinische Management bei Neugeborenen mit Fehlbildungen zu optimieren
sowie die Vermittlung psychologischer
Hilfe.
Literatur bei der Verfasserin.
OÄ Dr. med. Mehtap Bulgay-Mörschel
DEGUM II, Psychotherapie
Abteilung Geburtshilfe
Klinik für Frauenheilkunde
und Geburtshilfe
Universitätsklinikum Jena
Bachstraße 18
07743 Jena
e-mail: mehtap.bulgay-moerschel@med.
uni-jena.de
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