close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Für das Schweizerische Rote Kreuz pflegt SABINE

Einbetten
H
TEXT MARCEL HUWYLER
FOTOS REMO NÄGELI
eute Morgen beträgt ihre
Körpertemperatur 36,2
Grad. Das ist normal.
Das ist gut. Beruhigend.
Kein Kopfweh, keine
Muskelschmerzen, weder Durchfall, Erbrechen noch Hautausschlag oder Halsweh – keinerlei Symptome. Der «Pfnüsel» plage sie ein wenig, aber daran sei
wohl die Klimaanlage im Flugzeug
schuld. Am Abend wird sie erneut ihre
Körpertemperatur messen; bei über
38 Grad würde der Spezialarzt alarmiert, man müsste sie isolieren, nach
Genf bringen, in Quarantäne stecken –
und ihr Blut auf Ebola-Viren testen.
Drei Wochen war Pflegefachfrau
Sabine Hediger, 45, mit dem Schweizerischen Roten Kreuz in Afrika. In Sierra
Leone, wo bereits 600 Menschen an
Ebola starben, half sie beim Aufbau
eines Rotkreuz-Feldspitals, schulte
­
­lokales Personal und pflegte EbolaKranke bis zu deren Tod. Seit fünf
Tagen ist sie wieder daheim in Oberkirch LU – und muss Abstand halten.
Zwar sind nur Ebola-Infizierte in der
akuten Krankheitsphase ansteckend, u
ABSTAND HALTEN
Seit fünf Tagen ist
­Sabine Hediger, 45,
zurück aus dem EbolaSpital in Afrika. Hier mit
Ehemann Markus, 52,
und den Kinder Noah,
14 (l.), Jonas, 10, und
Zoe, 12, daheim in
­Oberkirch LU.
TODESRATE: BIS 90 PROZENT
So aufwendig eingepackt schützt
sich Sabine Hediger in Afrika vor
dem gefährlichen Ebola-Virus.
28 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE
Sie kämpf t gegen Ebola
SCHWEIZER ILLUSTRIERTE 29
Foto HO
Für das Schweizerische Rote Kreuz pflegt
SABINE HEDIGER hochansteckende
Ebola-Kranke in Sierra Leone. Jetzt ist die
Luzernerin zurück. Und muss 21 Tage warten,
bis sie ihre Familie wieder berühren darf.
ANGST Einige lokale Mitglieder in
Sabines Team dürfen nicht mehr heim. Ihre
Familien fürchten sich vor Ansteckung.
N? Die elfjährige
LEBEN ODER STERBE
dspital Kenema
Kadiatu hat Ebola. Im Fel
h-Risk-Zone.
lebt sie isoliert in der Hig
GRENZE DES TODES Rote Zäune
Hediger zeigt Pflegerinnen, wie sie sich mit
Schutzanzügen sichern müssen.
dennoch geht Sabine Hediger kein Risiko ein: Darum gibts nur Luftküsse für
Ehemann Markus und die Kinder Noah,
14, Zoe, 12, und Jonas, 10 (der älteste
Sohn, Lukas, 16, macht eine Lehre als
Matrose der Binnenschifffahrt auf dem
Rhein). Nachbarskinder dürfen zum
Spielen nicht in die Wohnung, und die
Nacht verbringt Sabine Hediger auf
einer Matratze am Boden neben dem
Ehebett. Noch 16 Tage. Nach maximal
21 Tagen treten Symptome einer EbolaAnsteckung auf. Der 6. Oktober ist in
der Familien-Agenda dick angestrichen.
Das Mädchen heisst Kadiatu. Sie ist
elf, trägt ein rotes T-Shirt und kommt
aus Sierra Leones Hauptstadt Freetown.
Ka­diatu hat Ebola. Sie ist eine der ersten
Patienten, die Sabine Hediger im Rotkreuz-Feldspital nahe der Stadt Kenema
(fünf Autostunden von Freetown) empfängt. Um 21 Uhr wird das Mädchen ein­
u
30 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE
geliefert, zusammen mit einem anderen
Ebola-Pa­tienten, einem jungen Mann. Das
Rotkreuz-Team in Schutzanzügen bringt
die beiden in die Hochrisikozone, in ein
Zelt, wo sie versorgt werden. Während die
11-Jährige selber gehen kann – «sie war
erschöpft und schleppte sich dahin wie
eine alte Frau» –, muss der junge Mann auf
einer Bahre getragen werden; er ist schwer
krank. Sabine Hediger flösst ihm Wasser
ein, deckt ihn zu. Er stirbt in der Nacht.
In Westafrika haben sich 6500
Menschen mit Ebola infiziert, fast 3000
sind gestorben. Mitte Oktober, so die
Weltgesundheitsorganisation WHO,
wird die Zahl Infizierter 21 000 betragen.
Die US-Seuchenschutzbehörde CDC
rechnet bis Januar 2015 gar mit 1,4 Millionen Kranken. 70 bis 90 Prozent der
Infizierten sterben. Im Kampf gegen die
Seuche fehlt es vor allem an Fachper­
sonal. Denn wer traut sich, Infizierte zu
TO
TA LER SCHUTZ Die
Rotkreuz-Frau
beim Anziehen der ersten
Schicht ihres
Anzugs. Darin wird es 45
Grad heiss.
betreuen, deren Schweiss allein schon
für eine Übertragung genügt?
Seit 2010 ist Sabine Hediger Mitglied des Nothilfe-Pools des Schweizerischen Roten Kreuzes. Die gelernte
Pflegefachfrau und Hebamme bekämpfte bereits Cholera-Epidemien in Haiti
und im Tschad. Bei einer Einsatz­anfrage
entscheiden sie und ihre Mann sich innert weniger Stunden, sagt Sabine Hediger, diesmal beriet sich das Ehepaar
drei Tage lang, «weil ich wusste, dass
BIST DU DAS? Sabine Hediger zeigt
Jonas, Zoe und Noah (r.) Fotos, die sie
bei ihrem Ebola-Einsatz gemacht hat.
Sogar Fachleute
haben Angst vor
Ebola-Einsätzen.
Aber jemand muss
das doch machen
SABINE HEDIGER
es riesige Konsequenzen für meine
Familie hat, wenn mir etwas passiert».
Ihr Mann Markus, 52, Pflegefachmann
im Operationssaal, formuliert es so:
«Wann fährt man konzentrierter Auto:
mit Tempo 50 oder 200?» Er weiss, je
risikoreicher Sabines Einsatz ist, desto
vorsichtiger und konzentrierter arbeitet
sie. Natürlich gebe es böse Stimmen:
«Was, du, als vierfache Mutter!» Leute,
die ihr Tun als fahrlässig und unver­
antwortlich bezeichnen. Selbst Fach­
leute zögern vor einem Ebola-Einsatz.
Doch die Kranken in Afrika brauchen
hochprofessionelle Hilfe, sagt Sabine
Hediger, «jemand von uns Spe­zialisten
muss das machen». Am 24. August verlässt sie die Schweiz.
Erster Halt ist Brüssel, wo sie in
einem Kurs bei Médecins Sans Fron­
tières auf ihren Ebola-Einsatz vorbereitet wird. Vor allem das An- und AuszieSCHWEIZER ILLUSTRIERTE 31
Fotos HO (5)
LERNEN, WIE MAN ÜBERLEBT ­Sabine
t­ rennen die sichere (links) vor der Hoch­
risikozone. Eben erhalten zwei Pfleger in
Schutzanzügen Essen, das sie dann ihren
Ebola-Patienten bringen. Alles Material
aus der High-Risk-Zone wird verbrannt
oder mit Chlor desinfiziert.
hen des vielteiligen Schutzanzugs
wird geübt. Gummistiefel, säurebeständiger Schutzoverall, mehrere Schichten
Handschuhe, Haube, Plastikschürze,
Mundschutz und «Ski»-Brille. Sabine
Hedigers langes Haar ist ein Problem.
Sie schneidet es ab. «Eure Sicherheit
kommt zuerst!», wird dem Team eingebläut. Eine simple Haut-zu-Haut-Berührung kann tödlich sein. Darum soll jeder
Handgriff ruhig und kontrolliert ausgeführt werden. Ein Spruch begleitet das
Team nach Sierra Leone: Don’t hurry to
die – beeil dich nicht mit Sterben!
Bis zu 60 Ebola-Patienten werden im Rotkreuz-Feldspital in Kenema
behandelt. Die Arbeit innerhalb der
High-Risk-Zone ist strapaziös, 45 Grad
heiss wirds im Schutzanzug. Jeder hat
seinen «Buddy» bei sich, einen Kontrolleur, der ihn bei der Arbeit beobachtet
und sofort eingreift, wenn eine Risikosituation auftritt – «meine Lebens­
-
u
ver­
sicherung», wie Sabine Hediger
ihren «Buddy» nennt. Sterbende zu
begleiten, habe sie in ihrem Beruf gelernt, sagt sie, es bedrücke sie aber,
dass sie mit dem Schutzanzug die Patienten nicht so persönlich und intensiv
betreuen kann, wie sie das sonst tut.
Alle paar Tage schickt sie ein SMS
nach Hause. Angst um seine Frau , sagt
Markus Hediger, habe er nie gehabt.
«Ich weiss, wie seriös und gewissenhaft
sie arbeitet.» Für die Ebola-Patienten
gibt es derzeit weder eine Impfung noch
eine Therapie. «Man kann sie nur isolieren, um weitere Ansteckungen zu verhindern, pflegen und den Sterbenden
eine schmerzarme Zeit ermöglichen»,
sagt Sabine Hediger. Nicht alle Patienten sterben leise. Ein schwer kranker
Mann wird plötzlich unruhig, er tobt,
wirft Sachen herum – als versuche er,
den Tod zu verjagen. Dann sinkt er
aufs Bett, atmet flach. «Ich deckte ihn
WILLKOMMEN
Die Tasche ist alles,
was sie aus Afrika
mitgenommen hat.
Das andere persönliche
Material hat sie sicherheitshalber vernichtet.
zu, trinken konnte er bereits nicht mehr,
und am Ende meiner Nachtschicht war
er tot. Es ging unglaublich schnell.»
Gleich neben dem Feldspital hat das
Team einen Friedhof angelegt.
Jeder Einsatz eines RotkreuzNothilfe-Spezialisten dauert vier Wochen. Aufgrund der Strapazen wird die
Person dann ausgewechselt und fliegt
nach Hause. Aus Sicherheitsüberlegungen lässt die Luzernerin ihre ganze
persönliche Habe zurück; sie zieht ihre
letzten «safen» Kleider an und kauft am
Ich möchte
wieder ins EbolaGebiet gehen.
Vielleicht im
Januar 2015
SABINE HEDIGER
Flughafen in Freetown eine kleine Reise­
tasche. Ihre erste Nacht wieder in der
Schweiz verbringt sie in einem Hotel,
damit tags darauf ihr Sohn Jonas seine
Kameraden noch zu seiner Geburtstagsparty nach Hause einladen kann.
Noch 16 Tage warten für Sabine
Hediger. Immer höhere Opferzahlen
werden aus Westafrika gemeldet, die
Uno spricht von «einer Gefahr für den
internationalen Frieden», die USA schicken 3000 Soldaten für den Bau von
Gesundheitszentren. In Sierra Leone
stehen jetzt 1,2 Millionen Menschen unter Quarantäne. 208 Ärzte und Pfleger
sind an Ebola gestorben. Sie würde
gern wieder hingehen, sagt Sabine
Hediger und spricht von Anfang 2015.
Heute Morgen hat sie ein E-Mail
aus dem Feldspital bekommen. Kadiatu,
das 11-jährige Mädchen mit dem roten
T-Shirt, ist auf dem Weg zur Besserung.
Sie hat Ebola überlebt. 
Was Eltern
wissen müssen
N EU
Frit
biete z+Fränzi
t jet
für El zt mehr
te r n !
Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
ri
richtet sich an Eltern von schulpflichtigen
K
Kindern und Jugendlichen. Es erscheint
10
10-mal im Jahr und berichtet fundiert über
T
Themen rund um Erziehung, Schule, Sexualität,
G
Gesundheit und Freizeit. Jetzt 5 Ausgaben
zzum Spezialpreis von 20 Franken testen.
FFritz+Fränzi ist auch am Kiosk erhältlich.
Z bestellen auf www.fritzundfraenzi.ch
Zu
o
oder
unter 0800 814 813
Mehr In
Inhalt Auf 84 Seiten neue Themen, viele Tipps
Mehr Digitales
Di
In Grafiken und Videos mit Zusatz-Wissen
Mehr Les
Lesevergnügen Durch Kolumnen, Serien, Vorlese-Geschichten
Autor
Document
Kategorie
Uncategorized
Seitenansichten
2
Dateigröße
3 559 KB
Tags
1/--Seiten
melden