close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

(Schriftsteller und Journalist) im

EinbettenHerunterladen
Einführung in die Neuere
Deutsche Literaturwissenschaft
WS 2014/15
Prof. E. Geulen
IG-Hochhaus, Raum 2.251
Sprechstunde: Mittwoch, 10.00 – 11.00 Uhr
Kontakt:
sekretariat.geulen@lingua.uni-frankfurt.de
Vorlesung 2
Gegenstände der Vorlesung:
1. Der Autorbegriff
2. Der Werkbegriff
3. Gattungen und Epochen (Literaturgeschichte)
Zum Autorbegriff und Werkbegriff
Der Autor als rechtliche Kategorie
Autor = lat. Auctor = der Urheber = der souveräne
Herrscher seines Werks
In vormodernen, ständischen Gesellschaften regelt
der Souverän (König oder Fürst) die Nutzung eines
Werks. In der Moderne (ab dem 18. Jhd.) wird der
Autor selbst zum Souverän. Was er schafft, wird
sein geistiges Eigentum.
Urheberrecht entsteht in Deutschland zwischen 1770 und
1830:
„Autorschaft ist Werkherrschaft“ (H. Bosse)
Badisches Landrecht von 1810:
Jede niedergeschriebene Abhandlung ist ursprüngliches
Eigenthum dessen, der sie verfaßt hat, wenn er nicht allein
aus freiem Auftrag und für fremden Vortheil sie entwarf, in
welchem Falle sie Eigenthum des Bestellers wäre.
Literarische und soziale Bedingungen von
Autorschaft:
- Freier (Berufs-)Schriftsteller (Klopstock)
- Geniebegriff (Genie als Schöpfer; Werk ist seine
Schöpfung)
- Mit Schwinden dieses Literaturverständnisses wird auch
der Autor problematisch (vgl. Literaturwissenschaftliche
Diskussionen um Autorschaft)
Beispiele für Probleme der Autorschaft:
- Provenienzforschung und Zuschreibungsprobleme bei
vormodernen Texten
- Kafka und Brod
- Nietzsches Buch „Der Wille zur Macht“, das seine
Schwester Elisabeth-Förster-Nietzsche kompiliert hat.
- Plagiate (Ist Helene Hegemann die Autorin von „Axolotl
Roadkill“?)
Medientechnische Entstehungs- und
Verfallsbedingungen von Autorschaft:
- Buchdruck (Nachdrucke bis zum 18. Jhd. nicht
strafrechtlich verfolgt)
- Reproduktionsverfahren wie Kopierer, copyandpaste
im Netz; Digitalisierung aller vorhandenen Bücher
durch Google; anonyme Netzpublikationen, fanzines,
re-writes)
Literaturwissenschaftliche Diskussionen um Autor
und Autorschaft
Roland Barthes: Der Tod des Autors. (1969) (Reader)
Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt,
die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander
in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage
stellen. Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt
zusammentrifft, und dieser Ort ist nicht der Autor (wie
man bislang gesagt hat), sondern der Leser. (S. 192)
Michel Foucault: Was ist ein Autor? (1969) (Reader)
- eine Zuschreibungsfunktion, die in bestimmten Diskursen
und Kontexten funktioniert und in anderen (etwa
naturwissenschaftlichen) nicht. Die Funktion ...
.... ist das Ergebnis einer komplizierten Operation, die ein
gewisses Vernunftwesen konstruiert, das man Autor nennt.
Zwar versucht man, diesem Vernunftwesen einen
realistischen Status zu geben; im Individuum soll es einen
„tiefen“ Drang geben, schöpferische Kraft, einen „Entwurf“,
und das soll der Ursprungsort des Schreibens sein, tatsächlich aber ist das, was man an einem Individuum als
Autor bezeichnet (...) nur die mehr bis minder psychologisierende Projektion der Behandlung, die man Texten
angedeihen lässt, der Annäherungen, die man vornimmt, der
Merkmale, die man für erheblich hält, der Kontinuitäten, die
man zulässt, oder der Ausschlüsse, die man macht. (S. 20)
Das Werk
- Man braucht den Autor vor allem für das Werk, aber man braucht
auch das Werk für den Autor, denn ein Autor ohne Werk ist kein
Autor und ein Werk ohne Autor ist kein Werk.
Beispiele für die Grenzen der Ordnungsfunktion des Werkbegriffs
- Gehören die spätesten Texte wahnsinnig gewordener Autoren
(‚geistige Umnachtung’ Nietzsches oder Hölderlins) zum Werk?
Sind unzurechnungsfähige Autoren noch Autoren?
- Gehört die Einkaufsliste eines Autors zu seinem Werk? Vor allem,
wenn sich auf demselben Stück Papier noch ein Gedicht oder ein
Entwurf befindet?
- Gehört das Tagebuch eines Autors, gehört seine Korrespondenz
zum Werk?
- Gehören die Skizzen und Entwürfe auch dann zum Werk, wenn
der Autor eine Druckfassung autorisiert hat?
Literaturverweise:
Michel Foucault, Was ist ein Autor? (Reader)
Heinrich Bosse, Autorschaft ist Werkherrschaft. Über die
Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der
Goethezeit, 1981
Roland Barthes, Der Tod des Autors (Reader)
Texte zur Theorie der Autorschaft, hg. Fotis Jannidis,
Gerhard Lauer et alia, 2003
Gattungen und Epochen (Literaturgeschichte)
- wie Autor und Werk haben auch Gattungen und Epochen
systematische und chronologische Ordnungsfunktionen
Gattungen im heutigen Verständnis:
- offene Systeme mit Form- und Funktionsmerkmalen
- a) die drei Großbereiche Erzählen, Lyrik, Drama
- b) kleinteiligere Unterscheidungen (z.B. Novelle, Spruch,
Anekdote, Komödie, Tragödie, Sonett, Ode, Hymne etc.)
- nicht mehr normativ-präskriptiv, sondern deskriptiv
- Hybridformen, Multimedia (graphic novel, Comic)
Gattungstypologie in der Antike (Aristoteles):
- Tragödie – Komödie – Epos (vgl. auch 3. Vorlesung)
Gattungspoetik um 1800:
Johann Wolfgang Goethe, Die Naturformen der Dichtung (1819)
Es giebt nur drey ächte Naturformen der Poesie: die klar erzählende,
die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos,
Lyrik und Drama. Diese drey Dichtweisen können zusammen oder
abgesondert wirken. In dem kleinsten Gedicht findet man sie oft
beysammen, und sie bringen eben durch diese Vereinigung im
engsten Raume das herrlichste Gebild hervor, wie wir an den
schätzenswerthesten Balladen aller Völker deutlich gewahr werden.
Im älteren griechischen Trauerspiel sehen wir sie gleichfalls alle drey
verbunden und erst in einer gewissen Zeitfolge sondern sie sich.
Solange der Chor die Hauptperson spielt, zeigt sich Lyrik oben an, wie
der Chor mehr Zuschauer wird treten die andern hervor, und zuletzt
wo die Handlung sich persönlich und häuslich zusammenzieht, findet
man den Chor [382] unbequem und lästig. Im französischen
Trauerspiel ist die Exposition episch, die Mitte dramatisch und den
fünften Act, der leidenschaftlich und enthusiastisch ausläuft, kann man
lyrisch nennen.
Das Homerische Heldengedicht ist rein episch; der Rhapsode waltet
immer vor, was sich ereignet erzählt er; niemand darf den Mund
aufthun, dem er nicht vorher das Wort verliehen, dessen Rede und
Antwort er nicht angekündigt. Abgebrochene Wechselreden, die
schönste Zierde des Drama's, sind nicht zulässig.
Höre man aber nun den modernen Improvisator auf öffentlichem
Markte, der einen geschichtlichen Gegenstand behandelt; er wird, um
deutlich zu seyn, erst erzählen, dann, um Interesse zu erregen, als
handelnde Person sprechen, zuletzt enthusiastisch auflodern und die
Gemüther hinreißen. So wunderlich sind diese Elemente zu
verschlingen, die Dichtarten bis ins Unendliche mannigfaltig; und
deßhalb auch so schwer eine Ordnung zu finden, wornach man sie
neben oder nach einander aufstellen könnte. Man wird sich aber
eini[383]germaßen dadurch helfen daß man die drey Hauptelemente
in einem Kreis gegen einander überstellt und sich Musterstücke
sucht, wo jedes Element einzeln obwaltet. Alsdann sammle man
Beyspiele die sich nach der einen oder nach der andern Seite
hinneigen, bis endlich die Vereinigung von allen dreyen erscheint und
somit der ganze Kreis in sich geschlossen ist.
Auf diesem Wege gelangt man zu schönen Ansichten, sowohl
der Dichtarten, als des Charakters der Nationen und ihres
Geschmacks in einer Zeitfolge. Und obgleich diese
Verfahrungsart mehr zu eigner Belehrung, Unterhaltung und
Maßregel, als zum Unterricht anderer geeignet seyn mag, so
wäre doch vielleicht ein Schema aufzustellen, welches
zugleich die äußeren zufälligen Formen und diese inneren
nothwendigen Uranfänge in faßlicher Ordnung darbrächte.
Der Versuch jedoch wird immer so schwierig seyn als in der
Naturkunde das Bestreben den Bezug auszufinden der
äußeren Kennzeichen von Mineralien und Pflanzen zu ihren
inneren Bestandtheilen, um eine naturgemäße Ordnung dem
Geiste darzustellen.
Das romantische Gesamtkunstwerk nach Friedrich Schlegel
(116. Athenäumsfragment, 1801)
Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie.
Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der
Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie
und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch
Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und
Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie
lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft
poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der
Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und
sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen.
Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder
mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu
dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in
kunstlosen Gesang.
Georg Lukács: Die Theorie des Romans (1916):
Die objektive Struktur der Romanwelt zeigt eine
heterogene, nur von regulativen Ideen geregelte Totalität,
deren Sinn nur aufgegeben, aber nicht gegeben ist. Darum
ist die in der Erinnerung aufdämmernde, aber erlebte
Einheit von Persönlichkeit und Welt in ihrer subjektivkonstitutiven, objektiv-reflexiven Wesensart das tiefste und
echteste Mittel, die von der Romanform geforderte Totalität
zu leisten.
Epochen:
Zu unterscheiden sind:
- Fremdzuschreibungen (z.B. Barock, Frühaufklärung,
Weimarer Klassik, Avantgarde)
- Selbstbeschreibungen (z.B. Romantik, Realismus,
Naturalismus, Expressionismus)
- Rein literarische Strömungen (z.B. Sturm und Drang, Neue
Sachlichkeit)
- Allgemein künstlerische Strömungen (z.B. Klassik, Romantik,
Expressionismus)
- Übergreifende ‚Weltanschauungen’; Ordnungsmuster, die
über Literatur und Kunst hinausgehen (z.B. Aufklärung,
Barock)
- Noch größere Oberbegriffe (z.B. Antike, Mittelalter, Neuzeit,
Moderne)
Mögliche Epochenkriterien:
-
gattungsgeschichtliche
formgeschichtliche
sozialgeschichtliche
formgeschichtliche
medienhistorische
ideengeschichtliche
mentalitätsgeschichtliche
Weiterführende Literatur:
Germanistik, hg. Heinz Drügh et al, S. 217-222; S. 383-386
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
9
Dateigröße
245 KB
Tags
1/--Seiten
melden