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I – TV 56 - klaerwerk

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73
Daoismus I Wirken aus der Ewigkeit
Tattva Viveka 56
'
I
Prof Dr. Peter Hubrat
Wirken aus der EWiQkeit
-
_.r
Genesis- Die universelle Erfahrung der Schöpfung 1. Teil
Am Beispiel der spirituellen Tradition des Daoismus macht der Autor auf die allen menschlichen Kulturen zugrunde liegende Erfahrung der Schöpfung aufmerksam.
Er zeigt die Unterschiede von gesellschaftlichem und natürlichem Denken auf und
verweist auf die Parallelen in den östlichen wie westlichen philosophischen Traditionen.
aozi (ca. 604-531 v.u.Z.) schreibt
im Daodejing, Kapitel 25: Es gibt
Chaos, das schon vor Himmel und
Erde existierte, still undformlos. Es befindet
sich in einem Zustand einer sich aus sich
selbst heraus ernährenden kreisenden Bewegung. Man mag es die >Mutter der 10.000
Dinge< nennen. Ich kenne seinen Namen
nicht, deshalb nenne ich es Dao. Weil ich
kein besseres Attribut für Dao finde, bezeichne ich es als groß (Da). Es fließt dahin
und kehrt wieder zurück.
Heutige Vorstellungen über die Schöp-
L
fung verweisen im Wesentlichen auf die
Evolutionslehre und biblische Genesis.
Dabei ignorieren wir, dass seit Jahrtausenden von Naturphilosophen zwischen Ost
und West über die Weltentstehung und
die persönliche Erfahrung jenseitiger Welten berichtet wird. Diese Erfahrung haben
sie durch rigorose meditative Weitabgewandtheit erlangt.
Ich deute in diesem Artikel an, um was
es dabei geht. Dabei beziehe ich mich auf
die mir vertraute Dao-Lehre, die diese Erfahrung ermöglicht. Dazu erkläre ich in
Daoismus I Wirken aus der Ewigkeit
74
-....-.-..
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Tattva Viveka 56
...;.-::-
...
Die Anhänger der philosophfa praktizierten die Stille,
um ihr Bewusstsein auf das Wesentliche zurückzuführen.
Fortführung zu meinem Artikel in Tattva
Viveka 51 (Das Dao des Denkens) den Unterschied zwischen gesellschaftlichem,
nachgeburtlichem Wissen (Platon: empeiria) und ursprünglichem, vorgeburtlichen
Wissen (Platon: gn6sis, episteme). Letzteres
ist ein Wissen über den meditativ erfahrbaren Schöpfungsverlauf (Platon: genesis),
(über) die Entstehung der Welt inklusive
des Selbst. Es ist das Resultat des ursprünglichen natürlichen Denkens, wie
ich es in Das Dao des Denkens ausgeführt
habe. Das gesellschaftliche Wissen ergibt
sich hingegen aus dem uns allen vertrauten gesellschaftlichen Denken.
Der kreisende Gedanke
-
Das gesellschaftliche Denken ist überwiegend durch diskursive, formvolle und das
natürliche Denken durch intuitive, formlose Denkphasen geprägt. Die diskursiven
werden durch Youwei, weltzugewandtes
Tun, und die intuitiven durch Wuwei, weitabgewandtes Nicht-Tun, bestimmt. Alle
neuen Einsichten erfolgen in intuitiven
Phasen. Diese werden im gesellschaftli_chen
Denken ignoriert und im natürlichen Denken bewusst gefördert, so dass es zur Wiedererinnerung (anamnesis) an Verborgenes,
Vorgeburtliches, kommt.
Die zwei Arten des Wissens
Das gesellschaftliche Wissen ist uns allen
vertraut. Es ist ziel- und problemorientiert.
Das ursprüngliche Wissen ist es nicht. Darüber berichten seit eh und je Meister, Naturphilosophen und Weise. Sie tun dies mit
unterschiedlichen Worten, auch wenn sie
auf dieselbe universelle Schöpfungserfahrung verweisen. Diese offenbart sich als
Wiedererinnerung, anamnesis. Sie umfasst
ein meditativ erworbenes Wissen, das in
vielen Kulturen und zu unterschiedlichen
Zeiten gelehrt und mit dem persönlichen
meditativen Übungserfolg zunehmend erlangt wird. Sein Wesenskern ist die Erfah-
rung der drei Welten Wu, Wuyou, und You
(vgl. Hubral 2010a, S. 75ff). Die DaoLehre lehrt es noch heute. Es wird mittels
der meditativen Dao-Praxis, Daoxing, in
einer entspannten stillen Taiji-Stehübung
erworben. Proclos Diadochos (412-485)
schreibt: Die Anhänger der philosophia praktizierten die Stille, um ihr Bewusstsein aufdas
Wesentliche zurückzufohren.
Andere Kulturen, auf die ich hier verweise und die Daoxing oder eine sehr ähnliche Praxis lehrten, sind offenbar ausgestorben. Auf den Untergang der altgriechischen Weisheitslehre der philosophiaverweist z.B. der weit gereiste arabische
Historiker und Philososoph Mas'udi (895957) (vgl. Hubral2010).
Zitate zum ursprünglichen Wissen
Ich präsentiere nun fünf klassische Zitate
zum ursprünglichen Wissen mit Bezug
zur Erfahrung der Schöpfung. Dabei habe
ich Kommentare eingefügt, die ich im Anschluss erkläre.
1. Die Goldenen Verse des Pythagoras:
Die heilige Dreiheit (Wu, Wuyou, You),
das unendlich reine Symbol, Quelle der
Natur und Urbild der daimones (Qi-Felder).
2. Sokrates in Timaios: Im Augenblick
4. Parmenides: Die Alltagswelt (You), in
der wir leben, die Erscheinungen, die wir
wahrnehmen, Raum, Zeit, Bewegung, Veränderung, kurz, das, was wir als anscheinende Realität erfahren, existiert nicht, ist
purer Schein und dieses (Wuyou) ist auch
EINS unteilbar, ohne Anfang und Ende,
nicht entstanden und nicht zerstörbar, ein
unbewegliches, einheitliches, zusammen-hängendes Ganzes, ein Raum, der es ganz einnimmt und ausfüllt.
.50 Platon: was ist 'das >>Stets Seiende« und
>>kein Entstehen Habende« (Wuyou) und
was das »stets Verwandelnde«, aber >>nimmerdarSeiende« (You)?: Das Eine (Wuyou)
ist durch n6esis (Wuwei = schöpferisches
Wirken durch Nicht-Tun) zu erfassen; es
ist stets sich gleich. Das andere {You) dagegen
ist mit'» vernunftloser Sinneswahrnehmu.ng«
verbundenes bloßes »Meinen und Vermuten«. Es ist »entstehend und vergehend«
(You), aber nie »wirklich seiend« (Wuyou).
Ich fasse zusammen. Ich nenne die drei
Welten im Folgenden Wu = Nichtsein,
Wuyou =SEIN, You =Sein/Nicht-SEIN.
Für Wuyou gibt es mehrere Umschreibungen. Wer die drei Welten nicht kennt,
wird sie auf das Sein projizieren und somit
falsch interpretieren.
Es folgen in diesem Artikel weitere Hinweise aus anderen Kulturen, die aus daoistischer Sicht im Einklang mit obigen
Zitaten sind. Dabei nehme ich Bezug zu
mehreren Artikeln in Tattva Viveka 51
(vgl. Ceming 2012, vgl. Gangaji 2012, vgl.
Hubral 20 12a), die das hier vorgestellte
Thema mehr oder weniger ansprechen.
Meine Abhandlung ist den kognitiven Aspekten des ursprünglichen Wissens (gn6-
Insofern ist die Mathematik, so wie jede andere hypothesenbasierte
Disziplin, eine »Glaubenslehre«.
aber müssen wir uns drei Gattungen denken. Das Gebärende oder Werdende (Wuyou), das, was daraus wird (You) und das
(Wu), woraus das Gebärende geboren wird.
3. Buddha: Sei offen für das jenseitige
(Wuyou und Wu). Gehe immer darüber
(You) hinaus. Setze nur Grenzen, wenn du
diese brauchst, und denke immer daran,
dass du über sie hinausgehen musst. Lasse
sie dir nicht zum Gefängnis (You) werden.
sis) gewidmet, obwohl dieses auch physiologische Aspekte (vgl. Hubral 2012) umfasst, auf die ich hier aber nicht eingehe.
Wer das ursprüngliche Wissen durch rigorose Weitabgewandtheit in regelmäßiger Stille-Meditation kultiviert, wird
erkennen, dass es ebenso umfangreich
werden kann wie das gesellschaftliche. Es
ist aber keine Alternative, sondern eine Ergänzung dazu, die jedoch die Sicht der
Tattva Viveka 56
Welt und von uns selbst signifikant ändern kann. Dies entnehme ich z.B. Plarons Zweitem Brief (314b-c): ... Veteranen
· mit nicht weniger als 30 Jahren Übungserfahrung sagen, dass das, was ihnen zuerst am
aller unglaubwürdigsten erschien, nun am
klarsten und akzeptabelsten ist und das, was
glaubwürdig erschien, sich ins Gegenteil verwandelte.
Einleitung
Das gesellschaftliche Denken umfasst alle
Bereiche, die ohne Meditation auskommen: Natur- und Lebenswissenschaften,
Mathematik, die moderne analytische Philosophie, Politik, Religion, Psychologie,
Medizin, Theologie, Wirtschaft usw. Sie
alle widmen sich der zweiten Natur, You,
und nicht der ersten Natur, Wuyou, der das
ursprüngliche Wissen zu verdanken ist.
You ist eine Emanation aus Wuyou, der
kreativen Mischung aus Bekanntem, You,
und Unbekanntem, Wu. Wuyou ist die
nicht-dualistische, konfuse oder formlose,
ewig kreative gebärende Welt. Es ist die
Mutter der formvollen 10.000 Dinge, der
Vielfalt des Seins, You. Es ist die höchste
Realität, der viele Namen und Attribute
in unterschiedlichen Kulturen zugewiesen
werden. Wuyou ist das, was einige alte
Griechen Iogos, e6n, dpeiron, daim6nion,
hen, usw. nennen. In den Upanishaden
wird Wuyou Brahman genannt.
Die Grundthese des
gesellschaftlichen Denkens
Die Grundrhese ist: Das Sein, die uns allen
vertraute Welt des You, prägt das Bewusstsein. Ich nenne sie das zweite Erkenntnisprinzip. Man findet sie verankert im
Kommunistischen Manifest. Mit Ausnahme von wenigen Weisheitslehrern und
-suchern, die sich im meditativen Üben
dem Nichts, Wu, rigoros hingeben, wird es
in allen Bereichen heute eingesetzt. Für die
meisten von uns ist es das einzige Erkenntnisprinzip und wird nicht irrfrage gestellt.
Die Grundthese des
natürlichen Denkens
Das natürliche Denken genügt dem ersten Erkenntnisprinzip: Das Bewusstsein
lässt sich durch rigorose Weitabgewandtheit
im Üben erweitern, um damit das Dasein
(Wu, Wuyou, You) zu erfassen. Plaron
nennt es Aufstieg, anagoge der psychl
Daoismus I Wirken aus der Ewigkeit
75
Die drei Welten des Dao: Wu - Wuyou - You
Wu = Nichtsein
Wuyou = SEIN = ewiges Sein, 1. Natur, Dadao = vollkommenes Dao
You =Sein =gesellschaftlich, diesseitig, 2. Natur, Xiaodao =zerstörtes Dadao
Youwei = weltzugewandtesTun =diskursiv, Wirken aus dem You
Wuwei = weitabgewandtes Nicht-Tun= intuitiv, Wirken aus dem Wu
Yin-Liugen = die diesseitigen Sinne, im You
Yang-Liugen = die jenseitigen Sinne, im Wuyou
Damit wird der Bewusstseinswandel
durch regelmäßiges Üben in der Stille angedeutet, den Daoisten den Weg zurück
zur (ersten) Natur nennen.
Die gewöhnlichen und
außergewöhnlichen Sinne
Das gesellschaftliche, nachgeburtliche
Wissen wird mittels der vertrauten YinLiugen, den sechs gewöhnlichen Wurzeln,
erlangt. Es wird in der Gesellschaft erworben. Die Yin-Liugen bestehen aus fünf
gewöhnlichen oder irdischen Sinne und
davon. Gnesie verweist etymologisch auf
gn6sis, ursprüngliches Wissen, und genesis,
meditative Erfahrung der Schöpfung auf
dem Weg'zurück zur Natur.
Empedokles berichtet in Fragment 1
und 2 (Über die Natur) über das Abstumpfen des Denkens durch Einsatz der
Yin-Liugen: Pausanias, Sohn des klugen
Anchitos, häre. Denn eng bezirkt sind die
Sinneswerkzeuge, die über die Glieder der
Menschen gebreitet sind. Viel A;mseliges
dringt auf sie ein, das ihr Denken abstumpft. Kaum haben sie einen kleinen Teil
Das gesellschaftliche Wissen ist unbeständig.
Das ursprüngliche Wissen ist hingegen beständig.
dem sie koordinierenden vertrauten Bewusstsein.
Das natürliche, vorgeburtliche Wissen
resultiert hingegen durch Erwecken der
Yang-Liugen, den sechs spirituellen Wurzeln, aus der meditativen Übungserfahrung. Die Yang-Liugen bestehen aus fünf
außergewöhnlichen Sinnen und dem sie
koordinierenden außergewöhnlichen Bewusstsein. Sie gehen im Kindesalter verloren, weil sie für das gesellschaftliche
Denken nicht gebraucht werden. Wenn
die Yang-Liugen aktiv sind, ruhen die YinLiugen, und umgekehrt.
Demokrit vergleicht die zwei Arten des
Wissens (Frag. 11 Sextus, Adv.Math. VII,
138): Vom Wissen gibt es zwei Weisen, eine
echte (gnesie) und eine obskure (skotie). Zur
Obskuren zählt folgende Gruppe (Yin-Liugen): sehen, hören, riechen, schmecken und
berühren. Die andere (erfasst mit den
Yang-Liugen) ist echt und verschieden
des eigenen Lebens überschaut, so fliegen sie
davon, vom raschen Geschick wie Rauch in
die Hohe entführt. So glaubt jeder nur an
das, worauf er gerade bei seinen mannigfachen Irrfahrten gestoßen ist, und doch rühmt
sich ein jeder, das Ganze gefonden zu haben.
Es folgen nach diesen Worten seine Hinweise zum >>Aufstieg der psyche« mittels des
Weisheitsweges von me e6n (You) zu e6n
(Wuyou). Damit verweist er aufs Erwecken der Yang-Liugen: Du aber sollst doch,
da du nun einmal abseits hierhergekom-men
bist, erfahren, freilich nicht mehr als sich
menschliche Einsicht zu erheben mag.
Sokrates bezeichnet das Wiedererwecken
der Yang-Liugen mit sophros yne (Gorgias
491 e-492c), was irreführend mit Besinnung
oder Besonnenheit übersetzt wird. Er ist sich
bewusst, dass die Yin-Liugen durch die
Yang-Liugen erweitert werden können.
Dies entnehme ich seinen Worten in Protagoras: Der Mensch ist das Maß aller Dinge
76
~I
Daoismus I Wirken aus der Ewigkeit
(pdnton chremdton metron einai dnthropon).
Sie verweisen, wie ich zeige, auf das Gegenteil dessen, was man ihnen entnimmt.
Dies gilt auch, wie ich zeige, für: Macht
euch die Erde untertan.
Betrachten wir das Protagaras-Zitat im
Zusammenhang mit dem nachfolgenden
Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
Der Seienden, die da (beständig) sind
(Wuyou), der Nicht-Seienden, die nicht
(beständig) sind (You) . BeideSätze deuten
also darauf hin, dass der Mensch als Meditierender auf dem >>Weg von me edn zu
edn « oder Aufstieg von You zu Wuyou
zum »Maßstab aller Dinge« werden kann,
freilich nicht mehr, als sich menschliche
Einsicht zu erheben mag. Das heißt also,
er erfasst You mit den Yin-Liugen und
Wuyou mit den durch Üben wieder erweckten Yang-Liugen.
Beide Sätze von Sokrates beinhalten
somit: Der Mensch ist nicht das Maß aller
Dinge in You, zumal ja seine Yin-Liugen
eingeschränkt sind. Der erste Satz verweist
also genau auf das Gegenteil von dem, was
man ihm ohne Bezug zum nachfolgenden
Satz fälschlich entnimmt. Der zweite Satz
verweist darauf, dass er seine Yang-Liugen
erwecken und sein Maß zum Erfassen der
Dinge jenseits von You ausweiten kann.
....
Die Welt wird nicht von denen bedroht, die böse sind,
sondern die das Böse zulassen. (Albert Einstein)
Dadao ohne Worte erfasst. Laozi: Das Dao
kennt keine Worte. Parmenides nennt
Dadaoden Weg der Wahrheit und Xiadao
den Weg des Glaubens. Die folgende Abhandlung wird zeigen warum.
Der Unterschied zwischen
beiden Erkenntnisweisen
Das gesellschaftliche Wissen garantiert
unser Leben in der Gesellschaft. Es ist
wichtig, aber dem persönlichen Leben
nicht unbedingt förderlich. Laozi schreibt:
Wer groß ist vor den Menschen, ist klein vor
dem Dao. Wer groß ist vor dem Dao, ist
klein vor den Menschen. Laozi gilt als großer natürlicher Denker in China, als Gegenspieler des großen gesellschaftlichen
Denkers Konfuzius. Siehe dazu den Dialog zwischen beiden Männern. (vgl. Hubral2010)
Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut,
sondern auch für das, was man lässt. (Laozi)
Daoisten nennen das, was mit den
Yang-Liugen übersinnlich erfahren wird,
Qi oder Qi-Felder. Oie alten Griechen
haben mehrere Umschreibungen dafür.
Daimon, dngelos (Botschafter),.ßs (Licht),
hy 'dor (Wasser) sind vier davon. Wer das
ursprüngliche Wissen mit seinen vielfältigen Qi-Phänomenen nicht erfasst, wird es
vermutlich irrfrage stellen, denn das gesellschaftliche Denken kann im Gegensatz
zur meditativen Dao-Praxis nicht in
Wuyou eindringen, um Wuwei und Qi
übersinnlich zu erfahren.
Großes Dao (Dadao)
und kleines Dao (Xiaodao)
Daoisten assoziieren die weitabgewandte
natürliche Erkenntnisweise mit Dadao
und die weltzugewandte gesellschaftliche
mit Xiaodao. Xiaodao wird mit und
Tattva Viveka 56
Das gesellschaftliche Wissen ist unbeständig. Das ursprüngliche Wissen ist hingegen beständig. Wer Wuwei, meditatives
Nicht-Tun, erfolgreich einsetzt, kann es zu
jeder Zeit und an jedem Ort am Grad seines Übungserfolges erfassen. Hat er es mit
Leib und Seele gänzlich erfahren, ist er mit
dem Ursprung (Wu) der vertrauten Welt
(You) und ihrer Entstehung inklusive seiner eigenen vertraut geworden. Er ist
dann erleuchtet. Dies hat nichts mit Visionen oder Halluzinationen zu tun, die
in der Dao-Lehre als Ausscheiden von seelischem Müll betrachtet werden. Die Erleuchtung hat mit Erfahren von Wu zu
tun. Für Daoisten ist es eine säkulare und
keine mystisch-religiöse Epiphanie.
Platon nennt das ursprüngliche Wissen
in Politea das Wissen um die wahre Natur
von allem Wesentlichen. Es wird fur ihn mit
Hilfe einer in uns innewohnenden Kraft
der Seele (Wuwei = philia) erfahren. Ich
werde es im Folgenden beleuchten. Was
liegt da näher, als es mit dem vertrauten
gesellschaftlichen Wissen und seiner Erkenntnisgewinnung zu vergleichen. Beginnen wir also mit den zwei Fragen: Wie
wird gesellschaftliches Wissen erlangt und
was steilt es dar? Ularum ist für Platon {las
natürliche Denken reiner als das gesellschaftliche?
Gesellschaftliches Wissen
(empeirfa)
Das gesellschaftliche Denken, zu dem das
heutige wissenschaftliche gehört, akzeptiert zur Lösung von Problemen nur Beweisführungen, die a priori festgelegte
Hypothesen respektieren, die aber selbst
unbeweisbar sind. Diese Vorgehensweise
kann als >>kreisförmiges Schlussfolgern«
bezeichnet werden. Sie kann nichts liefern, was über die Hypothesen hinausgeht. Diese basieren auf den Yin-Liugen
und gehören zum zweiten Erkenntnisprinzip. Dazu zählen die Durchführung
von Experimenten, die Vernachlässigung
von Randeffekten (Nebenwirkungen), die
Akzeptanz abgeschlossener Systeme usw.
Folgendes Beispiel soll andeuten, dass
gesellschaftliches Wissen mit Glauben und
Für-wahr-Halten zu tun hat, egal ob es als
reines, rationales, exaktes oder logisches
Denken bezeichnet wird. Betrachten wir
dazu die einfache Gleichung 2+ 1 = 3. Sie
lässt sich durch kreisförmiges Schlussfolgern aus 1+1 = 2 folgern . 1+1 = 2 ist ein
Axiom, das so wie alle Axiome unbeweisbar ist. In der Dao-Lehre gilt jedoch: Es
gibt keine zwei Dinge, die gleich sind.
Mathematiker nennen die Beweisführung und resultierende Erkenntnis exakt,
logisch und objektiv. Doch diese Terminologie ist, wie jeder Mathematiker weiß,
nicht wirklich gerechtfertigt, denn an das,
was mit Axiomen festgelegt und erreicht
Tattva Viveka 56
wird, muss man, so wie an die Axiome
auch, glauben. Insofern ist die Mathematik, so wie jede andere hypothesenbasierte
·Disziplin eine »Glaubenslehre«, was keine
Abwertung sein soll. Wer möchte schon
auf sie verzichten? Sie ist.aber, wie alles,
was sich in Worte, Zahlen und Symbole
fassen lässt, nur im Einklang mit der zweiten und nicht mit der ersten Natur. Sie
kann die Auswirkung der ersten auf die
zweite Natur nicht erfassen.
Worte, Zahlen und Symbole sind folglich, wie präzise sie uns auch erscheinen
mögen, mit Unsicherheiten verbunden.
Sie geben nicht das wider, was dahinter
steckt. Wirkungen aus dem Jenseits, aus
Wu und Wuyou, sind bei jeder wissenschaftlichen Problemlösung vorhanden
, und mit gesellschaftlichem Denken nicht
erfassbar. Sie können dramatische Folgen
haben. Nur wenige stellen die Wissenschaft jedoch in Frage. Viele betrachten sie
sogar als exakt und rein, worauf Begriffe
wie exakte Mathematik und reine Naturwissenschaft hinweisen. Doch es gibt, wie
Wissens (ta gn6sta) fällt und ohne Hypothesen erlangt wird.
Induktion oder Deduktion
Es gibt zwei Erkenntnisweisen zum Erlangen von gesellschaftlichem Wissen,
die induktive und deduktive. Die induktive Methode (bottom-up) geht vom Besonderen zum Ailgemeinen und die
deduktive Methode (top-down) erfolgt
umgekehrt vom Allgemeinen zum Besonderen.
Trial and error
Jede Lösung eines gesellschaftlichen, z.B.
technischen Problems hat Nebenwirkungen. Sie wirken von dort, wo die Yin-Liugen nicht hinlangen. Erweisen diese sich
als unakzeptabel, werden die Hypothesen geändert und es kommt zur neuen
Schlussfolgerung. Diese Vorgehensweise
wird iterativ durchgeführt und als trial
and error bezeichnet. Das Ziel dabei ist es,
die unerwünschten Nebenwirkungen zu
minimieren. Doch viele davon tauchen
Diaton nennt das ursprüngliche WisSP das
Whser u 1 1 die wahre Natur von allem Wesentlichen.
ich zeige, große Denker, die ihr wissenschaftliches Denken infrage stellen.
Es gibt keine Objektivität
Was immer an Hypothesen erdacht und'
durch kreisförmiges Schlussfolgern erreicht wird, erfordert die Konsenstindung
unter Gleichgesinnten, um als >>objektive
Erkenntnis« akzeptiert zu werden. Ein
Konsens garantiert jedoch keine wirklich
exakte Erkenntnis. Auch mag er sehr fragwürdig sein, basiert er doch oft auf wirtschaftlichen Interessen, dem sich auch
>>kluge Wissenschaftler« unterwerfen.
Wer also von Objektivität spricht, kann
nicht von einer wahren Erkenntnis sprechen. Jedes gesellschaftliche Wissen bleibt
fragwürdig. Es wird relativ beurteilt, und
das Urteil mag sich von heute auf morgen
wandeln. Es fällt, wie Platon im Liniengleichnis schreibt, in den Bereich der Meinung (ta d6xasta), auch wenn es uns als
objektiv, logisch, exakt, richtig usw. angepriesen wird. Rein ist für Platon nur das,
was in den Bereich des ursprünglichen
77
Daoismus I Wirken aus der Ewigkeit
erst Jahre später auf. Sie sind die Folge
davon, dass Problemlösungen sich nicht
auf Hypothesen, abgeschlossene Systeme
und Yin-Liugen einschränken lassen,
denn alles hängt mit allem zusammen.
Forscher und Wissenschaftler wissen:
jedes gelöste Problem erzeugt neue Probleme. Der gesellschaftliche Erkenntnisweg kommt folglich niemals zum Ende.
Er basiert auf dem empirischen Erkenntnisweg. Das damit erlangte gesellschaftliche Wissen ist empirisches Wissen (Plaron: empeiria). Damit ist alles vertraute
wissenschaftliche, medizinische, philosophische, ökonomische Wissen zustande
gekommen, das uns heute prägt.
Seine Essenz ist das spekulative hypothesen- und konsensbasierte Denken, das
Aristoteles mathiin nennt. Er grenzt es vom
meditativen Erfahren ab, das er pathein
nennt. Mathein ist nicht nur auf.Mathematik beschränkt, sondern umfasst jegliches Erkennen mit dem zweiten Erkenntnisprinzip. Als Beispiel dafür betrachte ich
nun die Darwirrsehe Evolutionslehre.
Evolutionslehre:
Eine gesellschaftliche Lehre
Die Evolutionslehre ist dem You und seiner räumlich-zeitlichen biologischen Entstehungsgeschichte zugewandt. Dazu
macht sie viele Hypothesen. Dazu zählt,
dass ihre Erkenntnisse mit den Yin-Liugen erfasst und in Worten, Zahlen und
Bildern ausgedrückt werden können.
Dazu gehört ebenso, dass die Evolution
angeblich einen zeitlidi.en Ursprung hat
und Leben einst aus lebloser Materie entstanden ist. Dazu zählt, dass sie in Raum
und Zeit von der Vergangenheit in die
Zukunft verläuft und Entstehen und Vergehen getrennt sind.
Diese und weitere Hypothesen erscheinen uns als selbstevident und werden deshalb kaum infrage gestellt. Die daraus
folgenden Schlussfolgerungen werden uns
wissenschaftlich überzeugend vermittelt.
Die Evolutionslehre erscheint deshalb vielen von uns plausibler als die biblische
Genesis und vergleichbare Schöpfungsmythen. Sie basiert auf dem zweiten Erkenntnisprinzip. Sie erfordert ein DaranGlauben und Für-wahr-Halten.
Dies gilt jedoch nicht für die älteste Erkenntnis über die Schöpfung, so wie ich
sie hier kurz charakterisiere. Sie basiert auf
dem ersten Erkenntnisprinzip. Dabei geht
es um das subjektive Erfahren (pathein)
des Schöpfung~verlaufs (genesis) in meditativer Selbstbeobachtung, so wie er in
umgekehrter Richtung auf dem Dao-Weg
des Aufstiegs von You zu Wu erfasst wird.
Er wird auch als Abstieg (katagogi) von
Wu zu You bezeichnet. Heraklit: Der ~g
nach oben und nach unten ist ein und derselbe. Laozi: Der Ursprung der ~lt kann
nicht in Worte gefasst werden.
Alle Hinweise in der Weisheitsliteratur
über Aufstieg und Abstieg, die die YangLiugen mit einbeziehen, sind mit den YinWurzeln nicht nachvollziehbar. Sie werden
folglich missverstanden, verfälscht und
auch nicht ernst genommen. Sie lassen
sich, im Gegensatz zur Evolutionslehre, nur
dann verstehen, wenn man mit dem ersten
Erkenntnisprinzip vertraut ist. Dieses basiert auf dem Wuwei-Prinzip, dem rigorosen Nicht-Tun, dem die Erfahrung der drei
Welten zu verdanken ist. Wer sich dem Ursprung der Welt (Wu)' meditativ nähert,
wird akzeptieren, warum Platon die zweite
78
Daoismus I Wirken aus der Ewigkeit
....
I
ln der Dao-Lehre gilt: Es gibt keine zwei Dinge, die gleich sind.
Natur (You), der sich die Evolutionslehre
widmet, als Scheinwelt (Höhle) und warum
Krishna sie als maya (Illusion) bezeichnet.
Damit möchte ich die Evolutionslehre
nicht abwerten, sondern die uralte genesis,
wie sie z.B. in Platons Timaios behandelt
wird, aufwerten. Sie hat mit dem Erfahren der ersten Natur zu tun.
Grenzen des gesellschaftlichen
Denkens
'•
Denker und Suchende, zu denen ich
mich auch zähle, haben immer wieder
die Grenzen des gesellschaftlichen Denkens und die unerwarteten Auswirkungen des Jenseits erkannt. Dazu zähle ich
den Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein, den Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman und den
Nobelpreisträger Albert Schweitzer. Sie
alle bekamen Zweifel an ihrer eingeschränkten Denkweise.
Albert Einstein war frustriert über die
dramatischen Folgen seiner Erkenntnisse:
Die Tragik des modernen Menschen liegtallgemein gesehen - darin, dass er sich .selber Daseinsbedingungen geschaffen hat,
denen er aufgrundseiner phylogenetischen
Entwicklung nicht gewachsen ist. Auch betont er: Die Welt wird nicht von denen bedroht, die böse sind, sondern die das Böse
zulassen. Ähnliches formulierte Laozi
schon 2.500 Jahre zuvor: Verantwortlich
ist man nicht nur für das, was man tut,
sondern auch für das, was man lässt.
Richard Feynman hat, wie viele Physiker im Manhattan-Projekt, die Atombombe, an deren Entwicklung er arbeitete, >>später nicht mehr aus seinem Kopf
bekommen.« Er hat danach technologische Entwicklungen grundsätzlich in
Frage gestellt: Wenn ich Leute eine Brücke
bauen sehe, dann denke ich, die sind verrückt. Sie verstehen einfach nicht, was sie
da machen. Sie verstehen es einfach nicht.
Warum machen sie immer etwas Heues?
Es ist so nutzlos.
Albert Schweitzer äußerte sich 1954
beim Empfang seines Nobelpreises in
Oslo wie folgt: Wtzgen wir die Dinge zu
sehen, wie sie sind. Es hat sich ereignet, dass
der Mensch ein Übermensch geworden ist.
Er bringt die übermenschliche Vernunft,
die dem Besitz übermenschlicher Macht
entsprechen sollte, nicht auf { .. }Damit
wird nun vollends offenbar, was man vorher nicht recht eingestehen wollte, dass der
Übermensch mit dem Zunehmen seiner
Macht zugleich immer mehr zum armseligen Menschen wird. { .. } Wtzs uns aber eigentlich zu Bewusstsein kommen sollte und
Literatur
Aigmüller, 8; Zerling, C; Arendt: Die Tetraktys als Geheimnis der Schöpfung. in: Tattva
Viveka 45. S. 78-85. Bensheim 2010.
Buber, M: Die Erzählungen der Chassidim.
Manesse Verlag, Zürich 2006.
Ceming, K: Rettet mehr Spiritualität die Weit?
in: Tattva Viveka 51. S. 22-28. Berlin 2012.
Gangaji, Eli Jaxon Bear: Natürlich nackt.
Über die Frische des offenen Geistes.ln:Tattva
Viveka 51. S. 8-14. Berlin 2012.
Hubral, P: Das Dao des Sokrates. Erkenntnis
durch Nicht-Tun. in: Tattva Viveka 44. S. 8-16.
Bensheim 2010.
Hubral, P: Mythos und Logos. Das Ende der
ersten Philosophie.ln:TattvaViveka 45. S. 6778. Bensheim 2010a.
Hubral, P: Die heilende Kraft des Nicht-Tun.
Yin-Yang im Erkennen und Heilen. ln: Tattva
Viveka 50. S. 78-87. Berlin 2012.
Hubral, P: Das Dao des Denkens.Vom gesellschaftlichen zum natürlichen Denken. Tattva
Viveka 51. S. 14-22. Berlin 2012a.
lversen, J: Gnosis. Junius Verlag, Harnburg
2001.
Selander, J: Auf der Reise zur höchsten Realität. Die Philosophie desYoga.ln:TattvaViveka
51. S. 57-70. Berlin 2012.
Schwarz-Schilling, A: Frauen im Matriarchat.
ln:TattvaViveka 51. S. 28-50. Berlin 2012.
Tattva Viveka 56
schon lange vorher hätte kommen sollen, ist
dies, dass wir als Übermenschen zu Unmenschen geworden sind.
Goethe schreibt: Neue Erfindungen
können und werden immer wieder geschehen. Doch anscheinend kann man sich
nichts Heues ausdenken, um die Sittlichkeit
der Menschen zu verbessern. Man mag in
der Tat mit gesellschaftlichem Denken
nichts Neues finden, aber Altes mit natürlichem Denken wieder entdecken. 4D
Der 2. Teil des Auflatzes erscheint in Tattva
Viveka 57. Lesen Sie dort ausführlich über
die Eigenschaften des ursprünglichen Wissens von Wouyou bzw. Gnosis, und wie sich
dieses in den alten Weisheitskulturen der
Menschheit finden lässt.
Zum Autor
Dr. Peter Hubral ist
Professor für Geophysik
und Hobby-Philosoph.
Er verfolgt seit langem
die Spuren großer Naturphilosophen
zwischen West und Ost. Er sieht in den
Lehrern der pythagoreischen/platonischen Schule Vertreter der uralten und
im Westen ausgestorbenen Wl!wei-Tradition, die dank chinesischer Dao-Meister
wieder belebt wird. Hornepage des Autors: www.dao-meister-platon.de
Artikel in früheren Ausgaben
TV 21-22: Dr. Engelbert Kronthaler- Metapher und Metamorphose
TV 32: Prof. Dr. Dr. Alfred Toth - Die Mathematik des Schicksals
TV 44: Prof. Dr. Peter Hubral - Das Dao
des Sokrates
TV 49: Dr. Tom Steininger I Prof. Peter
Gottwald - Das aperspektivische Zeitalter
TV 51: Prof. Dr. Peter Hubral - Das Dao
des Denkens
TV 52: Ronald Engert - Ins and Outs.
Zur Unterscheidung von männlicher und
weiblicher Erkenntnis
Weitere Artikel finden Sie in unserer
Artikel-Datenbank auf www.tattva.de
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