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frei:raum - Test im Studio Magazin

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F r i t z F e y, A b b i l d u n g e n : F r i e d e m a n n K o o t z , F r i t z F e y
Frei:raum Drei-Ebenen-Equalizer-Plug-In von Sonible
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Digitaltechnik wird immer dann spannend für mich, wenn man mit ihr etwas machen kann, was vorher noch nicht möglich war. Man nennt das, glaube ich, ‚Fortschritt‘ oder auch ‚Innovation‘. Ein großer Teil des heutigen Plug-In-Angebotes konzentriert sich unterdessen darauf, so zu sein, wie etwas, das es oft schon
seit Jahrzehnten gibt. Auch eine Wissenschaft für sich – und schließlich ist an der digitalen ‚Abbildungsnäherung‘ von
Analogtechnik natürlich auch nichts auszusetzen, denn diese Plug-Ins tragen zur Farbigkeit und Vielfalt der computerbasierten Klanggestaltung bei, unabhängig davon, wie nahe sie sich am analogen Original bewegen. Diese Diskussion führe ich sehr gerne, aber hier dient sie nur als Vehikel für ein Thema, dass mich seit der SAE Alumni Convention immer wieder beschäftigt hatte. In Berlin traf ich am Stand des deutschen Vertriebes Synthax erstmals auf eine frühe Version des frei:raum Plug-Ins und seine Entwickler. Nach kurzer Demonstration und Erklärung war mir klar: Das muss ich
testen! Da ich nicht so gerne bis zur Markteinführung Ende Januar warten wollte, stellte man mir bereits früh im Dezember eine Beta-Version des Plug-Ins zur Verfügung, die in einigen Punkten noch nicht ganz fertiggestellt war, aber die eigentliche Klangbearbeitung vollumfänglich leistete. Genau das ist auch der Knackpunkt bei diesem Produkt. Die Sonible
OG ist ein noch junges, von drei Absolventen des interuniversitären Studiengangs ‚Elektrotechnik-Toningenieur‘ gegründetes Unternehmen mit Sitz im österreichischen Graz, die mit zwei Hardware-Entwicklungen (Studio Magazin berichtete schon darüber) und eben diesem in Kürze offiziell vorgestellten Plug-In-Equalizer neue technologische Wege beschreiten möchten.
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Der gestalterische Freiraum, den dieses Plug-in zunächst einmal theoretisch bietet, übertrifft alles, was ich bisher aus der Kategorie ‚equalizer‘ kenne.
‚Frei:raum‘ ist auf den ersten blick ein
‚ganz normaler‘ linearphasiger 7-bandentzerrer mit drei ‚inneren‘ Mittenbändern, die zwischen ‚bell‘ und ‚Smart‘
umschaltbar sind (zu ‚Smart‘ später
noch mehr), zwei halbäußeren bändern,
die neigungs- und glockenfiltercharakteristik annehmen können und schließlich zwei äußeren bändern, die die Wahl
zwischen Hoch/Tiefpass und glocke erlauben. Der begriff ‚Smart eq‘ basiert
auf dem gedanken, ein Filter nach vorangegangener analyse des audiosignals selbstständig algorithmisch nach
einer geeigneten Filterkurve suchen zu
lassen, um Überhöhungen und einbrüche im markierten Spektrum zu kompensieren. nach einer bestimmten lernphase stabilisiert sich die signaladaptiv eingestellte Filterkurve und sieht in der regel auch so kleinteilig aus, dass man
sie niemals mit ein paar parametrischen
bändern nachbauen könnte. vor allem
führt diese Methode zu sehr schnellen,
überraschend guten ergebnissen, die
in den meisten Fällen als ‚kreativer vorschlag‘ für die Klanggestaltung herangezogen werden können. Wie das klingt,
werden wir später noch genauer untersuchen. aber hier ist die geschichte noch
lange nicht zu ende. ‚Frei:raum‘ bietet
zwei weitere eq-ebenen, mit denen man
auf ganz besondere art und Weise in die
Struktur und den Klang eines audiosignals eingreifen kann. Die zweite ebene
ist der Proximity-eq, der in einem analyseverfahren Direktschall- und Diffusschallanteile voneinander trennt und separat zur frequenzabhängigen bearbeitung zur verfügung stellt. Die spektrale balance bleibt unangetastet, denn
es wird das Mischverhältnis zwischen
Direkt- und Diffusschall parallel zum
Smart-eq frequenzabhängig oder breitbandig mit einem Mischregler bestimmt.
Damit noch nicht genug, stellt das entwicklerteam eine weitere bearbeitungs-
ebene bereit, die inharmonische oder
‚tonlose‘ Signalanteile von harmonischen oder ‚tonhaften‘ Signalanteilen trennt und unabhängig voneinander
auf der dritten eq-ebene zur bearbeitung
freigibt. auch hier können beide Signalkomponenten frequenzabhängig oder
breitbandig unabhängig gewichtet und
bearbeitet werden.
Ein bisschen theoretischer Hintergrund
Die idee dieses equalizers basiert auf
der echtzeitanalyse eines audiosignals
und der anschließenden zerlegung in
Komponenten, um sie getrennt voneinander in den gestaltungszugriff zu stellen. unterschiedliche algorithmen ‚beobachten‘ über die Frequenz und zeit die
energieverhältnisse einzelner Signalanteile. zur analyse und Trennung dienen psychoakustische Modelle, die an
die menschliche Hörwahrnehmung angenähert sind. Dies trägt zu stabileren, für
uns natürlich klingenden ergebnissen
bei. Die durchgeführten analysen sind
unabhängig von vordefinierten Signalmodellen, wie etwa Sprache, Musik oder
geräusch, was dieses Produkt sehr universell einsetzbar macht. Wenn wir noch
einmal den Smart-eq betrachten, wird
während einer gewissen analysedauer laufend ein ‚Fingerabdruck‘ der aktuellen spektralen verteilung des eingehenden Signals berechnet und über eine
rekursive oder ‚rückschauende‘ berechnung mit schon zuvor gemachten ‚beobachtungen‘ verglichen. Sehr einfach
formuliert ist es so möglich, statistische
abweichungen von einer ‚erwarteten‘ energieverteilung zu erkennen, wobei auch
erkenntnisse über wahrscheinliche oder
weniger wahrscheinliche energieverteilungen einfließen. um irrtümer zu vermeiden, muss laufend entschieden werden, ob eine bestimmte energieverteilung auch wirklich von nutzsignalen hervorgerufen wird. Die berücksichtigung
gewisser abhängigkeiten und Strukturen
unterschiedlicher Frequenzbereiche –
testbericht
Durch Markieren eines Bandes in der Parameterleiste wird der passende
Kurvenabschnitt in der Grafik farbgleich angezeigt
sowohl in direkter nachbarschaft, als
auch in einer bestimmten zeitlichen entfernung zueinander – gibt oft wichtige
Hinweise zur Herkunft einer bestimmten abweichung. nun – man muss dieses hochkomplexe Thema wirklich abkürzen, denn es reicht ja, eine ungefähre
vorstellung von seinem Werkzeug zu haben, vielleicht auch etwas ehrfurcht zu
entwickeln, denn all die eben eher oberflächlich beschriebenen vorgänge laufen im Hintergrund in quasi-echtzeit ab,
inklusive der Signalbearbeitung. ein wenig müssen Sie noch durchhalten, aber
das Thema ist auch wirklich extrem
spannend. Jedes in einem raum stattfindende Schallereignis lässt sich in Direktschall, frühe und späte reflexionen
sowie Diffusschall oder nachhall aufteilen. etwa so arbeitet auch die analyseSoftware des Proximity-eqs über unterschiedliche betrachtungszeiträume. Dabei ist wichtig einzuschätzen, über welchen zeitbereich ein Signal durch eine
raumantwort beeinflusst wird, in etwa vergleichbar mit der berechnung der
nachhallzeit eines raums. Problematisch ist hierbei, abklingende nutzsignale (ausklang eines Flügels) von Diffusschall zu unterscheiden. es muss daher erkannt werden, ob eine Komponente durch Direktschall hinzugekommen
ist, durch reflexionen klanglich verändert wurde oder es sich um langsam
ausklingende Diffusanteile handelt. Da
während der analyse sehr unterschied52 | 53
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Die ‚Blindflug-Anzeige‘ deaktiviert die Kurvendarstellung
liche betrachtungszeiträume von wenigen Millisekunden bis zu einigen Sekunden herangezogen werden, können parallel zueinander verschiedene analyseverfahren angewendet werden, die sich
entweder stärker auf den exakten zeitlichen verlauf des audiosignals oder eine langsamere energetische veränderung fokussieren. Dieses Modell ermöglicht schließlich die beiden Komponenten ‚Direktschall‘ und ‚Diffusschall‘ über
Filtermethoden voneinander zu trennen, frequenzabhängig oder breitbandig zur bearbeitung anzubieten und anschließend mit veränderter gewichtung
wieder zusammenzuführen. nun schauen wir uns noch den entropy eq etwas
genauer an. im ersten analyseschritt erfolgt eine ständige zerlegung des audiosignals in theoretisch beliebig viele abschnitte. es wird an dieser Stelle noch
nicht über die Typisierung entschieden,
also beschlossen, ob es sich um ein tonloses, geräuschartiges oder tonhaftes,
sinusartiges Signalstück handelt. Da
sich tonhafte Signalanteile im zeitlichen
verlauf und in der energieverteilung in
unterschiedlichen Frequenzbereichen
recht deutlich von tonlosen Signalanteilen unterscheiden, erfolgt in einem weiteren berechnungsschritt eine automatische Kategorisierung in ‚eher tonhaft‘
oder ‚eher tonlos‘. um die Trennschärfe weiter zu erhöhen, werden zusätzlich
zeitliche zusammenhänge einzelner Signalabschnitte untersucht oder bezie-
hungen über Frequenzbereiche hinweg
und bei entsprechend gefundener Ähnlichkeit gruppiert. Schließlich erfolgt abschließend die filtermethodische Trennung beider Signalkomponententypen,
die dann wie schon bekannt, frequenzselektiv oder breitbandig neu zueinander
gewichtet werden können.
Die Bedienoberfläche
Wir fassen für ein besseres verständnis noch einmal zusammen: Der Smarteq ist ein herkömmlicher eq, der über
das beschriebene analyseverfahren jedoch zusätzlich signaladaptive Filterkurven erzeugen kann, der Proximity-eq
bearbeitet Direkt- und Diffusschallanteile getrennt voneinander und der entropy-eq ermöglicht den getrennten zugriff auf tonlose und tonhafte Signalkomponenten. Die für alle diese Funktionen gemeinsame bedienoberfläche ist
in vier bereiche unterteilt: Die ‚Hauptumschaltung‘ der eq-ebenen Smart, Proximity und entropy, die Parameterleiste mit leicht erkennbarer Symbolik und
Parametrik, die grafische repräsentation der einstellungen in Form von Filterkurven und die reglerleiste für globale einstellungen. Die grafischen elemente der Parameterleiste sind in ihrer
Funktion allesamt als Schalter oder eingabefeld ausgelegt. Klickt man auf ein
‚unbeleuchtetes‘ glockensymbol, wird
der eq als glockenfilter aktiviert, klickt
Ansicht ‚Entropy‘-Equalizer
man auf das kleine ‚zauberstabsymbol‘, wird der Smart-lernmodus gestartet. Das ist alles selbsterklärend. oberhalb der miniaturisierten Pegelanzeige
befindet sich pro band ein ‚S‘-Symbol,
mit dem man jedes einzelne oder beliebige bänder in Kombination solo abhören kann. Mit ‚Clear Solo‘, einer bedientaste auf der rechten Seite, kann die Solo-Konstellation aufgehoben werden.
ich will hier keine ausführliche bedienungsanleitung schreiben, mit welcher
Tasten/Maus-Kombination man welche
Funktionen erreichen kann, jedoch sei
gesagt, dass die oberfläche als solche
einen konsequent durchdachten eindruck auf mich macht. es wird mit ‚blindflug‘ eine zweite ansichtsebene angeboten, die die Kurvenansicht verschwinden lässt und stattdessen Drehregler anzeigt. Was mir fehlt, ist die einbeziehung
des Mausrades in die Parametereinstellung bei der Kurvenansicht. Diese sieht
vor, einstellungen durch Werteingabe
über die Tastatur oder Klick/ziehen nach
oben oder unten durchführen zu können. zusätzlich stehen natürlich die zugpunkte in der Kurvendarstellung bereit.
auch hier würde ich mir eine einsatzmöglichkeit des Mausrades wünschen,
denn um ‚frequenzstabil‘ anhebungen
oder absenkungen vornehmen zu können, muss man zusätzlich die Tastatur
bemühen. Die globalen regler sind vollständig an das Mausrad gekoppelt. es
reicht hier aber nicht das einfache He-
rüberfahren mit dem Cursor, sondern
man muss den regler anklicken, um das
Mausrad zu aktivieren. Die rücksprache
mit dem Hersteller ergab, dass man darüber nachdenkt, die Mausrad-Funktion
weitergehend zu integrieren, sofern dies
mit vertretbarem aufwand umsetzbar ist.
Sämtliche bänder und eq-ebenen sind
deutlich farblich kodiert, so dass man
stets den Überblick behält. Klickt man auf
einen zugpunkt in der eq-Kurve, leuchtet das entsprechende band in der Parameterleiste in der gleichen Farbe. Doppelklick auf einen zugpunkt setzt das Filter
auf ‚neutral‘ zurück. zusätzlich kann mit
der Schaltfläche ‚flat‘ die jeweils aktive
eq-ebene zurückgesetzt werden. umgekehrt folgt auf das anklicken eines bands
die Markierung des dazugehörigen eqKurvenabschnitts in der grafik. Dies ist insofern sinnvoll und hilfreich, da alle Filter
über das gesamte Spektrum nutzbar sind,
und bei der arbeit daher auch schnell einmal die reihenfolge der zugpunkte bezogen auf die Position in der Parameterleiste ‚durcheinanderkommt‘. Das ergibt alles auf anhieb Sinn und man findet sich
ziemlich schnell zurecht. Die untere reglerleiste bedarf vielleicht einer weitergehenden erklärung. Die grünen regler sind
dem Smart-eq zugeordnet, die resultierende eq-Kurve in der grafik hat natürlich die gleiche Farbe. Mit eq-gain regelt
man die globale verstärkung des Plugins, ‚Sensivity‘ ist ein regler zur Steuerung der ‚genauigkeit‘ der drei Smart-
testbericht
Beispiel ‚Proximity‘-EQ
Der Sheving-EQ reagiert bei steiler Einstellung mit Über- und Unterschwinger
Der Smart-EQ erlernt sehr kleinteilige adaptive Kurvenverläufe
Durch Überfahren eines zweiten EQ-Buttons in der Hauptleiste kann man
zwei EQ-Kurven gleichzeitig sehen
bänder. Je höher der einstellwert, desto
konsequenter wird eine ideale energieverteilung über die Frequenz angestrebt.
Mit geringer ‚Sensivity‘ werden nur kleine
schmalbandige Überhöhungen oder einbrüche kompensiert, bei hohem einstellwert kann es in energiearmen Spektralbereichen auch zu einer überproportionalen gewichtung kommen. Für den Proximity-eq stehen drei global wirkende
regler bereit: ‚Proximity‘ regelt breitbandig die ‚Direktheit‘ oder den ‚Diffusionsanteil‘. ‚Strength‘ bestimmt die intensität
der Schätzung von Direktschallkomponenten und schwächt oder verstärkt sie.
‚Smoothing‘ erlaubt eine glättung der berechnungsergebnisse. Werte größer als
50 Prozent reduzieren die glättungswirkung bei sehr hoher Trennungsstärke mit
manchmal eher ‚eigenartig‘ oder unnatürlich anmutenden ergebnissen, Werte kleiner 50 Prozent verringern die Trennungs54 | 55
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stärke, klingen aber durch eine zeitliche
glättung natürlicher. Für den entropy-eq
stehen zwei globale regler zur verfügung.
‚entropy‘ regelt breitbandig den anteil
tonloser und tonhafter Signalanteile,
‚Strength‘ ist für die intensität der vorgenommenen Trennung von tonlosen oder
geräuschhaften beziehungsweise tonalen oder harmonischen Signalanteilen
verantwortlich. Je höher der einstellwert
in Prozent, desto stärker die Trennung.
Die breitbandig wirkenden globalen regler der Proximity und entropy ebenen dienen zusätzlich zur einstellung von offsets
bei gegebenen Filtereinstellungen. Damit kann das gesamte Spektrum in die eine oder andere richtung inklusive der Filterkurven verschoben werden. Dies kann
zum beispiel hilfreich sein, wenn man
ein Signal insgesamt ‚tonloser‘ machen,
bestimmte frequenzselektive bereiche
aber davon ausklammern möchte.
Praxis und Hören
um das Konzept dieses Plug-ins hörtechnisch nachvollziehen zu können, im Speziellen, was die ebenen Proximity und entropy betrifft, nutzte ich zunächst den
breitbandig arbeitenden globalen regler im einen und im anderen extrem. Proximity erzeugt dann entweder einen sehr
trockenes, abgekürztes oder aber weich
aufblendendes, räumliches ergebnis, etwa so, wie von einem komprimierten
raummikrofon. in ähnlicher Weise erzeugt entropy an seinen global breitbandig eingestellten extremen entweder ein
sehr transienten- und geräuschhaftes
oder aber ein sehr weiches tonales Signal ohne jegliche Spitzen oder explosivlaute. Hat man das Konzept dieser Dreiebenen-Struktur auf diese Weise erfasst,
kommen die ideen für einen effizienten
einsatz ganz von allein. Wichtig ist da-
bei, die richtige Dosierung zu finden und
man wird schnell dazu übergehen, weniger brachiale, extreme einstellungen zu
wählen, sondern vorsichtige, aber dafür
umso überzeugendere eingriffe vornehmen. ich installierte das Plug-in in meiner
Sadie Soundsuite und packte mir die Timeline mit einem vielfältigen angebot von
instrumenten voll: akustische und elektrische gitarren, Schlagzeug, Perkussion,
Flügel, e-Piano und gesang. eine Schlagzeugspur ließ sich ohne Mühe mit einer
Kombination aus globaler und frequenzselektiver verschiebung sehr trocken, aber
alternativ auch sehr räumlich und transientenarm gestalten. akustische gitarren
konnte ich von Saiten- oder Picking-geräuschen frequenzselektiv befreien oder
diese auch positiv verstärken. Die ‚Klicks‘
einer Hammondorgel konnten wunderbar herausgearbeitet werden, ebenso wie
anschlaggeräusche eines Fender rhodes
oder Flügels. es ist hier sehr hilfreich, mit
der Solo-Funktion in den einzelnen bändern die richtige bereichsauswahl zu finden. um ein bearbeitungsbeispiel zu illustrieren, haben wir eine fertige Mischung
mit starker Snare- und bassdrum-betonung auf verschiedene Weise behandelt.
in den abbildungen 1 (original) bis 4 sehen Sie die auswirkungen von Proximity
und entropy mit reduzierten Transienten
(abbildung 2) oder fast ausschließlich herausgearbeiteter Snare oder Kickdrum
(abbildungen 3 und 4). Mein genereller
eindruck ist, dass man einzelsignale effizienter und ‚sicherer‘ bearbeiten kann
als komplette Musikmischungen. Je komplexer das Material, desto eher geraten
die analyse-Prozesse auch an ihre grenzen, so dass subtilere eingriffe sinnvoll
sind, es sei denn, man möchte bizarre effekte erzeugen. im Mastering, meiner erklärten ‚Hobby-Disziplin‘, lassen sich dennoch interessante eingriffe gestalten, zum
beispiel, wenn man eine zu laute Snare
etwas weniger impulshaft haben möchte und sie dadurch zurückgenommener erscheint (entropy). Der erkennungs- und
Trennungsprozess arbeitet auch dann
sehr zuverlässig. natürlich sind in Stereo-
mischungen auch andere Signale im gleichen Frequenzbereich betroffen, jedoch
überdeckt das stärkere Signal meist die
auswirkungen auf die anderen Signale,
zumal wir ja auch nicht über Klangfarbe
sprechen, sondern über die gewichtung
zweier Signalanteile sehr unterschiedlicher Struktur. ein schmalbandiger eingriff kann hier jedenfalls wirklich Wunder
bewirken. interessant gestaltete sich auch
das arbeiten mit Stimmen. Die Hervorhebung von Plosivlauten schafft eine größere nähe und wirkte daher wie ein ‚vorneHinten-Panorama‘. ein Chor mit zurückgenommenen inharmonischen rückt in der
Darstellung weiter in den Hintergrund.
auch hier spielt die richtige Dosierung
die wesentliche rolle, wenn das ergebnis
selbstverständlich und natürlich klingen
soll. Man muss mit Filterbandbreiten und
generellen ‚gewichtungsverhältnissen‘
experimentieren. Dieses mächtige Werkzeug kann viel bewirken, ist aber am ende
doch nur so gut wie sein anwender, denn
was theoretisch so einfach klingt, ist in
der umsetzung eher diffizil. nach einiger
zeit des Probierens wird man sicherer und
erzeugt schneller verwertbare und auch
wirklich begeisternde resultate. Frei:raum
ist komplex und liefert nichts automatisch. Der anwender muss die zusammenhänge verstehen, um gezielt in den ebenen arbeiten zu können. es ist nicht immer von anfang an klar, ob Proximity oder
entropy zum gewünschten Klangergebnis
führen. Sehr oft ist auch eine Kombination aus beidem die richtige Wahl. Man vergisst sehr leicht, dass dieses Plug-in auch
ein linearphasiger equalizer ist, den es
hier natürlich auch zu bewerten gilt. Der
eq klingt sehr ‚stramm‘ und unfarbig und
neigt etwas dazu, Transienten ‚unschärfer‘ oder ‚diffuser‘ zu machen, dies stets
in abhängigkeit von der Komplexität des
Programms. Dieses verhalten kennt man
auch von anderen Fir-Filtern. bei der bearbeitung von einzelsignalen kann der eq
allerdings seine vorteile voll ausspielen.
Man hat nicht das gefühl, mit einem parametrischen equalizer zu arbeiten, sondern man hört eher eine extrem unauffäl-
testbericht
abbildung 1: Die originaldatei ist ein fertiger Mix mit deutlich herausstechender Kick und Snare, ein idealer Kandidat für die bearbeitung mit frei:raum
abbildung 2: Der gleiche abschnitt, bei dem über die entropy-Kurve die Transienten reduziert wurden
abbildung 3: umgekehrt lassen sich mit entropy und Proximity mit etwas arbeit die Transienten herausarbeiten, hier zum beispiel die Snare...
abbildung 4: ...und hier die Kickdrum
lig verschobene balance von Frequenzbereichen, was zum beispiel akustischen gitarren eine großartige Körperlichkeit oder
Stimmen einen besonderen glanz verleihen kann. Die arbeit mit dem Smarteq nimmt hier nochmals eine besondere Stellung ein. Die glockenförmige anhebung eines Frequenzbereichs erfolgt vor
dem Hintergrund einer auf linearität optimierten, kleinteiligen Kurve, die aus dem
eingangssignal erlernt wird. Das klingt in
den meisten Fällen wesentlich musikalischer, denn die klanglichen eigenarten
des instrumentes im bearbeiteten bereich finden bei der anhebung oder absenkung volle berücksichtigung. Die Königsdisziplin beim einsatz dieses Plug-ins
ist die kombinierte anwendung aller drei
eq-ebenen. Die umfassenden frequenzselektiven gestaltungsmöglichkeiten der
räumlichkeit und geräuschhaftigkeit können die Signaleigenschaften nahezu auf
dem Kopf stellen, ganz so, als hätte man
sich einer völlig anderen aufnahmetechnik bedient. Das Signal tritt hervor oder
zurück, wirkt homogener und milder oder
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nah und aggressiv oder auch detailreich
und dennoch zurückgenommen. um klare
zielvorstellungen entwickeln zu können,
muss man sich eine Weile mit der konzeptionellen grundidee vertraut machen,
wie dieses Plug-in arbeitet, denn eine solche bearbeitungsebene hat es eben bisher noch nicht gegeben.
Fazit
Mit dem frei:raum-Plug-in ist dem Hersteller ein sehr außergewöhnliches Werkzeug
gelungen, das völlig neue gestaltungsmöglichkeiten freisetzt. Die konzeptionelle auseinandersetzung mit der prinzipiellen Theorie der integrierten analyseverfahren und algorithmen ist unbedingt
erforderlich, bevor man mit diesem Werkzeug etwas Sinnvolles bewirken kann, es
sei denn, man möchte sich einfach mal
überraschen lassen. es leuchtet schnell
ein, dass eine separate bearbeitung von
tonlosen und tonhaften Signalteilen beziehungsweise von Direkt- und Diffusschall zahlreiche neue akzente in einer
Signalstruktur setzen kann. Diese Möglichkeiten gehen weit über das hinaus,
was man selbst als erfahrener Tonmeister
bislang kannte. Dabei lassen sich nicht
nur andere gewichtungen der trennbaren
Signalanteile erzielen, sondern sie können auch in ihrer Klangfarbe beeinflusst
werden, in dem man einen für das Signal
vielleicht sogar untypischen Frequenzbereich betont. zusätzlich hat man einen linearphasigen equalizer zur verfügung,
der das Signal in gänze auf gewohnte
Weise klangfarbenbeeinflussbar macht.
ich denke, auf derartig mächtige eingriffsmöglichkeiten wird in zukunft niemand
verzichten können und wollen. Der deutsche vertrieb Synthax nannte uns für das
Plug-in einen Preis von 399 euro brutto.
Die offizielle Produkteinführung und verfügbarkeit ist auf ende Januar 2015 terminiert. behalten Sie dieses Produkt im
auge. Die gestaltungsmöglichkeiten mit
frei:raum sind grandios! Die entwickler
von Sonible haben hier echte grundlagenforschung betrieben, um diese art der
Signalmanipulation möglich zu machen.
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