close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Endlich reif für den Oscar Seite 34 - sonntagsmarkt

Einbetten
TERROR-GEFAHR
BENEDICT CUMBERBATCH
Wie all die
Islamisten im Land
überwachen? Seite 4
Endlich reif für
den Oscar
Seite 34
1 8 . J A N U A R 2 015 | N R . 3 | W | 2 , 6 0 €
Deutschlands große Sonntagszeitung
Gegründet 2010
Besser leben!
Was tun, um glücklicher, gesünder,
erfolgreicher zu werden? Zunächst einmal:
Effizienter Sport treiben
NATUR
NEUE S
ERIE
Teil 1:
Fitness
Warum Europa
ideal für wilde
Tiere ist Seite 38
Seiten 42 bis 44
SCHULE
A 2,90 € • CH 4,20 CHF • E 3,20 € • S 30,00 SEK
I 3,20 € • L 2,90 € • TR 7,50 TL • P 2,90 €
NL 2,90 € • B 2,90 € • F 3,20 € • GR 2,90 €
Der Kampf der
Lehrer mit nervigen Eltern Seite 12
ZU TEUER
Schweiz treibt
Firmen aus dem
Land Seite 26
PORTRÄT
Juan Carlos’
mutmaßliche
Tochter Seite 18
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
2 Die Welt im Überblick
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
NACHRICHTEN DER WOCHE
„Charlie Hebdo“ binnen Minuten ausverkauft
– Stundenlanges Warten und dann das: Zehn Tage
nach den Terroranschlägen von Paris ist die erste Ausgabe des
französischen Satiremagazins in Deutschland erschienen – und
war binnen Minuten ausverkauft. Vor einem Zeitschriftenladen
im Berliner Hauptbahnhof warteten um fünf Uhr morgens etwa
100 Menschen, um bei Ladenöffnung ein Heft zu kaufen. Doch
lediglich die ersten beiden in der Reihe hatten Glück: Mehr
Exemplare wurden in dem Geschäft nicht verkauft. Im gesamten
Bahnhof waren nur 14 Hefte zu haben. Vor den Attentaten war
„Charlie Hebdo“ mit einer Gesamtauflage von 60.000 Heften
erschienen. Am Samstag wurde die Zahl auf sieben Millionen
erhöht. Nach Deutschland kam jedoch zunächst nur ein kleiner
Teil der Auflage, weil der Ansturm in Frankreich so gewaltig ist.
KARIKATUREN
Parteigründer Lucke setzt sich durch
AFD Im Machtkampf innerhalb der Alternative für
Deutschland (AfD) hat sich
Parteigründer Bernd Lucke
durchgesetzt. Der Bundesvorstand beugte sich seinem
Willen und stimmte der
Verkleinerung der Parteispitze von drei gleichberechtigten Sprechern auf einen
Bundesvorsitzenden zu. „Wir gehen alle davon aus, dass er dann
derjenige sein wird, der zum 1. Dezember 2015 allein den Vorsitz
übernimmt“, sagte Frauke Petry, die mit Lucke und Konrad
Adam dem Dreier-Vorstand angehört, der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Sie selbst strebe bis dahin eine Doppelspitze
mit Lucke an. Entscheiden soll das der AfD-Satzungsparteitag
Ende Januar in Bremen.
2014 war das heißeste Jahr seit 1888
Das Jahr 2014 war weltweit das wärmste Jahr seit Beginn
der Aufzeichnungen. Die Durchschnittstemperatur habe 0,69
Grad Celsius über dem Mittel des 20. Jahrhunderts von 13,9 Grad
Celsius gelegen, teilte die US-Behörde für Wetter- und Meeresforschung (NOAA) mit. Die bisherigen Spitzenjahre 2005 und
2010 seien um 0,04 Grad Celsius übertroffen worden. Neu sei,
dass 2014 – anders als die anderen Rekordjahre – nicht von Ausreißern wie dem El-Niño-Phänomen geprägt gewesen sei.
KLIMA
Mann stirbt nach drei Tagen PC-Spielen
In einem Internet-Café in Taiwan ist ein Mann gestorben, der drei Tage lang fast ununterbrochen Computer gespielt
hatte. Der 32-Jährige brach in Kaohsiung vor dem Gerät zusammen, wie die „Taipei Times“ berichtete. Nach Meinung der Ärzte
starb der Mann an plötzlichem Herzversagen, das von dem exzessiven Spielen ausgelöst wurde. Bereits am 1. Januar war ein
38-Jähriger in Neu-Taipeh tot zusammengebrochen, der fünf
Tage am Stück gespielt hatte.
vanlaack.com
ANZEIGE
TITEL: GETTY IMAGES (3); GUY KOKKEN; CLAUDIA BERNHARDT; AP; AFP/GETTY IMAGES; SEITE 2-3: DPA (2); AFP; AP; GETTY IMAGES
TAIWAN
ZAHLEN DER WOCHE
Janosch, bitte zahlen!
False Friend
Gebühr Der Koblenzer Christian
Staedtler staunte nicht schlecht, als
ihm die Aufforderung ins Haus
flatterte, Janosch Staedtler möge
seine Rundfunkgebühr bezahlen.
Janosch ist Staedtlers sechs Jahre
alter Ungarischer Jagdhund. Und
Janosch schaue gar nicht gern
Fernsehen, sagte Staedtler der
„Rheinischen Post“ scherzend –
anders als sein früherer Hund, der
Tierfilme mitgeguckt habe. „Janosch will abends seine Ruhe haben.“ Um der Behörde zu beweisen,
dass Janosch kein Beitragszahler
ist, schickten die Staedtlers eine
Tierarztrechnung. Trotzdem sei
eine Zahlungsaufforderung über
53,94 Euro eingetroffen. Ein Sprecher des Beitragsservices sagte,
irgendein Witzbold habe den Hund
auf rundfunkbeitrag.de angemeldet.
Computerwissen Facebook zeigt,
wie User ticken – und zwar genauer
als deren Freunde oder Verwandte.
Das ergab eine Studie der Universitäten Cambridge und Stanford.
Die Forscher ließen eine Software
die „Gefällt mir“-Angaben von
32.000 Nutzern analysieren und
verglichen die Ergebnisse mit Fragebögen, die an deren Umfeld
verschickt wurden. Schon aufgrund
von zehn „Gefällt mir“-Angaben
konnte die Software präzisere
Angaben zur Persönlichkeit der
Probanden machen als deren
Freunde oder Verwandte. 70 Nennungen reichten für eine korrektere
Einschätzung als durch einen guten
Freund oder Mitbewohner. Um
Eltern oder Geschwister zu übertrumpfen, waren 150 Angaben
nötig, für Ehepartner mehr als 300.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
Eltern unter Druck
ELTERNSTUDIE
Wodurch fühlen Sie sich am meisten
unter Druck gesetzt? Antworten in %
Mütter
Väter
50
Eigene
Ansprüche
32
41
39
Gesellschaftliche
Normen
21
23
Wirtschaft/
Arbeitgeber
Die Anforderungen an Eltern
verglichen mit denen vor 30
Jahren sind…
59
höher
30
andere
gleich
6
QUELLE: FORSA
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Die Welt im Überblick 3
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
ZITATE DER WOCHE
„Ich bin fast an meinem
Porridge erstickt“
DAVID CAMERON, britischer Premier, als er hörte, dass US-TV-„Experte“
Steve Emerson behauptet hatte, Nicht-Moslems würden sich nicht mehr nach
Birmingham trauen, weil die Stadt „komplett muslimisch“ sei. Tatsächlich ist
dort nur jeder Fünfte Moslem. Urteil Cameron: „Eindeutig ein Volltrottel“
Bilder der Woche
DA ÖFFNETE SICH DER HIMMEL Ein
Wunder? Bei seinem Besuch auf den Philippinen ist Papst Franziskus zweimal nur
knapp einem Unglück entgangen. Auf der
Insel Leyte gedachte Franziskus der Opfer
des Taifuns Haiyan. Der hatte im November
2013 Tausende Menschenleben gefordert.
Nun musste die Messe unter freiem Himmel vorverlegt werden, weil schon wieder
ein Unwetter in der Region anhob. Papst
und Tausende Gläubige trotzten zunächst
dem Sturm und Regen, gehüllt in Plastikcapes. Kurz nach der Messe brach die Altarbühne zusammen, auf der Franziskus eben
noch stand. Ein umgestürztes Stahlgerüst
erschlug eine 21-jährige Helferin. Als der
Papst vorzeitig die Insel verließ, kam ein
Begleitflugzeug zu Schaden. Eine Böe des
Sturmes „Mekkhala“ schob es von der Piste.
Es hätte auch die päpstliche Maschine sein
können. Bei diesem Unfall kam glücklicherweise niemand zu Schaden.
„Wenn sie
Hunger hat,
wird Daniela
zur Kampfzicke“
IRIS KLEIN zur Begründung, warum
ihre Tochter Daniela Katzenberger
nicht ins Dschungelcamp will
„Ich bin fast 18 und hab keine
Ahnung von Steuern, Miete oder
Versicherungen. Aber ich kann ’ne
Gedichtsanalyse schreiben“
NAINA, Schülerin, auf Twitter. Ihre Anregung sei „sehr positiv“,
lobte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU), nur um zu ergänzen:
„Es bleibt aber wichtig, Gedichte zu lernen und zu interpretieren“
KUNDENSERVICE
Brieffach 2560, 10867 Berlin, Tel.: 0800/588 97 60 (kostenlos, 9 – 19 Uhr),
Fax.: 0800/588 97 61, E-Mail: kundenservice@wams.de
Probelesen: 0800/588 97 60 (kostenlos, 9 – 19 Uhr), www.wams-kompakt.de/probe
Digitale Angebote: 0800/951 5000; E-Mail: digital@welt.de
ANZEIGE
Kuschelzone
1
BLICK
Dann lieber unfrei Nach einem Blick in eine Münchner Flüchtlingsunterkunft hat es sich ein russischer Asylbewerber anders überlegt. Das
Heim sei ihm zu schmuddelig gewesen, erklärte die Polizei. Der 35-Jährige
hatte nach seiner Anreise aus Moskau am Flughafen Asyl beantragt und
gesagt, er werde in Russland wegen seiner Bisexualität verfolgt. Am Abend
tauchte er wieder bei den Beamten auf und verlangte seinen Pass: Er
wollte so schnell wie möglich nach Moskau zurück.
1000
METER
Bezwungen Die Freeclimber Tommy Caldwell, 36, und Kevin Jorgeson, 30, haben im
kalifornischen Yosemite-Tal die knapp 1000
Meter hohe Felssteilwand zum El Capitan
bezwungen – ohne Kletterhaken und ähnliche
Hilfsmittel. Sie verbrachten 19 Tage an der
Steilwand. Nachts schliefen sie auf Pritschen,
die sie in den Fels hängten.
Wohnen Zwei Drittel der Frauen
fühlen sich zu Hause wohl, wenn es
kuschelig eingerichtet ist, aber nur
jeder dritte Mann mag das. Pech für
ihn, denn meist hat sie beim Styling
das Sagen: Knapp ein Viertel der
Frauen in Beziehungen entscheidet
über die Einrichtung eher allein,
aber nur fünf Prozent der Männer.
Multiresistente Keime
Reisen Fast jeder dritte deutsche
Urlauber, der eine Fernreise in
belastete Gebiete macht, bringt
gefährliche multiresistente Erreger
(MRE) mit, so eine Studie der Uni
Leipzig. Nach einer Indien-Reise
trugen mehr als 70 Prozent die
Keime in sich. Ausgewertet wurden
Daten von 225 Reisenden.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Mordfall Khaled B.:
Der rätselhafte Tod eines
Asylbewerbers Seite 6
Sport, Jagd, Umweltschutz: Der Kampf um
den Wald Seite 10
Angst und Stress: Wie
unsere Psyche die Haut
beeinflusst Seite 16
SICHERHEIT
Immer im Schatten
Ein paar Hundert Islamisten gelten in Deutschland als gefährlich.
Die Polizei würde sie am liebsten rund um die Uhr bewachen. Aber
das geht nicht. Warum eigentlich nicht? Von Florian Flade
C
Christian Burg könnte vieles sein. Zahnarzt, Sportlehrer oder Automechaniker. Er ist groß gewachsen, aber
nicht riesig. Er hat eine sportliche Figur, ist aber kein
Muskelprotz. Seine Haare sind dunkelblond und kurz.
Burg fällt nicht auf. Und genau so soll es sein. Der Mittdreißiger ist Polizeibeamter bei einem Landeskriminalamt. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der
Zeitung lesen. Burgs Job gehört zu den heikelsten, die
ein Polizist übernehmen kann. Er ist verdeckter Observant. Manchmal beschattet er wochenlang mit seinen
Kollegen eine Zielperson. Radikale Islamisten, gewaltbereite Neonazis, russische Zuhälter oder kurdische Kokaindealer. „Wir sind der Schatten der
bösen Jungs“, sagt er.
Nach den Anschlägen von Paris ist die Angst
vor Attentaten in Deutschland gestiegen. „Die
Lage ist ernst, und wir haben Grund zur Sorge
und Vorsorge, aber nicht zu Panik“, beteuert
Bundesinnenminister Thomas de Mai-
zière (CDU). Die Sicherheitsbehörden allerdings sind
alarmiert. Mehr als 600 Islamisten aus Deutschland
sind in den „Dschihad“ nach Syrien oder in den Irak gezogen. Rund 180 sind wieder zurück. Hinzu kommen
rund 7000 Salafisten, die es inzwischen bundesweit
gibt. Einige, so vermuten Sicherheitsbehörden, würden
gern auf deutschen Straßen im Namen Allahs morden.
Verfassungsschutz und Polizei warnen schon seit Längerem vor einer rasant wachsenden Islamistenszene,
die kaum noch kontrolliert werden kann. Insbesondere
eine gezielte Überwachung sei angesichts der Personenzahl faktisch nicht mehr möglich. „Die Politik sollte
der Bevölkerung sagen, wer auf die Leute aufpassen
soll“, sagte vor Kurzem Arnold Plickert, NRW-Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. „Wir schaffen das nicht mehr.“
Warum aber stößt der deutsche Sicherheitsapparat
bereits bei einigen Hundert selbst ernannten Gotteskriegern an seine Grenzen? Im Gemeinsamen Terrorab-
wehrzentrum in Berlin-Treptow entscheidet sich, wer
in Deutschland als möglicher „Gefährder“ gilt, also als
Person, der jederzeit ein Anschlag zugetraut wird. Hier
kommen regelmäßig die Vertreter des Bundeskriminalamtes, des Verfassungsschutzes, des Bundesnachrichtendienstes sowie der Polizei- und Verfassungsschutzämter der Länder zusammen. Noch vor wenigen Jahren
stuften die Behörden zwischen 120 und 130 Personen als
„Gefährder“ ein. Mittlerweile liegt ihre Zahl bei 260.
Wenn das Landeskriminalamt (LKA) im jeweiligen
Bundesland eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung beschließt, beginnt für den Polizisten Burg und seine Kollegen die Arbeit. „Zuerst müssen wir herausfinden, wo
die Person wohnt, wo sie arbeitet, wie ihr
regulärer Tagesablauf ist“, erklärt Burg.
Erst dann kommen die Observationsteams
zum Einsatz, die sogenannten Mobilen
Einsatz Kommandos (MEK), und nehmen
den Extremisten „unter Wind“, wie es im
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Polizeijargon heißt. Jedes Team besteht aus zehn bis
zwölf Beamten. „Die Sollstärke liegt bei 16 Leuten. Aber
das ist unrealistisch. Es gibt immer Ausfälle wegen
Krankheit, Lehrgang oder Urlaubszeit. Und Personalmangel sowieso“, berichtet Burg. Da im Schichtdienst
gearbeitet wird, sind für eine 24-Stunden-Überwachung
mindestens zwei bis drei Teams nötig. Das bedeutet: 20
bis 36 Polizisten. Minimum.
„Realistisch gesehen können Polizei und Verfassungsschutz in einem Bundesland vielleicht eine Handvoll Personen rund um die Uhr beschatten“, sagt ein
Staatsschützer. Und längst nicht nur Islamisten werden
observiert, sondern auch Rockerbanden, Drogenbosse
und Menschenhändler. Im Gegensatz zu den Extremisten begehen viele dieser Kriminellen nahezu täglich
Straftaten. „Die meisten Islamisten machen den ganzen
Tag über nichts Verbotenes“, so der Staatsschützer. „Sie
gehen einkaufen, beten, bringen die Kinder zur Schule.“
GLÜCK, GEDULD UND SEHR VIEL GELD Um dennoch kein Risiko einzugehen, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Wen trifft der Islamist? In welche Moschee geht er? Wen empfängt er in seiner Wohnung?
„Kontakt/Bewegungsbild“, heißt die Erkundung im Behörden-Deutsch; sie kann bis zu zwei Wochen dauern
und erweist sich mitunter als extrem schwierig. „Polizisten können nicht einfach in Berlin-Neukölln oder
Bonn-Bad Godesberg im Stadtbild untertauchen“, erklärt Burg. „Dort kennt jeder jeden. Fremde fallen sofort auf.“ Stadtteile, in denen arabische Familienclans
herrschen, oder Dörfer, in denen die rechtsextreme
DEUTSCHLAND & DIE WELT
der Nachbarn installiert. „Das geht natürSzene sehr stark ist, sind ein besonders
lich nur, wenn die Bewohner einverstanschwieriges Arbeitsumfeld für die Beamden sind. Und das ist gar nicht so selten.“
ten. „Man muss Leute und Fahrzeuge einDas Bundesamt für Verfassungsschutz
setzen, die nicht gleich auffallen wie blaue
(BfV) beobachtet deutschlandweit rund
Elefanten an der Straßenecke“, sagt Burg.
100 Islamisten-Zellen – Gruppen von jeDienstwagen zur Beschattung gibt es
weils zehn bis 80 Personen. Das Spekdeshalb in allen Varianten. Von der
trum reicht von Gebetsgruppen, über OnSchrottkarre bis zur Luxuslimousine. „Wir
line-Propagandisten bis hin zu heimgekönnen uns als Jogger tarnen. Als Mutti
kehrten Syrien-Kämpfern. Weit über
mit Kinderwagen. Oder als Obdachloser
60.000 Stunden Observation leisteten
auf der Parkbank.“ Egal wie gut die Tardie Mitarbeiter 2014. Genau wie bei ihren
nung ist: Geduld braucht es immer. „Die
Polizeikollegen bedeutet das ÜberstunZeit muss dein Freund werden“, sagt der
den. „Die Observationsarbeit war mal
LKA-Mann. „Die meiste Zeit wartest du
sehr beliebt“, sagt Burg. „Heute wollen
nur.“ Im Auto, in der Dönerbude oder dem Im Krieg Rund 180 Ex-IsShisha-Café. Setzt sich die Zielperson in Kämpfer sind in Deutsch- viele Kollegen den Job nicht mehr maland
chen. Es ist eine immens hohe Belastung,
Bewegung, verfolgen die Polizisten sie, zu
für einen selbst und für die Familie.“
Fuß, aber auch per Auto, in der U-Bahn
Die Überwachung von Extremisten ist keinesfalls eioder auf dem Fahrrad.
Die Observationskräfte der Polizei erhalten eine ne Sicherheitsgarantie. Das zeigen die Anschläge in Pamehrjährige Sonderausbildung. Sie lernen dabei nicht ris. Cheríf Kouachi, einer der Attentäter, war den frannur, nicht aufzufallen, sondern auch den Umgang mit zösischen Behörden schon länger als radikaler Islamist
Spezialtechnik. Dazu gehören hochauflösende Kameras bekannt. Monatelang hatte ihn der französische Gemit Nachtsichtfunktion, winzige Knopf-Mikrofone im heimdienst observiert. Im Juli 2014 wurde entschieden,
Ohr oder in der Armbanduhr. Immer häufiger werden die Überwachung einzustellen. Kouachi war nicht aufsogenannte IMSI-Catcher eingesetzt, Stückpreis bis zu fällig geworden. Eine fatale Fehleinschätzung. Auch in
200.000 Euro. Mit dieser Funkzelle werden Mobiltele- Deutschland wissen die angehenden Dschihadisten,
fone geortet und abgehört. „Wir installieren auch feste dass der Sicherheitsapparat überlastet ist. Sie wissen
Kameras in Autos oder in Wohnungen, etwa um Haus- auch, dass Polizei und Verfassungsschutz jeden Tag
eingänge zu filmen“, erzählt Burg. Dafür mietet die Po- Glück haben müssen. Und sie nur ein einziges Mal.
Mitarbeit: Michael Behrendt
lizei Wohnungen an. Oder die Technik wird im Fenster
REITERS; GETTY IMAGES (2); DPA (2);
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
ANZEIGE
.
s
i
E
.
t
s
o
r
Schnee. F
Na und?
logie
tro Techno
sender quat
ei
tro
w
at
eg
qu
w
e/
it
.d
m
r unter audi
er Audi Q5
at tro. Meh
ngungen. D
qu
di
n
Be
vo
t
te
el
ek
W
perf
men in der
ungen sind
ik. Willkom
Alle Beding
n und Dynam
io
is
äz
Pr
r
für meh
8,5–4,9;
km: kombiniert
auch in l/100
199–129.
Kraftstoffverbr
ert
ini
mb
ko
:
in g/km
CO2-Emissionen
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
6 Deutschland & die Welt
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Der Fall Dresden
Sie nehmen ihr gutes Recht wahr, sagen PegidaDemonstranten. Sie haben Angst, sagen Asylbewerber.
Jetzt ist ein junger Mann aus Eritrea ermordet worden.
Report aus einer gespaltenen Stadt – von Susanne Gaschke
A
Auf der Fensterbank sitzen zwei Stofftiere. Ein bis zur Unkenntlichkeit heruntergekuschelter Hund und eine absurde Maus mit einer Strickweste und
sehr ausgeprägten Hasenzähnen. Hat
Khaled Idris Bahraday, 20 Jahre alt, erstochen in der Nacht vom 12. auf den 13.
Januar 2015 in Dresden, sie gelegentlich
in die Hand genommen? Hat er aus
dem Fenster auf die trostlose Rückseite
des Einkaufszentrums gegenüber geschaut und darüber nachgedacht, wer sie in der Asylbewerberunterkunft im Stadtteil Leubnitz-Neuostra zurückgelassen haben könnte? Hat er sich gefragt, wie es
mit ihm selbst weitergeht? Welche Hoffnungen er auch
gehabt haben mag, jemand hat ihnen ein brutales Ende
gesetzt. Und so ist am vergangenen Donnerstag, als die
sächsische Gleichstellungs- und Integrationsministerin
Petra Köpping (SPD) Bahradays sieben Mitbewohner in
ihrer Plattenbauwohnung besucht, um Anteilnahme zu
zeigen und zu fragen, wie sie helfen könne, auch nicht
von Hoffnung die Rede, sondern von Angst. Das übersetzt ein ehrenamtlicher Dolmetscher der Stadt, mühsam, denn die meisten der jungen Flüchtlinge aus Eritrea sprechen lokale Dialekte, wenig Arabisch, kaum
Englisch. Die Ministerin verspricht zu prüfen, ob für ei-
ne andere Unterbringung gesorgt werden könne, auch wenn das eigentlich
nicht Sache des Landes, sondern der
Stadt Dresden sei. Die Polizei fahre
jetzt öfter Streife, sagt sie. Köpping
lädt zu einem weiteren Gespräch ein,
in dem es um Dolmetscher, Deutschkurse und ehrenamtliche Betätigungsmöglichkeiten gehen soll.
Dann legt die Ministerin einen Blumenstrauß an einer Stelle nieder, an
der verloren ein paar Kerzen flackern. Wer heute Flüchtlinge angreife, greife morgen vielleicht Menschen mit
Behinderungen an, sagt sie. Noch einmal die Blumen
hinlegen für die Kameras bitte, dann zieht der Tross von
Kameramännern und Reportern ab. „Schiebt es nicht
wieder Pegida in die Schuhe“, ruft ein kräftiger junger
Mann mit kurzen Haaren und Kapuzenpulli den Medienleuten hinterher. Davor freilich hüten sich alle. „Niemand will ein neues Sebnitz. Vor allem aber will niemand ein neues Mügeln“, sagt Robert Kusche, der Geschäftsführer der Opferberatung Dresden. Damit spielt
er auf den Fall des kleinen Joseph Abdulla an, dessen Ertrinken im Jahr 2000 zu Unrecht als rechtsextreme Gewalttat skandalisiert worden war. Und er verweist auf die
Hetzjagd auf indische Männer 2007 in Mügeln, die viel
ANZEIGE
TOKIO
599€
AB
UND VIELE WEITERE
WELTWEITE ZIELE
DUBAI
399€
AB
BANGKOK
559€
AB
MARTINIQUE
579€
AB
AIRFRANCE.DE
Preisbeispiele für einen Hin- und Rückflug ab Hamburg (inkl. Verpflegung, Gepäckmitnahme, Steuern, Gebühren und Ticket-Service-Entgelt zzgl. einer Gebühr bei Zahlung mit Kreditkarte). Preisabweichungen
möglich ab anderen Abflughäfen sowie bei Buchung im Reisebüro oder unter 069 2999 3772. Begrenztes Sitzplatzangebot, nicht umbuch- und stornierbar. Buchungszeitraum bis 04.02.2015, Reiseantritt ab
01.02. bis 30.06.2015 (Martinique bis 31.05., Bangkok ab 22.04. und Tokio ab 14.04. bis 14.07.2015). Weitere Bedingungen und Informationen auf www.airfrance.de. Stand 09.01.2015
zu lange nicht als rechtsextremer Exzess erkannt wurde.
Kusches Organisation betreut auch die jungen Männer
aus Bahradays Flüchtlings-Wohngemeinschaft.
Aber natürlich kommt man nicht umhin, als die aktuelle Tat vor der Kulisse einer Stadt wahrzunehmen,
die sich spaltet: in diejenigen, die Woche für Woche Pegida verstärken, und die, die im Namen einer anderen,
aus ihrer Sicht legitimieren Zivilgesellschaft dagegenhalten. Internationale Medien von der BBC über die
„Washington Post“ bis zum schwedischen Fernsehen
stehen bei den einschlägigen Auskunftspersonen
Schlange. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für
Genetik und Professoren der Technischen Universität
sorgen sich darum, ob ausländische Kollegen überhaupt
noch nach Dresden berufen werden wollen.
Robert Kusche, der mit seiner Kollegin Andrea Hübler den Opfern rechtsextremer Gewalt zu Seite steht,
beobachtet, „dass die Menschen, mit denen wir zu tun
haben, natürlich wahrnehmen, was hier Woche für Woche passiert. Und dass sie dann Angst haben, auf die
Straße zu gehen, schon gar nicht allein.“ Mitglieder anderer Organisationen wie Christian Demuth von „BürgerCourage“ und Eric Hattke vom Großbündnis „Dresden für Alle“ bestätigen solche Beobachtungen. Der Politologe Demuth sieht bei vielen Demonstranten fremdenfeindliche Tendenzen und eine Verachtung für die
parlamentarische Demokratie, aber er nennt auch
strukturelle Probleme der Stadtgesellschaft: eine untere Mittelschicht, die sich bedroht sehe; ein aus der DDR
ererbtes Obrigkeitsdenken, das in der politischen Klasse immer nur „die da oben“, die „Bonzen“ sehe. Schon
zu sozialistischen Zeiten habe man sich als „Mangelgesellschaft“ empfunden, und anderen – zum Beispiel
den vietnamesischen Vertragsarbeitern – unterstellt,
sie würden besser behandelt.
Etwa 200-mal beriet die Opferhilfe Dresden im vergangenen Jahr Menschen, denen Gewalt angetan worden war. Und dabei ging es in den meisten Fällen um
schwere Übergriffe, nicht um bloße Beleidigungen oder
Rempeleien. Für die Opfer sei es sehr wichtig, dass die
Justiz den besonderen rassistischen Hintergrund der
Angriffe zur Kenntnis nehme, sagt Robert Kusche.
ANTI-PEGIDA Die Technische Universität hat gemeinsam mit der Stadt und anderen Institutionen zu AntiPegida-Demonstrationen aufgerufen. Werner J. Patzelt,
Politikprofessor mit dem Schwerpunktthema „Politische Systeme und Systemvergleich“ an ebendieser Universität, hält die Gemengelage im Fall Pegida für komplexer. „Diese Demonstranten nehmen sich als Mitte
der Gesellschaft wahr“, sagt der Wissenschaftler. „Natürlich ist auch der rechte Rand dabei, aber das ist nicht
die Masse. Und diesen gefühlt mittigen Menschen sagt
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Deutschland & die Welt 7
DIE WOCHE
OLARIS/LAIF/HERMANN BREDEHORST
Israel: Strafgerichtshof ermittelt
wegen möglicher Kriegsverbrechen
Pegida-Demonstration in Dresden Gefährlicher Rechtspopulismus oder Sorgen, die man ernst nehmen muss?
nun eine geschlossene Phalanx der Anständigen: Ihr
seid Faschisten und Rassisten.“ Was die Pegida-Anhänger intuitiv fühlten, sei eine symbiotische Beziehung
zwischen Politik und Medien, die ihren Anliegen keinerlei Raum lasse. Patzelt erinnert an eine Formulierung des großen Politikwissenschaftlers Ernst Fraenkel,
der sagte, die Aufgabe der Repräsentanten in der Demokratie sei es, den empirisch vorfindbaren Volkswillen zu
veredeln. Dieser Volkswille, so Patzelt, sei vermutlich
recht normal verteilt. „Und linkes Gedankengut ist ja in
unserer Gesellschaft auch perfekt veredelt, alles, was
rot, grün, liberal oder merkelig ist, kann noch der geistloseste Linke in wunderbare Formulierungen fassen.“
Rechtes Denken und Sprechen hingegen werde nirgends veredelt: „Sorgen um die Folgen von Zuwanderung, Kritik an der politischen Klasse und an manchen
Trends in den Medien sind doch Sachen, über die man
vernünftig reden kann. Und muss!“
Waren es im Jahr 2012 noch 470 Asylsuchende, denen
die Stadt eine Unterkunft stellen musste, hat sich die
Zahl binnen zwei Jahren fast verdreifacht. Mittlerweile
leben rund 2000 Asylbewerber in der Stadt. Der
„Maßnahmenplan zur Schaffung zusätzlicher Unterbringungskapazitäten für besondere Bedarfsgruppen in den Jahren 2015/2016“ ist vielleicht
auch nicht in besonders veredelter Sprache abgefasst worden. Aber er schafft immerhin Transparenz. Auf unzähligen Ortsbeiratssitzungen haben
die städtischen Mitarbeiter Auskunft gegeben –
auch darüber, warum neben den für die Integration
günstigen dezentralen Wohnungen zwölf neue
Übergangswohnheime entstehen müssen. Diese
Veranstaltungen seien mitunter nicht vergnügungssteuerpflichtig, sagt Marco Fiedler aus dem Sozialdezernat der Stadt. „Wir sind ja als Kommune in unseren Reaktionen auf die Bürgerwünsche nicht frei:
Wir müssen die Flüchtlinge unterbringen.“ Jede
neue Flüchtlingsunterkunft ist ein neuer Kampf.
Anwohnerproteste hatten dazu beigetragen, die
Anmietung eines Hotels im Stadtteil Laubegast zu
verhindern. In Dresden sind fünf von zwölf geplanten Unterkünften hoch umstritten.
Am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den
Haag sind Vorermittlungen zu möglichen israelischen Kriegsverbrechen in den Palästinensergebieten angelaufen. Es handele sich noch nicht um ein
förmliches Ermittlungsverfahren, sagte Chefanklägerin Fatou Bensouda. Zunächst solle geklärt
werden, ob es dafür eine „vernünftige Grundlage“
gebe. Israel verurteilte den Schritt als „skandalös“.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte am 7. Januar
den Beitritt der Palästinensischen Autonomiebehörde zum IStGH bestätigt. Die Vorermittlungen beziehen sich auf den Gazakrieg, bei dem im Juli und
August nach UN-Schätzungen 2200 Palästinenser
und 73 Israelis getötet wurden.
„Knutschprotest“ gegen Homophobie
in einem Kaffeehaus in Wien
Nach dem Rauswurf eines lesbischen Paares aus
einem bekannten Wiener Kaffeehaus haben rund
2000 Menschen vor dem Gebäude gegen Homophobie demonstriert. An der Protestkundgebung „Küssen im Prückel“ nahmen auch sozialdemokratische,
liberale und grüne Politiker teil. Zwei Frauen waren
knapp zwei Wochen zuvor aus dem (schönen) Café
Prückel geworfen worden, weil sie sich dort geküsst
hatten. Die Geschäftsführerin soll sie außerdem mit
homophoben Aussagen beleidigt haben. Sie erklärte
inzwischen ihre Reaktion sei „überzogen“ gewesen.
Hacker kapern Twitter-Accounts von
zwei US-Medien
Hacker haben den Twitter-Account der US-Zeitung
„New York Post“ ins Visier genommen. Der Angriff
habe nicht lange gedauert, teilte das Blatt mit. Die
betroffenen Tweets seien gelöscht. Ähnlich erging es
der Agentur United Press International. Binnen zehn
Minuten wurden auf ihrem Twitter-Konto sechs
falsche Schlagzeilen veröffentlicht. Eine lautete, der
US-Flugzeugträger „USS George Washington“ sei
angegriffen worden. In einem anderen Tweet hieß es:
„Papst: Der Dritte Weltkrieg hat begonnen“.
JETZT
*Sie erhalten bis zu 44
ANZEIGE
BIS
-44%
*
DEUTSCHLANDS NR. 1 FÜR ITALIENISCHE DESIGNERMÖBEL
München • Stuttgart • Wiesbaden • Frankfurt • Köln • Düsseldorf • Berlin • Hamburg
FRANKFURT Adam-Opel-Straße 16 –18
NEUE
STORES WIESBADEN Mainzer Straße 112
WHO’S PERFECT – La Nuova Casa Möbelhandels GmbH & Co. KG · München, Landsberger Straße 350 · 0 89 / 5 89 89 -114 · Mo – Sa 10.00 – 20.00 Uhr, So 13.00 – 17.00 Uhr Probewohnen (So: keine Beratung, kein Verkauf) · www.whos-perfect.de · Filialen in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Wiesbaden, Stuttgart und München
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
8 Deutschland & die Welt
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
DPA PICTURE-ALLIANCE/FACUNDO ARRIZABALAGA; GETTY IMAGES
Die
furchtlose
Witwe
Vor acht Jahren starb der
Ex-KGB-Agent Alexander
Litwinenko. Seine Frau setzte durch,
dass nun ein Gericht den Mord
aufklären soll – von Stefanie Bolzen
Späte Gerechtigkeit Marina Litwinenko vor den Royal Courts of Justice in London. Die britische Regierung
hatte über Jahre die Untersuchungen verhindert. Sie wollte die Beziehungen zu Moskau nicht gefährden
ANZEIGE
VOLVO MACHT GLÜCKLICH.
Mit dem Volvo XC60 – Gesamtsieger
im ADAC Kundenbarometer 2014.*
CITY-SAFETY-TECHNOLOGIE
MULTIFUNKTIONSLEDERLENKRAD
GESCHWINDIGKEITSREGELANLAGE
KLIMAAUTOMATIK
17"-LEICHTMETALLFELGEN
JETZT FÜR 389,– € / MONAT**
BEI 0,– € ANZAHLUNG.
MEHR UNTER VOLVOCARS.DE
Kraftstoffverbrauch 6,4 l/100 km (innerorts), 4,6 l/100 km (außerorts), 5,3 l/100 km (kombiniert), CO2-Emissionen (kombiniert) von 139 g/km (gem. vorgeschriebenem Messverfahren).
*Die Marke Volvo erzielte im urheberrechtlich geschützten „ADAC Kundenbarometer 2014“ Platz 1 in der Markenwertung und mit dem Volvo XC60 das beste Ergebnis unter den SUVs. Quelle: ADAC Motorwelt, 10/2014. **Privat-Leasing-Angebot der Volvo Car Financial
Services, ein Service der Santander Consumer Leasing GmbH, Santander-Platz 1, 41061 Mönchengladbach – für den Volvo XC60 D3 Kinetic, 100 kW (136 PS). 30.596,91 Euro Nettodarlehensbetrag, 10.000 km Gesamtfahrleistung pro Jahr, 48 Monate
Vertragslaufzeit, 0,00 Euro Leasing-Sonderzahlung, 4,18 % effektiver Jahreszins, 18.672,00 Euro Gesamtbetrag, 4,10 % gebundener Sollzinssatz p. a. zzgl. Zulassungskosten und Überführungskosten. Repräsentatives Beispiel: Vorstehende Angaben
stellen zugleich das 2/3-Beispiel gem. § 6 a Abs. 3 PAngV dar. Bonität vorausgesetzt. Gültig bis 31.03.2015. Abb. zeigt Sonderausstattung.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Deutschland & die Welt 9
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
E
s war der Abend des 22. November 2006.
Marina Litwinenko hatte seit dem Morgen
an Alexanders Bett gesessen. Sechs Tage
schon lag ihr Mann auf der Intensivstation
des University College Hospital, nachdem
er, so vermuteten die Ärzte, mit Thallium vergiftet worden war. Alexander Litwinenko driftete zwischen Schlaf
und Bewusstsein hin und her, die Krankenschwestern
hatten ihm starke Schmerzmittel gegeben. Marina war
erschöpft. „Ich gehe jetzt nach Hause, mein Liebling.
Ich bin morgen früh wieder zurück.“ Alexander wachte
kurz auf und blickte sie an. „Marina, ich liebe dich so
sehr.“ Es waren die letzten Worte, die er an seine Frau
richten sollte. In der Nacht erlitt er einen Herzstillstand. Alexander Litwinenko wurde 44 Jahre alt. Erst
Stunden vor seinem Tod hatten britische Nuklearexperten herausgefunden, was sich 22 Tage lang durch
seinen Körper gefressen hatte: radioaktives Polonium-210. Der ehemalige KGB-Mann, der vor Wladimir
Putin flüchten musste, hatte eine unsichtbare MiniAtombombe geschluckt, vermutlich in einer Tasse grünen Tees, die er am 1. November 2006 bei einem Treffen
mit zwei ehemaligen russischen Kollegen getrunken
hatte. Das Foto des Sterbenden ging um die Welt.
Acht Jahre ist das her, aber Marina Litwinenko steigen immer noch Tränen in die Augen, wenn sie von jenen Novembertagen spricht. Für die zierliche Frau mit
den hohen Wangenknochen geht ein kraftzehrender
Lauf auf die Zielgerade. „Ich habe getan, was ich tun
musste. Ich habe nicht aufgehört, selbst wenn die Leute
um mich herum sagten: ,Marina, es ist genug, du musst
dir keine Vorwürfe machen.‘“ Sie weiß nicht, ob der
kommende 27. Januar die Tränen trocknen kann.
An diesem Tag beginnt an den Royal Courts of Justice in London die öffentliche Untersuchung im Fall Alexander Litwinenko. Es ist kein Prozess, denn die Mordverdächtigen sitzen in Moskau. Trotzdem sollen nun
endlich fast alle relevanten Akten im Mordfall Litwinenko offengelegt werden. Ohne die Beharrlichkeit der
Witwe wäre es dazu nie gekommen. Marina hat sich weder von außenpolitischen Bedenken des britischen Premiers noch von Lügenkampagnen in ihrer Heimat einschüchtern lassen. „Ich habe immer daran geglaubt,
dass ich in einer Gesellschaft lebe, die mir nicht das
Recht verweigern wird herauszufinden, wer meinen
Mann umgebracht hat.“
„Möge Gott
Ihnen vergeben,
Herr Putin“
ALEXANDER LITWINENKO. Der Ex-Agent
wurde mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet
Wer das war, steht für Robert Owen seit Langem fest.
Der Richter am Obersten Gericht leitet die Untersuchung. Owen kam 2013 zu dem Schluss, die Ermittlungen würden „ausreichend belegen, dass die Schuld beim
russischen Staat liegt“. Schon wenige Monate nach Litwinenkos Tod hatte die britische Justiz einen Auslieferungsantrag gestellt: Andrej Lugovoi und Dmitri
Kowtun, die beiden Männer, mit denen der Ex-KGBMann den tödlichen Tee trank, hatten eine eindeutige
Polonium-Spur quer durch Europa hinterlassen. Sie
sollten deshalb in England wegen Mordes vor Gericht.
Doch Wladimir Putin verweigert die Auslieferung bis
heute. Und Owens Antrag, zumindest eine Untersuchung abzuhalten, stellte sich die britische Regierung
entgegen. Freimütig gab Innenministerin Theresa May
zu, „dass internationale Beziehungen ein Faktor in der
Entscheidungsfindung gewesen sind“.
DURCHBRUCH DANK UKRAINE-KRISE Marinas Anwälte legten gegen diese Entscheidung Berufung ein.
„Meine Anwälte machten mir klar, dass ich alle Kosten
tragen muss, wenn wir verlieren.“ Umgerechnet mehr
als 60.000 Euro, Marina hatte keine Ahnung, woher sie
so viel Geld nehmen sollte. „Ich habe es trotzdem gemacht.“ Der Oberste Gerichtshof gab der Witwe
schließlich recht: „Die Argumente der Regierung entbehren einer überzeugenden Grundlage, um eine Untersuchung zu verwehren.“ Marina appellierte an Theresa May, das Verfahren in Gang zu setzen. „Als Frau
wende ich mich an Sie, eine Frau. Wie würden Sie sich
in meiner Lage fühlen?“ Monate verstrichen, May rührte sich nicht. Dann begann Putins Krieg in der Ukraine,
es folgte die Annexion der Krim, der Abschuss der
MH17. Die Außenminister der Europäischen Union verhängten Sanktionen gegen Russland, die Nato kündigte
die Kooperation mit Moskau auf. Am 22. Juli 2014 ließ
May mitteilen, dass die Regierung einer Untersuchung
zugestimmt hatte: „Ich hoffe sehr, dass dies mehr als
sieben Jahre nach dem Tod von Alexander Litwinenko
für seine Frau ein Trost sein kann.“
Spätestens Ostern soll die Untersuchung durch Richter Owen abgeschlossen sein. Hat Marina Angst, etwas
zu erfahren, das sie nicht wusste? Dass ihr Mann nach
der Flucht der Familie aus Russland im Jahr 2000 doch
mehr getan hatte, als den britischen Geheimdienst mit
Informationen über kriminelle Machenschaften des
Kreml zu versorgen und über Korruption in Russland
zu schreiben? „Es kann sein, dass es etwas gibt, das ich
nicht weiß. Aber eines weiß ich: dass Sascha nichts
Schlechtes getan hat.“ Ihr Mann, das wird im Gespräch
klar, ist für die Witwe ein Held, der ihre Heimat Russland auf den rechten Weg bringen wollte, indem er öffentlich seinen Arbeitgeber, den KGB-Nachfolger FSB,
krimineller Machenschaften beschuldigte – und damit
den damaligen FSB-Chef Wladimir Putin.
Auf dem Totenbett schrieb Alexander Litwinenko einen Abschiedsbrief, der keinen Zweifel an der Täterschaft lassen sollte: „Sie werden es vielleicht schaffen,
einen Mann zum Schweigen zu bringen. Aber der Protest aus aller Welt, Herr Putin, wird für den Rest des Lebens in Ihren Ohren nachhallen. Möge Gott Ihnen vergeben, was Sie getan haben, nicht nur mir angetan haben, sondern dem geliebten Russland und seinem
Volk.“ Ob die Untersuchung in London diesen Vorwurf
belegen kann? So weit wagt Marina nicht zu denken.
Aber sie hofft: „Man kann kein Haus ohne Fundament
bauen. Was die britischen Richter entscheiden, wird für
Russland ein Fundament sein, um darauf ein neues
Haus zu bauen.“
ANZEIGE
Von: Isabel Jung
An: E.ON
Betreff: Neue Netze
Grüne Energie will jeder.
Aber wie kommt sie günstig
zu mir ins Haus?
Hallo Frau Jung, eine unserer Lösungen:
intelligente Trafos.
Unser Strom wird immer grüner. Aber Sonnen- und Windenergie mit ihrer stark
schwankenden Erzeugung stellen die Stromnetze vor immer größere Herausforderungen.
Intelligente Trafos regeln das und sorgen dafür, dass unsere regionalen Netze mehr
Energie aufnehmen können. Das spart den Bau neuer Leitungen. Damit sichere und
saubere Energie bezahlbar bleibt.
eon.de/energiezukunft
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Wald
und
Gewalt
PICTURE ALLIANCE/BLICKWINKEL/A. LAULE
10 Deutschland & die Welt
Militante Tierschützer gegen Jäger, Mountainbiker gegen Förster: Es tobt
der Kampf um den deutschen Wald – von Claudia Ehrenstein
D
ie Sorge um den deutschen
Wald schien fast vergessen.
Die Bäume strotzen vor
Kraft, sie wachsen wie nie.
Jahr für Jahr nehmen die
Holzvorräte zu. Philipp zu Guttenberg,
der Präsident des Bundesverbands der
Waldeigentümer, ist überzeugt: „In der
modernen Zeit ging es dem Wald noch
nie so gut.“ Der saure Regen hat den Wald
nicht umgebracht, das flächendeckende
Waldsterben ist zum Glück eine düstere
Prophezeiung geblieben.
Doch kaum gilt der Patient als kerngesund und voll belastbar, wachsen die Ansprüche von allen Seiten. Die einen wollen sich im Wald erholen, die anderen ihrem Hobby frönen. Für Naturschützer ist
der Wald ein Biotop, für Waldbesitzer vor
allem eine Produktionsstätte. Zoff im
Wald ist programmiert. Da prallen Interessen aufeinander.
Welche Baumarten dürfen im deutschen Wald wachsen? Wie viele Nadelbäume sollen erlaubt sein? Und überhaupt: Wie viel Natur verträgt der Wald?
Je weiter entfernt vom Wald die Menschen leben, desto leidenschaftlicher
wird diese Debatte geführt. Zu Guttenberg sieht das Hauptproblem in dem
schwindenden Verständnis dafür, dass
der Wald jemandem gehört und Menschen davon leben: „Der Respekt vor dem
Eigentum hat abgenommen.“
Da sind zum Beispiel die Mountainbiker; Querfeldeinfahrten machen den
Reiz dieser Sportart aus. Führt die Strecke über sogenannte Jungwuchsflächen,
können dabei erhebliche Schäden an den
nachwachsenden Bäumen entstehen. Die
hessische Landesregierung wollte das
Mountainbiken im Wald daher auf Wege
von mindestens zwei Metern Breite beschränken – und löste damit einen wahren Shitstorm aus. Mehr als 45.000 Unterstützer unterzeichneten im Internet
eine Petition „Open Trails Hessen“ und
verhinderten das Vorhaben.
Oder die Geocacher: Bei dieser modernen Schnitzeljagd machen sich die Spieler
auf die Suche nach einem versteckten Behälter, dem Cache. Ihre Hilfsmittel sind
GPS-Empfänger und Landkarten. Die
elektronische Schatzsuche ist umso interessanter, je entfernter vom Weg das Gelände liegt. Besondere Herausforderung
ist ein Cache in der Nacht. Das bringt Unruhe in den Wald und stört die Wildtiere.
Grundsätzlich darf jeder den Wald zum
Zwecke der Erholung betreten. So steht
es im Bundeswaldgesetz. Radfahren und
Reiten ist auf befestigten Wegen gestattet, Fußgänger haben wie auch im Straßenverkehr Vorrang. „Jeder ist im Wald
jederzeit willkommen“, versichert zu
Guttenberg. Schließlich ist der Wald der
Sehnsuchtsort der Deutschen. Gedichte,
Lieder und Märchen handeln vom Wald.
BAUMARTEN IM
DEUTSCHEN WALD
Angaben in Prozent
Fichte
Sonstige
Douglasie 2
Tanne
2
Ahorn, Esche,
Linde (langlebige Laubb.)
25
8
22
%
15
6 10 10
Eiche Kiefer
Buche
Birke, Pappel,
Erle(kurzlebige Laubb.)
QUELLE: BUNDESWALDINVENTUR 2014
Der Schriftsteller Elias Canetti hat es einmal so beschreiben: Der Wald erfülle das
Herz der Deutschen mit „tiefer und geheimnisvoller Freude“.
MENSCHENGEMACHTES
BIOTOP
Der Wald gilt hierzulande als Inbegriff
der Natur. Doch seit der Mensch die ersten Getreidefelder anlegte, prägte er den
Wald. Er ließ Schweine, Rinder und Ziegen im Wald weiden, schnitt belaubte Äste als Winterfutter für sein Vieh. Mit dem
Aufblühen der Städte begann der eigentliche Raubbau. Stetig wuchs der Bedarf an
Bau- und Brennholz. Zur Erzverhüttung
und Glasherstellung wurden große Mengen Holzkohle benötigt. Erst mit der Verfügbarkeit der Steinkohle ließ der Druck
auf die Wälder nach.
Heute ist ein Drittel Deutschlands von
Wald bedeckt, wachsen auf einer Fläche
von 11,4 Millionen Hektar mehr als 90 Milliarden Bäume. Das hat die aktuelle Bundeswaldinventur ergeben. Nach dem
Zweiten Weltkrieg waren zunächst große
Monokulturen mit Fichten und Kiefern
entstanden. Inzwischen haben sich Naturschützer mit ihren Forderungen nach
mehr Vielfalt im Wald durchgesetzt. Vor
allem in den Staatsforsten werden wieder
mehr Laubbäume gepflanzt, ganze Areale
bleiben sich selbst überlassen, damit der
Wald sich natürlich entwickeln kann.
Die rund zwei Millionen privaten
Waldbesitzer aber – die immerhin knapp
die Hälfte des deutschen Waldes bewirtschaften – befürchten durch solche ökologischen Maßnahmen erhebliche wirtschaftliche Einbußen. Sie verdienen vor
allem Geld mit dem Verkauf von Nadelhölzern und wollen sich weder von Politikern noch von Naturschützern vorschrei-
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
ben lassen, welche Baumarten sie im
Wald zu pflanzen haben. Michael Prinz zu
Salm-Salm, Waldbesitzer in RheinlandPfalz, sagt: „Die Bedrängnis durch den
Naturschutz nimmt aber zu.“
So soll etwa die Douglasie aus dem
deutschen Wald verschwinden. Dabei ist
der Nadelbaum sturmstabil, kommt mit
wenig Wasser aus und liefert gutes Holz.
Vor der letzten Eiszeit war er auch in Mitteleuropa verbreitet. Aber da der Baum
vor etwa 125 Jahren aus Nordamerika
reimportiert wurde, soll er nun als
„Fremdländer“ weichen. Prinz Salm
nennt das „rassistisch“. Die Buche soll eine größere Rolle spielen, weil sie von Natur aus die deutschen Wälder präge. Doch
Buchenholz ist fester und spröder als Nadelholz. Sägewerke sind auf die Verarbeitung nicht eingestellt. Neue Technologien
sind nötig. Noch gibt es für Buchenholz
gar keinen Markt. Der Freiburger Forstexperte Professor Gero Becker meint: „Die
Umstellung wird so fundamental wie die
Umstellung auf Elektroautos.“
Der Zoff im Wald gipfelt in den Anschlägen militanter Jagdgegner. Sie zerstören Hochsitze – was sie selbstherrlich
„Tieflegungen“ nennen. Oder schlimmer
noch: Sie sägen tragende Teile und Leitersprossen an und nehmen billigend in
Kauf, dass Menschen zu Schaden kommen. In Brandenburg überlebte ein Jäger
den Einsturz eines Hochsitzes nur knapp.
Ein Holzsplitter hatte sich in seinen
Schädel gebohrt. Er lag mehrere Tage auf
der Intensivstation und war monatelang
arbeitsunfähig. „Ich hatte einen Schutzengel“, sagt der Mann, der seinen Namen
nicht nennen möchte. Was ihn ärgert ist,
dass der Täter, der „Dreckskerl“, noch frei
herumläuft und nicht bestraft wurde.
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
DER SEAT LEON.
Fortschritt leben. Jetzt mit 2.000 € Willkommensprämie.¹
TECHNOLOGY TO ENJOY
SCHON AB 159 € IM MONAT BEI NULL ANZAHLUNG UND 0,99 % ZINSEN.²
Entdecken Sie den SEAT Leon und freuen Sie sich auf mehr Fahrkomfort bei weniger Tankstopps. Dank innovativer Technologien wie aktiver Zylinderabschaltung³, Spurhalteassistent4, Müdigkeitserkennung5 und Voll-LED-Scheinwerfern4. Wechseln Sie jetzt und sichern Sie sich die Willkommensprämie.¹
Mehr bei Ihrem SEAT Partner und auf seat.de
SEAT empfiehlt
AUCH ÜBER:
SEAT.DE
SEAT Leon 5-Türer 1.2 TSI, 63 kW (86 PS) Kraftstoffverbrauch: innerorts 6,5, außerorts 4,4, kombiniert 5,2 l/100 km; CO ² -Emissionen: kombiniert 119 g/km.
SEAT Leon Kraftstoffverbrauch: kombiniert 6,7–3,3 l/100 km; CNG (Erdgas): kombiniert 3,5 kg/100 km (5,3 m³/100 km); CO² -Emissionen: kombiniert
157–87 g/km; CO² -Effizienzklassen D–A+.
Beispielrechnung² für den SEAT Leon 5-Türer 1.2 TSI, 63 kW (86 PS), berechnet für eine jährliche Fahrleistung von 10.000 km: Barzahlungspreis (unverbindliche Preisempfehlung der SEAT Deutschland GmbH, zzgl.
Überführungs- und Zulassungskosten): 15.490,00 €; Nettokreditbetrag: 15.490,00 €; Anzahlung: 0,00 €; Zinsen: 547,24 €; Gesamtbetrag: 16.037,24 €; Laufzeit: 60 Monate; Sollzins (gebunden) p. a.: 0,99 %;
effektiver Jahreszins: 0,99 %; mtl. Finanzierungsrate: 159,00 €; Schlussrate: 6.497,24 €.
¹Bei Kauf oder Finanzierung eines SEAT Leon wird eine Willkommensprämie von 2.000 € gewährt. Nur bei teilnehmenden SEAT Partnern. Gültig für Privatkundenverträge. ² Ein Finanzierungsangebot der SEAT Bank,
Zweigniederlassung der Volkswagen Bank GmbH, Gifhorner Straße 57, 38112 Braunschweig, für Privatkunden und Finanzierungsverträge mit 12–60 Monaten Laufzeit. Bonität vorausgesetzt. Weitere Informationen
erhalten Sie bei Ihrem teilnehmenden SEAT Partner. Nicht kombinierbar mit anderen Sonderaktionen. Eine gemeinsame Aktion der SEAT Deutschland GmbH und aller teilnehmenden SEAT Partner. ³ Nur für eine Motorisierung und dabei für bestimmte Ausstattungsvarianten des SEAT Leon verfügbar. 4 Optional ab Ausstattungslinie Style. 5 Optional ab Ausstattungslinie Reference. Abbildung zeigt Sonderausstattung.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
GETTY IMAGES; GRAFIK: WELT AM SONNTAG
12 Deutschland & die Welt
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Deutschland & die Welt 13
k
star
er
L
43 %
= k.A
.
52 %
%
:5
h re
00
36
Le
r, fe
hl
e
ende Wer t
sehr
st
30 %
UPTSCHULE
HA stark wenig N
se
hr
e
35 %
tark
rs
61 %
nig
k
star
er
ark
sehr
st
SE
NDARSCHULE
KU
we
N
44 %
50 %
NASIEN
GYM
sehr
st
ark
50 %
wen
ig
k
star
er
ZU VIEL DES GUTEN Der Gymnasialdirektor und Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus
hat den Begriff „Helikopter-Eltern“ geprägt und meint
damit ein Zuviel an Elterntum und Erwartung: zu viel
Verwöhnung, zu viel Frühförderung, zu viel Einmischung in Hausaufgaben und Unterrichtsgestaltung.
Der vor wenigen Wochen in die Öffentlichkeit gelangte Elternbrief des Stuttgarter Grundschulleiters
Ralf Hermann beschrieb ähnliche Übergriffigkeiten von
k
star
er
M
Architektentages geführt habe,
vielleicht ein Anlass sein könne,
um darüber nachzudenken, wie
Eltern und Schule gemeinsam als
sinnvoll erachtete Ziele für die
Kinder erreichen könnten.
Beide Situationen zeigen, wie
sehr sich das Verhältnis der Eltern
zur Schule in den vergangenen
Jahrzehnten verändert hat. Dass
die alte, autoritäre, intransparente und abweisende
Lehr-Anstalt der Vergangenheit angehört, kann man
nur begrüßen. Aber jetzt scheint das Pendel weit in die
andere Richtung auszuschlagen: Der kraftvolle Vaterauftritt am Grauen Kloster steht beispielhaft für eine
neue Elternhaltung, die von Lehrerseite zunehmend als
problematisch wahrgenommen wird. Viele Eltern sehen
sich inzwischen als Kunden und die Schule als Dienstleister, der gefälligst zu liefern hat, Anforderung: ein
perfektes Kind-Produkt.
1
ig
63 %
– von Susanne Gaschke
Mai 1952. Der Junge, einziges Kind
ostpreußischer Flüchtlinge, kommt
mit einer Typhuserkrankung ins
Krankenhaus. Die Behandlung dauert Wochen. Der 13-Jährige versäumt
viel Schulstoff. Natürlich nimmt er
in der Zeit nicht am Sportunterricht
teil. Am Ende des Schuljahres steht
auf seinem Zeugnis die Sportnote 5.
Vielleicht ein Versehen, vielleicht eine haarsträubende Ungerechtigkeit. Die Eltern wagen
nicht zu protestieren. Ihnen ist diese ganze Institution
Gymnasium unheimlich.
Juni 2014. Der gut gekleidete Herr in den Vierzigern
steht im Sekretariat des altsprachlichen Gymnasiums
und beklagt sich lauthals: Ein Unding sei es, sagt er,
dass er seine Tätigkeit als Architekt, die im Übrigen mit
200 Euro pro Stunde honoriert werde, habe unterbrechen müssen, um das konfiszierte Handy seiner Tochter abzuholen. Ein Unding!
Bei Brigitte Thies-Böttcher, der Leiterin des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in BerlinSchmargendorf, ist er da allerdings an der falschen
Adresse. Ruhig und höflich, aber unnachgiebig erklärt
ihm die elegante Pädagogin, dass es an dieser Schule
wohlerwogene Regeln für die Handynutzung gebe – und
vor allem für die Nichtnutzung während der Unterrichtszeit. Dass diese Regeln allen Schülern, auch seiner
Tochter, gut bekannt seien. Und dass das Gespräch,
welches zu der bedauerlichen Unterbrechung seines
an
SCHUL
EN
UND
R
G k
wen
ar
Übereifrige Eltern mischen sich
in den Schulalltag ein, sie erledigen
die Hausaufgaben ihrer Kinder.
Das überfordert nicht nur die Kinder.
Auch für die Lehrer wird es anstrengend
T
ig
ar
B a si s
Mein Kind.
Mein Ehrgeiz.
Meine Mathe-Note
INSGESA
RER
M
H
E k
wen
sehr
st
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
45 %
» Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite »
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
14 Deutschland & die Welt
» Fortsetzung »
Elternseite und löste eine (Hermann weitgehend zustimmende) Diskussion aus. Und „Frau Müller muss
weg“, der neue Film des Regisseurs Sönke Wortmann,
karikiert Grundschuleltern, die mit allen Mitteln um
die Gymnasialempfehlung für ihr Kind kämpfen.
Buchautor Kraus schätzt, dass man es wohl mit zehn
bis 15 Prozent überambitionierten Eltern zu tun habe
und noch einmal mit etwa ebenso vielen, die ihre Kinder vernachlässigten. Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2011 stellt fest, dass
rund 60 Prozent der Lehrer an allgemeinbildenden
Schulen in Deutschland das Gefühl haben, die Eltern
versuchten immer mehr Einfluss auf sie zu nehmen.
„DAS MACHT IMMER MAMA“ Am meisten Sorgen
machen sich Pädagogen um deren Selbstständigkeit
und Frustrationstoleranz. Auch in Elternbriefen von
Brigitte Thies-Böttcher finden sich Passagen wie die
folgende: „Die Quintaner haben ihre erste Klassenfahrt
hinter sich gebracht, die begleitenden Kollegen mussten heimwehkranke Kinder trösten und auch selbstständiges Verhalten einüben, für beide Seiten nicht so
einfach. Sie, liebe Eltern, können uns dabei unterstützen, indem Sie Ihren Kindern dabei helfen, auch zu
Hause selbstständiger zu werden (...). Der Satz eines
Quintaners, der von seiner Klassenlehrerin aufgefordert wird, seinen Teller abzuräumen, ,Das macht zu
Hause immer meine Mama‘, sollte die Ausnahme sein.“
In anderen Briefen bittet die Schulleiterin darum, die
Kinder nicht immer mit dem Auto direkt vors Schultor
„Mein Kind
soll vorankommen,
andere sollen
dabei nicht
stören“
CHRISTINE FRANK, Rektorin, über eine
verbreitete Einstellung unter Eltern
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
zu bringen und dort ein gefährliches Verkehrschaos
auszulösen. Auch Vandalismus in der Schulmensa oder
Internetmobbing spricht Thies-Böttcher an; alles Themen, bei denen es darum geht, welche Werte und Prinzipien Kinder zu Hause vermittelt bekommen.
Den Trend zur Überbehütung und Untererziehung
bei gleichzeitiger „sehr starker Orientierung an der
Schulkarriere des Kindes“ (sprich der Bereitschaft, ausgiebig und zur Not auch juristisch um Noten zu streiten) sieht die Pädagogin also durchaus: „Dem muss
man als Kollegium und als Schulleitung auch mit Festigkeit begegnen.“ Doch die Direktorin ist weit davon
entfernt, Eltern pauschal zu kritisieren. Zum einen
sieht sie die vielen Gründe, die das Großziehen von
Kindern heute tatsächlich schwer machen: die Abstiegsängste der Mittelschicht; die Flexibilitätserwartungen im Beruf; das höhere Alter der Eltern; die fehlenden Geschwisterkinder; die viel größeren Ansprüche, die Eltern an sich selbst stellen, wenn es um partnerschaftliche Erziehung geht; das ideologisch umkämpfte Familienbild und der nicht wirklich zu Ende
ausgetragene Streit um die Berufstätigkeit der Frauen;
die vielen Trennungen; der Druck durch verkürzte
Schulzeit und der harte Numerus clausus.
Zum anderen, und das ist der Direktorin wichtiger,
empfindet sie die engagierte Elternschaft ihrer Schule
„erstens bis zehntens“ als Segen: Elterliches Interesse
sei die Grundlage für ein Leben als Schulgemeinde, wie
es die evangelische Schule unbedingt pflegen will. Andere Einrichtungen haben ohnehin weniger HelikopterPotenzial in ihrer Elternschaft. „Es gibt sie, und manche
Mütter nehmen ihren Kindern zu viel ab“, sagt Ruth
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Deutschland & die Welt 15
ELTERNTYPOLOGIE
GETTY IMAGES (3); GRAFIK: WELT AM SONNTAG
Total-egal-Eltern
Haben Kinder, weil so
etwas eben vorkommt.
Schaffen es nicht, Frühstück zuzubereiten, dem
Kind passende Kleidung anzuziehen,
jemals etwas vorzulesen oder eine
Elternversammlung zu besuchen. Kinderzahl: beliebig.
Winkler, 60, Lehrerin an der reformpädagogischen
Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule in Berlin-Moabit:
„Aber unsere viel größere Herausforderung sind die Eltern, die einfach gar nichts machen.“
KEIN INTERESSE Mit Eltern-Schüler-Gesprächen, mit
individuellen Wochenplänen versucht sie, auch diese
Total-egal-Eltern zu erreichen. Immer verteile sie zu
Schuljahresbeginn ihre private Telefonnummer mit der
Aufforderung, sie bei Problemen anzurufen. „Kollegen
fragen mich oft, ob ich dann nicht völlig überrannt werde. Aber nein. Unsere Eltern melden sich höchstens,
wenn wirklich die Luft brennt.“
Über andere Erfahrungen berichtet ihre künftige
Rektorin Christine Frank, die bisher die Carl-KraemerGrundschule in Berlin-Wedding geleitet hat: „Es gibt
durchaus auch ‚bildungsferne‘ Eltern, die viel Zeit haben und aus Unsicherheit auf ihren Kindern draufsitzen.“ In allen Schichten sei nach ihrer Wahrnehmung
das schulische Engagement inzwischen so individualisiert wie die Gesellschaft: „Mein Kind soll vorankommen, andere sollen dabei nicht stören.“ Und auch die
Dienstleistungsmentalität breite sich aus: „Irgendwie
soll die Schule alles in das Kind hineinkriegen.“
Stephan Bornhalm (Name geändert), 34, Lehrer an
einer Gemeinschaftsschule für Fünft- bis Zehntklässler
in Schleswig-Holstein, stimmt in puncto Engagement
mit seiner Berliner Kollegin Winkler überein: „Wenn
ich wirklich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera
habe, nehme ich eindeutig die Cholera“, sagt er. Soll
heißen: Übereifrige Eltern sind ihm am Ende lieber als
gleichgültige. An seiner Schule gibt es beide Typen, eine
Kümmerer/Helikopter-Eltern
Führen eine traditionelle AlleinverdienerEhe (er verdient das Geld, sie kümmert
sich um die Kinder). Die überschüssige
Energie der studierten Ehefrau geht in
die Kinderbetreuung. Das äußert sich
im günstigen Fall als tolle Unterstützung für Schulveranstaltungen und
Sportvereinsleben, im ungünstigen Fall
als stete Intervention zugunsten des/
der eigenen Kindes(r). Im schlimmsten
Fall ist er Anwalt und droht, die Schule
zu verklagen. Kinderzahl: eins plus x.
„Wird schon irgendwie“-Eltern
Beide arbeiten irgendwie,
sind selbst irgendwie groß
geworden und der Überzeugung, dass ihre Kinder das auch irgendwie schaffen. Viele Freiräume für das
Kind/die Kinder, aber achtsame Rahmensetzung. In Mathe bezahlen sie Nachhilfe,
weil sie das selbst nicht können. Auch
wenn sie geschieden sind, kooperieren sie
zum Wohle des Nachwuchses. Kinderzahl:
eins plus x.
Effizienz-Eltern
Beide arbeiten hocherfolgreich und haben
keine Zeit. Beide wollen,
dass ihr Kind auch hocherfolgreich wird. Beide halten sich für
Kunden und die Schule für einen Dienstleister, der diesen Erfolg gefälligst zu
gewährleisten hat. Beide verleihen diesem
Gefühl Ausdruck. Kinderzahl: eins.
Konflikt-Eltern
Sie leben getrennt und
tragen ihren Beziehungskonflikt über das
Kind/die Kinder aus. Kinderzahl: beliebig
Entwicklung, die mit der Ausbreitung integrativer
Schulformen zunimmt.
Bornhalm ist ein Bilderbuchlehrer, kabarettistisch
begabt, charismatisch, er scheut nicht das offene Wort:
„Wenn eine Kollegin im Lehrerzimmer steht und sagt:
Meine Klasse kann gaaaar nix! Dann sage ich: Ja, Martina, dann bring ihnen doch was beiiii!“ „Seine“ Helikopter-Eltern beschreibt er als Wesen in einer Art „Lernsymbiose“ mit ihren Kindern. Jeder Vokabeltest könne
zur Staatsaktion werden: „Nicht selten wird dann um
20.30 Uhr angerufen, weil wir nicht wissen, was wir lernen sollen. Wir sind auch oft traurig, weil wir nur eine
Zwei in Mathe haben. “ Gut für die Kinder sei es nicht,
wenn die Mütter die Arbeit für sie erledigten. Immerhin
könne man bei den Gutwilligen Impulse setzen: die Anregung, dem Kind nicht die Hausaufgabe zu machen,
sondern nur dafür zu sorgen, dass es während der
Hausaufgaben nicht am Handy spiele. Dass es selbst
überprüfe, ob die Tasche für den nächsten Tag gepackt
sei. Also das selbstständige Arbeiten zu ermöglichen.
Im Grunde geht es nie darum, die Energie der gutwilligen Eltern abzuwehren. Es geht darum, sie auf die
richtigen Aktivitäten zu lenken. Und darum, jene Eltern
zu identifizieren – und mit diesen auch die Auseinandersetzung zu suchen –, die sich hinter dem Kindeswohl verstecken, eigentlich aber alle Mühen der Erziehung an den Dienstleister Schule delegieren wollen.
„Wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt
von ‚Dienstleistung‘ sprechen will“, sagt dazu Detlef
Kölln, Dozent, Coach und pädagogischer Supervisor
aus Lübeck, „dann gibt es einen Kundenauftrag der
Schule für die Schüler und nur sehr bedingt für die El-
tern.“ In seiner Beratungstätigkeit für Lehrer-ElternKommunikation sieht er viel Vernünftiges und Normales, aber eben auch Extremfälle: Eltern, die sich ins
kleinste Detail des Schulalltags einmischen. Die ihren
Kindern die Hausaufgaben machen – und so den Aufbau
jener Frustrationstoleranz verhindern, die man
braucht, wenn der Stoff im eigenen Kopf landen soll. Er
sieht Eltern, die sich über ihre Kinder verwirklichen –
„neben Müttern übrigens auch Väter ohne konkrete berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeit“. Auf der anderen Seite erlebt er mitunter Lehrer, die sich belagert
fühlen. Die nicht gut vorbereitet in Elterngespräche gehen. Und die nicht verstehen, dass es an ihnen als Vertreter der Institution Schule ist, auch auf die Eltern zuzugehen und präventiv Gesprächsangebote zu machen.
„Dann kann man nämlich über die Dinge reden, die
zu Hause wirklich helfen“, sagt Kölln. „Miteinander
sprechen. Zusammen essen, trotz Ganztagsschule. Vorlesen. Nicht allein die Hausaufgaben in den Mittelpunkt stellen.“ Man könnte die Liste beliebig verlängern: genug schlafen. Gemeinsame Unternehmungen
machen. Sich mal langweilen. Keine Zombie-Filme sehen. Nicht nachts mit Whatsapp spielen. Klingt irgendwie weniger anstrengend, als die Schule als Eltern noch
einmal zu absolvieren und sich ständig mit Lehrern zu
streiten. Eigentlich ein Plädoyer für Entspannung statt
Turboförderung, für Entwicklungshilfe statt Kampfeinsatz im Krisengebiet.
Der ostpreußische Junge mit der ungerechten Sportnote 5 ist übrigens trotz dieser traumatisierenden Erfahrung später Lehrer geworden. Einer, der immer zu
jedem Gespräch bereit war.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
16 Deutschland & die Welt
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Aus der Balance
Teufelskreis Neurodermitis
GETTY IMAGES
fördert Stress, der die
Krankheit neu anfeuert
Jeder dritte Hautkranke ist auch psychisch angeschlagen,
zeigt eine neue Studie. Doch was ist zuerst da: seelische Not
oder körperliche Symptome? – Von Wiebke Hollersen
N
Nein, es sei nicht alles psychisch, nicht jede Hautkrankheit beginne eigentlich im Kopf, sagt der Psychodermatologe. Die Haut als Spiegel der Seele, das alte Bild, so
einfach sei die Sache nicht. Uwe Gieler, der Mann, der
keine Vereinfachungen mag, leitet die Abteilung für
Psychodermatologie an der Uniklinik in Gießen. Er ist
Hautarzt und Psychotherapeut. Gerade hat er eine große Studie mit herausgebracht, die belegt, dass Menschen, deren Haut krank ist, oft psychisch angeschlagen
sind. Gieler und andere Ärzte haben Hautpatienten in
ganz Europa befragt, mehr als 3600 Menschen in 13
Ländern. Fast jeder dritte Patient war auch psychisch
krank. Nie zuvor sei in diesem Umfang nachgewiesen
worden, dass Haut und Psyche oft gemeinsam leiden,
sagt Gieler. Aber fängt die Haut zu jucken oder schuppen an, weil man niedergeschlagen ist? Oder ist es andersherum? „Beides ist denkbar“, sagt Gieler. Die Beziehungen zwischen Haut und Psyche sind vielfältig – und
komplizierter als das Bild vom „Spiegel der Seele“.
Wie kompliziert, das erklärt Gieler an einem Beispiel,
in dem eine Naturkatastrophe und die Krankheit Neurodermitis vorkommen. Im Januar 1995 bebte in der japanischen Stadt Kobe die Erde. Mehr als 4500 Menschen starben, Hunderttausende wurden obdachlos.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Deutschland & die Welt 17
gebracht
Forscher fragten später Neurodermitis-Patienten, die
das Beben erlebt hatten, wie schwer ihre Häuser beschädigt wurden – und ob sich der Zustand ihrer Haut
verändert hatte. Bei 38 Prozent der Patienten, deren
Häuser stark beschädigt wurden, war die Neurodermitis schlimmer geworden. Bei neun Prozent von ihnen
besser. Bei etwa der Hälfte der Patienten hatte der
Stress der Haut entweder geschadet oder gar geholfen.
Bei der anderen Hälfte hatte der Stress allerdings gar
nichts an ihrer Krankheit verändert. Ähnlich wie in der
Kontrollgruppe der Patienten, die aus anderen Teilen
Japans kamen und kein Beben erlebt hatten.
Neuro und Derma, Nerven und Haut, stecken in dem
Namen, unter dem die meisten Menschen die Krankheit kennen. Ärzte sprechen von einem „atopischen Ekzem“, einem Ekzem, das mit einer Atopie, einer Überempfindlichkeitsreaktion, verbunden ist. Warum ein
Mensch an Neurodermitis erkrankt, können die Ärzte
selten klären. Inzwischen wissen sie aber, dass neurogene Entzündungen den Verlauf des Ekzems beeinflussen
können. „Eine sehr klare Stressbelastung kann sich auf
die Haut auswirken“, sagt Gieler. Der Stress setze Neuropeptide frei, Botenstoffe im Nervengewebe, die in das
Immunsystem eingreifen, und gelange so bis in die
Haut. Der Stress könne aber auch, das zeige die Erdbebenstudie, dazu führen, dass der Körper andere Kräfte
mobilisiert und Symptome unterdrückt.
EKZEME UND ANGST MACHT Stress kann direkt auf
die Haut wirken. Das ist der erste Zusammenhang. In
diesen Fällen stimmt das Bild von der Haut als Seelenspiegel. Hier kann es helfen, die Seele zur Ruhe zu bringen. Gieler rät Patienten zu einer „NeurodermitisSchulung“. Dort lernt man, die Haut zu pflegen und
sich zu entspannen. Die Symptome besserten sich
manchmal, sagt Gieler. Vor allem aber bessere sich der
Umgang mit der Krankheit. „Das Gefühl, stigmatisiert
zu sein, lässt nach, soziale Ängste schwinden.“
Das ist der zweite Zusammenhang – eine Hautkrankheit kann auch der Psyche stark zusetzen. Die Seele ist
dann Spiegel der Haut. Menschen ziehen sich zurück,
wenn ihre Haut entzündet ist, von Pusteln oder Flechten überzogen, oder wenn ihre Haare ausfallen. Kompliziert wird es, wenn die in Mitleidenschaft gezogene
Psyche sich wiederum auf die Symptome der Haut auswirkt. Wer Angst davor hat, mit seiner Neurodermitis
unter Menschen zu gehen, gerät häufig unter Stress, der
wiederum einen Schub der Krankheit auslösen kann.
Die in der europaweiten Studie befragten Patienten
hatten Ekzeme, Neurodermitis, Hautinfektionen oder
Muttermale. Besonders häufig kamen sie wegen einer
Schuppenflechte (17 Prozent) oder weißem Hautkrebs
(10 Prozent) in die Kliniken. In den Fragebögen gaben
sie Auskunft über ihre Stimmungen, ihr Stressempfinden, schwierige Lebenslagen. Das Ergebnis: 29 Prozent
der Hautpatienten litten an Depressionen oder Angststörungen oder dachten gar an Suizid. Nun gehören
seelische Nöte zum Leben – doch von den mehr als 1300
Klinikangestellten mit gesunder Haut, die zur Kontrolle
befragt wurden, waren nur 16 Prozent psychisch krank.
Fast jeder vierte Patient mit einem offenen Bein war depressiv. Jeder fünfte Patient mit Ekzemen an den Händen litt unter starken Ängsten.
Menschen, die wegen einer Schuppenflechte, auch
Psoriasis genannt, behandelt werden, der häufigsten
Hautkrankheit in der Studie, hatten häufiger Depressionen und häufiger Angststörungen als andere Hautpatienten. Häufig haben sie auch Suizidgedanken. Fast
zwölf Prozent gaben an, wegen ihrer Schuppenflechte
manchmal nicht leben zu wollen.
Die Studie belegt, wie viele Hautpatienten sich psychisch belastet fühlen. Aber woran litten diese Menschen zuerst? An der Haut? An der Seele? Wenn diese
Patienten zum Arzt kommen, ist meist beides schon da:
das Hautproblem und der psychische Druck. Am Vivantes-Klinikum in Berlin-Spandau arbeitet Wolfgang
Harth als Psychodermatologe. Neben Gieler in Gießen
ist er einer der wenigen Fachleute auf diesem Gebiet in
Deutschland. Auch er sagt: Nicht alles ist psychisch.
Nicht jeder kreisrunde Haarausfall etwa deute auf unbewältigten Ärger hin, oft stecke eine Störung der
Schilddrüse dahinter.
Bei manchen Symptomen ist aber offenbar doch die
Psyche beteiligt. „Das Hautsymptom, das bei Stress am
schnellsten einsetzt, ist der Juckreiz“, sagt der Arzt.
Ähnlich wie Schmerz könne auch das Jucken durch psychische Auslöser verstärkt werden. Manchmal helfen
Entspannungsübungen. Aber oft sind die Wechselwirkungen zwischen Haut und Psyche schwerer zu ergründen. Um ihnen auf die Spur zu kommen, bittet Harth
seine Patienten, Tagebuch zu führen. Sie sollen notieren, wann sich Symptome verschlimmern und was in
ihrem Leben passiert. Gibt es Ärger mit dem Chef?
Streit mit der Freundin? Ist der Zeitdruck hoch? Vielleicht lässt sich so ein Auslöser identifizieren. Vielleicht
findet sich so ein Weg, besser mit der Krankheit zu leben. „Wir sind zusammenhängende Wesen“, sagt Wolfgang Harth. Mit Haut und Seele.
ANZEIGE
Deutsche Bank
„Ich möchte unser neues
Traumhaus genießen– ohne
ständig an die Finanzierung
denken zumüssen.“
Es gibt einen Weg, eine Baunanzierung
so zu gestalten, dass sie ganzeinfach zu
Ihrem Leben passt.
DerWeg der Deutschen Bank.
Vereinbaren Sie jetzt einen Termin unter
(069) 910-10027 oder
www.deutsche-bank.de/bau
Deutsche Bank Baufinanzierung
1,01 %
gebundener Sollzinssatz p. a.*
Nettodarlehensbetrag
100.000 EUR
Gebundener Sollzinssatz
1,01 % p. a.
Sollzinsbindung
5 Jahre
Laufzeit
25 Jahre
Anfängliche monatliche Rate 378,44 EUR
Eektiver Jahreszins
1,01 %
Repräsentatives Beispiel Immobilienerwerb (mit monatlicher Tilgung), Stand: 05.01.2015.
*Finanzierungsbedarf bis max. 50 % des Kaufpreises, nur für Neugeschäft. Bonität vorausgesetzt. Zusätzlich
fallen noch Kosten im Zusammenhang mit der Bestellung der Grundschulden an, wie Notarkosten, Kosten
der Sicherheitenbestellung (z. B. Kosten für das Grundbuchamt) sowie für die Gebäudeversicherung.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
18 Deutschland & die Welt
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Der Ex Juan Carlos war
bis 2014 spanischer König.
Hat er seit 1966 ein uneheliches Kind in Belgien?
Da
wartet
Ingrid Sartiau, eine Frau
in Belgien, will nur zu ihm:
Juan Carlos, ihrem Vater.
Sie möchte, dass Spaniens
Ex-König sie anerkennt.
Nun ist sie nah dran.
François Duchateau traf sie
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
GETTY IMAGES; GUY KOKKEN
jemand
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Deutschland & die Welt 19
A
ls sie zurück ins Wohnzimmer kommt, stellt sie sich
noch einmal vor die Wand.
Aufrecht, die rechte Schulter ein wenig nach vorn,
schaut sie in die Kamera.
„Es gibt nicht viele davon“,
sagt sie, als sie anschließend
auf ein Foto im Display der Kamera zeigt, „aber auf diesem, finde ich, sehe ich aus wie er.“
Mit „er“ meint sie den Mann, den sie für ihren Vater
hält und um dessen Nähe sie schon so lange kämpft.
„Er“ ist der ehemalige spanische König Juan Carlos.
Wie schwer es ist, einem solchen Mann nahezukommen, auch um zu klären, ob er wirklich ihr Vater ist, das
hat sie in den vergangenen Jahren erfahren. Es habe sie
enorme Kraft gekostet, sagt Ingrid Sartiau, 48 Jahre alt.
Tatsächlich hat es ihr Leben von Grund auf verändert.
An der Wand hängt ein Foto von Gent. In der Nähe
der belgischen Stadt ist Ingrid Sartiau aufgewachsen, es
ist ihre Heimat. Doch ihre Herkunft, davon ist die Frau
überzeugt, die liege in Madrid.
Ingrid Sartiau gab die Hoffnung, das je beweisen zu
können, fast schon auf. Vor zwei Jahren entschied ein
spanisches Gericht, ihre Vaterschaftsklage gegen den
Monarchen nicht zuzulassen. Juan Carlos genoss als
Staatsoberhaupt Immunität. Doch 2014 überließ der 77Jährige seinem Sohn Felipe den Thron und verlor damit
einen Teil seiner Immunität. Am vergangenen Mittwoch entschied nun der Oberste Gerichtshof in Madrid
mit knapper Mehrheit, Ingrid Sartiaus’ Klage doch noch
stattzugeben. Weder mit dem Zeitpunkt noch mit dem
positiven Ausgang hatten sie und ihr Anwalt gerechnet.
JETZT GEHT’S ERST LOS „Mein Fall in Madrid ist gewonnen“, hatte sie daraufhin auf Facebook gepostet
und damit auch Kritik geerntet, schließlich ist der Prozess längst nicht gewonnen. Das eigentliche Verfahren
beginnt erst. Dem Monarchen wurde eine Frist von 20
Tagen für eine Stellungnahme gesetzt. Wenn er sie zurückweist, könnte das Gericht eine DNA-Probe anfordern. Auch diese könnte er verweigern, aber „das würde
erst recht Zweifel wecken“, sagt Ingrid Sartiau. Wie der
Test ausgehen würde, daran besteht für sie kein Zweifel. Und dann, so hofft sie, kann ihr sehnlichster
Wunsch endlich in Erfüllung gehen: Sie wird ihren Vater kennenlernen.
Ihre ganze Kindheit habe sie diesen Vater vermisst.
An Vatertagen bastelte sie Geschenke wie die anderen
Kinder, um sie dann doch nur wieder der Mutter zu geben. Sie lebten auf dem Land damals, in einer sehr katholischen Gegend. Geschiedene Eltern gab es kaum,
alleinerziehende Mütter waren suspekt. Das schweißte
Mutter und Tochter zusammen. Doch je älter Ingrid
Sartiau wurde, um so drängender wurde die Frage nach
dem Vater. Gebettelt und angefleht habe sie die Mutter,
ihr endlich zu verraten, wer es sei. Doch die schwieg.
Und das Schweigen bedrohte mit den Jahren ihre Nähe.
Vor zehn Jahren etwa, als sie gemeinsam eine Dokumentation über Juan Carlos sahen, hätte die Mutter
plötzlich auf den Fernseher gezeigt und gesagt, das sei
er. Das sei ihr Vater. So absurd, so unvorstellbar habe
das für Ingrid Sartiau geklungen, dass sie gar nicht begriff, was die Mutter da gerade gesagt hatte. Dass es das
so lange erwartete Geständnis war. Im Gegenteil, es
enttäuschte sie nur noch mehr. Erst als sie Jahre später
noch immer drängte, endlich die Wahrheit zu erfahren,
und die Mutter erneut behauptete, Juan Carlos sei ihr
Vater, begann sie das ernst zu nehmen. Und nun erfuhr
sie die ganze Geschichte.
Lange bevor Juan Carlos 1975 König von Spanien
wurde, habe ihre Mutter ihn bei der belgischen Adelsfamilie Mérode kennengelernt, für die Liliane Sartiau
zehn Jahre lang als Kinderfrau arbeitete. Juan Carlos
war ein Freund der Familie, der zu Besuch kam, wenn
diese in ihrem Schloss in Frankreich weilte. Mehrere
Kämpft Ingrid Sartiau, 48.
Sie sieht sich als Tochter,
hat wieder eine Chance
vor Gericht
„Ich wäre
bei Felipes
Krönung so
gern dabei
gewesen.
Ich gehöre
zur Familie“
Jahre lang seien sie sich dort immer wieder begegnet,
zuletzt dann 1965 an der Costa del Sol, drei Jahre nach
der Hochzeit mit Sophie von Griechenland. Nach dem
letzten Treffen an der Costa del Sol, bemerkte Liliane
Sartiau, dass sie schwanger war. Sie kehrte nach Belgien
zurück und entschied, sich und den König mit eisernem
Schweigen über seine Vaterschaft zu schützen.
Dafür hat Ingrid Sartiau heute sogar Verständnis: „Es
war die Franco-Zeit. Sie hatte wohl Angst, mächtige
Leute würden ihr das Kind wegnehmen, sobald sie auspackt.“ Sie hält es zudem für möglich, dass ihr auf die
ein oder andere Weise auferlegt wurde, zu schweigen.
„Vielleicht wollte meine Mutter mit dem Geheimnis
sterben und hätte es in ihrem Abschiedsbrief gelüftet,
doch ich wollte nicht mehr warten.“
Geschockt sei sie gewesen, sagt Ingrid Sartiau, nachdem sie das alles erfahren habe. Zu vielen weiteren Fragen, etwa ob Juan Carlos von der Schwangerschaft
wusste, wollte ihre Mutter nichts sagten. Also begann
sie selbst im Internet zu recherchieren. Dabei stieß sie
auf den Spanier Alberto Sola, der ebenfalls überzeugt
ist, ein Kind von Juan Carlos zu sein. Sie nahm Kontakt
mit ihm auf. Als sie sich zum ersten Mal am Flughafen
trafen, waren sie plötzlich von Journalisten umringt.
Sola hatte diese ohne ihr Wissen zum Treffen bestellt,
um Aufmerksamkeit für seinen eigenen, festgefahrenen
Fall zu bekommen. Ihre Mutter habe sich danach maßlos aufgeregt über die Berichte, sagt Ingrid Sartiau.
Dennoch fühlte sie sich Alberto Sola verbunden. Die
beiden ließen einen DNA-Test machen, der ihnen mit
91-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen gemeinsamen
Elternteil attestierte. „Sie haben einen Bruder“, gratulierte ihr der Laborant am Telefon. Doch die Freude darüber hielt nur einige Monate. Ein zweiter, ausführlicherer Test korrigierte den Wert auf 46 Prozent, eine
Verwandtschaft ist demnach eher unwahrscheinlich.
Ein Jahr habe sie gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Den gemeinsamen Rechtsanwalt, den sie sich genommen hatten, gaben sie auf. Der Kontakt zu Alberto
versiegte. Seine Klage wurde wegen unzureichender Beweislage endgültig abgewiesen.
FREUNDE WANDTEN SICH AB Seitdem ihr Fall bekannt wurde, hat sich alles für Ingrid Sartiau verändert.
Sie wurde als Spinnerin abgestempelt, enge Freunde
wandten sich ab, weil sie mit der neuen Situation nicht
klarkamen. „Fortan war ich nur noch ‚die Tochter von‘.
Das war hart, denn verändert habe ich mich nicht.“ Ihre
Pension musste sie schließen, weil der Medienrummel
zu groß wurde. Ihre Ehe ging durch den Druck und Medienrummel in die Brüche. Auch zur Mutter ist das Verhältnis abgekühlt, seit sie an die Öffentlichkeit gegangen ist. Trotzdem unterschrieb sie eine eidesstattliche
Erklärung, die die Klage erst ermöglichte und wäre auch
zur Aussage vor Gericht bereit.
Um Geld oder einen Platz in der Thronfolge gehe es
ihr nicht, beteuert Ingrid Sartiau. „Ich will nur meinen
Vater kennenlernen.“ Tatsächlich scheint es ihr finanziell gut zu gehen. Ihr modern eingerichtetes Haus mit
Wintergarten im flämischen Dorf Kruibeke hinter dem
Antwerpener Autobahnring ist groß, Tochter Aude bewohnt ein restauriertes Vorderhäuschen und Platz für
fünf Pferde gibt es auch. Im Loft planen Mutter und
Tochter seit Kurzem gemeinsam Ausstellungen für
Kunst und Fotografie.
Nicht nur Juan Carlos würde sie gerne begegnen,
sondern auch „meinen Halbgeschwistern Cristina, Elena und Felipe“. Geweint habe sie vor dem Fernseher, als
dieser im vergangenen Jahr gekrönt wurde. „Ich wäre
so wahnsinnig gerne dabei gewesen.“ Sie wolle sich
aber auch nicht aufdrängen, sagt sie. „Ich möchte als
Familienmitglied eingeladen werden und nicht als Eindringling angesehen werden.“
Mit einem Brief hat sie sich damals bei der Casa Real
für Solas Medienoffensive entschuldigt. Eine Antwort
hat sie nie bekommen.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
20 Forum
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Satire
Mehdorn schafft sie alle
E
ndlich gibt es wieder
Neuigkeiten vom BER,
dem einzigen Spaßflughafen Europas. Die Betreiber
des Geländes haben bekanntlich das ehrgeizige Ziel, dass
dort niemals ein Flugzeug starten oder landen kann. Diese
ambitionierte Vorgabe hatte
Hartmut Mehdorn recht erfolgreich umgesetzt. Mehdorn war
es zuvor schon gelungen, die
Bahn nicht an die Börse zu
bringen, und danach schaffte er
es noch, die Gewinne von Air
Berlin nicht zu vergrößern.
Allerdings verdichteten sich
in letzter Zeit die Gerüchte,
nach denen der Flughafen doch
noch irgendwie in den nächsten drei bis fünf Jahren eröffnet werden könnte. Das war
nicht im Sinne Mehdorns, und
er kündigte. Analysten stellen
sich seitdem die Frage, welches
Unternehmen Mehdorn als
nächstes vor die Wand fahren
könnte. Die Baufirma Bilfinger
hat in dieser Hinsicht schon
sehr gute Erfahrungen mit Roland Koch gemacht, die Unternehmensleitung ist sich daher
unsicher, ob Mehdorn den
Misserfolg wirklich noch steigern kann.
Anfragen von Karstadt und
Opel liegen Mehdorn aber angeblich schon vor. Beim Hauptstadtflughafen wurde inzwischen möglicherweise ein
Nachfolger für Mehdorn gefunden. Es soll sich um den RollsRoyce-Manager Karsten Mühlenfeld handeln. Der hat zwar
einen Vertrag beim Flugzeugund Eisenbahnbauer Bombardier unterschrieben, könnte
sich aber in der Mittagspause
auch um die Berliner Flughafenruine kümmern.
Das Biotop des
Natürlich ist nicht
„der Islam“ schuld
an den jüngsten
Anschlägen. Aber
er kann sich auch
nicht ganz aus der
Verantwortung
stehlen.
Stefan Aust
über das Umfeld,
das den Terror
erst ermöglicht
Leserbriefe
Ausgebildet in
Kriegshandwerk
Zum Beitrag „Die Angst
siegt“
Die Attentäter von Paris waren
den europäischen und amerikanischen Geheimdiensten
wohlbekannte Kriminelle, die
jetzt von der islamistischen
Szene als Märtyrer gefeiert
werden. Vor dem Hintergrund
ohnmächtiger Politiker, die
sich nur noch im Beschwichtigen und Bedauern übertreffen,
konstatieren Sie zu Recht, dass
auch die Presse versagt hat.
Denn niemand stellt die wirklich existenzielle Frage: Wie
kann es sein, dass sich wenige
Kriminelle in Krisenländern
im Kriegshandwerk ausbilden
lassen, um dann ungehindert
wieder einzureisen und Europa mit Terror zu überziehen? Unsere Freiheit und Werte zu verteidigen bedeutet,
dass wir es ertragen müssen,
die Freiheiten Krimineller
einzuschränken.
Ralf Rosemuck,
Diepenau
Antigone – aus
Trotz gescheitert
Zum Text „Lass das mal uns
Griechen machen!“
In seinem Gastbeitrag unterbreitet der Führer der griechischen Syriza-Partei eigenwillige Deutungen zur
Krise seines Landes und eigennützige Lösungsvorschläge.
Männer auf dem Markt in Afghanistan Friedliche Menschen, Sympathisanten
Er vergleicht sein Volk mit
Antigone und versteigt sich zu
der Warnung: „Denkt an Antigone: Die Gerechtigkeit muss
siegen.“ Darunter versteht er
in diesem Fall „einen radikalen
Schuldenschnitt des größten
Teils und ein Moratorium für
die Rückzahlung“. Der Rest
der Schulden sollte „nur dann
abbezahlt werden, wenn dadurch nicht die kostbaren
Wachstumsanreize gefährdet
sind“, also nie. Von dem anmaßenden Gerechtigkeitsbegriff soll hier nicht die Rede
sein. Dass aber in Sophokles’
„Antigone“ überhaupt irgendeine Art von „Gerechtigkeit“
siege, kann wohl nur jemand
behaupten, der das Stück nicht
zu Ende gelesen hat. Als sich
der Vorhang senkt, gibt es nur
Verlierer. Die tragische Heldin
scheitert und bezahlt ihre
Auflehnung mit dem Leben.
Man mag sie durchaus sympathisch finden. Ihr tragischer
Untergang hängt aber vor
allem mit ihrem eigenen Wesen zusammen. Ihr Scheitern
ist die Folge mangelnder
Selbsteinschätzung und mangelnder Berücksichtigung ihrer
Umwelt, also das Ergebnis von
Selbstüberhebung, Blindheit
und Trotz. Vielleicht könnte
Tsipras ja das eine oder andere
aus dieser Tragödie lernen.
Thomas Baier,
Kitzingen
Ihre Meinung interessiert
uns! Bitte mailen Sie an:
meine.meinung@wams.de
u
W
B
Bekanntlich gibt es den guten
Islam und den bösen Islamismus. Bekanntlich ist nicht
jeder Moslem ein potenzieller
Killer im eingebildeten Auftrag
Allahs. Bekanntlich sind die
meisten Opfer des Dschihad
nicht etwa Juden oder Christen, sondern Muslime in den
diversen nahöstlichen Bürgerkriegen. Und bekanntlich empören sich neuerdings auch
islamische Geistliche vermehrt
über die mörderischen Rächer
eines durch mehr oder weniger witzige Karikaturen beleidigten Mohammed.
Das klingt beruhigend, ist es
aber nicht.
Es gibt keine terroristische
Gruppierung ohne eine Massenbasis, die selbst nicht gewalttätig sein muss, aus deren
Mitte aber die Gewalttäter
kommen, mehr oder weniger
wohlwollend unterstützt von
den Guten oder weniger Guten
des entsprechenden politischen, sozialen oder eben
religiösen Milieus.
Der deutsche Terrorismus
der 70er und 80er-Jahre ist
dafür ein naheliegendes Beispiel. Die Rote Armee Fraktion
existierte immerhin 28 Jahre,
bis sie sich selbst auflöste, mit
der kleingeschriebenen Begründung „die stadtguerilla in
form der raf ist nun geschichte. das ende dieses projektes
zeigt, dass wir auf diesem weg
nicht durchkommen konnten“.
Keine Selbstkritik, keine Reue,
aber immerhin ein Ende.
Entstanden war die RAF aus
den Trümmern der Studentenbewegung der 60er-Jahre, dem
Protest gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner, gegen
die alten Nazis in bundesdeutschen Institutionen, aus
der Kritik von Kapitalismus
und Imperialismus. Auch die
Gewaltfrage gehörte zur
Grundmelodie studentischen
Widerstandes. So erklärte
Studentenführer Rudi Dutschke vor laufender Fernsehkamera: „Wir müssen gegen das
System mit aller Gewalt vorgehen. Wir dürfen aber von
vornherein nicht auf eigene
Gewalt verzichten, denn das
würde nur einen Freibrief für
die organisierte Gewalt des
Systems bedeuten.“
Und Rudi Dutschke gehörte
– nachdem er von einem
Rechtsradikalen niedergeschossen und schwer verletzt
worden war – später auch zu
den ersten Linken, die den
mörderischen Kurs der RAF
öffentlich kritisierten. Er
wusste, dass er mit verantwortlich war für den Gewalttrip von Baader und Co.
Die politischen Angriffsziele
der RAF waren im Wesentlichen die politischen Ziele der
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
deutschen und internationalen
Linken. Auch die Bekennerschreiben, mit denen die RAF
Bombenanschläge, Entführungen und Morde begründete,
waren in ihrer Argumentation
den Publikationen der nicht
gewalttätigen Linken zum
Verwechseln ähnlich – nur die
Methoden waren eben andere.
Dieses Eingebettetsein in
eine politische Massenbewegung ermöglichte es den
„Stadtguerillas“ erst, eine
illegale Struktur aufzubauen.
Es gab Helfer, die Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun
Ensslin und ihren Kampfgenossen Wohnungen und
Pässe zur Verfügung stellten
und ihnen, jedenfalls anfangs,
moralische Unterstützung
zukommen ließen, nach dem
Motto „Ihr macht etwas, wozu
wir uns nicht trauen“. Das
zeigte sich etwa in der Prozesserklärung eines Verteidigers im Stammheimer Verfahren, in dem dieser den
Bombenanschlag gegen das
Computerzentrum der USArmee in Heidelberg, von dem
angeblich die Bombenangriffe
in Vietnam gesteuert wurden,
mit einem möglichen Anschlag
auf das Reichssicherheitshauptamt, von dem die Judenvergasung im Dritten Reich
aus koordiniert wurde, verglich.
Deshalb gab es damals auch
eine ähnliche Kampagne gegen
„die Linke“ wie heute gegen
„den Islam“. Und genauso
wenig wie „die Linke“ damals
insgesamt für die Untaten der
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Forum 21
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
GETTY IMAGES
Terrors
oder gar Unterstützer?
RAF verantwortlich gemacht
werden konnte, kann heute
„der Islam“ in seiner Gesamtheit für die Untaten von Islamisten verantwortlich gemacht werden. Und doch
kann sich rückblickend weder
„die Linke“ damals noch „der
Islam“ heute so leicht aus der
Verantwortung herausstehlen.
Bevor damals die RAF ihre
Unterstützer verlor, ist viel
Blut geflossen. Erst als die
zweite Generation der RAF
den Generalbundesanwalt
Siegfried Buback kaltblütig
erschoss, den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin
Schleyer entführte und nach
44 Tagen Geiselhaft ermordete, eine Lufthansa-Maschine
mit 86 Menschen an Bord
nach Mogadischu entführt
wurde, bröckelte die restliche
Sympathie für die RAF ab.
Auch in der durchaus gewaltbereiten linken Szene
wollte man mit dieser Art von
Killern nichts mehr zu tun
haben. Beispielhaft für diesen
Entsolidarisierungsprozess
war das berühmt-berüchtigte
Papier des „Mescalero“, der
einen „Nachruf auf Buback“
veröffentlichte, ein Pamphlet,
in dem es hieß: „Ich konnte
(und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.
Ich habe diesen Typ oft hetzen gehört.“ Das löste damals
heftige Empörung und auch
Strafverfahren aus. Tatsächlich war die „klammheimliche
Freude“ dieses Terror-Sympathisanten über die Ermordung Bubacks der erste
Schritt zur Umkehr. Der Mescalero schrieb: „Woher könnte
ich, gehörte ich den bewaffneten Kämpfern an, meine
Kompetenz beziehen, über
Leben und Tod zu entscheiden?“
Der Chef des amerikanischen Think Tanks „Stratfor“
George Friedman schrieb vor
wenigen Tagen über den
„Krieg der zwei Welten“:
„Wenn alle Verantwortung auf
die Täterpersönlichkeit geschoben wird, entlässt man die
Völker und die Religionen aus
ihrer Verantwortung.“ Das sei
zwar nicht völlig falsch, würde
aber ein gewaltiges praktisches
Problem erzeugen: „Wenn nur
der Mann mit der Waffe und
seine direkten Unterstützer
für die Tat verantwortlich
sind, und alle anderen, die
deren Überzeugung teilen,
unschuldig sind, hat man ein
fragwürdiges moralisches
Urteil gefällt.“ Und in der
Praxis habe man seine eigene
Verteidigungsfähigkeit paralysiert. „Nicht alle Muslime
– und nicht einmal die meisten
Muslime – sind dafür verantwortlich. Aber alle, die diese
Taten verübt haben, sind Muslime, die behaupten, für Muslime zu sprechen. Man könnte
sagen, dieses sei ein Problem
der Muslime, und sie dafür
verantwortlich machen, es
auch zu lösen. Aber was, wenn
sie es nicht tun?“
In französischen und auch
in deutschen Schulen wurde
die Schweigeminute für die
Opfer des Anschlages auf
„Charlie Hebdo“ nicht selten
durch Murren, Pfiffe und „Allahu Akbar“-Rufe gestört. Die
Zahl der Sympathisanten, die
„klammheimliche Freude“ an
der Ermordung von Menschen
verspüren, die „Mohammed
beleidigt haben“, wird global
multipliziert durch den digitalen Dschihadismus – mit modernster Technik zurück ins
Mittelalter.
28 Jahre lang gab es eine
verhältnismäßig kleine terroristische Gruppe namens RAF;
die Mitglieder und Sympathisanten waren Kinder der bundesdeutschen Gesellschaft.
Schon damals verbunden und
vernetzt mit ähnlichen Gruppierungen in anderen Ländern,
vor allem im Nahen Osten.
Und weder Polizei noch Verfassungsschutz wurde mit
ihnen wirklich fertig. Am Ende
löste sich die Gruppe auf, weil
das Umfeld nicht mehr mitmachte. Die Basis des Terrors
zerbrach.
Das ist auch heute die einzige Hoffnung, eine winzige
allerdings nur.
Schweizer Franken
Abschied vom Alpenparadies
lobales Finanzbeben? Schwarzer Sonntag? Da
in den Bergen
war doch gerade
noch alles rosa. Die Schweizer
und der Rest der Welt, das lief
wie eine nette Fernbeziehung.
Man hatte kaum etwas gemeinsam, außer gutem Geschäftsverkehr. Draußen tobten die
Krisen, drinnen höchstens die
Kinder. Die Eidgenossen hielten
sich überall raus und wurden
herausgehalten. Sie machten
ihre eigenen Regeln, fühlten
sich unabhängig und galten als
verlässliche Buchhalter. Ausländische Investoren liebten sie
dafür. Das Böse schwappte
selten über die Landesgrenze,
höchstens in Gestalt eines österreichischen Skirennfahrers,
der schneller war als man
selbst.
Jahrzehntelang ging das gut.
Dann fiel Lehman Brothers, und
die klammen Staaten forderten
das Ende der Steueroase. Dann
fiel der Euro, und die Flucht in
den Franken zwang die Schweizer in den Währungskrieg – bis
zur Kapitulation vor drei Tagen.
Der Mindestkurs von 1,2 Franken für den kranken Euro gilt
nicht mehr. Die Schweizer
kappten die Kopplung an den
Euro, eine Exporthilfe für die
Wirtschaft. Das war weder
falsch noch überraschend, sondern das schmerzhafte Ende der
Illusion, stark genug für globale
Verwerfungen zu sein. Es ist die
Folge eines Gemenges aus einer
Billionbombe, eines verzweifelten Italieners – und eines Mannes, der manches sehr früh
ahnte.
G
VON
BEAT BALZLI
„Der
Frankenschock
vertreibt die
Industrie. Die
Konsumenten
kaufen eh im
Ausland“
1994 gibt ein eher als pedantisch bekannter Volkswirt
an der Universität seine Doktorarbeit ab. Das Werk liest
sich wie eine Momentaufnahme des Euro-Dramas. Der
Autor Thomas Jordan glaubt
nicht an das Regelwerk einer
Währungsunion. So könne
ein Land versuchen, „seine
effektive Situation zu vertuschen und so trotzdem die
Bedingungen für die Aufnahme zu erfüllen“. Die Zahlungsunfähigkeit eines Staates könne „zu einer Bankenund Finanzkrise führen“,
schreibt er.
Jordans Albtraum ist mehr
als zwanzig Jahre später wahr
geworden. Ausgerechnet er
sitzt nun auf dem Chefsessel
der Schweizerischen Nationalbank (SNB), muss die
Reißleine ziehen. „Die gegenwärtig massive Überbewer-
tung des Schweizer Frankens
stellt eine akute Bedrohung für
die Schweizer Wirtschaft dar“,
lautete am 6. September 2011
die Begründung für die Einführung des Mindestkurses.
Man sei bereit, „unbeschränkt
Devisen zu kaufen“.
Der Plan ist gescheitert,
spätestens am vergangenem
Mittwoch. Da segnete der
Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs den Plan
von EZB-Chef Mario Draghi
ab, für bis zu einer Billion
Euro Anleihen aufzukaufen.
Und SNB-Chef Jordan wusste,
dass die Euro-Krise noch heftiger toben wird. Jordan wollte
nicht der Kollateralschaden
von Draghis Verzweiflung sein.
Er wollte nicht auf einem noch
größeren Euro-Berg mit zweifelhaftem Wert sitzen müssen.
Aber mit dem Ende des
Mindestkurses siegt nicht die
Unabhängigkeit. Viele Privatbanken sind nur noch Zombies
oder schon zu. Den Hoteliers
fehlen die Russen und jetzt
auch die Europäer. Der Frankenschock vertreibt die Industrieunternehmen aus dem
Alpenparadies. Die Konsumenten kaufen eh im Ausland.
Die Stärke des Frankens
täuscht über das Fehlen eines
Zukunftsmodells hinweg, das
Erzrivalen wie Singapur längst
besitzen. Eine Zurück in die
glanzvollen Zeiten der Isolation gibt es nicht, obwohl
sich das viele wünschen. EuroBeitritt? EU-Beitritt? Beides
bleibt undenkbar. Die Schweiz
wird nicht untergehen – aber
ohne neue Ansätze unberechenbarer und verletzlicher.
IMPRESSUM
Verleger: Axel Springer (1985 †)
Herausgeber: Stefan Aust
Chefredakteur: Jan-Eric Peters
Stellvertreter des Chefredakteurs: Dr. Ulf Poschardt, Arne Teetz
Stellvertretende Chefredakteure: Beat Balzli (V.i.S.d.P.) , Oliver Michalsky
Verantwortlich: Volker Corsten
Chef vom Dienst: Diemo Schwarzenberg
Layout: Christian Schneider Produktion: Thomas Behrendt
Geschäftsführender Redakteur: Dr. Marius Schneider
Chefreporter Investigativteam: Jörg Eigendorf
Chefkommentatoren: Torsten Krauel, Dr. Jacques Schuster
Mitarbeiter dieser Ausgabe: Babette Bendix, Claudia Bernhardt, Isabell Bischoff, Florence Bouchain,
Christian Görke, Emina Hodzic, Barbara Kollmann, Helmut Krähe, Marion Meyer-Radtke, Nanda Naumann,
Jörg Niendorf, Deniz Schwenk, Karin Sturm, Daniela Zinser
Die Zeitungen von WeltN24 erscheinen in
Redaktionsgemeinschaft mit Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt.
Verlagsgeschäftsführung: Dr. Stephanie Caspar, Dr. Torsten Rossmann
General Manager: Johannes Boege Gesamtanzeigenleiter: Stephan Madel (V.i.S.d.P), WeltN24 GmbH, 10888 Berlin
Nationale Vermarktung: Silvana Kara (Display), Peter M. Müller (Handel)
Verlag: WeltN24 GmbH Druck: Axel Springer SE beide: Axel-Springer-Straße 65, 10888 Berlin Telefon: 030/2591-0
Die Rechte für die Nutzung von Artikeln für elektronische Pressespiegel erhalten Sie über die
PMG Presse-Monitor GmbH, Telefon: 030/28 49 30 oder www.presse-monitor.de
Für Syndication-Rechte wenden Sie sich bitte an nachdrucke@wams.de
Gültig ist die Anzeigenpreisliste der WELT-Gruppe Nr. 93 ab 1.1.2015
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Ökonom Bernd Raffelhüschen
über lange Haare und
wütende Greise Seite 24
Ex und hopp, Schwyz:
Der starke Franken
schadet dem Land Seite 26
Angela Merkel beim
Wirtschaftsgipfel der
„Welt“ Seite 28
KARRIERE
Gescheiter
gescheitert
Versuchen, versagen, wieder versuchen. Besser
versagen. Misserfolge bedeuten inzwischen
nicht mehr das Ende als Unternehmer,
sondern eine neue Chance
– von Steffen Fründt
Berlin-Kreuzberg am Donnerstagabend. 250 Menschen
drängen sich in dem kleinen Veranstaltungssaal. Das
Publikum trinkt Flaschenbier und ist bester Stimmung.
Dann tritt ein fahrig wirkender Mann im ausgewaschenen grünen Hemd auf die Bühne. Holger in’t Veld, 47,
Schokoladenunternehmer und Pleitier. „Ich habe bei einer Ladenmiete von 500 Euro über drei Millionen Umsatz gemacht“, beginnt er zu erzählen. Der Beamer projiziert die Bilder seines früheren Imperiums an die
Wand. Das erste Schokoladen-Geschäft am Prenzlauer
Berg, die eigene Manufaktur, das Café. Noch ein Laden.
„Den gibt es heute noch. Es steht nur nicht mehr mein
Name drauf“, sagt in’t Veld trocken. Das Publikum
johlt. In’t Veld erzählt von einer absurden Aktionärsversammlung, unkontrollierten Kostensteigerungen, einem Ultimatum per E-Mail. „Und dann stand ich da
und wunderte mich. Wo sind die ganzen Leute? Und
warum passt mein Schlüssel nicht mehr ins Schloss?“
Später, nach seinem Auftritt, erzählt Holger in’t Veld
etwas leiser, dass er Familienvermögen in sechsstelliger
Höhe verloren habe und nun unter Pfändung lebe. „Ich
muss schon Rechenschaft ablegen, wenn ich mir für
mehr als vier Euro Lebensmittel kaufen will“, sagt der
47-Jährige. Ein Mann um die 50 verbrüdert sich spontan. Ihm gehe es genauso, gesteht er, und will ihm eine
Tafel Schokolade abkaufen. An der Bar erzählt ein Gast
mit Mütze davon, wie er mit einem Start-up 50.000 Euro verballert hat. Andere, so stellt sich heraus, haben eine Million oder mehr in den Sand gesetzt.
„FuckUp-Night“ nennt sich die Veranstaltung, die
neuerdings die Gründerszene in Berlin und anderen
Großstädten weltweit begeistert. Die Verlierer treten
ins Rampenlicht und breiten vor zahlendem Publikum
ihre peinlichsten Niederlagen aus. Sie werden gefeiert
für ihre Ehrlichkeit und ihren Mut. Scheitern als Show.
Die positive Sicht auf das Scheitern – sie gilt als einer
der großen Erfolgsfaktoren des Silicon Valley. Stars wie
die Samwer-Brüder, Xing-Gründer Lars Hinrichs oder
Paypal-Chef Max Levcin gelten als Beleg für die Annahme, dass auch eine ganze Serie von Fehlschlägen am
Ende die beste Vorbereitung für einen kometenhaften
Aufstieg sein kann. Zwar werden in Deutschland
Gründer mit einer Pleite im Schufa-Eintrag von
Banken in der Regel schnell wieder hinauskomplimentiert. Doch andere
Geldgeber denken inzwischen anders.
„Dass jemand schon einmal Geld
verloren hat, ist für mich kein
Grund, ihm keines mehr zu geben“, sagt der Hamburger Investor Sven Schmidt, der sich
vor allem an Internet-Startups beteiligt. „Die Stimmung
hat sich in den letzten zehn
Jahren komplett gedreht.“
Begründet wurde der
Aufstand der Verlierer von
der Mexikanerin Leticia
Gasca, die auf der ersten
FuckUp-Night in Mexico
City vor drei Jahren von
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
GETTY IMAGES (2); ALEX KRAUS; M. LENGEMANN UND. C. HAHN; DOMINIK BUTZMANN
B
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
der Pleite ihres Indio-Kunsthandwerks berichtete. Heute werden ihre Loser-Happenings von 1400 Menschen
besucht, in 25 Ländern und 80 Städten. In Deutschland
gibt es FuckUp-Nights in Düsseldorf, Mannheim,
Frankfurt, Stuttgart und Köln. Und natürlich in Berlin.
Einer der Gründer hier ist Patrick Wagner. Den 44-jährigen Marketingdozenten mit Clark-Gable-Schnäuzer
qualifiziert unter anderem die Versenkung von zwei
Plattenfirmen. „Von 600 Mails am Tag auf vier. Gestern
noch 250.000 Euro Umsatz, heute keinen Handyvertrag
mehr kriegen. Das ist erst mal hart“, sagt er und klingt
seltsam amüsiert. Dabei hat er eine Million verloren.
Seit er öffentlich als Misserfolgsmensch auftritt, werde
er von Business Angels angesprochen, sagt Wagner.
„Ein Paradoxon! Vermutlich haben sie einfach die Nase
voll von all den geschönten Lebensläufen und erlogenen Exitstrategien. Daran glaubt eh niemand mehr.“
WIRTSCHAFT & FINANZEN
venzrecht auf fünf Jahre reduziert. „Je schuldnerfreundlicher das Insolvenzrecht ist, desto größer ist das
Gründungsgeschehen“, sagt KfW-Chefvolkswirt Jörg
Zeuner unter Berufung auf Vergleiche zwischen USBundesstaaten mit unterschiedlichen Gesetzen. Allerdings bezweifelt er, dass sich dadurch auch an der Zurückhaltung der Banken bei der Finanzierung von Pleitiers etwas ändert. „Die Performance von Zweitgründungen ist deutlich schlechter, das Kreditausfallrisiko
höher“, sagt Zeuner. „Zusätzlich zu einer Kultur des
Scheiterns bräuchten wir eine Kultur des Lernens.“
Nachwuchssorgen drohen der Pleite-Community
nicht. 20.324 Unternehmen meldeten laut Statistischem Bundesamt in den ersten zehn Monaten 2014 in
Deutschland Insolvenz an. Ein Rückgang von über acht
Prozent, der aber auch auf die niedrigen Energiekosten
und günstigen Finanzierungsmöglichkeiten zurückzuführen ist. Für 2015 prognostiziert der Hamburger Wirt-
schaftsinformationsdienst Bürgel eine Zunahme der
Pleiten. Bei den Selbstständigen ist die Zahl der Insolvenzen schon 2014 leicht gestiegen.
Nicht so schlimm, sagt Sascha Schubert, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche
Start-ups. Nur jedes vierte Start-up sei erfolgreich. Das
relativiere die Sache ungemein. Der Internetunternehmer hat ein soziales Netzwerk für Frauen in den Sand
gesetzt und trotzdem Geldgeber für seine neue Gründung gefunden, bei der es um Spendensoftware für
Non-Profit-Organisationen geht. Außerdem widmete er
dem Scheitern eine eigene Konferenz. Nach Vorbild des
Silicon Valley, wo Internetunternehmer schon 2009 die
„FailCon“ organisierten, stellte Schubert an der Spree
zwei Fail-Gipfel auf die Beine, auf denen Experten Sinn
und Wesen des Scheiterns erörterten. Die dritte FailCon musste er absagen, weil nur 19 Tickets vorverkauft
wurden. Aber vielleicht versucht er es einfach noch mal.
AUCH EINE ERFAHRUNG Investor Schmidt hat schon
mit einem Preisvergleichsportal einen sechsstelligen
Betrag in den Sand gesetzt und weiß, dass Unternehmen aus vielen Gründen scheitern können. „Gelernt zu
haben, was nicht funktioniert, ist auch eine wertvolle
Erfahrung“, sagt Schmidt und berichtet von einer neuen Gelassenheit unter Wagniskapitalgebern. „Wenn ich
als Investor zehn Start-ups finanziere, ist mir klar, dass
ich bei zwei oder drei von ihnen mein Invest komplett
verlieren kann.“ Im konkreten Fall sieht er es allerdings
nicht so locker: „Kein Investor verliert gerne Geld.“
Sind Pleitiers die besseren Unternehmer? Diese These bezweifelt Jürgen Egeln vom Mannheimer Zentrum
für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Bereits
gescheiterte Gründer erlebten überdurchschnittlich
häufig auch mit ihrer neuen Firma Schiffbruch. „70 Prozent der Neugründungen von zuvor ökonomisch gescheiterten Re-Startern überleben die ersten fünf Jahre
nicht“, sagt er. Bei der Mehrzahl handle es sich um einfache Dienstleister, etwa selbstständige Hausmeister,
die mangels beruflicher Alternative immer wieder aufs
Neue ihr Glück versuchten.
„Die meisten Gründungen
scheiterten wegen mangelnder Finanzierung. Und durch
eine Insolvenz verschärft
sich dieses Problem noch.“
Denn jenseits von BerlinMitte ist die Pleite keinesfalls überall salonfähig. „Es
ist gut, dass auf dem Prenzlauer Berg eine neue Kultur
des Scheiterns entsteht. Leider sind weite Teile der Gesellschaft noch nicht so
weit“, sagt Attila von Unruh,
Inhaber einer bundesweit täVerloren Mo Drescher (li.) schei- tigen Agentur für Krisenbeterte mit einer Werbeagentur, ratung insolvenzbedrohter
Holger in’t Veld mit Schokolade, oder insolventer UnternehJulia Schramm zog sich aus der mer. Erst gestern habe er mit
Politik zurück
einer Unternehmerin aus
dem Sauerland gesprochen,
deren Firma vor dem Aus steht. „Sie will mit ihrer Familie aus ihrem Heimatort wegziehen. Eine Pleite gilt vielen immer noch als schweres Stigma.“
Von Unruh war vor Jahren selbst mit einer Eventagentur gescheitert und rief daraufhin in Köln den ersten „Gesprächskreis Anonymer Insolvenzler“ ins Leben. Dort sitzen krisengebeutelte Familienunternehmer, Freiberufler und Gründer nebeneinander; mancher gestandene Unternehmer bricht in Tränen aus,
weil er vor den Scherben seines Lebenswerks steht.
Um die Hürden für einen unternehmerischen Neuanfang zu senken, hat der Gesetzgeber im vergangenen
Jahr die sogenannte Wohlverhaltensphase im Insol-
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
ANZEIGE
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
24 Wirtschaft & Finanzen
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Selbst gezimmert
ALEX KRAUS
Bernd Raffelhüschen in
seiner Gartensauna
Hippie, neoliberal
B
ernd Raffelhüschen gilt als unbequem: Mit
seinen Berechnungen zur Finanzierbarkeit
von Sozialsystemen und den Forderungen
nach privater oder betrieblicher Vorsorge
regt der Freiburger Ökonom regelmäßig Politiker und Gewerkschafter auf. In seiner Freizeit sucht
der 57-Jährige dagegen die Ruhe. Morgens joggt er, und
abends geht er gerne in die Sauna. Die Gartensauna wäre also der ideale Ort für das Gespräch mit der „Welt am
Sonntag Kompakt“ – hätte er sich nicht gerade eine
schwere Bronchitis eingefangen. Raffelhüschen findet
allerdings eine pragmatische Lösung: Für die Fotos posiert er mit Handtuch auf der Bank – das Gespräch findet angezogen vor dem geheizten Ofen statt.
WELT AM SONNTAG: Herr Raffelhüschen, stimmt
es, dass Sie die Sauna selbst gebaut haben?
BERND RAFFELHÜSCHEN: Ja, mit meinem Schwiegervater zusammen. Wenn man wie ich auf dem Land
aufwächst, dann kann man so was.
Sie sind in Niebüll im äußersten Norddeutschland
aufgewachsen. Haben Sie von dort die Liebe zur Sauna mitgebracht?
Wahrscheinlich schon. Ich sauniere seit meinen Kindertagen, das ist dort oben üblich. Ich saß schon mit 15
oder 16 Jahren mit Freunden in der Sauna.
Vielleicht ist das etwas Norddeutsches.
Das kann schon sein. Den Ostdeutschen wird ja immer
nachgesagt, dass sie große FKK-Fans sind, aber das
stimmt nicht so ganz. Die Nacktbadestrände auf Sylt
und in Norddeutschland kamen damals über Dänemark. Auf Röm, jenseits der Grenze, lagen die Dänen
nackt am Strand, und das schwappte dann zu uns rüber.
Wir waren als Teenager auch oft auf Röm.
Weil das aufregender war.
Nein, weil wir da als Teenager ohne Führerschein Auto
fahren durften.
Der Ökonom Bernd
Raffelhüschen bekommt
regelmäßig Drohbriefe.
Er heftet sie im Ordner
„Crazy“ ab. Wir treffen
ihn ganz entspannt in
seiner Sauna.
Ein Gespräch über
Enthüllungen
– von Tobias Kaiser
Auf der Straße?
Nein, ganz so liberal waren die Dänen dann doch nicht.
Röm hat einen sehr breiten Sandstrand. Auf dem durfte
man ohne Führerschein Auto fahren
Und die FKKler haben Sie nicht abgelenkt?
Nö, aber wir haben natürlich gesehen, dass die Leute
dort teilweise nackt in den Dünen lagen. Meinen Eltern
war das eher unangenehm. Die waren sehr pikiert und
haben Distanz gehalten.
Sie aber nicht?
Wir Kinder fanden das gut. Auf Röm lagen die Leute nackig rum, auf Sylt auch; für uns war das Normalität. Als
ich Ende der 70er-Jahre dann im Studium war, gab es
auch in Kiel große Strandabschnitte, wo man gehen
konnte, wie man wollte. Da saßen die Studenten und
Hippies am Strand, die bauten sich kleine Zelte auf,
manche hatten kleine Tütchen dabei. Das war eine lustige Zeit. Ich war ja auch so ein Spät-Hippie.
Im Ernst?
Na klar; schöne lange Haare und mit der Gitarre am
Strand. Das habe ich alles mitgemacht.
Und aus dem Hippie ist ein Neoliberaler geworden.
Ach, im Laufe des Lebens verliert man nicht alles, gewinnt aber auch nicht alles neu hinzu. Ich hatte viele
Charaktereigenschaften sicherlich schon früher, habe
aber darüber nicht nachgedacht. Diese liberale Haltung
etwa, dass mir bitteschön niemand sagt, was ich zu tun
habe; das ist für mich ein ganz großes und wichtiges
Gut. Ich bin komplett liberal und tolerant. Ob das jetzt
neoliberal ist oder nicht, weiß ich nicht. Jeder soll so leben, wie er will.
Bei Ihren Kritikern gelten Sie jedenfalls als Neoliberaler. Das Hippietum dürfte die eher irritieren.
Und ob. Den ultralinken Genossen passe ich ja schon
optisch nicht ins Feindbild.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Wirtschaft & Finanzen 25
KÄMPFER FÜR
GENERATIONENGERECHTIGKEIT
Über die Kritik dürften Sie sich aber eigentlich nicht
wundern. Schließlich ist ihre Botschaft, dass die Renten nicht bezahlbar sind und dass wir alle mehr arbeiten müssen.
Ich stehe dafür, dass Leute länger arbeiten müssen und
dafür weniger Rente bekommen, weil sie nicht genug
Kinder in die Welt gesetzt haben. Das mögen die Leute
natürlich nicht.
Verblüfft Sie das?
Natürlich nicht. Aber ich finde krass, wie aggressiv viele
Menschen reagieren. Ich bekomme viele böse Mails und
Briefe, in denen unterschwellig mit Gewalt gedroht
wird. Wir haben im Institut einen ganzen Ordner dafür,
auf dem steht „Crazy“. Ich sammele Dienstaufsichtsbeschwerden und habe schon fünf, sechs Anzeigen wegen
Volksverhetzung hinter mir. Meine Frau hat schon am
Telefon Morddrohungen entgegengenommen, und ich
bin mehrmals körperlich angegriffen worden.
Von wem?
Das ist mir in den vergangenen Jahren dreimal passiert.
Auf dem Haldenköpfle im Schwarzwald kam ein Rentner mit Krückstock und wollte mich verhauen. Am
Starnberger See hatte ich eine ähnlich Situation. Und
vor kurzem wollte mich ein Herr auf dem Bahnsteig in
Freiburg mit dem Gehstock verprügeln.
FREIBURG Bernd Raffelhüschen ist Professor für Finanzwissenschaft an der AlbertLudwigs-Universität Freiburg und Professor
an der Universität Bergen in Norwegen.
Studiert hat er in Kiel, Berlin und Aarhus.
Der Ökonom lebt mit seiner Frau und den
drei Kindern in Freiburg.
SPEZIALGEBIET Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozial- und
Steuerpolitik, vor allem der Alterssicherung,
Gesundheitsökonomie und Pflegevorsorge.
WARNUNG Einen Namen hat er sich vor
allem mit der Generationenbilanzierung
gemacht. Bei dieser von ihm mitentwickelten Methode wird berechnet, welche kumulierten finanziellen Ansprüche einzelne
Jahrgänge gegenüber der Sozialversicherung und dem Staat haben. Er hat ausgerechnet, dass die Beiträge zur gesetzlichen Sozialversicherung ohne tief greifende
Reformen in 30 Jahren knapp zwei Drittel
des Einkommens verschlingen würden.
Aber Sie haben noch 2011 ein Gutachten für das DIA
verfasst und aus Ihrem Institut kam 2013 ein Gutachten für den Riester-Anbieter Union-Investment.
Stimmt, 2011 hatte ich vergessen. Und was 2013 angeht –
stimmt auch, da hatten wir neben dem Glücksatlas für
die Deutsche Post auch noch eine Altersvorsorgestudie
für die Union, also den Genossenschaftsverbund gemacht.
Sie haben für den Sachverständigenrat in Schweden
gearbeitet und haben eine Professur in Bergen. Woher kommt die enge Verbindung zu Skandinavien?
Wohl daher, dass ich Dänisch spreche und auch in Dänemark studiert habe.
Sie sprechen Dänisch? Das ist ungewöhnlich.
Ja, ich war es irgendwann leid, mich als Nordfriese mit
meinen dänischsprachigen Kumpels nicht auf Dänisch
unterhalten zu können. Während meiner Studienzeit
hat mich auf einer Tramp-Tour nach Berlin ein dänischer LKW-Fahrer mitgenommen. Dass ich aus Nordfriesland komme und kein Dänisch spreche, fand er unmöglich. Beim Abschied hat er mir von hinten ein fettes
Stück Lachsschinken geholt, mir in die Hand gedrückt
und gesagt, dass ich dafür aber bitte auch Dänisch lernen soll. Das habe ich dann auch gemacht.
Wie haben sie reagiert?
Das war jedes Mal so aggressiv, dass ich den Herren erklären musste, dass ich vom Land komme und zurückschlage.
ANZEIGE
Hätten Sie das wirklich gemacht?
Natürlich, ich hätte mir das nicht gefallen lassen.
Wenn man mit seiner Forschung polarisiert, bleiben
solche Reaktionen wahrscheinlich nicht aus.
Ja, Kollegen geht es ganz ähnlich. Man muss da abstumpfen. Die härtesten Attacken kommen interessanterweise von den genau entgegengesetzten Polen.
Von Jung und Alt?
Genau. Viele von diesen ganzen faschistoiden Rentnervereinigungen; da gibt es ganz krasse rechtslastige
Interessensverbände. Und auf der anderen Seite werde
ich häufig von den linksdominierten Gewerkschaften
angegriffen. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte
man die Todesdrohungen beinahe schon traditionell
nennen.
Sie gelten vielen als Lobbyist der Finanzindustrie,
weil Sie etwa im Aufsichtsrat der Ergo sitzen oder
Vorträge für Versicherungen halten.
Aber das ist falsch. Ich sitze zwar im Aufsichtsrat der
Ergo, aber für dieses Unternehmen machen wir gar keine Studien, sie finanzieren am Institut nichts.
Würde es Ihrer Glaubwürdigkeit aber nicht trotzdem
gut tun, wenn Sie diese Tätigkeiten sein ließen?
Ich sitze zwar bei einer Versicherung im Aufsichtsrat,
aber auch beim Augustinum, also der evangelischen
Diakonie, und der Volksbank Freiburg. Die Mandate
sind separat vergütete Kontrollfunktionen, also privates Einkommen und damit eine Nebentätigkeit, die offengelegt und genehmigt ist. Ich weiß, dass mir dieser
Ruf anhängt, und wenn ich das, was aus der Vergangenheit haften geblieben ist, loswerden könnte, würde ich
vielleicht überlegen, das sein zu lassen. Aber dieses
Image werde ich nicht los und deshalb mache ich das
ganz frisch und fromm weiter.
Und wie passt es ins Bild, wenn Ihr Institut beispielsweise Gutachten für das Deutsche Institut für Altersvorsorge der Deutschen Bank macht?
Das stimmt, das ist jetzt 12, 13 Jahre her. In weit überwiegender Mehrheit sammeln wir unsere Drittmittel
über staatliche Stellen ein. Wir haben gegenwärtig mit
einer Ausnahme nur noch staatliche Auftraggeber.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
26 Wirtschaft & Finanzen
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Zürichs Schwarzer Donnerstag
STABILITÄT SIEHT ANDERS AUS Für
die Schweizer Industrie, für die Finanzwirtschaft und den Tourismus brechen
nun harte Zeiten an. Ein starker Franken
verteuert ihre Produkte und Dienstleistungen außerhalb der Schweiz. Die mögliche Folge: Die Umsätze fallen, die Wirtschaft schmiert ab, Deflation zieht auf.
Selbst für Qualitätsanbieter wie Gottlieber, die einen Großteil ihres Umsatzes
im eigenen Land erzielen, wird es ungemütlich. „Unsere Hüppen werden von
Firmen gern als Weihnachtsgeschenk
versandt. Wenn diese Firmen unter dem
Wechselkurs leiden, bekommen wir das
auch zu spüren“, sagt Bachmann. Deshalb steuert er um. Deutschland, Frankreich und Italien bearbeitet er nicht
mehr aktiv. Stattdessen setzt er auf China, Dubai, Singapur und bald Hongkong.
„Alles in allem ist es durchaus möglich,
dass wir 10 bis 20 Prozent unserer Kunden verlieren.“
Einmal mehr rappelt es im FrankenLand. Die Schweiz, einst gepriesen als
der Hort der Stabilität, der Besonnenheit
und Präzision, sorgt für Verunsicherung.
Zuerst der Steuerstreit mit den USA und
Deutschland, der die Eidgenossen das
Bankgeheimnis kostete. Dann eine Serie
an Volksinitiativen, die so gar nicht zum
liberalen Selbstverständnis der Schweiz
passten. Abgestimmt wurde über Zuwanderungsschranken, Obergrenzen für
Managergehälter, über Mindestlöhne.
Zur negativen Standortwerbung trägt
seit dieser Woche auch die Notenbank
bei. Seit Herbst 2011 hielt die SNB den
Franken künstlich niedrig, um der heimischen Exportwirtschaft zu helfen. Sie
verteidigte ein Kursziel von 1,20 Franken
je Euro und kaufte dazu massenweise
Euro auf. Sie häufte Devisenreserven von
grob 500 Milliarden Franken an. Die
SNB-Bilanz entspricht 85 Prozent der
Schweizer Wirtschaftsleistung.
Die Summe wäre bald noch weiter gewachsen. Schließlich steht die Europäische Zentralbank (EZB) kurz davor,
Staatsanleihen aufzukaufen. Das wird
den Euro weiter schwächen und hätte
den Aufwertungsdruck auf den Franken
erhöht. Am Donnerstag zog SNB-Gouverneur Thomas Jordan die Reißleine.
Auf der eilig einberufenen Pressekonferenz gibt er sich schmallippig. Er will
nichts Falsches sagen. „Das kann ich
nicht genau beantworten“, sagt er und:
„Ich will hier nicht in die Details gehen.“
Bei der internationalen Presse kommt er
schlecht weg. Sie spricht von „Schweizer
Hammer“, von „Schweizer Schock“, vom
„Super-GAU“. Die abfällige Bezeichnung
„Gnome von Zürich“ macht die Runde.
Am härtesten gehen jedoch die
Schweizer selbst mit der SNB um. Die
Politik fürchtet einen Milliardenverlust
der Notenbank, der ein Loch in die
Staatsfinanzen reißen würde, und bangt
um Arbeitsplätze. Die Sozialdemokratin
Susanne Leutenegger Oberholzer kom-
Die Schweizer
Nationalbank hat
den Franken vom
Euro gelöst – und
macht die starke
Währung für die
Wirtschaft zur Last.
Das Geschäftsmodell
eines ganzen Landes
ist in Gefahr
– von Tobias Bayer
GETTY IMAGES
D
afür zahlt der Kunde gern
etwas
mehr.
Warme
Crêpes, nicht dicker als 0,7
Millimeter. Einzeln gebacken und gerollt wie eine
Havanna-Zigarre, gefüllt mit zarter
Schokolade. „Hüppen“ heißt die Spezialität, die das Unternehmen Gottlieber
seit 1928 im Schweizer Gottlieben am
Bodensee fertigt. Zu umgerechnet 0,70
bis 1,60 Euro das Stück. Seit Donnerstagmorgen ist die Hüppe für deutsche Feinschmecker noch um einiges teurer. Ohne
dass Geschäftsführer Dieter Bachmann
dazu irgendetwas beigetragen hätte.
Schuld ist der Wechselkurs. Die Schweizer Nationalbank (SNB) hat den Franken
völlig unerwartet vom Euro abgekoppelt.
An den Kapitalmärkten folgte ein Erdbeben. Der Frankenkurs schoss binnen Sekunden steil nach oben. Von 1,20 Franken je Euro auf zwischenzeitlich 0,85
Franken, um sich dann nahe der Parität
einzupendeln. Die Aktien an der Schweizer Börse brachen ein und verzeichneten
das größte Tagesminus seit 1989.
„Schwarzer Donnerstag“ in Zürich.
Gottlieber-Chef Bachmann erreichte
der SNB-Entscheid an dem Tag mitten in
einem Kundengespräch. „Der Schweizer
Franken liegt ja jetzt bei 1,04 Franken
zum Euro“, ließ sein Kunde fast beiläufig
fallen. „Nein, das kann nicht sein“, entgegnete Bachmann verdutzt. Er eilte in
sein Büro, rief die Nachrichtenseiten im
Internet auf. Und war fassungslos. „Das
hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gedacht, dass die SNB gestaffelt vorgeht.“
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
mentiert auf Twitter: „Das SNB-Direktorium muss die Folgen ihres Entscheides
für den Werkplatz nicht persönlich tragen. Vorerst nicht.“ Das klingt wie eine
Rücktrittsforderung.
„Schweizer Wirtschaft in großer Sorge“, titelt der Arbeitgeberverband Economiesuisse. „Massive Gefahr für Löhne
und Arbeitsplätze“, schreibt der Gewerkschaftsbund. Am lautesten poltert Nick
Hayek, der Chef des Uhrenkonzerns
Swatch mit Marken wie Omega oder Tissot. „Es fehlen einem die Worte“, poltert
Hayek. „Jordan ist ja nicht nur der Name
des SNB-Präsidenten, sondern auch ein
Fluss, und was die SNB da veranstaltet,
ist ein Tsunami.“ Und zwar „sowohl für
die Exportindustrie wie auch für den
Tourismus und schlussendlich für die
ganze Schweiz“. Wie heftig der Tsunami
ausfällt, darüber debattieren die Experten. Aktuell entwickelt sich die Schweizer Wirtschaft besser als die der EuroZone. Allerdings fallen die Preise. „Sollte
die Aufwertung des Franken anhalten,
dann würde das das Wachstum drücken“, sagt Roberto Mialich, Leiter der
globalen Währungsstrategie bei der italienischen Unicredit. „Der deflationäre
Druck im Land könnte sich verstärken.“
GEGENWIND UND RÜCKENWIND Etwas entspannter schätzt Klaus Wellershoff die Lage ein. Die Schweizer Wirtschaft werde das wegstecken, sagt der
Ex-Chefvolkswirt der Schweizer UBS,
der ein eigenes Beratungsunternehmen
in Zürich hat. Der Franken gewinne gegenüber dem Euro, gleichzeitig werte
aber der Dollar auf. „Es gibt also Gegenwind und Rückenwind“, sagt Wellershoff. Die Schweizer Industrie habe sich
in den vergangenen Jahren fit gemacht,
die Lohnstückkosten seien gesunken.
Vor der SNB-Entscheidung war Wellershoff für das kommende halbe Jahr von
einem Wachstum von zwei Prozent ausgegangen. Der starke Franken könne das
auf 1,5 Prozent verringern.
Doch der Ausblick verdüstert sich für
die Schweiz. Selbst ganz weit oben. In
Saas-Fee im Kanton Wallis leitet Josef
Planzer das Fünfsterne-Hotel Ferienart
Resort & Spa. Das Hotel ist gut gebucht.
Dennoch: Die geruhsamen Zeiten seien
vorbei. „Alles ist dank des Internets
transparent, es wird im letzten Moment
gebucht. Die Kunden richten sich nicht
selten nach dem Wetterbericht.“ Um
nicht ausgestochen zu werden, passt
Planzer die Preise laufend an. „Was
macht der Markt, fragen wir uns. Das ist
fast wie an der Börse.“ Eine Mitarbeiterin verfolgt auf zwei Monitoren live die
Buchungen, die in Datentabellen eingehen. „Pick-up-System“ wird das genannt,
maximale Auslastung ist das Ziel. Abhängig von der Nachfrage wird der Preis gesenkt. Die gute alte Zeit ist vorbei. Ein
paar Gewissheiten sind geblieben. Beispielsweise der Besuch eines belgischen
Paares, das jedes Jahr komme, sagt Planzer. „Seit einem halben Jahrhundert.“
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
6 Monate lesen!
Sonntags kompakt lesen und
30,–€ Gutschein wählen!
30,– €
30,– €
30,– € Shell-Gutschein
30,– € Amazon.de-Gutschein
Der 30,– € Shell-Gutschein ist in über 2.200 Shell-Stationen
in Deutschland einlösbar.
Hier bleiben keine Wünsche offen: Ihre Geschenkkarte
für den weltgrößten Online-Händler.
Gratis
z
Ja, ich lese 6 Monate WELT am SONNTAG Kompakt
für zzt. nur 2,60 € pro Ausgabe (entspricht 26 Ausgaben
für 67,60 €) und erhalte ein Geschenk meiner Wahl.
ur Wahl
Mein Geschenk
(Bitte nur 1 Kreuz)
30,– € Shell-Gutschein
30,– € Douglas-Gutschein
30,– € Amazon.de-Gutschein
PI1410-N01-KW01SZ
(64863)
(64864)
(64859)
Wenn ich WELT am SONNTAG Kompakt danach weiterlesen möchte,
brauche ich nichts weiter zu tun. Ich erhalte sie dann weiter zum
günstigen Preis von zzt. 33,80 € im Quartal (inklusive Haustür-Service).
Dieses Angebot gilt nur in Deutschland und nur, solange der Vorrat reicht.
Der Versand des Geschenks erfolgt nach Zahlungseingang.
Name
30,– €
Vorname
Straße/Nr.
PLZ
Ort
Telefon
30,– € Douglas-Gutschein
E-Mail (bitte angeben)
Verwöhnen Sie sich mit dem 30,– € Gutschein für das vielfältige
Beauty-Angebot von Douglas.
Ich zahle bequem per SEPA-Lastschriftmandat:
DE
Ihre BLZ
Ihre Kto.-Nr.
IBAN
Das SEPA-Lastschriftmandat kann ich jederzeit widerrufen.
Die Mandatsreferenz wird separat mitgeteilt.
Name/Vorname des Kontoinhabers (falls abweichend vom Leser)
Anschrift des Kontoinhabers (falls abweichend vom Leser)
Ich erwarte Ihre Rechnung.
Eine Woche Inspiration.
Die neue Sonntagszeitung im handlichen Format.
Ausführliche Reportagen, Hintergründe und Interviews.
Erleben Sie auf 64 Seiten Kultur, Stil, Sport, Politik und
Wirtschaft & Finanzen auf moderne Art: kompakt!
Frei Haus: inklusive kostenloser Lieferung direkt an die Haustür.
Lieferbeginn:
schnellstmöglich
Gläubiger-ID-Nr.: DE7600100000007913
Frei
Haus!
WELT am SONNTAG Kompakt erscheint im Verlag Axel Springer SE, Axel-Springer-Str. 65, 10888 Berlin, 0800/588 97 60. Vertreten durch den Vorstand, Amtsgericht Charlottenburg, HRB 154517 B.
Datum
Gleich bestellen!
0800/588 97 60
www.wams-kompakt.de/lesen
ab dem
2 0
Ich bin damit einverstanden, dass die Axel Springer SE mir
weitere Medienangebote per Telefon/E-Mail/SMS unterbreitet.
Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.
Ich kann der Nutzung meiner Daten zu Werbezwecken jederzeit beim
Verlag widersprechen: WELT am SONNTAG Kompakt, Brieffach 25 60,
10867 Berlin, Fax 0800/588 97 61.
Alle Informationen über Ihr gesetzliches Widerrufsrecht und die
Widerrufsbelehrung finden Sie unter www.wams-kompakt.de/widerruf.
Ich ermächtige die Axel Springer SE, Zahlungen von meinem Konto
mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein Kreditinstitut
an, die von der Axel Springer SE auf mein Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Hinweis: Ich kann innerhalb von acht Wochen,
beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten
Betrages verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut
vereinbarten Bedingungen.
X
Unterschrift
Bitte ausgefüllten Coupon senden an:
WELT am SONNTAG Kompakt,
Brieffach 25 60, 10867 Berlin
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
28 Wirtschaft & Finanzen
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Wirtschaftsgipfel
BADENWÜRTTEMBERG, DTSCH.
Wirtschaftsleistung in Mrd. Dollar
469
Zahl der Patentanmeldungen
14.225
Risikokapital, Volumen in Mio. Dollar
90
BAY AREA/
SILICON VALLEY, USA
Risikokapital, Zahl der
geförderten Unternehmen
Wirtschaftsleistung in Mrd. Dollar
542
31
Zahl der Patentanmeldungen
15.057
Vergleich BadenWürttembergs Wirtschaft ist fast so stark
wie die der US-„Bay
Area“. Aber dort gibt
es mehr Risikokapital
Risikokapital, Volumen in Mio. Dollar
12.000
Risikokapital, Zahl der
geförderten Unternehmen
mehr als 1000
Der Gipfel der Krisenmanager
Sorge um den Terror und die Zukunft des Euro prägen das Spitzentreffen bei der „Welt“
N
ie war die Agenda so voll wie in diesem
Jahr.
„Der
‚Welt‘-Wirtschaftsgipfel
scheint sich als Welt-Krisengipfel zu
etablieren“, sagte Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner. „Es kommen offenbar immer neue Krisen hinzu.“ Sorgen um
Europas Banken oder die Währung spielen bei dem
Spitzentreffen von Politik und Wirtschaft in Berlin seit
der ersten Ausgabe vor sechs Jahren eine große Rolle.
Im vergangenen Jahr kam das angespannte Verhältnis
zu Russland als neues, großes Diskussionsthema hinzu.
Und diesmal prägte zusätzlich die Terrorangst nach
den Anschlägen in Frankreich die Debatten der rund 50
Top-Manager mit deutschen Spitzenpolitikern, NatoGeneralsekretär Jens Stoltenberg sowie Mario Draghi,
dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB).
ANZEIGE
Ausgezeichnetes
Design findet immer
mehr Anhänger
vogels.com/DesignMount
Keine Halterung, sondern eine Haltung
Gönnen Sie Ihrem Premium-Flatscreen die schönste Wandhalterung,
die es gibt. DesignMount von Vogel’s: pures Design – intelligent, einfach,
stilsicher. Seien Sie konsequent und veredeln Sie Ihr TV-Erlebnis mit der
faszinierenden Optik dieser preisgekrönten Wandhalterung des Marktführers.
Mit raffinierten Detaillösungen und einem modularen System für immer
neue Dimensionen eines perfekten TV-Entertainments.
Klare, einzigartige
Linienführung
Elegante Oberflächen:
Chrom, gebürstetes
Aluminium
Erweiterbares System
für sämtliche Geräte
Fragen? Schreiben Sie uns: next@schnepel.com
ANZEICHEN VON DEFLATION Dabei sehen sich viele
Menschen in Deutschland wirtschaftlich nicht mehr in
einer Krise. „Die Stimmung in der Bevölkerung ist sehr
gut, dank der stabileren deutschen Konjunktur über
mehrere Jahre in Folge“, berichtete Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Die Wirtschaftselite selbst macht sich da deutlich
mehr Sorgen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. So sekundierte Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Notenbankchef
Mario Draghi in dessen Warnungen vor extrem niedrigen Teuerungsraten: „Die gegenwärtigen deflationären
Tendenzen sind gefährlicher, als es viele Beobachter
wahrhaben wollen“, sagte der Ökonom.
Andere Gipfelteilnehmer fürchteten dagegen eher
die erwarteten Gegenmaßnahmen der EZB, die mit
Staatsanleihenkäufen den Wechselkurs des Euro weiter
nach unten treiben könnte. „Die Abwertung des Euro
gehört für mich zu den drei größten Risiken, denen sich
die Welt gegenübersieht“, sagte Frank Riemensperger,
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Wirtschaft & Finanzen 29
Meinungsforscherin Renate Köcher
EZB-Präsident
Es gibt Grund zur Sorge, aber nicht zur Angst Das bekräftigt Bundesinnenminister Thomas de Maizière
Mario Draghi
Deutschland-Chef der Unternehmensberatung
Accenture.
EU-Kommissar Günther Oettinger warnte vor
einem Wiederaufflammen der Euro-Krise. „Es ist
5 vor 12 in Europa. Wenn Frankreich und Italien
ihre Reformen nicht machen, werden sich die
Zinskosten für diese Länder wieder verteuern“,
sagte Oettinger. Auch die nötig gewordenen Neuwahlen in Griechenland Ende Januar brächten
Unruhe. „Ich glaube nicht, dass die Entwicklung
in Griechenland ohne Auswirkung auf die gesamte
Euro-Zone ist.“ Europa mache ihm deshalb unverändert Sorgen. Trotz Deutschland, das auf dem
„Höhepunkt seiner Leistungskraft“ sei. Auch die
Bundesrepublik habe Hausaufgaben zu erledigen.
„Wir müssen in Deutschland über die Rente mit
70 reden und die Menschen auch im Berufsleben
weiterschulen. Sonst sind wir im kommenden
Jahrzehnt erneut der kranke Mann Europas.“
Zum 7. Mal da
Kanzlerin Merkel
Debattieren Beatrice Weder di
Mauro und Christoph Keese
(Axel Springer)
EU-Kommissar
Günther Oettinger
Willkommen Friede Springer,
Ministerpräsident
W. Kretschmann
M. LENGEMANN UND C. HAHN (15); GRAFIK: WAMS (3)
Mehrheitsaktionärin, und
Young Hoon Eom (Samsung)
Justizminister
Heiko Maas
Vertraulich Deutsche-BankChefs Fitchen (l.) und Jain
Nato-Chef Jens
Stoltenberg
Vorsichtig Außenminister
Frank-Walter Steinmeier
Deutsche-Bank-Vorstand Anshu Jain
SCHWELENDE KONFLIKTE Weit oben auf der
Sorgenliste steht auch die geopolitische Lage. Hatten im vergangenen Jahr noch viele Topmanager
auf ein rasches Ende der Konfrontation zwischen
Europa und Russland gehofft, stehen sie den anhaltenden Spannungen inzwischen weitgehend
hilflos gegenüber. Jedenfalls formulierte niemand
einen echten Gegenentwurf zu Nato-Generalsekretär Stoltenberg, der höhere Verteidigungsausgaben in Europa forderte: „Sicherheit ist kein optionales Extra, sondern die Basis für alles, was wir
haben.“ Außenminister Frank-Walter Steinmeier
(SPD) warnte in diesem Zusammenhang davor,
durch die Verhängung weiterer Sanktionen Russland zu destabilisieren. „Es bringt für die Stabilität
in Europa nichts, ein Russland in seiner Nachbarschaft zu haben, das vor dem wirtschaftlichen Kollaps steht“, warnte Steinmeier.
Noch akuter als der seit Monaten schwelende
Russland-Konflikt beschäftigte die neue Welle islamistischen Terrors die Gipfelteilnehmer. „Die
Lage ist ernst, und wir haben Grund zur Sorge und
Vorsorge, aber nicht zu Panik und Angst“, sagte
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).
Politik und Wirtschaft gaben sich aber entschlossen, der Attacke auf westliche Werte die Stirn zu
bieten. Er sei schockiert gewesen von dieser Attacke auf die Meinungsfreiheit, sagte etwa Deutsche-Bank-Co-Chef Anshu Jain. „Aber die Reaktion hat gezeigt, dass eine große Solidarität besteht.“ Bundesgesundheitsminister Hermann
Gröhe (CDU) sagte: „Terroranschläge wie in Paris
verlangen eine entschlossene Antwort und dürfen
uns nicht die Agenda diktieren.“ Themen, die
wichtig seien, müssten trotz solch schrecklicher
Ereignisse auf der Tagesordnung bleiben.
Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) betonte: „Eine sichere Gesellschaft ist für die wirtschaftliche Entwicklung von Bedeutung. Und wie
wir in dieser Gesellschaft zusammenleben und
wie wir von außen betrachtet werden, ist für die
Exportnation Deutschland von besonderer Bedeutung.“
Martin Greive und Sebastian Jost
Spitzentreffen v. l.: Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner,
Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller mit Chefredakteur Jan-Eric Peters und Herausgeber Stefan Aust
Digitaler
Frust
Die Wirtschaft fürchtet, im
Internet von den USA abgehängt
zu werden
A
uch in Zeiten von Skype, WhatsApp und Videokonferenzen, ist es gut, sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen. Darin dürfte sich die Mehrheit der
Teilnehmer des „Welt“-Wirtschaftsgipfels einig gewesen
sein. Trotzdem gehörten die Möglichkeiten der digitalen
Wirtschaft – und ganz besonders die nicht genutzten Möglichkeiten des technologischen Wandels – zu den zentralen
Themen des Treffens. Viele Teilnehmer äußerten große Sorgen, dass US-Konzerne wie Google und Facebook ihren Vorsprung in den kommenden Jahren weiter ausbauen und so
Deutschland und Europa abhängen könnten.
Die Manager bemängelten besonders, dass hierzulande
die Rahmenbedingungen für Risikokapitalgeber, die in junge
Unternehmen investieren, ungenügend seien. „Ein ganz
wichtiges Thema ist für mich die Finanzierung junger Unternehmen“, sagte etwa Marijn Dekkers, der Vorstandschef des
Chemieriesen Bayer. „Wir brauchen ein neues Wagniskapitalgesetz.“ Für diese Forderung gab es viel Zustimmung am
runden Konferenztisch in der 19. Etage des Axel-SpringerHauses. Mehr Druck beim Venture-Capital-Gesetz sei wichtig, hieß es in Richtung der anwesenden Spitzenpolitiker.
Die Politik allerdings wollte den Sorgen nur teilweise
recht geben. Günther Oettinger etwa, der aus Schwaben
stammende EU-Kommissar für digitale Wirtschaft, warnte
eindringlich vor der Dominanz amerikanischer Internet-Unternehmen. Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident
von Baden-Württemberg, hingegen verwies darauf, dass die
deutsche Wirtschaft international überaus wettbewerbsfähig sei und die Konkurrenz aus dem Silicon Valley deshalb
ernst nehmen, aber nicht fürchten müsse. „Natürlich haben
wir beim Thema Digitalisierung die erste Runde an die USA
klar verloren“, sagte Kretschmann. „Aber wir sind mit Autoindustrie und Maschinenbau, Anlagenbau und Medizintechnik gut aufgestellt – und haben die Chance, mit Industrie 4.0,
also der intelligenten Fabrik, an diese Champions League anzuschließen. Ich fürchte mich nicht, dass unsere badenwürttembergischen Autohersteller da nicht am Ball sind.“
Ulrich Grillo, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), glaubt ebenfalls, dass die deutsche
Industrie für diesen Wandel gut gerüstet ist.
Kretschmann gab zu bedenken, dass die regulatorischen
Rahmenbedingungen stimmen müssten, damit verfügbare
Technologien auf breiter Front genutzt werden können. „Die
Datensicherheit; das ist natürlich das Top-Thema“, sagte der
Grünen-Politiker. „Wenn der Mittelständler Angst haben
muss, dass seine Betriebsgeheimnisse aus der Cloud abgezapft werden, dann wird er das nur noch begrenzt nutzen.“
Er warnte davor, gegenüber dem Silicon Valley in Minderwertigkeitsgefühle zu verfallen. Tobias Kaiser, Mitarbeit: mgr
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
30 Sonderseite Medienkongress 2015
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
D
Schwindende
leger der „Basler Zeitung“. Die
Unabhängigkeit einer Redaktion
könne nur noch gesichert werden,
wenn diese auch wirtschaftlich
denke, so Somm.
Ob kurzfristiges und langfristiges wirtschaftliches Denken
dabei zu den gleichen Ergebnissen führt, erscheint als eine der
interessanten Fragen. Langfristig ist jede Unterminierung von
Reputation und Glaubwürdigkeit fraglos geradezu geschäftsschädigend. Kurzfristig aber stehen die Zeitungsverlage in harter und direkter Konkurrenz zu
den neuen sozialen Medien. Und
diese fungieren als Einfallstor
für die explosiv grassierende
Vermischung von Informationsdienstleistung und Produktwerbung. Die sozialen Netzwerke
ersetzen für viele ihrer Benutzer
bereits die klassischen journalistischen Medien, sind aber ein
wahres Dorado für verdeckte,
das heißt kommerziell motivierte, jedoch nicht als solche erkennbare Werbeformen.
Ohne sich an irgendwelchen
presse-ethischen Regularien wie
dem Codex des deutschen Presserates zu orientieren, dienen sich
die neuen Internet-Medien als
Melange aus Kontaktversprechen,
Alltagsorientierung und LifestyleEnvironment an. Dort wird Produktwerbung ein integraler Bestandteil dieses Kommunikationstableaus. Unter dem Deckmantel
von „Innovation“ und „free flow
of Information“ nehmen Google,
Facebook und Co. so ihre WerbeMilliarden mit, wo und wofür
auch immer sie gezahlt werden.
Digitalisierung und Internet
stellen in vielerlei Hinsicht eine
völlig neue Entgrenzung der Informationsverarbeitung und -verbreitung dar. Das gilt für die schwindende Distanz zwischen Quelle und Publikum bei journalistischen Produkten
ebenso wie für neue Werbeformen. Sie
sind auch oft genug in Gestalt von Apps
(Anwendungen) für Tablets oder
Smartphones Informationsprodukt und
Werbebotschafter ihrer jeweiligen Marke in einem. Das gilt eben nicht nur für
klassische journalistische Produkte,
sondern für theoretisch jedes Markenprodukt.
Ulrich Clauß
Distanz
Nie war das Problem
journalistischer Glaubwürdigkeit so
virulent wie im digitalen Zeitalter
GETTY IMAGES/CSA; COLLAGE: JAQUES BAGIOS
er Der Moderator einer populären USTalkshow brachte es
jüngst auf den Punkt:
„Werbung ist in den
journalistischen Inhalt eingebacken wie Schokolade in die Plätzchen“, sagte John Oliver in der
HBO-Show „Last Week Tonight“
zu aktuellen Tendenzen der Vermischung von Produktwerbung
und Journalismus. Wobei solches
„Einbacken“ noch der weniger
problematische Fall ist. Sogenanntes Native Advertising (also verkappte Werbung) geht da noch wesentlich weiter, wie das Beispiel
des populären Newsportals buzzfeed zeigt. Dieser US-Netzdienst
erhebt verdeckte Werbung geradezu zum Geschäftsprinzip. Aber
auch in Europa ist das Geschäftsmodell auf dem Vormarsch.
Das Schweizer Newsportal Watson beispielsweise lässt Redakteure inzwischen selbst als Werbetexter arbeiten – und steht auch ganz
offen dazu. Auch das Portal Huffington Post arbeitet bereits in Europa völlig ungeniert mit „Native
Advertising“. Das bedeutet eingebettete, als solche nicht ohne Weiteres für den Nutzer erkennbare
Produktwerbung. Dort werden Inhalte von Werbekunden bezahlt,
jedoch mit redaktioneller Anmutung veröffentlicht.
Ganz offensichtlich rührt also
die Transformation des herkömmlichen Journalismus – vor allem
des Zeitungsjournalismus – zu Online-Produkten viele grundsätzliche Fragen auf. Dazu gehört auch
das Problem des Zusammenspiels
von journalistischen Produkten
und Werbung – wie konkret beim
Native Advertising. „Gefahrenpotenzial liegt darin, dass die Journalisten sich an den Zielgruppen der
Werbewirtschaft orientieren und dadurch weniger die Interessen aller Gruppen der Gesellschaft berücksichtigen“,
stellen hierzu Julia Eben und Marlene
Gsenger für die Forschungsgruppe Medienwandel der Paris-Lodron-Universität Salzburg fest. Journalistische Beiträge könnten somit zu Nebeneffekten wirtschaftlicher Tätigkeit werden.
Nun ist es kein exklusiver Trend des
Netzzeitalters, die Trennung zwischen Werbung und Journalismus zu
verwischen oder gleich ganz zu suspendieren. Viele deutsche und internationale Zeitschriften oder Magazine geben seit Jahren Beilagen heraus,
die redaktionell anmuten, tatsächlich
aber von Werbekunden bezahlte Broschüren sind. In der Branche nennt
man so etwas Anzeigensonderveröffentlichung oder Advertorial. Sie
müssen allerdings als solche gekennzeichnet sein und sich über das Layout vom redaktionellen Teil einer Publikation deutlich unterscheiden.
Das Thema ist im Grunde so alt wie
der Journalismus selbst. Es hat aber angesichts der weltweiten Erlöskrise der
Zeitungsverlage und deren Suche nach
neuen Geschäftsmodellen neue Aktualität bekommen. Vor allem vor dem
Hintergrund der „Glaubwürdigkeitskrise“ traditioneller publizistischer Marken stellen sich grundsätzliche Fragen
zu journalistischer Qualität und der
Unabhängigkeit ihrer Produzenten im
Lichte neuerer Finanzierungskonzepte.
So wenigstens konstatieren es viele Medienwissenschaftler. Dabei wird das
übergreifende Thema Glaubwürdigkeit
auch in der Branche längst als zentrale
Herausforderung begriffen. So gaben
fast zwei Drittel (63 Prozent) der im
Rahmen des „Social Media Trendmonitors 2014“ befragten Journalisten an,
mangelnde Glaubwürdigkeit und Repu-
tation bei ihren Zielgruppen als Problem zu erleben.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine weitere Aushöhlung der journalistischen Reputation klassischer Marken
durch unklare Trennung von Werbung
und Journalismus als geradezu selbstmörderisch – aber durchaus im Trend.
„Die berühmte Firewall zwischen Verlag
und Redaktion kann man sich heute gar
nicht mehr leisten“, meint unumwunden
Markus Somm, Chefredakteur und Ver-
DER DEUTSCHE MEDIENKONGRESS 2015
Der Deutsche Medienkongress findet
am 20. und 21. Januar 2015 in der Alten
Oper in Frankfurt am Main statt. Das
Motto in diesem Jahr lautet „Marketing
meets Media – Von Treibern und Getriebenen“. Veranstalter sind das Medienfachmagazin Horizont sowie die
The Conference Group. Beide gehören
zur dfv Mediengruppe.
Themenschwerpunkte sind u. a.
„Verbraucherschutz und Werbung“,
„Qualitätsjounalismus 2015 – Klassik
versus digital“, „Funktioniert Marketing
auch ohne Medien?“, „Google, Facebook,
Amazon & Co. – Wie die US-Giganten
den Markt verändern“ oder „Print, TV,
Radio, Digital: Kampf der Mediengattungen – Wer hat 2015 die Nase vorn?“.
63 hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Medien werden referieren und miteinander diskutieren.
Dabei sind u. a. Günther Oettinger (EUKommissar für digitale Wirtschaft und
Gesellschaft), Renate Künast (Bundestagsabgeordnete, Vorsitzende des Ausschusses für Justiz und Verbraucherschutz), Andreas Wiele (Axel Springer),
Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung), Jens Bischof (Deutsche Lufthansa), Thomas de Buhr (Twitter Germany), Matthias Ehrlich (Bundesverband
Digitale Wirtschaft), Tina Beuchler
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
(Nestlé Deutschland), Jörg Hausendorf
(Bauer Media Group), Christian Krug,
Julia Jäkel (beide Gruner+Jahr), Peter
Kloeppel (RTL), Lars Lehne (Google
Germany), Tina Müller (Opel), Mathias
Müller von Blumencron (FAZ), Andreas
Mundt (Bundeskartellamt), Christian
Seifert (Deutsche Fußballliga), Gabor
Steingart (Verlagsgruppe Handelsblatt),
Thomas Strerath (Jung von Matt), Philipp Welte (Hubert Burda Media) und F.
Scott Woods (Facebook).
Höhepunkt am Abend des ersten
Veranstaltungstages wird die Verleihung des Horizont Award „Männer und
Frauen des Jahres 2014“ sein. sts
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
T
H
C
I
N
H
C
U
A
D
N
I
S
R
E
.
R
N
H
E
A
R
F
A
L
W
L
A
OPE
M
E
I
S
S
A
W
,
S
A
D
MEHR
er niedlich.
ß
u
a
s
e
ll
A
.
OCKS
Der ADAM R
KS
#ADAMROC
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
32 Sonderseite Medienkongress 2015
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
H
Kategorie Medien
Mit Donata Hopfen wird nach
Auffassung der Jury eine Managerin zur Medienfrau des Jahres
2014 gekürt, die maßgeblich verantwortlich sei für die mutige
und gelungene Einführung von
Paid Content bei der Bild-Gruppe. Das Bezahlmodell Bild Plus
sei wegweisend für die gesamte
Verlagsbranche, die händeringend nach neuen und erfolgversprechenden
digitalen
Geschäftsmodellen Ausschau halte, so die Juroren in ihrer Begründung. Wenn Axel Springer
Timotheus Höttges ist
Vorstandsvorsitzender der
Deutschen Telekom AG
des einstigen Staatskonzerns zu
einem innovativen Unternehmen noch stärker voran. Die
Markenarchitektur unter dem
magentafarbenen T löse das
kommunikative
Versprechen
„Erleben, was verbindet“ glaubwürdig ein, befand die Jury.
Donata Hopfen ist
Geschäftsführerin der
Bild-Gruppe
MARA MONETTI
BJOERN-ARNE EISERMANN
BARBARA FROMMANN
orizont“, die Fachzeitschrift für Marketing,
Werbung und Medien,
verleiht alljährlich den begehrten Branchenpreis „Horizont
Award“ in den drei Kategorien
Marketing, Agenturen und Medien. Die „Männer und Frauen
des Jahres 2014“ zeichnen sich
durch ihre persönliche Leistung, ihren unternehmerischen
Mut, ihr Engagement und die
Konsequenz ihrer Arbeit für die
Branche aus. Der „Horizont
Award“ will aber nicht nur die
Leistung der Preisträger im vergangenen Jahr würdigen, sondern bezieht sich auch auf ihren
Einsatz über einen längeren
Zeitraum. Der Preis wird im
Rahmen des Deutschen Medienkongresses
übergeben.
Und das sind die Preisträger.
Marco Seiler gründete
vor 20 Jahren die erfolgreiche
Agentur Syzygy
Preis für Strategen
Der „Horizont Award“ würdigt Persönlichkeiten, die ihre
Unternehmen und auch die Branche vorangebracht haben
im Boulevardjournalismus damit Erfolg habe, würden auch
andere, derzeit eher zögernd
agierende Verlage nachziehen,
so die nicht unbegründete Hoffnung der Jury. Auch Donata
Hopfen sieht die Entwicklung
positiv: Die Jury hob in ihrer
Entscheidung zudem hervor,
dass Hopfen als Vorsitzende der
Verlagsgeschäftsführung der ge-
samten Bild-Gruppe zudem seit
Mai vergangenen Jahres kanalübergreifend für „Bild“, „Bild
am Sonntag“, „B.Z.“ und Bild Digital verantwortlich zeichne.
Kategorie Marketing
Unternehmer des Jahres in der
Kategorie Marketing ist Deutsche-Telekom-Chef Timotheus
Höttges. Imponiert hat der Jury
nicht nur, „wie reibungslos der
Konzern den Übergang von der
Nummer zwei zur Nummer eins
bewerkstelligte“. Unter der Ägide René Obermanns war Höttges Finanzvorstand der Deutschen Telekom und habe schon
da maßgeblich zum Umbau des
deutschen Unternehmens beigetragen. In seiner neuen Funktion treibe Höttges den Umbau
Kategorie Agenturen
Herausragende Leistungen habe
auch der dritte Preisträger Marco Seiler vollbracht, meint die
Jury. Mit dem Crash der New
Economy hat die Internetagentur-Szene seinerzeit die meisten
führenden Köpfe verloren. Marco Seiler sei dort eine Ausnahme. Der Jury hat die unternehmerische Leistung imponiert,
mit der Seiler seine Agentur in
den vergangenen Jahren systematisch ausgebaut hat. Syzygy
ist ein börsennotierter AgenturDienstleister, der in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte
Wachstumsgeschichte
vorweisen konnte. Die von Seiler Mitte der 1990er-Jahre gegründete Internet-Agentur sei
längst zu einem internationalen
Digital-Netzwerk mit Büros in
Frankfurt, Hamburg, Berlin,
London, New York und Warschau angewachsen. Nachdem
die Gruppe jüngst die weltweite
digitale Lead-Agentur für BMWMotorräder wurde, gibt es bald
auch eine Dependance in München.
Stefan Seewald
ANZEIGE
Nur wer für jeden Einzelnen da ist,
kann für alle da sein.
Wir sind die Post für 82 Millionen Menschen. Und für jeden von ihnen geben
wir täglich alles. Bei Wind und Wetter sind 86.000 Post- und 14.000 Paketboten
im ganzen Land unterwegs, damit 64 Millionen Briefe und 3,4 Millionen Pakete
zuverlässig ihren Empfänger erreichen. Und das bereits nach nur einem Tag.
Mit dieser einzigartigen Leistung machen unsere Zusteller die Deutsche Post
zur Post für Deutschland.
www.deutschepost.de
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
V
or wenigen Wochen
drohten die Anwälte des
Filmstudios Sony Pictures mehreren US-Medien mit
Schadenersatzforderungen,
sollten sie weiterhin brisantes,
von Hackern erbeutetes Material veröffentlichen. Im November hatte die Hackergruppe
Guardians of Peace nahezu alle
Firmeninterna des HollywoodStudios gestohlen, darunter unveröffentlichte Filme, Kosten
und Erlöse von Filmen und Serien, E-Mails des Managements,
Gehälter und Telefonnummern
von Schauspielern und Mitarbeitern sowie deren Leistungsbeurteilungen oder Krankenakten. Im Fokus der Medien standen vor allem aber der in den
persönlichen E-Mails von Management und Mitarbeitern gefundene Klatsch über die Hollywood-Größen.
„Das ist blanker Voyeurismus“, sagt Jessica Heesen, Leiterin
der
Nachwuchsforschungsgruppe
Medienethik
des Internationalen Zentrums
für Ethik in den Wissenschaften
(IZEW) in Bezug auf viele der
Sony-Veröffentlichungen. „Persönliche E-Mails sind nicht von
öffentlichem Interesse.“ Auch
das Argument, solche Geschichten verkauften sich gut, lässt die
Medienethikerin nicht gelten.
Wenn viele Menschen erreicht
Sonderseite Medienkongress 2015 33
werden, würde damit zwar auch
eine gewisse Form von Öffentlichkeit geschaffen werden, das
sei aber nach ethischen Prinzipien nicht vertretbar.
Für Jessica Heesen spielt es
dabei keine Rolle, in welcher
Form die Daten vorliegen. Ob
digital auf einer Raubkopienbörse im Internet veröffentlicht oder in Form gestohlener
Akten wie etwa der Krankenakte Michael Schumachers im vergangenen Sommer: Virtuelle
Daten sind für die Medienethikerin genauso real wie physische: „Die Informationen bekommen Realität, weil wir sie
zu unserem Wissen machen“,
konstatiert sie. Von Journalisten fordert Heesen, im konkreten Fall individuell abzuwägen,
ob Informationen wirklich von
öffentlichem Interesse sind.
Auch für Marco Gercke, Leiter des Instituts für Medienstrafrecht und Professor für
Medien-, Völker- und Europastrafrecht an der Universität zu
Köln, gilt: Es kommt immer auf
den Einzelfall an. Für den Juristen stellt sich die Frage, ob Medien wirklich Daten weitertragen müssen, die im Rahmen einer Straftat erlangt wurden.
„Da müssen Grenzen gezogen
werden.“ So sieht auch Gercke
in der Debatte über die Bezahlung der Sony-Manager eine öf-
GETTY IMAGES/CSA
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Datendiebstahl kann nicht nur zum Sicherheitsrisiko werden, sondern
auch politische Krisen auslösen
Angriff im Netz
Medien veröffentlichen Daten aus
dubiosen Cyber-Quellen. Werden
damit rechtliche und ethische
Grenzen überschritten?
fentliche Relevanz. Ein urheberrechtlich geschützter Film
sollte hingegen nicht durch die
Presse verbreitet werden. Aber
auch er weiß: „Manchmal reicht
es eben nicht, nur über etwas zu
berichten, da müssen dann
schon die konkreten Dokumente veröffentlicht werden. Juristisch verfügen Daten aber nicht
über Eigentumsrechte“, erklärt
Gercke. Doch mit einer Veröffentlichung werden Geschäftsgeheimnisse und oft auch Persönlichkeitsrechte verletzt.
Informatikprofessor Stefan
Katzenbeisser von der TU
Darmstadt rät: „Schützen können sich Unternehmen vor allem durch einen aktiven und individuellen Sicherheitsmanagementprozess und individuelle
Gefahrenanalyse.“ In seiner
„Prognose zur IT-Sicherheit im
Jahr 2015“ warnt der Hersteller
von Antivirus- und Computersicherheitssoftware McAfee vor
immer komplexeren Attacken.
Schwerpunkt seien Großangriffe auf Unternehmen und Staaten sowie Cyberspionage.
Journalisten werden sich zunehmend fragen müssen, wie sie
mit ihnen zugespielten Daten
umgehen. Die Experten sind
sich in einem Punkt einig: Zu
Komplizen von Hackern dürfen
sich die Medien nicht machen
lassen.
Katharina Lehmann
ANZEIGE
Was uns verbindet.
Es liegt in unserer Natur: Wir brauchen den Austausch mit anderen Menschen, um uns zu entwickeln.
Teilen ist Nähe. Deshalb teilen wir, was uns wichtig ist, mit denen, die uns wichtig sind.
Wir teilen Erlebnisse, Erfahrungen und Überzeugungen, ja manchmal sogar unser Eigentum.
Aber auch unser Wissen und unsere Ideen. Und führen sie oft zu etwas Besserem, etwas Größerem.
Genau darin liegt unser Antrieb.
Wir, die Deutsche Telekom, sind mehr als irgendein Unternehmen, das die Gesellschaft mit Infrastruktur
versorgt. Wir sind vertrauenswürdiger Begleiter in allen Lebenslagen. Privat und beruflich. Immer und überall.
Das Leben der Menschen nachhaltig zu vereinfachen und zu bereichern – das ist unser Auftrag.
Mit unserem Netz als Lebensader: schnell, zuverlässig und sicher. Für jedermann einfach zugänglich.
Nah bei den Kunden, transparent, fair und offen für den Dialog.
Mit neuen Produkten, deren Chancen wir schnell und früh erkennen, um sie zusammen
mit unseren Partnern zu entwickeln. Das alles können wir besser als jeder andere.
Und das schafft das nötige Vertrauen für eine langfristige Beziehung.
Genau dafür arbeiten wir bei der Deutschen Telekom – leidenschaftlich, fokussiert und effizient.
So beschreiten wir gemeinsam den Weg in eine faszinierende Welt unendlicher Möglichkeiten.
Das verbindet uns.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Girls ohne Ende. Lena
Dunhams Serie geht
munter weiter Seite 36
Die Trauer endet nie.
Marilyn Manson rockt
und rockt Seite 37
Am Ende kommen
sie doch wieder: Die
wilden Tiere Seite 38
Ich hab’s! Benedict Cumberbatch (Mitte)
als Alan Turing, mit Keira Knightley,
Matthew Beard und Matthew Goode
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
KULTUR
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
KINO
Die MenschMaschine
Alan Turing hat Abertausende Leben retten können, sein eigenes nicht. Im Zweiten Weltkrieg gelang dem britischen Mathematiker der entscheidende Durchbruch bei der Entschlüsselung des
Codes, in dem die Nazis funkten und der durch eine Chiffriermaschine namens „Enigma“ erzeugt
wurde. Das bewahrte amerikanische Nachschubschiffe vor Torpedos, englische Städte vor Bombardements, ermöglichte effektive Abwehrstellungen, hinderte – durch die Verkürzung des Krieges um mindestens zwei Jahre – Züge daran, noch
mehr Juden in die Vernichtungslager zu deportieren. Als der Krieg zu Ende war und Turing wieder
ein Zivilist, über dessen Wirken nichts bekannt
werden durfte, wurde er wegen seiner Homosexualität vor Gericht gestellt. Der freien Gesellschaft, die vor dem Untergang zu bewahren er geholfen hatte, galt sie damals noch als Verbrechen.
Das Urteil: Haft oder „chemische Kastration“, eine Hormontherapie mit Östrogen, die ihm die Libido nahm, in Wahrheit die Freiheit, zu lieben und
zu begehren, wen er wollte. Ein Jahr, nachdem er
die Behandlung hinter sich gebracht hatte, während der seinem Körper Brüste und in seiner Seele
Depressionen gewachsen waren, starb er durch eine Blausäurevergiftung; die meisten seiner Biografen halten Turings Tod für einen Selbstmord, andere für eine Art Unfall beim Experimentieren.
Ein Leben wie dieses, in dem Heldentum, Genie, historische Bedeutung und persönliche Tragik
so verschmolzen sind, kann sich das Kino nicht
entgehen lassen, und tatsächlich ist es bereits einige Male erzählt worden. Doch seine endgültige
filmische Form erhält es erst jetzt durch „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“, ein
Biopic des norwegischen Regisseurs Morten Tyldum, das für acht Oscars nominiert wurde.
Die bisherigen Versionen litten noch daran, dass
sie sich zu sehr von den historischen Fakten hatten
beeindrucken lassen. Sie wollten tatsächlich nur erzählen, was damals geschehen ist: wie es eine Gruppe von Mathematikern, Linguisten, Statistikern und
Kreuzworträtsellösern im Süden Englands schaffte,
durch Nachdenken, Kombinieren, Rechnen, Analyse, Versuch und Irrtum, also durch intellektuelle An-
strengung, einen Code zu dechiffrieren, der lange als
unüberwindbar gegolten hatte. Das Problem dabei
liegt auf der Hand: Denkende Männer, die sich darüber unterhalten, mit welcher Methode und mit welcher Maschine man eine unknackbare Verschlüsselung doch knacken könnte, sind für die meisten
Menschen leider nicht sehr spannend. In „The Imitation Game“ ist das nun anders. Tyldums Film tut,
was Hollywoodfilme tun müssen: Er baut sich seine
eigene Maschine. Er verdichtet, dichtet um, dichtet
dazu. Alles, was „The Imitation Game“ erzählt, ist
nah dran an dem, wie es gewesen ist, und so weit davon entfernt wie in einer Sage.
finden konnte. Im Kino wird zwar nicht das Gegenteil behauptet, aber suggeriert, er sei eine
Klemmschwester gewesen, der das Sexuelle irgendwie eine Belastung gewesen sei. Im wirklichen Leben hat Turing seine Fähigkeiten seinem
Land (und der Menschheit) loyal zur Verfügung
gestellt, in „The Imitation Game“ lässt er einen
sowjetischen Spion nicht auffliegen, weil der von
seiner Homosexualität weiß (ein Winkelzug, der
Turing zu einem Landesverräter macht, eine seltsame Idee in einem Film, der Turings Ehre besingen will). Im wirklichen Leben hieß die TuringMaschine, die die Nazi-Maschine hacken sollte,
„Victory“ – im Kino heißt sie „Christopher“ und
ist nach dem Jungen benannt, in den sich Turing
während seiner Zeit im Internat verliebt hatte und
der einen frühen Tod gestorben war.
Alles in allem wird die historische Wahrheit in
so vielen Details so unverfroren den Gesetzen des
Biopic-Marktes angepasst, dass man jedes Recht
hätte, „The Imitation Game“ als Rührstück abzutun. Und dennoch handelt es sich um einen tollen
Film – weil er sich die Souveränität erlaubt, die
Geschichte Turings in einem Code zu verschlüsseln, den wir unterkomplexen Menschen, für Empathie begabter als für Logik, dechiffrieren können. Nach anderthalb Stunden werden die Jungs
und Mädchen, die gekommen sind, um mit einem
ergreifend verwirrenden Benedict Cumberbatch
und einer anrührend menschlichen Keira Knightley zu fiebern, so beeindruckt von dem sein, was
Turing getan hat, dass sie hoffentlich darauf verzichten, irgendwas mit Medien studieren zu wollen, um sich der Mathematik zuzuwenden.
Die Erwachsenen, die zu alt sind, um ihr Leben
noch einmal zu ändern, könnten sich wenigstens
die fantastische Turing-Biografie von Andrew
Hodges besorgen und dort in aller Ausführlichkeit
nachlesen, was für ein großartiger Mann Turing
gewesen ist. Nicht wenige von uns haben es möglicherweise seinem Wirken zu verdanken, dass sie
überhaupt geboren wurden. Da verzeiht man ein
wenig unterkomplexes Pathos gern.
EINSAME KLEMMSCHWESTER Im wirklichen
Leben war Turing zwar ein Exzentriker, aber einer,
von dem seine Biografen sagen, er habe viel Humor gehabt, gut mit Kindern gekonnt, Freundschaften unterhalten, sobald er jemandem vertraute. Im Film ist Turing Benedict Cumberbatch
– ein Mann an der Grenze zum Autismus, zu doof,
Witze zu verstehen, unfähig zu Small Talk und
Feinmimik, ein Genie, zu dem das Wissen nicht
durch Nachdenken, sondern durch Erleuchtung
kommt. Der Brite (“Sherlock“) ist dafür erstmals
für den Oscar als „Bester Hauptdarsteller“ nominiert. Wie Turing den Nazicode besiegen kann, kapiert die Maschine Cumberbatch in einer Kneipe
beim ungelenken Flirten. Er sagt etwas, was in Asterix-Heften mit „Heureka!“ ausgedrückt werden
würde, alle laufen nachts in ihre CodeknackerHütte, und ein paar Minuten später haben sie die
Nazis gehackt, um sich danach den Kopf darüber
zerbrechen zu müssen, dass sie jetzt nicht alle alliierten Schiffe retten dürfen (weil sonst die Nazis
wüssten, dass ihr Code nicht mehr sicher ist). In
Wirklichkeit war die Enigma-Entschlüsselung eine kollektive Anstrengung, an der ein paar Tausend Leute mitwirkten, im Film ist sie die Operation eines einsamen, halb wahnsinnigen Genies
gegen die Widerstände von Vorgesetzten, die auf
Disziplin und Befehlskette Wert legen und nicht
kapieren, wie Nerds ticken.
Im wirklichen Leben war Alan Turing ein
Schwuler, der am Schwulsein nichts Verwerfliches Ab Donnerstag im Kino
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
© SQUAREONE ENTERTAINMENT; © 2014 HOME BOX OFFICE INC. AL; AGATA ALEXANDER/UNIVERSAL MUSIC; ILLUSTRATION: CLAUDIA BERNHARDT
A
Alan Turing war das Genie, das den
Enigma-Geheimcode der Nazis entschlüsselte.
„The Imitation Game“ erzählt seine Geschichte
als Rührstück – das Benedict Cumberbatch seine
erste Oscar-Nominierung bringt – von Peter Praschl
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
36 Kultur
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
PLATTENKRITIK
Dan Mangan +
Blacksmith
Diesem wunderbar warm tönenden
Bariton könnte man stundenlang zuhören. Zum Beispiel in der FolkrockBallade „Mouthpiece“, einer leidenschaftlichen Selbstreflexion der Sorte,
die man auch von The National kennt.
Der Song entwickelt ein irres Tempo,
stürzt in einen Erinnerungstraum, einen dunklen Assoziationswirbel. Bisher
kannte man Dan Mangan (wenn überhaupt) eher als Schreiber eingängiger
Indie-Folk-Nummern, vor allem als
Sänger des Singalongs „Robots“. Jetzt
macht er ernst, liebt opulent-komplexe
Songentwürfe, spielt nicht mehr den
Romantiker, sondern versucht sich an
schwerwiegenden Dramen. Blacksmith,
ein Musiker-Kollektiv aus Vancouver,
sorgt dafür, dass „Club Meds“ wie eine
echte Bandplatte klingt - hier ein bisschen Post-Rock, da ein wenig ProgRock. Und Mangan entdeckt im Folkwalzer „XVI“ sein Herz für Marie Antoinette und Ludwig XVI. – und verwandelt sie in Wall-Street-Banker.
Gunther Reinhardt
Dan Mangan +
Blacksmith
„Club Meds“
(City Slang)
Der „Rolling Stone“, Deutschlands wichtigstes Musikmagazin, erstellt die Plattenkritik
exklusiv für „Welt am Sonntag Kompakt“
FREMDSCHÄMEN FÜR ALLE Erbarmungslos dekliniert Dunham Variationen der Generation „oversexed and underfucked“ durch. Wenn die Girls sexuell aktiv sind, wirkt sich das schlecht auf
die Einschaltquoten aus. Niemals laden
diese Darstellungen zur Nachahmung
ein. Erotik ist so gnadenlos unerotisch,
dass man glauben möchte, Dunham habe den Begriff Fremdschämen kreiert.
Als Williams das Script für die erste
Folge las, ging sie mit der Professionalität eines Sterne-Patissiers vor: „Zuerst
dachte ich: Oh Gott! Aber ich habe mich
inzwischen an diese Art von Szenen gewöhnt. Und ich liebe Ebon natürlich total. Es war für ihn deutlich eine intensivere Erfahrung, von meiner Seite war
das eher passiv. Ich habe mich mit einer
dieser Vanille-Cremes eingehüllt, ich
wollte sehr gut riechen. Ich wollte, dass
da etwas sehr Stabiles zwischen meinen
Pobacken ist, wo er sein Gesicht reinstecken kann. Also haben wir dieses aufwendige Ding gebastelt, ich will nicht
verraten, was es genau war, aber es waren eine ganze Menge Lagen.“
Dunham und Co-Autorin Jenni Konner berufen sich gern auf ihre mächti-
Sex und
Seelenheil
Real existierender Feminismus:
Lena Dunhams „Girls“ geht in die
vierte Staffel. Ein Ortstermin bei
HBO in New York – von Eva Munz
© 2014 HOME BOX OFFICE INC. ALL RIGHTS RESERVED
D
er Pressetermin für die
neuen Folgen von „Girls“,
der Serie um die New Yorker Nervensägen Hannah,
Shoshanna, Marnie und
Jenna, fand genau einen Tag vor den
Terroranschlägen auf „Charlie Hebdo“
in Paris statt. Es wäre der 27-jährigen
Lena Dunham, Hauptdarstellerin, Regisseurin und eifrige Verfechterin der
Meinungsfreiheit, zuzutrauen gewesen,
dass sie den Termin anderntags hätte
platzen lassen. Aber noch ist die Welt in
Ordnung.
Es ist früher Morgen, und mieses
Wetter hängt über dem Bryant Park an
der Madison Avenue, wo das Gebäude
des produzierenden Senders HBO steht.
In der Eröffnungsszene ist die Schauspielerin Allison Williams (Marnie)
beim sogenannten ass motorboating
mit Ebon Moss-Bachrach (Desi) zu sehen. Unter Motorboating versteht man
eine Sexualpraxis, bei der das Gesicht
einer Person zwischen den Brüsten einer gut ausgestatteten Frau in schneller
Folge hin und her bewegt wird. Dabei
entsteht ein Ton, der dem Klang eines
Motorboots beim sanften Gasgeben
nicht unähnlich sein soll. Konsequenterweise findet die Technik des „ass motorboating“ tiefergelegt statt – das wedelnde Gesicht befindet sich in diesem
Fall zwischen den Pobacken.
Die witterungsbedingte Apathie im
Dunkel des Vorführraums schlägt in
hysterische Belustigung um. Williams
steht im Profil, leicht vornübergebeugt
stützt sie sich auf eine Küchenzeile,
während Moss-Bachrach kniend sein
Gesicht zwischen ihren Pobacken vergraben hat und eben jene oszillierende
Bewegung exerziert. Desi: „Ich liebe
das.“ Marnie: „Ich liebe dich auch.“
gen Musen – Erniedrigung, Scham,
Peinlichkeit. Die toten Winkel der Seele
sind ihre Lieblingsschauplätze.
Wie auch die anderen Schauspieler
fühlt sich Alison Williams bei ihren Regisseurinnen gut aufgehoben: „Nichts
daran hat irgendwelche Ängste verursacht. Ich habe mich während des Drehs
der Szene schlappgelacht. Es war mir
ehrlich gesagt schleierhaft, als ich die
Folge gesehen habe, wie sie im Material
Momente finden konnten, wo wir nicht
wie die Wahnsinnigen gekichert haben.
Es war der Tag vor oder nach meinem
Geburtstag. Es gab Kuchen, ich war auf
einer Art Zucker-Hoch.“ Bei der Premiere saß ihr Vater Brian Williams, NBC
Nachrichtensprecher, neben ihr. Ein familienpsychologischer Offenbarungseid. Williams winkt ab: „Meine Eltern
sind inzwischen auch Veteranen der Serie geworden, es hat auch ihr Denken
verändert. Sexszenen sind Teil der DNS
dieser Serie, diese dunklen, intimen, unkoordinierten, höchst verletzlichen Au-
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
genblicke des Lebens.“ Ausgezogen
wird sich nur, wenn die Story es verlangt. Allerdings zieht Lena Dunham als
Hannah nach Ohio, um Literatur zu studieren, weit weg von ihrem Freund
Adam (gespielt von Adam Driver). Sie
verbringt also weniger Zeit im Bett und
ist viel häufiger bekleidet.
RADIKALE GESELLSCHAFTSSATIRE
Dunhams erfolgreicher Kreuzzug für diverse, neue Darstellungsformen und Erzählweisen dieser Generation ist auch
eine Form der radikalen Gesellschaftssatire. Dass eine starke, polarisierende
Stimme nicht aus einer wässrigen Konsensmasse entspringen kann, war in den
USA nach anfänglichen Mäkeleien (keine farbigen Darsteller, privilegierte
Töchter mit Wohlstandsproblemen, Mikrokosmos New York) schnell klar.
Dem Kabel- und Satellitensender
HBO gilt tiefster Respekt, der jungen
Autorin eine Plattform zu bieten, auf
der sie einer von Männern dominierten
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Kultur 37
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Zu allem bereit und gnadenlos peinlich
Die „Girls“ der vierten Serienstaffel
Der Mehrwert unserer Ängste
Schockrocker Marilyn Manson ist wieder da – von Michael Pilz
Die vierte Staffel der HBO-Serie „Girls“
läuft ab 8. April auf TNT Glitz mittwochs
um 20.15 Uhr
I
n seinen Träumen sei der Sklave König, singt Brian Warner im Kostüm
von Marilyn Manson und widmet seiner Figur ein neues Album. Auf „The Pale
Emperor“ will er Kaiser sein, um sich von
seinen Ketten zu befreien. Auch eine Fiktion kann unter ihrem Dasein leiden. Vor
drei Jahren hatte sie sich mit der Einsicht
aus der Welt der Popmusik verabschiedet: „Ich bin zu dem geworden, was die
Menschen in mir sehen wollen.“ Allzu
traurig schien Marilyn Manson damals
nicht zu sein, nach all den Liedern, in denen er/sie/es Botschaften verbreitet hatte
wie: „Ich bin nicht Sklave eines Gottes,
der nicht existiert.“
IMMER AUCH QUATSCH Marilyn
Manson war die Schöpfung eines damals
20-jährigen Musikkritikers aus Ohio. Am
Anfang stand die Idee – der Name einer
Band und einer Rolle. Danach wurde Musik dazu gespielt: Brian Warner stellte
Marilyn Manson in die Tradition von Alice Cooper und der „Rocky Horror Picture Show“. Schneeweiß geschminkt, die
Lippen rot wie Blut, das Haar nach Her-
AGATA ALEXANDER/ UNIVERSAL MUSIC
Unterhaltungsindustrie wiederholt den
schlecht manikürten Finger entgegenstrecken darf.
Alison Williams’ Marnie hat bereits in
der dritten Staffel die Grundfeste der
„Besten-Freundinnen-Regeln“
unterwandert und mit beeindruckendem Geschick gerechtfertigt. „Ass motorboating“ mit dem Musikerkollegen Desi ist
zwar deshalb verwerflich, weil er in einer festen Beziehung mit Clementine
steckt. Aber die handfesten Signale, die
er Marnie sendet, bildet sie sich schließlich nicht ein.
Als Marnie mit Hannahs Ex-Freund
Elijah schläft, ist sie sturzbetrunken,
und er ist inzwischen schwul. Shoshanna hat sich erst von Ray getrennt, bevor
Marnie ihn verführt. Bleibt zu spekulieren, ob sich Marnie nun Adam vorknöpft. Jedenfalls wird sie die Erste
sein, die Hannah beim Kofferpacken
hilft. Das ist wahre Freundschaft.
Trauriger denn je Rocker Marilyn Manson
renmenschenart gescheitelt, berief er
sich auf den Nihilismus Friedrich Nietzsches, die Schriften des Satanisten Anton
Szandor LaVey und auf Willy Wonka, eine literarische Gestalt von Roald Dahl.
Seine Kunst war immer auch totaler und
totalitärer Quatsch.
Aber der Reiz des Bösen in der Popkultur liegt auch darin, dass irgendwo da
draußen einer ist, der keinen Spaß versteht. Im April 1999 stürmten zwei bewaffnete Schüler ihre Schule im amerikanischen Columbine und erschossen
Schüler, Lehrer und sich selbst. Sie beriefen sich auf Marilyn Manson. Im Film
„Bowling for Columbine“ antwortete
Manson auf die Frage, was er seinen toten Fans zu sagen hätte: „Nichts. Kein
Wort. Ich hätte ihnen zugehört. Amerikaner haben Angst.“ Die Angst sei der Antrieb des Konsums und des Systems, in
dem wir unser Leben fristen.
Marilyn Manson ist ein Meister der
Skandalökonomie, er kennt den Mehrwert unserer Ängste. Sein gesellschaftlicher Auftrag war es, Unbehagen zu verbreiten. Neben seinem Album soll 2015
sein Film „Phantasmagoria“ erscheinen;
darin spielt er Lewis Carroll, Autor von
„Alice im Wunderland“. Marilyn Manson
tuscht jetzt deprimierende Bilder, er tritt
in TV-Serien auf. In „Sons of Anarchy“
spielt er den Anführer der „Arischen Bruderschaft“. In der Welt der Serien ist die
Geschichte noch nicht auserzählt wie in
seiner Musik, wo er singt, dass der Teufel
ihm begegnet sei. Nie klang Marilyn
Manson trauriger als auf „The Pale Emperor“, als Figur gefangen in sich selbst.
Marilyn Manson: „The Pale Emperor“
(Vertigo)
Die Natur spiegelt sich im
Wasser, und auf einmal ist
alles doppelt so schön.
Nach einem aufregenden Tag legt Ihr A-ROSA Kreuzfahrtschiff ab. Sie genießen die Ruhe auf
dem Sonnendeck – vor Ihnen die traumhafte Landschaft, einfach Entspannung pur. Und im
Tarif SELECT Premium alles inklusive sind hochwertige Speisen und Getränke sowie spannende
Ausflüge und viele weitere Vorteile bereits enthalten. Wie schön das werden kann, sehen Sie
in unserem neuen Katalog.
Buchen Sie jetzt in Ihrem Reisebüro oder bei A-ROSA
unter Tel. 0381-202 6004 oder auf www.a-rosa.de
A-ROSA Flussschiff GmbH, Loggerweg 5, D–18055 Rostock
ANZEIGE
Jetzt buchen
und bis zu
p. P.
FrühbucherErmäßigung
sichern.
€ 250,–
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
38 Kultur
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Ein gefundenes
Fressen
In Europa sind Wolf, Bär und Luchs auf dem Vormarsch.
Zwar sind die Nationalparks hier nur klein, aber für die
großen Raubtiere ist der von Menschen geformte
Lebensraum ein Schlaraffenland – von Eckhard Fuhr
Dauerhaft lebende
Populationen
Sporadisches
Vorkommen
Grenzen zwischen
verschiedenen
Populationen
SCIENCE; ILLUSTRATION CLAUDIA BERNHARDT; INFOGRAFIK: ISABELL BISCHOFF
Braunbär
U
nter den großen Raubtieren Europas ist der Braunbär das
größte. Starke Männchen können ein Gewicht von 350 Kilogramm erreichen. Die aktive Jagd gehört nicht gerade zu ihren herausragenden Fähigkeiten. Als Allesfresser ernähren sie sich
überwiegend von pflanzlicher Kost. Im Frühling gehen sie regelrecht auf die Weide, um frisches Gras zu fressen. Im Herbst sind
Beeren ihre Hauptspeise. Honig können sie nicht widerstehen. In
vielen Sprachen bedeutet das Wort „Bär“ auch „Honigfresser“. Stoßen sie bei ihrer Nahrungssuche auf Mäusenester, Gelege oder ein
Rehkitz, verschmähen sie dieses tierische Eiweiß allerdings nicht.
Wenn sich die Gelegenheit bietet, reißen sie auch größeres Wild –
oder auch Rinder und Schafe. Braunbären sind Einzelgänger. Nur
zwischen der Mutter und ihren – meist zwei – Jungen bestehen feste soziale Bindungen bis zum Selbstständigwerden des Nachwuchses nach etwa zwei Jahren. Zwar spielt der Bär in Sagen, Märchen
und Mythen eine ebenso prominente Rolle wie der Wolf, doch real
kam es nie zu einer Vergesellschaftung von Bär und Mensch, geschweige denn zu einer Domestikation. Der Tanzbär ist die Karikatur des Wildtieres, die auf Jahrmärkten zur Volksbelustigung vorge-
führt wurde. Seine Komik und Possierlichkeit rühren aus dem aufrechten Gang, den der Bär nur tapsig beherrscht. Das Sichaufrichten nutzt der Braunbär, um sich zu orientieren oder auch um Angreifern zu drohen – es gehört zu seinem natürlichen Verhalten.
Diese „Menschenähnlichkeit“ ist allerdings ein großes Missverständnis. Die Vermenschlichung des Bären zum gemütlich brummenden Sonderling mit rauer Schale und weichem Kern zieht sich
durch Sage, Märchen und Popkultur. Tatsächlich sind Bären allerdings keineswegs gemütlich oder gar friedliebend. Mensch und Bär
sollten sich aus dem Weg gehen. Wenn von der einen oder der anderen Seite das Distanzgebot missachtet wird, kann es gefährlich werden. Deshalb war, entgegen landläufiger Meinung, auch der Abschuss des Problembären Bruno in Oberbayern am Ende wohl unumgänglich. Er war seit dem frühen 19. Jahrhundert der erste und
bisher einzige Bär, der auf deutschem Boden umherstreifte. Die
Nachbarschaft von Menschen und Bären ist schwieriger als die von
Menschen und Wölfen. Bei der Ausbreitung der kleinen Population
im Alpenraum kommt es immer wieder zu Rückschlägen. Dafür
geht es den Bären in Skandinavien und auf dem Balkan blendend.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Kultur 39
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
E
,Es war ein grausiger Fund, den die
Polizei in Brandenburg an der Grenze
zu Sachsen Ende Dezember machte.
Eine Wölfin lag da, erschossen und
enthauptet. Es war der zweite Fall
dieser Art. Bereits im August hatte ein
Mensch einen Wolf erschossen und
verstümmelt. Sollte der Wolfsschänder gefasst werden, droht ihm wegen
des Verstoßes gegen das Artenschutzgesetz eine Strafe bis zu 50.000 Euro.
Heute leben immer mehr große Wildtiere in Europa.
Und es kommt unweigerlich zu Begegnungen zwischen
Mensch und Wildtier – zumal in Deutschland, wo es kaum
noch große Flächen gibt, in denen die Tiere ungestört ihrer
Wege gehen können. Konflikte sind programmiert. Bauern
regen sich auf, sehen ihren Hühnerstall, ihre Viehherden
bedroht. Doch im Großteil der Bevölkerung herrscht Konsens, dass dem Schwund der Artenvielfalt etwas entgegengesetzt werden muss. Der Wille, die Tiere zu schützen, ist
größer als das Misstrauen, er scheint eine Frage der Zivilisation geworden zu sein.
Naturschützer stemmen sich verzweifelt gegen das Artensterben und können mitunter spektakuläre Erfolge feiern. Ausgerechnet im dicht besiedelten Europa, dessen Naturräume seit Jahrhunderten völlig vom Menschen überformt sind, erleben große Raubtiere eine erstaunliche Renaissance. Bär und Luchs und in Skandinavien auch der
Vielfraß, ein Großmarder, breiten sich wieder aus, nachdem sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts fast überall ausgerottet worden waren. Die Rückkehr der Wölfe nach Mitteleuropa ist besonders spektakulär. Mittlerweile leben
mehr Wölfe in Europa als in den wilden Weiten der USA.
Das liegt auch an einem ungewöhnlichen Konzept, bei dem
die wilden Tiere sich nicht nur in Schutzgebieten vermeh-
ren, sondern in nächster Nähe zu den
Menschen leben dürfen. Ein historisches Hoch bei den Beutetieren hilft
den Wölfen beim Überleben.
Kürzlich veröffentlichten mehr als
70 Wissenschaftler aus 26 europäischen Ländern im Journal „Science“
eine differenzierte Bestandsaufnahme
über Verbreitung und Populationsgrößen von Wolf (Canis lupus), Braunbär
(Ursus arctos), Eurasischem Luchs
(Lynx lynx) und Vielfraß (Gulo gulo) auf dem europäischen Festland ohne Russland, Weißrussland und die
Ukraine. Die Wissenschaftler trugen alle Daten zusammen und kamen zu dem Gesamtbild, dass das von Kulturlandschaften geprägte Europa ein durchaus „wilder“ Kontinent ist. Dass die großen, spektakulären Beutegreifer ins
Kulturland zurückkommen, gibt Anlass, über den Gegensatz von Wildnis und Zivilisation neu nachzudenken und
Wunschbilder von „unberührter“ Natur zu hinterfragen.
Das Untersuchungsgebiet Europa umfasst rund 4,5
Millionen Quadratkilometer. Auf einem Drittel dieser
Fläche, auf 1,5 Millionen Quadratkilometern, kommt mindestens eine der vier Beutegreiferarten in dauerhaften
und sich reproduzierenden Populationen vor. Die Zeichen stehen auf weitere Ausbreitung. Denn auch in Ländern wie Belgien, Luxemburg oder Dänemark, die bisher
frei von großen Raubtieren waren, sind in jüngster Zeit
zumindest einzelne Wölfe aufgetaucht. In Deutschland
werden Jahr für Jahr neue Rudelterritorien bestätigt. Bär,
Wolf und Luchs gleichzeitig kommen auf einer Fläche
von rund 600.000 Quadratkilometern vor. Das ist ein Gebiet von fast der doppelten Größe Deutschlands.
Bemerkenswerterweise ist die größte der vier Arten,
der Braunbär, auch die in absoluten Zahlen häufigste. Et-
wa 17.000 Exemplare leben in 22 europäischen Staaten.
Sie können zehn verschiedenen Populationen zugeordnet
werden. Dem Bär folgt der Wolf mit rund 12.000 Individuen in 28 Ländern und ebenfalls zehn Populationen. Der
Luchs – gemeint ist der in Europa und Asien verbreitete
Eurasische Luchs, nicht der tatsächlich vom Aussterben
bedrohte Iberische Luchs oder Pardelluchs – bringt es auf
elf Populationen mit 9000 Individuen in 23 Ländern. Der
Vielfraß kommt nur in den skandinavischen Ländern vor,
der einzigen Region, in der alle vier großen Beutegreiferarten vertreten sind. Die etwa 1200 europäischen Vielfraße verteilen sich auf zwei Populationen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika ohne Alaska, die
„contiguous US“, sind mit acht Millionen Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie Europa ohne Russland,
Weißrussland und die Ukraine und mit 40 Einwohnern
pro Quadratkilometer weniger als halb so dicht besiedelt.
Trotzdem leben hier nur halb so viele Wölfe (5500), und
das auch nur, weil man in den 90er-Jahren des vorigen
Jahrhunderts begann, Wölfe in den Nationalparks wieder
anzusiedeln. Amerikanische Naturschützer handeln nach
dem Grundsatz, dass Raubtiere und Menschen getrennt
werden müssten, wenn Raubtiere eine Chance haben sollen. Sie richten ihre Anstrengungen deshalb darauf, Reservate einzurichten und Wildnisgebiete zu schützen. Die
Tiere halten sich zwar nicht immer an dieses Ordnungsmuster, vor allem Pumas und Schwarzbären suchen oft
die Nähe menschlicher Siedlungen auf.
Doch im Prinzip gilt schon, dass sie in die Wildnis gehören und nicht an den Stadtrand. In Amerika gibt es genügend Platz, um diese Naturschutzstrategie der Trennung der Lebensräume von Mensch und Raubtier umzusetzen. In Europa, stellen die Autoren des „Science“-Re» Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite »
ANZEIGE
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
40 Kultur
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Luchs
» Fortsetzung »
A
nfang der 70er-Jahre des
vorigen
Jahrhunderts
konnten sich nur kühne
Naturschützer vorstellen, dass
Mittel- und Westeuropa wieder
von großen Beutegreifern besiedelt werden könnte. Aber
damals begannen einige, an der
Verwirklichung dieser Utopie
zu arbeiten. Mit dem Kleinsten der Großen, mit dem
Luchs, wollte man beginnen. So kam es zu den ersten
Auswilderungsaktionen, etwa im neu gegründeten
Nationalpark Bayerischer Wald, in der Schweiz und in
Österreich. Im Unterschied zum Wolf hätte der Luchs
ohne die Mithilfe des Menschen keine Chance, seine
ehemaligen Lebensräume in Mitteleuropa wieder zu
erobern.
Ohne
Auswilderung
gäbe
es die Rückkehr der Luchse nicht – und längst nicht
jede Auswilderungsaktion ist erfolgreich. Selbst da,
wo sich über längere Zeit Populationen etablieren,
ports fest, gäbe es allerdings keine großen Beutegreifer,
wenn man diesem Separationsmodell folgte. Zwar werden auch in Europa immer mehr Nationalparks eingerichtet. Für Wolf, Bär und Luchs spielen diese Schutzgebiete aber kaum eine Rolle. Denn selbst die größten
Nationalparks sind noch zu klein, um ganzen Populationen der Beutegreifer einen Lebensraum zu bieten. Der
Aufschwung dieser Arten ist nur möglich, weil es in Europa gelungen ist, eine halbwegs gute Nachbarschaft
von Mensch und Raubtier zu organisieren.
Wichtigste natürliche Voraussetzung für die Rückkehr der großen Beutegreifer ist ein historisches Populationshoch ihrer klassischen Beute. Mittlerweile gibt
es viele wild lebende Paarhufer wie Rehe, Rothirsche
und Wildschweine in Europa. Sie sind auch in Gebiete
etwa Italiens, der Schweiz oder Frankreichs zurückgekehrt, wo sie durch Jagd nahezu ausgerottet waren.
Die Jagdtradition im deutschsprachigen Raum mit
ihrer „Hege“ hatte zwar immer für relativ hohe Schalenwildbestände gesorgt. Seit etwa 30 Jahren kam es
aber zudem zu einer weiteren drastischen Vermehrung
dieser Arten, vor allem aufgrund veränderter Landnutzung. Zu fressen finden Wolf und Luchs überall in Europa also genug. Der Bär ernährt sich überwiegend
pflanzlich und jagt nur gelegentlich, Aas verschmäht er
keineswegs. In der Agrarlandschaft ist der Tisch für ihn
reich gedeckt.
N
eben den Hundeartigen
(Wolf), den Bärenartigen
(Braunbär) und den Katzenartigen (Luchs) ist mit dem
Vielfraß auch die Familie der Marderartigen unter den großen vier
der europäischen Beutegreifer vertreten. Er ist also mit dem Wiesel,
mit dem Baum- und dem Steinmarder, mit Iltis und Dachs verwandt.
Das sieht man dem stattlichen Tier,
das Maße und Gewicht eines mittegroßen Hundes erreicht, nicht unbedingt an. Riechen allerdings kann man
diese Verwandtschaft. Der nachtaktive Vielfraß stinkt wie
ein Marder. Dafür ist ein Sekret seiner Analdrüsen verantwortlich, mit dem er sein Revier markiert.
Verbreitet ist er im Taiga- und Tundragürtel der gesamten nördlichen Erdhalbkugel. Das bedeutet, dass sein
Vorkommen in Europa auf das nördliche Skandinavien
beschränkt ist. Dort wurde er bis weit ins 20. Jahrhundert
hinein rücksichtslos verfolgt. Vor allem die Rentierzüchter in Lappland duldeten ihn in den Weidegebieten ihrer
Tiere nicht. In den 70er-Jahren griffen in den skandinavi-
Wolf
U
SCIENCE; ILLUSTRATION CLAUDIA BERNHARDT; INFOGRAFIK: ISABELL BISCHOFF
AUF GUTE NACHBARSCHAFT Der vom Menschen
geformte Lebensraum ist für die großen Räuber also
kein Problem, sondern eher ein Schlaraffenland, in dem
es aus ihrer Sicht nur einen großen Haken gibt: die
menschlichen Mitbewohner. Nur wenn die ihre pelzigen Nachbarn akzeptieren, haben die Tiere eine Chance. Noch vor einer Generation hielt die Mehrzahl der
Europäer die Ausrottung der großen Raubtiere für einen Fortschritt, zumindest für einen notwendigen Tribut an die Moderne. Selbst Naturschutzikonen wie
Bernhard Grzimek glaubten nicht daran, dass Wölfe
noch einmal ihre Fährte in Deutschland ziehen könnten. Schließlich müssen ständig Arten aus dem großen
Buch des Lebens gestrichen werden, weil der Mensch
ihre Lebensräume zerstört hat.
Die gesellschaftliche Grundeinstellung zu Auswilderungsprojekten hat sich, zumindest in der urbanen Bevölkerung, gründlich geändert. Beutegreifer werden
heute von den meisten als notwendiger Teil einer
schützenswerten Natur betrachtet, womit die Frage
noch nicht beantwortet ist, wie nah der Einzelne diese
Tiere in seiner Nachbarschaft haben will.
Ein Glücksfall für den Artenschutz ist es, dass die europäischen Nationen verbindliche Formen der Kooperation gefunden haben. Die von mehr als 40 europäischen Staaten unterzeichnete Berner Konvention zum
Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen machte 1979
den Anfang. Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union aus dem Jahr 1992 installierte ein Naturschutzregime, das die Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, bedrohte Arten und ihre Lebensräume nicht
nur zu schützen, sondern aktiv auf einen „günstigen Erhaltungszustand“ dieser Arten hinzuarbeiten. Bär, Wolf
und Luchs profitieren also von starken rechtsstaatlichen Verfahren und Institutionen, die auch im ehemaligen sowjetischen Machtbereich relativ schnell und erfolgreich eingeführt wurden.
Es ist die relative politische, rechtliche und soziale
Stabilität Europas, die dem Wilden sein Daseinsrecht
verschafft. Dieses Wilde existiert nicht als mit romantischen Projektionen aufgeladenes Gegenbild zur Zivilisation, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der
vom Menschen geprägten Lebenswelt. Diese Erkenntnis mag für manchen noch überraschend sein. Sie ist
nicht leicht einzuordnen in ein weitverbreitetes Denkmuster, das „Natur“ nur als vom Aussterben bedrohte
„Reste“ kennt, als etwas „Ursprüngliches“, das vom
Menschen „zerstört“ wird. Die großen Räuber aber nutzen Verhältnisse, die vom Menschen geschaffen wurden. Wenn die neue Nachbarschaft auf Dauer gut gehen
soll, sind Nüchternheit und Realismus nötig. Romantisch verklären als ultimativen Friedensschluss zwischen Mensch und Natur darf man diese neue Nachbarschaft nicht.
Vielfraß
rsprünglich waren Wölfe
auf der nördlichen Erdhalbkugel von der Arktis
bis zu den Subtropen in zahlreichen Unterarten verbreitet. In
den steinzeitlichen Jägerkulturen spielten sie eine zentrale Rolle. Mensch und Wolf teilten sich
als Jäger großer Huftiere dieselbe
ökologische Nische. Doch trotz
dieser Konkurrenzsituation entwickelten die frühen
Menschen Eurasiens und Nordamerikas eine intensive
Beziehung zu diesem Tier. Es kam zur ersten großen Domestikationsleistung: Möglicherweise schon vor 30.000
Jahren entstanden daraus frühe Formen des Hundes.
Als die Menschen zur produzierenden Wirtschaftsform übergingen, änderte sich ihre Beziehung zum Wolf
grundlegend. Für Hirten und Bauern war und ist er eine
Bedrohung. Kulturell-religiös wurde er vom verehrten
„Bruder“ zur Inkarnation des Bösen schlechthin. Weltliche und geistliche Herrscher erklärten den Wölfen den
Krieg. Dieser Krieg dauerte bis ins 20. Jahrhundert hinein. Um dessen Mitte waren Mittel- und Westeuropa
und die USA nahezu wolfsfrei. In den Weiten Sibiriens
kann es nach Jahren wieder zu deren Zusammenbruch kommen. Offenbar fehlen
dem Luchs Anpassungsfähigkeit und
Ausbreitungsdrang des Wolfes. Trotzdem ist der Luchs auch in Deutschland
inzwischen wieder zu einem festen Bestandteil der Wildbahn geworden. Die
Hauptverbreitungsgebiete liegen im
Bayerischen Wald sowie im Harz, wo seit
2000 ein großes Auswilderungsprojekt im Nationalpark läuft. Auch in anderen Waldgebieten der deutschen Mittelgebirge wurden in letzter Zeit Luchse beobachtet, so im nordhessischen Bergland, im Odenwald, im Schwarzwald und im Pfälzer Wald. Um die
Zukunft des Luchses zu sichern, müssten die inselartigen Vorkommen durch Wildtierkorridore miteinander vernetzt werden. Häufig wird der Luchs allerdings
nie in Deutschland vorkommen. Die Jungensterblichkeit ist sehr hoch, und sie steigt weiter, wenn der Wolf
den Plan betritt.
schen Staaten nach und nach Schutzbestimmungen. Heute haben sich die Vielfraßbestände erholt.
Im Deutschen gibt es für den Vielfraß
auch die „neutrale“ Bezeichnung Bärenmarder. Andererseits finden sich auch die
Namen Gierling, Giermagen und Gierschlund in der Literatur. Woher der gebräuchlichste Namen „Vielfraß“ kommt, ist
umstritten. Er könnte aus dem norwegischen Wort Fjellfräs (Gebirgskatze) abgeleitet sein.
Um seine Wohnhöhle herum sammelt
der Vielfraß alles Mögliche an Fressbarem
an. Deshalb gilt er als unersättlich. Zudem
kann er im Sommer dabei beobachtet werden, wie er Aas
in sich hineinschlingt. Wenn der gefrorene Boden die Opfer des Winters freigibt, kann der Vielfraß nichts Besseres
tun, als sich der Völlerei hinzugeben.
Gegen Konkurrenten zeigt er sich dabei äußerst aggressiv. Man hat schon beobachtet, dass er sogar Bären
von einem Aas vertreibt. Er ergänzt sein Menü mit
pflanzlicher Kost und Vogeleiern. Im Winter, in dem er
sich nicht wie der Bär zur Ruhe begibt, wird er zum Jäger.
Bei hoher Schneelage ist er auch gegenüber großem Wild
im Vorteil. Dann werden ihm auch Rentierkälber oder geschwächte ausgewachsene Tiere zur Beute.
und Kanadas allerdings, aber auch in abgelegenen Bergregionen Europas von den Pyrenäen bis zu den Karpaten behaupteten sich die
Wölfe. In seinem Gesamtbestand war der
Wolf nie vom Aussterben bedroht.
Nun kehrt der Wolf in Europa in jene Gebiete zurück, aus denen er seit 150 Jahren verschwunden war. Strenge Schutzbestimmungen und ein gewandeltes Naturverständnis in
den europäischen Gesellschaften machen das
möglich. „Wildnis“ braucht der Wolf nicht. Er
erweist sich als höchst anpassungsfähig und
ist gut dazu in der Lage, in einer vom Menschen dominierten Umwelt zurechtzukommen, solange er genug Beutetiere – Rehe, Hirsche, Wildschweine – findet und in Ruhe gelassen wird.
In Deutschland haben sich die Wölfe seit der Jahrtausendwende geradezu stürmisch ausgebreitet. Bestätigt
sind zurzeit 31 Wolfsfamilien, also Elternpaare mit Nachwuchs, in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Dazu kommen mehrere territoriale Wolfspaare und Einzeltiere. In
Süd- und Westdeutschland tauchen immer wieder einzelne Wölfe auf. Es ist damit zu rechnen, dass sich auch dort
über kurz oder lang Wölfe dauerhaft niederlassen. Das
Gros der deutschen Wölfe gehört zur mitteleuropäischen
Flachlandpopulation, die auch die westpolnischen Wolfsvorkommen umfasst. Sie gehören der Unterart Europäischer Grauwolf (Canis lupus lupus) an.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Kultur 41
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Liebesdrama, funkenlos
„Das war eins
der wenigen
Glücksgefühle
der letzten
fünfzig Jahre.
Das war
Rock ’n’ Roll“
3
FILME
Berlinale So viele Filme mit deutschen Regisseuren sind im 65.
Wettbewerb vertreten. Neben
Weltstar Werner Herzog, dessen
„Queen of the Desert“ mit Nicole
Kidman, James Franco, Damian
Lewis und Robert Pattinson die
Berlinale eröffnen wird, sind es
Andreas Dresen („Halbe Treppe“)
mit „Als wir träumten“ (nach dem
Roman von Clemens Meyer) und
Sebastian Schipper („Absolute
Giganten“) mit „Victoria“.
Frau gibt Girl
Pop Ein Superlativ: „It’s the
Girls!“ (Warner Bros., ab Freitag), Bette Midlers vierzehntes
Studioalbum (und das 25.
insgesamt), schaffte es in den
USA auf Anhieb in die Top 10
und machte sie zur einzigen
Künstlerin neben Barbra Streisand, die das in fünf Jahrzehnten schaffte. Midler feiert
in dem Album die Girlgroups
der Vergangenheit: mit ihren
eigenen Versionen von Hits wie
„Be My Baby (Ronettes) bis
„Waterfalls“ (TLC).
FRANK CASTORF, Regieberser-
Kino Zwei Personen für einen Klassiker: Auf diese Kammerspielsituation
aus Strindbergs „Fräulein Julie“, uraufgeführt 1890, verlässt sich auch
die große Schauspielerin und nicht so große Regisseurin Liv Ullmann.
Nicht in Schweden, sondern in Irland verlieben und bekämpfen sich das
Fräulein und ihr Diener Jean. Eine schillernde Jessica Chastain, ein
blasser Colin Farrell (beide im Foto), kein Drama. Leider. Ab Donnerstag.
DAS GUTE,
Schöne,Wahre
„Oh Gott, sie
haben die alten
Weihnachtsbäume abgeholt.
Ausgerechnet
heute, wo ich
meinen wieder
mit hochnehmen
und schmücken
wollte“
Wohnen heißt erinnern
Mann fürs Abstruse
Design Die Zahlen: 1300 Aussteller aus 50 Ländern zeigen auf der Kölner Einrichtungsmesse „imm cologne“ vom 19. bis 25. Januar mehr als
100.000 Möbel. Und wie immer wird sich auch mit dem Wohnen der
Zukunft beschäftigt: Lyndon Neri und Rossana Hu, ein chinesisches
Stararchitektenpaar, hat seine Version von „Das Haus“ entworfen –
einen Erinnerungsparcours aus chinesischen Wohnkäfigen.
Kino Johnny Depp kann nur noch
Verrückte: In „Mortdecai“, basierend auf dem Roman von Kyril
Bonfiglioli (Regie: David Koepp),
spielt er einen Kunsthändler mit
absurdem Bart und vielen Spleens,
der pleite ist. Beauftragt, ein gestohlenes Bild zu finden, sehen er
und seine Frau (Gwyneth Paltrow)
die Chance, sich zu sanieren. Ab
Donnerstag.
Entertainerin, in ihrem Nebenjob als Twitter-Queen
Aufruhr am Thalia
7%
Emanzipation Laut einer Erhebung der San Diego State University lag der Anteil von Frauen
unter den Regisseuren der 250
erfolgreichsten Filme des Jahres
2014 bei sieben Prozent. Unter den
Top 100 fand sich gar nur ein Film,
der unter der Regie einer Frau
entstanden war: das Kriegsdrama
„Unbroken“ von Angelina Jolie
(gerade im Kino). Die „Celluloid
Ceiling“-Studie wird seit 1998 jedes
Jahr durchgeführt.
Pure Power
THOMAS STRUTH; KLETT-COTTA; DPA (2); KOELNMESSE; GETTY IMAGES/THOMAS STRUTH
Mehr Kultur-News
finden Sie im Internet auf
der Seite welt.de/kultur
u
W
Johnny
Depp
Seltsame Männer, coole Frauen,
neue Möbel: Was diese
Woche in der Kultur passiert
SARAH KUTTNER,
Theater „Aufruhr“ ist das Thema
der sechsten Lessingtage am
Hamburger Thalia Theater, die der
amerikanische Soziologe Richard
Sennett (Foto, „Der flexible
Mensch“) mit einem Vortrag zum
Thema am kommenden Sonntag
eröffnet. 20 Produktionen sind
dabei, den Anfang macht Johan
Simons mit seiner Inszenierung
des Jelinek-Stücks „Das schweigende Mädchen“ über Beate Zschäpe
(Münchner Kammerspiele).
Wie
immer
skurril
ker, erinnerte sich vor seiner
„Baal“-Premiere in München,
die Donnerstag war, an den
15-Minuten-Buh-Sturm nach
seinem Bayreuther „Ring“:
„Frauen, die wie Margot Honecker den blauen Weichspüler in
ihren Haaren haben. Alle voller
Offensivgeist!“
„Ich wollte damit
nichts zu tun haben
und dachte wieder:
Nichts wie weg!“
Pop Sie sind die Lieblinge aller
Fans von Livekonzerten: Die
Hip-Hop-Rave-Formation De
Antwoord aus Südafrika mit
ihrem charismatischen Frontmann Ninja (Watkin Tudor
Jones) und seiner Frau, der
nicht minder beeindruckenden
Rapperin Yolandi Visser. Am
Montag in Köln, Mittwoch in
München und Freitag in Berlin.
VERENA LUEKEN, Filmkritikerin der „FAZ“, über das „unverhohlene
Fantum“ ihres männlichen Kollegen eines „deutschen Wochenmagazins“,
der vor ihr seine zwanzig Minuten mit Angelina Jolie hatte – und in der
Tür mit einem „May I?“ um ein Selfie mit Jolie bat. Lueken sieht sich darin
bestätigt, dass man von Superstars wie ihr nur Vorgestanztes erfährt
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
Im Heartland
Buch Keine Gefangenen macht
Nickolas Butler in seinen zehn
Kurzgeschichten, die unter dem
Titel „Unterm Lagerfeuer“ (KlettCotta, 18,95 Euro) nun versammelt
sind. In direkter, harter, spröder
Sprache erzählt er so lakonisch
wie lustig vom Leben im Mittleren
Westen der USA. Von einer Landschaft, in der es wenige Menschen
gibt, aber viel Gefühl, wo Kettensägen zur Party mitgebracht werden,
Männer in Pick-ups auf einen
Blowjob hoffen und eine demente
Polizistin bei Hundekämpfen den
richtigen Riecher hat. Großartig!
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Gemeinsam aktiv:
Viktoria und Heiner
Lauterbach Seite 46
Schillernd-sportlich
unterwegs: die Stiltrends
der Woche Seite 47
Kuschlig-eigenwillig:
Katzen werden zum
Wirtschaftsfaktor Seite 48
ILLUSTRATION: SILJA GÖTZ; STEFANOS NOTOPOULOS; MIU MIU; NEW YORK MAGAZINE
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
STIL
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
BESSER LEBEN
Keine Zeit
für Ausreden
Glücklicher, gesünder, erfolgreicher:
Diese Serie erklärt, wie’s geht. Teil 1: Wie man durch
effektives Training fit wird, sich schöner fühlt und dabei
auch noch Zeit spart – von Susanne Kaloff
In Kürze können sportliche Eltern ihre Mitmenschen dank einer neuartigen Erfindung auf
dem Bürgersteig abhängen. Im Februar bringt
der niederländische Kinderwagenhersteller
Quinny einen Buggy auf den deutschen Markt,
der auf ein langes Skateboard montiert ist.
„Longboardstroller“ nennt sich das Gefährt,
das auf Designseiten schon seit Monaten dafür
gefeiert wird, den Nerv der Stunde zu treffen.
Tatsächlich passt ein derartiges Beschleunigungsprodukt perfekt in eine Zeit, in der eben
diese knapp wird und vieles immer schneller
gehen muss. Sogar das, was früher mal als Freizeitfreude galt. Findige Sportwissenschaftler,
Lifestylegurus, Beautyfachleute haben längst
Programme ausgeknobelt, wie man den modernen Multitasker in Windeseile perfektioniert.
Ob trainieren, meditieren oder Wellness – alles
gibt es heute in der praktischen Blitzvariante.
Und findet reißenden Absatz.
Der Hamburger Personaltrainer Guido Kortüm hat sich längst auf eilige Klientel eingestellt. Seit fünf Jahren bietet er mit wachsendem Erfolg sogenanntes High Intensity Interval Training (HIIT) an. „Es ist der Zahn der
Zeit, dass der Mensch mit so wenig Zeitauf-
I
kommen so viel Effektivität wie möglich erreichen möchte“, erzählt er. Die Deutschen seien
gesundheitsbewusster denn je, wollten aber
daraus kein abendfüllendes Hobby machen.
Genau dafür gibt es HIIT. Dabei geht es darum,
extrem intensive Belastungsphasen und kurze
Ruhephasen abzuwechseln. Intensiv heißt:
Übungen wie Liegestütze, Sprünge, Sprint bis
zur vollkommenen Muskelerschöpfung. „20 bis
30 Minuten, zweimal die Woche, das reicht,
wenn man es richtig macht“ so Kortüm. Der
Großteil seiner Kundschaft seien Frauen, die
sich – wie er versichert – nach wenigen Wochen über mehr Stabilität, bessere Ausdauer,
höhere Fettverbrennung und eine aufrechte
Haltung freuen dürfen. Das alles bei minimalem Aufwand.
WIE DIE MUSKELN WACHSEN Wer nicht
glaubt, dass Fitness auf die Schnelle funktioniert, sollte mal die Übungen des Ex-Elitetruppen-Ausbilders Mark Lauren nachturnen, auch
ein HIIT-Mann, dessen Buch „Fit ohne Geräte“
einen Stammplatz in den Bestsellerlisten hat.
Novizen werden nach dem ersten 30-MinutenTraining die Muskeln wachsen fühlen – und
den Muskelkater. Klingt stressig? An dieser
Stelle mag man sich kurz in eine Zeit zurücksehnen, in der man reuelos in Pausen schlicht
nichts tun durfte, ja, vielleicht sogar rauchen.
In eine Zeit, in der man Kinderwagen gemütlich schob, und nicht mit einer extra Sportvariante durch den Park joggte. Aber das eilige
Sportleben hat viele Vorteile. Man muss sich
dank neuer Trainingsmethoden eben nicht
mehr siebeneinhalb Kilometer um die Alster
quälen. Für den Outdoor-Sportler könnte das
heißen: eine Minute Vollgas geben und sprinten, dann wieder drei Minuten locker laufen,
hüpfen, sich frei bewegen, kurz: Freude statt
Verbissenheit heißt das Motto.
Das predigt auch Frank Lipman, Experte für
Funktionale Medizin und Gründer des ElevenEleven Wellness Center in New York City. Er
schreibt in seinem gerade erschienenen Buch
„The New Health Rules“, dass wir so trainieren
sollen, wie Kinder spielen: mit spielerischer
Leichtigkeit. Der Mensch sei ursprünglich
nicht dafür gemacht, grundlos lange Strecken
zu rennen, sondern Beute zu jagen und zu stoppen, oder einer Gefahr zu entfliehen und abzubremsen. Eben das, was man beim Intervall-
» Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite »
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
44 Stil
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Tilda Swinton
» Fortsetzung »
training tut. Außerdem empfiehlt er, Bewegung in den
Alltag einzubauen. Also: Warum nicht mal ein paar
Kniebeugen zwischen Kantine und Schreibtisch?
Es hilft ja sowieso nicht, über Smartphone-Stress zu
klagen, man muss die omnipräsenten Zeitvergeuder mit
ihren Mitteln schlagen, um Zeit fürs eigene Wohlbefinden zu schinden. Eine überaus populäre Strategie – wie
ein Blick auf die iPhone-App-Charts zeigt. So rangiert
bei den Kauf-Apps in der Kategorie Fitness das „7 Min
Workout“ für 1,99 Euro ganz oben. Die einfache Trainingseinheit wurde 2013 im Wissenschaftsjournal des
American College of Sports Medicine veröffentlicht. Alles, was man dazu braucht, ist ein Stuhl, eine Wand und
das Gewicht des eigenen Körpers.
Inzwischen gibt es etliche Anbieter, die sich die Idee
zunutze gemacht haben. Auch bei den kostenlosen Fitness-Apps ist ein Sieben-Minuten-Training besonders
beliebt. Sie heißt „Seven“, und wie in einem Videospiel
hat man dabei drei Leben. Lässt man einen Tag das
Training sausen, verliert man ein Herz. Bei drei ausgefallenen Einheiten pro Monat wird der Fortschritt auf
null zurückgesetzt.
BLITZENTSPANNUNG FÜR ALLE Es geht auch weniger herzlos. Die Handywelt hält schließlich sogar eine
„Achtsamkeits-App“ bereit, die Nutzern „inneren Frieden“ und „Entspannung“ verspricht. Man kann zwischen verschiedenen Arten geführter Meditation wählen, die zwischen drei und dreißig Minuten dauern.
Sollte man während des Meditierens „durch das Schreiben einer SMS oder eines eingehenden Anrufs unterbrochen werden“, so der Anbieter, halb so wild: Die App
erinnert sich daran, wo man gerade stehen geblieben
ist. Die schwedischen Entwickler rühmen sich für
500.000 Nutzer weltweit.
Ein bisschen verrückt, Blitzentspannung für alle.
Aber funktioniert angeblich. Die New Yorkerin Gabrielle Bernstein, die in ihrer Heimat als spirituelle Botschafterin gefeiert wird, behauptet, schon eine Minute
tägliches Meditieren verändere das Leben. Ein Atemmuster, das sie vorschlägt: fünf Sekunden einatmen,
Atem für fünf Sekunden halten, ausatmen für fünf Sekunden, fünf Sekunden anhalten und so weiter. In ihrem jüngsten Buch „Du bist dein Guru“ hat sie über 100
ähnlich flott-effiziente „Hilfen für ein wunderbares Leben“ parat, etwa eine bestimmte Technik, wie man sich
per Gummibandschnalzer in einer Minute von seinen
ständig im Kreis drehenden Gedanken befreit.
Auch die Beauty- und Wellnessbranche hat kräftig
beschleunigt. Die Behandlungen zielen nicht mehr so
sehr darauf ab, die Kunden stundenlang zu pampern,
sondern ihnen in kurzer Zeit, einen optischen Kick zu
geben. Treatments wie das Microneedling kann man
auch in eine Mittagspause packen. Dabei werden der
Haut mit einem Dermaroller mit Titaniumnadeln feine
Verletzungen zugefügt, was sie anregt, sich zu erneuern. Oder aber die Mesotherapie, bei der Zellnährstoffe
mittels feinster Mikroinjektionen in die Haut eingeschleust werden, was sie umgehend glätten solle.
Und auch für das Hirn gibt es ein Work-out jenseits
des Kreuzworträtsels: Eine vierwöchige Zellkraftkur
mit hochkonzentriertem Sauerstoff entspricht angeblich vier Wochen Urlaub in den Bergen. Man muss sich
dazu nicht mal umziehen oder schwitzen, sondern liegt
entspannt für 30 bis 45 Minuten auf einer Liege, während die Zellen auf Hochtouren arbeiten Das soll zu
mehr Energie, Ausdauer und Konzentration im Alltag
führen. Wie man die effektiv nutzt, ist ja jetzt klar.
Nächste Woche im zweiten Teil der Serie finden wir eine
Formel für das Glück – und den perfekten Job.
Die Schauspielerin
zeigte Talent zum Multitasking in ihrer MannFrau-Doppelrolle in
„Orlando“. Zudem ist sie
omnipräsent als Muse.
Privat liebt sie angeblich
zwei Männer, einen alten
und einen jungen.
Funktioniert’s? Sie sagt, sie
sei entschleunigt „wie eine Schildkröte“.
Multitasking für
Fortgeschrittene
Karl Lagerfeld
Der 81-jährige Modedesigner
designt für Chanel, Fendi und
seine eigene Modelinie Karl.
Nebenher ist er Starfotograf
und Manager seiner Katze Choupette. Er gibt Bücher heraus,
gestaltet Zeitungen (2013 die „Welt
am Sonntag“), richtet Hotels ein.
Sogar als Steiff-Teddy ist „Kaiser
Karl“ zu haben.
Funktioniert’s? Glaubt man seinen
Worten, hat er nie frei und nie Langeweile.
Sheryl Sandberg
Die 45-jährige US-Amerikanerin ist nicht nur Geschäftsführerin von Facebook, ihr Buch „Frauen und
der Wille zum Erfolg“ ist
bereits ein FeminismusKlassiker. Natürlich kann sie
auch Familie: Sie hat (nur)
einen Mann und zwei Kinder.
Funktioniert’s? Männer bespotten sie als
„bossy woman“, als Frau, die alles im Griff
haben will. Kann ihr als einer der zehn
mächtigsten Frauen der Welt ziemlich
egal sein.
Pharrell Williams
Der 41-jährige US-Amerikaner singt, modelt für
Chanel, designt für sein Label
Billionaire Boys Club und rettet
nebenher mit Mode aus Plastikmüll ein bisschen die Welt. Wenn
er gerade keine Hits für Madonna oder
Snoop Dogg produziert, guckt er Zeichentrickfilme mit seinem Kind.
Funktioniert’s? Sein Hit „Happy“ scheint
Programm in seinem Leben.
Ursula von der Leyen
Die 56-jährige Politikerin
ist die erste Frau, die das
Bundesministerium der
Verteidigung führt. Sie ist
Mutter von fünf Mädchen
und zwei Jungen. Irgendwie
schafft sie es, auch noch zu
reiten.
Funktioniert’s? Manche glauben, sie
hätte sich mit dem aktuellen Posten übernommen. Kanzlerin wird sie trotzdem mal.
GETTY IMAGES (2); DPA (2); SONY MUSIC; SILJA GÖTZ
Zigaretten
Die Wissenschaft hat festgestellt,
wo eigentlich unsere ganze Zeit
bleibt. Und wie man etwas davon
zurückgewinnt
D
ie Waschmaschine wäscht, im Supermarkt gibt’s
Tiefkühlkost, die Kinder gehen in die Kita – und
doch haben wir gefühlt weniger Zeit denn je.
Warum? Fragen wir Cornelius König, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie in Saarbrücken.
Haben wir nur das Gefühl, dass die Zeit knapp wird,
oder verschwindet sie wirklich?
Es gibt eine gewisse Intensivierung des Lebens, vor allem des Arbeitslebens. Das ist nicht nur ein Eindruck
von ein paar Leuten, sondern von sehr vielen, das ist
ernst zu nehmen. Vielleicht war es früher okay, ein
paar Zigarettenpausen zu machen. Inzwischen gilt es
vielerorts nicht mehr als angemessen, rumzustehen
und sich zu unterhalten. Es gibt weniger Spielraum für
Dinge, die nicht direkt zur Arbeit gehören.
Es gibt für viele aber auch mehr Freiheit, die eigene
Arbeit zu erledigen, wann man will.
Stimmt, aber das wird gekoppelt mit hohen Zielen. Es
ist eine schwierige Balance. Man bleibt vielleicht länger, verzichtet auf die Mittagspause, weil man die Ziele
schaffen will. Man muss erst lernen, mit dieser Freiheit, dazu gehört das Arbeiten von zu Hause aus, die
ständige Erreichbarkeit, umzugehen.
Schadet uns das denn wirklich?
Das Fiese an der Verdichtung ist, dass wir manchmal
ganz gut ohne Pausen und Unterbrechungen funktionieren. Wir merken erst über einen längeren Zeitraum, was fehlt. Ich bin selber kein Raucher – aber Zigarettenpausen haben auch eine soziale Funktion,
man bekommt einen anderen Zugang zu den Kollegen.
Warum als Nichtraucher nicht einfach mal zum Rauchen mitgehen?
Rauchen klang noch nie so gesund.
Die Pausenforschung zeigt klar, dass man eher mehr
Pausen machen sollte. Es ist für Körper und Seele wichtig, zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Ich persönlich finde es ungerecht, dass auf unterer Ebene oft sehr
darauf geachtet wird, dass keine Arbeitszeit vergeudet
wird, aber Chefs dürfen zu Arbeitsessen einladen und
sich da auch Zeit lassen.
Wie ist es nun mit dem Burn-out? Gibt es die Krankheit wirklich?
Da geht es in der Forschung hin und her. Man kann
sich unendlich über Definitionen streiten. Was ist ein
Burn-out, was eine Depression? Wenn der Begriff
„Burn-out“ das Gefühl vieler Menschen trifft, warum
soll man ihn nicht verwenden? Die Überforderung
löst Krisen aus, als Therapeut kann ich mit den Begriffen der Patienten arbeiten, die zu mir kommen.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Stil 45
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
pause für
Nichtraucher!
Wie kann man Zeit zurückgewinnen, bevor das Burnout beginnt?
Zunächst einmal sollte man sensibel für die eigenen
Bedürfnisse werden. Im Zeitmanagement gilt als erste
und zentrale Maßnahme nach wie vor: priorisieren.
Ist mir die Karriere so wichtig, muss ich mich da wirklich so reinhängen? Was muss und will ich wirklich
schaffen? Ansonsten gilt, dass man vieles nicht in der
Situation klären kann, sondern entscheiden muss:
Was will ich prinzipiell? Das gilt etwa für die Nachrichten, die auf dem Smartphone aufploppen.
Das kann man eben kaum lernen. Es gibt Studien zu
E-Mails, die meisten Leute lesen eine Mail, sobald sie
auf dem Bildschirm angezeigt wird. Das ist ein Reiz,
dem wir kaum widerstehen können. Genauso ist es,
wenn das Smartphone eine neue Benachrichtigung
anzeigt. Es ist sehr schwierig, in der Situation damit
umzugehen, dieser Versuchung genau dann zu widerstehen. Die prinzipielle Frage, die man klären muss,
lautet: Wann mache ich mein Handy aus? Man kann
sich „stille Stunden“ schaffen, um konzentriert zu arbeiten, oder einfach für sich selbst.
Wie lernt man, die ständig auf dem Mobiltelefon eingehenden Nachrichten zu ignorieren?
Das Gespräch führte Wiebke Hollersen
ANZEIGE
DIE WELT und AUCTIONATA
suchen Ihren Dachbodenschatz
In Kooperation mit:
Lassen Sie Ihre
Objekte jetzt
kostenlos,
professionell und
unverbindlich
schätzen.
DIE WELT und AUCTIONATA
suchen für eine gemeinsame
Auktion im April die 100 größten
Schätze, um diese für Sie
meistbietend zu versteigern.
3 von über 300 Auctionata Experten
Unsere Senior Specialists:
Jaromir Budi, Nachlass; Sabine Riedlberger,
Klassische Moderne; Philipp Freiherr von
Hutten, Antiquitäten & Sammlerstücke
Fordern Sie jetzt unverbindlich Ihre kostenlose Schätzung für Kunst, Antiquitäten und Sammlerstücke an.
Weitere Informationen finden Sie auf www.auctionata.de/welt
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
46 Stil
D
as „Hyatt“-Hotel in Hamburg. Großes Plaudersofa.
Das bayerische Traumpaar
nimmt Platz. Viktoria, 42,
ist jetzt nach etwas Warmem, sie bestellt „a Karotten-und-Ingwer-Suppn mit am grünen Tee“. Heiner,
drahtige 61, um die Augen ein bisschen
älter, durchchoreografierter WohlfühlLook, überlegt kurz. Dann dröhnt er:
„Rindertatar – schön scharf!“
WELT AM SONNTAG: Sie essen
Fleisch, Herr Lauterbach?
HEINER LAUTERBACH: Fleisch, klar.
Unbedingt. Lecker. Ich brauche Fleisch
zwischen den Zähnen. Wir essen sogar
viel Fleisch.
VIKTORIA LAUTERBACH: Auch Gemüse, Heiner. Rohkost ...
ER: Sagen wir so, ich bin Flexitarier. Ich
hätte schlechte Laune, wenn ich immer
nur am Salatblatt rumknabbern sollte.
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
„Wir sagen
Schnuffi“
Heiner und Viktoria Lauterbach
über simultanes Schwitzen, flache
Bäuche und entspanntes Altern
Fit und froh
Heiner und
Viktoria
Lauterbach
Von Ihnen beiden erscheint nun ein
Buch: „Forever fit“. Will man dem Partner überhaupt beim Sport zusehen, wie
er schwitzt und keucht?
ER: Jaaaaaa! Ich find’s heiß.
SIE: Zusammen schwitzen schweißt zusammen. Das ist wie Wohnung streichen. Jeder Kraftakt, den man zusammen meistert, bindet.
Bei vielen Übungen sieht man doch total lächerlich aus.
ER: Klar! Und wenn wir eine neue
Übung machen wie „Viktoria fällt hin“,
und auf einmal macht es „bumm!“, als ob
ein nasser Sack hinfällt, dann lachen wir
natürlich auch – hehehe!
Von Frauen kennt man es, dass sie sich
für die Figur quälen. Warum tun Sie
sich das an, Herr Lauterbach?
ER: Ich hatte nie Figurprobleme. Nein,
bei mir ging’s um sehr viel mehr: um eine
Überlebensentscheidung. Saufen, Drogen, feiern über viele Jahre, mein Körper
GRÄFE UND UNZER/LAUTERBACH/STEFANOS NOTOPOULOS
Will man ja auch nicht, da setzt dann
endgültig die Feminisierung ein.
ER: Ach, nö, was hat das damit zu tun?
Von Joghurtdressing wachsen mir schon
keine Brüste. Ein Mann beweist ja nicht
durch ein Steak auf dem Teller, dass er
ein Mann ist.
Gehören Sie zu den Männern, die ihrer
Frau prüfend in die Taille kneifen und
sagen: Spatzi, da musst du was tun?
SIE: Schnuffi, wir sagen Schnuffi.
ER: Und „muss“ sowieso nicht. Wir geraten ja alle mal mehr oder weniger außer
Kontrolle und unterliegen Gewichtsschwankungen. Manchmal darf ich für
eine Rolle auch gar nicht so schlank sein,
das ist schön. Viktoria hat, muss man sagen, einen Hammerbauch! Auf dem kann
man echt ein Glas abstellen. Dabei
macht sie gar nichts dafür.
SIE: Das stimmt ja so nicht. Ich mache
sogar Sit-ups im Bett! Jedes Mal wenn
ich ein Kleid anziehe und frage: „Heiner, wie findest du das?“, dann sagt er:
„Stell dich mal seitlich hin!“. Als Frau
hat man nicht immer einen flachen
Bauch. Ich ziehe meinen schon immer
ein, weil du so streng bist. Es ist nur so,
du trainierst und trainierst, trotzdem
sieht man deine Bauchmuskeln nicht so
wie meine ...
Aber auch Heiner ist jemand, der dann
nicht aufgibt. Ich habe ihn mit guten Argumenten überzeugt. Das Timing ist das
A und O, das ist der Trick. Ich weiß zum
Beispiel: Morgens im Bad oder beim Autofahren muss man ihn lassen, aber eine
Stunde vor der „Sportschau“ unterschreibt mir Heiner alles!
ER: Viktoria kann sich geschickt durchsetzen, nicht umsonst managt sie mich
auch beruflich. Entweder nervt sie mich
so lange, bis ich sage: „Jetzt hör auf, ich
mach’s.“ Oder sie ist so lieb, dass ich es
ihr nicht abschlagen kann. Brauch ich
auch, so eine Macherin. Ich finde auch
Pilotinnen sexy. Wenn eine Frau ein
Flugzeug fliegen kann – klasse. Ich wäre
auch stolz, wenn meine Frau Bundeskanzlerin würde. Finde ich geil! Eine, die
ihren Hintern nicht aus dem Bett kriegt
– nicht zum Aushalten. Das findest du
ganz süß, wenn du verliebt bist. Aber das
geht dir so auf den Keks irgendwann.
ZU DEN
PERSONEN
Heiner Lauterbach, 1953 geboren in Köln, wurde mit
Kinorollen („Männer“, „Rossini“) und TV-Produktionen
(„Tannbach“) zum Star. Seit 2001 ist er mit Viktoria,
geborene Skaf, 42, verheiratet. Die gebürtige Libanesin ist
seine Managerin, das Paar hat zwei Kinder. Ihr Buch
„Forever fit“ (Gräfe und Unzer) erscheint nun. Er hat
zudem einen Sohn aus erster Ehe mit Katja Flint.
war alle. Ich musste etwas tun, weg vom
Exzess, ich wäre sonst draufgegangen.
Es war auch hier in Hamburg, alte Zeiten, im „Zwick“, mit Jenny Elvers damals und Ihrem Orgien-Kumpel Heinz
Hoenig. Gruppensex, Bordellbesuche,
Alkohol- und Drogenabstürze. Sie beschrieben all das ausführlich in Ihrer
Autobiografie „Nichts ausgelassen“.
ER: Ja, ja, ja, aber den alten Kram müssen wir jetzt nicht noch mal aufwärmen.
Gut, lassen wir das.
ER: Es war ein langsamer Prozess. Heute
kann ich sagen: Ich bin gesund. Es geht
mir gut.
Lieber Spaß durch Laufen als Kummer
durch Saufen.
SIE: Vielleicht kann ich es noch ein bisschen genauer erzählen: Bei unserem ersten Treffen, im Sommer 2000, war mir
bereits klar, wo Heiner steht. Er hatte
viel Alkohol an dem Tag getrunken. In
unserer ganzen Kennenlernphase haben
wir über genau dieses Thema immer wieder gesprochen und dass er sein Leben
ändern muss, vor allem nachdem er mir
den Heiratsantrag gemacht hat und ich
gesagt habe: Heiner, so kann ich aber
nicht leben. Ich bin keine Partymaus, ich
trinke wenig Alkohol. Ich kann mich
noch genau erinnern, wie du sagtest, du
willst ja! Du willst dein Leben ändern.
Aber das war natürlich nicht so einfach.
ER: Du hast mich gezähmt, Schnuffi.
Wie haben Sie das geschafft?
SIE: Ich bin hartnäckig. Wenn ich mir
etwas in den Kopf setze, will ich es erreichen. Ich habe wirklich gekämpft,
war immer an seiner Seite. Wenn da
plötzlich ein Bier stand, hab ich es gegen ein Wasser ausgetauscht. Heiner
hat sich kleine Ziele gesetzt, erreichbare
Ziele. Es gab immer wieder Rückschläge, und wir haben wieder gesprochen.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
Die Lösung des Lebens: Zuerst feiert
man mit der Party-Katze, dann sucht
man sich die Wellness-Fee?
ER: Nein, Viktoria hätte ich auch als Kettenraucherin genommen und wenn sie
jeden Tag eine Flasche Wodka getrunken
hätte! Sehr wahrscheinlich damals noch
viel lieber sogar. Das Reine an ihr war anfangs eher abschreckend für mich. Ich
habe viel Glück im Leben, der Zenit meines Daseins war das Kennenlernen von
Viktoria im richtigen Moment. Ein Jahr
früher wäre das furchtbar in die Hose gegangen, da war ich noch nicht so weit.
Sie trainieren heute täglich eineinhalb
Stunden. Welchen tieferen Sinn hat
Sport außer der Muskelbildung?
ER: Er ist ein Ausgleich zu meinem alten
Leben. Man muss die Zeit ja irgendwie
füllen, die man früher versoffen hat.
An was denken Sie beim Gewichte
stemmen: an Rocky, die Oscars?
ER: An Fußball, meine Frau, die Kinder.
Welche Musik, diese Boxerhymnen?
ER: Wir haben ein kleines Fitnessstudio
zu Hause, da kucke ich von meinem
Cross-Trainer in den Wald rein – sehr
schön. Manchmal mach ich mir ganz laut
Musik. Ich habe so 400 Lieder auf meiner Playlist, viel von Sting, Deep Purple,
Led Zeppelin. Bruno Mars, Adele. Aber
ich würde das mit dem Sport auch nicht
zu hoch hängen. Es gibt Wichtigeres.
Und auf das euphorische Gefühl beim
Laufen warte ich immer noch.
Haben Sie als Ex-„Playboy“-Bunny eine
entspanntere Beziehung zu Ihrem Körper, Frau Lauterbach?
SIE: Gut, da war ich 21! Ich fühle mich
wohl, ja. Frauen tun heute aber auch viel
dafür. Früher galten sie mit 40 als alt.
ER: Das ist immer noch so.
Halt! Du bist natürlich meine Ausnahme!
SIE: Man staunt, wie sehr sich Männer
um 50 gehen lassen. Ich verstehe, wenn
sich Frauen da nach Jüngeren umsehen.
Von Mann zu Mann: ein Fitnesstipp für
Sigmar Gabriel?
ER: Zähneputzen auf einem Bein, trainiert das Gleichgewichtsgefühl. Mach
ich selbst.
Das Gespräch führte Dagmar von Taube
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Stil 47
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Gut versteckt Noch schnell zum Sport,
prima. Aber wohin danach mit der Yogamatte? Für die gewöhnliche Handtasche ist
sie zu groß, unterm Arm ist es zu umständlich. Da hilft die „Agoy Metropolitan
Bag“ aus Kunstleder in Metallic-Optik.
Yogamatte rein, Reißverschluss zu, fertig.
Gibt es auch in Nachtblau und Quietschgelb. Um 40 Euro, über yolivia.de
1,7
SCHÖNE
neue Welt
Zum Yoga, zur Kita, zur Party: So kommen
sie sportlich-schillernd durch den Alltag
Glitzer am Fuß Sneaker „Astro Running“
von Miu Miu, um 995 Euro (miumiu.com)
MILLIONEN
Kristalle Auf Kleidern, Schmuck, Requisiten,
als Make-up und natürlich auf Cinderellas
Kristallschuhen – mit mehr als 1,7 Millionen
Strasssteinen bringt Swarovski die neue
Disneyverfilmung von Aschenputtel (ab März
im Kino) zum Funkeln. Allein an den Schuhen
arbeitete ein achtköpfiges Team 150 Stunden.
Sechs Versionen brauchte es, bis Kostümdesignerin Sandy Powel zufrieden war.
Baby an Board Auf dem Bürgersteig alle
abhängen, es doch noch rechtzeitig in die
Kita schaffen und sich dabei auch noch
jung und mächtig sportlich vorkommen –
der niederländische Kinderwagenhersteller
Quinny erfüllt geheime Elternträume
mit seinem „Longboardstroller“,
einem Buggy, der
vorne auf ein langes
Skateboard
montiert ist.
Um 600 Euro.
Ab Februar über
quinny.com
SMS locker aus dem Handgelenk
Hightech-Juwel Unterwegs schnell mal Nachrichten oder
den Onlinekalender checken, ohne dafür in der Tasche nach
dem Handy kramen zu müssen – das macht das 3G-Smartband „MICA“ von Intel und Opening Ceremony möglich. Mit 1,6
Zoll großem Saphirglas-Display und mit Edelsteinen verziertem
Schlangenlederband. Ein Mobilfunkradio ist auch mit drin. Um
500 Dollar, über openingceremony.us und barneys.com
QUINNY; INTEL; MIU MIU; HERSTELLER
In die Röhre packen
Für das Kind darin und dahinter
„Modern ist, was
man selbst trägt.
Unmodern ist,
was andere
tragen“
OSCAR WILDE (1854–1900), Schriftsteller
Noch mehr Style
in unserem Stil-Blog
„Fantastic“ auf fantastic.welt.de
u
W
ANZEIGE
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
48 Stil
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Krallen zeigen
G
Gerade dachte man, dass es jetzt aber mal genug sei mit
den Katzen. 2015 ist noch jung, es könnte vielleicht das
Jahr des Faultiers werden. Immerhin inszenierte die angesagte New Yorker Handtaschenmarke Mansur Gavriel
in ihrer neuen Kampagne ein besonders schönes Exemplar mit einigen ihrer stets ausverkauften „Bucket Bags“.
Zudem ist das Beliebtheitspotenzial des Faultiers (Babyface, weiches Fell, Sinn für Gemütlichkeit) mit dem der
Katze durchaus vergleichbar. Gerade also dachte man, es
könnte anders kommen – da flattert die nächste Katzenmeldung ins Haus: Anfang Februar wird Karl Lagerfeld in
Berlin den von ihm fotografierten Opel-Corsa-Kalender
für 2015 präsentieren. Darin rekelt sich nicht etwa ein
menschliches Supermodel auf den Rüsselsheimer Autos,
sondern Lagerfelds Katze Choupette.
Die 2011 geborene cremeweiße Birma-Katze mit
45.000 Twitter-Followern (fast ebenso viele sind es bei
Instagram), deren blaue Augen laut Lagerfeld „wie
Sternsaphire“ leuchten, hat seit vergangenem Herbst
eine eigene Kosmetiklinie. Sie ist auch der schärfste
Konkurrent von „Grumpy Cat“ (sieben Millionen Facebook-Follower, 263.000 Twitter-Fans). Die Katze mit
den herabhängenden Mundwinkeln war kurz vor Weih-
© KARL LAGERFELD
Da guckst du, Hund:
Ob in Anzeigen oder
im Internet, in
Modemagazinen oder
auf dem Sofa: Überall
sieht man nur noch
Katzen. Und einige von
ihnen verdienen
inzwischen Millionen
– von Lorraine Haist
Katze mit Personal Karl Lagerfelds Choupette mit Gesellschaftsdame
nachten in ihrer ersten Spielfilm-Hauptrolle zu sehen
und generierte nach Auskunft ihres Managers in den
vergangenen zwei Jahren einen Umsatz von rund 100
Millionen Dollar.
REICHE KATZEN Katzen verdienen im 21. Jahrhundert
aber nicht nur mehr Geld als Menschen. Sie haben auch
den Hund als beliebtestes Haustier abgelöst. Allein in
deutschen Haushalten leben rund zwölf Millionen Katzen. Die Trafficzahlen, die LOLCat-Bilder und Katzenvideos bei YouTube erzielen, machen nicht nur Hollywood, sondern auch etablierte Nachrichtenwebsites
neidisch. Eine Quatsch-Website wie Buzzfeed.com
schaffte es wiederum mithilfe von massenhaft KatzenContent zum Medienkonzern. Nähme man dem Internet morgen die Katzen weg, sähe es dort auf einmal
wieder aus wie 1998 – ein verlassener, öder Ort.
Die Tatsache, dass Katzen mittlerweile prominenter
als Menschen sind, dass das Hashtag #catsie häufiger
verwendet wird als das Hashtag #selfie, sorgt offenbar
auch dafür, dass sich immer mehr Menschen eine eigene Katze wünschen. In den USA registrierte man jüngst
einen Anstieg von Katzenadoptionen aus Tierheimen
um mehr als 100 Prozent – mit etwas Fortune könnte
man den nächsten YouTube-Superstar zu Hause im
Körbchen haben.
In Mode, Design und Werbung sind Katzen seit einigen Jahren auffällig präsent, und das nicht nur in Gestalt des Leopardenmusters, das längst ein Klassiker
vom Format des Burberry-Trenchcoats ist. In der jüngeren Vergangenheit gab es kaum eine Marke oder einen
Designer von Gucci über Lanvin und Vivienne Westwood bis zu Miuccia Prada, der nicht in irgendeiner
Weise mit Katzen gearbeitet hat – sei es in Kollektionen
oder Anzeigenkampagnen. Die Models Karen Elson und
ihre russische Kollegin Anja Konstantinova sind instagrammende „Cat Ladys“, genau wie Grace Coddington,
die legendäre Kreativchefin der US-„Vogue“. Ihr Magazin inszenierte im vergangenen März eine Modestrecke
mit Schuhen und Kätzchen und verband so das Beste
aus zwei Welten. Die Katzenballerinas der britischen
Designerin Charlotte Olympia hat inzwischen jeder, der
sie sich leisten kann.
Ein aktuelles Beispiel von „Catvertising“ ist der DietCoke-Spot mit Katzenliebhaberin Taylor Swift in einem
Raum voller Perserkatzen, mit dem sich die Werbung
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Stil 49
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
einmal mehr die unschlagbare Wirkung des Katzenvideos
zu eigen macht. Auch die sogenannte Hochkultur ist
längst von Katzen infiltriert: Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei lebt in seinem Pekinger Studio mit
30 Katzen, der Maler Martin Eder widmet sich Kitschkätzchen-Motiven. Das 2012 gestartete „Internet Cat Video
Festival“ des Walker Art Center in Minneapolis tourt wegen des großen Erfolgs inzwischen um die Welt. Einer der
absurdesten Auswüchse menschlicher Katzen-Obsession
im Internetzeitalter sind die #CatsOfJihad – Kätzchen mit
Waffen, auf Twitter gepostet von Social-Media-affinen
Europäern, die sich in Syrien und im Irak als IS-Kämpfer
verdingen.
ungehobelter
Kerl
Bewohner der
ital.
Hptst.
veraltet:
Abk.:
ReiterOktober abteilung
frühere
Ungeital.
Währung brauchtes
(Mz.)
„die
Neue
Welt“
StadtFußballteil von mannMünchen schaft
eine
Tonart
friesische
Form v.
Maria
Fluss
durch
Braunschweig
Apostel
der Grönländer
† 1758
4
franz.:
sein
geistl.
Würdenträger
runder
Griff
8
südafrik.
Binnenstaat
so gut
wie
möglich
Körperpartie
gegorenes
Milchgetränk
immergrüne
Kletterpflanze
Gebäude
Küstenfluss in
Polen
Hauptstadt v.
Georgia
(USA)
Vorname
der USSängerin
Streisand
Tierpark
obendrein
sich bemühen
um
etwas
2
ugs.:
auffallendes
Gebaren
süddt.:
Ofensetzer,
Töpfer
Missfallensruf
spanisch:
Stier
3
5
Ritter
der
Artusrunde
Dringlichkeitsvermerk
Schutzpatron
der
Gastwirte
ein
Leichtmetall
(Kurzw.)
1
ugs.:
dunkler
Nebenraum
Hauptstadt
von Kolumbien
engl.
Hohlmaß
besitzanzeigendes
Fürwort
aufs
scharfe
Hören
Kante
bezogen
griech.
Weichkäse
dt. Komponist †
ungefähr
9
Destillationsgefäß
Kfz-Z.
Eschwege
6
®
poetisch:
Adler
1
Nestorpapagei
darüber
hinausgehend
(Wortteil)
Jugendliebe
Goethes
Vogelnachwuchs
2
3
4
7
Auflösung aus dem
Auflösung
ausvorvergangenen
dem Heft 01Heft
H
E
M
D
H
K O
S
T E
F U R T
E H E R
R
M A T
S S A N
E
G
M
L E H E
I L E N
T
D
O
G E
H O F N A R R
A L A I
I
B
L
Z P O
N I K K E I
S
A L O E
N U T
L
A N S E
A L T B I E R
G E H O E R N
B GW
(1-9) Buntstift
5
R
A
D
A
R
6
7
A
C
H
E
R
O
N
S
R E E K
U P E
R I A L
L A A
B I L E
E
N
A R N D
F U E H L
E N D E
8
9
slv1318.21-3
SUDOKU
NEW YORK MAGAZINE; LOVE MAGAZINE
NOCH MEHR KATZEN Warum ist es ausgerechnet die als
kapriziös und schwierig geltende Katze und nicht der brave Hund, die Menschen aller Kulturkreise und Bildungsschichten, Krieg und Frieden zusammenbringt? Für den britischen Anthrozoologen
John Bradshaw, Autor des soeben auf
Deutsch erschienenen Bestsellers „Cat Sense“ („Die Welt aus Katzensicht“, Kosmos), ist
die Antwort klar: „Katzen sind in vielerlei
Hinsicht ein Spiegel unserer Zeit, ein soziologisches Phänomen. Mit ihrem Ruf als individuelles Tier, das sein eigenes Leben lebt und
seinen eigenen Kopf hat, passt es perfekt zu
unserer stark individualisierten Gesellschaft.“ Mit dem unabhängigen Lebensstil eines Singles oder Mingles in einer der ständig
wachsenden Metropolen der westlichen Welt
harmoniere nun mal nichts besser als ein
ähnlich unabhängiges Haustier – allein schon
aus praktischen Gründen, sagt Bradshaw.
„Welcher moderne Großstadtbewohner hat
heute noch ausreichend Platz oder Zeit für
einen Hund, der ständig Gassi gehen muss?
Das ist doch eher etwas für Rentner.“
Der Fotograf Gavin Green, der 2013 mit
der Grafikdesignerin Jessica Lowe das schön
gestaltete Magazin „Cat People“ gegründet
hat, sagt: „Katzen reflektieren den Wunsch
vieler Menschen in der heutigen, ziemlich
aufgewühlten Zeit, sich in ein hübsch eingerichtetes Zuhause zurückzuziehen, das Ruhe
und eine gewisse Stabilität vermittelt. Mit ihrem sensiblen und zurückhaltenden Wesen
passt eine Katze perfekt dazu – sie wird sozusagen ein Teil des Mobiliars.“ Dass „Cat
People“ kreative Menschen porträtiert, die
mit Katzen leben, sei kein Zufall, sagt Green:
„Katzenmenschen haben mehr als andere einen Hang zur Ästhetik, zu Kunst, Design und
Büchern. Jedenfalls haben sich viele der
Menschen, deren Arbeit wir bewundern, als
Katzenhalter entpuppt.“
Eine Erfahrung, die Maria Joudina-Robinson
teilt. Die Grafikdesignerin, die früher für große Agenturen arbeitete, startete 2014 in London das Magazin „Puss Puss“, das
einen ähnlichen ästhetischen und inhaltlichen Ansatz wie
„Cat People“ verfolgt. „Ich will zeigen, dass man eine ‚Cat Lady‘ oder ein ‚Cat Man‘ sein kann, ohne dass man notwendigerweise alt und verrückt ist und in einer Wohnung lebt, in
der überall Katzenhaare kleben“, sagt Joudina-Robinson.
Der Himmel in der schönen, neuen Hipsterkatzen-Welt
verdüstert sich spätestens dann, wenn das Tier tote Vögel
auf dem Küchenboden deponiert und seine Krallen am Florence-Knoll-Sofa zu wetzen beginnt. Der Katzenforscher
John Bradshaw sieht hier ein ernst zu nehmendes Problem
in der gegenwärtigen und zukünftigen Mensch-Katze-Beziehung. „Viele Menschen stellen sich Katzen heute als
dreidimensionale Version der Bilder und Videos vor, die sie
im Internet gesehen haben“, sagt Bradshaw. „Es erleichtert
das Zusammenleben wesentlich, wenn man eines versteht:
Die Katze ist immer noch ein halb wildes Tier mit einem
ausgeprägten Jagdinstinkt.“
RÄTSEL
Katzen überall Cara
Delevingne posiert mit
einem Schuh von
Dolce & Gabbana und
dem Accessoire der
Stunde (oben). Die
stets schlecht gelaunte
Grumpy Cat schaffte
in zwei Jahren einen
Umsatz von 100 Millionen Dollar
LEICHT
SCHWER
MITTEL
Lösung des Rätsels
der vergangenen
Woche: im Uhrzeigersinn rechts
beginnend leicht,
mittel und schwer
Autor: Stefan Heine
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
50 Reisen
ARCHIV: HARALD STUTTE; PICTURE PRESS; GETTY IMAGES
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Der Fluch von Floreana
D
Der Himmel verfinstert sich, als die „Silver Galapagos“
vor Floreana ankert. Die Strände hier sind schwarz. So
schwarz wie die Geschichte der Insel. Die meisten Urlauberschiffe machen um Floreana einen großen Bogen. Ein Fluch, so heißt es, liege auf der Insel. Meeresechsen liegen im Hafen am Rande der Kaimaue. Mitten
auf der Pier die goldene Büste eines Mannes, des ersten
auf Floreana geborenen Menschen: Don Rolf Wittmer.
Einer, der dem Fluch entging. Weshalb es immer noch
diese eine Herberge hinterm Hafen gibt, ein kleines
Haus auf aschschwarzem Sand. Wo in der Küche eine
alte Frau steht und die Besucher mit einer Frage auf
Kölsch empfängt: „Hat et jereeschnet?“
Ingeborg Floriana Wittmer ist 78 und eine von einhundert Einwohnern, die in Puerto Velasco Ibarra heute leben, dem einzigen Ort auf der 173 Quadratkilometer großen Insel, die zum Galapagos-Archipel gehört.
Die „Wittmer-Lodge“ hat Meerblick und 20 Gästezimmer, und betrieben wird sie mittlerweile von Erika
Wittmer, der Tochter der Kölsch sprechenden
Ingeborg Floriana, die Fragen nach der Herkunft ihrer Familie brüsk abblockt: „Lesen Se
dat Buch meiner Mutter, da steht allet drin“, sagt sie.
„Oder schauen Se sich unsere Chronik an der Wand an.
Mehr jebt et dazu net zu sachen“, murmelt sie, während sie im Speisesaal die Tische deckt. Der Saal wirkt
wie ein Museum, vollgestopft mit alten Haushaltsgeräten und Bildern, die die Geschichte der ersten Inselbesiedlung erzählen.
Die alte Dame ist die letzte Überlebende der ersten
Siedler-Generation. Ihre Geschichte ist auch die Ge-
Deutsche Aussteiger
begegneten sich
1929 auf einem Eiland
der Galapagosinseln.
Es beginnt eine
Geschichte von Liebe,
Hass und Todesfällen
– von Elian Ehrenreich
schichte der Besiedlung Floreanas, die im September
1929 mit der Ankunft des aus dem badischen Wollbach
stammenden Arztes und Hobby-Philosophen Friedrich
Ritter begann. Ritter ließ sich auf der nur von Echsen
bewohnten Insel zusammen mit seiner Geliebten Dore
Strauch nieder. Ehepartner, Familie, Wirtschaftskrise
und politische Instabilität in Deutschland ließen die
Aussteiger hinter sich. Das Paar lässt sich die Zähne ziehen, um in der Einöde Zahnkrankheiten vorzubeugen,
und läuft in seinem „Dschungelcamp“ zumeist nackt
herum. Über ihren entrückten Aussteigeralltag am Ende der Welt berichten sie in diversen deutschsprachigen Magazinen. Einer dieser Artikel in der „Berliner
Illustrirten“ inspiriert drei Jahre später den aus Köln
stammenden 42-jährigen Heinrich Wittmer, auf Floreana eine neue Heimat zu suchen. Den erzkonservativen Wittmer begleitet seine 14 Jahre jüngere Ehefrau Margret und deren 1918 in erster Ehe geborener
Sohn Harry. Die drei lassen sich in Floreana nieder.
Endgültig vorbei mit dem Inselfrieden ist es, als ein
halbes Jahr später eine dritte Gruppe Aussteiger landet:
eine angebliche Baronesse namens Eloise Wagner de
Bousquet aus Österreich in Begleitung ihrer zwei deutschen Liebhaber. Es ist der Auftakt zu einer Daily Soap.
Die schillernde, egomanische Baronesse lässt sich in
amerikanischen Magazinen als „Kaiserin von Floreana“
feiern, erhebt umgehend Besitzanspruch auf die einzige
Quelle, was einer Kriegserklärung an Ritter und die
Wittmers gleichkommt. Mehrfach kommt es zu Gewaltausbrüchen, ein Inselbesucher wird angeschossen.
Auch innerhalb der „Baronesse-Gruppe“ gärt es: Rudolf Lorenz, einer der Liebhaber, beschwert sich bei
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Reisen 51
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
den Wittmers, von der Baronesse und seinem Nebenbuhler Robert Phillipson gedemütigt und als Arbeitssklave missbraucht zu werden. Immer wieder besuchen
betuchte Yachturlauber, vor allem Amerikaner, die Insel, sodass sogar Filmaufnahmen der Insulaner überliefert sind. Der Konflikt eskaliert, als die Baronesse und
der von ihr favorisierte Phillipson im März 1934 plötzlich spurlos verschwinden. Zurück bleibt der zuvor gemobbte Lorenz. Da aber kein Schiff die Insel angesteuert hatte, steht schnell fest: Beide müssen einem Mordanschlag zum Opfer gefallen sein. Als möglicher Täter
kommt jeder der Insulaner infrage.
RÄTSEL DER INSEL Kurz darauf verlässt Lorenz die
Insel, erleidet aber Schiffbruch und verdurstet auf der
wasserlosen Nachbarinsel Marchena. Ritter, der bekennende Vegetarier, stirbt nach dem Verzehr verdorbenen Hähnchenfleisches. Im Todeskampf haucht er
seiner Freundin zu: „Ich verfluche dich im letzten Augenblick …“ Dore Strauch kehrt zurück nach Deutschland, stirbt dort an einer Herzerkrankung. Aufgeklärt
wird der Tod der Baronesse und ihres Lovers nie. Am
Ende bleiben auf der Insel nur die Wittmers, die weiteren Nachwuchs bekommen haben: Rolf (geboren
1932) und die noch heute lebende Ingeborg Floriana
(geboren 1937). Doch die Todesserie setzt sich fort.
Harry, Margret Wittmers Sohn aus erster Ehe, ertrinkt 1951 bei einem Bootsunfall – gerade mal 33-jährig. Ingeborg Wittmer heiratet 1957 den Hafenmeister
Mario Garcia. Dieser verschwindet 1969 bei einem
Jagdausflug spurlos, seine Leiche taucht nie auf.
Als in den 60er-Jahren eine Gruppe amerikanischer
Touristen Floreana besucht und sich dort auf Wanderung ins Hochland begibt, bleibt eine Frau zurück, sie
will einen Stein aus ihrer Sandale schütteln. Sie verliert
den Anschluss. Die Gruppe sieht diese Frau nie wieder.
Eine tagelange Suchaktion verläuft ergebnislos. Monate
später findet man ihre Leiche unter Buschwerk. Längst
wurde Floreana da mit einem Todesfluch in Verbindung
gebracht. Kein Wunder, dass Ingeborg Wittmer keine
Lust hat, über dieses dunkle Kapitel zu reden.
Alle Galapagueños, wie die Bewohner des Archipels
genannt werden, kennen den Todesfluch, viele fürchten ihn. Yvonne Mórtola, die als Reiseführerin auf der
„Silver Galapagos“ arbeitet, erinnert sich, wie sie als
junges Mädchen erstmals in Rolf Wittmers Gästehaus
übernachtete. „Meine Mutter warnte mich im Vorfeld
Erste Heimstatt auf Floreana
Heinz Wittmer hält Baby Rolf, neben
ihm Sohn Harry und Ehefrau Margret
mit Hund Lump.
GALAPAGOSINSELN
Fernandina
San Salvador
Isabela
Floreana
ECUADOR
Pazifischer
Ozean
Santa Cruz
San
Cristóbal
50 km
vor dem ,Geist‘ der Baronesse, der auf der Insel herumspukt. Als ich dann allein in meinem etwas abgelegen Apartment zu Bett ging, hörte ich nachts ein Gepolter – irgendwann flog das Fenster auf, mir gefror
das Blut vor Schreck – und dann sah ich einen der auf
Floreana verbreiteten Wildesel, der seinen Kopf ins
Zimmer steckte und laut ,Iiaa‘ kreischte.“
Wer Floreana besucht, den beschleicht tatsächlich
ein mulmiges Gefühl. Zwei Kilometer hinter der Siedlung befindet sich der Friedhof. Hier liegen sie – die
Wittmers, Ritters und viele Insulaner, die erst später
auf die Insel kamen. Die meisten Einheimischen lassen sich bis heute abschrecken vom Todesfluch, und
die wenigen, die hierherkommen, bleiben in der Regel
nur einen Tag. So wie die 22-jährige Nina Delgado und
ihre gleichaltrige Freundin Orietta Warton Tapia aus
Lima. Sie wollen am schwarzen Strand im Inselwesten
schnorcheln – dort trifft man häufig auf Hammerhaie,
Rochen und Delfine. Die kleine Fähre „Luna Azul“
setzt die Mädchen am Hafen ab. Die „Luna Azul“
(blauer Mond) und das Kreuzfahrschiff „Silver Galapagos“, das Floreana zweimal im Monat für wenige Stunden ansteuert, sind die einzigen Schiffe, die regelmäßig auf dem Eiland anlegen; manchmal setzt tagelang
kein fremder Mensch seinen Fuß auf Floreana. Zwei
Fährstunden entfernt ist die Hauptinsel Santa Cruz,
und dorthin bringt Kapitän Peter die beiden Freundinnen aus Lima am Abend zurück – völlig unbehelligt
von Geistern. Glück gehabt.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Silversea Kreuzfahrten und KLM. Unsere Standards der
Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden
Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit
Anreise Zum Beispiel mit KLM (klm.com) ab Berlin via
Amsterdam, Guayaquil bis Baltra (Galapagos), mit British
Airways (britishairways.com) über London nach Baltra.
Kreuzfahrten Mit „Silver Galapagos“ sieben Tage auf
Kreuzfahrt mit Station auf Floreana, sie kostet ab 4350
Euro. Bis zu 100 Gäste passen an Bord, silversea.de. Eine
Acht-Tage-Tour mit dem Katamaran „Yacht Millenium“
mit Platz für 16 Passagiere kostet ab 2900 Euro www.millenniumyacht.com). Unterkunft auf Floreana: „Wittmer
Lodge“, inklusive Verpflegung kostet die Übernachtung ab
51 Dollar. „Red Mangrove Floreana Lodge“, Doppelzimmer
ab 121 Dollar, www.galapagos-hotels.com
ANZEIGE
MS EUROPA 2 präsentiert
den sommerhoch2
Bis zu 30 % sparen.
Nur bis 28.02.2015!
Barcelona
Unser Tipp:
Bonifacio
Capri
Valencia
Highlights der Kultur und
Szene-Hotspots entdecken!
Civitavecchia
Menorca
Cartagena
z. B. Civitavecchia (Rom) – Barcelona
11.07. – 18.07.2015, 7 Tage, EUX1518
25.07. – 01.08.2015, 7 Tage, EUX1520
08.08. – 15.08.2015, 7 Tage, EUX1522
Civitavecchia (Rom)/Italien - Capri/Italien – Bonifacio/
Korsika/Frankreich – Mahon/Menorca/Spanien –
Cartagena/Spanien – Valencia/Spanien – Barcelona/Spanien
ab
€ 3.490 pro Person
Seereise ohne An-/Abreisepaket (Doppelbelegung)
in einer Garantie-Veranda/-Ocean Suite (Kat. 1 oder 2)
mit 28 m2 Wohnbereich und 7 m2 Veranda
Ein Schiff, unzählige Erlebnisse: Die EUROPA 2 steuert auf sieben Routen die 20 sehenswertesten
Highlights des Westlichen Mittelmeeres an. Kommen Sie an Bord, geniessen Sie die grosse Freiheit
des Reisens, und lassen Sie Ihren ganz persönlichen sommerhoch2 beginnen.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
Persönliche Beratung und Buchung bei
Hapag-Lloyd Kreuzfahrten GmbH
Ballindamm 25 · D-20095 Hamburg
Tel.: 040 3070 3070
E-Mail: info@hl-kreuzfahrten.de
/hl.kreuzfahrten
www.sommerhoch2.de
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
52 Reisen
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Fließender
Holländer
Was als typisch britisch gilt,
kam einst aus den Niederlanden. Eine
Gin-Tour quer durch London,
promillereich und wissensdurstig
– von Marco Martin
ANZEIGE
Britisch und trocken Gin-Experte Leon in der Opium-Bar
T
rinken wir auf den guten, Körper und Seele
erwärmenden Geist des Wacholder!“ Leon
Dalloway, ein 27-jähriger Brite, hebt das
Glas (das erste von vielen an diesem
Abend). Mr Dalloway, ein Bartender, der
für seine Cocktail-Zubereitungen diverse Awards gewonnen hat, ist einer der berühmtesten Gin-Experten
Großbritanniens. Er sei einfach „Schnaps liebend und
wissensdurstig“, sagt er.
Vor allem junge Metropolen-Pärchen steigen zu seiner 50-Pound-per-Person-Tour ins Dachgeschoss des
Restaurants „Opium“. Hinter einem Teakholztresen
füllt Dalloway die Gläser und gibt erst einmal eine
Einführung in die Geschichte der Spirituose. Der
holländische William von Oranien war es, der im
Jahr 1689 das Getränk auf die Insel gebracht
hatte – als eine Art Mitgift, ehe er den englischen Thron bestieg. Vorher hieß Gin Genever. Gewonnen aus Getreide, vermischt mit
Wacholder, wurde er schnell beliebt. Eine
Zeit lang sogar zu beliebt, vor allem bei der
armen Bevölkerung. Dalloway erzählt bei seiner zweimal wöchentlich stattfindenden BarTour namens „Shake, Rattle and Stir“
(„Schütteln, rütteln und rühren“) die Erfolgsgeschichte eines Getränkes aus Holland, das
„very British“ wurde und ein Zeichen des guten Geschmacks. Heute wollen Gintrinker
auch das wissen: „Übrigens wird bei der HerGin Früher
stellung nicht nachträglich aromatisiert, sonDroge der
Armen,
dern der Alkoholdampf direkt über die Geinzwischen
würze geleitet. Wacholder, aber auch KorianModedrink
der, Ingwer oder Muskat.“
TODESURSACHE ALKOHOL Früher einmal, in seiner
ärmlichen Vergangenheit im 18. Jahrhundert, war Gin
vor allem ein Weg für die Weizenbauern, ihre Überschüsse zu verwerten: „Damals tranken die Armen
nicht nur Gin wie Wasser, es war sogar Wasser-Ersatz“,
erzählt Dalloway seinen Gästen auf dem Weg zum
nächsten Glas Gin, „dieses nämlich war voller Pest-Erreger, also griff man zu billigem Wacholderschnaps,
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Reisen 53
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Jeder Londoner weiß, was mit „Callooh Callay“ gemeint ist, nämlich jener höhere Nonsens aus einem Gedicht in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, also ein
passender Name für die letzte Station. Serviert werden
ein „Spiced Fairbanks“, ein würziger Cocktail aus Plymouth Gin, Limone und einem Schuss Aprikosenlikör,
und ein „Tijuana Lady“, Gin mit Rosmarin-Sirup und
Prosecco. Leon Dalloway stellt es jedem Gast frei, mit
dem Kleinbus nach Soho zurückzufahren oder noch zu
bleiben. Der Barmann mit Irokesenschnitt und Krawatte schenkt Gin Sour aus, der mit Green Tea versetzt ist.
Warum diese seltsame Mixtur, fragen die Gäste. „Because we can“, sagt er mit Oxford-Akzent.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Visit Britain. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit
Anreise Zum Beispiel mit Lufthansa nach London, (lufthansa.de), auch mit British Airways (britishairways.com).
Unterkunft Zum Beispiel „Rathbone Hotel“ (rathbonehotel.com, DZ ab 150 Euro), „Radisson Edwardian“ (radissonblu-edwardian.com; DZ ab 200 Euro) .
Touren Gin-Tour mit Leon Dalloway ab umgerechnet 65
Euro (leon@shakerattleandstir.co.uk).
Auskunft visitbritain.com
ANDREA ARTZ/ LAIF; TRISTAN GREGORY
ANZEIGE
denn die Getreidefelder des Königreichs lieferten immer Nachschub. In dieser Zeit war in manchen Gegenden Londons jedes siebte Haus eine Gin-Brennerei.“ Allerdings führte das irgendwann dazu, dass die Zahl der
Londoner, die sich zu Tode getrunken hatten, irgendwann höher lag als die Geburtenrate in der Hauptstadt.
Bis das Parlament mit dem Gin Act von 1751 die fiskalische Notbremse zog. Erst nachdem der „Gin Act“ die
Preise für das Getränk hatte steigen lassen, begann
auch gleich dessen Siegeszug innerhalb der britischen
Oberschicht.
„London Dry“, erläutert der Gin-Guide, ist übrigens
kein Label, sondern lediglich die Bezeichnung eines bestimmten Herstellungsprozesses, erläutert der Guide.
Außerdem sei laut EU-Verordnung der Alkoholanteil
auf mindestens 37,5 und höchstens 50 Prozent angesetzt. Deswegen kommt ein „Plymouth Gin“ aus Plymouth, ein „London Gin“ kann von überall her stammen, sogar aus Plymouth.
Unterhalb der Tower-Bridge befindet sich das Restaurant „Perkin Reveller“, Station Nummer drei. Fast
wirkt es wie eine von Leons cleveren Programmgestaltungen, dass uns just im Moment unserer Ankunft ein
Bataillon von Navy-Soldaten trommelnd entgegenmarschiert. Entsprechend maritim ist das Dinner im Restaurant – und der Gin beinahe nur noch eine Zugabe
nach dem Dessert. Aber er wärmt von innen, sagt der
Gin-Kenner, und soll draußen gegen die Kälte der beginnenden Londoner Nacht schützen.
Tessa Wienker und Robin Gerlach, zwei Deutsche,
machen die Tour auch aus professionellem Interesse
mit. Sie haben hier in London mit Elephant Gin ihr eigenes Label kreiert (www.elephant-gin.com). Da im
Unterschied zu Whisky und Champagner der Gin jedoch nicht regional gebunden ist, verwenden sie bei
den Ingredienzen frische deutsche Äpfel, welche dann
in einer Hamburger Destillerie verarbeitet werden.
Wichtig aber sind vor allem die sechs Kräuterzutaten
aus Afrika, denn die beiden Existenzgründer sind
Freunde der vom Aussterben bedrohten Elefanten.
Deshalb gehen 15 Prozent aller Einnahmen in eine Stiftung, die sich für jene Tiere engagiert.
Jet z t die en.
c
bu h
„Ich träum‘ jetzt schon
vom Mittelmeer.“
,$ ,$ -)
.)+) $
+ %
Sommer 2015: noch mehr Mittelmeer-Routen
warten auf Sie! Jetzt unter (((%
)$)%$+
oder in Ihrem Reisebüro.
Mein Schiff 3
%&'**
!"#$
* Im Reisepreis enthalten sind ganztägig in den meisten Bars und Restaurants ein vielfältiges kulinarisches
Angebot und Markengetränke in Premium-Qualität sowie Zutritt zum SPA & Sport-Bereich, Kinderbetreuung,
Entertainment und Trinkgelder. | ** Flex-Preis (limitiertes Kontingent) p. P. bei 2er-Belegung in einer Balkonkabine ab/bis Malta. | TUI Cruises GmbH · Anckelmannsplatz 1 · 20537 Hamburg
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
54 Reisen Spezial
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Die Weltreise
im Lehnstuhl
Karten haben schon immer die Fantasie
angeregt. Wir gehen auf Expeditionen in
die exotischsten Regionen, ohne das
Haus zu verlassen – von Ulli Kulke
ANZEIGE
Wie sagt man
Ruhe auf Italienisch?
[calma]
Inklusive
neoCollection
All Inclusive
Getränkepaket
Lofoten: über den Polarkreis hinaus
mit der Costa neoRomantica
Norwegen
12 Tage ab / bis Hamburg
Mai bis August 2015
1.199
FlexPreis** ab €
p. P. zzgl. Serviceentgelt*
inkl. neoCollection All Inclusive Getränkepaket
Route: Hamburg • Haugesund • Kristiansund • Bodø •
Sortland • Narvik • Lofoten – Leknes • Flåm • Hamburg
Weitere Informationen und Buchung:
Im Reisebüro, telefonisch unter 040 / 570 12 13 14
(Mo – So rund um die Uhr)
oder auf www.costakreuzfahrten.de
*
**
Zzgl. Serviceentgelt i. H. v. max. € 8,50 p. P./ohne Servicebeanstandung an Bord verbrachter Nacht. Für Kinder zwischen 4 und 14 Jahren werden
50 % des Serviceentgelts erhoben.
FlexPreis bei 2er-Belegung (Innenkabine) inkl. neoCollection All Inclusive Getränkepaket. Limitiertes Kontingent. Nicht gültig für Oberbetten
(Gäste im Oberbett müssen das Getränkepaket zum Preis von € 28,75 p.P./ Tag [Erw.] bzw. € 17,25 p. P./ Tag [Kinder] dazubuchen). Es gelten die
FlexPreis-Konditionen laut Costa Katalog 2015/2016. Informationen zu den Getränkepaketen auch im Costa Katalog 2015/2016 und im Internet.
Costa Kreuzfahrten, Niederlassung der Costa Crociere S. p. A. (Genua), Am Sandtorkai 39, 20457 Hamburg.
E
ine Studienreise zur Insel Kalifornien, auf das Kong-Gebirge in Westafrika, im nächsten Jahr dann eine auf die
Schatzinsel von Robert Louis Stevenson, warum nicht?
Fahrten zu diesen Zielen sind ganz entspannt, und preisgünstig. Wir können sie nämlich nur mit dem Finger auf
der Landkarte unternehmen. Die Destinationen gibt es nicht. Nicht
mehr. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs Kalifornien auf den Karten
an den amerikanischen Kontinent heran, platteten sich die KongMassive auf Normalnull ab, und die Bilder der Schatzinsel verpufften
stets, kurz nachdem wir den Roman beiseitegelegt haben. Doch die
Karten gibt es noch. Wir können auf ihnen nicht nur um die Welt fahren, sondern auch durch die Jahrhunderte, und, wenn wir wollen,
auch durch die Gedankenwelt der Schriftsteller und Kartenzeichner.
Fahren, auch fantasieren, alles im Lehnstuhl.
Und diese Art von Tourismus wird immer anspruchsvoller. Die
Aufforderung, die der damalige Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm 1964 vor den großen Ferien an die Bundesbürger richtete, wäre schließlich aktueller denn je, heute, im Zeitalter von Navigationssystem und Smartphones mit GPS: „Lernt Karten lesen!“,
mahnte Seebohm, um durch gute Orientierung den großen Verkehrsstaus entgehen zu können.
Einst waren sie unerlässlich bei jeder Reise. Ein universelles Kulturgut, das uns seit dem frühen Altertum bis in die späte Moderne
begleitete, als unerlässlicher Wegweiser durch die Welt, verlässt uns
dieser Tage. Es hat unseren Geist gefordert, unsere Vorstellungskraft,
nicht zuletzt auch die Ästhetik geprägt. Die Richtung lassen wir uns
heute vom Computer vorsagen, und wer sehen will, was sich alles so
in den Gemarkungen rechts und links vom Wegesrand abspielt, der
kann sich in seinem Handy oder Laptop die Umgebung abbilden lassen, in fotografischer Präzision, unbestechlich, unverzerrt, stufenlos
verstellbar in allen Maßstäben. Herkömmliche Karten sind heute keine Orientierungshilfe mehr, sie sind Schmuck, sie sind Luxus.
So signalisiert Simon Garfields Buchtitel „Karten. Ein Buch über
Entdecker, geniale Kartografen und Berge, die es nie gab“, dass es ihm
um vergangene Epochen geht, um das Zeitalter der Kartografie, wie
man es heute nennen kann. Bücher über die Entwicklung der Kartenkunst füllen ganze Bibliotheken. Garfield hatte anderes im Sinn. Er
lässt die Karten, alte Karten zumeist, Geschichten erzählen, die über
das, was wir auf ihnen sehen, weit hinausgehen. Wohl deshalb finden
sich die prächtigen Pläne im Buch – leider – nur im mittelmäßigen
Schwarz-Weiß-Druck, nicht einmal farbig. Falsche Sparsamkeit?
An Büchern mit den hochglanzfarbigen Ikonen aus allen Epochen
der Kartografie, bisweilen angereichert mit Seeungeheuern und anderen Fantasiegebilden, gibt es viele Dutzend in den besseren Buchläden. Das attraktivste aber, was derzeit auf dem Markt ist für unsere
Zwecke: der „Atlas Maior“, ein Nachdruck des spektakulären, illustren Werks von Joan Blaeu aus dem Jahre 1665, 700 Seiten, fast sechshundert Hochglanzkarten, vor acht Jahren vom Taschen-Verlag herausgebracht und heute im Internet günstig zu erstehen.
Karten waren ein Fall für Genies und Ganoven, für Forscher und
Fälscher, für Romantiker und Romanautoren, Entdecker und Eroberer. Karten konnten die Welt verändern, Sehnsüchte wecken, Menschen in die Irre führen. Und sie können uns wundersame Dinge erzählen. Etwa darüber, wie sich Afrika einst leerte, unter dem Finger
des Reisenden auf der Landkarte. Auf der Afrikakarte in jenem Atlas
Blaeus von 1665, die auch in Garfields Buch klein nachgedruckt ist,
konnte er noch kreuz und quer wandern, von Ort zu Ort, über viele
Flüsse und Berge, alle mit Namen versehen und farbig ausgemalt, flächendeckend. Nur eine Seite später bei Garfield, auf der Karte von
d’Anville aus dem Jahr 1766, war in Afrika alles wüst und leer, fast wie
zur Zeit der Schöpfung. Ein einziger weißer Fleck auf der Landkarte,
unbereisbar. Die Realität hatte die Kartografie eingeholt im 18. Jahrhundert, die Fantasie war auf der Strecke geblieben. Schade irgendwie, doch Europas Nachbarkontinent war tatsächlich der letzte, der
von den Entdeckern des Abendlandes durchdrungen wurde, eigentlich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Henry Morton Stanley
endlich die Nilquelle dingfest machte.
Oder die Karte, die in den 1950er-Jahren aus den Tiefen der Geschichte auftauchte, bei einem Buchhändler in Barcelona, und die damals den berühmtesten Seefahrer der Welt, Christoph Kolumbus,
vom Sockel stürzte: die Vinlandkarte, das erste Dokument, das den
Vorstoß der Wikinger nach Amerika belegte – jene historische Begebenheit ungefähr im Jahr 1000, die aus den nordischen Sagas über das
legendäre „Weinland“ allein noch nicht herauszulesen war. Erst nach
dem Fund der Karte ließ es sich als Neufundland identifizieren. An
dessen Stelle nämlich und unscharf auch in dessen Umrissen war auf
dem Plan eine Vinilandia Insul eingezeichnet, direkt neben der Notiz,
dass Bjarni und Leif die Insel entdeckt hätten, zwei Namen von Helden, deren Entdeckungsfahrten wir aus jenen Sagas kennen.
Kolumbus war damit auf Platz zwei unter den frühen Amerikafahrern zurückgefallen. In den 60er-Jahren gruben Archäologen auf Neu-
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Reisen Spezial 55
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
UNENTDECKT, ABER KARTOGRAFIERT Das Beispiel Grönlands
ist nur eines von vielen für Abbildungen von Gegenden, die bei Herstellung der jeweiligen Karte noch gar nicht entdeckt waren. So können wir uns bei unserer Studienreise zum Beispiel auf der berühmten
Karte des Piri Reis die gesamte Westküste Südamerikas mit Anden
(und Lamas) entlangfantasieren. Dabei hat der türkische Admiral sie
bereits 1513 gezeichnet, obendrein wohl auf der Basis von Informationen, die seinem Onkel – ebenfalls ein Admiral – schon 1501 in die Hände gefallen waren. Wie passt das zusammen damit, dass laut herrschender Lehre der Konquistador Francisco Pizarro als erster Europäer erst 1532 in die Kordilleren Perus eindrang? Ähnlich verhält es sich
mit der Cantino-Weltkarte, die im Jahr 1500 schon Florida und die
Küsten Brasiliens in voller Länge dokumentierte – Länder, die nach
offizieller Lesart erst später (Florida 1513!) von Europäern entdeckt
und vor allem eingeordnet wurden. Oder handelte es sich bei den vorwitzigen Zeichnungen nur um Vermutungen, um reine Fantasieprodukte, die sich zufällig mal als wahr herausstellten? Vieles andere entpuppte sich als Fata Morgana. Die hohen Kong-Berge zum Beispiel,
die sich jahrhundertelang auf allen Karten über Tausende Kilometer
längs durch Westafrika zogen. Einer zeichnete sie vom anderen ab, bis
sich Mitte des 19. Jahrhunderts herausstellte: Es gibt sie gar nicht.
Seitdem waren die Kartenmacher vorsichtiger, was Afrika anging.
Ursprünglich, seit Beginn der Neuzeit, waren sie von einer Art Horror Vacui befallen, schrieben das Innere der Kontinente voll mit imaginären Orten und fantasievollen Landschaften, so wie Joan Blaeu auf
jener Afrikakarte. Und dennoch, nicht alles war früher falsch: Wo kamen sie denn her jene Mondberge auf den Karten der Antike bereits,
in denen der Nil entsprang? Nach denen Afrikaforscher viele Jahrhunderte suchten, bis sie Stanley 1888 erst dingfest machen konnte, und
zwar ziemlich genau dort, wo Ptolemäus 1600 Jahre zuvor seine „Lunae montes“ eingezeichnet hatte, samt Nilquelle.
Papier ist geduldig, auch das, auf denen Karten gedruckt sind. So
hat Arno Peters mit seiner originellen Projektion Afrika und Südamerika einfach in die Länge gezogen, Europa dafür gestaucht. Garfield
amüsiert sich über solche Verzerrungen: Sie ließen den Eindruck entstehen, Afrika und Südamerika seien „tropfnass an der Wäscheleine“
aufgehängt. Andererseits: Karten können tatsächlich den Blick auf die
Welt verändern. Im 19. Jahrhundert kamen die ersten Themenkarten
auf, berühmt wurden dabei die Stadtpläne von London, die die sozialen Unterschiede in der britischen Hauptstadt dokumentierten, den
Reichtum, die Armut, auch Gebiete, in denen die Cholera grassierte.
Anfangs standen sie in harter Kritik, wegen der Stigmatisierung und
dem Werteverfall ganzer Stadtteile, später wurden sie als hilfreich erkannt, als Datenbasis für die rudimentären Anfänge von Sozialpolitik.
Nicht ohne Charme ist es, dass Garfield in einem gemeinsamen
Kapitel beide abhandelt – den reichsten Kartenhändler der Welt (er
hat obendrein 50.000 Bücher über Karten): W. Graham Arader III.,
der von der Preisexplosion alter Karten im 20. Jahrhundert nicht
nur profitierte, nein, der sie selbst auslöste. Zum anderen den trickreichsten Kartendieb der Welt: Edward Forbes Smiley III. (beide
Protagonisten waren offenbar stolz auf ihre Dynastie). Smiley gab
sich einen seriösen Anstrich und konnte so jahrzehntelang wirken,
Garfield verrät sogar manchen seiner Tricks. Der Dieb hatte Glück,
2006 kam er mit dreieinhalb Jahren und zwei Millionen Dollar Strafe davon. In der frühen Neuzeit, als sie noch die Welt neu ordneten
und zur Geheimsache erklärt wurden, stand auf Diebstahl oder
Schmuggel von Karten die Todesstrafe. Heute können wir sie alle,
ob wahr oder falsch, auf den Tisch legen und starten, zu unserer
Studienreise der besonderen Art.
PICTURE-ALLIANCE/AKG-IMAGES
fundland tatsächlich eine Wikingersiedlung aus – gerade rechtzeitig,
denn wiederum wenig später brach der Forscherstreit darüber aus, ob
die Vinlandkarte überhaupt echt ist und wie behauptet aus dem 15.
Jahrhundert stammt oder aber als geschickte Fälschung aus den
1950er-Jahren die Historiker foppte.
Diese Diskussion gehört zu den spannendsten Kapiteln der Kartografie-Geschichte. Sie hält auch nach stofflichen und kartografischen
Analysen des Dokuments an. In der Yale-Universität, Besitzerin der
Karte, ist man von ihrer Echtheit überzeugt. Und die Vinlandkarte
birgt noch weitere Rätsel. So würden wir, wenn wir auf ihr den Umrissen Grönlands mit dem Finger nachfahren, fast der tatsächlichen Küstenlinie folgen, und zwar komplett, nicht nur an der Südspitze, an der
sich die Wikinger niederließen. Heute ein Ding der Unmöglichkeit,
weil der arktische Eispanzer – auch im Sommer – die gesamte Nordküste bedeckt. Zu Wikingerzeiten soll es wärmer gewesen sein.
ANZEIGE
REISE-SPEZIAL IMPRESSUM
Chefredakteur: Jan-Eric Peters; Redaktion: Michael Hegenauer
(Managing Editor); Sönke Krüger (Ressortleitung); Anzeigen:
Stephan Madel; Vermarktung: Lars Golde (lars.golde@axelspringer.de)
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Cool drauf: Dennis
Schröder überzeugt
in Atlanta Seite 60
GETTY IMAGES; DPA (2)
Schön stark: Eugenie
Bouchard taugt auch
als Model Seite 58
Damals lief’s Im Sommer posierte Mats Hummels in Brasilien als kommender WM-Star
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
SPORT
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
BVB IN DER KRISE
„Ein Kopfproblem“
H
Hinter Mats Hummels liegt ein atemberaubendes Jahr. Obwohl er lange Zeit
nicht als Lieblingsschüler von Joachim
Löw galt, trug er mit seinen Führungsqualitäten erheblich zum Gewinn des
WM-Titels bei. Und zahlte dafür einen
hohen Preis: In der vergangenen Bundesliga-Hinrunde war er entweder verletzt oder nicht fit. Nun setzt Jürgen
Klopp aber wieder voll auf seinen Leader
Hummels – der BVB-Kapitän soll bei der
Rettung des angeschlagenen Traditionsvereins vorangehen.
WELT AM SONNTAG: Wie sind Sie ins
neue Jahr 2015 gestartet?
MATS HUMMELS: Sehr schön. Ich bin
zum ersten Mal seit langer Zeit im Winter in Urlaub gefahren. Normalerweise
verbringe ich meine freie Zeit in Sommer
und Winter immer in München, weil ich
da gefühlt eine Million Menschen kenne,
die ich gerne sehen will. Letztes Jahr war
ich aber so viel unterwegs, ich musste
meinem Körper einfach Erholung geben
und brauchte Ruhe. Deshalb bin ich nach
Dubai geflogen.
Sie brauchten offenbar auch Zeit, um
Privates nachzuholen: Sie haben sich
mit Ihrer langjährigen Freundin Cathy
Fischer verlobt.
(lacht) Zu solchen Dingen äußere ich
mich öffentlich nicht. Mein Privatleben
soll privat bleiben, sofern das in der heutigen Zeit noch möglich ist.
Cathy Fischer ist als TV- und Printkolumnistin erfolgreich, Sie haben den
WM-Titel gewonnen, sind dadurch
weltweit bekannt. Finden Sie noch
Raum für Privatsphäre?
Es wird immer schwieriger, weil offenbar
fast jeder Mensch, der mindestens fünf
Jahre alt ist, ein Smartphone mit Fotofunktion besitzt. Aber ich versuche es
trotzdem. Es ist eigenartig, denn eigentlich hat sich für mich seit der WM nichts
geändert. Der Umgang mit meinen
Freunden ist der gleiche wie vorher. Ich
glaube, dass ich mit beiden Füßen auf
dem Boden und ein ganz normaler, jetzt
26 Jahre alter Junge geblieben bin. Natürlich werde ich heute öfter erkannt als
vor einigen Jahren (lacht). Als ich zum
Beispiel in Dubai ankam, dachte ich eigentlich, dass alles sehr entspannt wird.
War es dann aber nicht?
Als schon am Flughafen die Grenzbeamten angerannt kamen, nachdem sie mich
erkannt hatten, spürte ich: Ganz so easy
wird es wahrscheinlich doch nicht. Die
haben mich dann zur Seite genommen,
an der Schlange der anderen Touristen
vorbeigelotst. Aber ich kam deshalb keineswegs schneller durch, sondern musste mit jedem ein Foto machen.
Als Weltmeister
und neuer Kapitän
ging Mats
Hummels in die
Saison, nun steckt
er mit Dortmund
im Abstiegskampf.
Und den will er
entschlossen
annehmen
MATS HUMMELS,
BVB-ABWEHRCHEF
Der Innenverteidiger, am 16. Dezember 1988 in Bergisch Gladbach
geboren, wurde in der Jugend des
FC Bayern ausgebildet, nachdem
sein Vater Hermann 1995 einen Job
als Nachwuchscoach beim Rekordmeister übernommen hatte. Hummels’ Mutter Ulla Holthoff ist Sportjournalistin und die erste Frau, die
im deutschen Fernsehen ein Fußballspiel kommentierte. Weil der
1,91-Meter-Mann nur in der U 23 des
FC Bayern zum Einsatz kam, wechselte er 2008 auf Leihbasis zu
Dortmund und wurde 2009 von
der Borussia fest verpflichtet. Seit
2010 Nationalspieler, wurde Hummels 2014 Weltmeister. Mit TVExpertin Cathy Fischer ist er seit
2007 liiert und neuerdings verlobt.
Spüren Sie noch die Folgen des vergangenen Jahres und der WM?
Psychologisch habe ich keine Probleme
gehabt, körperlich dafür etwas mehr. Ich
war nach zwei Tagen schon wieder heiß,
auf den Platz zurückzukehren, aber körperlich hat mich die WM sehr viel gekostet. Ich war in der Vorrunde entweder
verletzt oder, wenn ich gespielt habe,
nicht bei 100 Prozent.
War es ein Fehler, frühzeitig wieder in
die Hinrunde einzusteigen?
Ja. Aber hätten wir aus den ersten fünf
Bundesligaspielen fünf Siege geholt, hätte ich auch nicht so schnell wieder gespielt. Darum habe ich auch lange mit
Jürgen Klopp geredet. Uns war beiden
klar, dass es unter dem körperlichen
Aspekt Sinn machen würde, wenn ich
erst nach der Länderspielpause Anfang
Oktober wieder reinkomme. Als wir aber
nur sieben Punkte geholt hatten, dachten wir beide, es würde helfen, wenn ich
etwas früher wiederkomme. Das war leider nicht so. Ich musste in der Vorrunde
ständig mit Rückschlägen umgehen.
Waren die vielen Verletzungen entscheidend für die Talfahrt?
Sie sind ein Teil unserer Probleme, aber
nicht der einzig entscheidende. Da waren viele Spiele, in denen wir schlicht
nicht entschlossen genug waren. Zu Beginn der Saison waren wir zwar häufig
überlegen, haben aber oft knapp verloren oder zumindest nicht gewonnen. Da
kamen dann erste Zweifel auf: Uns wurde bewusst, dass es nicht rund läuft.
Wie bewerten Sie in diesem Kontext
den Abgang von Robert Lewandowski
zu Bayern München? Die neuen Stürmer wie Ciro Immobile sind offenbar
noch nicht integriert.
Es wäre falsch zu sagen, Ciro Immobile
müsste so spielen wie Lewandowski.
Vielmehr müssen wir als Mannschaft anders agieren, wir müssen uns auf ihn einstellen. Hinzu kommt: Lewandowski hat,
als er 2010 zu uns gekommen war, auch
ein Jahr Zeit zur Eingewöhnung bekommen. Damals war es kein Problem, dass
er zunächst Anpassungsprobleme hatte.
Gibt es bei der Borussia möglicherweise Abnutzungserscheinungen?
Glaube ich nicht. Denn unsere Probleme
haben nichts mit der Einstellung zu tun.
Wir haben in jedem Spiel gekämpft. Es
war auch selten so, dass der Gegner besser war. Es war oft knapp, und wir haben
zu selten gewonnen. Daraus ist dann ein
Kopfproblem geworden.
Hat sich Jürgen Klopp verändert?
Nein. Ich war in der Hinrunde sogar ein
paar Mal der Meinung, er könnte öfter
noch wütender auf uns sein. Wir Spieler
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
wissen, dass wir viel verbockt haben.
Aber Jürgen Klopps Umgang mit uns ist
auf dem Platz und außerhalb der gleiche
wie in den Jahren zuvor.
Sie sind seit dem vergangenen Sommer
Kapitän des BVB. Hat sich für Sie dadurch etwas verändert?
Es wird noch mehr auf mich projiziert,
auch was unsere aktuelle Krise angeht.
Mein Verhalten wird noch genauer beobachtet. Nach unserer 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV habe ich beispielsweise das Stadion relativ schnell
verlassen. Das hatte ich zwar vorher
auch schon mehrere Mal gemacht, übrigens auch nach Siegen, aber weil ich Kapitän bin, wurde das besonders wahrgenommen und bewertet. Nach unserer
Niederlage in Berlin war ich auf dem
Weg zu den Fans, aber meine Mitspieler
standen noch im Mittelkreis. Ich hatte
gesundheitliche Probleme, bin dann in
die Kabine – und wurde kritisiert.
Wahrscheinlich wird der BVB nächste
Saison erstmals nach vier Jahren nicht
Champions League spielen. Ein Problem für Topspieler wie Reus oder Sie?
Wir haben ja auch in den vergangenen
Jahren, obwohl wir Champions League
gespielt haben, immer wieder Leistungsträger abgegeben. Da besteht also kein
kausaler Zusammenhang. Vielleicht verlieren wir Spieler, wenn wir uns nicht für
die Champions League qualifizieren.
Was ich aber auf jeden Fall sagen kann:
Wenn nicht 15 Profis auf einmal gehen,
werden wir auch in der kommenden Saison eine Supermannschaft haben!
Manchester United soll um Sie werben.
Diese ganzen Gerüchte sind auch so ein
Thema, über das ich mich noch nie geäußert habe. Das habe ich in den vergangenen Jahren schon so gehalten und werde
es auch weiterhin so handhaben.
Aber es wäre für Sie kein Problem,
auch ohne Champions League weiter
für die Borussia zu spielen?
Wenn ich mir jetzt schon Gedanken darüber machen würde, hätte ich das Gefühl, unnötig Kraft und Zeit zu vergeuden. Grundsätzlich gilt: Ich muss nicht
unbedingt Champions League spielen,
um glücklich zu werden. Ich weiß nicht,
ob andere das anders sehen. 2008, als ich
aus München zum BVB gekommen bin,
war die Champions League für uns utopisch weit weg. Auch 2009, als ich mich
dafür entschieden habe, dauerhaft hierzubleiben, war das für mich nicht der
entscheidende Grund. Es war dann ja
auch eher überraschend, dass wir 2011
Meister geworden und in die Champions
League eingezogen sind.
Das Gespräch führte Oliver Müller
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
58 Sport
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Genie,
Umwerfend Eugenie Bouchard
macht einfach immer alles
richtig. Und das nicht nur auf
dem Tennisplatz
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Sport 59
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
wahnsinnig schön
Die Kanadierin Eugenie Bouchard drängt in die Weltspitze.
Mit dem Tennisschläger und als Model – von Frihtjof Bublitz
B
ikini trägt Eugenie Bouchard selten.
Die 20-Jährige fiel zuletzt mehr dadurch auf, dass sie im kurzen Tennisröckchen in der Weltrangliste der
Frauen für Furore sorgte – aktuell
nimmt sie Platz sieben ein. Trotzdem soll die Kanadierin offenbar schon bald im Badedress zu einem besonderen Fotoshooting antreten und für
die „Swimsuit“-Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift „Sports Illustrated“ posieren. Eine Ehre,
die 1998 schon der Deutschen Heidi Klum widerfuhr, deren Modelkarriere danach einen rasanten
Verlauf nahm. Und genau das könnte „Genie“, so
der Spitzname von Bouchard, auch passieren. Immerhin werden von der freizügigen Schwimmdress-Ausgabe gern mehr als 50 Millionen Hefte
verkauft.
Kein Wunder, dass die hübsche Tennis-Aufsteigerin gerade einen Vertrag bei der International
Management Group (IMG) unterzeichnete, die
auch Supermodels wie Gisele Bündchen oder die
Schauspielerin Liv Tyler im Portfolio führt. Denn
Bouchard hat alles, was die Modebranche braucht:
Sie misst 1,78 Meter, wiegt gerade mal 61 Kilo, hat
blondes, langes Haar und das passende Antlitz dazu. „Ich freue mich riesig, dass ich jetzt bei IMG
bin“, sagt der Vorzeige-Twen. „Diese Firma wird
mir helfen, meine Ziele zu erreichen und natürlich
auch dabei, meinen Marktwert zu steigern.“
Dazu kommt, dass Bouchard genau weiß, wie
sie sich gut verkaufen kann. In den sozialen Netzwerken ist sie omnipräsent und postet fast alles.
Ob es ihr Debüt auf dem Surfbrett ist, Fahrten auf
dem Quad, Auftritte im schicken Abendkleid oder
aber kleine Filmchen vom Training. Damit trifft
sie den Zeitgeist. Auf Facebook gefällt das fast einer Million User, bei Twitter besitzt die in Montreal geborene Kanadierin mittlerweile fast
400.000 Follower.
Da passt es prima ins Bild, dass einer ihrer größten Fans Schauspieler Jim Parsons ist, der Sheldon
Cooper bei „The Big Bang Theory“ verkörpert.
Wenn der Texaner die Matches der immer lächelnden Blondine nicht aus ihrer Box anschaut,
verfolgt er ihre Spiele im Fernsehen. Und nach jedem Match erhält das „It-Girl“ eine SMS oder eine
E-Mail des Golden-Globe- und viermaligen Emmy-Gewinners.
TALENT UND CHARME Kein Wunder, dass IMG
viel mit ihr vorhat. Als Model soll sie unter anderem für Juwelen, Uhren und Kosmetik werben.
„Genie ist eine tolle Kombination aus Talent,
mentaler Stärke und Charisma. Das macht aus ihr
etwas Besonderes und sie interessant für uns, da
wir in den Bereichen Tennis, Marketing und Modeln tätig sind“, sagen IMG-Vizepräsident Patrick
Whitesell und Fernando Soler, bei IMG verantwortlich für die Sektion Tennis.
„Auch eine eigene Linie für sie ist durchaus
vorstellbar – so wie bei Maria Scharapowa“,
glaubt der britische Sportmarketingfachmann
Nigel Currie. Die Russin ist übrigens Bouchards
großes Vorbild. Als Achtjährige ließ sie sich 2002
mit Scharapowa in Miami fotografieren. Ein Jahr
später bei einem Turnier in ihrer Heimat Montreal schlug Bouchard Gegnerinnen, die drei und
mehr Jahre älter waren. Das gab für sie den Ausschlag, Profi zu werden. „Maria war für mich ein
Idol, eine Inspiration. Als ich ein Kind war, habe
ich sie im Fernsehen gesehen“, sagt Bouchard,
die mit ihrem Vorbild in Zukunft nicht nur auf
dem Tennisplatz konkurrieren wird, sondern
auch in Sachen Präsenz im TV und in bunten
Blättern. Um Scharapowas Werbeverträge kümmert sich zufällig ebenfalls Vermarkter IMG.
NIKE
NOTORISCHE PERFEKTIONISTIN Der könnte
im Januar noch gehörig steigen, denn am Montag
beginnen in Melbourne die Australian Open, das
erste Grand-Slam-Turnier der Saison. Vor einem
Jahr rauschte die damalige Nummer 32 der Weltrangliste, die mit fünf Jahren das Tennis für sich
entdeckte, gleich durch bis ins Halbfinale, scheiterte erst an der späteren Siegerin Li Na aus China. „Ich glaube fest an mich und arbeite hart an
mir“, sagt sie, wieder ganz engagierte Athletin und
notorische Perfektionistin. „Manchmal vielleicht
sogar zu hart, aber das ist meine Motivation, um
besser zu werden. Ich bin nie zufrieden. Mein Ziel
ist ein Grand-Slam-Titel.“
Vorbereitet hat sich die Blondine wie schon
2014 beim Hopman Cup in Down Under. Nach der
Auftaktniederlage gegen Lucie Safarova folgten
Siege gegen Serena Williams und Flavia Pennetta.
„Der Belag ist der gleiche wie in Melbourne, ebenso die Bälle, und das Stadion in Perth ähnelt der
Rod-Laver-Arena. Das passt“, erklärt Bouchard,
die bei den Australian Open an Position sieben gesetzt ist und in der ersten Runde auf die Deutsche
Anna-Lena Friedsam trifft.
An der richtigen Unterstützung wird es ihr in
Melbourne nicht fehlen. Vor einem Jahr gründete
sich in Australien schon die „Genie Army“, ein
Fanklub, der sie auch 2015 lautstark anfeuern wird.
Bouchards Beliebtheit liegt nicht nur an ihren Auftritten in den sozialen Medien, sie nimmt sich
auch stets Zeit für ihre Fans, erfüllt ohne Murren
oder Zickereien die Autogramm- und Selfie-Wünsche. Zusammen mit ihrem Powertennis ist das
ein Paket, das ankommt. „Sie übt ständig Druck
auf dich aus“, lobt die deutsche Topspielerin Andrea Petkovic. „Genie spielt speziell die ersten beiden Bälle unheimlich aggressiv. Nur wenn man die
überlebt, hat man eine Chance.“ Und weil sie immer besser trifft, reduzieren sich so die Möglichkeiten für ihre Gegnerinnen.
Nicht nur die Australian Open waren zuletzt eine schillernde Bühne für die große Blonde. Auch
in Paris, bei den French Open in Roland Garros,
spielte sie sich bis die Vorschlussrunde, in Wimbledon erreichte sie das Endspiel. Zwischenzeitlich stand sie schon auf Rang fünf der Weltrangliste. Um nicht zu sagen: Die Rechtshänderin hat
auch in sportlicher Hinsicht das Zeug, der neue
Superstar des Damentennis zu werden.
„Genie besitzt die Persönlichkeit, die sportlichen Fähigkeiten und das Aussehen“, betont ihr
ehemaliger Manager Sam Duvall von Lagardere,
jener Firma, die Bouchard seit ihrem 13. Lebensjahr unter Vertrag hatte und die sie nun verlassen
hat. „Sie könnte das neue Gesicht ihrer Sportart
werden.“ Auch die 59-malige Grand-Slam-Siegerin
Martina Navratilova ist begeistert: „Sie bringt das
komplette Paket mit und verbessert sich ständig.“
In die Lobeshymnen stimmte zuletzt auch die
zweimalige US-Open-Siegerin Tracy Austin mit
ein: „Oft gelingt es jungen Spielerinnen nur, ein
einziges gutes Ergebnis bei einem Grand Slam abzuliefern. Bei Genie ist es anders. Sie macht einen
vorzüglichen Job.“
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
60 Sport
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
Nicht zu stoppen Seinen
NACHRICHTEN
Gegenspieler Elfrid Payton
(r.) lässt Dennis Schröder
einfach links stehen
Neureuther siegt im
Slalom von Wengen
Ski alpin Felix Neureuther hat den
Weltcup-Slalom in Wengen/Schweiz
gewonnen. Nach dem ersten Durchgang noch auf Platz fünf liegend, ließ
er am Ende Stefano Gross (2./Italien)
und Henrik Kristoffersen (3./Norwegen) hinter sich. Fritz Dopfer wurde
Siebter. Weltmeister Marcel Hirscher
aus Österreich schied im ersten Lauf
aus und verlor die Weltcupführung in
der Slalomwertung an Neureuther.
Nowitzki gegen Denver
der beste Mann
DPA/ERIK S. LESSER
Basketball Dirk Nowitzki hat die
Dallas Mavericks zum 28. Sieg im
41. NBA-Saisonspiel geführt. Beim
97:89 gegen die Denver Nuggets war
der Deutsche mit 25 Punkten und
neun Rebounds bester Spieler und
hielt die Texaner auf Play-off-Kurs.
Wendl/Arlt gewinnen
auch in Oberhof
Rodeln Tobias Wendl und Tobias
Arlt haben auch den zweiten Weltcup
im neuen Jahr gewonnen. Die Doppelsitzer siegten in Oberhof mit
Bahnrekord vor Toni Eggert und
Sascha Benecken, die jedoch im Gesamtweltcup weiterhin führen.
Fairall nach Sturz auf dem
Weg der Besserung
Skispringen Nach seinem schweren
Sturz bei der Vierschanzentournee
geht es Nicholas Fairall allmählich
besser. Der US-Skiverband erwiderte
auf Spekulationen, der 25-Jährige
werde gelähmt bleiben: „Nick ist in
einem stabilen Zustand und macht
jeden Tag Fortschritte.“
5,92 Meter: Lavillenie mit
Bestleistung
Leichtathletik StabhochsprungWeltrekordler Renaud Lavillenie hat
seine brillante Frühform unterstrichen. In seinem zweiten Wettkampf
des Jahres sprang der Franzose beim
Hallenwettkampf in Reno/USA mit
der Jahres-Weltbestleistung von
5,92 Metern einen Meetingrekord.
Fünfter Dakar-Sieg für
Spanier Coma
Motorsport Marc Coma hat zum
fünften Mal die Motorradwertung
der Rallye Dakar gewonnen. Der
Vorjahressieger aus Spanien sicherte
sich auf seiner KTM in Argentinien
den Triumph am Samstag auf dem 13.
und letzten Teilstück von Rosario in
die Hauptstadt Buenos Aires.
German Dennis
beißt sich durch
Nach einigen Startproblemen ist der
Braunschweiger Dennis Schröder bei den
Atlanta Hawks angekommen – von Jörg Rößner
D
ie Jahreswende verbinden
viele Menschen oft in erster
Linie mit Stress: Weihnachtsgeschenke kaufen,
Silvesterparty vorbereiten,
hinterher aufräumen. Ganz anders blickt
Dennis Schröder auf die vergangenen
Wochen zurück, markieren sie doch
nichts Geringeres als seinen Durchbruch
in der NBA, der besten Basketball-Liga
der Welt.
Nachdem für den Pointguard aus
Braunschweig die Saison bei den Atlanta
Hawks schon gut begonnen hatte, gelangen dem 21-jährigen nämlich im Dezember gleich drei Karrierebestleistungen:
22 Punkte gegen Dirk Nowitzkis Dallas
Mavericks, sechs Rebounds gegen die
Houston Rockets mit deren Star-Center
Dwight Howard und zehn Assists bei seiner Premiere in der Startaufstellung gegen LeBron James’ Cleveland Cavaliers.
Schröder half seiner Mannschaft dabei
so exzellent, dass diese alle drei Partien
gegen die Spitzenteams gewann.
Die Atlanta Hawks sind nach knapp
der Hälfte der regulären Saison in der
NBA überraschend der beste Klub der
Eastern Divison, zuletzt feierten sie elf
Siege in Folge. Ein wichtiger Grund dafür
ist die deutliche Steigerung von Dennis
Schröder, der wie sein großes Vorbild
Nowitzki vor 15 Jahren in seiner zweiten
Saison den großen Schritt vom Rollenspieler zum Leistungsträger geschafft
hat. „Ich spiele viel besser, weil ich jetzt
viel größeres Selbstbewusstsein habe“,
erklärt Schröder seinen Karrieresprung.
Nun kennt er außerdem das Land, die
Stadt, die Sprache und das ganze Umfeld
in Atlanta viel besser, seine Anfangsnervosität ist abgelegt. „Der Trainer und
meine Mitspieler vertrauen mir. Und ich
merke, dass mich auch die Gegenspieler
viel mehr respektieren.“
Das liegt vor allem an zwei Eigenschaften, die man dem 1,85 Meter großen
Aufbauspieler mit der blonden Haarsträhne auf den ersten Blick nicht unbedingt zuschreiben würde: Geduld und
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
harte Arbeit. Seine Debütsaison war erst
ein paar Wochen alt, als er von Headcoach Mike Budenholzer für sechs Spiele
in die Development League geschickt
wurde, eine Aufbauliga für Talente. Die
Degradierung sieht Schröder im Rückblick allerdings absolut positiv: „Diese
Partien haben mich weitergebracht,
denn ich hatte damals keine Spielpraxis
in der NBA.“ Vor allem in guten Teams
bekomme man im ersten Jahr als Europäer nicht so viel Vertrauen: „Das dauert
ein bisschen, da ist es für Rookies bei
schlechteren Teams einfacher.“
Schröder ließ sich von den Anfangsproblemen nicht irritieren und verordnete sich ein straffes Sommerprogramm:
Nach dem frühen Saisonende – die
Hawks scheiterten in der ersten Play-offRunde mit 3:4 an den Indiana Pacers –
trainierte er zunächst individuell, spielte
dann in der Summer League und zuletzt
die EM-Qualifikation mit der deutschen
Nationalmannschaft. Sein Ziel war es,
sich Schritt für Schritt zu entwickeln.
LOB VON DIRK NOWITZKI Diese Einstellung schlägt sich heute in seinen Statistiken nieder: Schröder steht im
Schnitt knapp 18 Minuten auf dem Parkett und damit fünf Minuten länger als
in der vergangenen Saison. Sein Punkteschnitt stieg von 3,7 auf 8,1 pro Partie.
Seine Feldwurfquote verbesserte er auf
über 44 Prozent, seine Freiwurfquote gar
auf 75 Prozent. Zudem setzt er seine
enorme Schnelligkeit inzwischen zielgerichteter ein und will nicht mehr so oft
mit dem Kopf durch die Wand. Damit
kommt Schröder der Forderung seines
Trainers näher: „Er erwartet von mir,
dass ich mit Energie in der Verteidigung
und mit Selbstbewusstsein in der Offensive spiele.“ Auch von Nowitzki gibt es
dafür Lob: „Er hat sich in seinem ersten
Jahr wahnsinnig verbessert. Immer mehr
Leute werden auf ihn aufmerksam.“
Seinen großen Sprung honorierten die
Hawks im Herbst mit einer Vertragsverlängerung bis Sommer 2016. Schröder
kann sich vorstellen, darüber hinaus in
Atlanta zu bleiben: „Ich mag den Klub.
Es wäre sehr gut, wenn ich hierbleiben
könnte.“ Aber er ist auch Realist: „In der
NBA weißt du nie, was passiert. Sonst
muss ich eben woanders weitermachen.“
Für dieses Jahr hat er zwei große Ziele:
Mit den Hawks will er sich eine gute Ausgangssituation für die Play-offs sichern,
um weiter zu kommen als in der vergangenen Saison. Und im September möchte er mit Nowitzki die EM 2015 spielen,
deren Vorrundenpartien für Deutschland in Berlin stattfinden. Ein gutes Abschneiden dort ist die Voraussetzung für
seinen großen Traum: die Teilnahme an
Olympia 2016 in Rio de Janeiro. Das wäre
für Dennis Schröder mehr wert als das
schönste Weihnachtsgeschenk.
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
RASIEREN BEKOMMT EINE
NEUE DIMENSION
Ab morgen
erhältlich
U
FLEXBALL
™
T
E
C
H
N
O
L
O
G
I
E
FÜR DAS BESTE IM MANN
NEU – DER GILLETTE® PROGLIDE® MIT REVOLUTIONÄRER
®
®
M I T F L E X B A L L™ T E C H N O L O G I E
FLEXBALL™ TECHNOLOGIE, die den Rasiererkopf erstmals 3-Dimensional
an das Gesicht anpasst. Für maximalen Kontakt* selbst an schwierigen Stellen.
Erwischt praktisch jedes Haar. Mit Gillette ProGlide Rasierklingen und
neuem ProGlide Rasiergel verwenden, für unsere beste Rasur.
5€
RABATT
beim Kauf eines
Gillette® ProGlide®
Rasierers mit
Flexball™ Technologie
Gültig: 19.01. – 25.01.2015
Coupon einlösbar bei folgenden Handelspartnern:
*
*
*
*Nur in teilnehmenden Märkten. | **Nicht alle aufgezählten/
abgebildeten Artikel sind jederzeit verfügbar.
Nicht alle abgebildeten Artikel jederzeit vorrätig. Coupon ist im Haushalt übertragbar. Weitergabe an
Dritte untersagt. Nur gültig für auf dem Coupon genannte Produkte in Deutschland. Nicht mit
anderen Coupons kombinierbar & nur im Original gültig. Vervielfältigungen werden nicht akzeptiert.
Keine Barauszahlung. Online-Gutscheincode pro Person nur einmal einlösbar & nicht mit anderen Aktionen kombinierbar. Nur gültig für Verkauf & Versand durch den unten angezeigten Onlinehändler, nicht für Verkäufer etwaiger Plattformen. Auf 2000 Couponeinlösungen limitiert.
Dieser Coupon kann unter Verwendung dieses
Gutscheincodes auch online eingelöst werden.
1GLTE235
Shop
3€
RABATT
beim Kauf eines
Gillette® ProGlide®
2-in-1-Rasiergels
Gültig: 19.01. – 25.01.2015
Coupon einlösbar bei folgenden Handelspartnern:
9 823216 173006
* Vs. Fusion.
9 823215 005001
*
*
*
*Nur in teilnehmenden Märkten. | **Nicht alle aufgezählten/abgebildeten Artikel sind jederzeit verfügbar.
Nicht alle abgebildeten Artikel jederzeit vorrätig. Coupon ist im Haushalt übertragbar. Weitergabe an
Dritte untersagt. Nur gültig für auf dem Coupon genannte Produkte in Deutschland. Nicht mit anderen Coupons kombinierbar & nur im Original gültig. Vervielfältigungen werden nicht akzeptiert.
Keine Barauszahlung. Online-Gutscheincode pro Person nur einmal einlösbar & nicht mit anderen Aktionen kombinierbar. Nur gültig für Verkauf & Versand durch den unten angezeigten Onlinehändler, nicht für Verkäufer etwaiger Plattformen. Auf 2000 Couponeinlösungen limitiert.
Dieser Coupon kann unter Verwendung dieses
7GLTE497
Gutscheincodes auch online eingelöst werden.
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
Shop
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
62 Leute
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
PIZZA DER WOCHE
Mason Wartman, 27, kehrte nach
einem Job an der Wall Street in
seine Heimatstadt Philadelphia
zurück, um einen Pizza-Shop –
das Stück ein Dollar – aufzumachen. Das war im Dezember 2013,
im März 2014 fragte ein Kunde,
ob er für einen Armen ein Stück
bezahlen dürfe. Inzwischen kommen 30 bis 40 Obdachlose am
Tag, die Kunden, die spenden,
hinterlassen einen Post-it-Zettel
mit aufmunternden Nachrichten
wie: „Du bist wertvoll.“
MILLIONEN
Kourtney Kardashian, 35, TVBerühmtheit,will von Schwester
Kim, 34, ebenfalls TV-Berühmtheit, ein paar Millionen Dollar.
Kim nimmt unter anderem mit
einer Kardashian-App „Kim Kardashian Hollywood“ Geld ein, 1,6
Millionen Dollar in den ersten
fünf Tagen, es gibt 22 Millionen
Spieler, insgesamt rechnet man
mit einem Gewinn von 200 Millionen Dollar. Darin kommt auch
Kourtney als Zeichentrickfigur
vor. Und will Geld. Sie drohte, vor
Gericht zu gehen, hat die Idee
aber laut dem Magazin „Life &
Style“ wieder aufgegeben.
Weltraumtraumreise
Sarah Brightman, 54, britische Sängerin („Time to say
Goodbye“) ist zum Training
für ihren millionenteuren
Weltraumflug in Moskau eingetroffen. Bis zum geplanten
Start zur Internationalen
Raumstation ISS im Oktober
sei ein umfangreiches Programm aus Übungen und
Gesundheitstests zu absolvieren, teilte am Donnerstag
das Kosmonauten-Ausbildungszentrum bei Moskau der
Agentur Interfax zufolge mit.
Russischen Medienberichten
zufolge zahlt Brightman rund
50 Millionen US-Dollar (etwa
43 Millionen Euro) für den
zehntägigen Trip zu den Sternen. Bisher leisteten sich seit
2001 sechs Männer und eine
Frau die Reise.
Nur
mit
Wodka
WIREIMAGE; AFP; PICTURE ALLIANCE; GETTY (3); REUTERS; WENN.COM/VERA ANDERSON
200
Singen?
Sienna Miller übernimmt am Broadway die Hauptrolle in „Cabaret“
SIENNA MILLER, 33, Schauspielerin,
übernimmt die Rolle der Sally Bowles am
Broadway – Liza Minnelli, 68, wurde damit 1972 in dem Film-Musical „Cabaret“
weltberühmt. Miller hat nur ein Problem: Sie kann nicht singen, tanzen eigentlich auch nicht – „bisher gab es Gesang und Tanz in der Öffentlichkeit für
mich nur, wenn ich leicht angetrunken
war. Angetrieben von Wodka und Karaoke“. Macht aber eigentlich auch nichts:
„Die richtige Sally Bowles konnte ja auch
nicht so gut singen, nicht wie Liza Minnelli, also habe ich mich für deren Interpretation entschieden.“ Grundlage des
Musicals ist der Roman „Goodbye to
Berlin“ von Christopher Isherwood
(1904 bis 1986), und die wirkliche Sally
Bowles sei „eine Frau mit Ecken und
Kanten gewesen“, so Miller. Sie betonte
aber: „Die haben mich schon singen gehört, bevor ich die Rolle bekam.“ Millers
aktueller Film, „American Sniper“ unter
der Regie von Clint Eastwood, 84,
kommt in Deutschland am 26. Februar in
die Kinos. Er basiert auf der wahren Geschichte des Navy SEAL Chris Kyle (1974
bis 2013), mit 160 Treffern der tödlichste
Scharfschütze der US-Geschichte. Die
Rolle übernimmt Bradley Cooper, 40.
Der hat im Voraus einen schlimme Verdacht aus der Welt geräumt: Nein, er sei
nicht zu hübsch für die Rolle ...
Keith (leert sein Glas):
„And who the fuck are you?“-
Justin: „Don’t know,
who the fuck you are?“
KEITH RICHARDS, 71, trifft auf Justin Bieber, 20, in einer
Bar auf den Turk- und Caicos-Inseln, und sie finden über die
Generationen hinweg eine gemeinsame Sprache
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Leute 63
W E LT A M S O N N TAG N R . 3 , 18 . JA N UA R 2 015
„Wir feiern heute
all die Filme, an denen
Nordkorea nichts
auszusetzen hat“
George Lucas geht
George Lucas, 70, Regisseur,
verlässt das „Star Wars"-Universum. Seit 1977 haben die Filme
mehr als zwei Milliarden Dollar
eingespielt. Doch beim anstehenden Kinofilm „Star Wars: The
Force Awakens“ will Lucas sich
heraushalten, wie er „USA Today“
im Interview erzählte. Vor allem
will er mehr Zeit mit seiner Tochter Everest, 17 Monate, verbringen, sagte er:
„Zeit ist für
mich mehr
wert als Geld.“
Die Regie im
neuen „Star
Wars“-Film
übernimmt
J.J. Abrams,
48.
AMY POEHLER, 40 (Foto rechts, mit Tina Fey
und Margaret Cho), Moderatorin bei den „Golden
Globes“, eine Anspielung auf Nordkoreas Wut auf
den Film „The Interview“, in dem King Jong-Un
Kate Perry im Panzer hört und Cocktails süffelt.
Poehlers Serie „Wilkommen in Schweden“ ist gerade
im NDR angelaufen (donnerstags)
706
GESCHENKE
Poldi, Architekturexperte
Lukas Podolski, 29,, Fußball-Nationalspieler, der
jetzt für den italienischen
Erstligisten Inter Mailand
spielt, bewundert den Kölner Dom (Bauzeit bis 1880)
mehr als sein Mailänder
Pendant (Bauzeit 1388 bis
1965). „Der strahlt einfach
noch mehr aus“, sagte der
Profi, der soeben zum italienischen Fußballverein
„Inter Mailand“ gewechselt
ist, der „Bild“-Zeitung. Der
Mailänder Dom sei ebenfalls imposant und biete
einen „schönen Anblick“,
gestand der in Polen geborene Podolski dem Bauwerk wenigstens zu. Für ihn
sei dennoch klar (wie für
jeden Kölner selbstverständlich): „De Dom bliev
immer en Kölle.“
Flug mit den Luftballons
Erik Roner, Extremsportler, ist
geflogen – auf einem Liegestuhl
und mit 90 Helium-Ballons. Er
erreichte eine Höhe von 2483 Metern. Angekommen, zerschoss er
die Ballons einen nach dem anderen und kehrte per Fallschirm auf
den Boden zurück. Für Roner ein
eher besinnliches Erlebnis; er hat
vor zwei Jahren auch schon ausprobiert, ob man mit Regenschirm
fliegen kann. Man kann, aber nicht
lange, stellte er fest, nachdem er
sich aus einem Heißluftballon
gestürzt hatte. Aber nur sehr kurz,
dann klappte der Schirm nach
oben. Roner hatte auch damals
vorsichtshalber doch den Fallschirm mitgenommen.
George, 18 Monate alt, Baby, musste wie alle Royals die Liste aller Geschenke veröffentlichen, die er in offizieller Funktion erhalten hat. Allein beim Staatsbesuch in
Australien und Neuseeland gab es 671 Geschenke (Foto mit Vater William, 32, Mutter Kate, 32, und dem Governor-General Sir Peter Cosgrove, Mitte), insgesamt
706. Sein Onkel Harry, 30, übrigens, bekannt für viele Freundinnen und viele Partys, erhielt unter anderem vom Kaplan der Landtruppen Ihrer Majestät eine Bibel.
ANZEIGE
Mehr Tipps unserer
Crew unter LH.com/
wo-ich-gern-lande
durch
dass ich in New York nicht nur
den Beinen. Da bin ich froh,
In meinem Job bin ich viel auf
des Wortes schweben kann.
auch mal im wahrsten Sinne
ern
sond
,
laufen
mitten
en
mat
lucht
die Häusersch
ahn in Schuhkartonfor
Tram – einer knallroten Seilb
Und zwar mit der Roosevelt Island
ein Vermögen wert, kostet aber
River
East
den
über
Fahrt
bei der
mal
in Manhattan. Die Aussicht ist
wünsche ich ausnahmsweise
eines Metro-Tickets. Na, dann
nur ein paar Dollar – den Preis
Flug!
guten
gute Fahrt statt
Deutschland heute
5
5
Kiel
5
Rostock
4
Hamburg 2
3
0
Berlin
Bremen
Emden
3
0
4
3
1
Hannover
4
-2
3
4
0
1 Münster
Köln
Düsseldorf Leipzig 4
-1
4
Kassel
-2
5
1
Frankfurt
Saarbrücken
5
-1
4
-1
Dresden
7
Mittwoch
Donnerstag
Lissabon
1
-3
1
-2
0
-2
Madrid
3
1
Mitte
-9 bis -5
-4 bis 0
1 bis 5
6 bis 10
11 bis 15
16 bis 20
21 bis 25
26 bis 30
31 bis 35
über 35
3
-1
2
-1
1
0
19
2
21
Las Palmas
Süden
-2
4
-4
0
-4
0
-4
-1
H
T
Hoch/Tief
Bordeaux
Nizza
Barcelona
14
15
15
Amsterdam
Barcelona
Buenos Aires
Djerba
Genf
Hongkong
Innsbruck
Kairo
Kapstadt
Kreta
Los Angeles
Mailand
Malta
Miami
New York
Palermo
Peking
Prag
Salzburg
Sydney
Tel Aviv
Tokio
Moskau
0
Kiew
6
Wien
12
Budapest
4
Zagreb
9
12
Rom
9
15
Istanbul
12
14
Athen
15
Kaltfront
Weltwetter
-1
St. Petersburg
4
Warschau
Berlin
Algier
Warmfront
Helsinki
Riga
5
1
12
Palma
Malaga
14
15
1
4
6
Zürich
9
5
5
5
London
Brüssel
Paris
Norden
-1
Kopenhagen
Dublin
13
Dienstag
1
Stockholm
-1
3
2
Stuttgart -2
4
München
-1
Friedrichshafen
3
-5
3
-3
Oslo
Vorhersage
Montag
4
-2
3
Im Osten und Süden ist es nach letzten Schneeregen- und
Schneeschauern zwischen dem Fichtelgebirge und dem
Bayerischen Wald sowie am Alpenrand meist trocken. Im Norden und Westen fallen Regen-, Graupel- oder Schneeschauer.
Temperaturen von minus 1 bis plus 6 Grad werden erreicht.
1
-1
Nürnberg
Reykjavik
Gebietsweise Schnee und Regen
Okklusion
14
19
Tunis
Warmluft
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
Kaltluft
5° Regen
12° wolkig
35° Regenschauer
17° Regenschauer
3° wolkig
20° wolkig
2° Schneeschauer
17° sonnig
24° heiter
16° wolkig
24° wolkig
7° wolkig
17° Regenschauer
24° wolkig
6° Regen
19° Regenschauer
5° wolkig
3° bedeckt
2° Schneeschauer
34° Regenschauer
17° sonnig
8° heiter
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
TV-Programm
SONNTAG, 18. JANUAR 2015
ARD
ZDF
PRO SIEBEN
KABEL 1
RTL
SAT 1
5.30 Kinder-TV 5.55 ¥ dasbloghaus.tv Ein mieser Deal / Ein Typ
zum Knutschen 6.45 Kinder-TV 9.00
¥ g Tagesschau
9.05 ¥ g Sportschau live:
Skispringen / ca. 9.30
Rodeln / ca. 9.55 Ski alpin /
ca. 12.00 Rodeln / ca. 12.20
Biathlon / ca. 13.15 Ski alpin /
ca. 14.05 Skispringen / ca.
14.35 Langlauf / ca. 14.50
Skispringen / ca. 15.30 Biathlon / ca. 16.30 Nordische
Kombination / ca. 17.10 Bob /
ca. 17.40 Ski Freestyle
18.00 ¥ g Sportschau
18.30 ¥ g Bericht aus Berlin
18.50 ¥ g Lindenstraße
19.20 ¥ g Weltspiegel
U.a.: Russland: Pfeifen auf
den Westen / USA: Drei
Jobs zum Überleben
20.00 ¥ g Tagesschau
20.15 ¥ g Tatort: Die Sonne
stirbt wie ein Tier
TV-Krimi, D 2015
21.45 ¥ g Günther Jauch
Pegida bei „Günther Jauch“.
Gäste: Kathrin Oertel (Mitglied im Organisationsteam
von Pegida), Jens Spahn
(CDU, Mitglied des Parteipräsidiums) u.a.
22.45 ¥ g Tagesthemen
23.00 ¥ g ttt U.a.: Ein Tagebuch
über Folter in Guantanamo
23.30 H ¥ g Betty Anne
Waters Drama, USA 2010
1.15 H ¥ ® g Der Mann
mit dem goldenen Arm
Drama, USA 1955
3.15 ¥ g Günther Jauch (Wh.)
5.30 g citydreams 5.40 ¥ g hallo
deutschland 6.00 Kinder-TV 9.00 ¥
sonntags 9.30 ¥ g Evangelischer
Gottesdienst 10.15 Peter Hahne
Kinder, Küche und Karriere – überfordern sich die Frauen? 10.45 g
Venedigs verborgene Künste
11.00 g ZDF-Fernsehgarten
on tour Show
13.15 g Bares für Rares
14.00 g Die Büffelranch
14.45 g planet e.
15.15 ¥ heute
15.20 H ¥ g Du schon wieder
Komödie, USA 2010
17.00 ¥ heute
17.10 ¥ g Sportreportage
18.00 ¥ g ZDF-Reportage
18.30 ¥ g Terra Xpress
19.00 ¥ heute Wetter
19.10 ¥ Berlin direkt
19.30 ¥ g Terra X
20.15 ¥ g Katie Fforde:
Vergissmeinnicht Drama,
D 2015. Mit Henriette
Richter-Röhl, Rudolf Kowalski,
Gudrun Landgrebe
Regie: John Delbridge
21.45 ¥ heute-journal Wetter
22.00 ¥ g Inspector Barnaby:
Die Vögel (3/5) TV-Krimi,
GB 2012. Mit Neil Dudgeon
23.30 g ZDF-History
Leni Riefenstahl
0.15 heute
0.20 ¥ g Inspector
Barnaby: Die Vögel
TV-Krimi, GB 2012 (Wh.)
1.50 Frag den Lesch Stürmisches Weltraumwetter
2.05 ¥ g Terra X (Wh.)
2.50 ¥ g Terra X
5.55 Chuck 7.20 g Mike & Molly
8.15 g Cougar Town 9.10 g Two
and a Half Men 10.05 g The Big
Bang Theory Comedy-Serie
11.05 g How I Met Your
Mother Sitcom
12.00 g The Big Surprise
14.05 H g Guess Who – Meine
Tochter kriegst du nicht!
Liebeskomödie, USA 2005
Mit Ashton Kutcher
16.05 H g Werner – Eiskalt!
Animationsfilm, D 2011
18.00 Newstime
18.10 Die Simpsons Trick-Serie
19.05 g Galileo Schwalbennester aus Malaysia
20.15 H g Stirb langsam – Ein
guter Tag zum Sterben
Actionthriller, USA 2013
Mit Bruce Willis, Jai
Courtney, Sebastian Koch
Regie: John H. Moore
22.30 H g Bad Boys II
Actionfilm, USA 2003
Mit Will Smith
Regie: Michael Bay
1.25 H g Stirb langsam – Ein
guter Tag zum Sterben
Actionthriller, USA ’13 (Wh.)
3.10 H g The Cave Horrorfilm,
USA/D 2005. Mit Cole
Hauser, Eddie Cibrian
Regie: Bruce Hunt
5.10 g Steven liebt Kino – Spezial
(Wh.) 5.45 g Franklin & Bash Tote
lächeln nicht 6.30 g Elementary
8.20 H Otto – Der Außerfriesische
Komödie, D 1989 10.10 H Otto –
Der Liebesfilm Komödie, D 1992
12.00 g K1 Reportage spezial
13.55 Die strengsten Eltern der
Welt Reportagereihe
16.00 News
16.10 g Rosins Restaurants –
Ein Sternekoch räumt auf!
Bistro „Papala Pub” (Cuxhaven). Mit Frank Rosin
18.10 Die Wildnis und ich – Die
Abenteuer des Richard
Gress (1/4) Botswana
20.15 g K1 Reportage spezial
Konsum XXL. In dieser Sendung wird unter anderem
über die Eröffnung zweier
riesiger Supermärkte in
Shanghai berichtet.
22.20 g Abenteuer Leben Die
Mega-Rutschen von Dubai
0.10 g Mein Revier
Ordnungshüter räumen auf
2.20 Population 436 Thriller,
CDN/USA 2006. Mit David
Ames, Leigh Enns
Regie: Michelle MacLaren
3.55 H Weiblich, ledig, jung
sucht II Thriller, USA 2005
Mit Kristen Miller
5.15 Verdachtsfälle 6.00 Das Strafgericht 7.00 Das Strafgericht 8.00
Die Trovatos – Detektive decken
auf 9.00 Die Trovatos – Detektive
decken auf 10.00 g Monk
11.50 g Dr. House Arzt-Serie
Falsche Geschichte
12.45 Best of...! Deutschlands
schnellste Rankingshow
13.45 g Deutschland sucht
den Superstar Show
15.45 g Undercover Boss
16.45 g Das Erfolgsrezept
Heiß. Mit Tim Raue
(Sternekoch), Peter John
Mahrenholz (Werbeagentur
Jung von Matt), Inga Koster
(Geschäftsführerin und
Mitbegründerin true fruits)
17.45 Exclusiv – Weekend
18.45 RTL aktuell
19.05 Vermisst Doku-Soap
20.15 H ¥ g Aushilfsgangster
Actionkomödie, USA 2011
Mit Ben Stiller, Eddie
Murphy. Regie: Brett Ratner
22.15 g Ich bin ein Star –
Holt mich hier raus!
23.15 „Spiegel”-TV Magazin
Einmal Dschungel und zurück:
Die bizarren Karrieren der
C-Promis / Leben im echten
Dschungel – Indianerstamm
entdeckt / Spreewälder Gurken oder Meißner Fummel –
Wie regional ist regional?
0.00 g Ich bin ein Star – Holt
mich hier raus! (Wh.)
1.00 H ¥ g Aushilfsgangster
Actionkomödie, USA 2011
Mit Ben Stiller (Wh.)
2.45 Exclusiv – Weekend (Wh.)
5.50 g Steven liebt Kino – Spezial
6.15 g In Gefahr – Ein verhängnisvoller Moment 7.10 g In
Gefahr – Ein verhängnisvoller
Moment 8.05 g Auf Streife 9.05
g Auf Streife 10.05 g Auf Streife
11.05 g Auf Streife
12.05 g Auf Streife
13.05 H g Herr der Diebe
Abenteuerfilm, LUX/GB/D
2006. Mit Aaron Johnson
15.05 H g Die Chroniken
von Narnia: Prinz Kaspian
von Narnia Fantasyfilm,
USA 2008. Mit Ben Barnes
17.45 H g Die Chroniken
von Narnia – Die Reise
auf der Morgenröte
Fantasyfilm, USA 2010
Mit Ben Barnes, Georgie
Henley. Regie: Michael Apted
19.55 Sat.1 Nachrichten
20.15 g Navy CIS KrimiSerie. Die falsche Wahl
Mit Mark Harmon, Michael
Weatherly, David McCallum
Bei der Explosion einer
Autobombe stirbt Samuel
Colpepper. Er hatte
brisante Dossiers über
Navy-Offiziere bei sich. Wie
sich herausstellt, war er der
Angestellte von Duckys Jugendfreund Angus Clarke.
21.15 g Navy CIS: L.A.
Krimi-Serie. Die Dinosaurier
22.15 g Navy CIS: L.A.
Die menschliche Bombe
23.15 g American Football:
NFL Conference Championships. Übertragung
4.05 g Navy CIS Krimi-Serie
ARTE
3SAT
VOX
RTL 2
11.20 g Abgedreht! 12.00 g
Grand'Art 12.25 ¥ g Philosophie
12.55 Square Europa 13.35 g
360° – Geo Reportage 14.20 g
Der Aufstand der Wale 15.15 g
Mammuts 16.05 g Metropolis
16.50 g Die Pariser Philharmonie
17.45 g Eröffnungsgala der Pariser Philharmonie 19.15 ARTE
Journal 19.35 ¥ g Karambolage
19.45 g Zu Tisch ... 20.15 H ® g
Lohn der Angst Thriller, F/I 1953
22.35 g Wochenendkrieger Dokumentarfilm, D 2013 0.05 g Lernen von Lang Lang (1/2) 0.35 g
Lernen von Lang Lang 1.00 g Der
Ruf des Atlas 2.05 g Vox Pop Toxische Anleihen 2.30 g Silex and
the City Gala für die Evolution 2.35
¥ g Philosophie (Wh.) 3.05 g
Die Wiege des Kinos 3.57 Pause
14.30 ¥ õ g Terra X Eisige Welten (4/5): Wettlauf gegen die Kälte
15.15 ¥ õ g Terra X Eisige Welten (5/5): Im Bann der Polarnacht
16.00 g Das Beste der European
Outdoor Film Tour 16.55 H ¥ õ
Ein Trauzeuge zum Verlieben Komödie, GB/USA/D/H 2005 18.30 g
Schweizweit 19.00 ¥ heute 19.10
NZZ Format 19.40 Schätze der
Welt – Erbe der Menschheit
Petra – Die Totenstadt der Nabatäer
(Jordanien) 20.00 ¥ g Tagesschau
20.15 ¥ õ Nuhr im Ersten Mod.:
Dieter Nuhr 21.00 ¥ g Jürgen
Becker: Der dritte Bildungsweg
21.45 g Hotel Concierges Dokumentarfilm, D 2013 23.15 ¥ Polizeiruf 110: Minuten zu spät TV-Krimi,
DDR 1972 0.20 H g Porträt in der
Dämmerung Drama, RUS 2011
7.20 g Die Pferdeprofis 8.30 g
Vier Hochzeiten und eine Traumreise 13.25 g Goodbye Deutschland! Die Auswanderer 15.30 g
Auf und davon 16.30 g Schneller
als die Polizei erlaubt 17.00 g
auto mobil Detroit Autoshow 18.15
g Biete Rostlaube, suche Traumauto 19.15 g Die Küchenchefs.
Restaurant „Auszeit” in Bad SodenSalmünster 20.15 g Promi
Shopping Queen Doku-Soap.
Motto in Berlin: Klassentreffen – Beeindrucke deine alten Schulfreunde!
Mit Alida Kurras (Moderatorin), AnneSophie Briest (Schauspielerin),
Mariella Ahrens (Schauspielerin),
Shermine Shahrivar (Model) 23.20
Prominent! 0.05 g Biete Rostlaube, suche Traumauto (Wh.) 1.05
g Goodbye Deutschland!
13.55 g Die Schnäppchenhäuser – Der Traum vom Eigenheim.
Schluss mit Hotel Mama! 14.55 g
Der Trödeltrupp 17.00 g CityCheck 18.00 g Grip – Das Motormagazin. Auto-Klassiker in Neuauflage / Gebrauchtwagenschnäppchen
in Frankreich / Test: Was können
Reparatur-Sets? 19.00 Grip Extrem –
Das Motormagazin 20.00 g RTL II
News 20.15 H g Ice Twister II –
Der Megasturm Science-FictionFilm, AUS/CDN 2010 22.00 g Der
Supersturm – Die Wetter-Apokalypse Katastrophenfilm, USA 2012
23.45 Das Nachrichtenjournal 0.15
H g Swamp Shark – Der
Killerhai Science-Fiction-Film, USA
2011 1.50 H g Ice Twister II – Der
Megasturm Science-Fiction-Film,
AUS/CDN 2010 (Wh.)
BR
WDR
12.00 Kochgeschichten aus Südtirol 12.45 Polizeiinspektion 1 Die
Grille und die Ameise / Der nächtliche Gast / Rosenmontag 14.05 H ¥
Schön ist die Welt Heimatfilm, D
1957 15.30 ¥ Welt der Tiere 16.00
¥ weiß blau 16.45 ¥ Rundschau
17.00 ¥ herzhaft und süß 17.30 ¥
Euroblick 18.00 Aus Schwaben
und Altbayern 18.45 ¥ Rundschau
19.00 ¥ Unter unserem Himmel
19.45 ¥ Die drei Eisbären Lustspiel,
D 1995 21.15 ¥ freizeit Magazin
21.45 ¥ Rundschau-Magazin 22.00
H ¥ õ Der Auftragslover Liebeskomödie, F/MC 2010 23.40 H Atemlos Thriller, USA 1983 1.15 Startrampe. Magazin. Best of Mine
12.25 ¥ g West ART Meisterwerke 12.30 ¥ Hier und heute 12.45 ¥
g Grenzgang Drama, D 2013 14.15
¥ g Wunderschön! 15.45 ¥ Cosmo-TV 16.15 ¥ Gesichter des Islam
(1/3) 16.45 ¥ g Doppelgängerin
Komödie, D 2012 18.15 ¥ Tiere suchen ein Zuhause 19.10 ¥ Aktuelle
Stunde 19.30 ¥ Westpol 20.00 ¥ g
Tagesschau 20.15 ¥ g Proklamation des Kölner Dreigestirns 2015
KarnevalMotto: social jeck – kunterbunt vernetzt 23.15 ¥ g Lokalpatrioten – Cat Ballou und Gäste in Köln
0.15 Rockpalast. Go Go Berlin 1.15
Rockpalast. The Smith Street Band
2.15 ¥ g Proklamation des Kölner
Dreigestirns 2015 (Wh.)
NDR
MDR
11.00 ¥ Hallo Niedersachsen 11.30
¥ g Mein schönes Land TV Das
Jahr beginnt – Gutes bewahren,
Schönes entdecken 13.00 g Opas
Schatz 14.00 ¥ Landpartie 15.30
g 7 Tage ... In der Wagenburg
16.00 Lieb und teuer 16.30 DAS!
Wunschmenü mit Rainer Sass
17.00 Bingo! 18.00 ¥ g Nordseereport. Wegweiser auf See 18.45 ¥
g DAS! 19.30 Ländermagazine
20.00 ¥ g Tagesschau 20.15 Das
große Winter-Wunschkonzert
21.45 g Die NDR Quizshow 22.30
g Gefragt – Gejagt 23.30 ¥ Kommissar Beck – Die neuen Fälle: Der
Lockvogel TV-Krimi, D/DK/N/S 1997
1.00 ¥ g Nordseereport (Wh.)
16.00 ¥ g Weltreisen Gesichter
Asiens: Die Andamanen – unentdecktes Paradies 16.30 ¥ g Sport
im Osten Aktueller Sport vom Tage
18.00 ¥ g MDR aktuell 18.05 ¥ g
In aller Freundschaft Alte und
neue Freundschaften 18.52 Unser
Sandmännchen Pittiplatsch: „Die
Schneehexe” 19.00 MDR Regional
19.30 ¥ g MDR aktuell 19.50 ¥ g
Kripo live 20.15 ¥ g Sagenhaft
Das Erzgebirge 21.45 ¥ g MDR
aktuell 22.00 ¥ g Die Dienstagsfrauen – Sieben Tage ohne Komödie, D 2013 23.30 ¥ g Das Venedig
Prinzip Dokumentarfilm, D/I/A 2012
0.55 ¥ g Sport im Osten Aktueller
Sport vom Tage (Wh.)
TV-Tipp des Tages
ACTIONTHRILLER
Stirb langsam – Ein guter Tag zum ...
20.15 | Pro 7 Der Cop John McClane (Bruce Willis) befreit seinen in Moskau inhaftierten Sohn Jack (Jai
Courtney), der für die CIA arbeitet, und einen Dissidenten. Verfolgt von der russischen Polizei und Gangstern, flüchtet sich das Trio nach Tschernobyl.
N24 Nachrichten um 8, 9, 12, 15, 18,
19 und 20 Uhr
5.15 g Ein großer Schritt
für die Menschheit –
Die Missionen der NASA
8.10 g Auto Bild TV Magazin
8.30 g Susi Air
9.15 g Catching Hell
10.05 g Überlebt Doku
11.05 g Überlebt –
Gefährlicher Sog
12.15 g Die Krokodile von
Katuma Dokumentation
13.10 g Der Urzeit-Dinosaurier
14.10 g Afterlife – Was vom
Hippo übrig bleibt
15.15 g Geheimakte Amerika
16.05 Der Nostradamus-Effekt
17.10 g Das Geheimnis der
Kristallschädel
18.05 g Mythos und Wahrheit
19.05 sonnenklar.tv
20.05 g Der Weg ins Atomzeitalter Dokumentation
21.00 Hiroshima –
Der Tag danach
22.05 g Die Achsenmächte
23.55 g Das Geheimnis
der Kristallschädel
0.00 g Sci Fi Science
22.05 Mussolini (l.) und Hit-
ler beeinflussten einander
PHOENIX
EUROSPORT
18.15 Die Kupfermine Falun 18.30
Die Gustloff – Die Dokumentation
(Wh.) 20.00 ¥ Tagesschau 20.15
Der geheime Kontinent 21.45 London Calling 22.30 Die Themse
23.15 Verkaufte Frauen 0.00 Unter
den Linden Spezial (Wh.) 0.45 Hoffen auf ein neues Leben (Wh.) 1.00
Der geheime Kontinent (1/2) (Wh.)
17.45 g Rodeln: Weltcup 18.15
Springreiten: Weltcup 19.15 g
Snooker: World Main Tour 20.00
g Snooker: World Main Tour Live
aus London (GB). The Masters: Finale, Session 2 (Best of 19) 23.00
Rallye 23.30 g Skispringen: Weltcup (Wh.) 1.00 g Tennis: Australian Open Live aus Melbourne Park
» O N L I N E : A U S F Ü H R L I C H E P R O G R A M M Ü B E R S I C H T U N T E R W E L T. D E / T V - P R O G R A M M «
© Tigress Productions Limited (Bristol)/ Channel 4 Picture Publicity/ Endemol
Heute um 14.10 Uhr
Ein Nilpferd stirbt. Was passiert dann?
„Afterlife - Was vom Hippo übrig bleibt“
© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über http://www.as-infopool.de/lizenzierung/ipe_lizenzierung_1746131.html
WELT am SONNTAG-2015-01-18-smv-4 3cec523ed1df9c8988a5e08f3d0516e7
Autor
Document
Kategorie
Uncategorized
Seitenansichten
665
Dateigröße
14 831 KB
Tags
1/--Seiten
melden