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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Maßloses Ego
Wenn Selbstliebe zur Krankheit wird
Von Marcus Schwandner
Sendung: Mittwoch, 13. Juli 2011, 08.30 Uhr
Wiederholung: Mittwoch, 7. Januar 2015, 08.30 Uhr
Redaktion: Sonja Striegl
Regie: Autorenproduktion
Produktion: SWR 2015
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
Urhebers bzw. des SWR.
Service:
SWR2 Wissen können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter
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MANUSKRIPT
O-Ton 1 - Otto Kernberg:
Ich bin so perfekt, ich habe alles Gute in mir, alles, was ich beneide, bewundere und
haben möchte, das habe ich, so dass ich nichts anderes brauche. Solange ich mich
habe, weiß ich, dass ich sicher bin. Dass Ich wird sein eigenes Liebesobjekt und man
braucht kein anderes und deshalb ist man vollkommen, scheinbar, in Sicherheit.
Autor:
Der weltweit angesehene Psychoanalytiker Professor Otto Kernberg beschreibt, wie
sich Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit empfinden. Der Begriff kommt
aus der antiken griechischen Mythologie. Narzissus ist ein 16jähriger Junge, der aus
Stolz die Liebe einer Nymphe zurückweist. Zur Strafe muss er sein eigenes
Spiegelbild lieben. Doch das kann er weder berühren, noch kann er sich von ihm
lösen.
Sprecherin:
„Maßloses Ego - Wenn Selbstliebe zur Krankheit wird“. Eine Sendung von
Marcus Schwandner.
O-Ton 2 - Hans-Jürgen Wirth:
Das Selbstwertgefühl ist ja etwas, womit sich jeder Mensch auseinandersetzen muss
und es gibt deswegen auch einen gesunden Narzissmus und ein gesundes, stabiles
Selbstwertgefühl. Gerade, wenn das gestört ist, wenn das labil ist, dann, als
Kompensation, werden Verhaltensweisen gezeigt von einem übersteigerten
Selbstbewusstsein und das bezeichnet man dann als narzisstische Störung.
Autor:
Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit scheinen sich selbst zu genügen.
Dennoch erwarten sie, bevorzugt behandelt zu werden. Sie nutzen andere aus.
Ihnen fehlt das Mitgefühl. Gleichzeitig sind sie leicht zu kränken und nachtragend. In
der großen Weltpolitik und im Showgeschäft finden sich einige, auf die das zutrifft.
Der Gießener Psychoanalytiker Professor Hans-Jürgen Wirth hat den
Zusammenhang zwischen Macht und Narzissmus untersucht.
O-Ton 3 - Hans-Jürgen Wirth:
Bei Berlusconi ist es nun ganz offensichtlich, wie er die Politik missbraucht und seine
politische Macht missbraucht, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen, auch
finanzieller Art, aber vor allem auch um sich ständig selber zu zelebrieren. Die
Schönheitsoperationen, denen er sich unterzieht, oder wie missbräuchlich er umgeht
mit den Beziehungen zu Frauen, wo er auch wieder seine Macht einsetzt, um sich da
in Positur zu bringen. Das hat schon sehr stark Züge von einer narzisstischen
Persönlichkeit.
Autor:
Der italienische Ministerpräsident ist ein typisches Beispiel. Silvio Berlusconi liebt es
zu feiern, er inszeniert sich gerne und hält sich nach wie vor, mit seinen 74 Jahren,
für einen unwiderstehlichen Frauenhelden. Regeln scheinen für ihn nicht zu gelten.
Er scheut auch nicht davor zurück, sie per Gesetz zu ändern.
2
O-Ton 4 - Hans-Jürgen Wirth:
Eine Form, Macht zu missbrauchen, besteht darin, dass die Macht nicht eingesetzt
wird, um der Sache willen, etwa in der Politik, also um bestimmte Ziele zu erreichen,
sondern wenn die Macht eingesetzt wird, damit der Politiker oder der Herrscher sich
selber großartig fühlt, dann liegt eigentlich eine Form von Machtmissbrauch vor. Das
kann man in der Tat sehr oft beobachten, dass das der Fall ist.
Autor:
Der Narzissmus des Italieners wirkt so überzogen, dass er in Karikaturen und Witzen
gerne veralbert wird. Doch auch seine Reaktion darauf ist typisch: Einen echten
Narzissten stört es gar nicht, wenn andere ihn nicht mehr ernst nehmen. Narzissmus
und Macht gehören für den Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth untrennbar
zusammen.
O-Ton 5 - Hans-Jürgen Wirth:
Man kann natürlich die verschiedenen sozialen Situationen danach unterscheiden,
wie viel Macht angesammelt wird auf einer Seite, wie machtlos der andere ist. Der
Narzissmus, das ist sozusagen die seelische Innenseite der Macht, denn über Macht
kann auch das eigene Selbstwertgefühl reguliert werden. Also wenn ich andere dazu
bringe, bestimmte Dinge zu tun, die ich von ihnen erwarte, dann steigert das mein
Selbstwertgefühl, weil ich wirksam bin, weil ich auch auf diesem Wege das erreiche,
was ich erreichen will, also erfolgreich bin und auch weil ich von anderen
Anerkennung bekomme, wenn ich sie etwa dazu bringe, mir zuzuhören und auch
das, was ich sage, gut zu finden.
Autor:
Jeder möchte seine Mitmenschen hin und wieder im eigenen Sinn beeinflussen. Ab
wann diese Neigung aber zur Krankheit wird, können die Experten schwer sagen.
Denn der Übergang ist fließend. Folgende Symptome gehören zur narzisstischen
Persönlichkeit: das grandiose Gefühl der eigenen Wichtigkeit, Fantasien von
grenzenlosem Erfolg, ein Gefühl von Einzigartigkeit, das Streben nach
Bewunderung, der Mangel an Empathie und Überheblichkeit. Doch wieso entwickeln
zunächst gesunde, aufgeschlossene, sich nach Liebe sehnende Kinder diese
Störung und werden zu einem Erwachsenen, den andere als hochmütig, arrogant,
fordernd und ichbezogen beschreiben? Otto Kernberg mit der gängigsten Erklärung:
O-Ton 6 - Otto Kernberg:
Was wir am meisten finden, sind Eltern, die große Schwierigkeiten haben, das Kind
zu verstehen, empathisch zu sein, das Kind zu lieben und die ihrerseits große
narzisstische Probleme haben, so dass das Kind, anstatt geliebt zu werden, dazu
erzogen wird, bewundert zu werden. Und wenn das Kind bewundert werden kann
und die Eltern durch das Kind bewundert werden können, dann besteht eine
scheinbar liebevolle Beziehung, aber die dreht sich darum, dass das Kind irgendwie
perfekt, strahlend und die Eltern zufrieden stellend sein muss, anstatt dass die Eltern
sich auf das innere Leben des Kindes konzentrieren.
Autor:
Der Österreicher Otto Kernberg gehört zu den renommiertesten Experten auf dem
Gebiet des Narzissmus und der Borderline-Störung. Er wanderte früh in die USA aus,
wo er sich einen Namen als Psychoanalytiker gemacht hat. Auf einer internationalen
3
Konferenz im Mai in der Schweiz hat sich Kernberg mit anderen Experten über die
neuesten Forschungen zum Thema Narzissmus ausgetauscht. Diese Störung ist
deshalb so schwer greifbar, weil die Betroffenen sich - wenn überhaupt - erst spät als
„krank“ empfinden. Einig sind sich die meisten Therapeuten, dass das Klima in der
Familie ausschlaggebend für die Entwicklung der narzisstischen Störung ist,
gefördert durch die Ansprüche der Leistungsgesellschaft. Immer mehr Eltern sehen
in ihren Mädchen und Jungen nicht mehr nur „das Kind“, sondern sie sehen in ihnen
den „Prinz“ oder die „Prinzessin“ mit ungeheuren Fähigkeiten. So beschreibt es der
Psychologe Professor Hans-Werner Bierhoff von der Universität Bochum. Viele
Eltern der oberen Mittelschicht hätten keine „durchschnittlichen“ und „normalen“
Kinder mehr.
O-Ton 7 - Hans-Werner Bierhoff:
Viele Eltern gehen fest davon aus, dass ihre Kinder etwas ganz Besonderes sind und
dass sie besonders intelligent sind, hochbegabt und sehr leistungsfähig sind, und
aus solchen Erwartungen heraus ergibt sich für die Kinder ein sehr hoher Anspruch,
der sich dann auch in narzisstischen Tendenzen niederschlagen kann.
Autor:
Die Kinder glauben das irgendwann auch, fühlen sich als etwas Besonderes und
zeigen das in ihrem Verhalten. Ein Kreislauf entsteht: Weil viele narzisstische
Persönlichkeiten erhaben und besonders wirken, reagiert die Umgebung oft sehr
zugewandt, ihnen wird jeder Wunsch von den Lippen abgelesen, andere räumen
ihnen besondere Rechte ein. Schließlich wird das Gefühl, etwas Besonderes zu sein,
zur Überzeugung. Das gilt nicht nur für Kinder ehrgeiziger Eltern der oberen
Mittelschicht. Trotzdem hat die Freiburger Psychiaterin Dr. Eva Dieckmann eine
Tendenz beobachtet:
O-Ton 8 - Eva Dieckmann:
Man kann in jeder Gesellschaftsschicht eine narzisstische Persönlichkeitsproblematik
entwickeln, aber es ist doch so, dass es meiner Erfahrung nach unter den Schönen,
Reichen, prominenten Akademikern eine höhere Inzidenz hat.
Autor:
Eine zweite Theorie geht davon aus, dass Kinder in ihrem späteren Leben eine
solche Störung entwickeln, wenn ihre Bedürfnisse zu wenig beachtet werden.
O-Ton 9 - Eva Dieckmann:
Unter den Schönen, Reichen, Prominenten, adligen Akademikern gibt es schon so
Schichten, die einen emotional recht unterkühlten und desinteressierten und wenig
warmherzigen Interaktionsstil haben mit ihren Kindern, mit so einer Haltung von "wir
sind was Besseres, für uns gelten die Regeln nicht, die für andere gelten, ihr dürft
euch daneben benehmen.“ Das ist glaube ich ein Teil narzisstischer Dynamik, dass
materielle Güter, Ansehen, Status, Macht, Luxus, Aussehen ein Substitut sind für
einen Bindungswunsch, der da nicht erfüllt wird.
Autor:
Wenn die Eltern es dem Kind ersparen, sich früh mit den Folgen seines Handelns
auseinanderzusetzen, wenn jede Enttäuschung abgewehrt wird, dann erwartet der
4
erwachsen gewordene Mensch, dass es so weiter geht, dass andere alles für sie
regeln, dass es immer nach ihrem Willen geht.
Wenn Kinder hingegen nur spielen, sie seien strahlende, unverwüstliche Helden, sei
das völlig normal, beruhigt Hans-Jürgen Wirth.
O-Ton 10 - Hans-Jürgen Wirth:
Dass Kinder sagen, ich bin Superman und das auch spielen, oder auch Cowboy und
Indianer, das sind ja alles Heldenfiguren, wenn man sich mit dieser Rolle identifiziert,
probiert man eben aus, wie wäre es, wenn ich ein solch toller Bursche wäre? Das
gehört mit dazu, um in der Kindheit und später auch in der Adoleszenz ein
angemessenes Selbstwertgefühl zu entwickeln, aber eben auch mal
Großartigkeitsfantasien, Grandiositätsvorstellungen von sich selber zu entwickeln.
Also in einem gewissen Ausmaß ist das für die Entwicklung notwendig, dass man
sich toll fühlt.
Autor:
Haben die Kinder ein gutes Selbstwertgefühl, wagen sie sich später auch an
Aufgaben heran und lassen sich auf Abenteuer ein, obwohl sie unsicher sind, ob sie
die bewältigen können. Eltern müssen keinesfalls beunruhigt sein, wenn ihre Kinder
sich für einen bestimmten Zeitraum mit großartigen Heldenfiguren identifizieren.
Dieses Spiel führt nicht zum Narzissmus. Aber die wenigsten Eltern werden es
überhaupt erkennen können, wenn ihr Kind immer narzisstischer wird. Denn sie sind
Teil des Problems: Die Eltern sind der Motor, der den gesunden Narzissmus des
Kindes so lange verstärkt, bis er eines Tages pathologisch geworden ist.
Experten wie der Bochumer Psychologe Prof. Hans-Werner Bierhoff beobachten,
dass die Menschen insgesamt narzisstischer werden. Die ersten Studien dazu
kommen aus den USA:
O-Ton 11 - Hans-Werner Bierhoff:
Da wurden Befragungen zum Narzissmus schon zehn Jahre früher durchgeführt als
in Deutschland, nämlich in den späten 1980er Jahren, und deswegen liegen
Vergleichsdaten vor und über diese nahezu 30 Jahre hinweg kann man feststellen,
dass bei vergleichbaren Personen die Ausprägung des Narzissmus gestiegen ist.
Und diese Steigerung des Narzissmus ist vor allen Dingen bei jungen Leuten
nachgewiesen worden, die zunehmend narzisstisch auftreten.
Autor:
In Fragebögen müssen die Teilnehmer beispielsweise einschätzen, wie sehr sie die
positive Rückmeldung anderer für ihr Selbstwertgefühl brauchen. Oder ob sie von
anderen als etwas Besonderes erlebt werden wollen. Es wird auch danach gefragt,
wie leicht man zu kränken ist und ob man die Gefühle anderer einschätzen kann.
Dabei geht es nicht um die narzisstische Persönlichkeitsstörung, sondern um den
klinisch unauffälligen ‚normalen’ Narzissmus. Diese Haltung verbreitet sich nicht nur
in Amerika, sie nimmt auch in Deutschland zu.
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O-Ton 12 - Hans-Jürgen Wirth:
Ein Faktor könnte der sein, dass es in unserer Gesellschaft doch sehr auf
Selbstverwirklichung, Individualismus ankommt und dass der dann natürlich auch in
der Erziehung und von den Medien, das wird überall gefördert und das bringt es mit
sich, dass er auch schon von Kindheit an in einer übersteigerten Form nachgelebt
wird. Also solche Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“, die haben
eben die seelische Auswirkung, dass die Kinder und Jugendlichen sich mit Idealen
von Schönheit und Sexualität und Ausdrucksfähigkeit identifizieren, die gigantisch
hoch sind, also der durchschnittliche Jugendliche kann das nicht erreichen, aber er
meint, und es wird denen von den Sendungen auch suggeriert: Das ist auch was für
dich!
Autor:
Hans-Jürgen Wirth sieht diese Auswüchse der Medienlandschaft sehr kritisch. Denn
sie haben Folgen. Die hat Hans-Werner Bierhoff durch seine Studien nachgewiesen.
Der Bochumer Psychologe stellte unter anderem fest, dass unter allen Studenten
jeder Fünfte ein „echter Narzisst“ ist.
O-Ton 13 - Hans-Werner Bierhoff:
Es gibt eine Minderheit, die sehr hohe Narzissmuswerte erreicht und die man mit Fug
und Recht als Narzissten bezeichnen kann und die sich dann auch dadurch
auszeichnen, dass sie sehr hohe Ansprüche an andere haben und sich selbst
besonders hervortun wollen. Es gibt auch viele Frauen, die narzisstisch sind, aber in
der Tendenz ist die Gruppe der Männer narzisstischer.
Autor:
Narzissten sind gern gesehene Gäste. Sie können ihre Stärken gut ausspielen, sind
galant und unterhaltsam, machen Komplimente und wirken häufig sehr charmant und
überzeugend. Das beeindruckt vor allen Dingen auch potenzielle Partnerinnen und
Partner. Aber der erste Eindruck könne täuschen, warnt Hans-Werner Bierhoff.
O-Ton 14 - Hans-Werner Bierhoff:
Narzissten sind in Partnerschaften eher unzuverlässig und neigen dazu, ihre Bindung
gering zu halten, das hängt damit zusammen, dass sie eigentlich kein großes
Interesse an Nähe und Intimität haben, im Gegenteil, Nähe und Intimität finden
Narzissten bedrohlich, weil sie den Eindruck haben, dass sie dabei durchschaut
werden könnten und ihre übertriebenen Vorstellungen könnten von anderen erkannt
werden und sie könnten bloßgestellt werden und deswegen fürchten Narzissten im
allgemeinen die Intimität, sie wollen nicht in sich hineinblicken lassen.
Autor:
Manchmal ist es sogar so, dass Menschen, die sehr narzisstisch sind, sich gar nicht
auf eine einzige Partnerschaft beschränken. Sie haben mehrere Beziehungen, damit
nicht zu viel Nähe mit einem Menschen entsteht. Derartige Vermutungen hatte ein
Gutachter im Fall Kachelmann geäußert. Der Psychiater schloss zwar aus, dass
Kachelmann unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leide, betonte aber,
der Wettermoderator sei von einer „ausgeglichenen Persönlichkeit“ ein gutes Stück
entfernt.
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Eine seine Partnerinnen schilderte es so: Kachelmann habe ihr manchmal
Hochzeitsmagazine gekauft und seine Hand auf ihren Bauch gelegt. Die Botschaft:
Sie sei seine Auserwählte und er wolle Kinder mit ihr. Mittlerweile sei sie sich sicher:
Alles war eine einzige große Lüge. Er habe jahrelang mit ihren Gefühlen gespielt,
gelogen und betrogen.
Aber Partnerinnen und Partner von narzisstischen Personen leiden nicht nur,
sondern sie profitieren auch durch die Beziehung, hat der Psychiater Hans-Jürgen
Wirth beobachtet. Viele Menschen fühlten sich ausgesprochen geehrt, wenn sich ein
Narzisst für sie interessiert.
O-Ton 15 - Hans-Jürgen Wirth:
Wer selbst im Leben es schwer hat, sich durchzusetzen und was aus seinem Leben
zu machen und eher unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet, der findet dann so eine
Figur, die es den Andern mal zeigt, den Etablierten, findet den gut und deswegen hat
der ja auch eine große Anhängerschar. Und diese Dynamik zwischen dem
Narzissten, der groß rauskommt, der braucht immer einen so genannten
Komplementär-Narzissten, das kann eine Person sein in der Ehebeziehung, oder
eben die große Masse, die ihn bewundern.
Autor:
Einige Jahre mag es gut gehen. Aber narzisstische Menschen legen Wert darauf, als
großartig und unerreichbar dazustehen. Sie reden viel über ihre eigenen Ideen,
Geschichten und Erfolge. Was der Partner zu erzählen hat, finden sie nicht
interessant. Vielleicht zeigen sie sogar deutliches Desinteresse. Wenn der Partner
eigene Bedürfnisse anmeldet, wenn er möchte, dass der narzisstische Partner sich
ändert oder Mitgefühl zeigt, wird es schwierig. Aber auch das können manche
Narzissten geschickt überspielen.
Der Richter konnte sich im Fall Kachelmann deutliche Worte nicht verkneifen: Von
den manipulativen Fähigkeiten des Angeklagten habe sich die Kammer ein
umfassendes Bild machen können, sagte Richter Seidling. Eine seiner ehemaligen
Partnerinnen fragte sich, warum sie an seiner Liebe hätte zweifeln sollen? „Er gab
einer Frau das Gefühl, dass sie das Wichtigste für ihn sei.“ Letztlich sei er aber nicht
zu einer ernsthaften Bindung fähig gewesen, habe sich stattdessen ein Netz von
Frauen und Liebe aufgebaut. Inzwischen habe sie diverse Lügen des Moderators
entlarvt.
Auch in Gruppen kann es schwierig sein, wenn der Wortführer, der Star, narzisstisch
veranlagt ist. Sobald man von ihm verlangt, sich an die Regeln zu halten, die für alle
gelten, wird man auf Granit beißen. Denn Narzissten gehen wie selbstverständlich
davon aus, dass Regeln zwar für alle gelten, nur nicht für sie selbst. Da ist guter Rat
teuer, findet Hans-Jürgen Wirth.
O-Ton 16 - Hans-Jürgen Wirth:
Das ist zumindest eine Möglichkeit, dass man so jemandem möglichst aus dem Weg
geht. Gut, eine andere Möglichkeit wäre, einen Konfrontationskurs zu machen. Da ist
die Frage, ob man die Möglichkeiten hat und ob man sich stark genug fühlt, und ob
man Anhänger in der Gruppe dann auch um sich scharen kann, um so jemandem
Paroli zu bieten.
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Autor:
Wer sich mit einem Narzissten anlegen will, sollte sich das also gut überlegen. Denn
„Gespräche“ laufen in der Regel auf einen Machtkampf hinaus. Diesen Kampf führen
manche narzisstische Persönlichkeiten offen, andere verdeckt. Einige erhöhen den
Druck, versuchen „den Gegner“ zu erniedrigen oder lächerlich zu machen. Andere
hören scheinbar aufmerksam zu, reagieren aber überhaupt nicht, so, als hätten sie
gar nicht zugehört. Sie gehen einen anderen Weg, um ihre Machtposition zu halten,
sie ignorieren einfach völlig die Bedürfnisse und Gefühle ihrer Mitmenschen. Wer
selbstsicher ist, kann anderen gegenüber freundlich, aufgeschlossen und hilfreich
sein. Doch Narzissten erleben andere Menschen eher als Konkurrenz oder als
Bedrohung für ihr eigentlich schwaches Selbstwertgefühl. Daher sind sie leicht zu
kränken und reagieren heftig auf Rückschläge, Vorwürfe und Niederlagen, weiß
Hans-Werner Bierhoff.
O-Ton 17 - Hans-Werner Bierhoff:
Die Narzissten sind der Meinung, dass sie häufig von anderen gehindert werden in
ihrem Erfolgsstreben und sie sind auch darüber hinaus rachsüchtiger als NichtNarzissten. Also sie möchten sich auch gerne an denen rächen, die ihnen in ihrem
Vorankommen im Wege stehen. Insgesamt sind Narzissten feindselig in ihren
Einstellungen gegenüber anderen, mit denen sie konkurrieren.
Autor:
Diese Konkurrenz und dieses Machtspiel sind die größten Hindernisse für eine
Veränderung. Stattdessen regen Rückschläge Narzissten eher dazu an, sich noch
mehr anzustrengen, sich stärker zu produzieren, noch strahlender zu glänzen. Bis sie
eines Tages nicht mehr können. Solche Fälle sieht Professor Harald Gündel, er ist
Leiter der psychosomatischen Klinik in Ulm. Meist kommen die Patienten mit starken
körperlichen Symptomen. Gündel hat aber erkannt, dass die Probleme häufig durch
eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur mit verursacht werden.
O-Ton 18 - Harald Gündel:
Oft sind das auch Menschen, die ihre eigenen Grenzen nicht so gut wahrnehmen
können und sich danach richten können, die einen Herzinfarkt erlitten haben, die
unter chronischen körperlichen Erkrankungen leiden, die wegen verschiedener
körperlicher Störungen in der Klinik behandelt werden, die letztlich im Rückblick
realisieren, dass sie viele Jahre über ihre Grenzen hinaus gegangen sind, ohne das
selbst zu bemerken, weil sie sich überschätzt haben.
Autor:
Wer befürchtet, zu wenig zu leisten und verlacht zu werden, der muss sich
anstrengen. Zu Höchstleistungen. Mittelmaß und durchschnittliche Arbeit reichen
nicht. Narzissten scheuen sich nicht vor anstrengenden, schwierigen und
kraftraubenden Aufgaben. Sie bleiben länger im Büro, arbeiten auch am
Wochenende oder am Abend oder trainieren bis zum Anschlag.
O-Ton 19 - Harald Gündel:
Ich glaube, dieses Überschreiten der Warnsignale und letztlich das Zurückstellen
dieser Signale zu Gunsten des primären Zieles, bestimmte Aufgaben zu erfüllen,
oder eben viel Anerkennung zu bekommen, durch die Erfüllung bestimmter
Aufgaben, das ist etwas, das mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur
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zusammenhängen kann, nicht muss. Es gibt auch einen ganz gesunden Narzissmus,
aber die Grenzen sind fließend.
Autor:
Die eigenen Leistungsgrenzen spüren zu müssen, kann wiederum als Niederlage, als
Demütigung erlebt werden. Um das zu vermeiden, sind Narzissten Meister darin, den
Fehler bei anderen zu suchen. Ihr körperlicher Zusammenbruch gilt dann als Folge
mangelnder Unterstützung der Ehefrau, der Familie oder Arbeitskollegen. Obwohl
Narzissten den kleinsten Schwachpunkt bei anderen realisieren, können sie eigene
Fehler nicht erkennen. Daher wollen sie sich häufig auch gar nicht ändern, sagt
Hans-Jürgen Wirth.
O-Ton 20 - Hans-Jürgen Wirth:
Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering. Die Narzissten haben eben häufig wenig
Leidensdruck und sie haben wenig Selbstkritik, wenig Selbstironie, sie können sich
selbst nicht kritisch sehen. Und das macht natürlich eine Veränderung schwer.
Allerdings würde ich das auch nicht rundweg absprechen.
Autor:
Selbst für erfahrene Therapeuten wie Otto Kernberg sind narzisstische
Persönlichkeiten ausgesprochen schwer zu therapieren - und deshalb eine große
Herausforderung. Kernberg arbeitet auch mit den Menschen, die unter einer
extremen narzisstischen Störung leiden, die bis zu Suizidabsichten führen kann.
O-Ton 21 - Otto Kernberg:
Es gibt narzisstische Patienten, deren Bedürfnis, alle Abhängigkeitsbeziehungen zu
vermeiden oder zu zerstören, so groß ist, dass ihre innere Isolierung fast
unüberbrückbar ist. Also das sind große Schwierigkeiten. Die Wichtigkeit, diese
Pathologie zu lösen, wenn wir überhaupt die schwere Persönlichkeitsstörung lösen
wollen, das alles ist ein Grund, sich dafür zu interessieren!
Autor:
Narzisstische Klienten versuchen natürlich auch in der Therapie die Kontrolle zu
behalten, indem sie den Therapeuten oder die Therapie abwerten. Sie sind extrem
empfindlich, wenn sie kritisiert werden. Und sie provozieren gerne, weiß Otto
Kernberg.
O-Ton 22 - Otto Kernberg:
Das größte Problem bei der Behandlung dieser Patienten ist lange Zeit hindurch eine
systematische Abwehr gegen jede Abhängigkeit. Denn Abhängigkeit bedeutet
Minderwertigkeit, Erniedrigung, Beschämung, die sie nicht tolerieren können. In jeder
Beziehung ist es so, als ob einer der Größere, Wichtigere wäre, und der andere der
Beschämte, Verachtete. Und es ist besser, der zu sein, der verachtet, als das Opfer
zu sein. Und diese Verzerrung aller Beziehungen muss innerhalb der
therapeutischen Behandlung gelöst werden.
Autor:
Das sagt sich leichter als es für viele Therapeuten ist. Die überweisen narzisstische
Klienten dann lieber an andere, eben weil die Behandlung so schwierig ist. Denn der
Therapeut wird ständig offen oder verdeckt angegriffen oder entwertet. Das muss er
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aber aushalten, weil die Beziehungsebene für die Therapie entscheidend ist.
Während einer „Psychodynamischen Behandlung“ beobachtet der Therapeut, wie
der Patient sich ihm gegenüber verhält, welche Rolle er ihm zugesteht und welche
Position der Patient selbst einnimmt. In der Gestaltung der Beziehung zwischen den
beiden spiegeln sich die Persönlichkeit und damit auch die Probleme des Patienten.
Die dahinter liegende Überheblichkeit des Narzissten muss immer wieder
angesprochen und bearbeitet werden.
O-Ton 23 - Otto Kernberg:
Was im Weg ist, was zuerst gelöst werden muss, ist diese großartige
Persönlichkeitsstruktur, die die Patienten einerseits wie ein Leukoplast beschützt,
aber andererseits auch wirkliche, tiefe, menschliche Beziehungen verhindert.
Autor:
Als erfolgreiche Therapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung hat sich auch die
„Schematherapie“ herausgestellt. Das hat eine Studie in den Niederlanden ergeben.
Diese Therapieform geht davon aus, dass es verschiedene Teile, so genannte
Schemata in jedem Menschen gibt, die sich gegenseitig bedingen, bekämpfen oder
unterstützen. So kann der Therapeut während der Arbeit denjenigen Teil
ansprechen, der unbedingt Aufmerksamkeit sucht. Oder den, der andere
herabsetzen muss, um selbst erhöht da zustehen. Durch diese Aufteilung des
Klienten in Schemata, kann die Konfrontation vermieden werden.
Schematherapeuten umgehen den Widerstand des Patienten, indem sie Verständnis
für die Bedürfnisse des kleinen Kindes haben, das jeder einmal war. Außerdem wird
vermieden, eine Hierarchie aufzubauen, der Therapeut zeigt sich sehr menschlich
und gesteht auch Fehler ein. Wichtig ist die Beziehung, sagt die Psychiaterin Eva
Dieckmann.
O-Ton 24 - Eva Dieckmann:
Die Therapiebeziehung wird anders als in anderen Ansätzen, mit dem Begriff des
„limited reparenting“ bezeichnet, das bedeutet, dass der Therapeut für die Zeit, wo er
seinen Patienten betreut, wie so eine Art übergangsweise Elternfigur wird, um ihn mit
Erfahrungen in Kontakt zu bringen, die während seines Aufwachsens einfach nicht
geschehen sind.
Autor:
Außerdem soll der Patient seine Denkstrukturen und seine immer wieder
automatisch aktivierten Schemata bemerken und vielleicht sogar ändern. Immer
mehr Patienten fragen mittlerweile explizit nach dieser Therapie.
O-Ton 25 - Eva Dieckmann:
Das Ziel der Behandlung ist primär, dass sie ihre interpersonellen Fähigkeiten
stärken, also dass sie lernen, dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben, dass
die Welt nach bestimmten Regeln funktioniert, die für sie genauso Gültigkeit haben,
und dass sie lernen, was ein Teil von ihnen eigentlich schon kann, wirkliche Nähe
und Vertrautheit mit wichtigen, nahen Bezugspersonen zu finden, anstatt
irgendwelchen kompensatorischen Aktivitäten, wie an der Börse spekulieren, Geld
ausgeben, mit großen Autos rumbrausen oder sexuellen Abenteuern nachzugehen,
die letztendlich eben nicht befriedigend sind.
10
Autor:
Für krankhafte Narzissten gibt es also Möglichkeiten, an sich zu arbeiten und
zukünftig Nähe und intensive Beziehungen erleben zu können. Ihre Umgebung
wiederum könnte dann ihre positiven Eigenschaften wieder schätzen lernen.
Schließlich sind wir alle gerne Publikum und freuen uns, wenn sich Menschen auf die
Bühne stellen und für Stimmung sorgen: sei es im Alltag, in der Politik, im Theater
oder in den Medien.
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