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Im Namen der Freiheit - lu-wahlen.ch

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MEINUNG & DEBATTE
22
Samstag, 10. Januar 2015 V Nr. 7
Neuö Zürcör Zäitung
Im Namen
der Freiheit
Der Anschlag von Paris zielt auf das Fundament
unserer Demokratie. Von Andrew Heslop
PETER GUT
LESERZUSCHRIFTEN ZUM ANSCHLAG AUF «CHARLIE HEBDO»
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Wie ist solchen entfesselten, durch keinerlei moralisches Bedenken eingeschränkten Gewaltorgien einigermassen wirkungsvoll zu begegnen, ohne dass wir uns
dazu zwingen lassen, unsere Menschlichkeit zu opfern und unsererseits zu menschenverachtenden Fanatikern zu werden. Da müssen sich die westlichen kulturellen Werten verpflichteten Gesellschaften noch etwas einfallen lassen. Brauchbare Strategien zu entwickeln, wird künftig zu einer dringlichen Aufgabe werden.
Ein erster Schritt auf diesem Weg,
den wir alle mittragen könnten, wäre vielleicht, trotz allem Entsetzen und aller
Wut, Augenmass und einen klaren Kopf
zu bewahren. Ein Vorfall wie der Anschlag von Paris kann verallgemeinernd
mit gutem Recht als Angriff auf die
Menschlichkeit gesehen und bezeichnet
werden, aber wenn in den Medien von
einem Angriff auf die Freiheit gesprochen wird, dann sträuben sich mir die
Haare! Was für eine Freiheit ist denn da
gemeint? Es kann wohl nichts anderes
gemeint sein als das Recht der freien
Meinungsäusserung. Das allerdings gilt
es zu verteidigen, entschlossen und mit
allen geeigneten Mitteln, denn sonst können wir uns gleich von der Demokratie
verabschieden. Aber ist das Recht zu
freier Meinungsäusserung gleichbedeutend mit dem Recht, jederzeit und in
jeder Form alles auszusprechen und sogar öffentlich zu machen, was man (gerade) denkt? Ist nicht jedes Recht, das
man als Mitglied einer freiheitlichen Gesellschaft geniesst, auch an eine moralische Verantwortung und eine gewisse,
von Empathie gesteuerte, Klugheit gebunden? Sich moralisch und, ja, auch taktisch verantwortungsvoll zu verhalten,
muss nicht heissen, in jedem Fall das
Richtige zu tun, es kann auch heissen, das
(situativ) Unpassende zu unterlassen.
Peter Meyer, Zollikofen
Für mich ist diese Entwicklung nicht
überraschend. Daran tragen wir zum Teil
selbst Schuld. Wir leugnen, dass es das
Ziel des Islam ist, die übrige Welt mit
ihrem Glauben zu unterwandern, und
das nicht erst seit gestern. Vor Jahren
wurde diese Entwicklung in einigen Ostblockstaaten durch militärischen Einsatz
auch von russischem Militär gebremst.
Der bekannte Auslandreporter Peter
Scholl-Latour hat seinerzeit ausführlich
darüber berichtet. Das hat man natürlich
längst vergessen. Was macht die IS-Bewegung? Sie will mit äusserster Grausamkeit den Islam verbreiten. Darüber
wird fast täglich berichtet, dennoch wird
das offensichtlich nicht zur Kenntnis genommen. Was machen Salafisten? Sie
bemühen sich um die Verbreitung des
Islam. Aber auch das wird ignoriert.
Die Mitglieder der Pegida-Bewegung
haben dies erkannt. Erschreckend ist,
dass sie in den Medien völlig falsch dargestellt werden. Durch Verdrehung der
Tatsachen und durch Ignorieren der Realitäten wird uns der Islam in vielleicht
fünfzig bis einhundert Jahren unterwandert haben, und zwar mit Sicherheit.
Was nun die satirischen Darstellungen islamistischer Themen von «Charlie
Hebdo» anbelangt, so finde ich, dass dies
mit Satire absolut nichts zu tun hat. Die
Karikatur «Ein Islamist tötet den Propheten» ist nicht nur höchst geschmacklos, sondern völlig diffamierend. Hier
geht es auch nicht um Pressefreiheit,
sondern um deren Missbrauch auf übelste Weise. Der mörderische Überfall ist
auch kein Angriff auf unsere Werte, sondern eine durch nichts zu rechtfertigende
Reaktion auf widerwärtiges Geschmiere.
Wenn das, was «Charlie Hebdo» darstellt, unsere Werte sein sollen, so wird
uns nur vor Augen gehalten, wie verkommen unsere Moral heute ist.
Michael Ziganke, Kradolf-Schönenberg
Bundesrätin Leuthard hat recht: «Satire
ist kein Freipass.» Denn es gibt zum
einen Grenzen des Anstandes, Respekts
anderer Menschen, und es gibt auch die
Normen des Strafrechtes. In Art. 261
steht: «Wer öffentlich und in gemeiner
Weise die Überzeugung anderer in Glaubenssachen, insbesondere den Glauben
an Gott, beschimpft oder verspottet oder
Gegenstände religiöser Verehrung verunehrt», wird bestraft.
Vinzenz Winkler, Basel
Schiller würde sich ärgern, wenn er
einige der Leserbriefe in der NZZ vom
9. 1. 15 zum Drama in Frankreich lesen
würde. «Die Gedanken sind frei» ist ein
geflügeltes Wort. Den eigentlichen Sinn
erhält diese Idee erst, wenn man seine
Gedanken auch «straffrei» ausdrücken
kann. Grenzen kann man dort setzen, wo
zu Gewalt aufgerufen wird oder zu klaren Rechtsbrüchen. Wertesysteme, dazu
gehören religiöse und glaubensmässige
Überzeugungen, müssen in einer Demokratie dem Diskurs, wie auch immer,
offen sein. Man kann über den guten Geschmack streiten, über die Art und Weise
von Karikaturen, aber dies mit friedlichen Mitteln. Es ist typisch französisch,
dass der Wert der freien Meinungsäusse-
rung unabhängig von der Einstellung zu
den publizierten Karikaturen grösser gewertet wird als sogenannter Respekt vor
Wertvorstellungen einzelner Gruppen.
Eigenschaften wie Respekt, Empathie usw. sind wichtige zivilisatorische
Werte, dürfen aber nicht über die Meinungsfreiheit gestellt werden. Genau
hier liegt die Differenz im Denken zwischen Franzosen und vielen Deutschschweizern. Wir mögen in der Schweiz
mehr Abstimmungsdemokratie haben
als die Franzosen, wenn es aber um das
fundamentalste Recht einer breit ausgelegten Meinungsfreiheit in einer Demokratie geht, sind uns die Franzosen bezüglich Grundsatztreue voraus.
Max Meyer, Oberengstringen
Bundesrätin Leuthard hat einmal mehr
gezeigt, dass sie schauspielert und nicht
sicher ist, ob sie weiss oder meint, was sie
sagt oder zwitschert (NZZ 8. 1. 15).
Denn es wäre ein Leichtes gewesen, den
einfachen Satz «Satire ist kein Freipass»
zu konkretisieren, Sachkenntnis und
Rückgrat vorausgesetzt. Stattdessen bedauert sie ein Missverständnis, ohne erklären zu können, worin dieses bestehen
könnte. Die Krone in dieser Peinlichkeit
geht aber an den Chor der über den
Tweet Entrüsteten. Denn es sind wohl
einige unter ihnen, die schon fast keine
Luft mehr kriegten, als die Bundesrätin
vor einigen Jahren wegen ihrer windigen
Haltung zum Kriegsmaterialexport in
Krisengebiete mit blutigen Händen karikiert wurde. Die Meinungsäusserungsfreiheit schützt auch die Vergesslichen
und die Opportunisten.
Andreas Diethelm, Zürich
Wenn religiöse Inhalte Gegenstand von
Satire werden, geht es um eine rechtliche
und politische Abwägung zwischen zwei
Gütern. Es soll die Religionsfreiheit der
gläubigen Bürger geschützt werden und
ebenso die Meinungsfreiheit der religiös
unmusikalischen Bürger. Die katholische
Kirche steht für beide Freiheiten ein,
denn sie sind Grundrechte der menschlichen Person. Was heisst das genau, wenn
die Kirche oder Inhalte ihrer Glaubenslehre durch den Kakao gezogen werden?
Die Kirche kennt hier eine Zweiteilung der Aufgaben, wie das Zweite Vatikanische Konzil (1965) betont hat. Auftrag ihrer amtlichen Vertreter, der Bischöfe und Pfarrer, ist es, die Würde und
Freiheit der Menschen, aber auch der
Kirche öffentlich zu verteidigen. Sie müssen deshalb von Amtes wegen zugleich
Es sind erschreckende Zahlen: 61 Tote, 70 Tote, 74 Tote, 47
Tote, 44 Tote, 74 Tote. Diese Zahlen stehen für die Journalisten, die in den Jahren zwischen 2009 und 2014 ums Leben gekommen sind. Seit 1992 wurden mehr als 1100 Journalisten in
Ausübung ihrer Arbeit getötet – und das ist nur eine grobe
Schätzung. «Charlie Hebdo» und Frankreich beklagen nun
den Tod von zehn Journalisten und zwei Polizisten zum Anfang des neuen Jahres. Mit bedauerlicher Sicherheit wird es im
Laufe dieses Jahres weitere Opfer geben. Ist diese jüngste
Attacke nun der Moment, an dem jeder erkennt, dass ein Angriff auf Journalisten stets ein Angriff auf uns alle ist?
So schockierend es ist: Der tödliche Anschlag auf die
Redaktion des wichtigsten wöchentlichen Pariser Satiremagazins ist kein Einzelfall, sondern ein weiteres schreckliches Beispiel der gewalttätigen Realität, der Tausende von Journalisten rund um den Erdball ausgesetzt sind. Spricht man mit
Journalisten und Journalistinnen in Jemen, Syrien, im Irak, in
Pakistan, Mexiko und unzähligen anderen Ländern, erkennt
man, dass sie mit dem Schock und der Angst, die nun auch
Frankreich erschüttert haben, vertraut sind.
Die Tatsache, dass der jüngste Anschlag in einem Land
stattgefunden hat, das um seine multikulturelle Identität
kämpft, in einem Land, das an Vielfalt und Verschiedenheit
glaubt, ist ein tragischer Rückschlag für all diejenigen, welche
sich für die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
einsetzen.
Aussergewöhnlich ist in diesem Fall die Tatsache, dass das
weltweite Hass-Klima durch Anschläge auf Journalisten nun
auch das Herz der europäischen Redaktionen erreicht hat.
Während wir trauern, die Hintergründe der schrecklichen Tat
Stück für Stück aufgeklärt werden und die Berichterstattung
weitergeht, hoffe ich, dass nun möglichst viele Europäer
verstehen, wie sehr unsere Freiheit gefährdet ist. Dass jeder
getötet werden kann, allein weil er sein Recht auf Meinungsfreiheit ausübt, spricht der Gerechtigkeit Hohn. Ob Paris,
Sanaa oder Bagdad: Solidarität ist zentral, und dies nicht nur,
wenn die Attacke in der eigenen Nachbarschaft geschieht. Der
Anschlag von Paris trifft das Fundament der Demokratie auf
der ganzen Welt. Ein Anschlag auf eine Zeitschrift wie «Charlie Hebdo» – die sich furchtlos und standhaft in ihrer bitterbösen politischen Satire und pointierten Stellungnahme beweist – ist ein gezielter Anschlag auf die Grundwerte unserer
Gesellschaft.
Wir haben in Europa gelernt, Verschiedenheit zu respektieren, ohne Ausnahme und nach der Regel: «Ich mag nicht, was
du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du
es sagen darfst.» Der Anschlag reisst neue Gräben auf; Fundamentalisten von rechts und links werden nun versuchen, daraus Profit zu schlagen. Europa aber lebt gerade von seiner
Vielfalt, von seinen Unterschieden. Jedes Dogma, das diese
Vielfalt angreift – egal ob religiös, wirtschaftlich oder politisch
motiviert –, ist konsequent abzuweisen. Gerade dort, wo diese
Überzeugung wankt, wo solche Anschläge die Entschlossenheit schwächen, trägt die Presse besondere Verantwortung, die
Europäer an ihre Vergangenheit zu erinnern – an jene Werte,
für die so viele gekämpft und ihr Leben gelassen haben, damit
der moderne Kontinent entstehen konnte.
Anschläge wie derjenige in Paris haben das Ziel, die Angst
auszunutzen, welche die Verschiedenheit der Religionen und
Kulturen verursacht. Wir dürfen das nicht akzeptieren. Wir
müssen uns dafür einsetzen, dass es nicht zu einer rigideren
Gesetzgebung kommt, die jener Freiheit schadet, die eine kritische Presse eigentlich schützen sollte. Es sind dabei auch die
Lehren aus der amerikanischen «Patriot Act» als Antwort auf
9/11 zu ziehen: Bedrohungen unserer Freiheit können aus vielen Richtungen kommen. Übereilte gesetzgeberische Reaktionen wären verfehlt.
Die Taten verrückter Fundamentalisten können wir weder
vorhersehen, noch können wir sie verhindern. Aber unsere
Reaktion auf ihre zerstörerischen Taten liegt ganz in unserer
eigenen Hand. Nach der jüngsten Tragödie müssen wir vor
allem gegen die Angst vorgehen, die durch die Attacken geschürt werden sollte. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber
den Opfern dieses Anschlags. Sie lebten im Namen der Freiheit, und sie starben als ihre wahrhaftigsten Vertreter.
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Andrew Heslop leitet die Abteilung Pressefreiheit bei WAN-IFRA, The World Association of Newspapers and News Publishers.
für den Schutz der Religionsfreiheit auf
individueller und korporativer Ebene
wie für die Respektierung der Meinungsfreiheit eintreten. Dann ist es jedoch Aufgabe der Laien − getauft, gefirmt und mit
christlich geprägtem Gewissen −, zu beurteilen, wie der Schutz dieser Grundrechte in der Realpolitik bewerkstelligt
werden kann. Dazu bedienen sie sich im
politischen Wettbewerb aller im Rechtsstaat zugelassenen Mittel. Sie tun das
selbstverantwortlich im eigenen Namen.
Das ist ihre Mündigkeit. Die Bischöfe
dürfen deshalb die Laien nicht bevor-
munden, indem sie ihnen konkrete politische Handlungswege vorschreiben. So
kann eine Religionsgemeinschaft in einer
pluralistischen Demokratie glaubwürdig
für das eintreten, was ihr heilig ist.
Wenn den Christen dann doch keine
Gerechtigkeit widerfährt, greifen sie
nicht zum Schwert. Sie erinnern sich an
den Apostel Paulus, der vor 2000 Jahren
festgestellt hatte: «Wir werden beschimpft und segnen; wir werden geschmäht und trösten.»
Martin Grichting,
Generalvikar des Bistums Chur
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Seele and Geist
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