close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Lehrte, Ldkr. Hannover Späte römische Kaiserzeit - ResearchGate

EinbettenHerunterladen
Lehrte, Ldkr. Hannover
Späte römische Kaiserzeit bis Völkerwanderungszeit 4. bis 6. Jh. n. Chr.
Urnengräberfeld
von Bernd Rasink
Notgrabung Institut für Denkmalpflege, Außenstelle Braunschweig.September 1994.
Ferngasleitung Ahlten-Salzgitter; Femgas Salzgitter GmbH
Nur einen Tag nach der Entdeckung des Verhüttungsplatzes legte der Bagger auf dem nach
Nordosten abdachenden Hang des Ramsberges mehrere Urnen frei. Leider war
durch ein Spargelbeet der Boden großflächig gestört und die meisten Urnen der Landwirtschaft zum Opfer gefallen. Die große Funddichte stark zerscherbter Gefäße auch in der
Nähe von vollständig erhaltenen Urnen stützt die Vermutung, das dieses Gräberfeld
ursprünglich wesentlich dichter belegt war. Um eine bessere Übersicht über das Fundmaterial zu bekommen, wurden die ersten Funde noch während der Ausgrabung gewaschen. Es stellte sich heraus, daß neben Bruchstücken von Urnen auch älteres Fundmaterial vorhanden war. Dabei handelt es sich um Siedlungskeramik der vorrömischen
Eisenzeit (600 v. Chr. bis Christi Geburt). Die Lage der Siedlung wird an der Kuppe oberhalb des Trassenverlaufes vermutet. Auf der Trasse selbst haben sich, abgesehen von der
Keramik, keine Spuren der Siedlungstätigkeit erhalten.
Die Urnen waren ohne einen Schutz aus Steinen in den Sandboden eingetieft (Abb. 29).
Bedingt durch die Sommerhitze trocknete der Boden schnell aus. Daher konnten nur in
fünf Fällen die Gruben, in die die Urnen eingesetzt waren, dokumentiert werden. Sie
maßen nur wenig mehr als der Umfang der Grabgefäße selbst und waren mit ausgehobenem Sand wieder verfüllt, was die Erkennbarkeit zusätzlich erschwerte. Das Gräberfeld wurde von der späten römischen Kaiserzeit bis in die Völkerwanderungszeit (4.-6.Jh.
n. Chr.) belegt. Die Urnen enthielten eine Füllung aus verbrannten Knochen. Es handelte sich um wenige, sehr fein ausgelesene Leichenbrandstücke. So liegt die Vermutung
nahe, daß in den Urnen nur bestimmte, ausgesuchte Knochenreste beigesetzt wurden.
Einen Beleg hierfür bietet das nur rund 10 km entfernte Urnengräberfeld von Misburg
bei Hannover. Hier wurde das gröbere Knochenmaterial separat in frei im Boden liegenden Leichenbrandlagern bestattet. Diese beiden Faktoren erschweren eine anthropologische Bearbeitung des Knochenmaterials sehr.
Abb. 29 Schalenurne des 4.-6. Jh. n. Chr. in Fundlage. Foto IfD, Außenstelle Braunschweig.
Von der Pipelinetrasse wurde nur ein Teil des Urnengräberfeldes angeschnitten. So ist
keine Aussage darüber möglich, ob die einfache Urnenbestattung der einzige Grabtyp
war, der in Lehrte vorkommt. Im südlichen und mittleren Niedersachsen kennt man aus
der spät- und nachrömischen Zeit mehrere gleichzeitig ausgeübte Bestattungsarten:
o Urnenbestattungen
o frei im Boden liegende Leichenbrandhäufchen, die gelegentlich mit Beigaben
versehen sind
o Brandbestattungen in Gefäßunterteilen
o Urnenbestattungen in mit Scheiterhaufenschutt verfüllten Gruben
o Urnenbestattungen in Leichenbrandlagern ohne Scheiterhaufenreste.
Die Bedeutung der unterschiedlichen Grabtypen ist noch nicht geklärt. Möglicherweise
resultieren sie aus den Kulthandlungen während der Bestattungszeremonie.
Typisch für das Gräberfeld von Lehrte sind sogenannte Schalenurnen. Es handelt sich
um sehr kleine Gefäße mit einer Höhe von nur 11,5 bis 17,5 cm. Ihre größte Breite am
Bauchumbruch liegt zwischen 17,5 und 21 cm. Die Schalenurne mit rauher Oberfläche Abb. 30, l ist im Hals-Schulterumbruch mit Einstichen zwischen horizontal verlaufenden Bändern verziert und gehört in das 5. Jh.n. Chr. Eine weitere Schalenurne (Abb. 30,2)
ist sorgfältig poliert und hat einen leicht ausgestellten, runden Rand. Der Bauch Umbruch
ist wesentlich schärfer ausgestaltet als bei dem ersten Exemplar. Der Halsunterteil wird
durch eine erhabene Leiste betont, die mit Fingertupfen verziert ist. Nur wenige Scherben der zerbrochenen Urnen konnten zu vollständigen Gefäßprofilen zusammengesetzt werden, wie dies z. B. Abb. 31,1 zeigt. Die dünnwandige, tiefschwarze und sorgfältig polierte Urne ist im Halsbereich mit einer Furchenlinie verziert. Nach Vergleichen mit
dem Fundmaterial des Gräberfeldes auf dem Pfingstberg bei Helmstedt kann sie dem
Ende des 4. Jh. n. Chr. zugerechnet werden. Der bauchige Topf (Abb. 31,4) gelangte dagegen wohl erst im 6. Jh. n. Chr. in die Erde. Diese späte Belegungsphase des Gräberfeldes wird durch einen nur teilweise erhaltenen Kumpf unterstrichen (Abb. 313). Solche
Kümpfe lösen die Schalenurnen im Verlauf der Völkerwanderungszeit als hauptsächlich
genutztes Grabgefäß ab.
Abb. 30 1,2 Schalenurnen des 4.-5. Jh. n. Chr. Zeichnungen IFD,
Außenstelle Braunschweig.
M. 1:2.
Abb. 31 1,2 Schalenurnen, 3 Kumpf, 4 Vorratsgefäß. Zeichnungen IfD,
Außenstelle Braunschweig. M. 1:3
Auf dem Bestattungsplatz von Lehrte wurde eine weitere, stark beschädigte Urne gefunden (Abb. 33,2). Beim Abtiefen der Fläche zeigte sich, daß die auf der Grabungsfläche
noch sichtbaren Pflugspuren in Höhe des Schulterumbruchs der Urne endeten. Sie war
also durch den Pflug beschädigt worden. Innerhalb der Pflugspuren fanden sich nur geringe Reste der verbrannten Knochen, so dass wahrscheinlich die Leichenbrandfüllung weitestgehend von den Zerstörungen verschont blieb. Bestattungen in Gefäßunterteilen, wie
sie auf anderen Friedhöfen in Niedersachsen vorkommen, können hier also ausgeschlossen werden.
Es handelt sich bei dem rekonstruierten Gefäß um eine Schalenurne mit Standring
und scharfem Bauchumbruch. Sie besteht aus sehr feintoniger Keramik, hat eine
helle, graue Farbe und ist besonders dünnwandig gearbeitet. Während Vergleichsstücke auf der Drehscheibe hergestellt wurden, ist dieses Gefäß freihand geformt wor-
den. Es steht aber in seiner Qualität der Drehscheibenware nicht nach. Dieses Gefäß
ist Teil einer besonderen Fundgattung des 5. und 6. Jh. n. Chr. im Braunschweiger Gebiet und im Raum an der mittleren Leine südlich von Hannover. Unter keltischem Einfluß erscheint um Christi Geburt erstmals auf der schnell rotierenden Drehscheibe hergestellte Keramik im südlichen Niedersachsen. Erst ab dem 3. Jh. n. Chr. werden dann bei
den Germanen wieder scheibengedrehte Gefäße hergestellt. Formenkundliche Vergleiche mit den Drehscheibenwaren benachbarter Gebiete belegen dabei die große Eigenständigkeit der Produktion im Braunschweiger Land und im Raum südlich von Hannover.
Der Vergleich des Fundgutes aus Siedlungen und Gräberfeldern zeigt, daß für die Bestattungen normale Haushaltskeramik benutzt wurde. Möglicherweise gehörten die kleinen
und meist sorgfältig getöpferten Schalenurnen zum Trinkgeschirr der damaligen Zeit.
Die Form und die Herstellungsweise der Urnen kann uns nicht nur eine Datierung der
Funde liefern, sondern ermöglicht auch im Vergleich mit benachbarten und weiter entfernten Fundstellen die Zuordnung zu einer archäologischen Kulturgruppe. Aus dem
Norden Niedersachsens sind z. T. sehr große Gräberfelder bekannt. Die Verteilung der
Gräber auf den Bestattungsplätzen und die Art und Anzahl der Beigaben ermöglichen
Einblicke in die Sozialstruktur der germanischen Gesellschaft.
Auf dem Bestattungsplatz von Issendorf, Ldkr. Stade, lagen die Urnen in mehreren unterschiedlich großen Gruppen beieinander. Wahrscheinlich hatte jede Familie oder
Gehöftgemeinschaft ihr eigenes Grabareal. Am Rande des Friedhofes fand sich eine
Gruppe von Körpergräbern, die besonders reich ausgestattet waren. Die hier Bestatteten gehörten zur germanischen Führungsschicht und waren teilweise in römischen
Diensten zu Reichtum und Macht gekommen. Dieser sozio-ökonomische Differenzierungsprozeß in der germanischen Gesellschaft ist seit der römischen Kaiserzeit zu beobachten. Er führte zu der Bildung einer Oberschicht, die durch den Kontakt mit der
römischen Kultur die Körperbestattungssitte aufgenommen hat. Bis jetzt fehlen aber für
Südniedersachsen genaue Angaben über die wirkliche Größe der Friedhöfe und die Zahl
der Bestattungen. Differenzierte soziale Verhältnisse lassen sich im Spiegel der Gräberfelder also nur schwer erkennen. Im Raum um Hannover und Braunschweig treten Körperbestattungen als Quelle der Frühgeschichtsforschung erst im 6. und 7. Jh. n. Chr.
vereinzelt auf. Die Standardbestattung vor allem des 4. und 5. Jh. n. Chr. war das einfache Urnengrab. Dadurch hebt sich dieser Raum deutlich von den Nachbargebieten ab.
Die südniedersächsischen Brandgräber belegen einen ungewöhnlich schmalen Gebietsstreifen von der Leine im Westen, der Aller im Norden, den Mittelgebirgen im Süden und
dem Raum Magdeburg-Farsleben im Osten. Ein Vergleich der Keramikformen ergibt sowohl Unterschiede zum nördlichen Niedersachsen als auch zum mitteldeutschen Raum.
Die südniedersächsische Bevölkerung des 5. und 6. Jh. n. Chr. nahm Anregungen aus diesen beiden Gebieten auf und setzte sie in ihrem eigenen Kulturgut um.
Literatur:
Nowothnig, W. 1964: Brandgräber der Völkerwanderungszeit im südlichen Niedersachsen.
Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte 4. Göttingen 1964.
Zedelius, V. 1977: Hannoversche Drehscheibenkeramik. Studien zur Sachsenforschung l,
1977, 445-458.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
3
Dateigröße
64 KB
Tags
1/--Seiten
melden