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Leseprobe zum Titel: Süddeutsche Zeitung (10.01.2015) - Die Onleihe

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A M WO C H E N E N D E
HF1
FOTOS: CORBIS, MARC CHAUMEIL/STUDIOX, GETTY, JOHN GOETZ
WWW.SÜDDEUTSCHE.DE
MÜNCHEN, SAMSTAG/SONNTAG, 10./11. JANUAR 2015
71. JAHRGANG / 2. WOCHE / NR. 7 / 2,60 EURO
Gezeichnet
SCHICKSAL ODER ZUFALL?
Warum Edward Snowdens
Odyssee ausgerechnet
nach Moskau führte
„Charlie Hebdo“ war ein Symbol
der Freiheit und Toleranz.
Diese Toleranz wird jetzt
von der französischen
Gesellschaft gefordert. Es geht
um die Frage, wie wir
weiter zusammenleben können
Gesellschaft, Seite 52
Seiten 1 bis 7 und
Buch Zwei
SAITENHIEB
BLÜTEN DER ERKENNTNIS
Die ausdauerndsten
Experimente der
Menschheitsgeschichte
Eine Stradivari wird
verkauft – und ein Musiker
damit künstlerisch ruiniert
Wissen, Seite 36
Feuilleton, Seite 15
(SZ) Das Leben bietet ja einige Möglichkeiten höchsten Glücksempfindens, die
Liebe zum Beispiel oder ein Siegtor beim
Fußball in letzter Minute. Aber am beglückendsten ist doch der Moment, in dem
die Steuererklärung fertig ist. Wenn alle
nachweisbaren Einnahmen angeführt, alle abzugsfähigen Rechnung aufgestöbert
und sämtliche Formulare unterzeichnet
sind, dann kann der Mensch zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so
schön. Okay, ehe er das Triumphgefühl
richtig auskosten kann, ist noch eine
Fahrt mit hundert Sachen zum Finanzamt fällig, um den Abgabetermin nicht
zu verpassen. Dort trifft er dann ein paar
Tausend fröhliche Mitbürger, die in letzter Minute ihre Steuererklärung in den
Briefkasten werfen und anschließend jubeln, als hätten sie das alles entscheidende Tor erzielt. Andere Steuerzahler genießen den Moment in stiller Einkehr bei einem Viertel Wein, wohlwissend, wie
flüchtig das Glück ist. Denn eines ist gewiss: Nach der Steuererklärung ist vor
der Steuererklärung.
Wie öde und reizlos verläuft dagegen
das Leben von Menschen, die schon frühzeitig ihre Steuererklärung abgeben, womöglich gar zu Beginn des Jahres. Im Finanzamt sind solche Streber gern gesehen, was aber nicht heißt, dass sie mit Vergünstigungen rechnen dürfen – zumindest nicht in Deutschland. In Bulgarien
aber schon. Wer in den dortigen Finanzämtern am ersten Arbeitstag des Jahres
seine Steuererklärung ablieferte, wurde
mit Käsekuchen und anderen Süßigkeiten verwöhnt. Mittlerweile haben die bulgarischen Finanzbehörden eine vorläufige Bilanz gezogen, und die kann sich sehen lassen: Schon in den ersten drei Arbeitsstunden haben 2000 Steuerzahler ihre Dokumente in den Ämtern abgegeben.
Sofern die Leute auch zahlen, ist die
Staatskasse fürs Erste aus dem Gröbsten
heraus, unter Umständen sind sogar die
Kosten für den Käsekuchen wieder drin.
So verlockend die bulgarischen Steueranreize auch sind: Als deutscher Steuerzahler hätte man ein verdammt ungutes
Gefühl, empfingen einen die Finanzbeamten mit Gugelhupf oder einer Schwarzwälder Kirschtorte. Schließlich erwartet
man, im Amt auf einen finster blickenden
Sachbearbeiter zu treffen, vor dem man
sich sogleich in den Staub zu werfen hat.
Stattdessen Kuchen und freundliche Gesichter – da kann es sich nur um eine Verwechslung handeln, etwa mit einem prominenten Milliardär. Aber der zahlt ja keine Steuern. Andererseits hätte es auch seinen Reiz, am Weihnachtsabend, der ohnehin immer öde verläuft, den Papierkram
zu sammeln und die Steuererklärung in
der Silvesternacht zu vollenden. 2000
Bulgaren haben es vorgemacht, das kann
nicht so schwer sein. Man muss es so sehen: Wer nicht die Nerven hat, als Letzter
die Steuererklärung abzugeben, braucht
keineswegs zu verzagen. Er hat immer
noch die Chance, der Erste zu sein.
Medien, TV-/Radioprogramm
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Der Terror in Frankreich eskaliert
Während die Polizei die mutmaßlichen Täter nach langer Jagd einkreist, kommt es zu einer
zweiten Geiselnahme – und Frankreichs Politik streitet über die richtige Form des Protests
von stefan ulrich
und christian wernicke
München/Paris – Bei der Jagd nach den
Attentätern auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo haben sich am Freitag die Ereignisse überstürzt. Während Sondereinheiten die beiden Hauptverdächtigen Chérif
und Saïd Kouachi in einer Druckerei nahe
dem Pariser Großflughafen Charles de
Gaulle umstellten, kam es im Osten der
Hauptstadt zu einem weiteren Terrorakt.
Ein bewaffneter Mann, offenbar ein Komplize der Kouachis, stürmte gegen 13 Uhr
einen jüdischen Supermarkt und schoss
um sich. Dann nahm er fünf Menschen als
Geiseln.
Die Franzosen verfolgten schockiert
die Nachrichten von den Tatorten. Mehrere Schulen wurden evakuiert und die Ringstraße um Paris herum stellenweise gesperrt. Auf dem Flughafen wurden mehrere Starts und Landungen auf Pisten verlegt, die weiter entfernt von der Druckerei
liegen. Die Brüder Kouachi verfügen offenbar über eine Flugabwehrwaffe.
Die Islamisten Chérif, 32, und Saïd
Kouachi, 34, sollen hinter dem Anschlag
auf Charlie Hebdo stecken, bei dem am
Mittwoch in Paris zwölf Menschen getötet
wurden. Sie sind seither auf der Flucht.
Bei der Fahndung lieferten sich die Sicherheitskräfte am Freitagmorgen ein Feuergefecht mit den beiden Männern. Diese
raubten nahe dem Dorf Montagny-SainteFélicité ein Auto und versuchten, auf der
Nationalstraße 2 Richtung Paris zu entkommen. An einer Sperre bei der Stadt
Dammartin-en-Goële drangen sie in die
Druckerei ein, nahmen mindestens eine
Geisel und verschanzten sich. Die Polizei
versuchte, Kontakt mit den Männern aufzunehmen. Dies könne Stunden, wenn
nicht Tage dauern, hieß es.
Bei dem Mann, der am Mittag den Supermarkt an der Porte de Vincennes in Pa-
Die Vorstellung ist ziemlich beängstigend, und dieses Bild prägt sich sofort
ein: Irgendwo im Körper haben sich
schlummernde Krebszellen versteckt.
Noch richten sie keinen Schaden an, aber
dann kommt die Biopsie-Nadel, dringt in
das Gewebe ein, die Probe wird entnommen. Viele medizinische Laien – und auch
manche Ärzte – glauben, dass auf diese
Weise der Tumor erst dazu angeregt wird,
sich auszubreiten und im Körper zu streuen. Liegt es etwa am Doktor und der Gewebeuntersuchung, wenn Krebs wuchert
und Absiedlungen bildet?
Dieser Irrglaube gehört zu den zahlreichen Mythen um Krebs und seine Entstehung. Ärzte aus Florida haben das Vorurteil von der schädlichen Biopsie nun widerlegt. Im Fachmagazin Gut von diesem
Samstag zeigen sie, dass Patienten davon
profitieren, wenn die Diagnose mithilfe
von Gewebeproben detaillierter erstellt
wird. Kranke mit einem Krebs der Bauchspeicheldrüse, denen mittels FeinnadelAspiration eine Probe aus dem verdächti-
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Nutzungexklusiv
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www.sz-content.de
Jegliche
ris überfiel, soll es sich um den 32 Jahre alten Amedy Coulibaly handeln. Er steht im
Verdacht, am Donnerstag im Süden von
Paris eine Polizistin erschossen und einen
weiteren Beamten verletzt zu haben. In Sicherheitskreisen heißt es, Coulibaly könnte ein Komplize der Brüder Kouachi sein.
Alle drei sollen einer Pariser Islamistengruppe namens Buttes-Chaumont angehört haben. Polizisten gingen am Freitagnachmittag auf den Dächern der Häuser
um den Supermarkt herum in Stellung,
Helikopter überflogen das Gelände. Coulibaly drohte, seine fünf Geiseln zu erschießen, falls die Polizei die Druckerei stürmen sollte, in der die Brüder Kouachi verschanzt waren.
Der deutsche Innenminister Thomas
de Maizière (CDU) sagte am Freitag, die
Brüder seien im Schengen-Raum zur verdeckten Beobachtung ausgeschrieben ge-
wesen. US-Medien meldeten zudem, die
Kouachis und Coulibaly hätten auf einer
Terrorliste der Vereinigten Staaten gestanden. Dies alles dürfte nun die Diskussion
verstärken, ob die Terrortaten dieser Woche zu verhindern gewesen wären.
In Paris drehte sich die politische Debatte um die geplante Großdemonstration an
diesem Sonntag. Präsident François Hol-
Außerdem in dieser Ausgabe
Geiseldrama: Wie die Attentäter sich mit
ihren Opfern verschanzen
Seite 2
Vive la France: Eindrücke aus Paris,
einer Stadt in Schreckensstarre Seite 3
Leitartikel: Die Tat zeigt, wie verwundbar die offene Gesellschaft ist
Seite 4
Polizisten nehmen vor dem koscheren Supermarkt im Osten von Paris, in dem sich
am Freitag ein Geiseldrama abspielte, einen Jugendlichen fest. FOTO: FRANÇOIS MORI/AFP
Mut zur Nadel
Ein Medizin-Mythos besagt, dass Gewebeproben
Krebs streuen. Wahr ist: Die Biopsie hilft
gen Bereich entnommen wurde, lebten
länger und konnten besser behandelt werden als Patienten, deren Tumor nicht feingeweblich untersucht wurde.
„Unsere Studie zeigt, dass Ärzte wie Patienten gewiss sein können, dass die Biopsie sicher ist“, sagt Michael Wallace, der
die Untersuchung geleitet hat. „Weltweit
werden jedes Jahr Millionen Krebsbiopsien vorgenommen, aber Einzelfallberichte haben den Mythos begründet, dass Gewebeproben Krebs streuen lassen.“
Zwar werden nach Biopsien der inneren Organe gelegentlich verschleppte
Krebszellen in der Bauchhöhle entdeckt,
doch das ist klinisch ohne Bedeutung.
2013 hatte das Ärzteteam um Wallace bereits gezeigt, dass Krebspatienten nicht
öfter einen Rückfall nach der Therapie erleiden, wenn bei ihnen eine Gewebeprobe
entnommen wurde. Auch für andere
Krebsformen gilt dieser Befund, weder
Rückfälle noch Metastasen kommen
nach einer Biopsie häufiger vor. Und die
Prognose verbessert sich sogar.
Schließlich liefert die Untersuchung genauer Aufschluss über die Art, den Schweregrad und andere Charakteristika des
Tumors. Davon hängt ab, ob besser operiert, chemotherapiert oder bestrahlt wer-
lande mahnte seine Landsleute, angesichts des Terrors „nationale Einheit“ zu
beweisen. Zugleich rief er die Franzosen
dazu auf, möglichst zahlreich an überall
im Land geplanten Schweigemärschen
teilzunehmen. Damit würden sie ein Zeichen setzen gegen die Gewalt.
Gleichzeitig entbrannte ein Streit um
die Frage, ob auch Mitglieder des rechtsextremen Front National (FN) an den Demonstrationen teilnehmen dürfen. Die
vorwiegend linken Organisatoren, darunter die regierende Sozialistische Partei,
verweigerten der FN-Vorsitzenden Marine Le Pen eine Einladung. Sie halten dem
Front „Rassismus“ vor, weil er auch Muslime für die Krise verantwortlich mache.
Nach einem Treffen mit Präsident Hollande warf Le Pen den etablierten Parteien vor, ihre Bewegung „auszugrenzen“. Zuvor hatte ihre Nichte, die Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen den Sozialisten (PS)
wie der oppositionellen UMP vorgeworfen, sie trügen „teilweise die Verantwortung“ für die Anschläge: „Sie waren es, die
den radikalen Islamismus auf unserem
Territorium haben groß werden lassen.“
Auch Frankreichs muslimische Organisationen haben ihre Gläubigen aufgerufen, an den Sonntagsmärschen so zahlreich wie möglich teilzunehmen. In ihren
Predigten zum Freitagsgebet waren alle
Imame angehalten, die islamistischen Terroranschläge eindeutig zu verurteilen.
Seit den Terroranschlägen mehren sich
in Frankreich Übergriffe auf muslimische
Kultstätten. Zuletzt schleuderten Unbekannte drei Granaten auf ein Gotteshaus
in Le Mans. In Saint-Juéry feuerten Unbekannte auf die Moschee. In mehreren Städten, darunter Rennes und Bayonne, beschmierten Unbekannte die Wände mit islamfeindlichen Parolen und Hakenkreuzen. Im nordfranzösischen Pas-de-Calais
beschädigten Unbekannte zwei in Bau befindliche Moscheen.
den sollte. „Biopsien haben auch deshalb
einen hohen Stellenwert, weil sie es erlauben, die Therapie auf jeden Patienten individuell abzustimmen“, sagt Wallace.
Ähnlich verbreitet wie die Mär von Metastasen nach der Punktion ist der Irrglaube an die „Krebs-Persönlichkeit“. Demnach erkranken in sich gekehrte Menschen eher an Tumoren. Diese Unterstellung ist zwar längst widerlegt, Krebs trifft
Laute wie Leise, Scheue wie Polterer.
Trotzdem hält sich der Analogschluss,
wer alles „in sich hineinfrisst“, wird irgendwann vom Krebs zerfressen.
Das größte Risiko für Krebs ist vielmehr das Alter – wenn man nicht Kettenraucher in einer Asbestfabrik ist. Erst diese Woche hat eine Analyse gezeigt, dass
die Mehrzahl der Tumore aus zufälligen
Mutationen entsteht, und davon erlebt
man mit zunehmendem Alter nun mal
mehr. Es gilt das Diktum der Freiburger
Krebsärztin Charlotte Niemeyer: „Krebs
ist ein unfaires Unternehmen, wenn es
trifft, trifft es.“
werner bartens
Mehr Geld
für die Polizei
Regierung und selbst die Grünen
erwägen höhere Budgets
Berlin – Nach dem Attentat in Paris gibt
es in der Bundesregierung Differenzen
über eine Verschärfung der Sicherheitsgesetze. Während Bundesinnenminister
Thomas de Maizière (CDU) die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung
forderte, warnte Justizminister Heiko
Maas (SPD) vor einem „Wettlauf um neue
Gesetze“. Als Reaktion auf den Anschlag
könnte es für Sicherheitsbehörden mehr
Geld geben. Nach SZ-Informationen gibt
es solche Überlegungen in der Regierung,
auch wenn noch keine Entscheidung gefallen ist. Auch die Grünen forderten
mehr Personal für die Polizei. Bundespräsident Joachim Gauck rief dazu auf, entschlossen für freiheitliche Werte einzutreten. „Wir lassen uns durch Hass nicht
spalten“, sagte er. An einer von Vizekanzler Sigmar Gabriel initiierten Großdemonstration gegen Terror und Intoleranz
wollen sich nahezu alle Bundestagsparteien beteiligen. lion, steb
Seite 6
Massaker
im Norden Nigerias
Abuja – Nach dem Tod womöglich Hunderter Zivilisten bei Angriffen der islamistischen Terrororganisation Boko Haram
in Nigeria will die Armee des westafrikanischen Staates in die Gegenoffensive gehen. Die im Norden von den Extremisten
kontrollierten Orte sollten zurückerobert
werden, sagte ein Regierungsvertreter.
Das UN-Flüchtlingshilfswerk teilte mit,
etwa 7300 Flüchtlinge seien in den vergangenen zehn Tagen im benachbarten
Tschad angekommen. dpa
Seite 9
MIT STELLENMARKT
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