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Die Scharounschule: eine Chronologie

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1
SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
__________________________________________________________________________________
SWR2 LITERATUR
DAS VERDAMMTE NÄCHSTE BUCH
AUSFLÜGE MIT DEN SCHRIFTSTELLERN
THOMAS MELLE UND LEIF RANDT
VON TINA KLOPP
SENDUNG /// 14.10.2014 /// 22.03 UHR
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Literatur
sind beim SWR Mitschnittdienst
in Baden-Baden erhältlich.
Bestellungen über Telefon: 07221/929-26030
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
Urhebers bzw. des SWR.
O-Ton 1 Treppe Begruessung Melle
(Hauseingang Neukölln, Türsprechanlage)
Hallo.
2
Hallo.
Wo muss ich denn hin?
Hinterhaus, zweiter Stock.
Musik: aphex twin: „Track 1“ (melodies from mars)
(Gehen, Türen, Treppensteigen)
Sprecher:
Identifikation
Zitator:
Je mehr sich dein Leser mit den Charakteren identifiziert, desto mehr wird er
Spannung empfinden.
Sprecher:
aus:
Sprecherin:
33 ultimative Tipps, um ganz schnell Spannung zu erzeugen
Sprecher:
Sinneseindrücke
Zitator:
Wenn du alle deine Sinne benutzt, wirst du den Leser viel eher ansprechen und tiefer
in die Situation ziehen.
3
Sprecher:
Gut gegen Böse
Zitator:
Lass sehr lange offen wer „gut“ und wer „böse“ ist, so gibst du deinem Leser
Gelegenheit, für beide Parteien mitzufiebern.
Sprecher:
Unsicherheit
Zitator:
Gib deinem Charakter Unsicherheit, lass ihn wanken, mach ihn menschlich, damit
sich der Leser einfühlen kann.
Sprecher:
Dialoge
Zitator:
Konflikt und Konfrontation im echten Leben werden meistens über die Sprache
ausgetauscht. Ein geschickter Schlagabtausch bringt Spannung.
((Musik aus))
O-Ton 1 ff
Na.
Hallo.
Du wohnst ja edel.
Na geht.
(Tür zu)
4
Ansage:
Das verdammte nächste Buch. - Ausflüge mit den Schriftstellern Thomas Melle und
Leif Randt. Ein Feature von Tina Klopp
Sprecherin:
Frage Nummer eins:
Sprecher:
Wie wohnt der junge, aufstrebende Nachwuchsschriftsteller?
O-Ton 2 bei Melle zuhause
Sprecherin:
Thomas Melle, Jahrgang 1975, ist Autor des Romans „Sickster“ – das Buch erschien
2012 bei Rowohlt Berlin. Zum Zeitpunkt des ersten Treffens schreibt er an seinem
zweiten Roman.
O-Ton 2 ff
Cool.
Na ja.
Sprecherin:
Eine großzügige 3-Zimmer-Wohnung in Neukölln, freundlicher, brauner
Holzfußboden, viel freie Fläche.
Ist nicht richtig eingerichtet und wird auch nicht eingerichtet sein. Weil ich von hier
weg muss. Ist halt zu groß. Kann ich nicht richtig bespielen irgendwie das ganze
Ding.
Sprecherin:
5
Drei Durchgangszimmer. Schreibtisch mit Blick auf die Wand. Zwei
Sitzgelegenheiten.
O-Ton 2 ff
Wow.
Das ist jetzt nicht so eine Zwischenmiete, sondern ...?
Nee, ist schon mein Ding, aber – willst dich da setzen? – aber, ewig bleibe ich hier
auch nicht.
Wie teuer ist denn die?
Sprecherin:
Thomas Melle hat Literatur und Philosophie in Tübingen studiert und lebt seit 1997
als freier Autor in Berlin.
O-Ton 2 ff
Strom und Gas sind irgendwie 200 Euro, und dann 500 Euro Miete, so 720 warm,
finde ich schon krass irgendwie.
Man kann die auch nicht untervermieten, oder?
Nee.
Sprecherin:
Er wurde unter anderem mit den Bremer Literaturpreis und den Förderpreis NRW
ausgezeichnet. 2006 war er zum Bachmannpreis eingeladen. 2007 erschien sein
erstes Buch bei Suhrkamp. Ein Band mit Erzählungen. Titel: „Raumforderung“.
O-Ton 2 ff
Und gehst du eigentlich dann immer essen oder machst du dir hier was zu essen?
Ich gehe immer essen.
6
Bist du auch so faul?
Ja. Manchmal besser, manchmal schlechter gehe ich essen. Und selten koche ich.
Bist du manchmal bei diesen Chicken Dingsda?
Nee, da war ich einmal zweimal.
Müssen wir aus einer Tasse trinken?
Nee, aber du bekommst das, ich habe meine Tasse drüben.
Ach so.
Ja. (lacht) „Müssen wir aus einer Tasse trinken?“ Ist nicht alles wie bei dir zu Hause!
Sprecherin:
Mit seinem ersten Roman „Sickster“ war er für den Deutschen Buchpreis nominiert,
2012 erhielt er den mit 10.000 Euro dotierten Franz-Hessel-Preis.
O-Ton 2 ff
Was sind hier so Läden, in denen du gerne Essen gehst?
Ach Gottchen. Das ist hier gerade hier kulinarisch echt unterbelichtet alles.
Legst du Wert auf gutes Essen?
Es geht.
Zitator
„Thomas Melle erkennt die Risse in der Gesellschaft, wenn sie noch beinahe
unsichtbar sind“,
7
Sprecherin
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Zitator
„Thomas Melle schreibt einen furiosen Roman über Leute, die erst in der Anstalt
wieder kreativ werden können.“
Sprecherin
Der Freitag
Zitator
„Der Roman kippt in etwas qualitativ Neues, wie das die alten Avantgarden zwischen
Expressionismus und Surrealismus mit ihrer revolutionären Irrenprosa bezweckt
hatten. – Hogher Anspruch, gute Sätze, punktgenaue Landung. Eine echte
Perspektive für die deutsche Literatur.“
Sprecherin
Die Taz
Musik: Nine Inch Nails „We're In This Together“
O-Ton 2 ff
Ach, mal gehe ich zum Inder, dann gibt’s manchmal doch irgendwas beim DönerTürken, aber inzwischen kein Döner mehr, sondern Grillpfanne oder sonstwas, ich
habe Esskultur gibt’s hier in der Nähe, da war ich jetzt ein paar Mal, von der
Arbeiterwohlfahrt, da haben Sie manchmal ein Schnitzel. Das ist klein, aber das ist
gar nicht schlecht als Portion für mich, um ein bisschen abzunehmen. Und so.
Ich habe inzwischen auch manchmal Konservendosen hier und mache mir die
schnell warm.
Zitator:
8
"Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht."
Sprecher:
Albert Camus,
Sprecherin:
„Der Fremde“
Sprecher:
aus:
Sprecherin:
Wie anfangen? Berühmte Romananfänge
Zitator:
"Hört meine letzten Worte. Wo ihr auch seid, hört alle meine letzten Worte."
Sprecher:
William S. Burroughs,
Sprecherin:
„Nova Express“
Zitator:
Ilsebill salzte nach.
Sprecher:
Günter Grass:
Sprecherin:
9
„Der Butt“
Zitator:
"Scarlett O'Hara war nicht eigentlich schön zu nennen."
Sprecher:
Margaret Mitchell,
Sprecherin:
„Vom Winde verweht“
Zitator:
Der Startschuss ist wörtlich zu nehmen: ein ohrenbetäubender Knall. . Ihm folgt,
feiner als haarfein, ein Riss. - Es war der Sommer 1994, und der Abikorso der
Canisius-Schule zog durch die stille, der Bedeutungslosigkeit entgegendämmernde
Stadt Bonn.
Sprecher:
Thomas Melle,
Sprecherin:
„Sickster“
Zitator:
Weil es der fünfundsechzigste Geburtstag meiner Mutter ist, stehen Senioren in
beigefarbenen Regenmänteln auf der Dachterrasse.
Sprecher:
Leif Randt,
Sprecherin:
10
„Schimmernder Dunst über Coby County“
Musik: Rihanna „Jump“
O-Ton 3 leif randt spielt
(…)
Sprecher:
Frage Nummer zwei
Sprecherin:
Wie schlägt sich der junge Autor beim Schwarzlicht-Minigolf?
O-Ton 3 ff
Hast du den Ball noch?
Ich hatte den noch gar nicht.
Sprecherin:
Am Eingang der Indoor-Schwarz-Licht-Minigolfanlage in Berlin Kreuzberg bekommen
die Spieler Pappbrillen ausgehändigt. Die sollen für einen 3-D-Effekt sorgen.
O-Ton 3 ff
Wieder die LSD-Brille aufsetzen …
Sprecherin:
Auch ohne Brille ist es bunt und laut. Leif Randt scheint das nicht zu stören.
O-Ton 3 ff
Ich schreibe auf und du spielst.
Okay.
11
Sprecherin:
Vielmehr ist er mit erstaunlichem Ernst bei der Sache.
Und – fast. Mit drei Schlägen komme ich durch.
Sprecherin:
Leif Randt, Jahrgang 1983, ist Autor der Romane „Leuchtspielhaus“ von 2010 und
„Schimmernder Dunst über Coby County“ von 2011.
Zitator
„Mit diesem Roman beginnt eine neue Zeitrechung in der deutschen Literatur.“
Sprecherin
Der Freitag
O-Ton 3 ff
Hast du Spaß?
Lange nicht mehr so viel Spaß gehabt.
Zitator
„Im emotionslosen Gleichmaß des Erzählens wird der Sog der Oberfläche und des
konsumorientierten Herdendaseins einer Gesellschaft von vermeintlichen
Individualisten spürbar, in den verräterischen Wendungen die Brüchigkeit der
Oberfläche, hinter der nichts steckt.“
Sprecherin
Deutschlandradio Kultur
O-Ton 3 ff
12
Ich wollte fragen, warum du so Interviews mitmachst.
Das frage ich mich auch gerade.
-- Yeah!
Wow!
Bin schon ganz schön gut.
Schreibst du‘s auf? Das waren jetzt drei.
Ich weiß nicht, gibt’s nicht ne Strafe, wenn es rausgeht?
Ich weiß es nicht, ach Quatsch?
Wir fragen mal hier Leute. Entschuldigung, wenn der rausgeht, kriegt man dann
einen Strafpunkt?
Zitator
„Ein fabelhaftes literarisches Denkmal für eine Zeit, in der ein Teil der Welt in einer
Freiheit, Sicherheit und einem Wohlstand lebt, die keine vorige Generation kannte
und die womöglich auch keine nachfolgende mehr erleben wird.“
Sprecherin
Frankfurter Allgemeine Zeitung
O-Ton 3 ff
Oh wow!
Fast!
Sprecherin:
Kurz vor dem Treffen in der Minigolfbahn ist Leif Randt aus Los Angeles
zurückgekehrt. Drei Monate lang war er Stipendiat der Villa Aurora. Dort hat er
13
Reportagen geschrieben, zum Beispiel über die Neverland-Farm von Michael
Jackson, den Disneypark und den New Yorker Maler Mark Borthwick.
O-Ton 3 ff
Die ist schon ein bisschen marode die Bahn, die könnten die besser in Schuss
halten. In Disneyland, das ist schon 50 Jahre alt, und da ist alles in Schuss.
Hier das gibt’s erst seit drei Jahren und es ist alles marode.
Ist halt Berlin.
Sprecherin:
Leif Randt hat Kulturjournalismus und Kreatives Schreiben in Hildesheim studiert.
2010 gewann er den MDR-Literaturpreis und wurde mit dem Nicolas-Born-DebutPreis ausgezeichnet. Beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt erhielt er den ErnstWillner-Preis. Auch Leif Randt wohnt in Neukölln.
O-Ton 3 ff
Ich wohne Neukölln.
Warum in Neukölln.
Hat sich so ergeben, momentan ist es auch ganz schön, direkt am Tempelhof, bin da
einfach mit eingezogen vor vier Jahren, das war keine bewusste Entscheidung, ich
hätte auch woanders landen können.
Musik: Rihanna „Jump“
Zitator:
Weil es der fünfundsechzigste Geburtstag meiner Mutter ist, stehen Senioren in
beigefarbenen Regenmänteln auf der Dachterrasse.
Sprecherin:
aus:
14
Sprecher:
Schimmernder Dunst über Coby County
Sprecherin:
von Leif Randt
Zitator:
Am Himmel haben sich Wolken aufgetürmt, es nieselt ganz leicht. Meine Mutter
spricht zur Begrüßung ein paar Worte und verweist auf die Bar. Dort stehe ich und
winke. Für mich ist nicht auszumachen, welche der anwesenden Gäste Freunde
meiner Mutter und welche normale Kururlauber sind. Die meisten wirken
sympathisch auf mich, weil ihnen die schnell ausgetrunkenen Aperitifs fürsorglich
glänzende Augen gemacht haben. Für diese Leute scheine ich noch ein Junge zu
sein. Dabei bin ich schon seit sieben Monaten mit dem Studieren fertig, dabei
verdiene ich schon Geld, dabei trage ich ein qualitativ hochwertiges Hemd. Das Hotel
gehört dem Lebensgefährten meiner Mutter, er heißt Tom O’Brian und geht gelassen
auf seinem eigenen Dach spazieren. Tom ist erst siebenundfünfzig. Manchmal
kommt er an der Bar vorbei und macht Sprüche: »Na, Wim, trinken wir einen WodkaApfelsaft zusammen?« Wodka-Apfelsaft: das ist so ein Running Gag zwischen uns,
seitdem ich mich vor sieben Jahren einmal in der Lobby übergeben musste. Es war
nicht als Kritik an Tom O’Brian gemeint, es war schlicht ein Versehen, mir war im
doppelstöckigen Linienbus schwindlig geworden und dann hatte ich die Strecke zum
Bad unterschätzt.
Sprecher:
Frage Nummer drei
Sprecherin:
15
Gibt es beim Schreiben eigentlich einen Moment, an dem man plötzlich denkt: jetzt
habe ich den Dreh raus, jetzt weiß ich endlich, wie das funktioniert?
O-Ton 4 Leif übers rausfinden und Melle über Schreibmethoden
Das wusste/hatte ich vorher schon, das war ein guter Zeitpunkt, also der zu der IchFigur wurde, Wim, der Erzähler, hatte sich auch durch Erzählungen, die ich vorher
geschrieben habe, langsam so herausentwickelt und das war dann sehr leicht, also
da hatte ich schon ein Gefühl, also ich habe es jetzt raus. Das könnte ich auch schon
wieder abrufen, aber das ist dann auch durch, also, und jetzt ist es wieder was neues
geworden, was dann aber auch dann richtig möglich war, da ich jetzt nicht mehr
daraus vorlesen muss, aus dem alten, man ist denn wieder in dem Ton so sehr drin
wenn man dann zwei Abende am Stück daraus vorliest
Musik: aphex twin „14th avril“
Sprecher:
Philip Roth muss hundert Seiten schreiben, bevor er das Gefühl hatte, der Roman
könne nun anfangen – und warf die ersten 100 Seiten weg.
Sprecherin:
Thomas Glavinic zwingt sich zum Schreiben auf einer alten Schreibmaschine.
Sprecher:
Woody Allen wird erst unter der Dusche kreativ.
Sprecherin:
Marcel Proust schlief tagsüber und arbeitete nachts.
Sprecher:
Thomas Mann durfte von 9 bis 12 Uhr vormittags keinesfalls gestört werden.
Sprecherin:
16
Franz Kafka turnte nackt bei offenem Fenster
Sprecher:
Edith Sitwell bereitete sich auf eine Schreibsession vor, indem sie sich in einen Sarg
legte.
O-Ton 4 ff Melle
Hast du ausgeschlafen?
Na ja, ich hab gearbeitet bis drei und bin um neun aufgestanden, also es geht.
Also du bist ein Nachtschreiber.
Ja, das heißt, morgens und nachts. Nachmittags und abends eher nicht.
Und musst du grad schnell was fertigkriegen?
Ich muss ein Theaterstück, die erste Version von einem Theaterstück fertig kriegen
bis Oktober. Und das ist so eigentlich eine ganz gute Abwechslung von dem Roman
den ich schreibe, aber haut mich auch jetzt manchmal ein bisschen raus. Und ich
muss das irgendwie schaffen, dass es klappt.
O-Ton 4 ff Leif Randt
Aber das Sprechen stand fest, also entwickelte sich dann auch aus der Fragestellung
heraus, aus dem Setting und der Grundkonstellation. Einfach nur, solche
Entscheidungen wie: ich fange jetzt das letzte Buch endete auf einer
Hoteldachterrasse, ich fange das neue von einer Hoteldachterrasse an, und halte es
diesmal in einem rein fiktionalen Raum, die Stadt, in der es spielt, die gibt es nicht,
die denke ich mir komplett aus, und der Erzähler ist jetzt genauso alt wie ich und
macht so was ähnliches, und damit ging es los, so ganz simpel. und dann war das
teilweise sogar Textstücke die drin geblieben sind, mit der ich mir dann die Welt, die
ich da beschreibe, selbst erklärt habe
O-Ton 4 ff Thomas Melle
17
Fürs Schreiben ist es wichtig, dass es ruhig ist, oder?
Geht, früher habe ich immer mit Musik geschrieben, aber jetzt inzwischen nicht mehr,
jetzt solls total ruhig sein, auf jeden Fall und äh, ja, also möglichst auch keine
Unterbrechungen durch Emails oder Telefonate oder sonstwas. Sobald man
telefoniert, finde ich ist man draußen, ist die Sprache so ein bisschen lädiert schon
wieder.
Echt?
Hm.
Bist du da so puristisch?
Ich merke das dann irgendwie. Ich brauche eine gewisse Zeit, bis ich überhaupt drin
bin, das dauert bis zu einer Stunde, und dann ist das so ein bisschen Autopilot, dann
ist man erst mal in so einem anderen Zustand, wo der Text dann besser läuft von
selbst, und ja, wenn dann ein Telefongespräch kommt, ist man wieder in einem
Alltagsmodus, und der ist eigentlich nicht so gut zu gebrauchen.
O-Ton 4 ff Leif Randt
Und der beste Moment ist wenn ich das dann lese und denke: ah, das ist interessant,
krass, das ist eigentlich echt ein guter Absatz. Aber man hat nicht die komplette
Kontrolle drüber, weil man in dem guten Schreibmoment ist man eben wird’s dann
eben doch intuitiver, auch wenn man grob weiß, was man erzählt und worauf man
raus will, sind die guten Momente immer die, die dann spontan mit reinwachsen, wo
man dann in denen man eine Spur legt, die man dann später auch wieder aufgreifen
kann.
O-Ton 4 ff Thomas Melle
Gibt es noch andere Arten, wie man sich in den richtigen Modus bringt?
Nicht Alkohol oder Drogen jedenfalls. Kaffee ist sehr wichtig, und für mich auch
Nikotin, aber das ist sowieso gehört für mich sowieso zum Modus dazu, zum
Lebensmodus, das ist ja die einfache Sucht, ohne das geht’s gar nicht, und Kaffee ist
bei mir auch schon sehr wichtig.
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Wie viel rauchst du?
Zwei Packungen am Tag.
Boah. Das würde ich nicht schaffen.
Ja, muss man ja auch nicht schaffen, sollte man gar nicht schaffen.
Ist aber ein hoher Preis.
Ja, das muss alles wieder reinkommen.
O-Ton 4 ff Leif Randt
Ich kann es teilweise auch total genießen, was schlecht zu finden. Also dass ich so
davor sitze und denke, das ist ganz schön schlecht. Weil es einen wieder aufweckt,
dass es nicht alles selbstverständlich ist, und man das so nebenbei macht, sondern
man muss eben doch noch mal arbeiten.
O-Ton 4 ff Thomas Melle
Manchmal sind Absätze einfach so runtergeschrieben und in diesem, wenn man
warm geworden ist, und dann sind die fast schon fertig, wie sie da sind, also ich
bearbeite mehr so dann auf weite Strecken das Buch, streiche dann viel und
versuche den Blick dann fürs ganze zu haben. oder so.
O-Ton 4 ff Leif Randt
Aber es musste diesen Moment geben, und das auch ein Eindruck den ich hatte,
dass man eigentlich für einen guten Text immer, also wenn der ein in sich
geschlossener fertiger Text braucht eigentlich immer diesen Moment, dass man lernt,
wie das funktioniert, dass man sich erst für diesen Text entschließen muss, als
müsste man das jedes Mal neu lernen. Auch wenn das am Ende, dann liegen die
Texte nebeneinander und klingen alle irgendwie ähnlich, haben immer ähnliche
Themen und es fällt jemand von außen nicht auf.
O-Ton 4 ff Thomas Melle
Aber erst mal muss man so reinkommen und dann kommen die geilen Sachen.
19
Ja, hoffe ich mal. So geil, weiß ich gar nicht, ob das grad noch alles so geil ist, aber –
das ist so das Ideal so.
Wieso grad noch so geil.
Hm, ich schreibe gerade sehr noveau-roman-mäßig. Hauptsatz auf Hauptsatz und
sehr substantiviert und gar nicht mehr so ausufernd und hypotaktisch und was weiß
ich alles wie vorher entspricht auch meiner Geisteslage, mehr geerdet manchmal
vielleicht gar nicht mehr so inspiriert, und ich schau mal, wohin das führt.
Sprecher:
Frage Nummer vier
Sprecherin:
Und was wird so geredet über die erfolgreichen Nachwuchsschriftsteller?
O-Ton 5 Stimmen der anderen
Tja, Thomas ist…
Sprecherin:
Jan Küveler, Literaturredakteur der Zeitung „Die Welt“, guter Freund von Leif Randt
und Bekannter von Thomas Melle,
O-Ton 5 ff
…also ich kenne ihn vor allen Dingen auch irgendwie am Tresen sitzend, da
begegne ich ihm ab und zu, so seine Stammkneipe ist ganz in der Nähe von meiner
Wohnung und ich bin da auch ab und zu, un dich begegne ihm da immer, er hat ja
erst mal ein durchaus bulliges Äußeres, beinahe, also sehr kräftig, große Hände, und
gleichzeitig begegnet man dann aber einem ganz feinen Menschen, mit ganz
wachen, schnellen Augen, die also aus den Tiefen seines Körpers zu gucken
scheinen, und er ist außerdem, was ich total schätze, smalltalk unbegabt, man ist
mitten im Gespräch über irgendwelche interessanten Sachen, aber ohne, er ist
20
überhaupt kein Bildungshuber, auf diesen ganzen Quatsch und Zierrat legt er eben
glücklicherweise keinen Wert.
Sprecherin:
Fabian Hischmann, Schriftsteller und Freund von Leif Randt .
O-Ton 5 ff
Ich schätze Leif vor allem für seine Konsequenz. Er ist einfach wahnsinnig
konsequent in dem, was er tut. Und das ist auch wenn man ihn fragt, wenn man ihn
nach seiner Meinung fragt, dann kann man sich sicher sein, dass er ehrlich ist und
auch die Wahrheit sagt, und das ist schön, das ist gut.
Seine Selbstironie und Offene Art und das ist er so‘n Wärmestrom verprüht.
Sprecherin:
Christoph Nussbaumeder, Theaterautor und Freund von Thomas Melle.
O-Ton 5 ff
Also mit den anderen Zutaten, er kann schon bissig sein und zynisch, aber
grundsätzlich ist er ein warmer Typ, ja.
Ich glaube, das sind schon die drei Sachen: cool und chic und fancy, trifft es genau,
ist genau das, und ist das, was mich überhaupt nicht interessiert.
Sprecherin:
Nora Bossong, Schriftstellerin und Bekannte von Leif Randt
O-Ton 5 ff
21
Ich interessiere mich nicht für Sachen, von denen ich glaube, dass sie ne
Modeerscheinung sind.
Eigentlich fänd ich es ganz traurig, weil diese Krankheit für ihn sehr viele Probleme
mit sich bringt, und eigentlich eher ein Päckcken ist, dass er zu tragen hat, und
dagegen trotzdem es schafft zu schreiben, - es ist eher so rum.
Sprecherin:
Birgit Schmitz, ehemalige verlegerische Leitung des Berlin Verlags, erste Lektorin
von Leif Randts Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“
O-Ton 5 ff
Wenn denn, macht es ihn später, also er muss sich wahnsinnig disziplinieren
bestimmt um zu schreiben, sich zu konzentrieren:
Leif ist noch cooler als Thomas, aber ohne dass es ne Pose wäre bei ihm, oder
wenn, ist es eine supergut antrainierte Pose, der war ja lange Skateboarder in seiner
Jugend, das war ja für ihn sehr wichtig, also er war ja in Offenbach und Frankfurt ist
er in bestimmten Szenen noch hauptsächlich als Skateboarder bekannt, die kennen
ihn eigentlich gar nicht als Schriftsteller,
Also es zerbrechen Freundschaften, also es geht immer – sind beides natürlüich
Schriftsteller in dem Alter, wo sie ganz stark über Freundschaften schreiben, die in
nem Wandlungsprozess sind, das hat mit dem Alter zu tun, mit der Lebensphase,
dass man das stark beobachtet, und natürlich damit, dass uns die
Wahlverwandtschaften in der heutigen Zeit ja wesentlich näher sind als
wahrscheinlich die Familie. Und sich das zu suchen, und die Enttäsuchungen, die
man erlebt, sind eher die mit den Freunden als die mit den Eltern, oder
Geschwistern, und das verbindet die beiden auch.
und ich schätze dass mit diesem ganzen Kosmos, dieser Art und Weise zu leben,
dass es in Fleisch und Blut übergeht eigentlich, und ich kenne ihn über eine Freundin
und auch schon lange, also in der Zeit als Leuchtspielhaus gerade rauskam, da gab
22
es auch Coby County noch gar nicht und da gabs auch diesen ganzen Hype den er, er ist ja noch viel mehr, Thomas ist ja mehr so ein Insidertipp, würde ich jetzt so
sagen, und Leif ist ja schon fast so ein Mainstream Erfolg geworden, also Thomas
Welt, die wir ja bisher kennen, ich kenne ja das neue Projekt noch nicht, ist ja
natürlich eine ganz düstere Welt, und Leifs Welt ist eben eine ganz helle. Ich meine
das Buch heißt schon Leuchtspielhaus das erste, das andere Schimmernder Dunst
über Coby County, also diese Helle, das Pastellfarbene, das Glänzende, das ist bei
ihm richtig Programm, im Gegensatz zu Raumforderung, was irgendwie ne
Tumormetaphorik ist und Sixter mit diesem Schwarz-Weißen Cover ist quasi das
Gegenteil. Ohne dass Leif das jetzt, das ist ja keine reine Affirmation diese Sache,
aber er spielt eben damit, aber er lässt das zu, als Möglichkeit, und vielleicht lädt das
auch erst mal sehr viele Leser ein, oder es ist zumindest überhaupt nicht
abschreckend, es ist einfach ne schöne Welt, es kann ja sein, dass da Schatten
lauern hinter dieser schönen Welt,
ja, er hat natürlich diese Mauer um sich und das macht natürlich einen Reiz aus, es
hat ne Spannung, es hat etwas, was man knacken will, und etwas, woran man sich
dann abarbeitet, es hat schon son was anziehendes auf ne gewisse art, weil es eben
so schwer einnehmbar ist
Nein, Dunkle Seiten hat Leif nicht, wirklich nicht. ist einfach ne sehr neutrale,
wohlwollende Haltung, die er – ich würde sagen, vielleicht ne melancholische
Haltung, aber dunkle Seiten nicht, ne.
Sprecherin: Martin Kordic, Autor, Lektor und guter Freund von Leif Randt.
O-Ton 5 ff
Bei Thomas Melle ist das der sich selbst verzehrende Konsum ist das ja. Also, der
löst sich ja quasi selber darin auf, er konsumiert sich ja selber, krankhaft oder zu
Tode. Und bei Coby County und Leif Randt ist es die angenehme Ausstattung, die
dazu gehört, die aber wie eine Art Droge oder Betäubungsmittel wirkt. Und das
verbindet auch wieder mit Melle, wo die Droge ne wichtige und die Betäubung ne
wichtige Rolle spielen. Aber das Abbgründige, oder das zerstörerische hat man eher
bei Melle.
23
Es funktioniert ja immer gut, was einen silbernen Einband hat. Ich glaube, was es
bedient, ist etwas was – es erzählt genau aus diesem gutsituierten
Kulturwissenschaftsmilieu, die mit genau diesen Eltern aufgewachsen sind, die
sobald sie Gefühle eingehen, sofort mit Reflexionen beschäftigt sind, es erzählt ein
sehr sehr kleines Milieu, aber es ist exakt das Bücherkaufmilieu
Leif Randts Bücher bewegen sich ja immer in so Szenen.
Sprecherin:
Thomas Klupp, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und ehemaliger Lehrer von Leif
Randt in Hildesheim
O-Ton 5 ff
Das sind ja keine vereinzelten Gestalten, sondern die sind so ganz in sich vielleicht
schon so ein bisschen vereinzelt oder verfremdet, aber sie sind letztendlich
permanent in Szenen und Figurenkonstellationen. Also vor allem Leuchtspielhaus
aber auch Coby County. Wohingegen das bei Thomas Melle ja oft so ganz harte
Einzelgänger sind. Und auch da decken sich dann bis zu einem gewissen Grad
biographische Strukturen glaube ich mit der literarischen Oberfläche, und das passt
dann wiederrum dass der eine eher so ein eremitischer und der andere eher
vielleicht son sozialerer Schreibertyp auch ist.
Kennst du ihn in den Phasen auch?
Ja, klar, so manische Phasen, die klingen ja in Sixter auch an. Dass er rastlos und
schlaflos durch die Welt gondelt und die U-Bahn ist sein Skateboard und die
Deutsche Bahn ist dann das Surfbrett und dann erzählt er, wen er kennengelernt hat.
und das meiste stimmt vermutlich – faktisch stimmt es nur in Ansätzen, also wenn er
den Sänger von Nine Inch Nails am Bahnhof Kassel getroffen hat, dann ist das
bullshit, aber er erzälht es dann völlig blumig und glaubhaft und du denkst oh weia.
Und das geht schon in so einen Verfolgungswahnmechanismus über, ja. Aber auch
ganz kindlich, das ist ja so ambivalent.
24
Also klar, man weiß es nicht. Klar gibt es immer die Angst, dass sozusagen dem
Genie der Wahnsinn dann fehlt, und damit ist er kein Genie mehr, aber ich möchte
ehrlich es ist nicht meine Auffassung ovn Autoren und Künstlern. Deshalb hoffe ich
eigentlich, dass es nicht so ist. Ich glaube, es ist eher die Hoffnung, dass ich denke,
nein die Krankheit macht nur einen Teil des ganzen aus, aber nicht den Kern. Das ist
meine Hoffnung.
Es beflügelt glaube ich auch, dass da jemand ist, der sprüht vor leben. Aber bis zum
Anschlag. Aber das geht einen Abend oder zwei aber nicht weiß ich nicht,
monatelang. Und dann ist es zerstörerisch und auch irgendwie schal.
Ich glaube, das ist ganz wichtig für das Projekt von Thomas, das herauszufinden.
Also das spiegelt er ja die ganze Zeit. Das sind ja fast zwei Metaphern, die er
gegeneinander anrennen lässt. Er hat einerseits diese Gesellschaft die so krank ist,
und dann hat er das Individuum, das krank ist. Und wer ist dann jetzt die Ursache
des jeweils anderen.
Zitator:
Wie ein Irrer, dachte Thorsten und hatte dabei doch schon längst sich selbst
vergessen, denn jetzt fiel ihm auf, dass seine beiden Zuhörer ihn anblickten, in
Erwartung weiterer Details, und dass nicht Mabuse, sondern er es war, der den
Betrieb aufhielt.
Sprecher:
aus:
Sprecherin:
„Sickster“
Sprecher:
von Thomas Melle.
25
Zitator:
Thorsten musste plötzlich niesen, er drehte sich zum Fenster, hob die Hand, und es
preschte los, das Niesen durchfuhr seinen Körper mit einer Gewalt, die ihn fast
umwarf. Die Kräne nickten. Er schüttelte sich wohlig. Niesen hat denselben Effekt auf
den Körper wie ein halber Orgasmus, hatte er in irgendeiner Männerzeitschrift
gelesen. Jetzt konnte er sich wieder fangen. Zufrieden dreht er sich um. Das
Geräusch hatte aufgehört. Gesundheit, sagte Taue, der Journalist, und lächelte
verschlagen. - Danke, sagte Thorsten und stand wie angewurzelt, denn so verdeckte
er das kleine Malheur, das er auf der Fensterscheibe hinterlassen hatte. - Wo war ich
stehen geblieben? - Tiefkühlkost, sagte Taue. Es klang wie aus dem Telefonhörer. Richtig, sagte Thorsten, schnäuzte sich und dachte: Den kenne ich doch.
O-Ton 6 thomas bipolar
Jetzt auch zu Sickster-Zeiten, wo es ja auch Überschneidungen gibt mit der eigenen
Biografie, habe ich dann erstmal das gelassen, also sozusagen nicht gesagt: ich
habe da selber was, oder sonst wie, sondern das musste erst mal – das sollte vom
Buch abgekoppelt sein, und jetzt gehe ich damit noch mal anders um, also - weil ich
auch noch mehr das Gefühl habe, dass ich damit umgehen muss und das nicht
verschweigen soll.
Ich kann gerne auf die Spitzen verzichten, aber manchmal denke ich auch, dass die
Kreativität vielleicht auch so eingeschränkt wird. Und davor habe ich jetzt ein
bisschen Angst, und schaue mal, wie ich jetzt mit meinem neuen Stil durchkomme,
davor habe ich ein bisschen Angst, ja, dass die Medikamente einen dann doch so
dämpfen, dass Kreativität darunter leidet.
Was ich so faszinierend finde: das hält dann wirklich so Tage-Wochen-Monatelang
an? Es ist nicht mal nur so ein Tag, wo man total durchdreht, sondern ne ganz lange
Zeit?
Hm.
Wo nimmt denn der Körper die Energie her?
26
Ja, das ist die Frage. Genau, das weiß ich auch nicht. Ein Jahr ist es her bei mir. Ein
Jahr Manie.
Bei mir kommt dann ja auch noch dazu, dass ich dann sehr viel Alkohol trinke, und
das ganze noch – also das nennt sich dann Selbstmedikation, was natürlich etwas
seltsamer Begriff ist, dann viel zu – ja, das ganze noch mal hochpusche oder so, weil
ich das ganze nicht verstehen will.
Scham ist auf jeden Fall ein großer Faktor, dann. Und der Körper, wenn du fragst,
der Körper holt sich die ganze Energie, aber dann beim Absturz ist er eben auch, hat
er überhaupt keine Verteidigungskräfte mehr, sich gegen die Depression zu wehren,
und dann ist man nur noch das Häufchen Elend.
Und wie bekommt man dann Hilfe? Die sucht man sich ja vermutlich nicht selber,
oder?
Freunde versuchen das. Ja, kommt drauf an, wie sehr du abgehst, aber wenn du das
richtig so auffällig bist, dass es Nachbarn auffällt, dann wird auch der SPD, der
Sozialpsychiatrische Dienst, du hast irgendwie eine seltsame Beobachtung und von
da aus – die kannst du nicht mehr einordnen, obwohl sie total normal gewesen wäre
unter den sonstigen Umständen, und irgendwas findste dann falsch, und denkst:
warum kennt dieser fremde Mensch mich jetzt, oder warum ist dieses Schild diese
Werbung, warum meint die gerade mich, und von da suchst du immer weitere
Erklärungen, und das ganze Erklärungssystem, das du sonst hattest, bricht so in sich
zusammen und du bildest son ganzes seltsames Wahnsystem an neuen Erklärungen
aus. Und siehst die Welt dann völlig falsch und völlig anders, und verhältst dich
dementsprechend, so ist das. ungefähr.
Was war mal so eine Szene? Ach, ich habe viele Sachen einfach nur so wie
Aufführungen gesehen, theatralische Sachen, die extra für mich gemacht wären,
oder wo ich irgendwie getäuscht werden sollte. oder so was, das ist eigentlich dann
fast täglich gewesen.
War das eher amüsant oder eher beängstigend?
Ach, total beängstigend. Und dann irgendwann findest du das so absurd, was es ja
auch ist, dann findest du es selber so absurd, dass du denkst, du musst es jetzt mit
27
komischem und provokativen Verhalten irgendwie durchbrechen, diese Inszenierung,
die es ja gar nicht gibt. Und versuchst dann, wie in der truman show die Kameras zu
finden. oder so. Du denkst plötzlich: ach so, woher kommt denn das jetzt, und seit
wie vielen Jahren ist das so? und was habe ich da gemacht vor drei Jahren und was
der 11. September ist dann natürlich wieder ein Datum, wo du eine Rolle spielst.
Was hast du da gemacht?
Ich habe ja nichts gemacht, das war ja mein Fehler. Die Jahrtausendwende, war
dann auch glaube ich so ein Datum, wo ich dann dachte, bis dahin hätte ich dann
anscheinend irgendwas machen müssen, mein Buch schreiben müssen, oder
irgendwie ein Manifest schreiben müssen und das ist nicht passiert und da wurden
plötzlich die Araber sauer, weil der kleine Thomas vom Westen still gestellt wurde.
So was, ja.
Atmo: O-Ton 7 Randt mit dem Auto nach Rudow/Nur als Atmo
Sprecherin:
Mit Leif Randt auf dem Weg nach Rudow, am südlichen Stadtrand von Berlin.
Atmo: Autotür
O-Ton 8 Beratungsgespräch Makler
Auf einer Brachfläche ist eine kleine Neubausiedlung entstanden; drei, vier der
Häuser sind bereits bezogen, etwas zu dicht aneinander gebaut und noch ohne
schützendes Grün drumherum.
Sprecherin:
Der freundliche Herr von der Immobilienfirma erläutert seinen vermeintlichen
Interessenten die Vorzüge der Fertighäuser; erklärt, wo – wenn auch begrenzt –
noch Spielraum wäre für individuelle Gestaltung.
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O-Ton 9 Randt extreme durchschnittlichkeit
Was mich ja (letztes Mal) überrascht hat, als wir bei diesem Neubau-Typen waren,
dass also einmal, dass du so im Gegensatz zu mir son schlechtes Gewissen
demgegenüber hattest, also so moralisch, dass wir ihm die Zeit klauen. – Würdest du
sagen, du bist ein sehr moralischer Mensch?
Keine Ahnung, weiß ich nicht, kann ich nicht sagen. Ich wüsste gar nicht so genau zu
definieren, also ich mochte das auch noch nie, wenn Leute jetzt andere nur für ihren
eigenen Spaß verarscht habe oder irgendwie fühle mich dann relativ schnell unwohl
und muss dann die Spannung muss das dann auflösen. Ich kann auch nicht so gut
lange Zeit irgendwelche Unwahrheiten aushalten. Wenn die im Raum stehen, und
irgendwie so grundlos Leute vorzuführen, die einem nichts getan haben, wenn ich
irgendwas extrem unangenehm fand, dann habe ich vielleicht auch manchmal finde
ich es vielleicht nicht so schlecht, wenn dem was reingewürgt wird oder so aber jetzt
so ohne Not.
Sprecher
Frage Nummer fünf:
Sprecherin:
Ist ein Mensch, der irgendwie besondere Bücher schreibt, zwangsläufig auch ein
irgendwie besonderer Mensch?
O-Ton 9 ff
Mit allen Leuten mit denen ich rede, die finden dich immer extrem cool … ---- woran
liegt das?!
Das weiß ich nicht.
An den guten Klamotten? Am Style?
Nee, ich hatte jetzt am WE einen Auftritt auf der Lit.Cologne zusammen mit einem
Freund, Martin Kordic, der hat seinen Debütroman rausgegeben, und jedenfalls dann
habe ich auch Fotos gesehen auch, wo ich denn immer dachte – warum habe ich
29
denn – ich pose die ganze Zeit so hart habe ich den Fotos gegenüber empfunden,
zeigte das dann auch Martin, und dann meinte ich so, komm, auf jedem Bild ist das
immer eigentlich zu gepost, und dann meinte er so: nein, so bist du! und dann
vielleicht liegt es daran, ich weiß es nicht so genau. Ich bin auch manchmal selbst
erstaunt, wenn ich irgendwie Aufnahmen sehe, das sdie Ausstrahlung oft so fast was
ausgestelltes hat, ohne dass ichs ausstelle. Dass man die Art und Weise, wie man
sich hinstellt oder wie man gestikuliert, ich habe auf diesen Fotos definitv ne andere
Ausstrahlung als ich mich selbst empfunden habe in der Zeit, weil ich eigentlich gar
keine so arg selbstbewusste Zeit hatte während ich in L.A. war, aber die Fotos
strahlen so komplett das unfassbare Urlaubslässigkeit aus und so eine
Selbstverständlichkeit, die trotzdem so ein bisschen gebrochen ist und irgendwie
denke ich, ich fühlte mich doch bar nicht so wohl, wie es aussieht, aber na ja, in
meiner erinnerung nicht.
wie ist es eigentlich wenn jetzt Leute über dich schreiben oder auch so Porträts
machen – ich habe ja den Eindruck, dass du sehr zurückhalten bist, und von dir nicht
so viel preisgibst, aber dann steht, die bewerten dich dann ja auch irgendwie oder
machen sich ein bild oder – hast du das Geüfhl, die treffen dich dann, ist das
realistisch, oder ist das irgendwie auch komisch, wenn dich da jemand
charakterisiert?
ich wurde gar nicht so oft charakterisiert. Ich kann mich erinnern an einen Halbsatz,
zugleich jungenhaft und früh alt geworden. den fand ich ganz gut. konnte ich total
was mit anfangen, weil ich das selbst ein bisschen so empfinde, vielleicht dass man
immer so zwischen auf jeden fall rentner oder teenager, aber nichts dazwischen,
alles andere dazwischen entspricht mir nicht als diese pole
Sprecher
Frage Nummer sechs:
Sprecherin:
Was ist an einem jungen Schrifttsteller rentnerhaft?
30
O-Ton 9 ff
ganz vieles eigentlich, mein ganzer Alltagsrythmus ist total seniorenhaft, allein; ich
habe neulich jemanden ein bisschen aus meinem Notiztagebuch, ich führe so ein
Kalendertagebuch, wo einfach nur drin steht was war, und daraus vorgelesen: das ist
das Tagebuch eines Rentners. da steht ganz krasse Fixierung auf Mahlzeiten. dann
steht oft drin, mir ist halt aufgefallen, dass ich sehr oft aufschreibe, was es zu essen
gab, oder wen ich zum essen getroffen habe, oder wann ich aus welchen Gründen
rausgegangen bin, und dann stehen da tatsächlich so sachen wie: miriams
Geburtstagskuchen. Arbeit an Futur zwei Text, abends Kino mit Andres oder solche
Sachen, und in der Fülle denkt man, ja, das ist schon sehr seniorenhaft.
Sprecherin:
Und was ist jungenhaft?
O-Ton 9 ff
na ich glaube so teilweise die interessen. vielleicht doch nur die rentnersache.
vielleicht ist doch die identifikation – ich meine, ich habe immer noch ne relativ hohe
identifikation mit jugendlichen. auch wenn die nicht mit mir die identifikation haben,
aber wenn ich jetzt tendenziell wenn ich eltern-kind-duos sehe, habe ich oft noch die
größere identifikation mit dem kind als mit dem elternteil. wobei sich das manchmal
auflöst, dadurch, dass ich jetzt auch ein paar freunde habe, die väter sind, und dann
kann man sich auch gut in die reinversetzen, weil das freunde sind, aber wenn ich
jetzt leute nicht kenne, bin ich tendenziell eher so, dass ich mit dem kind mitdenk als
mit dem wie sich jetzt der vater da fühlt.
Ich dachte, du findest es da auch total schrecklich – aber Na, ich kann in allem das Schöne sehen. Ich kann jetzt auch die melancholische,
nein, melancholisch nehme ich zurück, ich kann auf jeden fall das schöne potential
an so einer neubausiedlung sehen, wenn ich mir vorstelle, das hat halt leicht
bedrückend halt, und ein bisschen steril, son neubau am berliner Stadtrand, - in
erster linie käme mir eben son Unbehagen gegenüber einer Ideologie der
31
klassischen Kernfamilie und der des zwei-personen-plus-kind-haushalts, das sind
dinge, die ich schon tendenziell bedrückend finde und jetzt nicht nachahmen wollte 1
zu 1, aber dann wenn ich mir dann vorstelle dort als Kind aufzuwachsen, in so nem
Kinderzimmer, und dann mit der Sehnsucht zur weiten Welt hinauszugucken, und
dann bist du so – immerhin am Berliner Stadtrand – und hast dann ist ja dann
irgendwie hat so eine extrem durchschnittliche , finde ich ja total anziehend,
überhaupt, dieses Moment von Suburbanität und das eben etwas nicht aufregend ist
sondern total alltäglich, das ist ja wie auch dieses was man glaube ich auch extrem
aus amerikanischen Komödien der 80er Jahre kennt, immer diese Feier des
Mittelstandes, son Vorstadthaus, und wirklich die klassische Familie mit draußen
grillen und der jungegebliebene Nachbar, so was steckt ja auch in so einer
Neubausiedlung irgendwo drin, das ist ja auch wie fast ne Nachbildung von so nem
amerikanischen Suburb-Lifestyle, und der ist dann sowieso bei mir potentiell eher
positiv besetzt, weil ich den aus der Jugendperspektive irgendwie charmant finde.
Und ist es auch ein bisschen so, dass man irgendwas ganz schlimm und kritisch
sieht, und irgendwie auf den Kapitalismus hinweist, das gibt es ja eigentlich schon
genug, das wird ja fast schon mit Kunst und Kultur immer gleichgeseztt, dass einen
das auch ein bisschen nervt und man Bock hat, das normale gut zu finden und zu
bejahen und nicht so viel zu bewerten?
Sprecher
Frage Nummer sieben:
Sprecherin:
Ist Affirmation nicht letztlich auch nur eine Masche?
O-Ton 9 ff
Nee, ich glaube, das ist einfach nur ne Offenheit, dass man das generell so eine
Sache, das ist ja auch ein Allgemeinplatz, dass man erst mal hinschaut, was da ist,
und was liegt da jetzt für ein Potential drin, anstatt das gleich ideologisch
einzuordnen. Ideologische Einordnungen sind ja sozusagen immer leicht bei der
Hand aber total empfinde ich eigentlich als die größte Sackgasse überhaupt. Diesen
Kniff kann man leicht machen, das immer das Ende jeden Gesprächs, so, auch das
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Ende von allen schönen Momenten, wenn man das sagt, das ist aber das ist doch
auch nur ideologisch bedingt, bla – das ist einfach nicht interessant. Genau, dann
kann man zumindest mehr Potential, dass es was zu erzählen ergibt, sind ja dann
schon, dass man sich auf das Leben im Neubaubezirk einlässt, sozusagen, zum
Beispiel.
Musik aphex twins „nannou“
O-Ton 10 Staedel und essen mit agenten
Sprecherin:
Thomas Melle in Berlin-Schöneberg: Essen gehen mit seinem Agenten Alexander
Simon.
O-Ton 10 ff
Wie oft triffst du Thomas so?
Wir versuchen das einmal die Woche zu schaffen, aber es haut nicht immer hin.
So oft?
Wenns nötig ist und möglich, ja. Sonst nicht.
Das ist ja jetzt nicht nur mein Agent, sondern auch ein Freund und Begleiter, und
Helfer in Notlagen und sonstwie. Also das ist eine ganz andere Beziehung als eine
normale, bloße Agenten-Autoren-Beziehung. Kann man sagen. Also ja.
Wie lange kennt ihr euch schon?
13 Jahre, 14 Jahre?
Aber schon auch aus dem Literaturkontext.
Ja. ((Obwohl er auch aus der Stadt kommt, in der ich überwiegend aufgewachsen
bin, daher kannten wir uns nicht, dafür sind wir auch zu weit auseiannder.
Kennengelernt haben wir uns durch seine erste Lesung auf der Leipziger
Buchmesse)).
33
Sprecherin:
Alle acht Wochen fährt Leif Randt heim ins Maintal, wo seine Mutter und Großmutter
wohnen. Das Frankfurter Städel Museum zeigt die „One Minute Sculptures“ von
Erwin Wurm - Kunst zum Mitmachen.
O-Ton 10 ff
Wir machen was, was du alleine machen kannst.
Fotografieren wird man nicht dürfen, oder?
Doch, ich glaube, das
Das ist teilweise ziemlich uneinheitlich habe ich das Gefühl bei Museen, man denkt
immer –
Da!
Da gibt’s wieder was. Die sind verteilt, zwischen den Alten Meistern.
„Astronomisches Vorhaben“ Na das ist ganz lustig, das machen wir schnell.
„Ich lege meine Stirn auf zwei Tennisbälle, die aufeinandergestapelt sind und
versuche sie zu balancieren. Es ist erstaunlich einfach.“
Vielleicht bist du einfach erstaunlich talentiert.
Ja, auf jeden Fall.
(O-Ton ff – Ortswechsel: Essen gehen)
Ich hätte gerne einmal gebratene Hähnchenleber und eine Cola bitte.
Cola klein?
Klein.
Ich hätte gerne die Salate der Saison mit den Hähnchenbruststreifen.
34
Von der Wochenkarte?
Ja.
Und eine kleine Cola light.
Ok.
Also in Leipzig bei ner Lesung. Was war das für ne Lesung?
Das was die Lesung der Autorenwerkstatt des LCBs, oder wie heitß das noch mal
damals, das gibt’s gar nicht mehr.
Des LCB hat junge Autoren vorgestellt, so einfach, und ich hatte das nämlich ans
LCB geschickt, meinen ersten Roman, der dann ja nie erschienen ist, und habe
daraus vorgelesen, und Alexander hat sich darauf gemeldet.
Hast du das vielleicht noch?
Das habe ich noch, klar.
Selbstverständlich, das habe ich auch noch, in verschiedenen Fassungen.
Das ist ein Steinbruch.
Das ist ein unglaubliches Werk. Das sind 550 Seiten, Titel war Samstagnacht, spielt
in einer Nacht. Und als wir uns das erste Mal trafen habe ich gesagt: Thomas, das ist
ganz schön, wenn wir irgendwann bei Ulysses landen, aber wir sollten nicht damit
anfangen. Das hat er dann auch ziemlich schnell eingesehen.
Und was hat so die Begeisterung ausgelöst?
Die Sprache. Die Sprache und die Klugheit, mit der Sprache umzugehen. Das
Problem war nur, dass der Roman etwa 35 Protagonisten und 32 Ebenen hatte. Und
das wird dann irgendwann schwierig für den Leser.
War das ne kleine oder ne große Cola?
Äh, ne kleine.
35
Aber es hat schon noch ein paar Jahre gedauert bis zum ersten Buch.
Warum?
Das Leben.
Genau, es hat so lange gedauert. Ja, ich weiß auch nicht.
(O-Ton ff: Ortswechsel – im Museum)
Man soll was mit der Milch machen, warte.
Achso, auf den Füßen. Sind die voll die Milchflaschen? Eine Minute halte.
Na, ich mache mal 10 Sekunden. Ich habe gute Schuhe dafür an, die hält
automatisch.
Du kannst jetzt Erwin Wurm eine Nachricht übermitteln.
„Die Sache mit den Milchpackungen gefällt mir ganz gut Erwin.“
Okay, es reicht.
Du wirst fotografiert von allen Japanern die hier sind.
Ich habe jetz schon drei dieser ..
Ja, ich bin ganz erstaunt, wie bereitwillig du da mitmachst.
Bin ein großer Mitmacher, ich bin so ein Mitmachertyp.
Ja?
Erwartungsgemäß nicht. Ich hatte ich war jetzt ein paar Tage in Niedersachsen auf
so einer Veranstaltung, bei der ein paar Autoren eingeladen waren, die dann in eine
Schule gingen, um Workshops zu geben und noch ne Lesung gaben, und dann gabs
auch am Tag davor noch ein Programm für uns, da wurde uns so was angeboten,
über Sprechtraining oder Lesetraining und noch Rechtsberatung – so ohne Not –
also sozusagen Workshops, die man nicht gebucht hatte wurden einem dann so
gegeben, und das war beim Sprechtraining
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- auch noch Wirbelsäulengymnastik ...
ja, genau, das gehörte zum Sprechtraining dazu, und das war wirklich ein bisschen
verstörend, weil die Sprechtrainerin hatte so die Gestus, ja son
Problembewusstseinsgestus, als hätten wir echt so ein großes Leid mit unseren
Lesungen und müssten was lernen
- vorher gings euch eigentlich ganz gut ..
vorher gings uns ganz gut und währenddessen habe ich wirklich gedacht: um
Himmels willen, das ist ja, das war wirklich denn belastend, und dann ging es richtig
los mit so Summübungen, und jetzt mal richtig seufzen und dabei die Arme
ausschütteln, nach vorne beugen, und mal im Kreis laufen und so seufzen, und das
wurde wirklich immer unangenehmer und übergriffiger und dann hat sie irgendwann
gefragt: „Leif findest dus wirklich ganz schlimm?“ und ich meinte: „Ja.“ „Das ist ein
Problem, da müssen wir an was arbeiten, denn deine Energie ist jetzt hier im Raum
auch eine Belastung für die anderen, bis alle wirklich verunsichert gelesen haben
und wirklich nicht besser gelesen haben als zuvor.
(O-Ton ff Ortswechsel – beim Essen)
Ich muss manchmal etwas ermutigen oder anhalten dabei zu bleiben, wenn wieder
diverse andere Angebote kommen. Und er gerade in dem Roman nicht vorwärts
kommt, aber das wars dann auch schon. Thomas ist kein Autor, den man motivieren
müsste, könnte ich mich zumindest nicht erinnern, er hat ja immer geschrieben. Und
den ersten Roman hat er ja mit 22 geschrieben, in elf Monaten 550 Seiten. Das ist ja
relativ aussagekräftig.
(O-Ton ff Ortswechsel – im Museum)
Interessierst du dich überhaupt für moderne Kunst?
So mittelmäßig, doch dafür dass ich mich nicht interessiere bin ich aber auch relativ
oft im Dunstkreis der modernen Kunst. Das liegt aber daran, dass glaube ich meine
Freunde aus der Teenagerzeit sind einige in die Richtung gegangen mit moderner
Kunst und so, so Studiumsmäßig. Ich komme sogar auf Ideen unter Umständen.
37
Doch, eigentlich man könnte sagen, ich interessiere mich. Aber ich verfolge es nicht,
ich lese nicht viel darüber.
Aber Leuchtspielhaus hat ja sogar explizit in der Kunstszene gespielt, oder?
Es gibt zumindest – ja doch in so einer Graphikdesignszene, ja. Ach hier ist wieder
eine Aufgabe von – wie heißt der Mensch? – Erwin Wurm. Auf gar keinen Fall:
Schuhe ausziehen. Auf gar keinen Fall.
(Hier ist schon ein bisschen muffig ...
Hier ist jetzt warm, ja.)
Sprecherin:
George Orwell: “Warum ich schreibe”
Sprecher:
Schierer Egoismus –
Sprecherin:
gespeist aus dem Wunsch, möglichst clever rüberzukommen, im Gespräch zu sein,
um über den eigenen Tod hinaus in Erinnerung zu bleiben oder um es all denen mal
zu zeigen, die einen als Kind immer gehänselt haben
Sprecher:
Frage Nummer acht
Sprecherin:
Schriftsteller werden – wozu eigentlich?
Sprecher:
Ästhetischer Enthusiasmus –
38
Sprecherin:
Um der Empfindung von Schönheit in der äußeren Welt willen, oder aus Liebe zu
Wörtern und zu den zahlreichen Möglichkeiten, sie zu arrangieren
Sprecher:
Historisches Bewusstsein –
Sprecherin:
Aus dem Bedürfnis heraus, Wahrheiten zu ermitteln und sie für die Nachwelt zu
erhalten
Sprecher:
Politischer Impuls –
Sprecherin:
Um die Welt in eine bestimmte Richtung zu pushen und den Menschen zu erklären,
in welcher Art von Gesellschaft sie eigentlich leben wollen sollten.
O-Ton 11 Schriftstellerjob Mix
Du hast schon ein geiles Leben.
Hm, ja. Ist schon nicht schlecht.
Aber so richtig viel Geld verdient man halt nicht.
Doch, doch, das auch.
Wie viel gabs z.B. in Düsseldorf?
Ach so, der Düsseldorfer Literaturpreis war mit 20.000 dotiert – das muss ich aber
auch voll versteuern und – ich meine, mein jüngerer Cousin hat jetzt angefangen als
Lehrer zu arbeiten, dieses Monatshonorar werde ich wahrscheinlich nie nie erreichen
oder höchstens immer nur sehr temporär erreichen, wenn man gerade einen
Buchvertrag gemacht hat und vielleicht noch ne Lizenz verkauft und noch Lesungen
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hat, wie auch immer, das ist auch nicht entscheidend, weil ich muss immer wenn ich
in solche Schleife komme, dass ich denke: ich werde nie viel Geld verdienen, muss
ich mich daran erinnern, dass ich ja doch jeden Tag ausschlafen kann und wirklich
nur mache, was mir gefällt, also sagen wir zu 80 Prozent/90 Prozent fast, nur Dinge
tue, die ich gern mache, insofern bin ich der letzte der sich über den Job Schriftsteller
beklagen würde.
Manchmal denke ich auch, ach es wird einem so viel – man muss es doch gar nicht
machen, warum sollte man irgendwie die ganze Zeit an irgendwelchen
Schreiberkarrieren arbeiten.
Man fragt sich immer: wie wäre was anderes, und immer wenn man in andere
Karrieren reinschaut, ist man ganz froh, dass es nicht so ist. Ich glaube ich könnte
schon in einigen Bereichen mich einbringen, mich auch produktiv einbringen, also sei
es jetzt in Redaktionen oder auch theoretisch im Lektoratsbereich, theoretisch, also
das wäre jetzt das naheliegende,
Glaubst du, dass du interessantere Gedanken hast als andere?
Nein, ich weiß es nicht. Aber das ist ja schon ein eitles Motiv.
Ich glaube, dass es glücklich macht.
Hm, glücklich nicht. Es gehört dazu wahrscheinlich.
Was macht denn dann glücklich?
Im Leben allgemein? Ja, frag mich doch nicht. Ich bin da der letzte Experte.
Aber du machst ja ständig irgendwas. Also es muss ja einen Grund haben, warum du
was machst.
Das wirkt auch nur so von außen... also – Um wahrscheinlich diesen Mangel weiter
fortzuführen und irgendwie zu verschieben. und den Mangel von der einen Stelle an
die andere zu rücken. Oder um beschäftigt zu sein einfach.
- und Schönheit. Schönheit macht auch glücklich. Und wenn du selbst verantwortlich
bist für Schönheit, also Schönheit auch in der Hässlichkeit, also irgendwas ist
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gelungen, dann macht das glaube ich zufrieden, erst mal, für 5 Minuten, und dann
muss es weitergehen und
- ja, ich wurde von dem Autor gefragt, ob er mich Unternehmersohn nennen darf, ich
war zu dem Zeitpunkt gerade mit meiner Mutter und fragte meine Mutter: bin ich
eigentlich ein Unternehmersohn? und da meinte sie: auf keinen Fall, wir sind beide
angestellt, dein Großvater war Unternehmer, aber dann habe ich selbst überlegt, ja
gut, was könnte man denn sagen, ja mein Vater ist halt Manager gewesen. Und dann
habe ich das ihm vorgeschlagen. Unternehmerenkel oder Managersohn. Ich wusste
nicht genau, was er vorhatte, aber mit dem Text, aber dann hat er gesagt:
„Managersohn, besser geht’s ja gar nicht.“ Und hat das dann benutzt.
Sprecherin:
Leif Randt spricht hier über eine Debatte, die Anfang 2014 ein Artikel von Florian
Kessler in der „Welt“ ausgelöst hat. Dabei ging es um die Frage, ob die
zeitgenössische Literatur dominiert sei von deutschen, gut situierten
Bildungsbürgern, die permanent nur um sich selber kreisen.
O-Ton 11 ff
Und du fandest das lustig?
Ich hatte nichts dagegen. Weil das ja die Wahrheit ist. Ich bin sehr auf Wahrheit
fixiert.
Fandest du diese Debatte irgendwie interessant oder weiterführend oder nützlich?
Nee, ich fand das relativ ärgerlich, in dem Sinne, ich fand den, ich fand den Text
ganz fand ich unterhaltsam, das war ein lustig geschriebener Text, und das
grundsätzliche Unbehagen, was in dem Text drinsteckte, nämlich so die soziale
Undurchlässigkeit insgesamt vielleicht in mitteleuropäischen Gesellschaften, wenn
man es so größer aufziehen wollte, Unbehagen dem gegenüber fand ich
nachvollziehbar und auch interessantes Thema, aber das fand ich als eine
Reproduzierung von Klischees und total unproduktiv, weil es ja auch definitiv dann
nicht um Texte ging und nicht genau hinschaute und Dinge so komisch aus so ner
sozialdemokratischen Gutmenschentum heraus irgendwie abtut und dann, überhaupt
41
diese Schreibschuldebatte wieder aufzugreifen, nachdem sie wirklich jahrelang
verschwunden war.
Sprecher:
Frage Nummer neun
Sprecherin:
Wenn der Schriftsteller morgen aufwachen würde und es gäbe keinen einzigen
Menschen mehr auf der Welt – würde er dann trotzdem weiterschreiben?
O-Ton 11 ff
Ja, wahrscheinlich. Aber wahrscheinlich dann, um ja, nicht wieder verrückt zu
werden. Um das festzuhalten, von dieser erstaunlichen Erfahrung, die ich dann hätte.
Aber die würde ja nie jemand lesen.
Ja, aber ich vielleicht irgendwann.
Echt?
Und es gibt dann doch einen Schaffenstrieb.
Ohne dass ich aus ner tatsächlcih reichen Familie komme – eher so upper middle
class - musste ich noch nie in meinem Leben über Geld nachdenken. Ich kriege halt
immer noch von meiner Großmutter jeden Monat ein Taschengeld überwiesen und
solche Sachen, jetzt mit 30, und bin quasi, hab gar kein Verhältnis zu Geld, und aber
hab nur ideel so den Anspruch, dass ich gerne, von dem was ich einnehme auch
jene Unterstützung leben könnte, und das habe ich seit ein paar Jahren eigentlich
erreicht, weil ich auch nicht so hohe Ausgaben habe. Ich habe eine relativ günstige
Wohnung und gebe auch wirklich nicht so viel Geld aus im Monat. Ich glaube bei
Thomas Melle ist es was anderes, weil der ja acht Jahre älter ist, und schon länger in
so nem, der hat da wahrscheinlich schon ein realistischeres Verhältnis zu, wie man
sich dann langfristig als Autor finanzieren kann und muss und wie das überhaupt
möglich sein soll.
42
Der schreibt schon an seinem nächsten Buch.
Genau, weil er wahrscheinlich schon sofort schon wieder einen Buchvertrag machen
wollte, und so, was aber für mich ein bisschen, das ist eine Situation, in die ich nicht
hineingeraten will,
Ich meine ich habe vorhin im Zug in der Regionalbahn habe ich Musik gehört und
habe rausgeschaut, und ich dachte, eigentlich – ein ziemlich großer Misserfolg wäre
eigentlich sehr interessant, dann könnte das, wäre ich selbst gespannt wie ich damit
umgehen würde im Sinne, welche Entscheidungen ich treffen würde, und ich gehe
davon aus, dass es dann dazu führen würde, dass ich ein neues Buch schreiben
würde, das sehr interessant wird.
Es haben ja jetzt sozusagen Experten schon kennen dies erste Drittel oder die ersten
40 Prozent, und die Rückmeldungen geben mir so ein gewisses Vertrauen in das
Projekt, das ich aber schon vorher auch schon hatte, nur das steigert das auch. Ich
bin mir nicht sicher, ob ich das Potential des Buchs ganz ausschöpfen werde bis
Ende des Jahres, ist jetzt schon ein bisschen enger Zeitplan, aber ich wäre auch
nicht sicher, ob ich es ausschöpfen würde, wenn ich jetzt 1,5 Jahre Zeit haben
würde.
Aber wieso musst du denn diesen Zeitrahmen einhalten?
Weil ich es gerne im Frühjahr rausbringen würde weil es einfach im
Verlagsprogramm dann viel besser passt. Im Herbst habe ich im Programm interne
Konkurrenz sehr stark und das würde voll was verschenken. Und ein Jahr später,
dann ist es mir zu weit weg. Und letztlich ist Zeitdruck eigentlich ganz produktiv, also
das hat mir eigentlich immer geholfen.
Sprecher:
Berühmte Romanschlüsse
Zitator:
Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam hin und her,
und Briest sagte ruhig: Ach, Luise, lass . . . das ist ein zu weites Feld.»
43
Sprecher:
aus:
Sprecherin:
Effi Briest
Sprecher:
von:
Sprecherin:
Theodor Fontane
Zitator:
Der Alte folgte der Leiche und die Söhne, Albert vermocht’s nicht. Man fürchtet für
Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.
Sprecher:
aus:
Sprecherin:
Die Leiden des jungen Werthers
Sprecher:
von
Sprecherin:
Johann Wolfgang von Goethe
Musik: Rihanna feat. Theophilus London - Jump (Club Cheval Remix)
44
Zitator:
Zumindest ist es die Annahme eines Einverständnisses, auch wenn es vielleicht nur
eine Frage der Zeit ist, bis dieses brüchig wird. Doch wenn ich Carla Zwei’s sachlichkühles Profil betrachte, dann habe ich gegenwärtig das Gefühl, dass wir uns
eigentlich vor nichts zu fürchten brauchen. Wir spazieren über einen stabilen Strand,
es ist ein dunstiger Nachmittag, und bald wird es Abend.
Sprecherin:
aus:
Sprecher:
Schimmernder Dunst über Coby County
Sprecherin:
von Leif Randt
Zitator:
Sie stehen auf und verlassen den Kinosaal. Draußen weht frische Luft. Sie gehen
weiter und verlieren sich in einer Straße. Aber es war schön, oder? - Ja, sagen Sie.
Ja. - Und das war es auch schon.
Sprecherin:
aus:
Sprecher:
Sickster
Sprecherin:
von Thomas Melle
45
ABSAGE
Musik
Das verdammte nächste Buch
Ausflüge mit den Schriftstellern Thomas Melle und Leif Randt
Ein Feature von Tina Klopp
Es sprachen:
Ton und Technik:
Regie:
Redaktion: Walter Filz
Produktion: Südwestrundfunk 2014
Musik Pink: Try
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Seele and Geist
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