close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Frankfurter Allgemeine Zeitung (10.01.2015) - Die Onleihe

EinbettenHerunterladen
He
ut
e
Z E I T U NG F Ü R D E U T S C H LA N D
Samstag, 10. Januar 2015 · Nr. 8 / 2 D 2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Islamistische Terroristen in Frankreich getötet
Sanktionen statt Lyrik
Von Jasper von Altenbockum
Polizei beendet Geiselnahmen / Mehrere Geiseln tot, einige schwer verletzt / Solidaritätsbekundungen
urch die islamistischen Attentate,
die Frankreich und andere LänD
der schon erlebt haben, zieht sich ein
F.A.Z. PARIS, 9. Januar. Die Islamisten,
die das Attentat auf die Satirezeitschrift
„Charlie Hebdo“ verübt haben, sind tot.
Die Brüder Chérif und Saïd Kouachi wurden beim Zugriff der Polizei auf eine Druckerei in Dammartin-en-Goële am Abend
im Nordosten von Paris getötet. Dort hatten sich die Attentäter, nach denen seit
Mittwoch gefahndet wurde, am Freitagvormittag verschanzt und eine Geisel in
ihre Gewalt gebracht. Die Geisel, so hieß
es am Abend in Ermittlerkreisen, sei frei
und unversehrt. Nach dem Zugriff der
Einsatzkräfte, die sich den Weg in das Gebäude freigesprengt hatten, waren die
Brüder Kouachi einem Bericht der Agentur AFP zufolge aus der Druckerei gerannt, wobei sie Schüsse abgaben. Dann
seien sie erschossen worden. Seit dem
Vormittag hatten Einsatzkräfte die ganze
Gegend abgeriegelt und umstellt.
Auch die zweite Geiselnahme am Freitag endete Medienberichten zufolge mit
dem Tod des Angreifers, der mit den Brüdern Kouachi in Verbindung gestanden haben soll und möglicherweise ihr Komplize
war. Er hatte um die Mittagszeit ein jüdisches Lebensmittelgeschäft an der Porte
de Vincennes in Paris überfallen und mehrere Geiseln genommen, unter ihnen auch
Kinder. Einige der Geiseln konnten befreit werden. Vier Geiseln wurden nach
Agenturmeldungen, die sich auf Polizeikreise stützten, getötet, vier weitere
schwer verletzt. Der Geiselnehmer soll
am Vortag im Montrouge im Süden von Paris eine Polizistin erschossen und einen
Menschen schwer verletzt haben.
Die rechtsextreme französische Partei
Front National (FN) bleibt derweil von
dem Gedenkmarsch für die Opfer des Anschlags auf „Charlie Hebdo“ am Sonntag
ausgeschlossen. Die Parteivorsitzende
Marine Le Pen teilte am Freitag mit, sie
habe bei einem Treffen mit Staatspräsident François Hollande „keine klare Aufhebung eines Verbots“ erwirken können.
Sie bedauere dies, fügte sie hinzu und
warf Hollandes Sozialisten und der Zentrumspartei UDI „Sektierertum“ vor. Beide würden sich gegen eine Einladung des
FN zu dem „Republikanischen Marsch“
stellen. Zu dem Gedenkmarsch werden
am Sonntagnachmittag Hunderttausende
in Paris erwartet. Neben den meisten Parteien und Gewerkschaften haben auch
Menschenrechtsorganisationen zur Teilnahme aufgerufen. Auch wenn der FN
nicht offiziell eingeladen ist, unter ihrem
Parteibanner mitzumarschieren, können
ihre Mitglieder an dem Marsch teilnehmen. „Alle Bürger können zu Demonstra-
tionen kommen“, sagte Hollande nach
dem Treffen mit Le Pen. „Es ist ihre Entscheidung.“
Auch in Deutschland wurde über weitere Solidaritätskundgebungen diskutiert.
Als Reaktion auf den Anschlag schlug der
SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel vor, parteiübergreifend ein Signal zu setzen. Er
rief in einem Schreiben an alle im Bundestag vertretenen Parteien und die FDP zu
einer Solidaritätskundgebung auf. „Der
perfide Plan von Terroristen, einen Keil
in unsere Gesellschaft zu treiben, darf
nicht aufgehen. Genauso wenig wie der
Versuch, diese grausamen Taten nun als
Bestätigung von Ressentiments etwa gegenüber Flüchtlingen oder gegenüber dem
Islam zu missbrauchen“, heißt es in dem
Schreiben. Aufgrund der zunächst zurückhaltenden Reaktion in der Union, welche
offenbar damit zusammenhing, dass Gabriel seinen Vorstoß öffentlich machte,
Heute
Maizière: Wir haben bereits ein Einwanderungsgesetz
Sie hat einen Film gedreht, den
sogar der Papst sehen wollte: Ein
Treffen mit der berühmtesten
Frau der Welt. Feuilleton, Seite 10
Sylter Glamour
Wenn die Bürger der Inselgemeinde ihren Bürgermeister bestimmen, hat die frühere Landrätin
Pauli gute Chancen. Politik, Seite 5
Besser essen, besser leben
Die totale Vernetzung kann praktisch sein – und ist nicht nur Vision. Viele der neuen Geräte gibt es
schon zu kaufen. Wirtschaft, Seite 20
Snooker-Star gesucht
Die Queue-Künstler begeistern
im Fernsehen Millionen.
Was hierzulande noch fehlt, ist ein
deutscher Profi. Sport, Seite 36
Unter Verdacht
Wenn ein Arbeitgeber Mitarbeitern nicht mehr vertraut, engagiert
er vielleicht einen Detektiv. Was
darf der? Beruf und Chance, Seite C 1
Briefe an die Herausgeber
roter Faden: Meist sind die Attentäter
Polizei, Staatsschutz und Justiz bestens bekannt. Es waren nicht „Schläfer“ wie die Attentäter vom 11. September, die so taten, als seien sie brave Studenten; es waren auch nicht Wirrköpfe, die über Nacht ihren Attentatsplan
aushecken und sofort zur Tat schreiten. In Frankreich schlugen (mindestens) zwei Verbrecher zu, von denen einer im Jemen eine „Ausbildung“ erhielt, der andere sich im Gefängnis radikalisierte; beide waren im SchengenRaum zur verdeckten Beobachtung
ausgeschrieben. Noch ist nicht sicher,
ob sie vom Terrorregime „Islamischer
Staat“ geschickt wurden. Aber den Innenministern der EU, die sich am
Sonntag in Paris treffen, um über die
Terrorbekämpfung zu beraten, wird
auch ohne diese letzten Gewissheiten
klar sein, dass mehr von ihnen erwartet wird als die Beteuerung, man könne bekannte Dschihadisten eben nicht
rund um die Uhr überwachen.
Die Not der Sicherheitsorgane rührt
daher, dass Polizei und Staatsanwälte
Seite 23
4<BUACUQ=eacfah>:r;V;V;l;n
F. A. Z. im Internet: faz.net
ohnehin schon überlastet sind und der
Rechtsstaat der Gefahrenabwehr enge
Grenzen setzt. Schon im „Krieg gegen
den Terror“ Al Qaidas war das größte
Problem, dass Dschihadisten nicht einfach zu Kombattanten erklärt und inhaftiert werden konnten. Verletzungen, die dem Rechtsstaat infolgedessen durch Guantánamo und Folter zugefügt wurden, sollten sich nicht noch
einmal wiederholen.
Aber ist wirklich schon genug geschehen, um die Möglichkeiten der
Strafverfolgung auszuschöpfen? Die
Vorratsdatenspeicherung – es gibt sie
in Frankreich – hat Attentate nicht verhindert. Dazu ist sie auch nicht gedacht; sie ist ein Fahndungsmittel,
kein Werkzeug der Prävention. Vorschläge, sie doch endlich auch in
Deutschland einzuführen, wurden
jetzt sogleich von bekannter Seite niedergebügelt. Es ist dieselbe Seite, die
stets nur sozialpädagogische Lyrik bereithält, um zur Prävention und Gefahrenabwehr beizutragen. Sozialpädagogische Sanktionen wären vielleicht
schon besser. So aber bleibt den Innenministern nichts, als den Bürgern zu
erklären, dass Hass, Hetze und islamistischer Tourismus nur in Ausnahmefällen zu mehr führen können als zu
sogenannter Beobachtung. Auf den
„Islamischen Staat“ und seine Sympathisanten wirken sie damit sicherlich
nicht wie wehrhafte Demokraten.
Die flexible Weltreligion
Von Rainer Hermann
Befreit: Einsatzkräfte führen einige der Geiseln aus dem Pariser Supermarkt von Porte de Vincennes.
sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann, die Sache müsse noch in
der Koalition besprochen werden. Der
Zentralrat der Muslime in Deutschland
(ZMD) rief derweil für Montag zu Mahnwachen gegen Gewalt und für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland auf. Mit
den anderen islamischen Religionsgemeinschaften sei eine solche Veranstaltung am
Brandenburger Tor geplant, teilte der
ZMD am Freitag in Köln mit.
Auf Einladung der französischen Regierung werden am Sonntag die Innenminister mehrerer europäischer Länder, unter
ihnen auch Bundesinnenminister Thomas
de Maizière (CDU), mit dem amerikanischen Justizminister Eric Holder über eine
wirksamere Terrorismusbekämpfung beraten. In Brüssel hieß es, weitreichende Entscheidungen seien von dem Treffen, an
dem auch EU-Innenkommissar Dimitris
Avramopoulos teilnehmen soll, nicht zu
Foto AFP
erwarten. Themen sind insbesondere die
Rolle des Internets bei der Anwerbung
von fundamentalistischen Kämpfern, die
Terrorismusfinanzierung, ein verbesserter internationaler Informationsaustausch
sowie die Erfassung und Auswertung von
Fluggastdaten.
Aus Sicherheitsbedenken entschied die
durch ihre Mohammed-Karikaturen bekanntgewordene dänische Zeitung „Jyllands-Posten“, keine „Charlie Hebdo“Karikaturen zu drucken. „Seit neun
Jahren leben wir mit der Angst vor einem
Terrorangriff“, hieß es in einem Kommentar. Deswegen werde man keine eigenen
Karikaturen oder solche der französischen Zeitschrift drucken. „Das zeigt, dass
Gewalt wirkt“, räumte die Redaktion ein.
„Wir sind uns auch bewusst, dass wir uns
damit der Gewalt und Einschüchterung
beugen.“ (Siehe Seiten 2, 3, 4 und 10 sowie
Feuilleton, Seite 11.)
Koalition diskutiert über Tauber-Vorstoß / SPD: Regelung noch in dieser Wahlperiode
Ausgerechnet
Angelina
2,50 € D 2954 A
elo./sat. BERLIN, 9. Januar. Trotz prominenten Widerstands aus den eigenen Reihen ist es CDU-Generalsekretär Peter Tauber gelungen, in der Koalition eine Diskussion über ein Einwanderungsgesetz anzustoßen. Vor allem vom Wirtschaftsflügel
der CDU und vom Koalitionspartner SPD
bekommt er Zustimmung. Allerdings
nimmt auch die Ablehnung zu. Nachdem
der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer den
Vorschlag Taubers schon zurückgewiesen
hatte, bekräftigte Bundesinnenminister
Thomas de Maizière (CDU) seine kritische Haltung. „Ich sage nicht, ich lehne
ein Einwanderungsgesetz ab, sondern ich
sage, wir haben es bereits“, äußerte er bei
der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe des Bundestages in Wildbad Kreuth.
Ein Sprecher des Innenministeriums
sagte am Freitag, de Maizière und Tauber
würden bei der CDU-Klausur in Hamburg am Wochenende Gelegenheit haben, über das Thema zu sprechen. Offenbar hat Tauber seinen Vorschlag allerdings weder mit de Maizière abgespro-
chen noch mit der CDU-Vorsitzenden
und Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Von dieser ist bekannt, dass sie Einwanderungsregelungen etwa mit Hilfe von Punktesystemen oder der Festlegung von Quoten kritisch gegenübersteht. Tauber hat
seine Vorstellungen noch nicht detailliert
ausgearbeitet. Er fordert, dass gesetzlich
geregelt werde, welche Einwanderung
Deutschland brauche, „welche Fähigkeiten, welche Bildung und welche Bereitschaft, sich für unser Land einzusetzen“,
Einwanderer haben müssten.
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann sagte nach einer Klausurtagung in Berlin, seine Fraktion habe
sich „im Grundsatz für ein neues Einwanderungsgesetz entschieden“. Ziel sei ein
Gesetz noch in der bis 2017 laufenden Legislaturperiode. Es gehe um eine Grundlage, um weltweit um qualifizierte Einwanderer zu werben. Dabei sei es wichtig
zu bestimmen, wie viele von ihnen gebraucht würden. In den nächsten Jahren
würden Hunderttausende Erwerbstätige
mehr aus dem Erwerbsleben ausscheiden, als neue inländische Arbeitskräfte
hinzukämen. Der stellvertretende SPDFraktionsvorsitzende Hubertus Heil verwies darauf, dass die große Koalition
nicht „bei null“ anfangen müsse. Grundlage könnten die Vorschläge der sogenannten Süssmuth-Kommission aus der Zeit
der rot-grünen Koalition sein, deren Datengrundlage aktualisiert werden müsse,
sagte er dieser Zeitung. Auch Oppermann erinnerte an das „Punktesystem“
der Kommission, sagte aber, denkbar seien auch andere Optionen.
Der Vorsitzende des Innenausschusses
des Bundestages, Wolfgang Bosbach
(CDU), zeigte sich indes überrascht von
Taubers Vorstoß. Dieser erwecke den Eindruck, als gebe es keine rechtliche Regelung, sagte er dieser Zeitung. Er wies darauf hin, dass im Aufenthaltsgesetz genau
festgeschrieben sei, wer sich unter welchen Umständen in Deutschland aufhalten dürfe. (Siehe Seite 4; Kommentar
Seite 10.)
Keine Einstellung
im Fall Edathy
Sri Lankas langjähriger
Präsident abgewählt
Deutsche Autohersteller
erzielen Rekordabsätze
bin. HANNOVER, 9. Januar. Das Strafverfahren gegen den früheren Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy (SPD) wegen des Besitzes kinderpornographischer
Schriften wird nicht gegen eine Geldauflage eingestellt. Wie das Landgericht Verden am Freitag mitteilte, hat die Staatsanwaltschaft Hannover einer Einstellung
nicht zugestimmt. Die Staatsanwaltschaft
begründete ihre Ablehnung damit, dass
sich die Situation seit Anklageerhebung
nicht geändert habe. Edathy hatte bei seinem Auftritt vor der Bundespressekonferenz im Dezember geäußert, das Gericht
habe eine Einstellung des Verfahrens vorgeschlagen. Das Landgericht hatte dem
widersprochen. Es sei Edathy selbst gewesen, der diesen Wunsch geäußert habe.
boe. FRANKFURT, 9. Januar. In Sri Lanka
hat der Kandidat der Opposition, Maithripala Sirisena, die Präsidentenwahl gewonnen. Am Freitag wurde er als neuer Staatschef vereidigt. Anschließend sagte Sirisena, er wolle die „Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft verbessern“. Der
bisherige Amtsinhaber Mahinda Rajapaksa, der zehn Jahre lang regiert hatte, hatte
internationale Bemühungen um eine Aufarbeitung von Kriegsverbrechen in Sri Lanka blockiert und das Land damit international isoliert. Am Freitag gestand er umgehend seine Niederlage ein und sicherte einen friedlichen Machtwechsel zu. Bei der
Wahl am Donnerstag erzielte Sirisena
51,3 Prozent der Stimmen. Rajapaksa kam
auf 47,6 Prozent. (Siehe Seite 7.)
hap. FRANKFURT, 9. Januar. Die deutschen Autohersteller haben im vergangenen Jahr Rekordabsätze erzielt. Der
Wolfsburger Volkswagen-Konzern schaffte es 2014 als erster Produzent, mehr als
zehn Millionen Fahrzeuge in einem Jahr
zu verkaufen. Auch BMW, MercedesBenz und Audi meldeten Höchststände.
Besonders gefragt bei den Kunden in aller Welt sind Geländewagen für die Straße. Auch Luxuslimousinen finden viele
Käufer. Vor Beginn der Branchenmesse
in Detroit warnt Automobilverbandspräsident Wissmann in dieser Zeitung jedoch,
dass falsche Weichenstellungen durch die
Politik die Zukunft des Automobilstandorts Deutschland gefährden. (Siehe Wirtschaft, Seiten 19 und 25.)
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH; Abonnenten-Service: 0180 - 2 34 46 77 (6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz, aus Mobilfunknetzen max. 42 Cent pro Minute). Briefe an die Herausgeber: leserbriefe@faz.de
Belgien 3,40 € / Dänemark 27 dkr / Frankreich, Griechenland 3,40 € / Großbritannien 3,00 £ / Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande 3,40 € / Österreich 3,40 € / Portugal (Cont.) 3,40 € / Schweiz 5,00 sfrs / Slowenien 3,40 € / Spanien, Kanaren 3,40 € / Ungarn 910 Ft
ann ein Muslim seine Religion
praktizieren und trotzdem moK
dern sein? Kann er sich in die Zeitläufte einfügen und dennoch Muslim bleiben? Die Antworten darauf fallen verschieden aus: Die Attentäter von Paris
verweigern sich unserer Moderne und
wurden zu Terroristen; die meisten
Muslime, zumal im Westen, fügen sich
aber in diese Moderne ein, sind Bürger geworden und verabscheuen den
Terror – wie alle anderen auch.
Die Muslime leben längst nicht
mehr in einer Welt, die allein vom
Islam geprägt ist. Die westliche Moderne ist auf allen Ebenen in ihr Leben
eingedrungen. Was der christliche
Westen schon hinter sich hat, erfasst
die islamische Welt. Hatte etwa die katholische Kirche aus eigener Einsicht
ihren Frieden mit der säkularisierten
Welt geschlossen? Das hat sie nicht.
Lange waren die Theologen dazu
nicht bereit; dann folgten (und folgen)
sie notgedrungen dem veränderten
Verhalten ihrer Gläubigen in einer säkularisierten Welt.
Nicht anders ist es heute bei den
Muslimen. Die meisten von ihnen suchen einen Islam, der ihrer Lebenswirklichkeit entspricht. Allein auf die
mit der Schrift lebenden Theologen
zu zeigen, die sich dieser Moderne
(noch) widersetzen, verstellt den
Blick auf die Wirklichkeit; sie ist viel
lebendiger als die Schriftlichkeit.
Hat die Reformation, die wir vom Islam einfordern, in der christlichen Kirche wirklich einen toleranten Umgang miteinander gebracht? Das hat
sie nicht. Calvin und Zwingli waren
keine liberalen Reformer. In Calvins
Genf waren Theater, Gesellschaftsspiele, Tabakgenuss und Alkohol verboten. Erst die Söhne der Reformatoren wurden aufgeklärte, weltoffene
und liberal denkende Bürger. Die neuen Händler, in den Niederlanden
etwa, sprengten die Ketten dieses Puritanismus.
Auch das wiederholt sich heute unter den Muslimen. Die Terroristen im
Namen des Islams streben nach dem
Paradies von morgen, die modernen
Muslime aber wollen den Wohlstand
heute – und das Paradies dann später.
Das eine ist der fanatische DschihadIslam, das andere ein gemäßigter Business-Islam. Für den stehen zwei Beispiele: die türkische AKP, deren Basis
das prosperierende anatolische Unternehmertum ist, und Dubai, wo nicht
der Islam radikal ist, sondern der Kapitalismus.
Es ist kein Widerspruch, wenn die
islamische Welt auf der Ebene des Einzelnen eine Säkularisierung durchläuft und sie gleichzeitig eine Rückbesinnung auf den Islam erfährt. Denn
in dieser neuen, säkularisierten Moderne soll der Islam die kulturelle
Identität des Einzelnen schützen, mit
der dieser dann am Fortschritt teilhaben kann. Der Islam ist für diese Muslime nicht mehr ein abstrakter theologischer Diskurs, sondern eine emotiona-
le Religiosität, die ihnen Orientierung
gibt. Sie praktizieren dabei einen Islam, den sie den Bedürfnissen der säkularisierten Welt anpassen. Vor die
Wahl gestellt, ob sie in das glitzernde
Dubai ziehen wollten oder in den
schwarz beflaggten „Islamischen
Staat“, würden sich die allermeisten
für den Wohlstand entscheiden und
für die globalisierte Moderne; Zehntausende aber auch für den Terror.
Dass der Islam in einer tiefen Krise
steckt, ist offenkundig. Im Namen des
Islams terrorisieren Dschihadisten
vor allem die gemäßigten Muslime,
als
Antiglobalisierungsbewegung
auch die Welt. Von diesen Extremen,
die der Islam heute zeigt, darf aber
nicht auf dessen Mitte geschlossen
werden – so wie von seinen Ketzern
Prozesse, die der Westen
schon hinter sich hat,
erfassen die islamische
Welt und verändern sie.
und Fanatikern auch nicht auf die Mitte des Christentums geschlossen werden kann. Die Muslime haben eine solche Mitte, haben einen gemäßigten,
zeitgemäßen Islam hervorgebracht,
der gerne mit dem Wort „Wasatiya“
bezeichnet wird. In dem Wort steckt
ebendieser Begriff der „Mitte“. Damit
gemeint ist nicht ein statischer Mittelpunkt, sondern ein flexibles Verhalten, das äußere Einflüsse, die man
nicht beeinflussen kann, integriert.
Es ist kein Zufall, dass die Protagonisten dieses Islams überwiegend Unternehmer, Händler und Selbständige
sind – wie es auch Mohammed war
und später jene waren, die die strengen puritanischen Mahner der Reformation überwanden. Denn jeder Unternehmer geht ein Risiko ein und
weiß so im Angesicht der Unsicherheit Gott an seiner Seite.
Der Islam regelt zwar den Tagesablauf eines Muslims oft bis in die kleinsten Einzelheiten. Wer diesen Regeln
folge, tue dies als Zeichen der „Gottgefälligkeit“, heißt es. Er ist aber frei, es
zu tun, wie es die Umstände von Ort
und Zeit erlauben. Denn im Islam ist
alles außer dem Glaubensbekenntnis
relativ, kann also angepasst werden.
Die modernen Muslime, die so verfahren, leiten ihre Flexibilität aus den
Quellen des Islams ab, dem Koran,
den Aussprüchen Mohammeds und
der Tradition der islamischen Rechtsprechung. In der Moderne schien diese Flexibilität zunächst verlorengegangen. Dass der Islam sie mit seinem Regelwerk ermöglicht, hat zwei Gründe:
Er kennt keine Hierarchie, die etwas
verbindlich vorschreiben kann, und
das theologische Gerüst fordert geradezu zu einem Anpassen an Raum
und Zeit auf. Wäre das nicht so, der
Islam hätte nie eine Weltreligion werden können.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
37
Dateigröße
309 KB
Tags
1/--Seiten
melden