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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (11.01.2015) - Die Onleihe

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NR. 2 R
D3499C
11.1.2015
HER A U S GEGEB EN VON W ER NER D’ INK A , JÜRG EN KAUBE, B ER T H O LD KO H LER , H O LG ER ST ELT ZN ER
Und schon keimt
der Glaube
an ein Komplott
Nach dem Anschlag von Paris wittern deutsche
Muslime eine Verschwörung gegen den Islam
F.A.S. Berlin/Frankfurt. Während muslimische Verbände in
Deutschland den Terror von Paris
verurteilen, verbreiten sich unter
deutschen Muslimen Verschwörungstheorien zum Tathergang
und den Tätern. Demnach sollen
nicht Islamisten für den Anschlag
auf das Satiremagazin „Charlie
Hebdo“ verantwortlich sein, sondern ausländische Geheimdienste
und „Zionisten“. Über ihre Motive
gibt es unterschiedliche Vermutungen: zum Beispiel, dass der Islam in
ein schlechtes Licht gerückt werden solle oder dass Frankreich mit
den Morden dafür bestraft werden
sollte, dass das Parlament im
Dezember dafür gestimmt habe,
Palästina als Staat anzuerkennen.
Schon am Tag des Attentats auf
„Charlie Hebdo“ wurden im Internet vermeintliche Beweise dafür gesammelt, dass es sich nicht um islamistische Täter handeln könne.
Diskutiert werden sie seitdem in sozialen Netzwerken, aber auch zu
Hause und auf der Straße. Wir haben versucht, den Theorien nachzugehen, und mit Muslimen in Berlin
darüber gesprochen.
Unter den dreißig Befragten
sind Friseure und Taxifahrer, Studenten und Sozialarbeiter, Junge
und Alte, Männer und Frauen.
Alle sind entsetzt über die Morde
in Paris. Aber fast keiner ist der
Überzeugung, dass sich Glaubensbrüder aus freiem Willen daran beteiligt haben oder gar dafür verantwortlich sind. Alle kennen die Verschwörungstheorien und reden offen darüber, was daran stimmen
könnte. In einem Kopierladen im
Stadtteil Wedding erzählt der
Kumpel des Verkäufers, um die
dreißig, schlank, in Jeans und Pullover, dass er sich im Internet alte
Videos von den beiden Brüdern angeguckt habe, die das Attentat auf
„Charlie Hebdo“ verübt haben:
„Voll auf Drogen. Das hat nichts
mit Islam zu tun. Das hat kein
Muslim geplant, das kann kein
Muslim geplant haben. So was
macht kein Muslim.“ Wer dann?
„Der Westen, die ganzen Geheimdienste, die etwas davon haben.“
Diese Antwort kommt von vielen. Sie meinen zumeist die amerikanischen, französischen und israelischen Geheimdienste. Ein Kreuzberger Friseur sagt: „Die Zionisten
wollen uns Muslime spalten.“ Ein
gemütlicher Palästinenser um die
fünfzig, mit Wollweste und grauen
Stoppelhaaren, sitzt hinter der Kasse in einem An- und Verkauf für
Handys. „Kann sein, dass die Brüder gesteuert wurden“, sagt er.
„Das französische Parlament hat
Palästina als Staat anerkannt. Ich
behaupte, der Mossad ist nicht
weit weg von diesen Taten.“ Es gefalle den Israelis nicht, dass die Palästinenser nach 65 Jahren endlich
anerkannt würden. „Irgendjemand
versucht, diese Beziehung zu vergiften.“ Die Mohammed-Karikaturen hätten mit dem Anschlag
nichts zu tun. „Seit Jahren werden
Karikaturen gemacht. Soll uns
doch der französische Geheimdienst sagen, was passiert ist.“
Aber in ein paar Wochen, sagt der
Palästinenser, würden die Leute
auch diese Tat vergessen. „Erinnern Sie sich an den Tod von Möllemann? Wer hat ihm seinen Fallschirm sabotiert?“
Sabotage wittern Verschwörungstheoretiker auch bei den Pariser
Morden und der Berichterstattung
der Medien darüber. Sie vergleichen etwa zwei Fotos, die denselben Fluchtwagen der Attentäter zeigen sollen, und verweisen darauf,
dass die Außenspiegel auf dem einen Bild weiß aussähen, auf dem anderen dunkel. Daraus werden diverse Schlüsse gezogen: etwa, dass es
mehr Autos als behauptet gegeben
habe oder dass die Fotos gefälscht
seien. Der Berichterstattung im
deutschen Fernsehen, im Rundfunk und in Zeitungen können die
Anhänger dieser Theorien nicht
mehr glauben. Sie sind sicher, dass
die Journalisten Verbündete der
wahren Täter sind oder dass sie
von ihnen manipuliert werden.
Viele Muslime nutzen als Quelle
ihrer Theorien auch deutsche Verschwörungstheoretiker wie Christoph Hörstel, der auf seiner Facebook-Seite gegen die „Medienmafia“ austeilt und mit Blick auf Paris
mutmaßt, das Attentat könne eine
Geheimdienstaktion sein: „Wenn
ich rachedurstiger, terrorbereiter
Muslim wäre, ich würde nicht ein
paar Schreiberlinge einer linken
Minipostille attackieren, sondern
ein Ziel, das mir ,Ehre‘ einbringt:
Politiker, Militärs.“
Ihn macht die Tatsache misstrauisch, dass einer der Attentäter seinen Ausweis im Fluchtwagen liegen ließ. Auch ein Mann mit arabischen Wurzeln, den wir in einem
Spielcafé treffen, hält das für einen
Hinweis auf die wahren Täter.
„Die Juden und Amerikaner machen das, um den Islam in den
Dreck zu ziehen. Welcher Terrorist
fährt mit seinem eigenen Auto zum
Anschlag und lässt auch noch seinen Ausweis im Auto?“ Damit solle
gezeigt werden: Ein Muslim hat
das getan. „Es geht nur um Profit.
Amerika macht im Jahr acht Milliarden oder 80 Milliarden nur durch
Krieg. Die brauchen den Krieg.“
Er hält es auch für möglich, dass
Usama Bin Ladin jetzt für die Amerikaner arbeitet. Saddam Hussein
sei live im Fernsehen erhängt worden, aber von dem toten Bin Ladin
gebe es kein einziges Foto.
Wieder andere vermuten, der
französische Geheimdienst wolle
den „Front National“ an die
Macht bringen und zu diesem
Zweck Hass auf Muslime provozieren. Dass „Islamhasser“ hinter
dem Anschlag stecken, vermutet
auch ein Mann Ende dreißig mit
langem Bart und ruhiger Stimme.
Seine Eltern sind Palästinenser, seine Frau ist Deutsche. Der Mann
verkauft in einem Laden schwarze
Tschadors, Parfüm und Korane.
Das Attentat in Paris: „Schrecklich. Das sind ja auch Menschen,
die Familien haben. Das hat gar
nichts mit dem Islam zu tun. Der
Koran verbietet Selbstjustiz.“ Alle
Religionen müssten respektiert
werden, den Propheten solle man
nicht beleidigen. Aber das sei kein
Grund zum Töten. Wenn es nicht
„Islamhasser“ gewesen seien, dann
ein Staat, der Frankreich schaden
wolle, weil es Palästina anerkenne.
Weitere Berichte in der Politik, im
Feuilleton und in der Wissenschaft
Illustration Hinnerk Bodendieck
Großdemonstration in Paris, Klein-Klein in Berlin
Parteien streiten über eine Kundgebung am Brandenburger Tor und Terrorkonsequenzen. Pegida will schweigen
pca. Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel will mit zahlreichen Politikern aus Deutschland und Europa
an diesem Sonntag in Paris am Gedenkmarsch für die Opfer der Terroranschläge teilnehmen. Neben
der Kanzlerin wollen auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und
Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Paris sein, wo Hunderttausende erwartet werden, um für Freiheit und gegen religiösen Fanatismus zu demonstrieren. Schon am
Samstag gingen in vielen französischen Städten insgesamt rund
700 000 Personen gegen den Terror auf die Straße.
Verschoben wurde unterdessen
eine Kundgebung in Berlin, zu der
SPD-Chef Gabriel für Montag aufgerufen und unter anderen Union,
Grüne, Linke und FDP eingeladen
hatte. Die Union war gegen den Termin: Man wolle nicht gegen den geplanten Pegida-Aufmarsch in Dresden antreten und womöglich weniger Leute mobilisieren als die AntiIslam-Demonstranten. Die SPD
wird sich nun zunächst einer Mahnwache des Zentralrats der Muslime
am Dienstag anschließen. Die Bundeskanzlerin sagte am Samstag,
man wolle mit der SPD und anderen über eine baldige Großveranstaltung sprechen. „Wenn die Parteien
zu einer Kundgebung aufrufen,
wird die Vorsitzende der CDU sicherlich nicht zu Hause sitzen“, sag-
te sie. In Dresden demonstrierten
am Samstag etwa 35 000 für Weltoffenheit und Mitmenschlichkeit.
In Paris trifft Innenminister Thomas de Maizière an diesem Sonntag
seine EU-Kollegen zu einer Sonder-
konferenz. Dabei soll über Konsequenzen aus den Ereignissen der
vergangenen Woche beraten werden. Besonders der Umgang mit
Kämpfern für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) wird da-
Wetter In den Alpen
schneit es, sonst immer
wieder Regenschauer.
Im Norden sind Gewitter und
Sturmböen möglich. Temperaturen
von vier bis acht Grad.
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Impressum 6
Leserbriefe 6
Tops&Flops 23
Fernsehen 36
Rätsel 44, 48
Herzblatt 44
bei eine Rolle spielen. Nach Einschätzung der Nachrichtendienste
sind mindestens zweitausend Militante aus Europa in Syrien oder im
Irak zur Ausbildung oder als Kämpfer. Von Rückkehrern aus dieser Gegend geht nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden Gefahr aus. In
Dinslaken wurde derweil am Samstag ein 24 Jahre alter Mann festgenommen, der sich dem IS in Syrien
angeschlossen haben soll. Hinweise
auf konkrete Anschlagspläne des
Mannes gab es nach den Angaben
des Generalbundesanwalts nicht.
Seit Hinweise auftauchten, dass
die Pariser Attentäter im Jemen und
Oman Ausbildungslager besucht haben und nach eigenen Angaben von
Al Qaida Geld und Anweisungen erhielten, mehren sich auch Fragen
zur Arbeit der Behörden. Nach Angaben aus deutschen Sicherheitskreisen waren die Attentäter Chérif und
Saïd Kouachi im polizeilichen
Schengen-Informationssystem zur
Beobachtung ausgeschrieben, nicht
aber im Datenverbund „Nadis“ der
deutschen Verfassungsschützer.
In Deutschland wurde am Samstag wieder die Vorratsdatenspeicherung gefordert. Der Vorsitzende
der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, sagte, das sei kein
„politischer Aktionismus“, sondern
dringend notwendig. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Armin
Laschet verlangte ein Wiedereinrei-
Lebensstil Steinzeit
Tanz um den Gold-Ball
Geschwister im Schatten
Krankenkassen im Check
Sich zu ernähren wie unsere
Vorfahren ist schwer angesagt.
Ist es auch gesund? Wissenschaft
Bei der Weltfußballer-Wahl
geht es längst nicht mehr nur
um Leistung. Sport
Wenn Eltern sich vor
allem um ein Kind kümmern
müssen. Rhein-Main
Viele Versicherte zahlen
hohe Beiträge. Das muss
nicht sein. Geld & Mehr
severbot für Gefährder, die aus Syrien oder dem Irak zurückkehren.
Die SPD-Innenpolitikerin Eva
Högl sagte dieser Zeitung: „Wir
müssen auf den Anschlag in Paris
klug und besonnen reagieren. Es
gibt jetzt keinen Grund für sicherheitspolitische Schnellschüsse.“
In Dresden wollen am Montag
Pegida-Anhänger der ermordeten
Journalisten von „Charlie Hebdo“
gedenken. Sie wollen dabei Mitgefühl für Leute zeigen, die sie seit
Wochen als „Lügenpresse“ niederbrüllen. Wohl aus Sorge, solche
Rufe könnten wieder ertönen, kündigten die Dresdner Veranstalter
im Internet einen Schweigemarsch
an, „bitte mit Trauerflor“.
Belgien 3,80 €; Griechenl. 4,30 €; Luxemburg 3,80 €; Niederlande
3,80 €; Österreich 3,80 €; Frankreich 4,30 €; Italien 4,30 €;
Portugal (Cont.) 4,30 €; Schweiz 5,30 sfrs; Spanien, Balearen und
Kanaren 4,30 €; Ungarn 970 Ft
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