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1 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Alles für die Hälfte Deutsche

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2
SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Alles für die Hälfte
Deutsche Rentner in Ungarn
AutorIn:
Natasa Konopitzky
Redaktion:
Karin Hutzler
Regie:
Andrea Leclerque
Sendung:
Montag, 12.01.15 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte der Sendungen SWR2 Tandem auf CD können wir Ihnen zum größten Teil
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Stück. Bestellmöglichkeiten: 07221/929-26030.
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1
MANUSKRIPT
Atmo 1a + b Golfplatz Stimmen
Autorin:
Auf der Terrasse des Golfclubs Imperial Balaton, direkt am Nordufer des Sees. Der
Balaton liegt im Westen Ungarns, er ist der größte Binnensee Europas.
20 Golfspielerinnen und Golfspieler haben sich für ein Turnier versammelt. Die
meisten von ihnen kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Atmo 02 Golfplatz Begrüßen
Geleitet wird der Club von der Österreicherin Anna Gschwendtner.
O-Ton 1 Anna Gschwendtner 00:20
Die Lage ist das Besondere hier am Balaton, die haben alle Häuser, zum Großteil
leben sie ein ganzes Jahr hier, zum Teil haben sie im Sommer hier ihre Station; sind
eher Senioren, aber wir fühlen uns sehr wohl mit ihnen, weil sie sehr nette Leute
sind.
O-Ton 2 Elvira Mühlhof 00:20
Das ist der harte Kern, hier treffen sich alle hier, hier bekommen wir die Order zum
Spielen. Das ist heute ja nur ein Pattturnier [und der Beste wird prämiert]. Ich mache
nur mit zur Belustigung. [Es gibt hinterher Weinprobe und etwas zu Essen.]
Autorin:
Im Golfclub trifft sich die deutschsprachige Community. Die 75-jährige Elvira Mühlhof
lebt seit 15 Jahren am Balaton und verbringt viele Stunden in der Woche auf dem
Golfplatz. So wie auch Elisabeth und Georg Zacher.
O-Ton 3 Georg Zacher//Elisabeth Zacher 00:28
Wir waren ja Gründungsmitglieder und haben noch nie einen Golfschläger in der
Hand gehabt. [Seit 15 Jahren jetzt.] Wir kommen vom Chiemsee, haben es auch
sehr schön, aber wir fühlen uns in Ungarn sehr wohl, sehr nett. Wir haben ein Haus
am Berg, haben Panoramablick über den See und fühlen uns hier richtig wohl.
O-Ton 4 Konstantin Becker 00:17
Ein Mitarbeiter von mir hat einen Urlaubsschein ausgestellt und ich hab‘ ihn gefragt,
wo er hin fährt. Er hat gesagt Ungarn. Ich hab‘ gefragt: Was macht er denn in
Ungarn? Er kauft sich ein Haus, um 3000 DM damals. [Da haben wir gedacht, das
machen wir auch.]
2
(Autorin:
Das Ehepaar Becker lebt die Hälfte des Jahres in München und im Sommer am
Balaton. Sie haben sich Mitte der 90er Jahre ein altes Bauernhaus gekauft und
renoviert.)
Atmo 1a + 1b Golfplatz Stimmen
O-Ton 5 Anna Gschwendtner 00:16
Meine Lieben, jetzt geht’s arbeiten los. Anpfiff! […] Deutschland gegen Österreicher,
geht schon.
Atmo Golfplatz Stimmen weg
Atmo 3 Putten drüber (dann Übergang zur Gartenatmo)
Atmo 4 Garten Elvira + Archivatmo Garten
Autorin:
Wenn Elvira Mühlhof nicht Golf spielt, arbeitet sie in ihrem Garten. Ihr Haus liegt auf
einem Berg, mit Blick auf die bewaldeten Hügel eines Naturschutzgebietes.
O-Ton 6 Elvira Mühlhof 00:03
Da diese Blechhütte, bis dorthin geht mein Grundstück.
Autorin:
3.000 Quadratmeter mit 40 Obstbäumen und einem Gemüsegarten.
O-Ton 7 Elvira Mühlhof 00:13
Ich hab noch Wein, drei Reihen Wein, zum Essen aber nur, mache keinen Wein
mehr. Früher haben wir auch Wein gemacht, aber das bisschen, was ich trinke, das
lohnt sich nicht.
Autorin:
Elvira Mühlhof kommt aus Iserlohn in Nordrhein-Westfalen. Jetzt lebt sie in dem
ungarischen Dorf Czerszegtomoj. Sie schätzt, dass hier zwei Drittel der Einwohner
Ausländer sind.
O-Ton 8 Elvira Mühlhof 00:20
Diese Reihe hier, das ist ein Deutscher. Hier oberhalb ist auch ein Deutscher. Und da
oben das Haus, [das Sie da sehen, das ist ein sehr schönes Haus,] das hat jemand
nur gekauft, um Geld anzulegen. Hier unten drin wohnt auch ein Deutscher, das ist
mein Nachbar und bester Freund.
3
Atmo Garten weg
(Zusatzatmo Wohnzimmer Elvira) Dorfatmo (Archiv)
O-Ton 9 Elvira Mühlhof 00:23
Hier lebt man viel viel freier. In Deutschland ist alles so genau vorgeschrieben, der
Vorgarten, die Kleidung, und hier ist alles frei. Man ist hier immer im Urlaub. Wir
sagen, wir leben auf einer Insel, auf einer Insel der Freude.
O-Ton 10 Elvira Mühlhof 00:23
Es ist natürlich so, dass man sich hier einiges mehr leisten kann wie in Deutschland
für seine Rente. Kosmetik, Frisör, die Bäder, Massagen. Man lebt hier besser, weil
man sich all diese Dinge leisten kann. Massieren kostet 15.000, das sind 5 Euro.
Autorin:
Ende der 90er-Jahre hatten Elvira Mühlhof und ihr Mann gehört, dass es in Ungarn
preiswert Häuser und Land gäbe. Sie kauften sich das Grundstück auf dem Berg und
fingen an, das Haus zu bauen.
O-Ton 11 Elvira Mühlhof 00:43
Wir haben dann im Wohnwagen gewohnt, weil wo sollten wir hin, die haben uns
immer beschenkt. Eine Tulpe, Narzisse, Ei, ein paar Walnüsse. Als wir dann das
Haus fertig hatten und wir haben sie alle eingeladen, und da hat es sich gewandelt.
Dann ist so etwas wie Neid entstanden. Die haben gesehen, so arm sind die doch
nicht, und wir haben vielleicht andere Sanitätsanlagen als sie, und sie haben dann
gesehen, dass wir die Hilfe doch nicht so brauchen.
Autorin:
Seit 2008 wohnt Elvira Mühlhof allein in Ungarn.
O-Ton 12 Elvira Mühlhof 00:17
Wir waren hier im Sommer und haben uns getrennt, und mein Mann ist nach Hause
gefahren. Ich wollte hier bleiben. Meinem Mann gefiel es schon nicht mehr in Ungarn.
Er hatte überall was zu meckern, er war unzufrieden, und da ist er in Deutschland
besser aufgehoben.
(Autorin:
Einsam ist sie nicht, sie hat viele Freunde, mit denen sie Karten spielt, sich im
Kaffeehaus trifft oder lateinamerikanisch tanzen geht.)
O-Ton 13 Elvira Mühlhof //Eva Würzinger 00:37
Es wird hier viel mehr unternommen, als man das vielleicht in Deutschland machen
würde. Es ist natürlich, in der Fremde steht man immer mehr zusammen. Wir haben
schon einen sehr guten Freundeskreis. // Und ich bin erst drei Jahre da,[…] alleine,
habe aber einen großen Bekanntenkreis.Ich kenne unwahrscheinlich viele Leute.
4
Wir haben einen deutschen Stammtisch. Dann bespricht man alles. Wir treffen uns
einmal in der Woche jeden Montag. Jetzt nächste Woche gehen wir in die
Fischcsárda am Balaton.
Autorin:
Die 71-jährige Eva Würzinger aus der Nähe von Tübingen ist eng mit Elvira Mühlhof
befreundet. Ihre Häuser sind nur zwei Kilometer voneinander entfernt.
Die beiden verbringen viel Zeit miteinander.
(O-Ton 14 Elvira Mühlhof //Eva Würzinger 00:07
Ja, so ein bisschen.// Ein bisschen. Oder nicht? Wieso lachst du?)
Autorin:
Weder Eva noch Elvira sprechen Ungarisch. Elvira Mühlhof hat zwar einige
Sprachkurse besucht, zur Verständigung reicht das nicht.
O-Ton 15 Eva Würzinger//Elvira Mühlhof 00:26
Und notfalls haben wir noch den Ferry, wo wir Karten spielen, das ist ein Ungar, der
ist mit einer Deutschen verheiratet, und da spielen wir 1x in der Woche Karten,
Canasta. // Und so gibt es in unserem Freundeskreis viele, die perfekt Deutsch
sprechen und auch Ungarisch, die einem dann auch helfen, wenn was ist, mal einen
Brief lesen. Selbst, wenn sie ein bisschen können, das können sie nicht lesen.
Autorin:
Elvira besucht jedes Jahr für ein paar Wochen ihre Kinder in Frankfurt und Hamburg,
ihre Enkelkinder verbringen oft die Ferien bei ihr in Ungarn. Eva hat den Kontakt
nach Deutschland abgebrochen. Häufig gab es Probleme, wegen ihres Mannes.
O-Ton 16 Eva Würzinger//Elivra Mühlhof 00:28
Eva Würzinger: Was soll ich da sagen? // Elvira Mühlhof: Er war unverträglich und
hat somit mit niemandem Freundschaft gehabt, und sie hat sich unwohl gefühlt.// Eva
Würzinger: Er hat alle Freundschaften kaputt gemacht, und ich wollte nicht in
Deutschland bleiben. Alle Freund, wo ich hatte, hatte ich verloren durch ihn. Wir
hatten ein sehr schönes Haus. Ich hatte zwei Ferienwohnungen drin. Er hat alle
vergrault, sogar die Feriengäste, [die wollten nicht mehr kommen].
Autorin:
Nach dem Tod ihres Mannes 2010 ist Eva Würzinger ausgewandert und nach
Ungarn gezogen. Mit 67 Jahren hat sie noch einmal ganz von vorne angefangen.
O-Ton 17 Eva Würzinger 00:10
In Deutschland wäre ich alleine und hier habe ich viel Anschluss. Hab‘ in
Deutschland alles verkauft, in Deutschland habe ich nichts mehr.
5
O-Ton 18 Elvira Mühlhof 00:18
Ich bin nicht ausgewandert. Ich habe meine Familie dort und wenn ich
pflegebedürftig wäre. Unsere Krankenkasse haben wir beide noch in Deutschland.
Wenn etwas wäre, würde ich sofort zurückgehen. Also hier möchte ich nicht sterben,
also wenn ich nicht umfalle und tot bin.
Autorin:
Wenn Elvira Mühlhof heute Hilfe braucht, sind die Nachbarn zur Stelle. Allen voran
Gyula.
O-Ton 19 Elvira Mühlhof 00:01
Gehen wir runter zu Gyula.
Atmo 5 Gehen Gyula
O-Ton 20 Elvira Mühlhof 00:23
Also ich bin gefahren mit meinem Auto, bin an den Randstein gekommen und habe
mir zwei Reifen an der rechten Seite aufgeschlitzt. Dann hab ich angerufen, Gyula
war fünf Minuten später da. Mein anderer Nachbar auch noch. Gyula hat das dann
gemacht. Gyula ist immer große Hilfe.
Atmo Gehen Gyula
O-Ton 21 Elvira Mühlhof 00:02
Hallo Gyula.
Autorin:
Gyula Roth ist Automechaniker. Neben seinem Haus stapeln sich Ersatzteile und
Elektroschrott.
Atmo 6 Gyula Musik
O-Ton 22 Elvira Mühlhof 00:19
Das Auto von Edith ist schon fertig? […] Ja, ist schon weg, eine Stunde weg. Ja, er
ist n Automechaniker, und meine Freundin, die kommt zu ihm und dann bedient er
alle und macht auch alles.
O-Ton 23 Gyula Roth (ungarisch) 00:21
Übersetzer:
Ich freue mich, dass so viele Deutsche hier leben. So habe ich mehr Kunden. Das
Problem ist nur, dass im Ort häufiger eingebrochen wird, weil viele Häuser
wochenlang leer stehen.
6
Atmo 7a + 7b Sarród
Autorin:
Die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Ungarn und Ausländer sind
manchmal schwierig, sagt Lajos Turi. Er ist Bürgermeister in Sarród, einer Gemeinde
im Westen Ungarns. Viele der Zuzügler seien angenehme Menschen, aber einige
verhielten sich arrogant und glauben, nur weil sie mehr Geld haben, könnten sie sich
auch mehr erlauben.
O-Ton 24 Lajos Turi (ungarisch) 00:41
Übersetzer:
Das stört die Ungarn. Aber wir sind auch nicht perfekt. Viele Ungarn sind einfach
neidisch, das ist ein großes Problem. Es gibt aber auch Grundstücksbesitzer, die im
Ausland leben und hier alles verwildern lassen. Und wenn man ihnen eine
Aufforderung schickt, das Grundstück in Ordnung zu bringen, reagieren sie nicht
darauf.
O-Ton 25 Lajos Turi (ungarisch) 00:21
Übersetzer:
Es ist ein Problem, dass viele Häuser nicht durchgängig bewohnt sind. Ich würde mir
mehr vollwertige Gemeindemitglieder wünschen, die nicht nur am Wochenende oder
im Sommer da sind. Das würde die Einwohnerzahl erhöhen und mehr Geld
bedeuten. Denn das Land schießt den Gemeinden Geld zu, und zwar abhängig von
der Anzahl der Einwohner.
Atmo 8 Nationalpark
Autorin:
Das Ehepaar Kapus lebt das ganze Jahr über in Nyarliget, einer der drei Gemeinden,
deren Bürgermeister Lajos Turi ist. Die österreichische Grenze ist nur ein paar
Minuten entfernt. Der Neusiedlersee ist ganz in der Nähe. Ihr Grundstück befindet
sich in einem Naturschutzgebiet.
7
O-Ton 26 Kapus 00:22
Es ist wild, sehr wild. Naturschutzgebiet um den ganzen Neusiedlersee. Der
ungarische Teil ist total verwildert und zugewachsen mit Schilf. Da sind enorm viele
Vogelscharen. Was es hier an Vögel gibt, das haben wir in Deutschland nie kennen
gelernt.
Autorin:
Roswitha und Hermann Kapus kommen aus der Nähe von Pforzheim. Eigentlich
wollten sie in Österreich ein Haus kaufen, aber das war zu teuer. Nyarliget ist sehr
ruhig, wirkt fast wie ausgestorben, man sieht kaum Menschen auf der Straße. Genau
danach haben sie gesucht. Seit vier Jahren sind sie in Ungarn und haben es nicht
bereut, Deutschland den Rücken gekehrt zu haben.
Zusatzatmo Kapus
O-Ton 27 Hermann Kapus 00:27
Also, der Anfang war für mich total überraschend. Ich bin ein Mensch, der sich
überall wohlfühlt. Mich können sie auswandern, wohin sie wollen, ich komme immer
zurecht. Dass der Vorschlag von meiner Frau kam: Wir wandern aus! Sie war so
heimatverbunden. Ich war perplex. Aber mit mir konnte man das sofort machen.
Dann haben wir losgelegt.
Autorin:
Roswitha Kapus wollte unbedingt weg aus Deutschland.
O-Ton 28 Hermann Kapus//Roswitha Kapus 00:41
Ganz, ganz komische Geschichte. Meine Frau war arbeitslos, zum ersten Mal in
ihrem Leben. // Ich war hoffnungslos in Deutschland, arbeitslos. Ich war entsetzt,
dass das Arbeitsamt von mir verlangt hat, ich soll mich bewerben und soll dazu
schreiben, dass ich gerne kostenlos mal für vier Wochen bei denen arbeite. Ich hatte
so eine Wut auf Deutschland und vor allen Dingen, wenn du über 50 bist. No chance.
Ja.
Autorin:
20 Jahre hatte Roswitha Kapus im Büro einer Firma gearbeitet. Über ein Jahr lang
versuchte sie vergebens, wieder einen Job zu finden.
O-Ton 29 Roswitha Kapus//Hermann Kapus 00:22
Das war ein ganz großes Problem für mich, und bevor ich dann Depressionen
irgendwie bekomme, haben wir uns für einen anderen Weg entschieden.// Ich bringe
sie hier mit meiner Pension durch. In Deutschland wäre es ein Problem, da hätte sie
arbeiten müssen.
8
Autorin:
Roswitha Kapus ist 58 Jahre alt und müsste eigentlich noch sieben Jahre arbeiten.
Aber in Ungarn reicht eine Rente für zwei. Die Lebenshaltungskosten sind um die
Hälfte niedriger.
Seit Viktor Orban mit seiner rechts gerichteten Fidesz-Partei die Regierung führt, sind
viele Deutsche in Ungarn verunsichert. Ausländische Landwirte sollen nun enteignet
werden, und manche befürchten, dass es eines Tages auch Privatgrundstücke
treffen könnte. (Roswitha Kapus ist beunruhigt.)
O-Ton 30 Roswitha Kapus//Hermann Kapus 00:29
Ich denke, wenn Ungarn aus der EU austritt, dann weiß man nicht, was kommt.//
Aber dass Ungarn die EU verlässt, das glaub ich nicht. Wenn man mit Ungarn
spricht, sie sagen alle: Wir bleiben in der EU, das steht fest für die Ungarn, die wollen
bleiben.
Autorin:
Trotz der politischen Lage kommen immer mehr Seniorinnen und Senioren aus
Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Ungarn, um hier ihren Lebensabend
zu verbringen. In Westungarn wird derzeit Paradise City geplant. Nach dem Vorbild
der Sun Cities in Florida und Kalifornien soll eine Art Rentnerdorf für zahlungskräftige
Ausländer gebaut werden, 100 Doppelhäuser in einem umzäunten Gebiet.
Für das Ehepaar Kapus steht fest: Solange es ihnen gut geht und sie sich selbst
versorgen können, möchten sie in Ungarn bleiben. Ihr Haus haben sie altersgerecht
gebaut, ebenerdig, ohne Stufen. Aber ihr Hauptwohnsitz ist nach wie vor in
Deutschland, im Haus ihres Sohnes.
O-Ton 31 Roswitha Kapus 00:22
Der Notfallplan für alle, alle Fälle. Das Haus hat zwei Wohnungen und wir haben eine
davon. Wir können jederzeit zurück, wenn irgendetwas sein sollte. Ohne diesen
Rückhalt hätten wir dieses Abenteuer nicht gestartet.
Atmo 9 Rezeption
Autorin:
Für die meisten Bewohner ist das Seniorenheim Gold in der westungarischen Stadt
Sopron die letzte Station. 60 ältere Menschen leben hier. Zehn Prozent von ihnen
sind aus dem Ausland.
9
Atmo 10 Stimmen Eingang
O-Ton 32 Lisa Wagler 00:05
Ich komme aus Nürnberg, war dann zuletzt bei meiner Tochter.
Autorin:
Die 90-jährige Lisa Wagler versucht sich zu erinnern, wie lange sie schon hier ist.
O-Ton 33 Lisa Wagler 00:13
Jetzt muss ich überlegen, [seit vor einem Monat…] ich war ein viertel Jahr bei meiner
Tochter, und dann hat sie mich hierher gebracht.
O-Ton 34 Lisa Wagler 00:15
War Überraschung. Wir sind durch Österreich gefahren hierher. Meine Tochter hat
ihre Schulter, muss operiert werden, kann mich nicht mehr heben, bin zu schwer
geworden.
Autorin:
Lisa Wagler kann nicht mehr gehen. Nur einmal ist sie im Park gewesen, der zum
Heim gehört. Sie wohnt in einem Einzelzimmer mit Balkon und Blick ins Grüne.
O-Ton 35 Lisa Wagler 00:19
In Deutschland müssen Zustände herrschen bei den alten Leuten, keine gute Pflege.
Die alten Leute werden geschlagen und mein Schwiegersohn hat überall gesucht
und erfahren, dass es hier gut und mich dann hierher getan.
Autorin:
Lisa Wagler fühlt sich wohl in Sopron. Sie schläft gut, bis fünf Uhr morgens. Dann
wird sie gepflegt und angezogen. Den Tag verbringt sie mit Lesen und
Kreuzworträtseln.
O-Ton 36 Lisa Wagler 00:17
Ich nehme, wie es kommt. Kann man nicht anders machen. Ich hab mich hier gut
eingelebt und komme mit allen gut zurecht. Pflegepersonal prima, wenn auch nicht
Deutsch sprechend, aber wir uns verstehen. Alles in Ordnung, wunderbar.
O-Ton 37 Pflegerin 00:11
Hello, hallo. Was Problem?
Autorin:
Eine Pflegerin kommt ins Zimmer. Es ist Zeit für das Mittagessen.
10
Atmo 11 Mittagessen
[Sie zieht Lisa Wagler an.
Atmo zum Mittagessen hoch (bei 00:17 )
Ist gut? Ja, die Socken]
Autorin:
Die Pflegerin setzt Lisa Wagler in den Rollstuhl, um sie in den Speisesaal zu bringen.
Atmo 12 zum Mittagessen hoch (bei 00:33)
Langsamer … Ok? Ja
Atmo 13 Eingangsbereich
O-Ton 38 Retz 00:13
(mit Atmo mit Läuten) Na, wie geht’s? Alles gut? Naja! [Schöne Frau, alles gut? Ja!]
O-Ton 39 Retz 00:24
Meine Mutter lebt hier in diesem schönen Altersheim. Sie kommt aus Deutschland,
ist aber gebürtige Italienerin, und hat leider das Problem der Alzheimer-Krankheit.
Sie erkennt mich nicht mehr, aber sie freut sich, dass sie Besuch bekommt. Sie
lächelt, das ist gut. Ich hab‘ sie gefragt, ob sie weiß, wer ich bin, sie hat gesagt: Nein,
weiß ich nicht mehr.
Autorin:
Herr Retz hat seiner Mutter die Kekse, die sie besonders gerne mag, mitgebracht. Er
ist zu Besuch aus Frankfurt. Seit einem Jahr lebt die 78-Jährige hier. Er hatte die
Anzeige einer Maklerfirma gelesen, die Plätze in Pflegeheimen in ganz Osteuropa
vermittelt.
O-Ton 40 Retz 00:21
Der Preis hat natürlich eine Rolle gespielt, aber ich hab mir einige Altersheime in
Deutschland angeguckt, die haben mir alle nicht gefallen, das ist mehr so eine
Massenabfertigung. Hier ist es eher familiär gestaltet. Man kümmert sich, man kennt
sich, man ist nicht einfach nur eine Nummer. Das Gefühl hab‘ ich.
Atmo 11 Mittagessen
11
Autorin:
Im Speisesaal wird das Mittagessen serviert. Eiersuppe, Hühnerfleisch mit
Petersilienkartoffeln und als Nachspeise Milchreis.
Atmo Mittagessen hoch
Atmo 14 Büro
O-Ton 41 Jozsef Pék (ungarisch) 00:21
Übersetzer:
Wir haben das Haus vor drei Jahren eröffnet. In Deutschland, Österreich und der
Schweiz haben wir Anzeigen geschaltet, die sich allmählich bezahlt machen. Hier
wohnen bereits sechs Ausländer, bald kommen noch vier Deutsche und zwei
Österreicher dazu.
Autorin: (auf OT 41 oder 42)
Jozsef Pék leitet das Seniorenheim Gold in Sopron gemeinsam mit seiner Frau.
O-Ton 42 Jozsef Pék (ungarisch) 00:36
Übersetzer:
Während man in einem deutschen Heim für die Pflege eines Angehörigen rund um
die Uhr 2500 Euro bezahlt, kostet die Unterbringung hier nur die Hälfte. Wer nicht viel
Pflege braucht und in einem Doppelzimmer wohnt, zahlt nur 650 Euro.
O-Ton 43 Jozsef Pék (ungarisch) 00:30
Übersetzer:
Die
Angehörigen
haben
das
Heim
in
Ungarn
ausgesucht.
Die
meisten
Heimbewohner wissen gar nicht, wo sie sind. Und die, die es wissen, haben es
akzeptiert, also da gibt es keine Probleme. Je weiter fortgeschritten die Demenz ist,
desto eher werden alte Menschen aus dem Ausland hierher gebracht.
Atmo 15 Turnier bis Ende drunter
Atmo Golfspiel mit Stimmen
Oder: Außenatmo, Vögel, Park
12
O-Ton 45 Elvira Mühlhof 00:27
Die meisten haben immer nur den Gedanken: Ostblock. Das kann nicht sein. Leider.
Inzwischen haben wir, die hier sind, gesagt, wir sagen gar nichts mehr. Wir sagen
nicht mehr, wie schön es hier ist. Es glaubt uns ohnehin keiner. Landschaftlich
schön, das Klima stimmt. Wir haben die Bäder hier, den Plattensee zum
Schwimmen, der ist ganz fantastisch. Und es ist wirklich schön hier.
13
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