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Fritschi Willi

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Grenzübergang „Klösterli“ im Zweiten Weltkrieg
Interview: Peter Bossart Fotos: Walter Lötscher, Archiv Willi Fritschi und Werner Gysin
An der Grenze zu Frankreich steht in Kleinlützel
das „Klösterli“. Es ist ein geschichtsträchtiger
Ort: 1136 als Frauenkloster gestiftet und dem Abt
von Lucelle unterstellt. Heute ist dort noch die St.
Josephskapelle mit schönem Barockaltar und
das Bauernhaus aus dem 16.Jh. samt Scheune
und Stall. Im Oktober besuchte ich den 86 jährigen Willi Fritschi, der hier aufgewachsen ist,
und als „Hobbyhistoriker“ bereitwillig von vergangenen Zeiten berichtete.
Er ist eigentlich ein „Vorstädter“ aus Laufen.
Einer seiner Vorfahren, Fritschi Joseph, war
Leutnant unter Napoleon
und erhielt den St. Helenaorden, er wurde später in
Laufen Gerichtspräsident.
Ob das der Grund ist, dass
Willi sich zeitlebens für
Geschichte
interessierte?
Als Jugendlicher erlebte er,
wenige Meter von der
Landesgrenze entfernt den
2.Weltkrieg live im Miniformat. Das Strässchen
Richtung Neumühle war noch schmal und nicht
asphaltiert, die Felsen auf der Nordseite ragten
noch weit in die heutige Strasse hinein. Im September 1939 wurde in Kleinlützel eine Kompagnie Landsturmsoldaten stationiert. 1940 begann
man mit dem Bunkerbau bei der Schlossfabrik.
Eine Gruppe hielt beim Klösterli Wache. Östlich
vom Bauernhof war eine MG Stellung. Hauptaufgabe dieses Grenzpostens war, die Besatzung der gut 5 km entfernten Bunkeranlagen
rechtzeitig zu alarmieren, falls beispielsweise
Panzer anrollten. An der Grenze standen „spa-
nische Reiter“ für Sperren bereit, transportable
Hindernisse aus Holz und Stacheldraht. Eine
Barrière wurde von bewaffneten Soldaten bedient. Nach Kriegsbeginn standen marokkanische Soldaten auf der andern Seite, sie bereiteten Sprengungen von Brücken und Strasse
vor. Frankreich erwartete, dass die Deutschen
allenfalls über Schweizerboden einen Flankenangriff im Sinne hatten. Noch konnten Lützler,
die in Frankreich Wald besassen, mit ihren
Pferdefuhrwerken die Grenze passieren. Ausgestattet mit einem Tagespassierschein durfte
beispielsweise „dr Hammel Sepp“ mit seinem
Fuhrwerk Brennholz holen. Auch Zollbeamten
und Offizieren war der Durchgang nach
Roggenburg erlaubt. Einmal, erinnert sich
Fritschi noch, hätten die Wachen bei Kiffis einem
Schweizer Grenzwächter bei der Neumühle auch
erlaubt, die französische Strasse zu benützen,
weil er dringend ärztliche Hilfe brauchte. Die
Fritschibuben hätten guten Kontakt zu den
Franzosen 50 m neben ihrem Bauernhaus
gehabt. Wenn sie ihnen ein wenig Frischmilch
brachten, seien sie mit Schokolade belohnt
worden. Jeder Soldat habe täglich ein Pfund
Weissbrot und einen halben Liter Wein gekriegt
und sie hätten besser gegessen als die Schweizer Truppe. Mutter Fritschi habe von der Basler
Zollverwaltung die Erlaubnis gekriegt, den Franzosen Zigaretten zu verkaufen.
Die Schweizer Landsturmsoldaten bastelten den
Knaben hölzerne Gewehre. In Fritschis Küche
wurde oft auch für das Militär gekocht. Wenn die
Familie gegessen hatte, kochte ein Jermann aus
Dittingen, nach dem Krieg sei er Wirt im Hotel
Simplon in Pruntrut geworden. Es gab auch zu
lachen. Als Hauptmann Weber aus Laufen, der
Vater des späteren Zahnarztes und Stadtpräsidenten, einmal die Gruppe des Gefreiten Franz
von Liesberg inspizierte, habe dieser aufgeregt
gemeldet: „Hauptmann, melde Gruppe Franz, 1
Mann und 10 Pferde!“ Worauf Weber gesagt
habe: „Und ein Esel!“ Während der Grenzbesetzung 1939-45 sei es leichter gewesen, Leutnant zu werden, da man zu wenig Kader hatte.
Diesen Schnellbleicheoffizieren habe man „EPALefti“ gesagt (die EPA ist eines der ersten Warenhäuser der Schweiz).
Im Mai 1940 griffen die
Deutschen
Frankreich
an. Um den möglichen
Flankenangriff durch die
Schweiz zu erschweren,
sprengten die Franzosen Brücken und Strassen entlang der Schweizergrenze. Willi Fritschi
erinnert sich, dass dabei
ein Gussdeckel von
einem französischen
Minenloch über ihr Haus bis 50 m weiter
geflogen sei. Die Brücken bei der Sägemühle
und der Neumühle wurden zerstört. Im Juni
kapitulierte Frankreich nach dem Blitzkrieg, das
Elsass wurde wieder einmal deutsch, beim
Klösterli standen nun Deutsche, die keinen Kontakt haben durften. Die Schweizersoldaten blieben aber weiter in Kleinlützel, sie hatten
anstrengende Patrouillendienste bis zum Remel
und Saalpass. Einer davon, Vinzenz Roth, erzählt Fritschi, habe dabei eine französische Kuh
nahe der Grenze beim Saalhof weiden sehen.
Das wäre doch was für die Kompagnieküche,
dachte er und führte sie auf Schweizerboden, wo
sie vom Metzger Schuhmacher aus Laufen
abgeholt und geschlachtet wurde. Als Kiffiser
Bauern reklamierten, musste der Vinzenz zum
Kadi. Er sagte diesem, in der Finsternis sei ein
grosser Kerl aufgetaucht und habe sein „Halt,
oder ich schiesse!“ nicht befolgt. Erst nach dem
Schuss habe er gesehen, dass es eine Kuh
gewesen sei! Man glaubte ihm die Geschichte
nicht, die Kiffiser erhielten 4 halbe Sauen als
Entschädigung. Aber immerhin kriegten die Soldaten in Kleinlützel einen guten Spatz!
Für Aufsehen in der Region sorgte damals auch
die Flucht eines französischen Generals aus der
Festung Königstein im Taunus. General Giraud
konnte sich 40 m abseilen, kriegte Zivilkleider
und Hilfe zur Flucht in die Schweiz. Die Deutschen setzten 100’000 Reichsmark aus für seine
Festnahme. Beim Grenzhof Les Ebourbettes
nahe Lucelle konnte Giraud 1942 in die Schweiz
fliehen, zwei seiner Fluchthelfer wurden erwischt
und kamen ins Konzentrationslager.
Willi Fritschis eigene Militärlaufbahn begann
schon1944. Mit 18 Jahren musste man damals
in den militärischen Vorunterricht. Eher klein
gewachsen, schaffte es Willi nicht, in 3 Sekunden an der Kletterstange mindestens drei Meter
hochzukommen. Er musste dafür 1 Woche nach
Solothurn in den „Nachhilfeunterricht“. Weil er
sich in den kurzen Hosen erkältete und eine
Lungenentzündung kriegte, wurde er „Militärpatient“. So streng waren damals die Bräuche!
Als Rekrut, der mit Pferden umgehen konnte,
kam er 1946 zur Kavallerie. Zuerst im Dragonerschwadron 28, später bei den Vierzehnern
leistete er seinen Dienst in einer Truppe, die es
heute nicht mehr gibt. Aber auch als Nachfolger
seines Vaters auf dem Hof arbeitete er gern mit
Pferden. Nach einem Leben voller Arbeit geniesst er seinen Lebensabend bei guter Gesundheit und liest viel von vergangenen Zeiten. Wir
wünschen ihm und seiner Familie alles Gute!
Willi Fritschi am „Tag des Pferdes“ in Laufen mit
einem Langholzfuhrwerk
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