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IPS-WELTBLICK Jg. 34 – Nr. 1 | 6. Januar 2015 - WELTBLICK Online

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01 | 2015
SAMBIA:
Teenager für HIV/
Aids-Aufklärung
übers Handy
PERU:
Klimawandel
gefährdet Kartoffelvielfalt
LATEINAMERIKA:
'Böden sind
Verbündete'
INDIEN:
Katastrophenschutzstudium am 'ZyklonCollege'
Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
INHALT
BLICKPUNKT
Der WELTBLICK bietet Ihnen jeden Dienstag
Nachrichten, Hintergrundberichte und Analysen
über den 'Global South' und informiert Sie eingehend über aktuelle und grundlegende Entwicklungen besonders in den Regionen Afrika, AsienPazifik und Latein-amerika-Karibik.
IPS berichtet unabhängig und kritisch. Themen
der menschenwürdigen und nachhaltigen Entwicklung sowie der internationalen Zusammenarbeit für eine 'faire Globalisierung' bilden den
Schwerpunkt. So schärft IPS das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der nachhaltigen
Entwicklung.
IPS-Deutschland versorgt den deutschsprachigen
Raum mit Nachrichten, Berichten und Analysen
über Ticker, Internet, E-Mail und Print. In
Deutschland besteht IPS seit April 1981. Der
deutschsprachige Dienst wurde mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung gegründet.
IPS Deutschland ist ein Unternehmen des gemeinnützigen Vereins 'Global Cooperation Council' der 1983 als Nord-Süd-Forum zur Förderung
der Völkerverständigung gegründet wurde. IPS
Deutschland ist aber ein Teil der Gesamt IPSGruppe, die weltweit agiert. Die 1964 gegründete IPS-Agentur zählt zu den weltweit führenden
Anbietern von Informationen zu globalen Themen.
UN: Globale Herausforderungen verlangen
nach globaler Bürgerschaft
S. 03
ABRÜSTUNG: Atomtest- und -bombenopfer
fordern atomwaffenfreie Welt
S. 05
MENSCHENRECHTE: Kritik an Revision der
Weltbank-Schutzbestimmungen
S. 08
AFRIKA
AFRIKA: Ölpreisverfall setzt erdölabhängigen
Volkswirtschaften zu
S. 10
SIMBABWE: Millenniumsbildungsziel bleibt
unerreicht
S. 12
SAMBIA: Teenager für HIV/Aids-Aufklärung
übers Handy
S. 14
ASIEN u. PAZIFIK
INDIEN: Katastrophenschutzstudium am
'Zyklon-College'
S. 16
PAKISTAN: Ruf nach Repatriierung afghanischer Flüchtlinge
S. 18
PAPUA-NEUGUINEA:
Erst Klarheit, dann
Versöhnung
LATEINAMERIKA u. KARIBIK
LATEINAMERIKA: 'Böden sind Verbündete'
Die internationale Organisation IPS unterstützt
den Aufbau von Informations- und Kommunikationsstrukturen, die zur nachhaltigen Entwicklung,
Verbesserung der Menschenrechtslage und zur
Demokratisierung beitragen.
Wollen Sie unsere Texte veröffentlichen, dann
bitten wir Sie mit uns Kontakt per E-Mail auf
zunehmen: contact@ipsnews.de
IMPRESSUM
Herausgeber:
IPS-Inter Press Service Deutschland GmbH
Marienstr. 19/20, 10117 Berlin
Geschäftsführung und Chefredaktion:
Ramesh Jaura | Karina Böckmann
Tel.: 030 5481 4531 | Fax: 030 5482 2625
E-Mail: weltblick@ipsnews.de
Online: www.weltblick-online.de
Verlag:
Globalom Media Information <> Communication
<> Publishing Agency GmbH
S. 21
S. 23
PERU: Klimawandel gefährdet Kartoffelvielfalt
S. 25
ARGENTINIEN: Nachhaltigkeitsprojekte
erleichtern Leben im Nordosten
S. 28
KOMMENTAR
KUBA: US-Embargo ein monumentaler
Fehlschlag' – Von Robert F. Kennedy Jr.
S. 30
TITELSEITE
Zwei Fischerinnen
am Strand des südindischen Küstendorfes Nemmeli –
Bild: Stella Paul/IPS
Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
BLICKPUNKT
UN: Globale Herausforderungen verlangen nach globaler Bürgerschaft
Von Jaya Ramachandran
New York (IPS/IDN*) – Als der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, im September
2012 die Initiative 'Bildung zuerst' vorstellte, nannte er die Stärkung der globalen Bürgerschaft –
neben dem Schulunterricht für alle Kinder und der Verbesserung der Bildungsqualität – als eine
seiner drei Prioritäten.
Ban erklärte damals: "Bildung ist viel mehr als
eine Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt. Sie
besitzt die Kraft, eine nachhaltige Zukunft und
eine bessere Welt
zu schaffen. Bildungsmaßnahmen
sollten Frieden, gegenseitigen Respekt
und Umweltschutz
voranbringen."
Während die internationale Gemeinschaft an den Nachhaltigkeitszielen
(SDGs) der Post2015-Agenda feilt,
rückt der Wert der
globalen
Bürgerschaft immer weiter
in den Mittelpunkt.
Denn
keine
der
SDGs, die sich auf
den Planeten und
die Weltbevölkerung
beziehen,
werden
sich erreichen lassen, solange Menschen und Regierungen nicht nationale Interessen den globalen Interessen unterordnen.
Die UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung
in Brasilien im Juni 2012 hatte das Mandat für
die Erstellung der SDGs als Nachfolger der Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) zur Armutsbekämpfung erteilt, die im nächsten Jahr auslaufen werden. Die auf diesem Treffen ebenfalls beschlossene Offene Arbeitsgruppe hat
sich inzwischen auf 17 Ziele und 169 Unterziele
verständigt, die die Armut bekämpfen, zu
nachhaltigen Konsum- und Produktionsmustern
führen und einen nachhaltigen Umgang mit den
natürlichen Ressourcen als Grundlagen für wirtschaftliche und soziale
Entwicklung
ermöglichen sollen.
Die 17 SDGs beinhalten Vorschläge,
wie sich Armut,
Hunger und Ungleichheit bekämpfen lassen und den
Menschen weltweit
zu einem gesunden
Leben, zu qualitativ
hoher Bildung und
Gleichberechtigung
der
Geschlechter
verholfen
werden
kann. Auch unterbreiten sie Empfehlungen für einen
nachhaltigeren Umgang mit Wasser,
eine universelle Sanitärversorgung, eine produktive Beschäftigung und Industrialisierung sowie den Schutz der terrestrischen Ökosysteme und der Stärkung der globalen Partnerschaft im Sinne der Nachhaltigkeit.
In seinem Bericht 'The Road to Dignity by 2030:
Ending Poverty, Transforming All Lives and Protecting the Planet' vom 4. Dezember hatte Ban
sechs sogenannte 'Elemente' – Würde, Menschheit, Wohlstand, unser Planet Erde, Gerechtigkeit und Partnerschaft – vorgestellt, die er als
Richtungsweiser zur Bewältigung der kommenden Herausforderungen im Vorfeld des UN-
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Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
BLICKPUNKT
Gipfels für nachhaltige Entwicklung vom 25. bis
27. September 2015 verstanden wissen wollte.
Sie lassen die Auseinandersetzung mit themenübergreifenden Fragen zu.
Seit vielen Jahren setzt sich der Vorsitzende
der Buddhistenorganisation 'Soka Gakkai International' (SGI), Daisaku Ikeda, intensiv mit der
Ausbildung der globalen Bürgerschaft auseinander.
Bildung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung (ESD) und globalen Bürgerschaft (EGC) sind
wichtige Komponenten innerhalb der Post2015-Agenda. Sie sind ferner in drei SDGs enthalten, die einen inklusiven und gleichberechtigten Zugang zu Qualitätsbildung und lebenslangem Lernen, zu nachhaltigen Konsum- und
Produktionsmustern beziehungsweise zur Bekämpfung des Klimawandels und dessen Folgen
anstreben.
In einer Lesung vor dem 'Teachers College' der
Columbia University in New York im Juni 1996
führte er mehrere Fähigkeiten an, die für die
Herausbildung einer globalen Bürgerschaft unerlässlich sind: die Erkenntnis, dass alles Leben
in einem Zusammenhang steht, der Respekt
gegenüber allen Menschen unterschiedlicher
Kulturen sowie Empathie und Mitgefühl für alle
Menschen auf der Welt, die Leid erfahren.
So soll mit ihrer Hilfe bis 2030 sichergestellt
werden, dass alle Schüler das Wissen und die
Fähigkeiten erwerben, die für die nachhaltige
Entwicklung erforderlich sind. Es geht auch um
Bildung im Sinne der Menschenrechte, Geschlechtergleichheit und Friedenskultur, der
gewaltlosen globalen Bürgerschaft und der
Wertschätzung der kulturellen Vielfalt.
Wie er in seinen diesjährigen Friedensvorschlägen betonte, sollte Bildung zu globaler Bürgerschaft zu einem größeren Verständnis für die
Herausforderungen führen, mit denen sich die
Menschheit konfrontiert sieht. Auch müssten
die Menschen zur Ausschöpfung ihrer Möglichkeiten befähigt und mit der Hoffnung erfüllt
werden, dass sie ihre Probleme lösen können.
Ebenso gilt es sicherzustellen, dass alle Menschen weltweit mit den Informationen und dem
Bewusstsein ausgestattet werden, die eine
nachhaltige Entwicklung und einen nachhaltigen Lebensstil im Einklang mit der Natur bis
2030 ermöglichen. Darüber hinaus soll Bildung
für das Bewusstsein und die menschlichen und
institutionellen Kapazitäten im Sinne der
Klimapanpassung und –abmilderung schaffen.
Wichtig sei ferner, die Menschen in die Lage zu
versetzen, lokale Probleme als Anzeichen globaler Probleme zu erkennen und anzugehen.
Auch gelte es die empathische Vorstellungskraft zu entwickeln, dass das in einem Land
verursachte Problem auf andere Länder ausstrahle. Daraus erwachse die Notwendigkeit, im
Sinne aller zu handeln und nicht Wohlstand und
Glück auf Kosten anderer anzustreben. 
*IDN-InDepthNews ist Kooperationspartner von IPS Deutschland
Begleitbild:
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon – Bild: Wikimedia Commons
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD29-12-2014)
http://www.indepthnews.info/index.php/global-issues/2304-increasing-importance-of-educationfor-global-citizenship
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Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
BLICKPUNKT
ABRÜSTUNG: Atomtest- und -bombenopfer fordern atomwaffenfreie Welt
Von Neena Bhandari
Sydney (IPS/IDN*) – Sue Coleman-Haseldine vom Volk der Kokatha-Mul war drei Jahre alt, als die
Briten Atomwaffentests auf den Monte-Bello-Inseln vor der Westküste Australiens und auf dem
Emu-Feld im Süden durchführten.
Von 1952 und 1963 kam es in den Gebieten zu
insgesamt zwölf solcher Versuche. Riesige
Areale einschließlich Koonibba, die Heimat von
Sues Familie, wurden verstrahlt. "Denn zum
Zeitpunkt der Tests befanden sich Aborigines in
den betroffenen Regionen. Viele Menschen
starben oder wurden krank", berichtet Haseldine.
'Totem 1' war der Name der ersten Atombombe. Kokatha-Mul berichteten später von einer
"schwarzen Staubwolke', die die Menschen
krank gemacht und dahingerafft habe. Von den
Dorfältesten weiß Haseldine, dass die Menschen
vor den Tests ein glückliches und gesundes Leben im Einklang mit der Natur gelebt hatten.
"Wenn meine Leute auf die Nullarbor-Stürme zu
sprechen kamen, meinten sie damit den radioaktiven Niederschlag, den die Maralinga-Tests
verursacht hatten. Wir befanden uns zwar nicht
unmittelbar an Ground Zero, doch wurden die
radioaktiven Staubwolken vom Wind zu uns getragen. Die Menschen starben an Krebs, einer
uns bis dahin unbekannten Krankheit", so Ha-
seldine auf einem Treffen der indigenen AntiAtomwaffenvereinigung 'Australian Nuclear
Free Alliance' (ANFA) auf dem Land der Arrernte-Aborigines in Australiens Northern Territory.
ANFA war 1997 ursprünglich als Anti-UranAllianz von Aborigines gegründet worden. Dem
Bündnis schlossen sich recht schnell verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGOs) an.
Für die Aborigines Australiens bedeutet Land
Kultur. Haseldine war schockiert, als sie auf
dem Treffen erfuhr, dass auch die Wälder der
Ureinwohner nuklear verseucht sind. "Sie sind
für uns Lebensmittelladen und Apotheke zugleich. Sie zu hegen und zu pflegen, ist Teil unserer Religion."
Nach dem Nukleartest nahmen Unfruchtbarkeit, Totgeburten und Geburtsfehler zu. Haseldine fragt sich bis heute, ob die Gesundheitsprobleme ihrer Leute auf die fortgesetzte Kontamination durch den Uranabbau oder auf die
genetischen Veränderungen zurückzuführen
sind, die durch die Atomtests im letzten Jahr-
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Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
BLICKPUNKT
hundert verursacht wurden. Sie setzt sich dafür
ein, dass Atomwaffen verboten werden und
dass das Uran im Boden verbleibt.
wurde, richtet sich vor allem an junge Leute,
die den Kalten Krieg nicht miterlebt haben, wie
Gem Romuld von ICAN-Australia erläutert.
Im letzten Jahr hatten sich Vertreter von Regierungen, UN-Agenturen und der Zivilgesellschaft in der norwegischen Hauptstadt Oslo zur
ersten Konferenz über die humanitären Folgen
von Atomwaffen getroffen. Im Februar 2014 lud
die mexikanische Regierung zum zweiten Treffen dieser Art ein, auf dem 146 Staaten vertreten waren.
Eine Untersuchung des Roten Kreuzes hat ergeben, das acht von zehn Australiern ein rechtsverbindliches Abkommen zur Ächtung von
Atomwaffen begrüßen würden. 88 Prozent waren der Meinung, dass es im Fall eines Atomkriegs angesichts der dadurch ausgelösten humanitären Folgen keine Gewinner geben werde.
Und im Oktober unterstützten auf der UNVollversammlung 155 der 193 UN-Mitgliedstaaten das Allgemeine Statement über die
humanitären Folgen von Atomwaffen. Die dritte Konferenz über die humanitären Folgen von
Atomwaffen fand vom 8. bis 9. Dezember in
Wien statt, an der auch Haseldine teilnahm und
das Leid schilderte, dass in ihrer Region durch
die Atomtests und den Uranabbau angerichtet
wurde.
Die Internationale Rotkreuz- und RothalbmondBewegung warnt seit den Atomwaffenanschlägen auf Hiroshima und Nagasaki 1945 vor den
humanitären Folgen von Atomwaffen, die über
weite Gebiete und über Generationen hinweg
verheerende Folgen für die Gesundheit, Landwirtschaft und die natürlichen Ressourcen haben.
Beobachtern zufolge nimmt der Druck auf die
Staatengemeinschaft, Verhandlungen über ein
verbindliches Abkommen zur Ächtung von
Atomwaffen zu führen, zu. Obwohl die USA und
Russland seit Ende des Kalten Krieges einen
Teil ihrer Kernwaffen vernichtet haben, befinden sich in den Waffenarsenalen der Welt noch
immer rund 17.000 atomare Sprengköpfe.
Der Chef des Australien-Büros der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen
(ICAN), Tim Wright, meinte dazu: "Es ist an der
Zeit, dass sich Australien endlich der überwiegenden Mehrheit derjenigen Staaten anschließt, die ein Atomwaffenverbot unterstützen."
Von ICAN-Australien stammt das Youtube-Video
'Wir wollen euren Atomschild nicht' ('Don't Want
Your Nuclear Umbrella'), das als Aufruf an alle
'Schutzschirmstaaten' gedacht ist, "die Bombe
nicht länger hinzunehmen und die Doktrin der
atomaren Abschreckung aufzugeben". Das Video, das bisher über 15.000 Mal angeklickt
Rosemary Lester wurde 1970 in Adelaide im Süden Australiens geboren. Sie kann sich noch gut
an den Tag erinnern, als der australische Rundfunksender ABC ein Interview mit dem Atomphysiker Sir Ernest Titterton ausstrahlte.
"Ich hörte meinen Vater vor Zorn brüllen. Als
ich ihn fragte, was denn los sei, erklärte er
mir, dass lange vor meiner Geburt etwas
Schreckliches geschehen sei. Das war das erste
Mal, dass ich von den Maralinga-Atomversuchen
hörte", berichtet Lester, Leiterin der ausschließlich Aborigines vorbehaltenen AlinytjaraWilurara-Behörde zur Verwaltung der natürlichen Ressourcen (AW NRM).
Sie weiß von ihrem Vater, ihren Großeltern und
anderen Angehörigen aus erster Hand, welche
Auswirkungen Atomtests auf die Gesundheit
von Menschen haben.
Sie selbst leidet unter der seltenen AutoImmunerkrankung Sklerodermie, die als Bindegewebsverhärtung der Haut oder der inneren
Organe wie Herz, Lunge, Nieren und Verdauungstrakt in Erscheinung tritt.
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Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
BLICKPUNKT
"Damals war man sich der gesundheitlichen und
ökologischen Gefahren, die vom Uranbergbau
ausgehen, noch nicht bewusst. Doch verstehe
ich nun, warum es meinen Großeltern und meinem Vater so wichtig war, gegen die Atomindustrie zu protestieren und auf 'nganampa nguru' (unser Land) zu beharrenö, berichtet Lester,
die sich dafür einsetzt, dass die mündlichen
Geschichten über die Gefahren von Atomwaffen, Atomtests und Uranabbau in Englisch und
in den Aboriginessprachen Pitjantjatjara und
Yankunytjatjara aufgenommen und für die
kommenden Generationen bewahrt werden.
1984 hatte Australien die Königliche MaralingaKommission eingerichtet und mit der Aufgabe
betraut, die Auswirkungen der Atomtests zu
untersuchen, Vorschläge zum Schutz der Menschen vor der nuklearen Verstrahlung zu unterbreiten und die sichersten Maßnahmen zur Lagerung und zur Beseitigung radioaktiver Substanzen und von Giftmaterial herauszufinden.
"Doch die Geheimakten gelangten erst 2003 an
die Öffentlichkeit - 50 Jahre nach den Atomtests. Es ist hinreichend bekannt, dass Plutonium 239 in dieser Region unter freiem Himmel
gelagert wird. Die giftigen Stoffe werden vom
Wind in alle Richtungen getragen und von den
Menschen eingeatmet. Selbst unsere Nahrungsmittel aus dem Busch sind vergiftet", sagt
Lester. "Es ist erstaunlich, dass es dennoch
Menschen gibt, die behaupten, dass die Gebiete sicher seien und für den Tourismus entwickelt werden könnten."
Die Dekontaminierung der ehemaligen Atomtestgelände obliegt der Bundesregierung. Im
Interview mit ABC erklärte der Atomingenieur
und ehemalige Regierungsberater für die Entseuchung von Maralinga, Allan Parkinson, dass
nach wie vor mehr als 100 Quadratkilometer
mit Plutonium 239 kontaminiert seien und die
Halbwertzeit 24.000 Jahre betrage.
Lester zufolge muss die Regierung in die Verantwortung für die schlimmen Auswirkungen
des atomaren Erbes gehen. "Viele Menschen
sind sofort nach den Atomtests gestorben, andere leiden bis heute an chronischen Krankheiten, Krebs und Behinderungen. Ganz zu
schweigen von den seelischen, psychologischen
und sozialen Folgen und dem Schmerz, Angehörige sterben zu sehen. Die Atomtests haben unsere Kultur ausgehöhlt und unser Volk weiter
marginalisiert", erklärt sie.
Auch Anti-Atom-Aktivisten haben die verantwortlichen Staaten aufgefordert, dass sie für
die katastrophalen Folgen die Verantwortung
übernehmen und der Uranbergbau in Australien
eingestellt wird. Auf dem letzten ANFA-Treffen
war zu hören, dass 40.000 Magazine mit abgereichertem Uran als Waffen bei australischen
Militärübungen eingesetzt wurden.
"Die Regierung muss die erforderlichen Mittel
für die Untersuchung der Umweltschäden in
den Atomtest- und Falloutgebieten bereitstellen, sich bei den Aborigines entschuldigen, die
Betroffenen entschädigen und den 'Maralinga
Piling Trust' auf Vordermann bringen, damit
den Kranken geholfen werden kann", fordert
Lester.
Der Trust ist ein staatliches Gremium, das für
die Verwaltung und Auszahlung der Gelder zuständig ist, mit denen die Maralinga und die
traditionellen Landeigentümer des Landkreises
Spinifex dafür entschädigt werden sollen, dass
ihnen aufgrund der Atomtests der Zugang zu
ihren Gebieten versperrt bleibt. 
*IDN-InDepthNews ist Kooperationspartner von IPS Deutschland
Begleitbild:
Atomtestüberlebende Sue Coleman-Haseldine – Bild: Jessie Boylan
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD22-12-2014)
http://www.indepthnews.info/index.php/armaments/2293-survivors-aspire-for-a-world-free-ofnuclear-weapons
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IPS-Weltblick
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BLICKPUNKT
MENSCHENRECHTE: Kritik an Revision der Weltbank-Schutzbestimmungen
Von Carey L. Biron
Washington (IPS) – Mehr als zwei Dutzend UN-Sonderberichterstatter und unabhängige Experten
laufen derzeit Sturm gegen die laufende Revision der wegweisenden Umwelt- und Sozialschutzbestimmungen der Weltbank. Ihre Kritik entzündet sich vor allem an der Neudefinition der Rolle der
Menschenrechte in den Strategien der internationalen Finanzorganisation.
In einem am 16. Dezember veröffentlichten
Schreiben äußern die insgesamt 28 UNExperten ihre Befürchtung, dass die in
Washington ansässige Bank eine "Abwärtsspirale" in Gang setzen könnte, sollten die vorgeschlagenen Änderungen umgesetzt werden.
In dem von dem UN-Sonderbericht-erstatter für
Menschenrechte, Philip Alston, initiierten Brief
wird der Bank eine selektive Interpretation ihrer eigenen Satzung und internationalen Verpflichtungen vorgeworfen. In der revidierten
Fassung würden die Menschenrechte und internationalen Menschenrechtsbestimmungen wenn
überhaupt nur beiläufig erwähnt. "In den geplanten neuen Schutzklauseln der Bank werden
die Menschenrechte aus einer größtenteils negativen Perspektive dargestellt", heißt es in
dem Schreiben an den Präsidenten der Welt-
bankgruppe, Jim Yong Kim. Sollten sie in ihrer
derzeitigen Form übernommen werden, würden
sie eher zur Erhöhung der Kreditgebühren führen als positive Wirkungen entfalten.
Die Bretton-Woods-Organisation rühmt ihre
Schutzbestimmungen selbst als "Grundpfeiler
ihrer Unterstützung einer nachhaltigen Armutsbekämpfung". Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten werden diese Richtlinien nun überarbeitet. Doch als die Weltbank im Juli einen
Entwurf ihrer Änderungen veröffentlichte, hagelte es Proteste, auch aus den Reihen der Zivilgesellschaft: Die Bank wälze die Verantwortung für die Einhaltung bestimmter Sozial- und
Umweltstrategien auf die Kreditnehmer ab.
Außerdem würden die Leitlinien die kreditnehmenden Staaten von der Pflicht entbinden, gewisse Aspekte der Schutzklauseln zu beachten.
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IPS-Weltblick
6. Januar 2015
BLICKPUNKT
Ursprünglich sollte die Frist zur Sammlung der
Reaktionen auf die neuen Schutzbestimmungen
Ende des Jahres ablaufen. Doch nun wurde sie
bis Frühjahr 2015 verlängert.
Dass hochrangige UN-Vertreter in einem formellen Schreiben ihre Bedenken gegen die
neuen Richtlinien anmelden, ist ein für UNVerhältnisse ungewöhnlicher und deshalb bedeutender Vorgang. Die Unterzeichner seien
"zutiefst beunruhigt, dass die Bank die Uhr um
mindestens 20 Jahre zurückstellen will", so Alston. "Bestehende Standards sollen durch ein
System ersetzt werden, das die Verantwortung
für die Menschenrechte anderen aufbürdet."
Seit den 1970er Jahren versucht die Weltbank
sicherzustellen, dass sie mit ihrer Form der
Entwicklungszusammenarbeit Diskriminierungen oder Umweltschäden keinen Vorschub leistet. Allerdings hat die Institution niemals verbindlich festgelegt, dass die von ihr geförderten Projekte globalen Menschenrechtsstandards
entsprechen müssen. Dahinter steht vor allem
die Sorge, dass eine Politisierung der Kreditvergabe die Armutsbekämpfung erschwert.
Alston und andere Beobachter geben zu bedenken, dass die Menschenrechte nicht allein im
politischen Kontext betrachtet werden dürfen.
Eine nachhaltige Entwicklung ohne einen spezifischen Fokus auf die Einhaltung der Menschenrechte sei gar nicht möglich, heißt es. Einige
multilaterale Institutionen wie das UNEntwicklungsprogramm UNDP haben ihre Leitlinien explizit den internationalen Menschenrechtsgrundsätzen angepasst.
Die Weltbank steht zugleich unter einem zunehmenden Wettbewerbsdruck, da in jüngster
Zeit neue multilaterale Kreditvergabeorganisationen auf der internationalen Bühne erschienen sind. Etliche dieser Einrichtungen werden
von den schnell wachsenden Volkswirtschaften
wie China, Russland und Indien finanziert und
gelten, was ihre Sozial- und Umweltstandards
angeht, als weniger anspruchsvoll. In diesem
Zusammenhang sehen Experten wie Alston die
Bank aber umso mehr in der Pflicht, den Schutz
der Menschenrechte zu gewährleisten.
Die Führung der Weltbank hält entgegen, dass
sie in den letzten 20 Jahren stets die Wechselbeziehung zwischen Menschenrechtsschutz und
Entwicklungszusammenarbeit
berücksichtigt
hat. Stefan Koeberle, bei der Finanzorganisation für den Bereich Risikooperationen zuständig,
hebt in einer Erklärung hervor, dass die vorgeschlagenen Reformen über all das hinausgingen, was andere Entwicklungsbanken zum
Schutz der Menschenrechte zu bieten hätten.
Indes haben drei US-Parlamentarier die Regierung von Präsident Barack Obama auf die Gefahr hingewiesen, dass die überarbeiteten
Weltbankvorgaben "den bestehenden Schutz
verwässern" könnten. Ihre Kritik ist insofern
bedeutsam, als dass die USA der größte Anteilseigner der Weltbank sind. In einem Schreiben an US-Finanzminister Jacob Lew merken
sie an, dass eine im November vorgenommene
Evaluierung durch die Asiatische Entwicklungsbank (AsDB) bereits auf einige der genannten
Probleme hingedeutet habe.
Das Trio dringt auf eine Intervention der Regierung in Washington: "Das Finanzministerium hat
in der Vergangenheit erfolgreich Bündnisse angeführt, die regionalen und nationalen Entwicklungsbanken strengere Schutzklauseln abverlangten", geht aus dem Brief hervor. "Wir erwarten, dass das Ministerium in diesem Fall eine ähnliche Führungsrolle einnimmt, damit die
Schutzbestimmungen der Weltbank mindestens
so streng sind wie die der AsDB oder anderer
multilateraler Finanzinstitutionen." 
Bild:
Weltbankgebäude in Washington – Bild: commons.wikimedia.org
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD22-12-2014)
http://www.ipsnews.net/2014/12/changes-to-world-bank-safeguards-risk-race-to-the-bottom-u-nexperts-warn/
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IPS-Weltblick
6. Januar 2015
AFRIKA
AFRIKA: Ölpreisverfall setzt erdölabhängigen Volkswirtschaften zu
Von Thalif Deen
New York (IPS) – Der Niedergang der internationalen Erdölpreise gefährdet die fragilen Volkswirtschaften einer Reihe afrikanischer Staaten, deren Wachstum vom Öl abhängt. Zu den betroffenen
Ländern des weltärmsten Kontinents gehören Angola, Äquatorialguinea, Gabun, Nigeria und der
Sudan sowie Ägypten, Algerien und Libyen.
Wie Kwame Akonor, außerordentlicher Professor an der US-amerikanischen Seton-Hall-Universität in New Jersey,
gegenüber IPS berichtete, zeigen die jüngsten Entwicklungen wie
der Ausbruch von Ebola
und die sinkenden Erdölpreise, wie schwach
und unbeständig die
afrikanischen
Volkswirtschaften sind.
Als Beispiel nannte er
Sierra Leone und Liberia, zwei von Ebola besonders hart getroffene
Länder. Die Weltbank
hatte beiden Nationen noch 2012 bescheinigt,
die schnellst wachsenden Volkswirtschaften Afrikas südlich der Sahara zu sein.
Bisher gehören Algerien, Äquatorialguinea und
Gabun wegen ihrer Erdöl- und Erdgasfelder zu
Top-Wirtschaftsperformern. "Doch das Schicksal
dieser Länder wird sich aufgrund der vielfältigen Auswirkungen der Wirtschaftskrise zum Negativen wenden", prognostiziert der Experte,
Leiter des Universitätszentrums für Afrikastudien und der Denkfabrik 'African Development
Institute' mit Sitz in New York.
Der Erdölpreis ist von 107 US-Dollar pro Barrel
im Juni auf unter 70 Dollar Mitte Dezember gesunken. Für diese Entwicklung gibt es mehrere
Gründe wie die Zunahme der Ölproduktion in
den USA, die rückläufige globale Nachfrage, die
Verlangsamung der Weltwirtschaft und die positiven Auswirkungen von Umweltschutzmaßnahmen.
Doch auch geopolitische Gründe sind für den
fortdauernden Verfall der Erdölpreise verantwortlich. So unternimmt Saudi-Arabien,
einer der weltgrößten Ölproduzenten,
nichts, um die Talfahrt auszubremsen.
Vielmehr soll der saudische Ölminister Ali
Al-Naimi erklärt haben, keinen Anlass
für eine Drosselung
der Produktion zu sehen. Diese Äußerung
hat der Verschwörungstheorie Auftrieb
gegeben, dass SaudiArabien mit den USA eine Absprache getroffen
habe, um die US-Erzfeinde Russland, Iran und
Venezuela in die Knie zu zwingen.
Nicht nur Saudi-Arabien, auch andere Länder
der Region wie der Irak, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar und Oman
bekommen den Niedergang der Erdölpreise zu
spüren. Doch werden sie die Krise aufgrund ihrer Währungsreserven in Höhe von mehr als 1,5
Billionen Dollar Experten zufolge spielend überleben.
Anders die afrikanischen Länder, die ohnehin
schon mit Armut, Nahrungsmittelengpässen,
HIV/Aids und seit kurzem mit Ebola geschlagen
sind. Am stärksten ist Nigeria, die größte
Volkswirtschaft des Kontinents, betroffen. Das
Land verdankt dem eigenen Erdölreichtum nach
Schätzungen des 'Wall Street Journal' rund 80
Prozent seiner Einnahmen. Seit dem Niedergang der Erdölpreise hat die Landeswährung
Naira 15 Prozent ihres Wertes eingebüßt.
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Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
AFRIKA
Shenggen Fan, Generaldirektor des 'International Food Policy Research Institute' (IFPRI), sieht
in der derzeitigen Ölkrise allerdings nicht nur
einen Fluch. Immer dann, wenn die Erdölpreise
sinken, gehen auch die Agrarproduktionskosten
zurück, was sich wiederum positiv auf Nahrungsmittelpreise auswirkt. "Der derzeitige
Trend ist also gut für die globale Ernährung."
Gleichzeitig jedoch geht der Verfall der Erdölpreise mit herben Einnahmeverlusten einher.
Gerade für die erdölexportierenden Länder Afrikas sei dies eine schmerzhafte Erfahrung, so
Fan. Seine Empfehlung: "In Zeiten, in denen die
Erdölpreise hoch sind, sollten die Staaten einen
Teil ihrer Erdöleinnahmen zur Förderung des
Produktivsektors verwenden und Rücklagen bilden. Sind die Erdölpreise hingegen niedrig, sind
die Länder gut beraten, mit den angesparten
Rücklagen soziale Auffangnetze zu finanzieren."
Wie vielversprechend die Wirtschaftsprojektionen für Afrika auch sein mögen, Akonor zufolge
fehlt es der Region an starken ökonomischen
Fundamenten. "Der hohe Schuldenüberhang
und die Abhängigkeit von Rohstoff- und Mineralienexporten machen die afrikanischen Volkswirtschaften anfällig für Schocks und systemische Risiken."
Ein weiteres Problem sei der Mangel an Fachkräften, die ein nachhaltiges Wachstum erst
möglich machten. "Auch fehlt es an einer wirksamen Umsetzung von Entwicklungsstrategien
und Maßnahmen, die einen langfristigen strukturellen Übergang und genügend ausgebildetes
Fachpersonal sicherstellen", so Akonor. Eine
Möglichkeit, hier vorwärts zu kommen, sieht
der Experte in der regionalen Zusammenarbeit.
Dem Professor zufolge muss sich der Kontinent
auch dem Ausbau der Infrastruktur widmen.
Nach Angaben der Afrikanischen Entwicklungs-
bank (AfDB) sind 34 Prozent der afrikanischen
Straßen befestigt. In anderen Entwicklungsländern liegt der Anteil bei 50 Prozent. Lediglich
30 Prozent der Afrikaner haben Zugang zu
Strom. Zwischen 70 und 90 Prozent sind es in
anderen Staaten des Südens.
Akonor vermisst bei politischen Entscheidungsträgern und bei der Bevölkerung gleichermaßen
die Entschlossenheit, entwicklungsbezogene
Ideen umzusetzen. Afrika habe ein Jahrhundert
lang viele Programme und Projekte entwickelt,
ohne dass dies messbare Ergebnisse nach sich
gezogen hätte.
"Es ist nicht so, dass es an ehrgeizigen Entwicklungszielen mangelt, vielmehr fehlt es an dem
politischen Willen und an der nötigen Konsistenz, Koordination und Kohärenz auf subregionaler, regionaler und globaler Ebene, um den
dringend erforderlichen Strukturwandel herbeizuführen", fügt er hinzu. Afrika müsse den eigenen Erzeugnissen endlich einen höheren
Mehrwert verschaffen und die Produktpalette
diversifizieren.
Fan zufolge ist es wichtig, dass die Preise für
Nahrungsmittel inklusive der Rohstoffe, die für
die Nahrungsmittel verwendet werden, die tatsächlichen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kosten widerspiegeln. Nur auf diese
Weise könne sämtlichen Akteuren, die an der
Nahrungsmittelproduktion beteiligt seien, die
richtige Botschaft vermittelt werden.
"Sollte dies zu einem Anstieg der Nahrungsmittelpreise führen, müssen die sozialen Sicherheitsnetze greifen, um den armen Menschen
Afrikas kurzfristig unter die Arme zu greifen
und ihnen dabei zu helfen, dass sie sich auf
lange Sicht für produktivere Aktivitäten qualifizieren. Erst dann lässt sich Ernährungssicherheit gewährleisten." 
Begleitbild:
Soldaten bewachen ein Ölfeld in Paloug im südsudanesischen Bundesstaat Upper Nile – Bild: Jared
Ferrie/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD29-12-2014)
http://www.ipsnews.net/2014/12/falling-oil-prices-threaten-fragile-african-economies/
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Jahrgang 34 | Nr. 1
IPS-Weltblick
6. Januar 2015
AFRIKA
SIMBABWE: Millenniumsbildungsziel bleibt unerreicht
Von Jeffrey Moyo
Harare (IPS) – Simbabwe gehört zu den afrikanischen Staaten mit der höchsten Alphabetisierungsrate. Dennoch bleibt die universelle Grundschulbildung ein ferner Traum und wirft das Land in
dem Bemühen zurück, die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) zur Armutsbekämpfung fristgerecht bis Ende 2015 doch noch zu erreichen.
Das Bildungs-MDG, eines von acht UN-Zielen,
verlangt den Staaten ab, bis spätestens Ende
2015 allen Kindern den Zugang zu einer kostenfreien Primärbildung zu ermöglichen. Doch
mehr als 34 Jahre nach der Unabhängigkeit von
Großbritannien ist Simbabwe weit davon entfernt, dieses Ziel umzusetzen.
"Nach der Unabhängigkeit hatte die simbabwische Regierung zunächst den kostenfreien
Grundschulunterricht eingeführt, was zu Massenanmeldungen an den Schulen führte", erinnert sich Thabo Hlalo, ein ehemaliger Lehrer
aus der Provinz Midlands. "Ohne eine solche
kostenlose Primärbildung kommt es zu vorzeitigen Schulabbrüchen."
Die Abschaffung der Schulgebühren im Anschluss an die Unabhängigkeit 1980 wurde mit
den Jahren wieder rückgängig gemacht. Für
arme Familien bedeuten die Schulgebühren jedoch eine hohe finanzielle Belastung. Viele sehen sich außerstande, die Gebühren aufzubrin-
gen geschweige denn für Schuluniformen, Hefte und andere Kosten aufzukommen.
Anfang 2014 hatte Simbabwe die Ex-Kolonialmacht Großbritannien um finanzielle Hilfe gebeten, um den Grundschulabbruch von einer
Million Kinder zu verhindern. Das wirtschaftlich
angeschlagene Land sieht sich außerstande, das
BEAM-Schulförderprogramm für arme Kinder zu
finanzieren. Die britische Regierung hat zwar
über ihre Entwicklungsbehörde zehn Millionen
US-Dollar bereitgestellt, gleichwohl angedeutet, dass dies der letzte Beitrag sein könnte.
Simbabwes Bildungsminister Lazarus Dokora ist
ein rigoroser Befürworter von Schulgebühren.
Er soll einmal erklärt haben, dass Eltern, die
für das Schulgeld nicht aufkämen, vor Gericht
gehörten. Doch mindestens 95 Prozent der
Simbabwer haben in einem Referendum im
März 2013 für eine neue Verfassung gestimmt,
in der eine freie Grundschulbildung für alle
vorgesehen ist.
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6. Januar 2015
AFRIKA
Obwohl in Artikel 75 der neuen Verfassung das
Recht auf eine vom Staat getragene Grundschulbildung festgeschrieben ist, wird noch
immer vielen Kinder der Primärunterricht vorenthalten. Zu ihnen gehört der neunjährige
Tobias Chikota, der mit seiner Familie in Caledonia, einem Slum rund 30 Kilometer südöstlich
der Hauptstadt Harare, lebt. Er geht seit einem
Jahr nicht mehr zu Schule, "weil meine Eltern
arbeitslos sind und das Schulgeld nicht mehr
bezahlen können", weiß der Junge.
in den Grund- und weiterführenden Schulen gerade einmal 102.000 Lehrer zur Seite.
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werfen
der Regierung vor, bei der Zuweisung der
Haushaltsgelder nicht die richtigen Prioritäten
zu setzen. "Obwohl die Frist für die Umsetzung
des MDG-Ziels abläuft, verhält sich die Regierung, was die Finanzierung des Bildungssektors
angeht, widersprüchlich", meinen Bildungsexperten. "Dadurch wird die Umsetzung des Ziels
erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht."
"Dass immer mehr Kinder die Schulen verlassen
müssen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht
bezahlen können, ist eine Krankheit, die sich
von Jahr zu Jahr verschlimmert", meint der
Entwicklungsexperte Evans Dube. Es sei somit
unrealistisch damit zu rechnen, dass Simbabwe
das UN-Bildungsziel bis Ende 2015 erreiche.
Anfang 2014 hatte die simbabwische Regierung
für den Bildungshaushalt 2015 rund 919 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. "Leere Versprechen", meint dazu Catherine Mukwapati vom
'Youth Dialogue Action Network', einer ProDemokratie-Gruppe. "Die Ankündigung existiert, wie üblich, nur auf dem Papier."
Mit Hilfe des 'Education Transition Fund' (ETF)
des Weltkinderhilfswerks UNICEF konnten die
Grundschulen des Landes im Jahr 2010 mit 13
Millionen Schulbüchern ausgestattet werden.
Zwei Jahre später kam ein Bericht des parlamentarischen Bildungsausschusses zu dem
Schluss, dass die Lehrer in den ländlichen Gebieten hoffnungslos überfordert sind. Auf einen
Lehrer kommen demnach 60 Schüler. Dem Kinderhilfswerk 'Save the Children' zufolge stehen
mehr als 3,2 Millionen simbabwischen Kindern
Laut einem 2012 veröffentlichten UNICEFBericht über den Stand der Frauen- und Kinderrechte in Simbabwe verlassen mindestens
197.000 Schüler jedes Jahr die Grundschule
vorzeitig. Dieser Umstand ist nach Ansicht von
Entwicklungsexperten verantwortlich dafür,
dass Simbabwe das MDG Grundschulbildung für
alle bis Ende 2015 nicht erreichen wird.
Die Bildungskrise im Lande wurde auch durch
die Tatsache verschärft, dass 20.000 Lehrer auf
dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise in den
Jahren 2007 bis 2009 das Land verlassen haben.
Die extrem niedrigen Gehälter haben der
Lehrergewerkschaft PTUZ zufolge die Arbeitsmoral der Pädagogen und somit die Bildungsqualität ausgehöhlt. Ein Lehrer verdient in Harare durchschnittlich 400 Dollar im Monat. Als
arm gelten jedoch bereits fünfköpfige Familien, denen monatlich weniger als 511 Dollar
zur Verfügung stehen.
"Dass Simbabwe das Bildungs-MDG nicht erreichen wird, hat mit den miserablen Gehältern
der Lehrer zu tun", versichert der PTUZ-Generalsekretär Raymond Majongwe. "Angesichts
der Tatsache, dass es bis Ablauf der Frist nur
noch zwölf Monate sind, ist eine universelle
Grundschulbildung unwahrscheinlich." 
Begleitbild:
In Simbabwe kommt es häufig vor, dass Kinder die Grundschule nicht beenden – Bild: Jeffrey
Moyo/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD02-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2014/12/for-zimbabweans-universal-education-may-be-an-unattainablegoal/
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6. Januar 2015
AFRIKA
SAMBIA: Teenager für HIV/Aids-Aufklärung übers Handy
Von Mercedes Sayagues
Lusaka (IPS) – 'U-Report' kann sich vor SMS kaum retten. Durchschnittlich 600 Anfragen pro Tag gehen bei dem sambischen HIV/Aids-Beratungsdienst ein. Die Teenager am anderen Ende der Leitung
wollen beispielsweise wissen, ob sie auch ohne die Zustimmung der Eltern einem Aidstest machen
können. Ein Mädchen, von seinem Freund verunsichert, fragt an, ob es stimmt, "dass ich Krebs bekommen kann, wenn wir Kondome benutzen".
U-Report füllt eine alarmierend große Informationslücke: Nur ein Drittel der sambischen Jugendlichen im Alter von 15 bis 19 Jahren verfügt über umfangreiche HIV/Aids-Kenntnisse.
Schätzungsweise 100.000 Angehörige dieser Altersgruppe sind HIV-positiv. Hinzu kommen die
vielen Teenager, die gar nicht wissen, dass sie
das Virus bereits in sich tragen, was wiederum
bedeutet, dass sie die lebensverlängernden antiretroviralen Medikamente nicht einnehmen.
"Junge Menschen infizieren sich, weil sie nicht
über HIV Bescheid wissen", meint der 21jährige Bright Kaoma. Er moderiert ein Programm über die Immunschwächekrankheit im
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6. Januar 2015
AFRIKA
'Panafrican Radio' in der sambischen Hauptstadt
Lusaka.
An einem Samstag brachte die Sendung den OTon eines Zwölfjährigen, der den Bedarf an innovativen Ansätzen der HIV/Aids-Aufklärung
besonders gut verdeutlichte.
"Wer will schon in eine Klinik gehen, um sich
dort über HIV zu informieren?", fragte der Junge mit Namen Maxwell Simbuna. "Das ist doch
langweilig! WhatsApp ist doch viel lustiger!"
Kulturelle Tabus halten Eltern meist davon ab,
mit ihren Kindern über Sex zu sprechen. Auf einem Treffen, an dem 25 Heranwachsende teilnahmen, gab es nur vier, bei denen dies anders
war.
In den zwei Jahren, seit U-Report existiert, haben mehr als 49.000 Menschen, in sechs von
zehn Fällen junge Männer, den Beratern des
Dienstes eine Frage gestellt. Insgesamt sind
105.000 Personen als User registriert.
U-Report, der auf die Software von 'BongoHive',
dem Innovationszentrum in Lusaka zurückgreift, und vom Weltkinderhilfswerk UNICEF
unterstützt wird, deckt derzeit die sambische
Hauptstadt und die Industrieregion Copperbelt
ab.
In Kürze soll der Service landesweit zugänglich
sein, wie der Softwareentwickler Andrie Lesa
im IPS-Gespräch erklärt.
Das Konzept macht bereits außerhalb des Landes Schule. So ist UNICEF derzeit dabei, es in
Liberia als Ebola-Informations-Tool einzusetzen.
Im Callcenter in Lusaka arbeiten 23 Berater in
Schichten rund um die Uhr. Doch die Anfragen
kommen nicht ausschließlich von Teenagern,
sondern auch von Eltern, die sich bei den Experten Rat suchen, um die Fragen ihrer Kinder
zum Thema HIV/Aids beantworten zu können.
Wie Umfragen von U-Report zeigen, lassen sich
40 Prozent der User-Gemeinde auf HIV/Aids
testen. Ebenso vielversprechend ist die Bereitschaft, sich an U-Report-Umfragen zu Themen
wie Jugend und HIV/Aids zu beteiligen. Dann
gehen bei U-Report sogar um die 1.000 SMS pro
Tag ein.
"Was ich von U-Report lerne, hilft mir, anderen
zu helfen", sagt ein junger Mann, der seinen
Namen nicht nennen will. Sieben seiner Angehörigen seien HIV-positiv: sein Vater, der wiederum zwei seiner vier Frauen angesteckt habe, und vier seiner Kinder im Alter zwischen
drei und 27 Jahren.
"Für meine jüngeren Geschwister bin ich der
Wissensvermittler", betont der 21-Jährige stolz.
Er gehört zu den 84 Prozent aller Sambier, die
im Besitz von Mobiltelefonen sind. Der Zugang
zum Internet in dem Binnenstaat im südlichen
Afrika beschränkt sich hingegen auf 14 Prozent.
Handys sind somit besonders geeignet, um
möglichst viele Menschen zu erreichen. 
Begleitbild:
Aids-Prävention geht häufig an jungen Frauen im östlichen und südlichen Afrika vorbei – Anfragen
via Handy können hier Abhilfe schaffen – Bild: Mercedes Sayagues/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD30-12-2014)
http://www.ipsnews.net/2014/12/sms-for-healthy-aids-free-babies/
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ASIEN-PAZIFIK
INDIEN: Katastrophenschutzstudium am 'Zyklon-College'
Von Stella Paul
Nemmeli, Indien (IPS) – Auch nach einem Jahrzehnt erinnert sich der Fischer Raghu Raja aus dem
südindischen Küstendorf Nemmeli noch haargenau an den Tag, als er dem verheerenden Tsunami
entkam. An dem ruhigen Morgen des 26. Dezember sah er eine Wand aus Wasser wie in Zeitlupe
auf sich zukommen. In Panik rannte Raja, damals noch ein Teenager, zu dem nahegelegenen zweistöckigen Gebäude, das bei Wirbelstürmen Schutz bieten soll. Von dort aus beobachtete er fassungslos, wie die Wogen sein Dorf unter sich begruben.
"Ich wusste damals nicht, was mit dem Meer los
war", sagt der 27-Jährige heute. Später erfuhr
er, dass die Katastrophe durch ein Seebeben
ausgelöst worden war. Dieses Wort hatten die
rund 4.300 Einwohner der Ortschaft Nemmeli
bis dahin noch nie gehört.
Alle Häuser in Küstennähe wurden durch die
Riesenwelle zerstört. Allein in Rajas Nachbarschaft waren es 141. Seit 2011 ist in dem
Schutzgebäude, das Raja das Leben rettete, ein
staatliches Bildungszentrum untergebracht, an
dem das notwendige Wissen über Naturkata-
strophen und Schutzmaßnahmen vermittelt
wird.
Eines der vordringlichsten Ziele der Einrichtung
besteht darin, den jungen Leuten Wege aufzuzeigen, wie sie die Küstenregionen resilient gegen Naturkatastrophen machen können. In Zusammenarbeit mit der Universität von Madras
bietet das Zentrum Collegeabschlüsse in Wirtschaft, Naturwissenschaften und Katastrophenschutz an. Raja, der inzwischen verheiratet und
Vater zweier Kinder ist, brach die Schule nach
der zehnten Klasse ab. Nun wünscht er sich,
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ASIEN-PAZIFIK
dass sein Nachwuchs einmal dieses College besuchen kann, wie dies zwei Kinder seines Fischerkollegen Varadaraj Madhavan tun. Dessen
22-jährige Tochter Vijaya Lakshmi hat an dem
'Zyklon-College' bereits ihren Abschluss gemacht und der 18-jährige Sohn Dilli Ganesh
wird im nächsten Jahr seine Prüfungen ablegen.
Während der drei Studienjahre beschäftigte
sich Lakshmi mit Englisch, Computeranwendungen und Katastrophenmanagement. Zu ihren
wichtigsten Arbeiten gehörte die Erstellung einer Risikokarte. Die Landkarte, die die Studentin nach einer intensiven Untersuchung des
Dorfes, der Küstengebiete und Bodenstruktur
angefertigt hatte, zeigt, wo die Schwachstellen
liegen.
"Das ist der Status in Echtzeit", sagt Ignatius
Prabhakar von der Hilfsorganisation 'SEEDS India', die Dorfgemeinschaften auf den Umgang
mit Naturkatastrophen vorbereitet. "Mit verschiedenen Farben werden unterschiedliche
Typen von Stürmen und Gefahrenstufen markiert", erklärt er. Die Karte, die alle drei Monate auf den neuesten Stand gebracht wird, soll
die Bevölkerung mit den Risiken vertraut machen.
Nemmeli besteht aus sieben Ortsteilen. An jedem einzelnen Eingang ist eine Risikokarte angebracht. Für Lakshmi war das Projekt, das sie
zusammen mit angehenden Ingenieuren entwickelt und durchgeführt hat, eine wertvolle Erfahrung.
"Ich habe viel über unser Dorf und die Umgebung gelernt. Unter anderem habe ich erfahren, wie der Verlust von Sanddünen und wilde
Müllhalden die Überschwemmungsgefahr erhöhen. Und ich weiß nun, wie man sich im Kata-
strophenfall verhalten muss und Evakuierungen
durchführt", sagt die junge Frau, die auch Mitglied einer Bürgerallianz für Katastrophenschutz ist.
Wie der College-Gründer Ramaswamy Krishnamurty, Professor an der Universität von Madras,
berichtet, war die Einrichtung des Zentrums ein
hartes Stück Arbeit. Ab 2011 sollte das College
den Betrieb aufnehmen, so hatte es die Regierung des Bundesstaates beschlossen. Doch im
Sommer des gleichen Jahres waren weder das
Gebäude noch das dafür erforderliche Baugrundstück vorhanden. Nach intensiver Lobbyarbeit wurde Krishnamurty schließlich das
Katastrophenschutzgebäude zugewiesen.
Der nächste große Schritt bestand darin, die
Bewohner der Dörfer davon zu überzeugen, ihre Kinder dorthin zu schicken. "Um Studenten
anzuwerben, mieteten wir eine motorisierte
Rikscha und befestigten einen Lautsprecher auf
dem Dach", erinnert sich Krishnamurty, bis vor
kurzem der College-Direktor. Im ersten Jahr
schrieben sich 60 junge Leute ein. Inzwischen
studieren hier 411 Frauen und Männer.
Die 23-jährige Sukanya Manikyam gehörte zu
den Studierenden der ersten Stunde. Sie hat
kürzlich ihren Abschluss gemacht und will sich
nun weiter spezialisieren. "Später möchte ich
an der Hochschule unterrichten", sagt sie.
Laut Krishnamurty schreitet die Bodenerosion
seit dem Tsunami 2004 erheblich voran. Die
Topografie des Meeresgrundes verändert sich,
die Sanddünen verschwinden und die Häuser
sinken in den Boden ein. Immer mehr Dorfbewohner verlieren ihr Dach über dem Kopf und
müssen sich anderswo eine neue Bleibe suchen.
"So ist es, wenn man zum Klimaflüchtling wird"
erklärt er. 
Begleitbild:
Zwei Fischerinnen am Strand des südindischen Küstendorfes Nemmeli – Bild: Stella Paul/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD23-12-2014)
http://www.ipsnews.net/2014/12/cyclone-college-raises-hopes-dreams-of-indias-vulnerablefisherfolk/
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ASIEN-PAZIFIK
PAKISTAN: Ruf nach Repatriierung afghanischer Flüchtlinge
Von Ashfaq Yusufzai
Peshawar, Pakistan (IPS) – In Pakistan leben Schätzungen zufolge bis zu drei Millionen Flüchtlinge
aus Afghanistan. Diejenigen, die erst vor kurzem in das südasiatische Land gekommen sind, harren
in Behelfsunterkünften aus. Andere, die vor Jahrzehnten eingewandert sind, haben sich als kleine
Ladenbesitzer eine eigene Existenz aufgebaut.
Ob nun der Krieg oder die Arbeitslosigkeit in
der Heimat den Ausschlag für die Anwesenheit
so vieler Afghanen in Pakistan gegeben haben:
Die Flüchtlinge in den pakistanischen Stammesgebieten sehen sich neuerdings von Razzien
bedroht, die das Ziel verfolgen, 'Illegale' aufzuspüren und abzuschieben.
Beim Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) in Pakistan sind derzeit
rund 1,6 Millionen Afghanen als Flüchtlinge registriert. Hinzu kommen doppelt so viele, die
sich illegal in dem südasiatischen Land und vor
allem in den pakistanischen Stammesgebieten
unter Bundesverwaltung (FATA) an der afghanischen Grenze aufhalten sollen.
Die meisten dieser Flüchtlinge waren vor den
Sowjets geflohen, die 1979 in Afghanistan einmarschierten. Inmitten des kriegsbedingten
Chaos trieb es Millionen Afghanen in einer ersten Flüchtlingswelle über die 2.700 Kilometer
lange afghanisch-pakistanische Grenze.
Den Neuankömmlingen fiel die Assimilierung in
den FATA und in der ehemaligen NordwestGrenzprovinz, dem heutigen Khyber Pakhtunkhwa (KP), nicht schwer: Sowohl die Paschtunen
Afghanistans als auch die Punjabi, die pakistanische
Mehrheitsbevölkerung,
sprechen
Paschtu. Doch im Verlauf der Jahrzehnte sind
die Beziehungen zwischen Lokalbevölkerung
und Zuwanderern, die für den Anstieg der Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Militanz in der
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6. Januar 2015
ASIEN-PAZIFIK
Region verantwortlich gemacht werden, merklich abgekühlt.
schoben werden sollten. Allein in seiner Provinz
leben eine Million Afghanen.
Der Terroranschlag vom 16. Dezember auf eine
Schule in Peshawar, der 132 Kindern das Leben
kostete, hat das Verhältnis weiter belastet. Afghanen werden beschuldigt, sich den Taliban
und anderen militanten Gruppierungen anzuschließen, die straffrei in der Region ihr Unwesen treiben. Am 19. Dezember, drei Tage nach
dem Massaker, berief der KP-Chefminister
Pervez Khattak eine außerordentliche Kabinettssitzung ein, auf der er die unverzügliche
Abschiebung aller afghanischen Flüchtlinge verlangte. Zur Begründung hieß es, der Anschlag
sei von Afghanistan aus geplant worden.
Der Polizeioffizier Khalid Khan berichtet von
etwa 100 Festnahmen pro Tag. "Jedes Haus
wird durchsucht", erklärte er gegenüber IPS.
Afghanen, die in den reichen Stadtteilen von
Peshawar lebten, müssten mit Ermittlungen im
Zusammenhang mit dem Verstoß gegen das
Aufenthaltsrecht rechnen.
Mit seiner Forderung spricht Khattak vielen Pakistanern im Norden aus der Seele, nachdem
die US-Besatzung Afghanistans im Jahr 2001 die
zweite Emigrationswelle nach Pakistan auslöste
und den pakistanischen Stammesgebieten eine
Ära des Terrorismus mit 50.000 Toten brachte.
Nach einer hitzigen landesweiten Debatte wurde aufenthaltsberechtigten Afghanen ein Bleiberecht bis Ende 2015 zugesichert. Der vorherige Plan, die afghanischen Flüchtlinge Ende
2013 zu repatriieren, war an den damit verbundenen Kosten gescheitert. So hätte die internationale Gemeinschaft mehr als eine Milliarde US-Dollar für die Umsiedlung bereitstellen
müssen.
Doch angesichts der Untätigkeit der pakistanischen Zentralregierung wollen nun die Lokalbehörden selbst aktiv werden und nach Afghanen ohne Papiere fahnden, um sie des Landes
zu verweisen.
"Etwa 80 Prozent der Verbrechen, die in Khyber
Pakhtunkhwa begangen werden, gehen auf das
Konto von Afghanen", meint der Informationsminister der Provinz, Mushtaq Ghani. "Sie sind
in Morde und Lösegelderpressungen verwickelt.
Sie tauchen nach den Verbrechen ab, sodass
wir sie nicht finden können." Ghani ist der Meinung, dass diejenigen, die beim UNHCR registriert sind, in Auffanglagern leben sollten und
alle Menschen ohne Papiere ausnahmslos abge-
Terroranschläge und Kriminalität sind nicht die
einzigen Probleme, für die Afghanen verantwortlich gemacht werden. Händler und Unternehmer in der Provinz klagen über Einbußen,
für die sie illegale Aktivitäten afghanischer
Flüchtlinge verantwortlich machen. Auch weisen sie darauf hin, dass die hohe Konzentration
an Flüchtlingen die Mietpreise in exorbitante
Höhen getrieben habe.
Nach Aussagen von Ghulam Nabi, Vizevorsitzender der KP-Kammer für Handel und Industrie, gibt es in Peshawar zwischen 10.000 und
20.000 Läden, die von Afghanen geführt werden. Da sie nicht als reguläre Geschäftsleute
anerkannt seien, müssten sie weniger Steuern
zahlen als die pakistanischen Unternehmer. Die
Kammer fordert deshalb von der pakistanischen
Bundesregierung die Repatriierung der Afghanen.
Außer den Millionen Afghanen gibt es in Khyber
Pakhtunkhwa auch zahlreiche pakistanische
Binnenflüchtlinge. Bei den meisten der Vertriebenen handelt es sich um Einwohner des Verwaltungsbezirks Nord-Waziristan, in dem die
pakistanische Armee im letzten Sommer eine
Militäroffensive zur Bekämpfung der Rebellen
gestartet hat.
Abdullah Khan, Professor an der Universität von
Peshawar, berichtet, dass mittlerweile zwei
Millionen vertriebene Pakistaner aus den Nachbarprovinzen in Khyber Pakhtunkhwa untergekommen seien. Die meisten lebten in provisorischen Zeltstädten im Bezirk Bannu.
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6. Januar 2015
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Khan zufolge hat die graduelle Rückkehr zur
Demokratie in Afghanistan den Weg für eine sichere Heimkehr der afghanischen Flüchtlinge
geebnet. Er und andere Experten und Behördenvertreter stimmen darin überein, dass es
keinen Grund mehr gibt, dass Pakistan so viele
Menschen
aus
dem Nachbarland beherbergt
– zumal das 180
Millionen
Einwohner zählende Land selbst
genügend eigene Probleme zu
bewältigen hat.
Wie die ehemalige Kricketlegende
Imran
Khan am 18.
Dezember
erklärte, dessen
Partei 'Pakistan
Tehreek-e Insaf'
('Pakistanische Bewegung für Gerechtigkeit')
die Regierungsgeschäfte in Khyber Pakhtunkhwa führt, mangelt es an einem wirksamen
Flüchtlingskontrollsystem. " Die Regierung stattet am Grenzposten Torkham jeden Tag 500
Afghanen mit pakistanischen Visa aus. Insgesamt passieren jedoch 15.000 bis 20.000 Afghanen pro Tag die Grenze", betonte er. Torkham
ist ein größerer Grenzübergang, der die afghanische Provinz Nangarhar mit den FATA verbindet.
Doch inzwischen ist die Polizei in Khyber
Pakhtunkhwa dazu übergegangen, die Mobiltelefone von Afghanen zu blockieren und Schritte
zu unternehmen, um die Bewegungsfreiheit von
Afghanen einzuschränken, die gegen ihren VisaStatus verstoßen.
Die Afghanen selbst weisen die gegen sie erhobenen Vorwürfe als haltlos zurück. Zudem gibt
es viele, die seit
Generationen in
Pakistan leben
und das Land als
ihre
Heimat
empfinden. Andere haben einfach nur Angst
davor, heimzukehren, weil sie
nicht
wissen,
was sie dort erwartet.
Gul Jamal, ein
älterer Afghane,
berichtet, dass
seine
Familie
liebend gern in
die alte Heimat zurückkehren würde, wäre die
Situation vor Ort nicht so "desolat". Es gebe
keine Bildungsmöglichkeiten, keine Gesundheitsversorgung, keine Jobs, keinen Strom. Die
Pakistaner bittet er deshalb um Mitgefühl.
In einem IPS-Interview erklärte der Minister für
die Bundesstaaten und Grenzregionen, Abdul
Qadir Baloch, dass die anerkannten afghanischen Flüchtlinge, wie mit dem UNHCR vereinbart, bis Ende 2015 bleiben dürfen. "Bisher gibt
es keinen Fall, dass registrierte afghanische
Flüchtlinge in Terroranschläge verwickelt waren", fügte er hinzu. "Wir werden sie nicht gegen ihren Willen zurückschicken." 
Begleitbilder:
In Pakistan leben etwa drei Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan – Bild: Ashfaq Yusufzai/IPS
In der Hauptstadt der nordpakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa haben es 10.000 bis 20.000
afghanische Flüchtlinge zu Ladenbesitzern gebracht – Bild: Ashfaq Yusufzai/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD02-01-2015)
http://www.ipsnews.net/2015/01/pakistans-tribal-areas-demand-repatriation-of-afghanrefugees/
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PAPUA-NEUGUINEA: Erst Klarheit, dann Versöhnung
Von Catherine Wilson
Sydney, Australien (IPS) – 13 Jahre ist es her, dass der Bürgerkrieg auf Bougainville zu Ende ging.
Doch die 300.000 Menschen, die auf der autonomen Insel östlich des Festlands von PapuaNeuguinea (PNG) leben, sind noch immer traumatisiert. Damit die Wunden heilen und Versöhnung
und Entwicklung in den lokalen Gemeinden Einzug halten können, will die Regierung nun zur Klärung des Schicksals der Verschwundenen beitragen.
Wie Nick Peniai, Leiter der Behörde für Frieden
und Versöhnung der autonomen Regierung von
Bougainville, betont, müssen die Familien endlich Klarheit erlangen,
was mit ihren Angehörigen in dem zehnjährigen
bewaffneten
Konflikt geschah. Erst
wenn die Leichen gefunden,
geborgen,
identifiziert und ihren
Angehörigen
übergeben würden, sei an eine Versöhnung zu denken.
Doch Peniai zufolge
werden die Täter nur
dann reden, wenn sie
sich sicher sein können, dass sie für die
begangenen
Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Deshalb geht es bei der im September bekannt
gegebenen Regierungsinitiative nicht um die
Bestrafung der Verantwortlichen, sondern um
die Suche, Exhumierung und Identifizierung der
Opfer.
Die strafrechtliche Verfolgung der Täter sei
ebenso wenig geplant wie die Anerkennung von
Entschädigungsforderungen. Patricia Tapakau,
die Vorsteherin einer Ortschaft, die in der Nähe
der Panguna-Kupfer-mine liegt, begrüßt den
Vorstoß. Die Ausbeutung der Kupferreserven,
einst ein wichtiger Devisenbringer von PNG,
hatte den Menschen unermessliches Leid zugefügt. Nicht nur, dass ihnen gewohnheitsrechtlich genutztes Land genommen wurde, auch die
Umwelt wurde verseucht und die soziale Ungleichheit nahm zu.
1989 erhoben sich indigene Milizen gegen die
Bergbauaktivitäten
der australischen Firma 'Bougainville Copper Ltd.'. 1990 verhängte die Regierung
von PNG eine Blockade über die Insel, die
erst 1998, mit dem Inkrafttreten des Waffenstillstands, wieder
aufgehoben wurde.
Es gibt bis heute keine
gesicherten
Zahlen
über den Verlust von
Menschenleben im Zuge des bewaffneten
Konflikts zwischen den
Rebellen und dem Militär von PNG. Schätzungen zufolge könnten es
20.000 sein. Der indigene Aufstand erzwang die
Schließung der Mine. Auch heute noch suchen
viele Familien nach ihren verschwundenen Angehörigen,
wie
das
UNMenschenrechtshochkommissariat (OHCHR) bestätigt. Die quälende Ungewissheit lasse die
Menschen und Gemeinden nicht zur Ruhe kommen und sorge für einen Zustand latenter Hoffnungslosigkeit, heißt es.
"Wir sind wirklich dringend auf Versöhnung angewiesen. Wir müssen die im Dschungel verscharrten Leichen finden, ausgraben und sie im
Kreis ihrer Angehörigen beerdigen", wird der
Dorfvorsteher von Guava in einem Bericht von
'Jubilee Australia' zitiert.
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6. Januar 2015
ASIEN-PAZIFIK
Unmittelbar nach dem Friedensschluss vor 13
Jahren sei es nicht möglich gewesen, an Informationen über den Verbleib der Verschwundenen zu kommen, zu groß sei die Angst der
Überlebenden gewesen, um nach ihren vermissten Angehörigen zu suchen. Und die Täter
hätten ihrerseits aus Angst, zur Rechenschaft
gezogen zu werden, geschwiegen.
Peniai hält nun jedoch den Zeitpunkt für gekommen, das düstere Kapitel der Vergangenheit zu schließen. Inzwischen seien die Menschen eher bereit, über die damaligen Geschehnisse zu sprechen.
Die UN-Konvention gegen Verschwindenlassen
stärkt die internationalen Menschenrechtsgesetze, die die Kriegsparteien einschließlich Regierungen, reguläre Streitkräfte und bewaffnete Gruppen dazu verpflichtet, bei der Auffindung vermisster Personen oder ihrer sterblichen Überreste zu helfen.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz
(IKRK) unterstützt die Regierungsinitiative von
PNG. "Die Familien Verschwundener sind auch
Jahre nach dem Konflikt auf psychosoziale und
medizinische Hilfe angewiesen", unterstreicht
Gauthier Lefèvre, der Leiter der IKRK-Mission in
PNG. "Vielen dieser Menschen fällt es in Ermangelung sozialer Netzwerke auch schwer, sich
wirtschaftlich über Wasser zu halten."
Das IKRK, das in vielen Ländern wie BosnienHerzegowina, im Irak und Iran und in Kroatien
Versöhnungsbemühungen unterstützt, hält solche Maßnahmen für entscheidend, um den
Menschen dabei zu helfen, Hass und Misstrauen
zu überwinden. Blieben sie aus, werde das
Trauma an die nächsten Generationen weitergegeben, was bei den Betroffenen ein Gefühl
latenter Ohnmacht und Ungerechtigkeit wecke.
Die Leitana-Nehan-Frauenentwicklungsagentur,
eine lokale Nichtregierungsorganisation, macht
die bislang unbewältigten Traumata für das hohe Ausmaß an Alkoholmissbrauch und Gewalt
gegen Frauen seit dem Ende der 'BougainvilleKrise' verantwortlich. Allein in den drei Monaten April, Juli und August 2010 wurden der Polizei von Bougainville 84 Sexualdelikte, 261 Fälle familiärer Gewalt und 16 Übergriffe auf Kinder gemeldet.
Die Rückgabe der sterblichen Überreste der
Verschwundenen hat das OHCHR als den notwendigen Schritt bezeichnet, um den Heilungsprozess abzuschließen, Verzeihen und Rehabilitation zu ermöglichen und den Wiederaufbau in
Gang zu bringen. "Sie ist die Grundvoraussetzung, um mit der Vergangenheit abschließen zu
können, den psychologischen Genesungsprozess
in Gang zu bringen und in einigen Fällen rechtliche Angelegenheiten wie Landeigentum und
Erbfolge klären zu können", betont Lefèvre.
"Eine solche Entwicklung wird zweifellos positive Folgen für die menschliche und soziale Entwicklung in den Post-Konflikt-Zonen haben."
Der Friedensprozess in Bougainville wird seit
2001 von den Vereinten Nationen und internationalen Gebern unterstützt. Doch die autonome Region steht noch immer vor horrenden
Entwicklungsproblemen. Die Lebenserwartung
liegt dort bei durchschnittlich 59 Jahren. Die
Sterblichkeitsrate bei Kindern bis zum fünften
Lebensjahr beträgt 74 pro 1.000 Lebendgeburten. Den internationalen Durchschnittswert
gibt das Nationale Forschungsinstitut mit 46 pro
1.000 an.
Im zentralen Bougainville, wo der Bürgerkrieg
seinen Anfang nahm, haben 56 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. 95 Prozent, so die internationale Hilfsorganisation 'World Vision', sind sanitär unterversorgt. 
Begleitbild:
Fischverkauf am Meer im Norden von Bougainville – Bild: Catherine Wilson/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD23-12-2014)
http://www.ipsnews.net/2014/12/seeking-closure-bougainville-confronts-ghosts-of-civil-war/
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LATEINAMERIKA u. KARIBIK
LATEINAMERIKA: 'Böden sind Verbündete'
Von Marianela Jarroud
Santiago (IPS) – Lateinamerika und die Karibik verfügen über die größten landwirtschaftlich nutzbaren Flächen der Welt. Gleichzeitig kommt es dort zu 14 Prozent der weltweiten Landverödung.
Das Anfang Dezember ausgerufene UN-Jahr des Bodens 2015 bietet nun Gelegenheit, in der Region
für bodenschonende Anbaumethoden zu werben, die für die Ernährungssicherheit unerlässlich
sind.
"Nur ein intaktes Erdreich bringt Nahrungsmittel hervor", betonte Raúl Benítez, Regionaldirektor der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO.
Um einen Zentimeter gesunden Boden zu generieren, bedarf es 1.000 Jahre, um ihn zu zerstören, nur einige Sekunden."
Trotz der immensen Bedeutung, die die Krume
für die Ernährung der Menschheit spielt, sind 33
Prozent der Böden des Planeten Erde degradiert. Das zeigt sich in einer abnehmenden
Pflanzendecke und Bodenfruchtbarkeit, verschmutzten Böden und Gewässern und mageren
Ernten.
Innerhalb Lateinamerikas und der Karibik ist
die Bodenerosion in Zentralamerika und im Süden Mexikos am stärksten ausgeprägt. Dort sind
bereits 26 Prozent der Böden degradiert. Nach
FAO-Angaben konzentriert sich die Landverödung in der Region zu 40 Prozent auf vier
Staaten. In 14 Ländern sind bereits zwischen 20
bis 40 Prozent der Flächen erodiert. In den am
stärksten betroffenen Weltregionen sind Hunger und Armut am größten.
Am 5. Dezember hatte die FAO zusammen mit
der Weltgemeinschaft und dem UN-Wüstensekretariat das Internationale Jahr des Bodens
2015 als Teil der 'Globalen Bodenpartnerschaft'
ausgerufen.
"Lateinamerika ist sich der besonderen Rolle
bewusst, die Böden im Kampf gegen den Hunger spielen", versicherte Benítez im FAORegionalbüro in Santiago. Er wies darauf hin,
dass Lateinamerika die größten Fortschritte bei
der Ernährungssicherheit gemacht habe. Die
Region weise die meisten Länder auf, die das
erste der insgesamt acht im Jahr 2000 international vereinbarten Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) – die Halbierung von Hunger und
Armut – erreicht haben.
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Dem Bericht über den Stand der Ernährungssicherheit 2014 zufolge ist die Zahl der hungernden Menschen in Lateinamerika und der Karibik
von 15,3 Prozent im Zeitraum 1990 bis 1992 auf
6,1 Prozent 2012 bis 2014 gefallen. "Aus diesem
Grund habe ich keinen Zweifel daran, dass das
Internationale Jahr der Böden die Aufmerksamkeit der Regierungen, Organisationen und Bevölkerung auf sich lenken wird. Lateinamerika
wird sich sicherlich der Herausforderung stellen
und in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen
der Region handeln."
Das regionale FAO-Büro hat Allianzen mit mehreren Organisationen geschmiedet, die an einer
Wiederherstellung der Böden arbeiten. Das in
Chiles Gemeinde Estacón Central aktive 'Centro
Comunal de Medio Ambiente Naturaleza Viva'
im Westen von Santiago gehört dazu.
Die Zentrumsleiterin María Contreras hat eine
Initiative zur Wiederherstellung von 40 Hektar
Land in der Kommune Maipú im Westen der
Hauptstadt Santiago gestartet, wo in 1980er
und 1990er Jahren der Müll sämtlicher Hauptstadtbezirke abgeladen worden war. "Wir konnten bisher zehn Hektar Land sanieren. Wir haben Bäume gepflanzt, und die Regionalregierung hat dort Sicherheitsleute abgestellt und
sorgt für die Bewässerung", berichtet Contreras. "Weitere 20 Hektar sollen ebenfalls urbar
gemacht werden."
Das auf diese Weise gerettete Gebiet ist heute
als die 'Wälder von Chuchunco' bekannt. Chuchunco bedeutet in der Sprache der MapucheIndianer 'zwischen den Gewässern'. "Das Experiment ist aus der Not geboren", berichtet die
Zentrumsleiterin. "Ohne unsere Böden würden
wir alle zugrunde gehen."
Vor 30 Jahren hätte Maipú Santiago mit frischem Gemüse versorgt. 2012 hatte die FAO
dort den Bau eines kleinen Treibhauses finanziert. "Inzwischen produzieren wir dort Saatgut", betont Contreras und fügt hinzu, dass es
wichtig sei, die sozialen Netzwerke zu stärken
und mehr Menschen zum Schutz der Böden zu
animieren. Zudem sei es wichtig, an den Schulen Umweltunterricht zu geben und Nachhaltigkeitsprojekte zu starten. "Wir möchten, dass
Kindern ein grundlegendes Umweltwissen vermittelt wird und wir sie zu verantwortungsvollen Bürgern erziehen."
Ein weiteres Experiment, um fruchtbare Böden
zu gewinnen, war die Einführung der ersten roten kalifornischen Kompostwürmer im Jahre
1980. Diese führte in Chile zur Gründung des
Zentrums zur Erforschung und Entwicklung der
Vermikultur (Ceilom), das sich für die Verringerung von Müll und die vollständige Wiederaufbereitung organischer Haushaltsabfälle mit Hilfe der Wurmkompostierung einsetzt.
"Wir haben ein Abkommen mit einem Gemüsemarkt in Recoleta (im Norden von Sanitago) geschlossen, das uns erlaubt, die dort anfallenden
Abfälle weiterzuverarbeiten. Ein solches Arrangement könnte mit vielen Märkten getroffen
werden", betont die CEILOM-Leiterin Marcela
Campos. Vorstellbar sei auch die Wurmkompostierung der im Zoo von Santiago anfallenden
Abfälle. "
Auf globaler Ebene werden zwölf Prozent der
Böden oder 1,6 Billionen Hektar für den Anbau
von Feldfrüchten verwendet. "Das bedeutet",
so Benítez, "dass wir unsere Anstrengungen
verdoppeln und unsere Anbautechniken verbessern müssen, um unsere natürlichen Ressourcen
zu schützen". 
Begleitbild:
Agrarproduzentinnen aus dem Departement Piura im Norden Perus – Bild: Sabina Córdova/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD23-12-2014)
http://www.ipsnoticias.net/2014/12/el-suelo-aliado-silencioso-contra-el-hambre-desde-americalatina/
http://www.ipsnews.net/2014/12/the-soil-silent-ally-against-hunger-in-latin-america/
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PERU: Klimawandel gefährdet Kartoffelvielfalt
Von Fabíola Ortiz
Pisac, Peru (IPS) – Im peruanischen Andengebirgstal Sagrado de los Incas, gut 3.000 Meter über
dem Meeresspiegel, bauen die Quechua-Indianer seit jeher Kartoffeln an. Doch die seit Tausenden
von Jahren kultivierten Knollengewächse werden durch den Klimawandel in ihrer Existenz bedroht,
und die Indigenen fürchten um ihre Ernährungssicherheit.
"Im September hat die Regenzeit begonnen. Die
Wiesen müssten eigentlich grün sein. Doch leider hat es erst zwei bis drei Mal geregnet. Hinzu kommt die große Hitze. Sie macht uns Sorgen", berichtet der Agraringenieur Lino Loayza.
"Sollte die Trockenheit anhalten, wird die Ernte
im kommenden Jahr sehr mager ausfallen."
Loayza koordiniert ein 9.200 Hektar großes und
bis zu 4.500 Meter über dem Meeresspiegel gelegenes Gebiet, das in der Provinz Calca im
südöstlichen Departement Cusco als 'Kartoffelpark' bekannt ist. Hier leben 6.000 Indigene der
Volksgruppen der Amaru, Chawaytire, Pampallaqta, Paru Paru und Sacaca, ziehen Kartoffeln,
pflegen ihre Traditionen und Riten und versuchen, die örtliche Vielfalt zu schützen.
In dem 2002 mit Unterstützung der Andenvereinigung entstandenen Mosaik aus Feldern
wachsen 1.460 Kartoffelsorten. Nirgendwo
sonst auf der Welt sind so viele Varietäten an
einem Ort anzutreffen. Das Schutzgebiet im
Sagrado-de-los-Incas-Tal ist von imposanten
Bergen umgeben, die die Indigenen als 'Apus'
(Berggottheiten) verehren.
"Inzwischen wissen die Menschen um die Gefahren, die vom Klimawandel ausgehen. Sie machen sich Gedanken über ihr künftiges Leben,
über die Zukunft der Familien. Wie wird das
Wetter sein? Wird es genug Nahrungsmittel geben?", berichtet der Dorfvorsteher Lino Mamani, ein 'papa arariwa', wie die Hüter der Kartof-
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feln in der Sprache der Quechua genannt werden.
Denjenigen, die an der Existenz des Klimawandels zweifeln, empfiehlt der 50-Jährige, in die
peruanischen Anden zu kommen, um sich selbst
ein Bild von den Veränderungen zu machen.
"Die Pachamama ('Mutter Erde') beunruhigt das,
was sie ertragen muss. Für uns heißt es, den
Anbau unserer Feldfrüchte in immer höhere
Regionen zu verlagern, bis es irgendwann nicht
mehr geht."
Mit dem Anstieg der Temperaturen nehmen
auch die Pflanzenschädlinge und –krankheiten
zu. Um die Kartoffeln vor solchen Plagen zu
schützen, hatten die Indigenen sie vor 30 Jahren in einer Mindesthöhe von 1.000 Meter angepflanzt.
Die Quechua bekommen die Folgen des Klimawandels bereits seit 15 Jahren zu spüren. "Einst
zeigte uns die Natur, welche landwirtschaftlichen Maßnahmen wann zu ergreifen waren",
erläutert Mamani. "Doch inzwischen ist Pachamama verwirrt. Wir können die Zeichen, die
uns die Pflanzen und Tiere geben, nicht mehr
richtig deuten." Zudem werden die Böden immer trockener und die Reifezeit der Kartoffeln
hat sich von fünf bis sechs Monaten auf vier
verkürzt.
"Die Kartoffeln beeinflussen unseren Lebensstil,
unsere Ernährung, Kultur und Spiritualität. Kartoffeln sind heilige Pflanzen, es ist wichtig,
dass wir wissen, wie wir mit ihnen umzugehen
haben. Sie ernähren uns und verbinden sich und
uns mit dem Leben", fügt der papa arariwa hinzu. Mamani lebt in der Ortschaft Pampallaqta.
Allein auf seiner knapp einen Hektar großen
Farm wachsen 280 Kartoffelsorten, von denen
die meisten in großer Höhe angebaut werden.
Doch die Klimaveränderungen setzen nicht nur
den Kartoffeln zu. Auch andere traditionelle
Feldfrüchte wie Bohnen, Gerste, Quinoa und
Mais sind betroffen. "Wir brauchen Hilfe bei der
Klimaanpassung", betont Mamani. Der Kurator
der Genbank des Internationalen Kartoffelzentrums (CIP) mit Sitz in Lima, Rene Gómez, sieht
für die Andenkartoffeln angesichts der sich
immer mehr in die Länge ziehenden Dürren und
hohen Temperaturen, denen sich heftige Kälteeinbrüche anschließen, düstere Zeiten aufziehen.
"Ich gehe davon aus, dass es bald keine Gebiete
mehr geben wird, die sich zum Anbau von Kartoffeln eignen", befürchtet er. Da sich der Klimawandel nicht aufhalten lasse, sei es an der
Zeit, über alternative Anbauprodukte nachzudenken.
Schon jetzt ist es so, dass sich der Kartoffelanbau in 3.800 Metern über dem Meeresspiegel
nicht mehr rentiert. Er sieht allerdings Auswege aus der Krise und berichtet von mindestens
elf weiterentwickelten Sorten, die Dürren und
Kälteeinbrüchen standhalten können.
Darüber hinaus ist ein wissenschaftliches Experiment zum Verhalten von Kartoffeln in 4.450
Metern Höhe über dem Meeresspiegel angelaufen, die jährlichen Niederschlägen von 200 Millimeter ausgesetzt sind.
Die einheimischen Kartoffelsorten können
Temperaturschwankungen von minus 2,8 Grad
bis plus 40 Grad Celsius verkraften. Allerdings
ist es ihnen angesichts derartig extremer Unterschiede nicht mehr möglich, ihre Eigenschaften beizubehalten. Um die Wirkstoffe der
Tuberkel optimal zu erhalten, sollten sich die
Temperaturschwankungen auf vier bis zwölf
Grad Celsius beschränken.
Zur Rettung der Andenkartoffeln formiert sich
derzeit eine Allianz aus Wissenschaftlern und
Indigenen, die Innovation und traditionelles
Wissen zusammenbringen wollen. Bündnispartner sind die Andenvereinigung, das CIP und
das Programm zur Erforschung von Klimawandel, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit
des Konsortiums der internationalen Zentren
für landwirtschaftliche Forschung.
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Während man derzeit in größeren Höhen nach
einem neuen Habitat für die Kartoffeln sucht,
erhalten die Bauern Hilfestellung bei der
Klimaanpassung. Die indigenen Familien wiederum versuchen mit traditionellen Techniken
Agrarerzeugnisse wie Speisestärke herzustellen
und bitteren Knollensorten nach alter Inka-Art
das Wasser zu entziehen, sodass sie zehn Jahre
lang konserviert werden können.
fällt es uns immer schwerer zu entscheiden,
wie viel wir für den Fall zurückbehalten, dass
die Ernten mager ausfallen."
Die Indigenen beklagen, dass viele junge Männer auf der Suche nach Arbeit die Dörfer verlassen. Ihre einstigen Pflichten und die landwirtschaftlichen Arbeiten gehen auf die Frauen
über. "Doch unsere größte Sorge gilt der Frage,
ob wir in der Zukunft genug zu essen haben
werden", meint der Indigene Elisban Tacuri.
Um den Reichtum an heiligen Knollen nicht zu
gefährden, haben die Indigenen Speicher in ihren Gemeinden angelegt, in denen sie die Kartoffeln und das Saatgut lagern. Seit 2011 verfügen sie über einen Raum, der 8.000 Kilo Kartoffeln fasst. Er wird 'Papa Takena Wasi' genannt –
in der Sprache der Quechua bedeutet 'papa'
Kartoffel, 'takena' aufbewahren und 'wasi' Ort.
Wie die Quechua Ancelma Apaza gegenüber IPS
erläutert, wird es immer schwieriger zu entscheiden, welche Agrarprodukte in welchen
Mengen eingelagert werden, damit die Familien
das ganze Jahr über versorgt sind. "Wir Frauen
beteiligen uns an der Produktion und der Lagerung unserer Nahrungsmittel. Doch inzwischen
Im Kartoffelpark kämpft man darum, die überlieferten Ernährungsgewohnheiten beizubehalten. Doch den Indigenen bleibt nichts anderes
übrig, als ihren Speiseplan mit Industrieprodukten zu erweitern.
"Hier lagern wir die kulturell hochwertigen Kartoffeln und das Saatgut, das wir an diejenigen
Gemeinschaften weitergeben, die es brauchen", erläutert Mariano Apukusi, ein weiterer
Hüter der Kartoffeln. 
Begleitbilder:
Eine Gruppe indigener 'Hüter der Kartoffel'– Bild: Fabíola Ortiz/IPS
Der untere Teil des Kartoffelparks in Parte im Gemeindebezirk Pisac – Bild: Fabíola Ortiz/IPS
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann (TD29-12-2014)
http://www.ipsnoticias.net/2014/12/el-clima-amenaza-a-la-papa-y-a-los-quechuas-enandes-peruanos/
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ARGENTINIEN: Nachhaltigkeitsprojekte erleichtern Leben im Nordosten
Von Fabiana Frayssinet
Bonpland, Argentinien (IPS) – Die Sommer im Nordosten Argentiniens sind heiß und feucht. An den
Nachmittagen gönnen sich die Bewohner gern einen 'tereré', einen Matetee. Im Gemeindebezirk
Bonpland in der Provinz Misiones können sie das Wasser für ihr Lieblingsgetränk inzwischen mit Hilfe von Solarboilern erhitzen.
Andrés Ortigoza lebt in der Ortschaft Picada
Norte. Besuchern zeigt er stolz seinen neuen
Sonnenkollektor, der ihm zu warmen Duschen
verhilft. Denn selbst hartgesottene Gauchos,
wie die Viehtreiber in Argentinien genannt
werden, waschen sich nur ungern mit kaltem
Wasser.
"Früher war das anders und in den Wintern eine
Tortur", erinnert er sich. Erhitzt wurde das
Wasser damals ausschließlich über offenen
Feuerstellen.
Seit 2010 sind Picada Norte und andere Dörfer,
die zu Bonpland gehören, an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. Allerdings kommt es immer
wieder zu Versorgungsengpässen. Außerdem
stellen die Stromgebühren für viele Familien
eine finanzielle Bürde dar.
Die Installation solarbetriebener Wasserboiler
ist eines der Projekte, die in Bonpland über das
'Small Grants Programme' (SGP) der Globalen
Umweltfazilität (GEF) finanziert werden. Mit
Zuwendungen von bis zu 50.000 US-Dollar, die
nicht zurückgezahlt werden müssen, können
kleine Landgemeinden auf eigene Initiative gegen globale Umweltprobleme angehen.
Die Wälder der Provinz Misiones beheimaten
die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten Argentiniens. SSie sind Teil des Ökosystems 'Tropischer Regenwald' des Paraná-Beckens, das sich
bis nach Paraguay und Brasilien erstreckt.
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Doch der Reichtum an natürlichen Ressourcen
ist gefährdet. "Um 1950 erstreckte sich der Regenwald in diesen drei Ländern noch über eine
Gesamtfläche von 80 Millionen Hektar. Heute
sind davon nur noch vier Millionen Hektar übrig
geblieben. Davon befinden sich 1,5 Millionen
Hektar in Misiones", berichtet Juan Manuel
Díaz, der stellvertretende Leiter der Umweltbehörde der Provinz. Etwa die Hälfte der Fläche von Misiones sei von Dschungel bedeckt.
Laut Ricardo Hunghanns, Vorsitzender der Vereinigung der Tabá Isiriri-Völker von Arroyo,
werden 45 Prozent der produktiven Flächen der
Provinz von der Forstindustrie in Beschlag genommen. Deren Aktivitäten hätten seit 1990
die traditionelle Verteilung von Land und die
Wirtschaft in der Provinz radikal verändert.
"Inzwischen trägt die Papierproduktion etwa 80
Prozent zum argentinischen Bruttoinlandsprodukt bei", erläutert Hunghanns, dessen Organisation an zwei SGP-Projekten mitwirkt. Oberstes Ziel seiner Organisation sei die Stärkung einer sozialen Wirtschaft, die auf Inklusion und
Entwicklung der Landgemeinden abhebe.
"Uns geht es darum, die landwirtschaftlichen
Aktivitäten zu diversifizieren und Kooperativen
zu gründen, die auch den Menschen offen stehen, die von ihrem Land vertrieben wurden",
betont er.
Sara Keller bezog ihr Wasser 45 Jahre lang aus
einem Fluss, der einen Kilometer von ihrem
Haus im Dorf Campiñas entfernt ist. Jeden Tag
schleppte die sechsfache Mutter einen 20-LiterKanister nach Hause. Insgesamt legte sie dafür
mehr als 20.000 Kilometer zurück. Heute
kommt das kostbare Nass aus dem Hahn. Die
52-Jährige verdankt diesen Luxus ebenfalls einem SGP.
Die Projekte, die auch auf die Stärkung der
Rolle der Frau abzielen, nehmen besondere
Rücksicht auf die Bedürfnisse und Wünsche der
Frauen. Die 18-jährige Soledad Olivera, die mit
ihrem zweiten Kind schwanger ist, freut sich
über ein Badezimmer mit Dusche und Toilette
in ihrem Haus in Picada Norte.
Über das von dem Entwicklungsprogramm der
Vereinten Nationen (UNDP) implementierte SGP
werden derzeit 20 Projekte in Misiones finanziert. Darunter fallen Initiativen zum Schutz
von Quellgebieten sowie für nachhaltige Landwirtschaft, Ökotourismus, Abfallentsorgung und
Herstellung traditioneller Medizin.
Die Empfänger der Zuwendungen stellen im
Gegenzug ihre Arbeitskraft, die Kommunen Maschinen bereit. In ganz Argentinien werden
über das SGP 52 Projekte im Wert von 1,8 Millionen Dollar finanziert. Dazu meint Diana Vega
von der zentralen argentinischen Umwelt- und
Nachhaltigkeitsbehörde:
"Wir haben erkannt, dass nationale Strategien
oft nicht die Graswurzelebene erreichen." Initiativen der Kommunen hätten sich als nachhaltig und zukunftsweisend herausgestellt. 
Begleitbild:
Soledad Olivera mit ihrem Sohn in Picada Norte im nordostargentinischen Gemeindebezirk Bonpland freut sich über das neue Badezimmer – Bild: Fabiana Frayssinet/IPS
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD30-12-2014)
http://www.ipsnews.net/2014/12/small-grants-for-big-solutions-in-northeast-argentina/
www.ipsnoticias.net/2014/12/pequenas-donaciones-para-grandes-soluciones-en-noresteargentino/
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KOMMENTAR
KUBA: US-Embargo ein 'monumentaler Fehlschlag'
Ein Kommentar von Robert F. Kennedy Jr.*
White Plaines, New York (IPS) – Im Dezember hat Präsident Barack Obama die Wiederaufnahme
diplomatischer Beziehungen mit Kuba angekündigt. Vorangegangen sind mehr als fünf Jahrzehnte
einer verfehlten bilateralen Politik, für deren Umsetzung mein Onkel John F. Kennedy und mein
Vater Robert F. Kennedy verantwortlich waren, nachdem die Eisenhower-Regierung 1960 das USEmbargo gegen Kuba in Kraft gesetzt hatte.
Obamas Vorstoß hat nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt Hoffnungen auf eine
Abschaffung des Embargos geweckt. Allerdings
bleibt es eine Tatsache, dass Kuba nach wie vor
eine Diktatur ist. Die kubanische Regierung beschränkt grundlegende Rechte wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit und hält die
Medien in ihrem Besitz. Wie in den meisten
kommunistischen Staaten traditioneller Prägung bieten Wahlen auch hier nur begrenzte
Möglichkeiten. Und durch wiederholte Razzien
füllt die kubanische Regierung die Gefängnisse
des Landes mit politischen Häftlingen.
Andererseits gibt es eine Reihe von Tyrannen
auf der Welt, mit denen die USA enge Beziehungen unterhalten. Die Menschenrechtsbilanz
dieser Regierungen sieht weitaus schlechter aus
als die Kubas. In Aserbaidschan beispielsweise
wirft Präsident Ilham Alijew seine Gegner in
siedendes Öl. In Saudi-Arabien, Jordanien, China, Bahrain, Tadschikistan, Usbekistan und vielen anderen Ländern sind Folter, Verschleppung, religiöse Intoleranz, die Unterdrückung
von Meinungs- und Versammlungsfreiheit, eine
Behandlung von Frauen wie im Mittelalter,
Scheinwahlen und extralegale Hinrichtungen an
der Tagesordnung.
Trotz seiner Armut hat Kuba beeindruckende
Leistungen zustande gebracht. Die Regierung
kann sich damit brüsten, dass die kubanische
Alphabetisierungsrate zu den höchsten in der
gesamten Hemisphäre zählt, dass jeder Bürger
Zugang zu Gesundheitsversorgung hat und dass
es in dem Land pro Einwohner mehr Ärzte gibt
als in jedem anderen Land der Amerikas. Kubanische Ärzte können zudem auf eine hochwertige medizinische Ausbildung zurückblicken.
Anders als auf anderen Karibikinseln, wo Armut
mit Verhungern gleichzusetzen ist, erhalten alle Kubaner monatlich Bezugsscheine für Lebensmittelrationen, mit denen sie ihre Grundbedürfnisse decken können.
Inzwischen haben sogar kubanische Regierungsvertreter eingesehen, dass die Wirtschaft durch
die Ineffizienz des Marxismus erstickt wird.
Gleichwohl sehen sie den Würgegriff des seit
fast mehr als 50 Jahren währenden Handelsembargos als den Hauptgrund für die wirtschaftlichen Probleme der Insel. Allen ist bewusst, dass das von der Eisenhower-Regierung
im Oktober 1960 eingeführte Embargo die Bürger Kubas ungerechterweise bestraft.
Das Embargo verhindert die Wirtschaftsentwicklung, indem es so gut wie jeden Rohstoff
und alle Maschinen astronomisch verteuert und
dadurch sehr schwer beschaffbar macht. Und
was besonders schlimm ist: Anstatt das Regime
für die Einschränkungen der Menschenrechte zu
bestrafen, hat das Embargo der Diktatur zugearbeitet. Es hat für den Buhmann gesorgt, den
jeder Diktator benötigt – einen äußeren Feind,
auf den ein autoritärer nationaler Sicherheitsstaat zurückgreifen kann, um seine Unterdrückungsmaßnahmen zu rechtfertigen.
Das Embargo kommt der kubanischen Führung
also als plausibles Ungeheuer gelegen, dem sie
die Armut des Landes anlasten kann. Das Argument, dass die Vereinigten Staaten und nicht
der Marxismus die wirtschaftliche Not auf der
Insel hervorgerufen haben, wird dadurch
glaubwürdiger. Mit hoher Wahrscheinlichkeit
hat das Embargo die Castro-Brüder (Fidel und
Raúl) in den vergangenen Jahrzehnten an der
Macht gehalten. Es rechtfertigt die Unterdrü-
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IPS-Weltblick
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KOMMENTAR
ckungsmaßnahmen der kubanischen Regierung
gegen politische Dissidenten.
plant hat, seine aggressive Kampagne fortsetzt,
um die kubanische Wirtschaft zu ruinieren.
Ebenso haben US-Politiker nationale Sicherheitsbedenken dazu benutzt, Eingriffe in unser
Grundgesetz zu rechtfertigen, etwa bei den
Verfassungsrechten auf Verfahren vor Geschworenengerichten, richterliche Haftprüfung,
wirksamen Rechtsbeistand sowie auf Schutz vor
willkürlichen Ermittlungen und Beschlagnahmungen, Lauschangriffen, brutalen Bestrafungsmethoden. Folterungen von Gefangenen,
außerordentlichen Überstellungen, ebenso wie
bei dem Recht auf Reisefreiheit.
Das beste Argument gegen das Embargo besteht vielleicht darin, dass es nicht funktioniert. Unser mehr als 50-jähriges Embargo gegen Kuba ist das längste in der Geschichte, und
dennoch ist das Castro-Regime während seiner
gesamten Dauer an der Macht geblieben. Anstatt es aufzuheben, haben mehrere USRegierungen, auch unter Präsident Kennedy,
das Embargo weiter verschärft, ohne dass dies
zu einem Ergebnis geführt hätte.
Es grenzt an Ironie, dass dieselben Politiker,
die eine Bestrafung Castros für Verstöße gegen
die Menschenrechte und die Misshandlung von
Häftlingen in kubanischen Gefängnissen fordern, an anderer Stelle darauf bestehen, dass
die USA im Recht sind, wenn wir unsere eigenen Gefangenen auf Kuba foltern.
Stellen Sie sich einen US-Präsidenten vor, der
wie Castro mit mehr als 400 Mordanschlägen,
Tausenden vom Ausland finanzierten Sabotageakten gegen die Bevölkerung, Fabriken und
Brücken sowie einer vom Ausland bezahlten Invasion und 50 Jahren Wirtschaftskrieg konfrontiert worden wäre, der unseren Bürgern grundlegende Güter des täglichen Lebens vorenthalten und unsere Wirtschaft stranguliert hätte.
Das Embargo erlaubt dem Regime in Havanna,
die USA als Tyrannen und sich selbst als Personifizierung des Muts und des Widerstands gegen
Drohungen, Einschüchterungen und einen Wirtschaftskrieg der größten Supermacht der Geschichte darzustellen. Es erinnert das stolze
kubanische Volks ständig daran, dass unser
mächtiges Land, das Invasionen gegen den Inselstaat vorbereitet und jahrzehntelang Mordkomplotte gegen kubanische Führer sowie Sabotageakte gegen die kubanische Industrie ge-
Es erscheint mehr als albern, die USAußenpolitik durch die Wiederholung einer
Strategie fortzusetzen, die sich in mehr als fünf
Jahrzehnten als monumentaler Fehlschlag erwiesen hat. Das Embargo diskreditiert die USAußenpolitik, nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Europa und anderswo.
Obwohl wir Kuba vorwerfen, seinen Bürgern
keine Reisefreiheit zu gestatten, verwehren wir
unseren eigenen Bürgern, ungehindert nach
Kuba zu reisen. In diesem Sinne erscheint das
Embargo als besonders anti-amerikanisch.
Hätte Präsident Kennedy eine zweite Amtszeit
erleben dürfen, wäre das Embargo vor einem
halben Jahrhundert aufgehoben worden. Über
Vermittler ließ er damals Fidel Castro mitteilen, dass die USA die Blockade beenden würden, wenn Kuba keine gewalttätigen Revolutionäre mehr in die Staaten der lateinamerikanischen 'Allianz für den Fortschritt' schickt.
Diese Strategie endete größtenteils mit dem
Tod von Che Guevara 1967 und dem Zeitpunkt,
zu dem Castro der Sowjetunion nicht länger gestattete, die Insel als Basis für die Expansion
der Sowjetmacht in der Hemisphäre zu nutzen.
Die Sowjetunion existiert seit 1991 nicht mehr,
doch das US-geführte Embargo drückt weiterhin
der Wirtschaft Kubas die Luft ab. 
*Robert F. Kennedy Jr. ist Sohn des US-Politikers Robert F. (Bobby) Kennedy und Neffe des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy.
Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe (TD02-01-2015)
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