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Melancholie - NDR

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Das Feature
Melancholie
Anatomie einer produktiven Stimmung
Feature von Michael Reitz
--------------------------------------------------------------------------------------------------------Sendung: Sonntag, den 28.12.2014, 11.05 – 12.00 Uhr
Produktion: DLF 2013
Mitwirkende:
Edda Fischer, Gregor Höppner und
Tom Jacobs
Technische Realisation:
Gunter Rose und Beate Braun
Regie:
Robert Steudtner
Redaktion:
Christiane Glas
Zur Verfügung gestellt vom NDR. Dieses Manuskript ist
urheberrechtlich geschützt und darf nur für private
Zwecke des Empfängers benutzt werden. Jede andere
Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung
in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung,
Übersetzung) ist nur mit Zustimmung des Autors
zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf
der Genehmigung des NDR.
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Collage: Gelebte Melancholie würde auch heißen, dass wir wesentliche
Eigenschaften der Melancholie in den Alltag einfließen lassen. (Zehentbauer)
Wenn ich melancholisch bin, dann habe ich das Gefühl, ich ziehe mich für eine Weile
zurück. Zum einen um auszusteigen von den ganzen Reizen, die außen so sind, weil
das mir persönlich oft viel zu viel ist. (Seifert)
Sie kann (…) allzu großem Schmerz oder allzu großer Trauer die Schärfe nehmen.
Warum? Sie schaut differenziert hin auf die Dinge. (Sartorius)
Die klassischen Eigenschaften: Die Melancholiker sind Erdmenschen. Sie sind
Nachmittagsmenschen. Sie sind Menschen, die den Herbst lieben. (Sillem)
Und wenn dann der Mensch nach innen geht (…) das wird oft mit ‚Dunkel, in der
Höhle, in die Tiefe hinein gehend’ beschrieben. Aber da kann Transformation
stattfinden. (Moravia)
Das Leben atmet, wenn ich das mal so poetisch sagen darf. Und die entscheidende
Frage ist, ob wir bereit sind, mitzuatmen mit dem Leben. (Schmid)
Musik hoch
Titelansage:
Melancholie – Anatomie einer produktiven Stimmung
Ein Feature von Michael Reitz
Erzählerin: „Melan cholia“ – die Schwarzgalligkeit. Mit ihr bezeichneten die alten
Griechen – neben dem Choleriker, Phlegmatiker und Sanguiniker – einen der vier
Charaktertypen: schwermütig, grübelnd, nachdenklich und unproduktiv.
Verantwortlich dafür – so die antiken Mediziner Hippokrates und Galenos – sei die
Gallenflüssigkeit, die bei dem Melancholiker allzu üppig flösse und ihm jede gute
Stimmung verhagele oder – vergälle. Der Schwarzgallige wurde als der
philosophischste unter den Charakteren, als hochbegabter Künstler und Denker
gesehen. Zwar war er wohl nur zum Schreiben, Dichten und Philosophieren geeignet,
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aber damals orientierten sich die Maßstäbe für ein produktives Dasein nicht an
Umsatz, Menge oder Geschwindigkeit des Geleisteten: Ein schwer grübelnder
Sokrates, der vor dem berühmten Gastmahl wie angewurzelt auf der Straße steht,
weil er einem Gedanken nachhängt; Diogenes, in der Tonne lebend und den großen
Alexander verblüffend, indem er ihn bat, ihm aus der Sonne zu gehen – kein Grieche
wär auf die Idee gekommen, hierin etwas Unnormales zu sehen. Und heute? Ein
Zeitgenosse:
O-Ton Mann: Das ist irgendwie so ein bedrückendes Gefühl. Ich werd dann auch
meistens etwas stiller, bisschen nachdenklich. Drückt sich dann manchmal auch aus,
was für Musik ich höre.
Musik: Tom Waits
Erzähler: Den Melancholischen kriegen, schwermütig werden, oder – wie eine
Redewendung aus dem Rheinland sagt – das arme Tier bekommen: in unserer
durchtherapierten Gesellschaft sind das schon fast Anzeichen für eine klinische
Diagnose. Denn das zeichnet die Melancholie heutzutage vor allem aus: ihre ständige
Verwechslung mit dem überaus gefährlichen Krankheitsbild der seelischen
Depression.
Wie kam die Melancholie zu ihrem schlechten Ruf? Was wurde über die Jahrhunderte
verschlampt, verfälscht oder gar verteufelt?
Erzählerin: Hat Melancholie heute noch eine Chance, in unseren Maximierungs- und
Beschleunigungsgesellschaften?
O-Ton Sillem: Die Melancholie ist eigentlich von Anfang an etwas (...) das zwei
verschiedene Pole hat. Und das zeichnet die Melancholie bis heute aus.
Zitator: Peter Sillem, Germanist. Herausgeber und Autor mehrerer Bücher zum
Thema Melancholie.
O-Ton Sillem: Also man kann an der Melancholie extrem leiden (…) Es gibt eine
schwarze Form und eine weiße Form. Und die schwarze Form ist wahrscheinlich am
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ehesten zu beschreiben als eine Depression. Die weiße Form – das hat ein Grieche
zuerst beschrieben.
Zitator: Wenn nun die schwarzgallige Mischung zu kalt wird, ruft sie
verschiedenartige Schwermütigkeiten hervor. Wird sie aber wärmer, Heiterkeit. Daher
sind auch die Kinder fröhlicher, die Greise aber missgestimmter, denn die sind warm,
die anderen aber kalt. Altern ist nämlich eine Art Abkühlung.
Erzählerin: Aus einem anonymen antiken Text, der wahrscheinlich von dem
Philosophen Theophrast stammt. Viertes vorchristliches Jahrhundert.
O-Ton Sillem: Ich bin ein moderater Melancholiker. Und insofern habe ich meine
Mittel und Wege, z.B. über die Melancholie zu schreiben oder Bücher darüber
herauszugeben und mich immer wieder damit zu beschäftigen. Auch das, kann ich
sagen, ist für mich ein Lebensthema.
O-Ton Sillem: Die klassischen Eigenschaften: Die Melancholiker sind Erdmenschen.
Sie sind Nachmittagsmenschen. Sie sind Menschen, die den Herbst lieben. Sie
kleiden sich schwarz. Sie sind blass. Man muss sich ja auch vorstellen: Es war ja
wirklich die Überzeugung, dass es eine Krankheit ist, also eine übergroße Milz, die zu
viel schwarze Galle produziert, die Dämpfe vernebeln den Geist. Es gibt eine wirklich
physiologische, klar physiologische Vorstellung von der Melancholie als Krankheit.
Erzählerin: Doch diese Vorstellung war nur ein Teil des Steckbriefs der Melancholie.
Theophrast verglich sie mit dem Genuss von Wein: die einen reagieren darauf
aggressiv, selbstanklagend und streitsüchtig. Die anderen weinerlich, sanft oder
fröhlich. Mit einer bemerkenswerten medizinischen Beweisführung machte
Theophrast klar, woran das liegt: denn Wein enthalte Luft, und die bringt den
normalen Säftehaushalt durcheinander. Sie blähe auf, und zwar nicht nur Galle und
Milz:
Zitator: Auch sind die meisten Melancholiker wollüstig. Denn der Geschlechtsakt ist
mit der Erzeugung von Luft verbunden. Ein Zeichen dafür ist, dass das männliche
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Glied aus einem kleinen Umfang schnell anwächst, weil es aufgebläht wird.
Erzählerin: Lässt man beiseite, dass Theophrast das Weibliche bei dem Vorgang, der
ihm so wichtig erscheint, sträflich vernachlässigt, so kann man sagen: Von wegen
depressiv! Die Melancholie hat offenbar viele Gesichter und Erscheinungsformen.
Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, sexuell erregt oder gerade gar nicht.
Musik: Astor Piazzola
Erzählerin: Bereits den antiken Menschen fiel auf, dass ein lückenloses Bild des
Melancholikers, eine eindeutige Beschreibung seines Erscheinungsbildes, nicht
möglich ist. Anders als der Choleriker, dessen rote Galle ihn zum Explodieren bringt,
neigt der Schwarzgallige augenscheinlich zum Versteckspiel. Er entzieht sich jeder
Zuordnung, jeglicher Reduzierung auf nur eine oder zwei charakterliche Merkmale.
Erzähler: An der Schwelle zur Moderne geriet die Melancholie deshalb zunächst auf
die Fahndungsliste des Klerus. Die mönchische Tradition nannte sie die Acedia, den
Mittagsdämon, der in den Ruhestunden nach dem Essen die schwarzen Gedanken
bringt, Ordensbrüder in destruktive Betrachtungen versetzt und schließlich von
sinnvoller Arbeit abhält. Melancholie wurde als eine Versuchung Satans betrachtet,
des großen Verwirrers, der nichts anderes im Sinn hat, als seine Opfer durch endlose
Debatten mit sich selbst in den Wahnsinn zu treiben. Übersehen wurde dabei eine
wichtige Frage, die schon Theophrast interessiert hatte und die noch heute in der
Kreativitätsforschung eine große Rolle spielt:
Zitator: Warum sind alle hervorragenden Männer, ob Philosophen, Staatsmänner,
Dichter oder Künstler, offenbar Melancholiker gewesen?
O-Ton Zehentbauer: Es kann zum Lächeln bringen, aber auch gleichzeitig
Nachdenklichkeit, einen süßen Schmerz, die Vergänglichkeit spüren, ähnlich wie der
Mai als typischer Monat der Melancholie.
Zitator: Der Münchner Psychotherapeut und Schriftsteller Josef Zehentbauer.
Moderner Melancholiker und Autor des Buches „Melancholie – Die traurige
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Leichtigkeit des Seins“.
O-Ton Zehentbauer: Einerseits blüht es auf. Es hat ja unwahrscheinlich viel Kreatives,
Mächtiges, Geheimnisvolles, Mystisches und gleichzeitig etwas sehr, sehr
Vergängliches und eigentlich damit auch Traurig-Machendes, weil man weiß, die
Blumen, die da blühen oder der Jasmin, der da blüht, blüht in einer Woche nicht
mehr. Und wir müssen ein ganzes Jahr warten, bis er wieder blüht – wenn wir das Jahr
überhaupt erleben. Das wissen wir auch nicht. Und all das, denke ich mir, gehört zur
Melancholie. Und Melancholie ist für mich eine maximale Erweiterung von
Wahrnehmung.
O-Ton Zehentbauer: Im Winter ist es: mich zurückziehen in ein Haus am See, wo ein
großer offener Kamin ist, den ich dann an mache, und wo ich dann meistens
klassische Musik höre oder Francesco Guccini aus Italien, und Wehmut,
Ernsthaftigkeit, Tiefgang spüre und dann eigentlich auch viel schreibe in dieser Zeit.
Und ich würde sagen, es geht mir dabei gut. Für die Umgebung ist es dann manchmal
etwas schwierig, mich zu verstehen. Auch deshalb, weil ich durchaus auch sehr
anders sein kann. Das gehört eigentlich auch zur Melancholie – das ist eben nur ein
Teil der Charaktereigenschaft.
Erzähler: Die Erkenntnis dieser Erweiterung fand unter anderem in der Renaissance
statt. In jener Epoche, die in kürzester Zeit alles ausbuddelte, was es an
interessanten antiken Texten zur Persönlichkeit des Künstlers oder Philosophen gab,
feierte auch die Melancholie ihre Wiederauferstehung. Albrecht Dürer setzte ihr mit
seinem berühmten Kupferstich „Melencolia“ ein Denkmal: zu sehen ist ein
nachdenklich in die Ferne blickendes Wesen mit Engelsflügeln – vermutlich
Wissenschaftler oder Künstler, denn es hält einen Zirkel in der Hand – im Hintergrund
das Stundenglas sowie eine Fledermaus, die aus dem gleißenden Licht zu kommen
scheint. Dürer artikulierte damit eine sich langsam durchsetzende Meinung unter
seinen Künstlerkollegen: die schwarze Galle ist nicht nur dunkel, sondern auch licht
und produktiv. Marsilio Ficino, einer der maßgeblichen Philosophen der Renaissance,
schrieb zur Melancholie:
Zitator: Die natürliche Ursache scheint folgende zu sein: dass die Seele,
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insbesondere beim Studium der schwierigen Wissenschaften, sich von den äußeren
Dingen abwenden und ins Innere zurückziehen muss, gleichsam vom Äußeren ins
Zentrum hinein, und während sie sich der Spekulation widmet, muss sie völlig reglos
ganz im Zentrum des Menschen verharren. Sich aber im Zentrum zu sammeln und
dort zu verharren, ist vor allem eine Eigenschaft der Erde selbst, welche ja auch
Ähnlichkeiten der schwarzen Galle besitzt.
O-Ton Sillem: Und damit war die Melancholie etwas in ihrer weißen Form, in ihrer
hellen Form, was den Menschen adelt. Was ihm etwas Geniales verleiht und eben
damit den übrigen Menschen überlegen ist. Und ich glaube, zwischen diesen beiden
Polen (…) da oszilliert ganz viel. Deswegen wird der Melancholiebegriff auch immer
wieder bis heute umgedeutet und neu gedeutet.
Erzähler: Eine wahre Flut melancholischer Literatur entstand im späten 16. und
frühen 17. Jahrhundert in England. Vorläufer dieser Exaltierten, die sich heute als
Grufties oder Gothics bezeichnen, waren junge Männer aus dem Bürgertum. Gut
ausgebildet und mit reichlich Geld versehen, blieben ihnen in der aristokratischen
Gesellschaft wenige Möglichkeiten des Aufstiegs. Diese Schwermut suchte sich nicht
nur literarische Kanäle, sondern kreierte einen extravaganten Lebensstil: die ersten
neuzeitlichen Melancholiker kleideten sich schwarz, gingen leicht gebeugt und
hatten eine Hand meist auf den Bauch gelegt. Die Engländer glaubten von daher,
dass diese Männer krank sein müssten, und zwar an der Milz. Das englische Wort für
dieses Organ setzte sich im internationalen Sprachgebrauch für die
Charakterisierung nicht ganz konformer Menschen durch: Spleen.
Erzähler: Einer dieser spleenigen Literaten war Robert Burton, der das bis heute
umfangreichste Werk über die Melancholie schrieb. In ihm findet sich jene Polarität,
die für die Melancholie so charakteristisch ist: auf der einen Seite wird eine
ungeheure Belesenheit und Intelligenz sichtbar; auf der anderen jedoch auch ein
Selbstmitleid.
Zitator: Viele Bücher habe ich gelesen, aber in Ermangelung der richtigen Methode
mit wenig Nutzen. In meiner Verwirrung bin ich unserer Bibliothek über die
unterschiedlichsten Autoren gestolpert und habe doch stümperhaft, unsystematisch,
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vergesslich und urteilsunfähig wie ich bin, nur wenig damit anfangen können. Gereist
bin ich immer nur mit dem Finger auf der Landkarte. Unter der Herrschaft des
Saturns wurde ich geboren. Da mir nie ein hohes Amt zuteilwurde, stehe ich dafür in
niemandes Schuld. Fern halte ich mich den Händeln und Prozessen. Als bloßer
Beobachter der Geschicke anderer Menschen kommt es mir vor, als spielten sie ihre
Rolle in einem unserer Theater.
Erzählerin: Der Melancholiker als Totalverweigerer, als ebenso wohlhabender wie
zweiflerischer Zaungast. Und das in einer Epoche, die von Tatendurst und
Expansionsdrang gekennzeichnet war und in der das britische Weltreich entstand.
Doch Robert Burton spricht auch noch etwas anderes an: den Planeten Saturn, unter
dessen Zeichen er geboren wurde. Der Himmelskörper gilt, wie Peter Sillem
beschreibt, als Sinnbild der Melancholiker:
O-Ton Sillem: Saturn ist ein Gott sowohl der Fruchtbarkeit, des Blühens, der
Saturnalien – also der richtig ausufernden Festivitäten –, des Überschwangs, der
Umkehrung all dessen, was ist. Im Grunde sozusagen der Ahnherr des Karnevals. Und
gleichzeitig ist er der Gott der Saturnkinder, der Melancholiker, also derer eben, die
an der Welt leiden. Und da haben wir wieder dieses Bipolare: Der totale Überschwang
und das Leiden an der Welt.
Erzähler: Gerade die populäre Musik der jüngeren Vergangenheit thematisiert immer
wieder melancholische Stimmungen; die Beatles komponierten nicht nur „Twist and
shout“, sondern auch „Let it be“, die Rolling Stones wurden mit „Satisfaction“ ebenso
bekannt wie durch „As tears go by“ – einem Stück, in dem es genaugenommen um
nichts anderes geht, als dass jemand in melancholischer Stimmung aus dem Fenster
sieht. Und die Doors schließlich ließen es mit „Road House Blues“ so richtig krachen
– um dann mit „Riders on the storm“ fast schon philosophische Dimensionen zu
erreichen.
Musik: Doors “Riders on the storm”
Into this house we are born
Into this world we are thrown
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Like a dog without a bone
An actor out of loan
Zitator: Wir sind Reiter auf dem Sturm des Lebens. In diese Welt geworfen wie ein
Hund ohne Knochen oder wie ein Schauspieler ohne Bühne.
Erzählerin: Diese Beispiele aus der Moderne zeigen: Melancholie ist nicht an eine
bestimmte Epoche oder kulturelle Umgebung gebunden, wie Peter Sillem beschreibt:
O-Ton Sillem: Es wird immer neu erfunden sozusagen oder gefunden, was die
Melancholie für ihre Zeit ist. Und das, finde ich, macht diesen Begriff der Melancholie
so faszinierend. Die Verhaltensmuster von Cholerikern – also ich will jetzt nicht die
Temperamente gegeneinander ausspielen – sind relativ klar beschreibbar, während
die Melancholie – und das macht das Faszinosum auch für nicht-melancholische
Menschen aus – (…) es ist wie so eine sich wandelnde Gestalt. Ja? Und das macht das
Nachdenken über die Melancholie so reizvoll und interessant. Und deswegen glaube
ich, erfindet sich jede Generation sozusagen ihre Melancholiker neu.
Erzähler: Niemand hat uns vorher gefragt, ob wir auf diese Welt wollten. Und
trotzdem sind wir da. Wir leben. Aber existieren wir auch? Dieser Zweifel klingt in
dem Stück „Riders on the storm“ an. Und die „Doors“ fragen weiter: Füllen wir unser
Leben mit eigenem Sinn oder machen wir nur das nach, was die Mehrheit für richtig
hält?
Musik: Doors
Erzähler: Fragen, die sich irgendwann einmal wahrscheinlich jeder stellt. Aber nicht
immer werden sie als bedrohlich empfunden. Schon gar nicht von einem
Melancholiker – so sieht es die Malerin Mariela Sartorius.
O-Ton Sartorius: Der Melancholiker will vor allem eines: Er will seine Ruhe. Er will
nicht behelligt werden, und er will nicht gestört werden in, ja, man kann fast sagen, in
seinen luxuriösen Phasen wollüstiger Wehmut, wenn ich direkt so übertreibend
sagen darf. Denn es ist auch eine
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Wollust, sich hinzugeben der Melancholie. Es ist eine Stimmungslage, die ... tja, die
großes Vergnügen bereiten kann. Die Melancholie verlangt ja Alleinsein und Ruhe.
Aber nun dieser Spaß, diese Spaßgesellschaft, dieses grölende Getöse – das vertreibt
die Ruhe natürlich ganz schnell und damit auch die Melancholie.
Erzähler: Unter dem Titel „Die hohe Kunst der Melancholie“ hat Mariela Sartorius ein
Buch verfasst, dass der „schwarzen Galle“ nicht nur ihre Schrecken nimmt, sondern
in dem auch Humor und Erotik nicht zu kurz kommen. Doch: Warum ist Melancholie
eine „hohe Kunst“?
O-Ton Sartorius: Weil sie neben Talent und Übung eigentlich auch Hingabe erfordert
und Mut. Und dann natürlich diese wirklich schwierige Übung des Balancierens
zwischen Melancholie und Depression. Das muss sie hinkriegen. Aber mit einiger
Erfahrung spürt man den Abgrund und die Gefahr sehr schnell. Melancholie weitet
die Seele – das Gefühl habe ich jedenfalls. Und Depression engt sie ein, erstickt sie.
Da bedarf es schon der Kunstfertigkeit, das im Griff zu haben, dieses Balancieren.
Man ist feinfühlig. Man fühlt intensiver. Und dadurch will man sich ja auch ausweiten.
Man will es ja rauslassen, dieses Gefühl, an die Grenzen gehen. Und da bietet sich
natürlich an, sich auszudrücken in Farben, in Tönen, in Worten, letztlich in Kreativität.
Denn vorgeschaltet ist ja dann der Einfallsreichtum, die Fantasie, die Schöpferkraft.
Das drängt sich auf. Ja eben, man kann sogar sagen, die Betrachtung der Welt durch
die melancholische Stimmung ist eigentlich eine Initialzündung für Kreativität.
O-Ton Sartorius: Wenn ich melancholisch bin, fallen mir mit Abstand die besten
Themen ein und die besten Formulierungen. Wenn ich melancholisch bin, sage ich
Einladungen ab – ich sage sowieso die Hälfte aller Einladungen ab. Diese ganze
Oberflächlichkeit, die langweilt mich grenzenlos. Das gesellschaftliche Gedöns – ich
halte es nicht aus. Ja. Und ich lebe allein. Ich habe einen Hund, ich habe eine schöne
Wohnung (…) Ich gehe ein- oder zweimal jährlich in ein gemietetes kleines Chalet in
die Schweiz, in die Berge (…) Aus dem Fenster schauen, die Mundharmonika
hervorholen und irgendeinen Blues spielen. Klingt furchtbar kitschig – ich weiß. Aber
dennoch. Ja… Die Abenddämmerung.
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Erzähler: Doch wenn die Welt zu einem einzigen Rätsel wird, zu einem Ort, der nicht
als Heimat, sondern nur als Bedrohung empfunden werden kann, trifft unter
Umständen das ein, was mit dem Terminus „Depression“ bezeichnet und schon in
früheren Zeiten oft mit der Melancholie verwechselt wurde.
Erzählerin: Mechthild Seifert-Kuhrau fiel vor einigen Jahren in dieses dunkle Loch,
verbrachte lange Zeit in einem psychiatrischen Krankenhaus – und legt heute Wert
darauf, die schwarze oder weiße Galle nicht mit der dunklen, depressiven Nacht der
Krankheit gleichzusetzen.
O-Ton Seifert: Es war erst einmal eine Verweigerungshaltung, nicht mehr das
weiterzumachen, was vorher war. Und auch ne Schutzhaltung (…) Man weiß das
vorher nicht, wenn man drinsteckt (…) ob man da überhaupt wieder rauskommt. Aber
es ist auch ein guter Schutz, weil, es kommt auch kaum noch was rein (…) Ich habe
mich nur mit meinen Unzulänglichkeiten beschäftigt und wie ich den Tag überstehe
und alles andere war unwichtig (…) Und es war eigentlich eine große Erleichterung zu
merken, ich kann gerade mal gar nichts erfüllen. (…) Es war eine Zwangspause.
Wenn ich melancholisch bin, dann habe ich das Gefühl, ich ziehe mich für mich eine
Weile zurück. Zum einen um auszusteigen von den ganzen Reizen, die außen so sind,
weil das mir persönlich oft viel zu viel ist. Da fühle ich mich auch an Stellen
überfordert. Und einfach mal für mich selber, wie so ein Seele-baumeln-Lassen,
einfach zu gucken, welches Repertoire habe ich da so und in welche Ecken würde ich
auch mal wollen, wenn ich nicht gerade funktionieren muss? Und das ist für mich
einfach ein angenehmes Moment, einfach mal so sein zu können, mit allen Facetten.
Erzähler: Wer dermaßen tief und grausam in die Verließe der eigenen Seele
abgestiegen ist wie Mechthild Seifert-Kuhrau, entwickelt ein ausgeprägtes
Alarmsystem für psychische Gefährdungen. Doch melancholische Stimmungen sind
weder bedrohlich noch lähmend – im Unterschied zur Depression.
O-Ton Seifert: Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun. Melancholie ist was total
Lebendiges (…) Wenn man sich Sachen abschneidet, die eigentlich dazu gehören –
das ist Vorstufe zur Depression. Wenn man funktionieren will oder brav angepasst
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lebt, wie ich das vorher gemacht habe – das ist Vorstufe zur Depression (…)
Erzähler: Der Autor und Seelenbegleiter Josef Zehentbauer definiert es so:
O-Ton Zehentbauer: Der grundsätzliche Unterschied zwischen Melancholie und
Depression ist der, dass Melancholie eine, ich würde sagen, gesunde
Charaktereigenschaft ist. Depression wird von den Betroffenen als Krankheit erlebt
und ist unerwünscht – man leidet darunter. Wenn Melancholiker leiden, dann ist es
eher ein Leidenschaft und ein bisschen selbst herbeigeführt (…) Und einen
Melancholiker kannst du mit ein paar Hilfsmitteln, mit Musik und Rotwein oder
Kaminfeuer, in eine Stimmung bringen – freiwillig –, aus der er auch wieder
raussteigen kann. Ein Brunnen, in den er hinabsteigt, freiwillig, nicht hinabfällt und
auch nicht hinabgestürzt wird und ihn auch wieder verlassen kann.
Erzähler: Ein Depressiver fällt, ohne dass er es will, in diesen Brunnen – oder wird
hineingestoßen durch tragische Ereignisse und auch durch schwierige
zwischenmenschliche Beziehungen. Während der Melancholiker gerne alleine ist –
Josef Zehentbauer spricht hier von „All-Einigkeit“ – ist der Depressive einsam. Der
Melancholiker ist in seinen Bewegungen langsam, getragen, beschaulich. Der
Depressive leidet unter Lethargie und Antriebslosigkeit. In der Melancholie wird die
Ernsthaftigkeit eingeladen, sie wird bewusst herbeigerufen und willkommen
geheißen. Der Depressive wird hineingestoßen in dieses dunkle Loch und ist
unglücklich. Er möchte da raus. Der Melancholiker nimmt ein Bad, aber er kann es
auch wieder verlassen. Der Depressive droht zu ertrinken.
Erzählerin: Ein Melancholiker ist also nicht immer traurig und strahlt auch nicht
permanent etwas Unergründbares aus. Gerade der melancholische Tango ist trotz
seiner zeitweisen Schwere ein hoch erotischer Tanz, Ausdruck der sexuellen
Anziehungskraft zwischen Mann und Frau.
Erzähler: Melancholie ist eine verborgene Ahnung, deren plötzliches Auftauchen sich
niemand erklären kann. Ein junger Vater erzählt:
O-Ton Vater: Dass ich melancholisch werde, merke ich daran, dass ich heulen muss,
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wenn ich meiner Tochter die „Loreley“ vorlese.
Zitator:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldnes Haar.
Sie kämmt es mit goldnem Kamme,
Und singt ein Lied dabey;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodey.
Den Schiffer, im kleinen Schiffe,
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Loreley getan.
O-Ton Seifert: Es gibt Menschen, die weniger nachdenken. Manchmal denke ich, die
sind vielleicht glücklicher dran. Weiß ich nicht. Aber wenn Menschen dazu neigen, viel
zu beobachten, viel mitzukriegen – und ich glaube, das ist oft eine Kombination von
sehr aufmerksam sein, von dem, was um einen herum passiert, sehr viel mitkriegen,
ob man das jetzt will oder nicht.
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Erzählerin: Galt die Melancholie in der Antike als produktive Kraft, so wird sie heute
eher skeptisch betrachtet. Grund dafür ist eine gesellschaftliche Grundhaltung, die
sich als Glücksimperativ bezeichnen lässt: wer unglücklich ist, sollte einfach nur
mehr teilnehmen an den Segnungen der hochentwickelten Industriegesellschaften,
die für jede Störung ein „Mehr desgleichen“ bereithalten.
O-Ton Seifert: Ich halte das persönlich für fatal, weil, das funktioniert nicht. Man
bindet irgendwas ab, und das kann nur ein Schuss nach hinten werden. Und ich
kriege viele junge Leute mit, auch junge Kollegen im Moment, die das Gefühl haben,
immer alles im Griff haben zu müssen, immer gut drauf sein zu müssen und wie
schnell die bei den Arbeiten, die sie machen müssen, mit chronisch psychisch
Kranken in dem Fall und Abhängigen, das Handtuch schmeißen müssen. Weil, da
kommen die so an ihre persönlichen Grenzen oder an ihre persönlichen Themen, die
sie vorher nicht angeguckt haben. Und dann kommen die total aus dem
Gleichgewicht. Ich finde die ganze Facette gehört dazu. Und das ist wie eine Waage
und nur Glück? (…) So funktioniert Leben nicht.
Erzähler: Mehr konsumieren, häufiger auf Partys gehen, möglichst oft den Partner
wechseln und vor allem ausgiebig Ratgeberliteratur konsultieren, die für jedes
Wehwehchen eine Lösung hat. Ärgerlich ist dann nur, wenn man dann an Bücher
gerät, die einen nicht an die Hand nehmen, sondern mit ihrem Tiefgang und ihrer
Aufforderung zum Selbstdenken an die Substanz gehen können. Als „Glücksguru“
oder „Wellnessdenker“ apostrophiert, hat der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid die
Erfahrung gemacht, dass Menschen nach Fertiggerichten suchen, wo sie besser
selber kochen sollten. In seinem kleinen Buch „Unglücklich sein – Eine Ermutigung“
schreibt er:
Zitator: Eine drohende Diktatur des Glücks lässt keinen Raum dafür übrig,
unglücklich zu sein. Ein scharfer Gegenwind schlägt jedem entgegen, der an der
Fähigkeit des Glücks zur Alleinherrschaft über das menschliche Leben zweifelt. Was
sind die Gründe für die Glückshysterie, die immer wieder ausbricht? Ein Grund dafür
ist die Flucht ins Glück. Je größer der Druck der äußeren Verhältnisse, desto heftiger
fragen Menschen nach ihrem inneren Glück.
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O-Ton Schmid: Der, der Melancholie und im weiteren Sinne das Unglücklichsein nicht
kennt, der kann auch das Glücklichsein nicht kennen. Denn alle Zustände werden nur
als solche erfahrbar, wenn wir das Gegenteil erfahren. Der, der Lust hat, weiß nicht,
dass er Lust hat, wenn er nicht weiß, was Nicht-Lust oder sogar Schmerz ist. Wir alle
kennen die Erfahrung, dass wir manchmal, gerade im Winter, flachliegen wegen einer
kleinen Grippe und dann nach ein paar Tagen wieder rauskönnen an die frische Luft.
Was ist das für eine Wohltat, wieder tief durchzuatmen. Können wir jeden Tag haben.
Interessiert aber niemanden, weil, es ist normal.
O-Ton Schmid: Melancholie ist einfach erkennbar daran, dass man sich nicht
übermäßig toll fühlt, möglicherweise nicht wohlfühlt (…) Ich weiß schon, wovon ich
rede, und ich muss gestehen, ich fühle mich nicht immer unwohl mit meiner
Melancholie. Des Öfteren fühle ich mich wohl. Aber es ist auch ein Zustand von
leichtem Schmerz – nicht tiefem Schmerz. Ein Zustand von Unglücklichsein, nicht
gewaltiges Unglücklichsein, aber so ein Schmerz z.B. darüber, dass dieses Leben eine
Grenze hat und dass ich doch mit meinen liebsten Menschen gerne zusammen lebe,
eines Tages aber gehen muss. Das ist noch nicht präsent, aber es wirft schon einen
Schatten voraus.
Erzähler: In der Spaßgesellschaft hat der Melancholiker es schwer. Nicht etwa
deshalb, weil er humorlos wäre. Sondern eher, weil sich seine Auffassung des Lebens
von dem ewig originell sein müssen deutlich abhebt. Der Witz des Melancholikers
schmeckt bittersüß, geht unter die Haut und regt zum Nachdenken an. Für Josef
Zehentbauer eine wohltuende Eigenschaft, die den Melancholiker von den meisten
seiner Zeitgenossen unterscheidet:
O-Ton Zehentbauer: Die Aufgabe der Melancholiker ist eher eine andere Art von
Fröhlichkeit und Spaß bringen. Eher die des ernsthaften Komikers oder des
klassischen Clowns. Der klassische Clown bringt die Leute auch zum Lachen, aber oft
mit einem Schuss von Wehmut, Traurigkeit und Nachdenklichkeit. Und es gibt auch
Clown-geschminkte Gesichter mit einer Träne. Und das ist keine Träne des Lachens,
sondern eigentlich auch eine Träne von Wehmut und Vergänglichkeit. Das Lachen ist
jetzt und die Fröhlichkeit. Und eine Stunde später ist wieder eine ganz andere,
vielleicht ganz harte Welt.
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O-Ton Sartorius: Ich glaube, dass Humor und Melancholie sich gut vertragen (…) Die
befruchten sich gegenseitig, glaube ich. Schauen Sie den Loriot an, natürlich. Das ist
ein Paradebeispiel. Der war jetzt nicht larmoyant oder trist oder was, was oft mit
Melancholie fälschlicherweise verbunden wird. Der hatte immer ein Lächeln im
Gesicht – zumindest auf der Bühne – und war einer der humorvollsten für mich
überhaupt (…) ich habe einen Hang zum Humor, ich lache wahnsinnig gerne, auch
wenn ich betone, einen großen Hang zur Melancholie zu haben.
Erzählerin: Die antiken Denker wie Theophrast, Sokrates oder Platon sahen als
Ursache der Melancholie nicht nur das Wirken verschiedener Körpersäfte wie Blut,
Schleim oder Galle. In fast all ihren Texten schwingt ein Wissen mit, das der Mensch
allen anderen Lebewesen voraushat – und auf das er wahrscheinlich gerne verzichten
würde: wir sind die einzigen Geschöpfe, die wissen, dass sie sterblich sind.
Erzähler: In der melancholischen Haltung, dem Fragen nach dem Sinn des Lebens,
danach, wo wir herkommen und wohin wir gehen, spiegelt sich diese grauenvolle
Ahnung. Die Moderne hat diese Gewissheit zugekleistert mit den Segnungen der
Zivilisation, mit den beständig geöffneten Fluchtwegen aus der Gewissheit der
Endlichkeit. In den 1920er Jahren fiel dies vor allem dem Philosophen Martin
Heidegger auf. In seinem Text „Was ist Metaphysik?“ geht es nur um eines: die
existenzielle Angst und ihre Verdrängung.
Zitator: Die ursprüngliche Angst kann jeden Augenblick im Dasein erwachen. Sie
bedarf dazu keiner Weckung durch ein ungewöhnliches Ereignis. Der Tiefe ihres
Waltens entspricht das Geringfügige ihrer möglichen Veranlassung. Sie ist ständig
auf dem Sprunge und kommt doch nur selten zum Springen, um uns ins Schweben
zu reißen.
Erzähler: Im Hyperaktivismus der Turbomoderne will jeder die Kontrolle behalten.
Bloß nicht abrutschen ins Bodenlose der melancholischen Reflexion. Die Grenzen
müssen gewahrt bleiben. Doch ständig einzäunen lässt sich keine Existenz.
Erzählerin: In der astrologischen Interpretation des Planeten Saturn drückt sich das
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aus: er war lange Zeit der äußerste bekannte Trabant unseres Sonnensystems und
stand deshalb für die Warnung vor den extremen und externen Gefühlszuständen.
Doch gleichzeitig symbolisierte er auch das Experimentieren, das Austesten neuer
Möglichkeiten, die Fähigkeit des Menschen zur Entdeckung verborgener
Dimensionen – immer unter Wahrung einer gewissen Sicherheitslinie. Denn
Expeditionen brauchen Planung. Der Melancholiker weiß sehr wohl, dass er sich auf’s
Glatteis begibt, seine alten Konstanten verlässt. Aber gerade deshalb tut er es ja.
O-Ton Schmid: Wenn Sie mit eingefleischten Melancholikern sprechen – ich spreche
jetzt nicht nur von mir, denn ich kenne das auch von anderen –, und Sie würden dem
anbieten: Ich habe hier eine Pille; du kannst diesen Zustand wegmachen. Keiner
würde diese Pille nehmen, möchte ich fast schwören. Denn es würde ja ein
wesentlicher Teil des Lebens dann weg sein.
Erzähler: Heutzutage neigen die Menschen oft dazu, bei den Forschungsreisen zu
ihrem Leben überall Sicherungshaken einzuschlagen: keine Öffnung des inneren
Fensters ohne Sicherheiten. Für Melancholikerinnen wie die Kölner Malerin Eliana
Moravia ist das eine Untat gegen die eigene emotionale Vielfalt.
O-Ton Moravia: Wichtig ist eben die Kontrolle – Saturn – die Grenzen aufzulösen und
sich da einzulassen auf das, was kommt. Das kann immer mal positiv und negativ
sein (…) Ich denke, viele Menschen sind emotional behindert. Dass sie auch einfach
gar nicht wissen, was sie fühlen und auch gar nicht merken, wie sie dann von der
Werbung und so weiter manipuliert werden, weil sie ihre Gefühle gar nicht kennen.
Sie wissen ja gar nicht, wo habe ich Ängste? Wo bin ich? Wo sind meine Bedürfnisse?
Wo kann ich auch was geben?
Musik: Emerson, Lake and Palmer
O-Ton Moravia: Ich nenne das ein bisschen so ein geistiges, ein intellektuelles
Zurückziehen. Ich habe beim Malen auch keine Vorstellung, was ich malen will (…)
Und alles das, was dann passiert, ist eben mit den Farben und was auf der Leinwand
dann sozusagen passieren wird.
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Erzählerin: In der Vier-Charaktere-Lehre der Antike stand die Melancholie für eine
Wut, die nach innen geht: jemanden geht die Galle über, aber er geht mit dieser Wut
nicht nach außen, sondern behält sie im Unterscheid zum Choleriker für sich.
Erzähler: Doch was ist mit diesem Bild in der Sprache moderner Medizin gemeint?
Magenschmerzen vor lauter Frustschieben? Gallensteine? Schmerzen sind
unvermeidbar, schon bei der Geburt werden sowohl die Mutter als auch das
Neugeborene mit ihnen konfrontiert. Kein Mensch bekommt Zähne, ohne dass er
Schmerzen dabei hätte und oft endet das erste Verliebtsein in einem Tal der Tränen.
Erzählerin: Trotzdem versucht der moderne Mensch den Schmerz zu ignorieren, ihn
auszuklammern aus seinem Leben. Und das nicht selten, bevor er überhaupt
eingetreten ist. So sind nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums fünf
bis sieben Millionen Menschen in Deutschland alkohol- und medikamentenabhängig.
Betäubung der Seele statt Pflege und Fürsorge. Wegdrücken der Angst und der Wut
darüber, dass man Angst hat. Statt Herangehen an das, was sie verursacht. Eliana
Moravia begrüßt die Wut:
O-Ton Moravia: Wut ist ja erst einmal etwas Positives. Es gibt mir ja die Lebenskraft,
um Dinge vorwärts zu bringen – Aggression, voranschreiten (…) Die schwarze Wut ist
eben nicht die rote, die ausgelebt wird, sondern die zurück gehalten wird. Und wenn
dann der Mensch nach innen geht (…) das wird oft mit ‚Dunkel, in der Höhle, in die
Tiefe hinein gehend’ beschrieben. Aber da kann Transformation stattfinden. Also man
muss Wut nicht ausagieren, man kann da auch Freude draus machen.
Erzählerin: In der Antike und der Renaissance, erst recht in der Romantik, gehörte
Melancholie zum wesentlichen Repertoire der Lebenskunst, sie war Teil der
Seelenlandschaft des Menschen. Gelebte Melancholie – das waren nicht nur die
Philosophen in ihren Akademien und Regentonnen. Sondern auch der Kaufmann, der
sich Zeit nahm für die Dinge außerhalb des Geldverdienens, Hetären, die nicht nur
Kenntnisse der Liebeskunst besaßen, sondern auch mindestens ein Musikinstrument
beherrschten. Maler wie Michelangelo oder Dürer, Schriftsteller wie Lukian, Seneca
oder Petrarca hätten nicht leben können ohne eine ausgeprägte Neigung ihrer
Mitmenschen zur Melancholie.
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Erzähler: Zweckfreiheit, aber nicht Sinnlosigkeit – eine Forderung an unsere Zeit. So
sieht es jedenfalls Josef Zehntbauer.
O-Ton Zehentbauer: Gelebte Melancholie würde auch heißen, dass wir wesentliche
Eigenschaften der Melancholie in den Alltag einfließen lassen. Das heißt, Friede,
auch Liebe, Nächstenliebe, Selbstliebe, Mitgefühl, Empathie. All das gehört zur
Melancholie. Tiefgang gehört zur Melancholie. Dass wir hinter den Ereignissen, die
wir erleben und scheinbar auch banalen Ereignissen oder Nachrichten, die wir hören,
nicht nur an der Oberfläche bleiben und schulterklopfend sagen, da muss man
durch, sondern Hintergründe sehen.
Ich finde immer faszinierend, dass Tränen vom ph-Wert, also vom Salzgehalt her,
identisch sind mit dem des Meeres. Da kommen wir halt aus der Unendlichkeit und
stellen wieder – das klingt jetzt auch pathetisch – mittels unserer Tränen eine
Verbindung her zu etwas Unendlichem, was wir nie begreifen werden.
Erzähler: Die heutige Abwehrhaltung gegen Melancholie hat auch etwas mit der
Angst vor Schmerz zu tun – wobei der Unterschied aufschlussreich ist, was heute als
Schmerz definiert wird und wie er vor mehr als zweitausend Jahren gesehen wurde.
Erzählerin: „Lysis“ lautet das altgriechische Wort dafür und bezeichnet eine
Loslösung, ein befreiendes Weinen oder Brüllen, dass die Organe reinigt und Luft in
die Gedärme bläst. Den vor allem seelischen Schmerz zuzulassen – Bestandteil
melancholischer Lebenspraxis. Das war es auch, was den deutschen Philosophen
Friedrich Nietzsche – ein Melancholiker der reinsten Sorte – in seinem Buch „Die
fröhliche Wissenschaft“ zu folgender Sequenz veranlasste:
Zitator: Wir sind keine denkenden Frösche, keine Objektivier- und Registrierapparate
mit kalt gestellten Eingeweiden – wir müssen beständig unsere Gedanken aus dem
Schmerz gebären und mütterlich ihnen alles mitgeben, was wir in uns haben. Leben –
das heißt für uns, alles, was wir sind, beständig in Licht und Flamme verwandeln,
auch alles, was uns trifft, wir können gar nicht anders. Ich zweifle, ob ein solcher
Schmerz verbessert, aber ich weiß, dass er uns vertieft. Selbst die Lieb zum Leben ist
noch möglich – nur liebt man anders. Es ist die Liebe zu einem Weibe, das uns Zweifel
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macht. Wir kennen ein neues Glück.
O-Ton Schmid: Heute zu behaupten, der Schmerz sei auf jeden Fall zu vermeiden,
weil das ein Zustand ist, der nichts bringt – modernen Menschen muss ja immer alles
etwas bringen –, da kann man nur sagen, also die Lebenserfahrung spricht da sehr,
sehr eindeutig. Gerade Schmerz, Verzweiflung, nicht mehr weiterwissen, Misserfolg –
das können die Zeiten sein, in denen die starken Ideen kommen. Auch hier kann ich
nur aus eigener Erfahrung sprechen.
Musik: Emerson, Lake and Palmer „Take a pebble“
Erzähler: Just take a pebble – einen Kieselstein in die Hand nehmen, ihn ins Wasser
werfen und sehen, wie er dort Kreise zieht – eine Empfehlung der britischen
Rockgruppe „Emerson, Lake and Palmer“.
Erzählerin: Es ist an der Zeit, zu fragen, was aus der alten Dame Melancholie
geworden ist. Worin das Glück besteht, unglücklich zu sein. Worin liegt ihre kulturund zeitkritische Sprengkraft? Was würde geschehen, wenn wir eine moderne
Gesellschaft von Melancholikern wären – misstrauisch gegenüber den Segnungen der
Oberflächlichkeit, aber dennoch fest verankert im Leben? Was kann Melancholie?
Und wo liegt ihr eventuell nervtötendes Element?
O-Ton Zehentbauer: Bei allen Lobliedern über die Melancholie muss man schon
auch sagen, dass, sage ich mal, hundertprozentige Melancholiker auch schon mal
sehr anstrengend sein können, auch Spielverderber sein können. Ein kleines Beispiel,
das ich tatsächlich auch mal erlebt habe mit einer sehr, sehr melancholischen Frau:
Eine wunderbare Gebirgswanderung. Man kommt an einen stillen See, mitten in den
Bergen. Die Sonne geht unter. Romantik pur. Dann entdeckt diese Frau einen
Plastikbeutel, den irgendjemand liegen gelassen hat. Und sofort bricht in ihr die
Stimmung zusammen und sie denkt an Umweltverschmutzung, denkt an die
Müllberge von Sao Paulo und die hungernden Kinder und erzählt es auch noch.
Erzähler: Positives erleben, aber sich mit großer Hingabe das Negative heranholen –
eine vereinzelte Verhaltensweise, maßgebend für das verbreitete Vorurteil zu
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Melancholie, sie sehe immer nur schwarz. Schließlich können auch die Alpen einen
traurigen Anblick bieten, wenn man sich vorstellt, die Berge wären nicht mehr da.
Was Melancholie noch kann außer schwarzmalen, weiß Mariela Sartorius:
O-Ton Sartorius: Sie kann (…) allzu großem Schmerz oder allzu großer Trauer die
Schärfe nehmen. Warum? Sie schaut differenziert hin auf die Dinge. Und sie wägt ab
und sieht auch immer die dunklen Seiten. Sie hat was Tröstliches, wie ein Wiegenlied.
Erzähler: Seit einigen Jahren taucht eine Ratgeberliteratur auf, die den Menschen
erzählen will, dass das Glück an der Oberfläche zu finden ist: sieh immer alles nur
positiv. Unbemerkt bleibt dabei, dass damit die Hälfte des Lebens verloren geht,
wenn die weniger prickelnden Momente des Daseins am besten gar nicht erst zur
Kenntnis genommen werden. Happyness, gut drauf sein, seinen Spaß haben zu
wollen, kann ein durchaus legitimer Lebenszweck sein. Wenn allerdings diejenigen
dabei auf der Strecke bleiben, die dieses Spiel nicht mitspielen können oder wollen,
wird es zu einer Norm, der zwar jeder gehorchen muss, aber nur wenige folgen
können.
O-Ton Moravia: Wenn man sich einer Sache verschreibt (…) da hat man überhaupt
keine Zeit mehr, an sich zu denken, weil, man ist ja mit den tollen Dingen beschäftigt,
die Welt zu retten. Also wenn man ein bestimmtes Ziel hat oder eine bestimmte Idee,
der man folgen will (…) dann sitzt man da und arbeitet wie blöde (…)
Erzähler: Das wäre nicht weiter tragisch, so der Philosoph Wilhelm Schmid, wenn in
unserer Gesellschaft nicht gleichzeitig eine permanente Gleichsetzung der Begriffe
von Glück und Sinn stattfinden würde:
O-Ton Schmid: Die Verwechslung geschieht ganz einfach, weil Menschen (…) suchen
immer stärker nach Sinn, denn die Moderne ist leider eine Zeit, die zwar viele
Errungenschaften mit sich gebracht hat, auf die wir nicht verzichten wollen und auch
nicht sollten. Aber Moderne zerstört systematisch Sinn. Das muss man so hart sagen.
Wo ist Sinn? Sinn ist z.B. in Beziehungen (…) Aber die Moderne ist die Zeit, die
Beziehungen systematisch zerschlägt.
O-Ton Schmid: Das Leben atmet, wenn ich das mal so poetisch sagen darf. Und die
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entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, mitzuatmen mit dem Leben. Soll heißen,
das Leben geht hin und her zwischen unterschiedlichen und gegensätzlichen
Zuständen. Mal erfahren wir Liebe, mal erfahren wir keine Liebe. Mal erfahren wir
Glück, und mal erfahren wir kein Glück. Es hat keinen Sinn, auf einer Seite das Leben
anhalten zu wollen. Das wäre ungefähr so sinnvoll wie: ich will immer nur einatmen.
Erzähler: Melancholie ist eine Art und Weise des menschlichen Seins – so Wilhelm
Schmid. Kein Mensch kennt nur Freude, keiner nur Lust. Weder der Kranke noch der
Gesunde sind glücklich, sondern nur der Genesende. Die Frage ist nur, ob und wie
diese unterschiedlichen Zustände anerkannt werden. In unserem tiefsten Inneren
wollen wir beide Seiten leben, denn wir spüren, dass wir dadurch vollständiger
werden könnten. Friedrich Schelling, Philosoph der deutschen Romantik und für
heutige Ohren ausgesprochen sperrig, sah das als Kennzeichen der menschlichen
Freiheit:
Zitator: Dies ist die allem Leben anklebende Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit
kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient. Daher der Schleier
der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörliche
Melancholie alles Lebens. Nur in der Persönlichkeit ist Leben. Und alle Persönlichkeit
ruht auf einem dunklen Grund, der allerdings auch Grund der Erkenntnis sein muss.
Musik: Tom Waits
O-Ton Schmid: Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, noch tiefer
einzutauchen – gerade nicht den Zustand zu fliehen. Das ist noch nie gutgegangen.
Nein, tiefer einzutauchen in den Zustand. Dann geht er in der Regel auch schneller
vorbei. Tiefer eintauchen heißt, mir Musik zu suchen – muss man übrigens nicht
lange suchen. Das Meiste der klassischen Musik ist melancholische Musik, und
übrigens auch ein guter Teil der Popmusik ist melancholische Musik (…) Musik zu
hören, die diesen Zustand (…) ummantelt, umgibt – kann einem zeigen, du bist nicht
allein, sondern das ist ein gewöhnlicher menschlicher Zustand.
O-Ton Schmid: Ich möchte den Menschen Mut zusprechen, die sich unglücklich
fühlen und melancholisch sind, diesen Zustand zu schätzen, geradezu. Warum
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schätzen? Weil dieser Zustand verschiedene Dinge an sich hat. Er macht Menschen
sensibel. Nicht nur sensibel für sich selbst, sondern auch sensibel für andere. Ein
Mensch, der weiß, was Unglücklichsein ist, der hat ein Auge dafür, ob das bei anderen
Menschen auch der Fall ist und kann dann eher auf nen anderen Menschen zugehen,
z.B. am Arbeitsplatz, und kann sagen: Du, ich ahne, wie dir ist; wollen wir mal einen
Kaffee zusammen trinken? Also melancholische Menschen, unglückliche Menschen
haben eine größere soziale Sensibilität.
Erzähler: Bei dem, was auf uns zukommen könnte – so die Prognose Wilhelm
Schmids – könnten wir soziale Kompetenz und erhöhte Sensibilität nötiger haben als
jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Dann nämlich, wenn Erderwärmung,
Überflutungen, Dauerhitze und Permanentfrost unser Leben und damit unser
Miteinander radikal auf eine andere Stufe stellen, als wir es bisher gewohnt waren.
Nachdenklichkeit und nicht das schnelle Entscheiden könnte zu einer wichtigen
Tugend werden.
O-Ton Schmid: Ich befürchte, dass eine Epoche der Melancholie kommt, die es
niemals gegeben hat auf diesem Planeten. Das kann strittig sein, aber ich
beschäftige mich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung der ökologischen
Problematik. Und ich muss konstatieren, was 1990 schon befürchtet worden ist, ist
genauso eingetreten (…) Ich kann nur hoffen und wünschen, dass diese
Herausforderung zu bewältigen sein wird. Aber sie wird so groß sein, dass Menschen,
wie bei einem Krieg oder Bürgerkrieg, mit nichts anderem mehr beschäftigt sind als
nur noch damit, das Überleben zu sichern. Das wird Menschen sehr, sehr traurig
machen und melancholisch machen. Insofern wird die Melancholie, das Menschsein
der Zukunft sein. Ich hoffe sehr, dass es nach dieser Zukunft noch eine andere
Zukunft geben wird.
Erzählerin: Schon im Altertum waren die Melancholiker nicht automatisch die
besseren Menschen. Sie ließen nur mehr Fragen an sich heran. Und den
unangenehmen Gedanken, dass wir in diesem Leben ständig mit unserer Endlichkeit
konfrontiert werden.
Erzähler: Der heutige Melancholiker leidet genauso wie seine seelenverwandten
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Brüder und Schwestern in der Antike – aber er genießt auch. Von dem Philosophen
Friedrich Nietzsche stammt der Gedanke, dass man dort, wo man steht, tief nach
unten graben sollte und keine Angst haben muss vor dieser Tiefe. Denn unten ist
nicht immer Hölle, sondern auch Erkenntnis und Lebensweisheit.
Musik: Rolling Stones
Absage:
„Melancholie – Anatomie einer produktiven Stimmung“
Ein Feature von Michael Reitz
Es sprachen Edda Fischer, Gregor Höppner und Tom Jacobs
Ton und Technik: Gunter Rose und Beate Braun.
Regie: Robert Steudtner
Eine Produktion des Deutschlandfunks 2013
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