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Geschichte für Charlotte IV - Geschichten, Erzählungen und Verse

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Geschichte für Charlotte IV
Der Museumsbesuch
Lili hatte Geburtstag, und Tante Rieki hatte ihr eine besondere
Überraschung versprochen.
„Morgen gehen wir in ein Museum“, sagte sie und tat sehr
geheimnisvoll. Lili war ein bisschen enttäuscht, Zirkus, zum Beispiel,
wäre interessanter. Aber sie war doch gespannt, als sie mit ihrer
Tante die Fahrt zum Museum antrat. Man fuhr mit der Bahn an den
Stadtrand und musste noch ein Stückchen laufen, aber dann standen
sie vor einem großen Haus. Lili suchte vergebens nach einem Schild
oder einer Inschrift, doch es gab einen Wächter. Der saß auf einem
Pferd vor einer hohen Tür und versperrte den Eingang.
„Wir haben doch Eintrittskarten, warum können wir nicht
hinein? Und warum sitzt du auf einem Pferd, hast du keinen Stuhl?“
fragte Lili den Wächter.
„Es gibt ein paar besondere Regeln für dieses Museum,“ sagte
der Wächter, „es dürfen immer nur sieben Leute hinein, und wenn
sieben Leute hier versammelt sind, klopfe ich an die Tür und man
lässt sie hinein. Aber ich weiß nicht, wann es sieben sind, weil ich
sehr schlecht sehen kann, eigentlich kann ich gar nicht sehen, aber
mein liebes Pferd hilft mir. Es klopft dann mit seinem Fuß sieben
Mal auf den Boden.“
Lili zählte die Leute vor der Tür, mit Tante Rieki und ihr waren
es vier, und es stimmte, als sie kamen, hatte das Pferd vier mal auf
den Boden geklopft.
„Du hast aber ein schlaues Pferd,“ sagte Lili, „hat es denn auch
einen Namen? Der Hund vor dem Bücherhaus zum Beispiel heißt nur
Hund, und dabei ist er auch wichtig und muss immer aufpassen, dass
man keine Wörter stiehlt.“
„Das hier,“ sagte der Wächter, „ist mein treuer Freund Phil.“
„Mit V oder mit F?“ fragte Lili, denn sie ging schon in die dritte
Klasse und wusste um die Tücken der Rechtschreibung.
„Ein so besonderes Pferd,“ sagte der Wächter „hat auch eine
besondere Schreibweise. Man schreibt es mit Pe-Ha.“
Der Museumsbesuch
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„Hallo Phil“, sagte Lili, „ich bin Lili“, und sie klopfte Phil auf
den Rücken. Dafür klopfte Phil zwei Mal mit dem Huf auf den Boden.
„Das heißt guten Tag,“ erklärte der Wächter.
Da gab es schon Neues: Ein Auto hielt unten an der Straße und
drei Leute stiegen aus, offensichtlich Eltern und ein Kind, ein Junge,
etwas älter als Lili.
Als sie herangekommen waren, klopfte Phil sieben Mal auf das
Pflaster, der Wächter hob seine Faust und bummerte gegen die Tür.
Dann wendete er sein Pferd, und sie stellten sich hinter die sieben
Leute, damit niemand sonst hereinschlüpfen konnte, denn es kamen
schon weitere Besucher. So betraten die sieben nun die Vorhalle des
Museums. Sie wurden von einer Museumsführerin empfangen, die sie
freundlich begrüßte. Sie trug ein Namensschild auf ihrer Jacke, das
sie als Dr. L. Kirschkern auswies.
Frau Dr. Kirschkern machte sie zunächst einmal mit den
Besonderheiten dieses Museums bekannt.
„Sie sehen hier in dieser ersten Halle nur einige Podeste stehen,
ganz ohne Figuren, sie dienen auch einem – zugegeben –
ungewöhnlichen Zweck. Ich möchte Sie bitten, auf diese Podeste zu
steigen, für jeden ist eines da. Gleich werden sieben Maler kommen
und Sie zeichnen. Sie sind große Künstler und Schnellzeichner, es
wird nicht allzu lange dauern. Sie werden Ihre Gesichter im Bild
festhalten, aber sie können noch mehr. Als ausgebildete Psychologen,
also gelernte Menschenkenner, erkennen sie auch Ihren Charakter
und stellen ihn auf ihre besondere Art dar. Diese Maßnahme hat
ihren Grund darin, dass immer wieder wertvolle Ausstellungsstücke
gestohlen werden, und an Hand der Bilder können wir den Dieb
leichter identifizieren, will sagen: finden .Ich danke Ihnen für Ihr
Verständnis.“
Mit oder ohne Verständnis – die Leute taten, worum sie gebeten
wurden. Einige benutzen einen Schemel, um hinaufzusteigen, Lili
sprang hoch, landete mit dem Bauch auf dem Podest und stellte sich
dann ganz gerade hin wie in der Turnstunde. Neben ihr stand Tante
Rieki auf ihrem Podest.
Dann kamen die Maler, sehr ernst blickende Männer, die ihre
Modelle auf den Podesten genau betrachteten und dann
untereinander diskutierten. Alle fingen gleichzeitig mit der Arbeit an,
zeichneten oder malten schweigend, ganz konzentriert. Lili wusste
nicht, wie lange es gedauert hatte, bis die Maler zurücktraten, ihre
Gemälde betrachteten und dann die Leute aufforderten,
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herunterzusteigen. Alle waren schon gespannt, wie man sie wohl
dargestellt hatte – und alle waren sie zu Vögeln geworden mit ihren
menschlichen Gesichtern, und alle ganz unterschiedlich.
Lili sah sich als buntes Vögelchen und war ganz beglückt. „Jetzt
bin ich eine Schwester von Kiwili,“ sagte sie zu Rieki. „Ja, du bist ein
hübscher kleiner Kolibri.“ Rieki wusste, dass Kiwili Lilis
Begleitvögelchen war, so wie andere einen Hund hatten.
Tante Rieki war ganz zufrieden, dass sie eine weiße Eule war.
„Eulen sind weise Tiere,“ lachte sie. Die Frau neben ihr war eine
Gans, und damit war sie ganz und gar nicht zufrieden und
beschwerte sich bei ihrem Maler.
„Aber was wollen Sie“, meinte der Maler, „Gänse sind nützliche
Tiere, denken Sie nur an die Martinsgans“. Daran wollte die Frau
lieber nicht denken.
Ein gut gekleideter Mann mit einer Hakennase und Spähaugen
fand sich als Adler sehr gelungen, eine schöne Dame bestätigte, dass
der Pfau gut zu ihr passte, mindestens zu ihrem schönen Kleid ,der
Junge war zu einem Raben geworden. Alle diese Tiere kannte Lili,
aber der Vogel auf dem letzten Bild, so etwas schwarz-weiß
Geflecktes, war ihr nicht bekannt.
„Das ist eine Elster“, erklärte Tante Rieki.
Nun meldete sich Frau Dr. Kirschkern wieder. „Die Bilder
können Sie noch einmal am Ausgang sehen, einige sind dann auch
zum Erwerb freigegeben. Aber jetzt betreten wir den nächsten Saal.
Hier sehen Sie Gemälde aus unterschiedlichen Epochen, aber
vorwiegend moderne Malerei. Sie werden einige bekannte Bildnisse
entdecken, aber auch Gemälde, die nicht fertig gestellt wurden und
die das Museum deshalb preiswert erworben hat. Sie haben nunmehr
die Möglichkeit, nach eigenem Gutdünken für die Fertigstellung zu
sorgen. Sie müssen nur darauf achten, dass Sie nicht Bilder
übermalen oder verbessern, die der Maler als fertig betrachtet hat.
Material zum Malen finden Sie auf den Tischen unterhalb der
Gemälde. Und nun: Viel Vergnügen – so ein Angebot bekommen Sie
nicht alle Tage!“
Das war nun wirklich erstaunlich, das musste Lili in der
nächsten Kunststunde ihrer Lehrerin erzählen. Aber würde man ihr
glauben? Schon die Sache mit dem Pferd Phil war schwer
verständlich zu machen, aber immerhin wusste man, dass Pferde
schlau sind …
Der Museumsbesuch
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In dem großen Saal waren zahlreiche Gemälde, die meisten in
schönen Goldrahmen.
Lili besah sich erst einmal die Bilder auf der einen Seite um zu
entdecken, welche sie vervollständigen könnte. Da fiel ihr gleich eins
ins Auge. Es war das Bild einer schönen Dame, die auf einer Liege
ruhte, ein Sofa so richtig zum Ausruhen, es war kein Bett zum
Schlafen. Dass es eine Dame war, sah man gleich an der feinen Kette
um ihren Hals und den Ringen an ihren Händen. Aber der Maler war
offensichtlich nicht mehr dazu gekommen, ihr Kleid zu malen, sie
hatte nämlich nichts an. Und ein Kleid musste es sicherlich sein,
Jeans und T-Shirt passten irgendwie nicht zu der Dame. Am besten
ein langes Kleid, das auch ihre Füße bedeckte, sonst musste man
auch noch Schuhe malen. Die Farbe stand bald fest: am besten blau.
Lili suchte auf den Tischen nach einem Topf mit blauer Farbe, als
eilends Frau Dr. Kirschkern zu ihr kam.
„Hier kannst du nichts hinzufügen“, sagte sie, „das Bild ist
fertig. Der Maler hat die Dame gemalt, als sie gerade aus dem Bad
kam. Sieht sie nicht schön frisch und sauber aus? Das wollte er uns
zeigen. Am besten gehst du auf die andere Seite des Saales, da sind
moderne Bilder von Malern, die wirklich keine Zeit hatten, ihre
Gemälde fertig zu stellen.“
Tante Rieki war schon drüben und stand vor einem Gemälde,
das geradezu kahl aussah. Da war nur eine blaue Fläche, oben rechts
in der Ecke ein rotes Viereck, unter diesem Viereck ein kleines
gelbes. Noch viel Platz zum Malen auf dem Blau. Die Tante entschied
sich für eine tiefrote Rose, die passe doch zu dem Viereck, meinte sie
zu Lili. Der Junge hatte ein Bild entdeckt, das nur eine große
Wasserfläche zeigte, sicherlich das Meer, mit kleinen Wellen.
Da konnte man mehr als ein Schiff darauf malen, vielleicht
noch ein paar Boote ..? Aber der Junge malte flugs noch einen Mann
dazu, der ins Wasser gefallen war und mit erhobenen Armen wohl
nach Hilfe schrie.
Lili schaute sich weiter um. Es gab recht große, aber auch
einige kleinere Bilder, manche nicht größer als ein Zeichenblock .Sie
wählte eins aus, das fast nur weiß war, ein schmaler schwarzer
Streifen nur an einem Rand. Hier war der Maler wirklich nicht fertig
geworden. Lili hatte aber bei ihrem Rundgang festgestellt, dass man
mit Farben auch recht eigenwillig umgehen konnte, es gab Menschen
mit bunten Gesichtern zum Beispiel und eine gelbe Kuh mit roten
Flecken, warum also sollte man nicht auch einmal eine grüne Sonne
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malen? Oder sogar mit roten Tupfen ? So malte sie also drauflos und
hatte gar keine Zeit, auf andere Leute und ihre Malkünste zu achten,
als Frau Dr. Kirschkern laut verkündete, dass man nun den nächsten
und damit letzten Saal besichtigen werde.
Hier waren berühmte Werke der alten Meister zu sehen, hier
konnte man die schönsten Bilder in kostbaren Rahmen bewundern:
ernst und bedeutend blickende Männer in altmodischer Kleidung
oder in Uniformen mit vielen Orden, schöne Damen in Reifröcken
oder auch engen langen Gewändern – alles Gestalten aus früheren
Jahrhunderten. Die sieben Besucher hatten eine Weile Zeit, alles in
Ruhe zu betrachten, dann hatte Frau Dr. Kirschkern eine weitere
Überraschung für sie bereit. „Im Nebenraum“ sagte sie, „befindet sich
eine Garderobe mit vielen Kleidern, Anzügen und Uniformen, ebenso
Umkleidekabinen. Wenn Sie mögen, können Sie sich dort Kostüme
aussuchen, die denen auf den Gemälden entsprechen. Wenn Sie die
Kostüme tragen, werden Sie ein stärkeres Gefühl bekommen für die
Zeit und die Menschen, die hier dargestellt sind. Bitte verhalten Sie
sich untereinander überaus höflich und zuvorkommend, wie es diese
Herrschaften auch getan haben.“
Tante Rieki stürzte sich gleich auf ein wunderbares Kleid mit
einem riesigen weiten Reifrock, es gab sogar eine passende Perücke
dazu, und damit sah sie wirklich völlig verwandelt aus. „Liebe
Nichte“, sprach sie zu Lili, „es gibt auch ein ähnliches Kleid für ein
kleines Mädchen. Dann siehst du aus wie eine Prinzessin. Diese
Sachen sind ein bisschen eng um den Bauch herum, du kannst nur
flach atmen, aber man fühlt sich herrlich, jedenfalls für kurze Zeit.“
Lili war sich nicht sicher, ein Kleid aus einer neueren Zeit wäre ihr
doch lieber. Dann sah sie ein Bild, auf dem ein weiß gekleideter Engel
zu sehen war, und sie suchte nach einem Hemd in der Garderobe.
Aber bevor sie eins fand, wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt .Sie
sah zwei sehr vornehme Damen, die gemessenen Schrittes auf eine
Sitzgruppe zu gingen. . Dann eilte eine der Damen zügig zu einem
roten Sessel, der fast wie ein Thron aussah, und wurde von der
anderen Dame hart angefahren, sie solle ihr den Vortritt lassen. Ein
Tumult entstand. Frau Dr. Kirschkern eilte herbei und versuchte den
Streit zu schlichten. „Sie müssen sich wirklich zurückhalten, denn
diese Dame ist schließlich die Kaiserin Maria Theresia, und Sie sind
nur eine Königin.“ Die Königin rauschte mit ihrer langen Schleppe
beleidigt davon. „Ich spiele nicht mehr mit“, rief sie der Kaiserin zu
und verschwand in der Garderobe.
Aber Frau Dr. Kirschkern musste noch einmal einschreiten.
Der Museumsbesuch
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Zwei Herren in Uniform stritten sich erst leise und heftig, dann
aber recht lautstark.
„Das, sagte Tante Rieki“, sind ja der alte Fritz und Napoleon,
was haben die denn mit einander zu schaffen? Na ja, beide sind
rechthaberisch und können recht rabiat sein. Wir wollen mal
feststellen, warum sie sich so aufregen“.
Als sie näher kamen, hörten sie, wie der ältere von beiden, der
mit den riesigen Augen, dem kleineren Mann mit den Reitstiefeln
Vorwürfe machte. „ Ich bin schließlich Friedrich der Große,“ sagte er,
„und Sie, Monsieur Bonaparte, haben mir meinen schönsten Orden
gestohlen.“
„Der steht mir zu“, sagte Napoleon,“ wer von uns hat denn die
meisten Länder erobert? Sind Sie vielleicht in Russland gewesen?“
„Und was haben Sie nun davon“, entgegnete der König von Preußen.
Frau Dr. Kirschkern trat dazwischen.
„Aber meine Herren, das ist hier keine Diskussionsrunde, und
der Orden ist eh nur aus Blech, also keine Aufregung. Zudem möchte
ich jetzt alle zum Ausgang bitten, wenn Sie wieder umgezogen sind.
Dort werden Sie auch Ihre Bildnisse vorfinden.“
Eigentlich waren alle recht erleichtert, dass sie wieder ihre
eigenen Sachen anziehen konnten. Es lebte sich vielleicht doch besser
in der Gegenwart als im 17., 18. oder 19. Jahrhundert. Als sie zum
Ausgang gingen, sahen sie an der Wand die Tierbilder mit ihren
Gesichtern hängen.
Zwei Wächter verglichen ihre Gesichter mit denen auf den
Bildern und winkten die ersten vier zur Tür. Dann durften wieder
zwei dazu treten. Sechs Bilder wurden zur Seite gestellt. Jetzt traten
die Wächter auf den siebten Besucher zu und baten ihn höflich, aber
bestimmt, seine Jacke zu öffnen. Der Mann drehte sich sofort um und
rannte zur Tür, riss sie auf – aber weiter kam er nicht. Draußen
stand Phil und verhinderte jede Flucht.
Die Wächter hatten den Mann eingeholt und öffneten seine
Jacke. Tatsächlich hatte er ein kleines Gemälde aus dem Rahmen
geschnitten und aufgerollt in seiner Innentasche versteckt.
„Siehst du sein Bild? Er ist die Elster, man nennt sie auch die
diebische Elster“, sagte Tante Rieki leise zu Lili. “Kann man denn
den Leuten wirklich ansehen, dass sie Räuber sind noch ehe sie etwas
gestohlen haben?“ fragte Lili. „Nein“, sagte Tante Rieki, „das können
wir bestimmt nicht, nur Hellseher oder Psychologen, die besonders
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lange das Fach Menschenkenntnis studiert haben, etwa ein halbes
Leben lang.“
„Ich glaube,“ sagte Lili, „dann werde ich lieber eine ganz
normale Kriminalkommissarin.“
Unterwegs überlegten sie, warum der Junge wohl als Rabe
gemalt wurde, denn Raben waren Lili immer ein bisschen
unheimlich.“ Vielleicht,“ scherzte Tante Rieki, „hat er ja eine
schwarze Seele.“ „Meinst du,“ überlegte Lili, „dass er in der Schule
Mädchen ärgert?“
Das konnte Rieki natürlich nicht wissen, denn sie hatte nicht
Menschenkenntnis studiert, aber vorsichtshalber ließen sie die
Familie mit dem Jungen ein ganzes Stück vorausgehen.
Jedenfalls, erzählte Lili zu Hause, sei das doch ein toller Tag
gewesen. „Viel los gewesen,“ sagte sie, „morgen erzähle ich Euch
alles.“
Was hat Lili wohl am besten gefallen im Museum?
Elfriede Werner-Meier, Dez. 2014
Der Museumsbesuch
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Seele and Geist
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