close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

5 Lernen durch Fortbildung

EinbettenHerunterladen
Kapitel 6
Lernen durch Fortbildung
λ
Ich glaube, dass die Lehre eine der besten Ausbildungs- und Lernmethoden
aller Zeiten ist. Leider ist sie in den USA mit den Jahren völlig unter die Räder
gekommen und heute praktisch totgesagt. Das sollte sie allerdings nicht. Wie
kann man besser lernen als von den Besten auf ihrem Gebiet? Ich glaube, dass dies
für alle großen Bereiche gilt: Kunst, Wissenschaft, Ökonomie. Von denen, die ihr
Handwerk stetig und gut verrichten, gibt es jede Menge zu lernen, vorausgesetzt,
sie wissen auch, wie man etwas vermittelt.
Nun gut, hier wird es knifflig! Viele Menschen, die etwas gut beherrschen, sind
nicht unbedingt talentiert darin, ihre Fähigkeiten anderen nahezubringen. Und
umgekehrt gibt es genauso viele, die zwar auf ihrem Gebiet nicht zu den Allerbesten gehören, aber exzellente Lehrer sind und ihre Schüler so stark inspirieren, dass
diese sie übertrumpfen. Wenn ich die Wahl zwischen diesen beiden Lehrertypen
hätte, würde ich zum guten Pädagogen gehen und nicht zum herausragenden
Praktiker – wobei ich mich hier ausdrücklich auf das Feld der Fotografie beziehe.
Selbstverständlich sind diejenigen die besten Lehrmeister, die beides gleichermaßen gut beherrschen: die Praxis und die Vermittlung der Theorie dahinter.
Wir aber finden Sie nun heraus, wer die besten Fotografen und gleichzeitig die
besten Lehrer sind? Bei Ersteren handelt es sich um diejenigen Künstler, deren
Werk Sie am meisten bewundern. Dieser Teil sollte leicht zu identifizieren sein.
Vorausgesetzt, dass einige aus dieser Personengruppe noch leben, sollten Sie
herausfinden, ob der ein oder andere von ihnen Lehrveranstaltungen oder andere
Möglichkeiten der Ausbildung anbietet. Doch wie können Sie herausfinden, ob
sie sich auch gut auf das Lehren verstehen? Das ist viel schwieriger. Versuchen
Sie, falls möglich, mit ehemaligen Schülern in Kontakt zu treten, um deren
◀ Farne in der Felsnische.
Dem von dem freistehenden Farn gebildete Fragezeichen in der Felsnische
inmitten der herunterhängenden Farne konnte man nicht widerstehen.
131
K APITEL 6
Meinung einzuholen. Im Allgemeinen können sie sagen, ob
allgemeinen Kontrast oder die Farbsättigung vorstellt und auf
der Lehrende die Information verständlich oder eher konfus
welche Weise die anderen Variablen einfließen sollen, um das
vermittelt, ob er ermutigend oder desillusionierend ist, seine
fertige Bild zu ergeben.
Studenten respektvoll oder herablassend behandelt, das Ler-
Bei zahlreichen Gelegenheiten habe ich durch die Kamera­
nen zum Vergnügen macht oder es eher stumpfsinnig ist oder
sucher der Teilnehmer geschaut, nur um zu erkennen, dass
sonst irgendetwas, was für den Schüler von Belang ist.
ein störendes Bildelement völlig übersehen wurde. Auf solche Details sofort hinzuweisen, schärft das Bewusstsein des
Fotoworkshops
Teilnehmers für die zukünftige Suche nach solchen Störungen auf seinem Display, Sucher oder Monitor. Bei anderen
Gelegenheiten habe ich vorgeschlagen, die Kamera leicht
In der einen oder anderen Form halte ich jetzt seit über
umzustellen (manchmal nur ein paar Zentimeter), um die
40 Jahren Fotoworkshops ab und bin längst fest davon über-
Beziehungen innerhalb des Ausschnitts zu verbessern, oder
zeugt, dass diese eine hervorragende Art zu lernen darstellen.
ich habe angeregt, die Kamera ein wenig nach unten und links
Und diese meine Überzeugung kann ich mit soliden Fakten
zu neigen, um so ein totes Bildareal oben rechts auszuschlie-
untermauern.
ßen und stattdessen etwas Interessanteres unten links ins
In einem Workshop gibt es keinen festgelegten Lehrplan,
Bild zu bekommen. Natürlich hatte ich auch das Vergnügen,
der abgearbeitet werden muss, sodass sich die Lerngeschwin-
bei hervorragend komponierten Bildern durch die Kamera
digkeit an das Ausgangsniveau des Wissens und somit jeweils
zu schauen und zusammen mit dem Teilnehmer das wahre
an die spezielle Gruppe anpassen kann. Niemals ist irgendet-
Potenzial des Bildes zu diskutieren.
was absolut festgelegt. Die Gruppe kann die grundsätzliche
Wenn Dozenten und Teilnehmer draußen zusammenar-
Ausrichtung des Kurses anhand ihrer Ziele bestimmen, und
beiten, bietet sich den Schülern auch Gelegenheit zu sehen, wie
in einem guten Workshop sollte der Leiter flexibel genug sein,
der Lehrer ein Bild komponiert. Während dieser Fotosessions
sich dem Fluss der Dinge anzupassen. Auch wenn sich der
habe ich in der Regel meine Kamera dabei. Ich arbeite parallel
Dozent für den Workshop zunächst etwas anderes vorgenom-
mit den Teilnehmern und lade sie stets dazu ein, durch meine
men hat, sollte er doch eine andere Richtung einschlagen
analoge Kamera bzw. auf den Monitor meiner Digitalkamera
können, falls die Teilnehmer dies wünschen.
zu schauen. Dabei können sie mich alles und jedes zu dem
Fotosessions unter Anleitung, bei denen Lehrende und
Teilnehmer Seite an Seite arbeiten, sind ein weiterer großer
Vorteil von Workshops (oder Ausbildungsverhältnissen). Diese
Fotosessions geben dem Leiter die Möglichkeit zu sehen, wie
ein Teilnehmer sein Bild komponiert, welchen Ausschnitt er
wählt, wo die Kamera steht und warum der Teilnehmer diesen
Ort, diese Brennweite und natürlich das Motiv an sich gewählt
hat. Der Dozent kann außerdem im Produktionsprozess
fragen, wie der Teilnehmer sich den Weg zum fertigen Bild
vorstellt: ob er vorhat, das Bild zu beschneiden, wie er sich den
132
▶ Abb. 6-1: Polarlicht in der Schlucht, Little Death Hollow.
Ausgetrockneter, rissiger Schlamm in einer engen Seitenschlucht
des Flusses Escalante in Utah wurde gegen die Seitenwand hochgedrückt. Diagonale Streifen aus Salz, die aus dem Sandstein
hervortreten, erzeugen brillantweiße Muster vor der schwarzen
Wand. Die weniger stark abgesetzten horizontalen Linien auf der
Wand markieren die zurückgehenden Wasserstände der letzten
Sturzfluten. Dieses Bild nahm ich bei einem meiner durch Lamas
unterstützten Rucksackworkshops in den Schluchten auf.
FOTOWORK SHOPS
133
K APITEL 6
▲ Abb. 6-2: Lenticularis-Wolke über dem Duck Lake.
Während eines Workshops im und um den Glacier-Nationalpark veranstalteten wir eine Fotosession
bei Sonnenaufgang in den hügeligen Weidegebieten östlich des Parks. Nachdem wir zu unserem
Motel und Tagungsraum zurückgekehrt waren, fiel mir auf, wie sich merkwürdige Wolken über den
Weidegebieten formierten und versammelte schnell die Teilnehmer, damit alle ihre Kameras griffen
und schnell zu den Weidegebieten kamen, wo es gerade sehr spannend wurde. Auf einer Schotter­
straße, die zum Duck Lake hinführt, machte ich neben den anderen, während die Lenticularis-Wolke
erstaunliche Proportionen annahm, sechs Aufnahmen nacheinander. Dieses Bild stammt von dem
letzten dort belichteten Negativ, als die wundersam geschichtete Wolke ihren Höhepunkt erreichte.
134
FOTOWORK SHOPS
Foto fragen, das ich gerade konzipiere. Wir diskutieren, was
ich vorhabe und was ich bereits gemacht habe. Viele meiner
preisgekrönten Bilder habe ich während solcher Fotosessions aufgenommen und bin dabei doch ununterbrochen für
Fragen der Teilnehmer offen, sodass ich meine Pflichten als
Dozent nie vernachlässige (Abbildungen 6-1 bis 6-3). Wie die
Teilnehmer bestätigen können, ist es sogar so, dass ich meine
eigene Suche nach Bildern als wertvolles didaktisches Mittel
während meiner Workshops einsetze.
Ein weiterer großer Vorteil von Workshops ist, dass niemand beurteilt wird, sodass man von dem Dozenten lernen
kann, ohne ihm gefallen zu müssen. In meinen Workshops
besprechen wir die Arbeiten der Teilnehmer als Gruppe und
sprechen unsere gut gemeinten Empfehlungen dazu aus,
doch es liegt vollständig in der Hand des Teilnehmers, diese
völlig oder zum Teil anzunehmen oder auch vollständig zu
ignorieren. Für keine dieser drei Möglichkeiten wird man bestraft – ganz anders als in der Schule.
Den Teilnehmern Zensuren erteilen zu müssen, birgt große
Schwierigkeiten in sich. Ich habe einmal eine Fotografieprofessorin an einem College befragt, wie sie ihre Studenten beurteile. Nachdem sie zunächst einmal zugegeben hatte, dass dies
schwierig sei, führte sie schließlich die Anwesenheit in der
Klasse als wesentliches Kriterium auf. Doch das ist meiner Ansicht nach Teil der Benotung von Grundschülern, aber nicht
von Studenten. Anschließend erwähnte sie die Beteiligung
innerhalb der Veranstaltung und dann noch die Qualität der
eingereichten Arbeiten. Und so fragte ich sie: »Was passiert,
▲ Abb. 6-3: Felsnische im Wolverine Canyon.
Bei einem weiteren Rucksackworkshop entstand dieses Bild im Wolverine Canyon, bei dem ich
mich auf den Boden kauerte und die Kamera fast direkt nach oben auf die zauberhaften, in
Sandstein geschliffenen Schwünge über meinem Kopf richtete. Das Sonnenlicht wurde knapp
vor dem Eingang der Schlucht vom Boden auf diese Felsnische reflektiert und bot für die dortigen eleganten Formen, mit denen ich arbeitete, eine hervorragende Beleuchtung. Ich nutze
bei meinen Workshops die Fotosessions immer als hervorragende Lehr- und Lernmöglichkeit.
wenn ein Student nicht so häufig anwesend ist wie die anderen, bei Anwesenheit sich nicht sehr stark beteiligt, dann aber
gemäß den Statuten dieser Professorin sehr schlecht beurteilt
die beste Arbeit einreicht?«
worden. Daneben wirkt sich allerdings auch noch die Tatsache
»Oh, dann wird es richtig schwierig«, sagte sie.
aus, dass die »beste« Arbeit immer noch eine subjektive Be-
Dabei sollte es in diesem Fall überhaupt nicht schwierig
urteilung durch den Lehrenden darstellt, sodass der Student
sein. Für mich liegt auf der Hand, dass der Student, der die
diesem gefallen muss, um eine gute Note zu bekommen. Dies
beste Arbeit einreicht, die beste Benotung verdient – Punkt.
erinnert mich fatal an die kundenorientierte kommerzielle
Der verschlossene, raue Vincent van Gogh wäre in einer Klasse
Arbeit, wie ich sie in Kapitel 3 besprochen habe. Der Student
135
K APITEL 6
kann nicht wahrhaftig seiner eigenen Linie folgen, sondern
verhilft. Darüber hinaus lernt der Teilnehmer direkt von jenen
muss Arbeiten abliefern, die dem Dozenten gefallen. Dies ist
Fotografen, zu deren Arbeiten er sich hingezogen fühlt.
nicht der beste Weg, um vorwärts zu kommen.
Natürlich haben auch Workshops ihre Grenzen. Sie dau-
Bei einem Workshop kann der Dozent zwar an der Arbeit
ern in der Regel eine Woche – mal mehr, mal weniger – und
eines Teilnehmers Gefallen finden oder nicht und seine Mei-
werden nicht durch weitere Lehrangebote begleitet. In einem
nung angemessen zum Ausdruck bringen sowie hoffentlich
akademischen Umfeld kann der Student zusätzlich zu seinen
hilfreiche Kommentare abgeben, doch damit hat es sich auch
Fotoklassen andere Veranstaltungen besuchen, sodass er eine
schon. Der Teilnehmer kann nicht durch eine schlechte Beno-
umfassendere Ausbildung erhält, als es der Workshop bieten
tung eingeschüchtert oder stigmatisiert werden.
kann. Es ist also ein Abwägen, das jeder ernsthafte Schüler
Dadurch ergibt sich ein weiterer Vorzug der Workshops:
für sich durchführen muss, um festzulegen, welcher Weg der
Da es keine Verteilung von Zensuren wie in vielen Seminaren
für ihn beste ist. Meiner Meinung nach ist es meist das Beste,
an Universitäten gibt, entsteht auch kein Konkurrenzkampf
wenn ein Abiturient zuerst die Universität besucht, eine gute
zwischen den Teilnehmern. Stattdessen entwickelt sich ein
Ausbildung bekommt und anschließend Fotoworkshops be-
Zusammenhalt. Seit Jahren beobachte ich schon, wie die fort-
sucht. Für denjenigen, der bereits im Arbeitsleben steht und
geschrittenen Teilnehmer meiner Workshops den weniger
eine gute Ausbildung genossen hat, gibt es hingegen nichts
erfahrenen hilfreich zur Seite stehen. Das Ergebnis ist, dass
Besseres als einen Workshop. Ausnahmen von dieser Emp-
die weniger erfahrenen Teilnehmer riesige Fortschritte ma-
fehlung sind dabei nur eine Bestätigung des folgenden Zitats
chen, da sie von willigen und zugleich wissbegierigen Lehrern
von James Thurber: »Es gibt keine Ausnahme von der Regel,
umgeben sind. Diese Erfahrung nutzt allen.
dass jede Regel eine Ausnahme hat.« Man muss immer die
Zusätzlich ermöglicht es der Workshop den Teilnehmern,
im Verlauf des Tages inklusive aller gemeinsamen Mahlzeiten
eigenen Umstände betrachten, um zu erkennen, was für einen
das Beste ist.
untereinander sowie mit den Dozenten informell als auch
persönlich in Beziehung zu treten. Dadurch werden tiefere
Einblicke in die Denkweisen, Methoden, Materialien und all-
Fehlgeleitete Ausbildung in der Kunst
gemeine Lebensphilosophie ausgetauscht, wie es in einem
136
akademischen Setting meist nicht vorkommt. Man kann
Es fällt mir schwer, über das System der Kunsterziehung zu
sehen, ob der Leiter Sinn für Humor oder andere persönliche
sprechen, ohne einen Vorfall zu erwähnen, den ich ebenso ab-
Eigenschaften hat, die einen Eindruck davon vermitteln, wie
surd wie entlarvend finde. Er deckt sich aber mit meiner tief-
er sein Leben und nicht nur die Fotografie gestaltet.
sitzenden Überzeugung, dass vor allen anderen Institutionen
Ein Workshop kommt einer Lehrstelle meiner Ansicht nach
die heutigen Kunsthochschulen und Museen die Speerspitze
am nächsten. Allerdings ist dort kein Teilnehmer verpflichtet,
einer fehlgeleiteten Denkweise in der Kunst sind. Der Vorfall
anwesend zu sein; er ist vollkommen freiwillig dort. Jeder
spielte sich an der Arizona State University (ASU) ab. Es handelt
Teilnehmer lernt, weil er das Verlangen dazu hat. Er hat sich
sich um eine wahre Geschichte, die mir von einer unmittelbar
nicht angemeldet, weil er gute Zensuren braucht oder einen
involvierten Person sowie von Bill Jay, einem angesehenen
Abschluss erreichen will, der ihm zu einer guten Anstellung
Professor für Fotografiegeschichte an besagter Universität
FEHLGELEITETE AUSBILDUNG IN DER KUNST
und guten Freund, zugetragen wurde. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, werden weitere Namen verschwiegen.
Die Person, um die es geht, war Student im Studiengang
»Master of Fine Arts« (MFA) an der ASU. Er hatte alle Scheine
für den MFA zusammen und musste dem Prüfungsausschuss
noch ein abschließendes Fotoprojekt für die Zulassung vorlegen. Dieser Ausschuss kann aus einem einzigen oder einer
kleinen Gruppe von Professoren des Studiengangs bestehen.
Sobald ein Projekt zugelassen wurde, muss das später eingereichte Projekt dem gleichen Komitee vorgelegt werden, das
dieses ebenfalls begutachtet und bei Bestehen dem Studenten seinen Abschluss bestätigt. Besagter Kandidat reichte ein
Projekt ein, das mit Landschaften zu tun hatte, und wurde
vom Prüfungsausschuss abgelehnt. Die Einzelheiten des eingereichten Projekts kenne ich nicht genau, doch lassen Sie
uns dies kurz außer Acht lassen. Zur gleichen Zeit, als diese
Einreichung abgelehnt wurde, reichte ein anderer Student ein
Projekt ein, bei dem er seinen Plan darlegte, 36 Fotos abzuliefern, die in einem 6 × 6-Gitter angeordnet und seinen eigenen
Kot in der Toilette liegend zeigen sollten – jeweils darunter
im Einzelnen ausführend, was er in den 24 Stunden zuvor
gegessen hatte. Dieses Projekt wurde angenommen.
Nun, meine einzige Frage zu diesem Vorfall ist diese: Wie
schlecht muss das ursprüngliche Landschaftsprojekt wohl
gewesen sein? (Um die Geschichte kurz zum Abschluss zu
bringen: Der Student, dessen erster Vorschlag abgelehnt worden war, schlug schließlich ein alternatives Projekt vor, das
▲ Abb. 6-4: Abstrakter Sonnenuntergang, Skrova.
Skrova ist eine winzige Insel vor der norwegischen Küste nördlich des Polarkreises und Zentrum
der Polardorschfischerei. In der Nähe einer der Kutteranlegestellen fotografierte ich einen alten
Metallspind und darin die zusammengeschweißte Ecke in dessen Innerem. Später drehte ich das
Bild um 90°, sodass es wie das abstrakte Gemälde eines farbenfrohen Sonnenuntergangs aussah.
Ich finde, dass sich Schönheit und Eleganz überall finden lassen, selbst in einem zurückgelassenen Metallschrank.
angenommen und auch positiv bewertet wurde, sodass beide
Studenten ihren Abschluss erhielten.)
anderen Kunstform. Studenten können dann bei ihren Ver-
So unglaublich, wie ich diese Geschichte finde, so ist sie
suchen, in neue Bereiche der Kreativität vorzudringen, auf
doch wahr und so geschehen. Jenseits aller Absurdität glaube
diese Fertigkeiten bauen. Einige Kunstinstitutionen wollen
ich, dass sie tiefe philosophische Fragen über die aktuellen
dies allerdings umgehen und scheinen zu glauben, dass die
Trends in der Kunsterziehung aufwirft. Ich bin der Meinung,
Nachahmung eines alten Meisters kaum mehr als Kopieren
dass durch die Nachahmung der alten Meister wichtige Fer-
und damit letztendlich nutzlos sei. So wie ich es sehe, scheint
tigkeiten erlernt werden können. Dies gilt für die visuellen
dies ein vorherrschender Vorbehalt insbesondere der west-
Künste ebenso wie in der Musik, der Literatur und jeder
lichen Welt zu sein, da in den östlichen Kulturen (China, Japan
137
K APITEL 6
▲ Abb. 6-5: Diptychon aus Holzmaserungen.
In den White Mountains in Kalifornien hatte ich einen Teil einer Borstenkiefer und den eines Wacholderbaumes jeweils
auf 4 × 5-Zoll-Planfilm fotografiert. Während ich die Kontaktabzüge diverser Bilder durchging, die ich für zukünftige
Abzüge vorgesehen hatte, fielen mir diese beiden Bilder auf, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und 800 km voneinander entfernt aufgenommen worden waren und die vollkommen unerwartet zusammen funktionierten. Ich ver­
größerte sie beide und zog sie direkt nebeneinander als Diptychon auf einem gemeinsamen Karton auf. Die Betrachtung
der Kombination dieser beiden Bilder finde ich noch interessanter, als wenn beide jeweils einzeln ausgestellt würden. So
etwas hatte ich vorher noch nie gemacht, aber warum sollte man nicht ab und zu etwas Neues probieren?
138
D I E WA H L D ER F OTO GR A FIS CH EN GEFÄ H R T EN
und eventuell Indien) das Lernen durch Kopieren der alten
Pierre-Auguste Renoir sagte einmal: »Für mich sollte ein
Meister hoch angesehen ist. Blättern Sie noch einmal zu Kapi-
Bild etwas Gefälliges, Freudiges und Hübsches … ja, Hübsches
tel 2 zurück, wo ich auf meine erste größere Ausstellung und
haben. Es gibt genug hässliche Dinge im Leben, zu denen
deren spätere Rezension zu sprechen kam. Der Kritiker nannte
wir nicht noch weitere hinzufügen sollten.« Der angesehene
meine Arbeiten zuerst flach, da er sie als Versuch gewertet
französische Fotograf Édouard Boubat empfand das Gleiche:
hatte, die Arbeiten von Ansel Adams zu kopieren.
»Es gibt bestimmte Bilder, die ich nie mache. Wenn wir den
Offensichtlich hatte der MFA-Prüfungsausschuss das
Fernseher einschalten und mit Gewalt überhäuft werden,
Landschaftsprojekt als alten Kram abgetan, den es zu berück-
muss ich zu diesem Leid nicht noch weiteres hinzufügen.
sichtigen nicht lohne, wohingegen das Thema des zweiten
Also fotografiere ich friedvolle Dinge … eine Blumenvase, ein
Projektvorschlags neu und andersartig war und deswegen
hübsches Mädchen. Manchmal kann ich durch ein friedvolles
akzeptiert wurde. Diese Bewertung lässt die Möglichkeit außer
Gesicht der Welt etwas Wichtiges geben.«
Acht, dass man gerade bei »alten« Themen tief in die Materie
Diese beiden Zitate entsprechen mehr meiner Ansicht über
eintauchen und neue Erkenntnisse gewinnen kann, ohne sich
die Kunst und weniger jener, die nach meiner Überzeugung
skurrilen Inhalten widmen zu müssen, die noch nie bearbeitet
von den heutigen Kunsthochschulen und Museen vertreten
wurden. Dadurch wird eine echte Chance für Tiefe anstelle von
wird. Ich möchte dem Leser oder angehenden Fotografen nicht
Sensation vergeben. Porträts, Landschaften, Akte, Stillleben
meine Denkweise überstülpen, will hier allerdings deutlich
und viele andere Motive werden seit Jahrhunderten gemalt,
meine Gedanken zum Ausdruck bringen. Sie müssen selbst
geformt, gezeichnet und fotografiert und vermitteln doch
bestimmen, was für Sie funktioniert und was nicht.
immer noch ständig neue Eindrücke. Dennoch scheint es mir,
als ob in unserer aktuellen Kultur die Kunsthochschulen und
Museen die größten Lieferanten für Sensation anstatt von
Die Wahl der fotografischen Gefährten
Tiefe sind. Die Episode, die sich am Studiengang für den MFA
am ASU abgespielt hat, trieb dieses Phänomen auf die Spitze.
Von den Leuten, mit denen Sie zusammen fotografieren, kön-
Ich gebe gerne zu, dass es sich hier um einen Einzelfall
nen Sie jede Menge lernen. Ihre fotografischen Weggefährten
handelt. Man kann nicht generell sagen, dass dies für das Den-
sind ein wichtiger Bestandteil Ihrer fotografischen Ausbildung
ken in allen Kunsthochschulen und Museen repräsentativ sei.
und Entwicklung und Sie können und sollten mit diesen jede
Doch weitere Vorfälle und Belege für diese Denkweise hatten
Menge Freude erleben. Natürlich gibt es auch solche Fotogra-
meine diesbezüglich kritische Haltung gegenüber Kunsthoch-
fen, die Geheimnisse hüten – geheime Aufnahmeorte, Verfah-
schulen und Museen gefestigt, lange bevor ich von diesem
ren, Materialien oder sonst etwas, das sie für sich behalten.
Vorfall gehört hatte. Obgleich dieser Fall also einzigartig ist,
Ich habe von solchen Leuten gehört und bin ihnen vereinzelt
passt er doch in das Denkmuster, das meiner Meinung nach
auch schon begegnet. Das sind diejenigen, die man unter allen
die Lehre und Präsentation von Kunst und somit die Kunst-
Umständen meiden sollte. Es gibt auch unter den Fotografen
welt insgesamt stark prägt. Wir scheinen wie in einem Netz
solche, die Sie als Rivalen und nicht als Freund oder Kollegen
gefangen zu sein, in dem das Schockierende über tiefere Ein-
betrachten. Mit solchen Leuten zusammen zu sein, ist reine
sichten triumphiert und das Prinzip der Schönheit um jeden
Zeitverschwendung.
Preis vermieden werden muss. Ich finde das sehr schade.
139
K APITEL 6
▲ Abb. 6-6: Gotischer Wasserfall, 40-Mile Canyon.
Während Don Kirby und ich für einen geplanten Workshop in Utah die Gegend erkundeten, trafen wir auf diesen eleganten Wasserfall im 40-Mile Canyon. Während der ganzen 1990er-Jahre, in denen wir gemeinsam eine
Reihe von Workshops mit Camping entlang der Straßen im Hinterland von Utah abhielten, fuhren, wanderten,
aßen und fotografierten wir oft zusammen, hatten immer Spaß, halfen uns stets gegenseitig und verschwendeten nie einen Gedanken daran, dass der eine dem anderen ein Bild »stehlen« könnte.
140
D I E WA H L D ER F OTO GR A FIS CH EN GEFÄ H R T EN
◀ Abb. 6-7:
Surprise Canyon (mit
freundlicher Genehmigung von Don Kirby).
Don und ich waren zusammen vor Ort, als er dieses
Muster in einer Kurve der
Felswand des Surprise
Canyon erblickte. Ich sah
eine Anordnung wundervoller Pastellfarben und
Don sah eine vollständige
Handlung in Schwarz-Weiß.
Keine zwei Leute denken
und sehen gleich. Das hatten wir beide erkannt. Und
deshalb haben wir so
kooperativ zusammengearbeitet und einander
ergänzt.
Don Kirby war ursprünglich Teilnehmer bei mehreren meiner
unterschiedlich entwickelt und abgezogen worden wären,
Workshops, später dann Assistent und schließlich Mitdozent.
da wir ein Motiv unterschiedlich sehen und unterschiedlich
Dabei haben wir viele wunderbare Wochen zusammen ver-
denken. Dies gilt für jedes Paar von Fotografen. Es lohnt sich
bracht beim Camping, Wandern und Fotografieren in der
überhaupt nicht, dem Gedanken Raum zu geben, Ihr Partner
Wildnis von Utah, der erstaunlichsten Landschaft der Erde.
könne irgendetwas von dem stehlen, was Sie gerade tun.
(Ja, Utah ist meine Nummer eins: Abbildung 6-6). Niemals
Eines Tages wanderte ich mit Don im Surprise Canyon auf
käme einer von uns auf den Gedanken, dass der andere ein
der Ostseite des Capitol-Reef-Nationalparks und bemerkte, wie
Rivale sei, eine Idee oder ein Bild »stehlen« würde. Wir stellten
er vor mir auf eine riesige Wand in einer Kurve der Schlucht
sogar fest, dass, selbst wenn wir zwei identische Negative mit
schaute. Er sah sich die Wand an und erblickte einige wunder-
derselben Kamera aufgenommen hätten, diese doch jeweils
volle Pastellfarben aus Rosa und Orange, die aber fotografisch
141
K APITEL 6
kaum zu verwerten waren. Don blickte allerdings weiter un-
Rivalität eine große Rolle spielt, nicht vergleichbar ist, doch
entwegt dorthin und fing an, sein Stativ aufzubauen. Ich sagte
muss ich zugestehen, dass meine Einblicke in diese Welt eher
noch im Scherz, dass dort nichts zu fotografieren sei, doch
beschränkt sind.
Don schien fest entschlossen, sodass ich weiter in die Schlucht
Ein weiterer klarer Vorteil des Fotografierens gemeinsam
lief und mich unterwegs fragte, warum er meinen klugen Rat
mit einer anderen Person (neben der Kameradschaft, dem
in den Wind geschlagen hatte.
Spaß unterwegs und dem Lernen voneinander, wovon alle
Monate später sah ich das Bild, das er dort produziert hatte
meine Fotokollegen und ich reichlich profitieren durften),
(Abbildung 6-7). Es ist eines der von mir meistgeschätzten Bil-
ist der Aspekt der Sicherheit. An einem Ort, wo man hinfal-
der in meiner Sammlung von Arbeiten anderer Fotografen.
len und sich verletzen, verlorengehen oder in noch andere
Während ich nichts weiter als hübsche Farben an der Wand
missliche Lagen geraten kann, ist es viel sicherer, jemanden in
gesehen hatte, stellte er sich dort eine Schlacht zwischen
seiner Nähe zu haben. Ich bin zwar schon sehr oft allein losge-
den guten und bösen Kräften vor, deren Ausgang unsicher
zogen, finde es aber immer besser, mit anderen unterwegs zu
erscheint. Dies wurde mir sofort klar, als ich das Bild zum
sein, außer vielleicht auf Sanddünen, wo die Fußstapfen der
ersten Mal sah. Es bedurfte keiner Erklärung. Doch damals im
Kameraden das nächste Foto ruinieren können.
Surprise Canyon, als wir beide auf den gleichen Abschnitt der
Felswand schauten, sah Don etwas Wichtiges und ich nichts.
Aus diesem Grund ist es so hilfreich, mit hilfsbereiten und
kooperativen Menschen zusammenzuarbeiten, da keine zwei
Gemeinsames Besprechen der eigenen
Arbeiten
Menschen auf die gleiche Weise sehen.
142
Eine ähnliche Freundschaft verbindet mich mit dem ka-
Ein weiterer Vorteil, mit einem Gefährten zu arbeiten, ist die
nadischen Fotografen Craig Richards, meinem Mitdozenten
Möglichkeit, gegenseitig die Arbeiten ehrlich zu besprechen.
zahlreicher Workshops in Kanada, Mexiko, Italien und den
Dies kann sich allerdings auch als große Hürde erweisen. Das
USA. Wir sind zum Fotografieren oftmals zusammen in die
Problem ist, dass manche Menschen jeglicher Kritik gegen-
Berge gezogen und haben dort die Kameradschaft, das ge-
über sehr empfindlich sind und andere wiederum viel zu
meinsame Lachen und die Diskussionen über die Fotografie
zurückhaltend mit dem, was sie anderen zu sagen hätten. Es
genossen. Wir zeigen uns gegenseitig interessante Dinge
kann immer dahinter die Angst verborgen sein, etwa nach
und versteckten sie nicht voreinander – kein Denken daran,
dem Motto: »Du sagst besser nichts Schlechtes über meine
dass der andere einem Ideen »klauen« würde. Dies gilt auch
Fotos, sonst mache ich das auch mit Deinen.« Wie lassen sich
für viele andere Fotografen, mit denen ich in all den Jahren
derlei Ängste und Rachegefühle umgehen?
zusammengearbeitet habe. Wir tauschen unsere Ideen mit-
Es ist genau das gleiche Problem, das ein Dozent überwin-
einander aus und helfen uns gegenseitig. Ich glaube kaum,
den muss, wenn er in einem Workshop oder einer Klasse die
dass sich Schriftsteller, Maler, Komponisten oder Kreative aus
Arbeiten seiner Schüler begutachtet. In einer herkömmlichen
anderen künstlerischen Gattungen regelmäßig treffen, um
Klasse wird das Problem oft noch dadurch verschärft, dass der
Gedanken und Ideen auszutauschen. Wissenschaftler arbei-
Dozent dem Studenten dafür eine Note geben muss. Solch
ten dagegen häufig sogar auf globaler Ebene zusammen. Ich
einen finalen Richterspruch gibt es in einem Workshop nicht,
glaube aber, dass derlei Kollaboration in der Geschäftswelt, wo
da dort keine Zensierung stattfindet. Doch obwohl es kein
GEMEINSA MES BESPRECHEN DER EIGENEN ARBEITEN
Notensystem in Workshops gibt, erschaudern die Teilnehmer
auf diese Weise vorging. Ich fordere die Teilnehmer auf, jedem
bei der Vorstellung, dass ihre Arbeiten öffentlich besprochen
den Respekt und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie sich
werden.
selbst auch wünschen, wenn die eigenen Arbeiten besprochen
Ich versuche diesem Problem in meinen Workshops auf
zweierlei Weise zu begegnen. Erstens betrachte ich die Bildbe-
werden. Jeder bleibt dann hoch konzentriert und diese Sitzungen sind höchst informativ.
sprechungen niemals als Kritik, womit die meisten etwas sehr
Es ist wichtig, regelmäßig seine Arbeiten begutachten
Negatives und Destruktives verbinden. Ich nenne sie stattdes-
zu lassen. Wenn man dies nicht tut, kann man ungewollt in
sen »Ideensitzungen«, da Sie Ideen von Ihren Mitschülern und
Sackgassen geraten, was man selbst gar nicht richtig bemerkt.
Dozenten über Ihre Arbeit geliefert bekommen. Sie werden
Es ist auch wichtig, einen scheinbar negativen Kommentar als
sich an all diese Kommentare und Ideen lebhaft erinnern,
hilfreichen Hinweis auf das zu werten, was man als Nächstes
weil Sie bei der Besprechung Ihrer Arbeiten hellwach sind.
verbessern könnte, und weniger als persönlichen Angriff. (Er-
Die eigentliche Kritik findet viel später statt, und zwar dann,
innern Sie sich an meine Geschichte in Kapitel 2, bei der Ansel
wenn Sie Ihre Fotos mit nachhause nehmen und aufgrund
Adams mir geraten hatte, mit der Schwarz-Weiß-Fotografie
Ihrer persönlichen Ziele entscheiden, welche Bemerkungen
aufzuhören.)
Sie ignorieren, welche sie zum Teil und welche vollständig
akzeptieren.
Als ich 1970 an einem Workshop von Ansel Adams teilnahm, hatte ich bei Al Weber, einem von mehreren Mitdozen-
Zweitens mache ich es so, dass ich die zur Besprechung
ten, zudem einem tollen Fotografen und großartigen Typ,
anstehenden Arbeiten durch die Teilnehmer schweigend be-
der immer noch in Carmel in Kalifornien arbeitet, eine Bild-
trachten lasse. Ich bitte alle, ihre Eindrücke, erkannte Stärken
besprechung. Wortlos betrachtete er mindestens 5 Minuten
und Schwächen sowie grundsätzliche Vorschläge zu sammeln,
lang meine Abzüge, zumindest erschien mir damals die Zeit
ohne diese Ideen mit jemand anderem im Raum zu disku-
so lang. Ich hatte das Gefühl, dass er von den Bildern, die ich
tieren. Anschließend bitte ich den Fotografen, dessen Werk
aufgestellt hatte, ziemlich beeindruckt war. Als dann seine
besprochen wird, vor unserer gemeinsamen Diskussion seine
Stimme endlich die Stille durchbrach, fragte er mich: »Hast
bzw. ihre allgemeinen Ziele für die präsentierten Arbeiten dar-
Du einen Kondensorvergrößerer?«
zulegen – nicht zu jedem einzelnen Bild, sondern insgesamt.
»Ja«, antwortete ich.
Nachdem ich das Werk betrachtet und mir die grundsätzli-
Er sagte: »Das ist vielleicht das Problem!«
chen Ziele angehört habe, bitte ich jeden, hilfreiche Kom-
Wenn Sie jetzt denken, dass ich überrascht oder gar scho-
mentare abzugeben, die dem Fotografen dabei helfen, seine
ckiert gewesen sei, haben Sie recht. Ich bin regelrecht hinten-
ausgewiesenen Ziele noch erfolgreicher zu erfüllen. Ich sage
übergefallen. Ich dachte, er sei beeindruckt, doch das war er
dem Fotografen, dass es wichtig ist, so viele Kommentare und
offensichtlich nicht. Stattdessen dachte er gründlich darüber
Ideen wie möglich zu sammeln, da es darunter immer Dinge
nach, was der Schwachpunkt meiner Bilder sei. Also fragte ich
gibt, die man bei der abschließenden Beurteilung zu Hause
ihn: »Was ist denn das Problem?«
berücksichtigen kann.
Er entgegnete, dass die Bilder alle zu kontrastreich seien.
Auch wenn sich die Teilnehmer immer noch davor fürch-
Mir erschienen Sie zwar perfekt, doch ich wollte diesen
ten, ihre eigenen Arbeiten zu zeigen, so sind sie doch Kom-
Ratschlag ernst nehmen. Schließlich hatte er wirklich wun-
mentaren gegenüber viel offener, als sie es waren, bevor ich
derbare eigene Arbeiten gezeigt und er war der Dozent, ich
143
K APITEL 6
der Teilnehmer. Deshalb fragte ich weiter: »Und was ist die
ten finden, werden Ihre Arbeiten von diesem regelmäßigen
Lösung?«
konstruktiven Feedback profitieren.
Er empfahl mir eine Mischlichtquelle, die verglichen mit
dem Kondensorlicht niedrigere Kontraste liefert. Ich fragte,
wo ich eine solche Mischlichtquelle bekommen könnte, und
Fotografischen Anschluss finden
er empfahl mir einen Lieferanten in der Nähe von Los Angeles.
Nach dem Workshop folgte ich seinem Rat, kaufte die neue
Nach meiner Beobachtung machen sich Fotografieanfän-
Lichtquelle und installierte sie in meinen Vergrößerer. Die
ger kaum die Mühe, nach der richtigen Person zu suchen,
neuen Abzüge von den gleichen Negativen waren in der Tat
der sie sich fotografisch anschließen können, sondern nur
besser.
nach irgendjemandem mit ähnlichen Interessen. Bei meinen
Der Punkt, auf den ich mit dieser kleinen Geschichte,
Workshops behaupten die Teilnehmer mir gegenüber immer
hinaus will, ist der, dass man aufgrund eines negativen Kom-
wieder: »In meiner Gegend gibt es keine anderen Fotografen.«
mentars durch Dozenten, Mitteilnehmer oder Freunde nicht
Nun, es gibt sie schon, doch man muss sie erst finden.
in Depressionen verfallen, sondern die Kritik durchdenken
und dann entscheiden sollte, was man daraus macht.
landesweiten Organisationen sind, doch viele davon sind eher
Wenn Sie sich mit dem Gedanken tragen, eine Gruppe zu
sozialer als fotografischer Natur. Insbesondere scheinen sie
gründen, in der Sie die gegenseitigen Bemühungen offen und
die Teilnahme an Fotowettbewerben zu fördern. Meiner Mei-
ehrlich beurteilen, ist es äußerst wichtig, sich von Anfang an
nung nach sind Fotowettbewerbe ähnlich sinnvoll, wie einen
auf eine Reihe von Grundregeln zu einigen. Es ist unbedingt
Rembrandt neben einen van Gogh zu hängen und dann zu
notwendig, dass man offen bespricht und gemeinsam festlegt,
fragen, welches das bessere Bild sei. Die Frage ist einfach sinn-
wie Kommentare abzugeben und aufzunehmen sind. Denn
los. Keine Kunstform lässt sich wirklich in einem Wettbewerb
obwohl diese meistens als konstruktive Vorschläge geäußert
messen. Schlimmer noch, um einen Wettbewerb abzuhalten,
werden, werten sie viele dennoch oft als persönliche Angriffe.
braucht es Regeln – und in diesem Fall Kompositionsregeln,
Sie müssen diese Fallstricke beiseiteräumen, indem Sie sie
die noch absurder sind als die Wettbewerbe selbst. Ich verweise
offen diskutieren und selbst Ihre eigenen Regeln und Abma-
hier auf mein Buch Die Kunst der Fotografie und darin speziell
chungen immer wieder hinterfragen, da man nur allzu leicht
auf die Kapitel 2 und 3, wo ich ausführlich darlege, warum Re-
wieder in genau die Fallen tappt, die man zu Beginn erfolg-
geln für die Bildkomposition nicht nur nutzlos, sondern sogar
reich vermieden hat.
144
Es existieren einige etablierte Fotogruppen, die Teil von
schädlich sind. Wenn Sie über die Idee des Beitritts in einen
Es ist nicht einfach, eine Gruppe zu bilden, in der die
örtlichen Fotoclub nachdenken, prüfen Sie zunächst, wie er
Mitglieder willens und in der Lage sind, ehrlich die Arbei-
sich zu Wettbewerben und Kompositionsregeln positioniert.
ten anderer zu diskutieren. Genauso schwierig, wenn nicht
Ich rate dazu, Gruppen, die eines von beidem gutheißen, zu
noch schwieriger ist es, diese Aktivität in Gang zu halten. Wir
meiden.
scheinen also alle irgendwie arrogant und dabei gleichzeitig
Meine Empfehlung lautet, soziale Netzwerke wie Twitter
auch noch sehr empfindlich zu sein. Aber selbstverständlich
oder Facebook zu nutzen oder im Internet zu recherchieren,
würden wir diese Eigenschaften nie an uns erkennen oder gar
um in Kontakt mit Fotografen in Ihrer Gegend zu treten,
zugestehen, oder? Doch wenn Sie die richtige Gruppe von Leu-
die Ihre Interessen teilen. Probieren Sie jede Art der Verbin-
DIE OFFENHEIT DER LEHRENDEN
dungsaufnahme aus, die Ihnen einfällt. Vielleicht kennt ein
noch auf eine ganze Reihe weiterer Fragen, die ich gar nicht
Kommilitone oder ein Workshopteilnehmer Fotografen aus
gestellt hatte bzw. mich niemals zu stellen getraut hätte!
Ihrer Region, die Ihnen noch unbekannt sind. Es lohnt immer,
Auch all die anderen Dozenten bei diesem Workshop waren
sich umzuhören.
genauso offen und kommunikativ, brannten sogar darauf,
jeden Aspekt ihrer eigenen fotografischen Kunst zu erläutern.
Die Offenheit der Lehrenden
Es gibt diese großzügigen Künstler, die keine versteckten
Zweifel an ihrem fotografischen Werk hegen und alles mit
einem teilen. Deren Philosophie lässt sich folgendermaßen
Zu den Dingen, die mich vor 44 Jahren als Teilnehmer des
beschreiben: Wenn ihre Vorstellungen, Verfahren oder Mate-
Workshops bei Ansel Adams tief beeindruckt haben, zählte
rialwahl von den Teilnehmern angenommen werden, haben
seine totale Offenheit gegenüber jedem Aspekt der Fotogra-
sie selbst das Vergnügen, von den Teilnehmern zukünftig
fie. Bei einem besonders bemerkenswerten Austausch, den
hervorragende Bilder zu Gesicht zu bekommen.
ich mit ihm gegen Ende des Workshops hatte, fragte ich ihn
Ich war von Ansels Antwort derart beeindruckt, dass ich
etwas über die Vergrößerung eines bestimmten Bildbereichs
mir auf der Stelle schwor, dass ich genau das Gleiche tun
in seinem wunderbaren Foto Clearing Winter Storm, Yosemite.
würde, sollte ich jemals in die Rolle des Dozenten schlüpfen.
Ich war angetan von der Brillanz des Lichts auf und um den
Es gibt auch bei mir keine Geheimnisse – bis auf eine einzige
Bridalveil-Wasserfall auf der rechten Bildseite und fragte ihn,
Ausnahme: Bei einem sehr abstrakten Foto verrate ich manch-
ob er diese Stelle beim Vergrößern abgewedelt (aufgehellt)
mal nicht den Motivgegenstand, um das Mysterium nicht zu
habe.
zerstören. Oder, wie im Fall der Kelso-Dünen, behalte ich für
Ich hatte erwartet, dass er zu mir sagen würde: »Tut mir
mich, welche Ausrichtung ich bei der Aufnahme gewählt habe
leid, aber ich rede nicht darüber, wie ich meine Bilder vergrö-
(Abbildung 3-6). Ich halte mir selbst zugute, ehrlich zu sein,
ßere.« Ich hätte dafür Verständnis gehabt und mich einfach
jedoch auch nicht gleich alles hinausposaunen zu müssen!
für diese unangemessene Frage entschuldigt.
Über die Jahre habe ich mit einer ganzen Reihe von Mit-
Doch das passierte nicht. Stattdessen erklärte er gerade
dozenten in meinen Workshops zusammengearbeitet und
heraus, das Licht sei in dem Bildbereich so brillant gewesen,
ein jeder von ihnen verfolgt diesbezüglich die gleiche Phi-
dass er es stattdessen in diesem Bereich hatte nachbelichten
losophie … tatsächlich erzählten die meisten von ihnen den
(abdunkeln) müssen, um den gewünschten Detailreichtum
Teilnehmern alles und jedes sofort. Ich musste also niemals
zu erzielen. Das erstaunte mich. Ich hatte wirklich nicht er-
für diesen Grundsatz eintreten, sondern er ergab sich in all
wartet, eine Antwort auf meine Frage zu bekommen. Doch
den Jahren von ganz allein. So wie die Menschen, mit denen
dann verblüffte er mich endgültig, indem er mit mir das
ich gerne zusammenarbeite, sollten auch jene sein, mit denen
ganze Bild besprach und erklärte, an welchen Stellen er nach-
Sie sich zusammentun. Sie werden dann voneinander lernen
belichtet, abgewedelt oder sonst etwas getan hatte, um es so
und die Gesellschaft der anderen schätzen.
hervorzubringen.
Ich konnte es einfach nicht glauben. Er hatte nicht nur die
eine Frage beantwortet, von der ich geglaubt hatte, dass sie
unter das Künstlergeheimnis fiel, sondern antwortete gleich
145
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
4
Dateigröße
2 936 KB
Tags
1/--Seiten
melden