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31.10.2014

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4 | Carte blanche
Volksstimme Nr. 124 | Freitag, 31. Oktober 2014
Ein Aufbruch und das Alter Ego
eines alten BMW
KESB: Zuwarten ist falsch,
Handeln ist angesagt
Stephan Grossenbacher | Landrat Grüne, Niederdorf
Daniela Schneeberger | Nationalrätin FDP, Thürnen
Wird ein anderes Ich, das Alter Ego, wie es sich für
meinen verkauften BMW abzeichnet (siehe weiter
unten) auch bei mir persönlich zur Wirkung ge­
langen?
Auf zu neuen Ufern. Meine Landratszeit ist zu
Ende. Ich werde Ende Jahr nach Tansania reisen, um
dort an einem College für Gemeindeentwicklung zu
unterrichten. Wer erwartet mich da? Junge Menschen,
die sich mit einer Ausbildung für die Gesellschaft
­einsetzen wollen – so viel ist klar. Klar ist auch: Sie
sprechen etwas Englisch und ich muss Suaheli lernen –
die Hochsprache in Ostafrika (Kenia, Uganda, Tansania,
Ruanda, Burundi und in Teilen von Malawi und der
demokratischen Republik Kongo). Meine Tätigkeit mit
der Entsende-Organisation Interteam (.ch) beginnt
deshalb mit einem Sprachkurs in der Wirtschaftsmetro­
pole Dodoma.
Dann reise ich in die Nähe des Viktoriasees an
«mein» College der Anglikanischen Kirche (Partneror­
ganisation) in die Mara Region. Dort spielt die Selbst­
versorgung eine zentrale Rolle. Wegen der zunehmen­
den Trockenheit steht mit grosser Wahrscheinlichkeit
ein Wechsel in der Viehzucht an: weg vom Rind, das
einen höheren Wasserbedarf hat, hin zum Kamel. Es
kommt mit weniger und schlechterem Wasser gut
zurecht. Wie kann ein Wechsel langfristig wirksam
werden? Eine Schweizer Stiftung hat da schon Er­
fahrungen in Kenia gesammelt – sind die in «meiner
Region» anwendbar?
Bevor ein Wissensaustausch möglich sein wird, muss
ich die fremde Kultur kennenlernen: die ungebrochene
Wichtigkeit sich mit einer Information oder mit einem
Anliegen gemäss den gängigen Hierarchien an die
einzig richtige Person zu wenden, um mit der Infor­
mation erst dann auch die Betroffenen erreichen zu
können; jedes Wesen hat eine Seele mit Wirkung auf
das direkte Umfeld, die es zu berücksichtigen gilt, um
nichts falsch zu machen; die lebensbedrohende Bru­
talität, die von einem Wildtier ausgehen kann, beein­
flusst auch die Mentalität. All diese Aspekte sind als
Gut gemeint ist nicht gut gemacht: Die Abschaffung
der Vormundschaftsbehörden zugunsten der Kindesund Erwachsenenschutzbehörde (KESB) hat jüngst
für einige Schlagzeilen und grossen Ärger gesorgt.
Vor allem in die Kritik geraten ist die Entstehung einer
richtigen «Sozialindustrie», wie in Sonntagsmedien zu
lesen war. Die Kostenexplosion hat aber nicht nur die­
sen Ursprung: Es geht darum, wie der Bund die Reform
aufgegleist hat, wie die Kantone diese umgesetzt ha­
ben und wie die Gemeinden in diesem Prozess inte­
griert worden sind. Jetzt geht es aber vor allem um
die Bereitschaft, Korrekturen vorzunehmen.
Aber von Anfang an: Die Reform wurde dem Par­
lament als Professionalisierung verkauft. Von einem
Kostenschub dieser Grössenordnung war jedoch nie
die Rede. Von der Verwaltung werden nun zwei Haupt­
argumente vorgeschoben, um die Probleme nicht an­
zupacken: Erstens müsse man Geduld haben und zu­
warten und zweitens hätten die Gemeinden oft das
Modell nicht richtig umgesetzt. Beide Aussagen sind
falsch: Geduld ist die falsche Medizin, denn die Prob­
leme sind offensichtlich. Zuwarten macht nichts besser,
auch wenn dies die Verwaltung will.
Die Gemeinden zu beschuldigen ist genauso ver­
kehrt. Die Gemeinden bemühen sich redlich, die Kos­
ten im Griff zu halten, denn sie müssen die Kosten
tragen – aber es mangelt an Unterstützung beim Um­
setzen. Oft sind sie mit den neuen Strukturen überfor­
dert. Mich ärgert diese offensichtliche Fehlentwicklung
bei der KESB, denn sie findet auf dem Buckel der All­
gemeinheit statt. Für mich ist dies deshalb auch klar
ein Thema, das die nationale Politik aufnehmen muss.
Ich habe mich im Nationalrat eingesetzt, dass der
Bundesrat die Situation klärt und Verbesserungsmass­
nahmen vorschlägt. Es darf nicht sein, dass das Sozial­
system durch diese Entwicklungen in Verruf gerät.
Die Rolle der Gemeinden werde ich mir nun auch
­genauer anschauen und werde mit den Gemeinde­
vertretern das Gespräch suchen. Es kann doch nicht
sein, dass wir in den Gemeinden an allen Ecken und
Realitäten zu gewichten, die Relevanz haben können.
Ich werde andere Seiten meiner Person in den Vorder­
grund bringen – ein Alter Ego, um den Menschen zu
begegnen und im Kontakt vielleicht zu anderen Heran­
gehensweisen anzuregen.
Als Ausreisevorbereitung hab ich am Dienstag mei­
nen 1976er BMW verkauft und eine ganz neue TöffBekanntschaft gemacht: Cafe Racer. Leichte Motor­
räder reduziert im Stil und Gewicht als durchgestylte
Öfen. In der Cantine in Soyhières im Jura werkeln Kurt
und Nemi Maurer und Pius. Sie nehmen alte BMWMotorräder komplett auseinander, behandeln die
Aluminium-Motorteile mit modernen Verfahren, so­
dass sie glänzen wie Chrom oder kohlenschwarz wer­
den. Die Lenker werden etwas breiter, meist sitzt dann
die Fahrerin des neuen Cafe Racers oder der Fahrer
etwas tiefer als auf der Ursprungsmaschine und meist
ist es ein Solo-Töff.
Die alten Auspuff-Anlagen werden im Look und
Sound durch Norton-Produkte ersetzt. Ein hochinno­
vatives Farbkomposit sorgt für individuelle Erschei­
nung – unverdünnte Unikate eben. Ich habe eine
ziemlich konkrete Idee, was aus meinem alten
schwarzen BMW im nächsten Winter wird: Er wird
bei Cantine-Cafe-Racer(.ch) sein Alter Ego entfal­
ten … Ob ich das in Tansania wohl auch schaffen
werde?
Bei mir piepsts
Enden sparen und uns Mühe geben, die finanzpoliti­
schen Hausaufgaben zu lösen und dass am anderen
Ende im Bereich der Sozialhilfe immer grössere Kosten
anfallen, die dann auch noch unter dem Titel der Pro­
fessionalisierung entstehen.
Eine Professionalisierung hat Sinn, aber sie darf kein
Deckmantel für eine fragwürdige Entwicklung sein. Bei
den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden muss
nun Ordnung gemacht werden. Wir sind ein Land mit
einem ordentlichen Wohlstand. Wir wollen als Bürger­
schaft sicherstellen, dass jene, die in Not geraten,
nicht alleine gelassen werden. Gleichzeitig kann es
nicht sein, dass auf dem Buckel des Gemeinwesens
immer grössere Kosten aufgetürmt werden, weil die
Zusammen­arbeit zwischen Bund, Kantonen und Ge­
meinden schlecht funktioniert und die Politik die
Prob­leme nicht ordentlich und anständig aufarbeitet.
Ausserdem dürfen wir die Gemeinden mit diesem
Thema nicht alleine lassen. Der Föderalismus ist eine
Chance: Nicht alle Kantone haben mit der KESB Prob­
leme. Lernen wir doch voneinander! Schauen wir in
die anderen Kantone. Übernehmen wir, was funktio­
niert, räumen wir, was nicht taugt, weg. Mein Vorschlag:
Jetzt die Fakten auf den Tisch, Modelle überprüfen
und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden so
aufstellen, dass sie zu vernünftigen Kosten arbeiten.
Wegschauen dürfen wir nicht.
KARIKATUR
Sandra Sollberger | Landrätin SVP, Bubendorf
Ich gehöre zur Art Mensch, der sich unter Erholung
eine wunderschöne Gegend mit angenehmen Bedin­
gungen, sprich nicht alltäglichem Luxus, vorstellt. Sonne,
Wärme und Gaumenfreuden inklusive, versteht sich.
Wie lange wollte ich schon mit einer Freundin in ein
prachtvolles Hotel für ein Wellness-Wochenende ver­
reisen? Zum Erholen. Oder ich schaue mir die Reise­
prospekte mit den wundervollen Inseln irgendwo am
Ende der Welt an. Das muss traumhaft sein. Erholung
pur. Ganz bestimmt. Und dann so etwas. Ich verbringe
zwei Tage in einfachsten Verhältnissen … und komme
total erholt und relaxt zurück.
Wie kann das sein? Ich war auf der Ulmethöchi
im wunderschönen Baselbieter Jura. Die Gegend ist
bezaubernd und überwältigend zugleich. Das deckt
sich ja noch mit meiner Vorstellung vom idealen Er­
holungsort. Aber dies war auch der einzige überein­
stimmende Punkt. Die Unterkunft bestand aus einem
Kajütenbett-Massenlager. Im anderen Raum befand
sich die Küche mit einem Tisch für uns zwölf Personen,
dem einzigen Wasserhahn, mit kaltem Wasser, und
eine einfache Küchenzeile. Die sanitären Anlagen er­
wähne ich hier lieber nicht. Aber definitiv nichts für
einen Glanzprospekt. So rein gar keine Ähnlichkeit mit
den von mir aufgestellten Anforderungen, an einen
Ort für meine Erholung.
Warum ich dann zwei Tage dort verbracht habe,
fragen Sie sich? Das kam so: Die Vogelwelt hat mich
schon immer fasziniert. Hoch oben, frei und gelassen,
über allem schwebend. Eine wundervolle Vorstellung.
Ein Bekannter hat mir erzählt, dass auf der Ulmet jedes
Jahr der Vogelzug beobachtet wird. Einzelne, mit feinen
Nylonnetzen gefangene Vögel werden beringt, ver­
messen und gewogen. Diese Beringungsdaten zeigen
die körperliche Verfassung der Zugvögel und liefern
Angaben über die Alters- und Geschlechterzusammen­
setzung der Zugvogelpopulationen.
Seit 1962 konnten 98 verschiedene Vogelarten
beringt werden. Woher wissen diese gefiederten Tier­
chen nur den Weg in den weiten Süden? Ich finde kaum
den Weg ins Tessin ohne mein Navi. Das wollte ich un­
bedingt einmal miterleben. Meine Agenda schenkte
mir dann auch wirklich zwei Tage für dieses Unter­
fangen. Ich war das einzige «Kücken». Alle anderen
waren bereits mehrmals für eine Woche auf der Ul­
met. Es dauerte seine Zeit, bis wir die ersten Vögel
auf ihrem langen Weg in den Süden entdeckten. Es
war ein Schwarm Erlenzeisige. Tatsächlich flog einer
der kleinen Vögel in eines der vielen Netze. Mit ge­
übten Fingern wurde das filigrane Tierchen befreit und
in der Station gewogen, vermessen und gebührend
bewundert. Zuletzt wurde ein kleiner Ring an sein
feines Beinchen angebracht. Nach den Strapazen
durfte ich den Erlenzeisig in die Freiheit entlassen. Er
nahm sogleich die weite Reise wieder auf. In den zwei
Tagen haben wir neun eingefangene Vögel erfasst,
einer schöner und faszinierender als der andere, 13 Ar­
ten in Schwärmen beobachtet und einen speziellen
Besucher, das vorwitzige Wiesel aus dem Holzlager,
kennengelernt. Das ortsansässige Schwarzspecht-Paar
unterhielt uns mit seinem speziellen Ruf und seinen
Flugkünsten.
Während wir zusammen auf weitere Reisevögel
warteten, geschah es; ich vergass die Zeit. Einfach so.
Genau das war es, was mir die Erholung brachte. Ich
hatte einfach Zeit. Ohne schlechtes Gewissen dasitzend
und in die Luft schauend. Erholung pur.
Den Musiker Marc Sway kennt Karikaturistin Heinke Torpus nur aus den Medien und vor allem
aus den Ankündigungen seines Auftritts im «Volksstimme»-Nachtcafé von gestern Abend. Dort
wollte sie sich vor Ort überzeugen, ob sie den Gast auch getroffen hat.
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