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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (21.12.2014) - Die Onleihe

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3,50 Euro
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2 1. 12. 2014
Nicht alles gut
Wem die Gans zu schwer ist und der Puter zu dröge,
der ist mit der Ente gut bedient. Als Braten kommt sie
zu Weihnachten immer häufiger auf den Tisch.
Doch als armes Massenfedervieh hat sie meist
kein schönes Leben. Wissenschaft
Die Deutschen helfen
Zehntausende Bürger unterstützen Flüchtlinge – ein starkes Signal
VO N U TA R A S C H E
In Dresden gehen Montag für
Montag Bürger auf die Straße, um
gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylbewerbern in
Deutschland zu demonstrieren.
Weltweit wird darüber berichtet.
Fast unbemerkt bleibt hingegen
die große Zahl ehrenamtlicher Helfer, die sich seit Monaten hierzulande um Flüchtlinge und Asylbewerber kümmern. Sie sammeln Winterkleidung und Schuhe. Sie erkunden mit Neuankömmlingen die
Stadt. Sie begleiten Erwachsene zu
Ämtern und Ärzten. Sie bringen ihnen das Radfahren bei oder nehmen die Kinder mit in den Sportverein. Sie organisieren Weihnachtsfeiern oder füllen Schuhkartons mit kleinen Geschenken.
Unternehmer bieten Praktika in
ihren Betrieben an. Zahlreiche
Städte bekamen in den vergangenen Monaten so viele Anrufe von
Freiwilligen, dass sie eigens Mitarbeiter abgestellt haben, um die Hilfe zu koordinieren. So viele Menschen melden sich, dass zum Beispiel auf der Website der Aktion
„Hamburg hilft“ ausdrücklich um
Verständnis dafür gebeten wird,
dass womöglich erst im neuen Jahr
eine Antwort kommt.
Stichproben der F.A.S. in mehreren Kommunen ergaben, dass mindestens sechs von zehntausend Bürgern ehrenamtlich für Flüchtlinge
tätig sind. Hochgerechnet auf die
82 Millionen Einwohner Deutsch-
lands, wären das knapp 50 000
Menschen – dreimal so viele, wie
zuletzt in Dresden auf die Straße
gingen. Wahrscheinlich sind es sogar noch weit mehr Helfer, weil
auch Wohlfahrtsverbände Hotlines
für Hilfswillige eingerichtet haben.
Die meisten investieren an einem
Tag in der Woche rund zwei Stunden für ihr ehrenamtliches Engagement. Manche, insbesondere Rentner, sind viel öfter im Einsatz.
In Nürnberg organisieren das
Bayerische Rote Kreuz und die
Stadtverwaltung seit Oktober die
„Helferpforte“. Bisher haben sich
dort 120 Menschen gemeldet. Manche helfen täglich bei der Essensausgabe in einem Flüchtlingsheim,
manche bei der Kleiderausgabe; andere reparieren gespendete Fahrräder. In Bayern müssen Flüchtlinge
bis zu ihrer Anerkennung in Sammelunterkünften leben. Sie erhalten anfangs nur Sachleistungen,
können also nicht selbst einkaufen.
In den Heimen, wo bisweilen Langeweile herrscht, sind Angebote
zur Freizeitgestaltung gefragt: „Gerade haben wir einen Clown, einige
Musiker und einen Pantomimen gesucht, um für etwas Abwechslung
zu sorgen“, heißt es bei der „Helferpforte“. Auch ehrenamtliche Psychologen werden gebraucht, die
mit den Flüchtlingen über ihre Erlebnisse im syrischen Bürgerkrieg
oder auf der Flucht reden.
In anderen Bundesländern dürfen Flüchtlinge und Asylbewerber
in Mietwohnungen ziehen. Die
sind jedoch nicht leicht zu finden.
Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon von den Grünen rief vor ein paar Wochen dazu
auf, privaten Wohnraum an Flüchtlinge zu vermieten. Inzwischen
wohnen rund 450 von knapp 1500
Flüchtlingen bei Privatleuten; die
Stadt zahlt dafür Miete.
Wenn Flüchtlinge in eine eigene Wohnung ziehen, schlägt die
Stunde der Macher: Die Familien
brauchen Möbel und Hausrat.
Beim Spendentelefon der Stadt
Frankfurt bieten derzeit so viele
Menschen Sofas, Betten, Schränke
und Geschirr an, dass gar nicht alles abgeholt werden kann. In Bad
Soden stapeln sich gespendete
Fernseher. In Mülheim an der
Ruhr hat eine Freiwilligengruppe
ein Sozialkaufhaus eingerichtet,
dem es nie an Kinderkleidung,
Spielzeug und Bettdecken mangelt. Viele Deutsche sind froh, dass
sie ihre Keller entrümpeln können.
In Mülheim an der Ruhr wurden alle 660 Flüchtlinge und Asylbewerber in Wohnungen untergebracht. „Das Wunder von Mülheim“ wird das heute in der Stadt
genannt. Für die Kommune sind
Mietwohnungen preiswerter als
Heime. „Und es ist besser für die
Menschen: Es entstehen keine Gettos, es gibt keine Proteste der
Nachbarn“, sagt eine Mitarbeiterin des Sozialdezernats. Sie beteuert: „Menschen, die helfen, bekom-
men von den Flüchtlingen ganz
viel zurück.“ Die Ehrenamtlichen
betätigen sich nun zum Beispiel als
Alltagslotsen: Sie zeigen den
Flüchtlingen, wo man im neuen
Viertel preiswert einkaufen kann.
Sie gehen mit zur Bank, um ein
Konto zu eröffnen. Sie erklären,
wie der Fahrkartenautomat funktioniert und wohin die Linienbusse
fahren. Sie begleiten die Kinder
auf den ersten Wegen zur neuen
Schule. Sehr gefragt ist Bildung:
Viele Ehrenamtliche machen mit
Kindern Hausaufgaben. Oder sie
lernen mit den Familien Deutsch.
„Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend“, heißt es auch bei der
Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt.
„Wie ein Lauffeuer, es ist Wahnsinn.“ Die AWO betreut etwa 100
minderjährige Flüchtlinge. Mitte
November nahmen 15 Helfer an einem Einführungsseminar teil. Für
das zweite haben sich schon 60 Ehrenamtliche gemeldet. Und jeden
Tag rufen drei weitere an. Inzwischen gibt es eine Kunst-AG, eine
Koch-AG und ein Sportangebot.
Ulrich Maly, Präsident des
Deutschen Städtetages, nennt die
große Hilfsbereitschaft der Bürger
ein „starkes Signal“. Sie werde bei
der Integration der Flüchtlinge
„sehr helfen“. Denn die Menschen
unterzubringen ist erst der Anfang
– ihre Eingliederung in die Gesellschaft ist weit schwieriger; Ämter
und Sozialarbeiter schaffen das
nicht allein. „Diese Aufgabe liegt
erst noch vor uns“, sagt Maly.
Grüne Weihnachten
Wetter Am Sonntag ist
es wolkig und trocken,
nur im Norden etwas
Regen. Höchstwerte an der
Nordsee bei 9 Grad, auf den
Bergen leichter Frost.
Seite 32
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*(6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz,
aus Mobilfunknetzen max. 42 Cent pro
Minute)
Im Internet: www.faz.net/leserportal
Impressum 6
Leserbriefe 9
Tops&Flops 17
Fernsehen 42
Rätsel 50, 54
Herzblatt 50
ßer Streifen in der Mitte, aber Ski
fahren kann man dort nicht.
Auch in Österreich laufen nur
wenige Lifte. Selbst in höheren Lagen sind nicht alle in Betrieb. In St.
Anton am Arlberg knapp ein Drittel. Viele Pisten sind nur ein schmales weißes Band. „Das sieht nicht
einladend aus“, gibt der österreichische Tourismusverband zu. Etwas besser ist die Lage in der
Schweiz. In St. Moritz sind die
meisten Lifte geöffnet. In Zermatt
und Davos laufen gut ein Drittel
der Lifte. In den Skigebieten Italiens und Frankreichs fielen vergangene Woche rund 30 Zentimeter
Neuschnee. Aber auch dort gilt: Es
ist der warme Endspurt eines viel
zu warmen Jahres. Österreichische
Meteorologen halten 2014 für das
wärmste Jahr in der Geschichte ihres Landes: „Und unsere Aufzeichnungen gehen bis 1768 zurück.“
Fotos Corbis, Dorling Kindersley(5), F1Online, Getty (2)
Für Skifahrer sieht es schlecht
aus. Die Schneekanonen stehen
still, denn auch Kunstschnee würde
schmelzen. Geöffnete Skigebiete
kann man derzeit an einer Hand abzählen. Auf der Zugspitze und am
Fellhorn sind höchstens ein Drittel
der Lifte geöffnet. Talabfahrten
gibt es keine. In Garmisch und in
Winterberg sind die Hänge grün.
Manchmal verläuft ein dreckig-wei-
Edathy-Affäre: Grüne sehen Strategie der Sozialdemokraten erschüttert
F.A.S. Berlin. In der Affäre um ihren ehemaligen Abgeordneten Sebastian Edathy versucht die SPD
weiter, dessen Glaubwürdigkeit zu
untergraben und die Position ihres
Abgeordneten Michael Hartmann
zu stärken. Edathy behauptet,
Hartmann habe ihn vor Ermittlungen wegen des Besitzes von Kinderpornographie gewarnt. Entsprechende Informationen habe Hartmann vom damaligen Präsidenten
des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, bekommen. Hartmann bestreitet das.
Vorsorglich wird in der SPDSpitze darauf verwiesen, dass sich
Hartmann als gewöhnlicher Bundestagsabgeordneter nicht der
Strafvereitelung im Amt schuldig
gemacht haben könne. Das komme nur bei Amtsträgern wie Ziercke in Betracht, weshalb es unwahr-
Das feine Aroma
Die totale Schande
Das Phänomen Lucke
Kaffee rösten viele.
Michael Schmidt macht es
besonders gut. Rhein-Main
Ein Krieg – wegen eines
Films? Ärger um „The
Interview“. Feuilleton
Wofür steht die
Alternative für
Deutschland? Wirtschaft
scheinlich sei, dass Ziercke Informationen weitergegeben habe. In
der Sache macht es aber für Hartmann keinen Unterschied. „Wie jeder Bürger kann auch ein Abgeordneter Strafvereitelung begehen. Er
tut das, wenn er einen anderen
warnt und damit seine Strafverfolgung verhindert oder erschwert“,
sagte der Strafrechtler Klaus Volk
dieser Zeitung. Geahndet wird
Strafvereitelung in jedem Fall mit
bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe.
Die Berliner Staatsanwaltschaft
prüft nach eigenen Angaben, ob
sie Ermittlungen einleitet.
Ferner wird in der SPD-Führung daran erinnert, dass die Namensliste mit den deutschen Kunden des kanadischen Kinderporno-Versands, bei dem Edathy Filme bestellte, im Oktober 2013 an
zahlreiche Polizeidienststellen versandt wurde. Es sei nicht auszu-
schließen, dass Informationen über
das Ermittlungsverfahren auf diesem Weg zu Edathy gelangten.
Die Grünen-Abgeordnete Irene
Mihalic sagte, die SPD versuche,
Edathy als unglaubwürdig darzustellen, Hartmann hingegen als
glaubwürdig. „Der Auftritt von
Herrn Hartmann vor dem Untersuchungsausschuss hat diese Strategie stark erschüttert“, so Mihalic.
Die SPD dürfe nicht länger den
Eindruck erwecken, dass sie Dinge
unter den Teppich kehren wolle.
„Sie muss begreifen: Das Einzige,
was auch ihr hilft, ist, alle Karten
auf den Tisch zu legen.“
Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sagte, das Vertrauen
in der Koalition sei wegen der Angelegenheit erheblich erschüttert:
„Es liegt ein Schleier des Misstrauens über der Koalition, jedenfalls
bei den Innenpolitikern.“
Zwist über Russland-Sanktionen
mec./T.G. Frankfurt. Die deutsche Industrie will keine weiteren
Sanktionen gegen Russland. Man
dürfe die „Beziehungen nach Moskau jetzt nicht abschneiden“, sagt
Werner Wenning, Aufsichtratsvorsitzender von Eon und Bayer.
„Man sollte sich hüten, die über
Jahrzehnte entwickelten Handelsbeziehungen zu unterbrechen.“
Der Top-Manager, der außerdem
in den Kontrollgremien von Siemens und Henkel sitzt, hebt hervor, dass weltweit tätige Unternehmen sich mit den Verhältnissen
Jäger schuld an
Vogelgrippe?
Schlechte Aussichten für Skifahrer: Es bleibt warm
mape. Frankfurt. Der Dezember
ist ungewöhnlich warm. Weiße
Weihnachten gibt es im Flachland
auf keinen Fall. Darauf legt sich
der Deutsche Wetterdienst jetzt
schon fest. Über die Festtage
bleibt es frühlingshaft mild, zwischen fünf und zwölf Grad. In der
Nähe der Alpen kann es zu Schneeregen und Graupelschauern kommen. Bis Neujahr bleibt das so.
SPD-Spitze stützt Hartmann
echt. Frankfurt. In Deutschland
gibt es drei Fälle von Verdacht auf
Vogelgrippe, die Herkunft des Erregers ist unklar. Bislang vermuteten viele Fachleute, dass das Virus
von Zugvögeln verbreitet wird.
Eine Quelle könnten aber auch
halbzahme Stockenten sein, die in
Europa zu Millionen gezüchtet
und, ähnlich wie Fasanen und
Rebhühner, zu Jagdzwecken freigesetzt werden. In französischen Stockenten-Farmen
wurden
Vogelgrippeviren
vom Typ H10N7 schon vor
fünf Jahren gefunden, auch
in Dänemark und Portugal gab es Hinweise auf Infektionen. In Deutschland
würden solche ZuchtStockenten noch nicht gesondert betrachtet, teilte
dazu das zuständige Friedrich-Loeffler-Institut der
F.A.S. mit.
vor Ort zu arrangieren hätten:
„Wir Unternehmer können uns
nicht jedes Mal das politische System aussuchen. Wir können nicht
bei jedem Umsturz die Maschinen
mitnehmen, das Land verlassen
und sagen: Wir kommen wieder,
wenn ihr unserem Verständnis von
Demokratie entsprecht.“
Beim letzten EU-Gipfel hatten
mehrere Staaten Zweifel an der gemeinsamen Sanktionspolitik geäußert. Außenminister Steinmeier
(SPD) äußerte sich in Sorge, dass
Russland destabilisiert werde. Der
Fraktionsvorsitzende der EVP im
Europäischen Parlament, Manfred
Weber von der CSU, hält dagegen: „Die größte Stärke der EU in
der Ukraine-Krise ist ihre gemeinsame und geschlossene Position.“
Der deutsche Außenminister mache mit seiner Absetzbewegung einen schwerwiegenden Fehler. Der
russische Präsident werde nur
durch Stärke, Entschlossenheit
und immer neue Gespräche von
seinem für Europa und andere
Nachbarregionen
gefährlichen
Weg abzubringen sein, so Weber.
Frohe Weihnachten
wünscht
Ihre Familie Wellendorff
Belgien 3,80 €; Griechenl. 4,30 €; Luxemburg 3,80 €; Niederlande
3,80 €; Österreich 3,80 €; Frankreich 4,30 €; Italien 4,30 €;
Portugal (Cont.) 4,30 €; Schweiz 5,30 sfrs; Spanien, Balearen und
Kanaren 4,30 €; Ungarn 970 Ft
4<BUADPU=jadfaj>:x;l;Z;q;m
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