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Das Magazin 51/52 vom 20. Dezember 2014

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N ° 51/52 — 20. DEZ EM BER 2014
WEIHNACHTEN TROTZ ALLEM
Wo Jesus lebte, leben Christen gefährdet.
Frohe Weihnachten
2014
Freude am Fahren
MERRY
DRIVE
BRINGT JEDE K ÄSEPL AT TE ZUM SCHMELZEN.
Fine Food steht für Spezialitäten von
erlesener Qualität. Wie der besonders
cremige Brie aus der Kartause Ittingen.
Dort wird er aus hofeigener Rohmilch
von Hand hergestellt. Während der Rei-
Für besondere Momente.
fung verleihen ihm ausgewählte Weissschimmel-Kulturen seinen typisch feinen und dezenten Geschmack.
Die meisten Fine Food Käse sind in den grösseren Coop
Verkaufsstellen im Offenverkauf erhältlich.
EDITOR IAL/INHALT
DA S M AGA Z I N 51/52/2014 — BI L D C OV E R : JON A S OPPE R S K A L S K I; BI L DE R E DI T OR I A L: JON A S OPPE R S K A L S K I (OBEN); T W I T T E R
S. 12
Die christliche Religion ist zurzeit die am meisten
verfolgte der grossen Religionen. Das sollte
an Weihnachten zu denken geben, selbst wenn
einer nur kulturell ein Christ ist. Reporter
Eugen Sorg war in Bethlehem und hat mit den letzten Christen in dieser schwierigen Weltgegend
gesprochen (S. 12).
Auch viele der in Nigeria
ent­führten Schulmädchen waren
Christinnen, sie wurden von
der islamistischen Terrorgruppe
Boko Haram zum Islam zwangsS. 26
konvertiert. Einigen gelang
die Flucht, die Journalistin Sarah A. Topol
hat diese glücklichen Mädchen getroffen und
ihre Geschichten in Worte gefasst (S. 26).
Weihnachten ist zwar für viele eine
soziale Zumutung – und dennoch ein Fest der
Freude, was vielleicht mit der Magie von
allen Dingen zu tun hat, die immer wiederkehren.
Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und
Leser, frohe Weihnachtstage und ein glückliches
neues Jahr.
FINN CANONICA
5
KOMMENTAR
REALISMUS
UND UNMORAL
ges gegen den Terror» mitberücksichtigt. Wenn durch die Folter eines Mitwissers von Attentatsplänen zahlreiche
Menschenleben gerettet werden können,
erscheint die Folter als Mittel zur Informationsbeschaffung plötzlich nicht mehr
als unbedingt verwerflich.
In der mittlerweile reichen juristischen Literatur zu dieser Frage wird
letzterer Fall – die «effiziente» Folterung
eines Mitwissers – unter dem Titel
«ticking bomb scenario» (TBS) diskutiert. Strittig ist allerdings die Frage, ob
die Annahme einer TBS-Situation überhaupt realistisch ist. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Geheimdienst einen
Terroristen festnimmt, von dem man mit
Sicherheit weiss, dass er in die Details
eines Attentatsplanes eingeweiht ist,
ohne dass jedoch der Plan ebenfalls bekannt wäre und ohne dass andere Möglichkeiten als die Folter bestünden, die
Details herauszufinden?
Von den Folterbefürwortern wird
gegen diesen Einwand stets der Vorwurf
erhoben, er werde nur von «schönen
Seelen» gemacht, die sich aus der Verantwortung stehlen wollen. Natürlich sei
es für eine demokratische Gesellschaft
ein unangenehmes moralisches Dilemma, wenn man zur Verhinderung von Ge­
walttaten die Folter legitimiere, aber dadurch, dass man behaupte, Folter sei dazu
gar nicht geeignet, mache man keine realitätsgerechte Aussage, sondern drücke
sich ganz einfach vor einer schwierigen
Entscheidung.
Genau in diesem Zusammenhang ist
nun der CIA-Bericht von höchstem Interesse. Erstens beweist er sehr eindrücklich, dass nicht nur die schönen, sondern
auch die wüsten Seelen starke Motive
haben, die Effizienz von Folter nicht realitätsgerecht einzuschätzen. Auf Hunder-
ten von Seiten rekonstruiert der Bericht
akribisch, mit welch komplizierten Manövern CIA-Verantwortliche versucht
haben, die Nützlichkeit und Unverzichtbarkeit von unter Folter gemachten Aussagen zu übertreiben und falsch darzustellen. Dass die CIA es in dieser Frage
mit der Wahrheit nicht genau nimmt,
kann eigentlich nicht überraschen. Die
einzig mögliche Rechtfertigung für Folter besteht in ihrer Effizienz. Geheimdienst-Verantwortliche, die Waterboarding und andere «verstärkte Verhörtechniken» zu verantworten haben, können
gar nicht anders, als durch alle Böden
hindurch zu behaupten, die Sonderprogramme hätten Resultate geliefert. Genau das hat die CIA getan und – wie der
Senatsbericht nun eindrücklich belegt –
schlicht gelogen.
Zweitens kommt der Senatsausschuss zum Resultat, dass es in keinem
einzigen der 118 untersuchten Fälle gelungen sei, mit harten Verhörmethoden
wichtige, auf anderem Wege nicht zu erlangende Informationen zu bekommen.
Theoretisch ist es durchaus denkbar, dass
die CIA in ihrem Krieg gegen den Terror
mit der TBS-Situation konfrontiert wird.
Die konkrete Aktenauswertung ergibt
nun aber ein anderes Bild.
Das Vorurteil, dass realistische Politik
sich per definitionem durch Härte und
Ruchlosigkeit auszeichnet, ist tief verwurzelt und mächtig. Das Einstehen für
Grundwerte wird sehr schnell als abgehoben und weltfremd belächelt. Der
CIA-Bericht belegt erneut, wie falsch
dieses Verständnis von Realismus ist.
Denn Folter ist nicht nur unmoralisch,
sondern schlicht und einfach nutzlos.
DA N I EL BI N S WA NGER ist Redaktor bei «Das Magazin».
6
“Meine Maschine ist in Reparatur,doch ich geniesse
weiterhin meine bevorzugten Grands Crus.“
MASCHINEN-SERVICE
DA S M AGA Z I N 51/2014 Von DANIEL BINSWANGER
Gegen heftigsten Widerstand hat die Senatorin Dianne Feinstein, nachdem sie
fünf Jahre dafür gekämpft hat, den neuen
CIA-Folterbericht in Auszügen veröffentlichen können. Er wird die quälende Debatte, die seit dem Abu-Ghraib-Skandal
im Jahr 2004 die USA und ihre westlichen Verbündeten umtreibt, wohl nicht
beenden, aber er eröffnet ein neues Kapitel.
Noch nie wurden so detailliert und
so gründlich derart viele Dokumente
und Zeugenaussagen ausgewertet. Muss
das Folterverbot, das zum Wertefundament der demokratischen Rechtsstaaten
gehört, eine unverbrüchliche und absolute Geltung haben? Oder gibt es Ausnahmesituationen und extreme Bedrohungslagen, in denen das Folterverbot eingeschränkt werden muss, um Anschläge zu
verhindern und dadurch vielleicht Hunderte, gar Tausende potenzielle Opfer zu
schützen? Der neue Folterbericht gibt
eine sehr solide abgestützte und unzweideutige Antwort: Das Folterverbot muss
absolut gelten. Denn die Anwendung von
Folter stellt nicht nur einen radikalen
Bruch dar mit den Grundwerten, auf denen moderne Rechtsstaaten ruhen, sie ist
auch von äusserst zweifelhafter Effizienz.
Das Verstörende an den Debatten um
die Legitimität von «verstärkten Befragungstechniken» liegt nicht nur daran,
dass es um fundamentale Grundwerte
geht, sondern auch am Zusammenprall
verschiedener Beurteilungsebenen. Auf
der Ebene der Grundprinzipien kann
kein demokratischer Staat die Geltung
des Folterverbotes infrage stellen. Es ist
quasi selbstevident. Scheinbar komplexer wird die Angelegenheit, wenn man
die schmutzige Realität von bewaffneten Konflikten, insbesondere des «Krie-
Lauriane Gilliéron, Miss Schweiz 2005.
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DA S M AGA Z I N 51/2014 DR AUSSEN SEIN MIT: GER HAR D ROTH
Wien ist mehr als die österreichische Hauptstadt. Der Schriftsteller
Gerhard Roth geht übers Areal des Allgemeinen Krankenhauses und erzählt,
was in der dunklen Seele der Stadt steckt.
Von CHRISTIAN SEILER
Es läge auf der Hand, den Schriftsteller Gerhard Roth als Archivar der Stadt Wien zu bezeichnen, aber gleichzeitig wäre
es auch wieder grundfalsch. Natürlich ist Roth kein Archivar,
kein Aktenableger, kein Stempel-drauf-Geber, kein Um-fünfUhr-nach-Hause-Geher. Aber er hat einer Reihe von literarischen Untersuchungen den Titel «Die Archive des Schweigens»
gegeben und darin Wien, die Stadt, in der er wenigstens während der Wintermonate lebt – den Sommer verbringt Roth,
der 72 Jahre alt ist, in seinem Haus in der Südsteiermark – auf
unnachahmliche Weise vermessen.
Seine «Reise in das Innere von Wien», Arbeiten über den
Stephansdom, die psychiatrische Anstalt in Gugging, das Obdachlosenheim in der Meldemannstrasse (wo bekanntlich ein
gewisser Adolf Hitler hauste, als er die Aufnahmeprüfung an
die Akademie der Bildenden Künste nicht bestand), sind Standardwerke der zeitgenössischen, deutschsprachigen Literatur.
Niemand schafft es wie Roth, Geschichte, Wirkung und Stimmung von Orten so intensiv und kristallin zu verdichten.
Wir treffen uns auf dem Campus des Alten AKH, dem mitten in der Wiener Innenstadt gelegenen Areal des Allgemeinen
Krankenhauses, das unter Leopold I. Ende des 17. Jahrhunderts
gegründet und zu Beginn der Neunzigerjahre des vergangenen
Jahrhunderts in zwei gigantische, zentrale Bettentürme am
Währinger Gürtel übersiedelt worden war. Hinter den harmonisch angelegten Höfen der Krankenhausanlage verbergen sich
gleich zwei Orte, denen das bevorzugte Interesse Roths galt
und gilt: der Narrenturm und das «Josephinum».
«Betritt man den Narrenturm», schreibt Roth, «begibt man
sich auf eine lange Reise durch Schreck’ und Leid’, durch Mythen, Kunst, Literatur und Geschichte. Sie beginnt und endet
in Glasgefässen und Schaukästen, in denen ‹Sirenen› und ‹Zyklopen›, ‹Janusköpfe› und ‹Siamesische Zwillinge› als medizinische Feuchtpräparate oder als Skelette dahindämmern wie
Fundstücke aus Bildern Goyas, Boschs und Kubins oder Figuren aus den Werken Homers, der Gebrüder Grimm und
Becketts.»
Damit ist erstens der Ort und zweitens das literarische Besteck Roths definiert. Roth selbst steht vor dem runden Backsteinzylinder des Narrenturms, der wie zu einer fremden Kultur gehörig in der barocken Zweckarchitektur des Alten AKH
steht, und erinnert sich daran, wie sein Interesse in den inneren
Zustand umschlug, der die Arbeit erst möglich machte, Roth
nennt ihn «Besessenheit». «Ich bin nicht fleissig», sagt Roth,
während wir den Narrenturm umrunden, «aber wenn mich ein
Ort zu faszinieren beginnt, muss ich wieder und wieder kommen, manisch, verrückt, eben: besessen.»
Es ist kühl. Roth trägt einen fast bodenlangen schwarzen
Mantel und hat einen Schal um seinen Hals gelegt. Wie oft er
durch diesen Campus gegangen ist, um sich neue Impressionen und Informationsbruchstücke abzuholen?
Roth weiss es nicht. Hundertmal. Tausendmal. Das Schreiben, sagt er, verändert seine Wahrnehmung von Zeit, und der
Prozess des Nach-draussen-Gehens, des Aufstöberns von Informationen, des Herstellens von Assoziationen, des Abschweifens, Ordnens und Heimschleifens der entsprechenden Beutestücke gehört zum Schreiben wie das Betätigen einer Tastatur oder das Kratzen des Stiftes auf dem Papier des Notizbuchs.
Als wir den Narrenturm hinter uns lassen, dreht sich Roth noch
einmal um, als spüre er wieder den alten Magnetismus, mit
dem ihn dieser Ort anzog. Erst dann steuert er die in einem
prachtvollen Palais untergebrachten Sammlungen der Medizinischen Fakultät an, das «Josephinum».
Roth geht langsamer als früher. Seine Gesundheit ist nicht
mehr so stabil wie zu den Zeiten, als er sich in der Südsteiermark ganze Landstriche erwanderte, um sein Material für den
ethnografisch eingefärbten Roman «Der Stille Ozean» zu erkunden.
Allein die Kraft der Geschichten zwingt ihn vorwärts. Er
kennt einen Hintereingang in die Ausstellungsräume, in denen er, der Medizinstudent ohne finalen Abschluss, eine «Enzyklopädie des menschlichen Körpers» vorfand, eine Sammlung von florentinischen Wachsmodellen, die für die medizinisch-anatomisch-chirurgische Schule der Militärärzte von
Joseph II. bestimmt waren – und deren erstaunliche Kunstfertigkeit und Poesie erst einer wie Roth entschlüsseln konnte.
Denn Roth sah nicht nur die frappierende Genauigkeit der
medizinischen Darstellung, sondern auch die verstörende
Poesie der Modelle. Er spürte dem Blick Goethes nach, der Artefakte derselben Werkstatt in Florenz gesehen hatte, las sich
in die Geschichte der Chirurgie ein und führte die Fäden seiner
Recherchen, Wahrnehmungen und Gefühle in einen packenden Text zusammen, der von der Bibel bis zu Joseph Conrad
führt und von Vergil bis zum Gerichtsmediziner Reiter mit dem
sich lichtenden, grauen Haar.
«Hier», sagt Roth leise, «ist mir die Idee des Pantheismus
plötzlich sehr vertraut vorgekommen. Es gefiel mir, mich wie
ein Blutkörperchen in einem Organismus zu befinden – ohne
zu begreifen, wie dieser Organismus aussieht.»
Die Mitarbeiter am Campus des Alten AKH grüssen Roth
höflich. Er kommt immer wieder, und wenn er da ist, bleibt die
Zeit stehen – auch wir verbringen einen ganzen Nachmittag
zwischen Modellen und Büchern und Häusern und Türmen,
bis Roths Frau Senta irgendwann zum Aufbruch mahnt.
«Ich komme nicht», sagt Roth abschliessend, «um etwas
zu sehen. Ich stosse auf etwas. Und dann lasse ich mich überwältigen.»
Gerhard Roth auf dem Hof des mitten in der Wiener Innenstadt gelegenen Alten AKH
Bild LU K A S G A N S T ER ER
9
M A X KÜNG
MER RY CHR ISTMAS!
HAZEL BRUGGER
VOM MESSIE, DEM MAULTIER UND DEN
WACHSENDEN MÜLLBERGEN
trennen kann, stehen in Sachen Entbehr­
lichkeit also noch vor den Dutzenden von
alten Fernsehern und Telefonbüchern
aus den Achtzigerjahren, die die Woh­
nung kaum begehbar machen. Ein Grund,
dem Stillstand für immer den Krieg zu
erklären.
Es sollte also gelten, gar nicht erst in die
Vergangenheitsfalle zu tappen. Die Na­
belschnüre, an denen man sich träge
durchs eigene Leben zieht, gehören
durchtrennt, bevor sie schrumpelig sind.
Bevor sie also nicht mehr Nährstoffpipe­
lines, sondern nunmehr Fesseln sind, die
das Vorwärtskommen dem Gemüt un­
möglich machen. Pferde sind
Fluchttiere, Esel bleiben in Stress­
situationen stehen und verweigern
sich – und der Mensch ist eben ein
Maultier.
Aber wie sieht Nostalgie-Pro­
phylaxe aus? Wie wecke ich mein
inneres avantgardistisches Pferd?
Wenn man eine einzelne Socke
nicht mehr wiederfindet, ab wann
darf man die übrig gebliebene
dann entsorgen? Und wie lange
nach Erhalt der schlechten Bot­
schaft kann und soll die Witwe
des auf dem Schlachtfeld gefalle­
nen Soldaten sein Zahnputzglas
zurück in den Schrank zu den nor­
malen Gläsern stellen? Was wäre
denn eigentlich so schlimm daran,
in einer Gesellschaft zu leben, die
an gar nichts festhält – der eigene
Körper erneuert sich ja schliess­
lich ständig selbst, verliert die
ganze Zeit Zellen und stellt wie­
der neue her. Der Messie von mor­
gen ist also ein anderer als heute.
Und das Einzige, was wirklich
bleibt, ist der Ramsch, den wir alle
sammeln, der Ramsch und die
Erinnerungen.
Die Slampoetin H A Z EL BRUG GER schreibt hier im Wechsel mit Katja Früh.
Bild LU K A S WA S SM A N N
DA S M AGA Z I N 51/2014 sich einfach einmal folgendes Szenario
vor: Sie sind mit einem Messie zusam­
men, also jemandem, der zwanghaft
Dinge hortet, und werden dann verlas­
sen. Eigentlich das Allerschlimmste, was
einem passieren kann. Nicht nur sind
Sie jetzt Single, nein, Sie sind sogar das
absolut Einzige, wovon der andere sich
DA S M AGA Z I N 51/2014 Wenn ich mir vom Alter etwas wünsche,
dann, dass ich nicht übertrieben nostal­
gisch werde. (Und ja, mir ist natürlich be­
wusst, dass in dieser Aussage schon eine
gewisse zukunftsgerichtete Grundnostalgie mitschwingt – aber so ganz ohne
gehts halt eben auch in der Gegenwart
nicht.) Nostalgie behindert das Jetzt, ist
Gift gegen Neugier und ertränkt
das Vergangene in einer Sehn­
sucht, die nur aufkommt, weil man
der Endgültigkeit ins Auge blickt.
Jedes Mal, wenn ich beispiels­
weise mein Zimmer nach langer
Abwesenheit durchforste und von
Dreckwäsche und schmutzigem
Geschirr befreie, dann übermannt
es mich, dieses Heimweh nach
früher. Dann verschwende ich
Stunden mit dem Kampf darüber,
was weg kann und was noch (ir­
gendeinen an den Haaren herbei­
gezogenen) Nutzen finden könnte.
Vor dem Mülleimer stehend, seuf­
ze ich laut und klagend, die Hände
voll mit alten Konzertkarten und
Flyern von Kulturveranstaltun­
gen, lange abgelaufenen Garan­
tiescheinen oder Quittungen aus
Läden, die es gar nicht mehr gibt.
Als würde irgendein Stück Papier
von vor zwei Jahren mir im kom­
menden Restleben noch helfen
können, als könne man durch
krankhaftes Horten verhindern,
dass man nach dem Tod verges­
sen wird.
An schlimmen Tagen versuche ich
dann jeweils sogar mir vorzustellen, wie
die Dinge, die im Müll landen sollen, sich
fühlen müssen. Denn wer selber wegge­
schmissen wird, hat keinerlei Recht, sich
die Zeit zu nehmen für ein wahres
Schwelgen in Vergangenheit. Stellen Sie
M A X K Ü NG ist Reporter bei «Das Magazin».
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11
Kann es sein, dass im Heiligen Land,
der Wiege des Christentums, bald keine
Christen mehr leben?
DIE LETZTEN
Von Eugen Sorg
Bilder Jonas Opperskalski
Im Spiegelbild Maria, Mutter Gottes, im Hintergrund geht
eine muslimische Frau an einem Souvenirshop in Bethlehem vorbei.
12
13
Problem mit der Besatzungspolitik
Das Bild erzählt das Schicksal von Johannes dem Täufer, Bussprediger, Endzeitprophet und Zeitgenosse Jesu, zum Tode verurteilt von König Herodes Antipas, dem Sohn jenes Herodes, der
den «Bethlehemitischen Kindermord» veranlasst hatte und in
der christlichen Überlieferung zur Inkarnation des Schreckens
geworden ist. Obwohl vor zweitausend Jahren passiert, würde
heute jeder im arabischen Raum lebende Christ in der Johannes-Ikone seine eigene Situation sofort wiedererkennen: die
tödliche Bedrohung und die Sehnsucht nach Trost und Rettung.
Bethlehem ist eine arabische Kleinstadt im Palästinensischen Autonomiegebiet. Tagsüber zwängen sich Autos lärmend
durch die engen Gassen der Altstadt, vorbei an Fussgängern,
Souvenirläden und Restaurants. In der Nacht erstirbt jede Geschäftigkeit, und man hört nur noch das Gebell streunender
Hunde. Wer nach Bethlehem kommt, tut dies wie schon die
christlichen Pilger im 2. Jahrhundert, weil hier gemäss heiliger
Überlieferung Jesus zur Welt gekommen ist, in einem Stall oder
in einer Höhle, dort, wo etwas später die Geburtskirche errichtet wurde. Die Stadt lebt vom Religionstourismus. Waren
jedoch vor sechsundsechzig Jahren noch neun Zehntel der Einwohner Christen, sind es heute fünfzehn Prozent. Und das ist
immer noch viel, gemessen am übrigen Palästina, wo Christen
gerade noch ein Prozent der Gesamtpopulation ausmachen.
George Tanas Abu Aita, vierzig Jahre alt, Knautschgesicht
und auffallend melodiöse Stimme, ist bekümmert. «Wir werden immer weniger», sagt der vierfache Vater, «und das ist
schlecht.» Mit «wir» meint er seine Glaubensbrüder, die arabischen Christen in Palästina. Als Grund für das Verschwinden
der Christen aus ihrem religiösen Herzland nennt George die
Besatzungspolitik Israels und die daraus resultierenden fehlenden Jobs. «Wir haben gute Beziehungen zu den Juden»,
versichert er. Doch es seien die «Mauer und die Ökonomie», die
die Leute in die Emigration treiben. «Bis jetzt zumindest», fügt
er hinzu. – «Was kann denn sonst noch ein Grund werden?»
– «Es gibt ein paar radikale Leute», antwortet er, «in Hebron.
14
Aber nicht hier in Bethlehem», schiebt er sofort nach, als wolle
er sich selbst beruhigen, «hier ist alles friedlich.» Und sogar in
Hebron, wo keine Christen mehr lebten, meint er noch, würde
eine Bekannte von ihm, eine Christin, die dort als Lehrerin arbeite, gut behandelt.
Seine Stimmung hellt sich auf, als er uns in sein Geschäft
führt. George verkauft religiöse Souvenirs, sein Shop ist gross
wie eine Turnhalle, und auf Tischen und Gestellen liegt alles,
was ein frommes christliches Herz erwärmt. Jesus am Kreuz,
Jesus in der Krippe, Jesus in den Armen von Maria, Jesus mit
offenem Herz, unzählige Mariendarstellungen, gemalt oder
geschnitzt oder getöpfert, dazu Rosenkränze, Votivbilder, Heiligenporträts, Schmuck, Kettchen, Glücksamulette, geweihtes
Wasser, auch siebenarmige jüdische Leuchter, griechische Amphoren, es glitzern die Weihnachtssterne, es duftet der Weihrauch, ein Supermarkt des heiligen Bimbam, ein Fest der süssen
Devotionalien.
Er sei optimistisch, meint George. Letztes Jahr hätten zwei
Millionen Touristen Bethlehem besucht, diesen Sommer habe
es wegen des Gazakriegs eine Flaute gegeben, doch jetzt ziehe
das Geschäft bereits wieder an. In seinem Büro hängen Aufnahmen von Sepp Blatter und Lionel Messi. «Das war letztes
Jahr. Sie waren alle in meinem Laden, Blatter, der FC Barcelona. Und schau, hier, das ist mein Vater.» Eine Fotografie zeigt
einen strahlenden älteren Mann, der Papst Franziskus ein goldenes Kruzifix überreicht. «Ein Geschenk aus unserem Shop.
Letzten Mai war der Papst in Bethlehem.» Daneben hängt ein
weiteres Bild. «Mein Vater und der Patriarch von Moskau»:
Kyrill I., weisser Bart, streng-würdiger Blick, der Kopf- und
Brustschmuck so prächtig, als hätte er ihn in Georges Laden
erstanden. Und an seiner Seite der zufrieden lachende Senior.
Der Islamische Staat bedroht Christen
Sie seien in der dritten Generation im Tourismusgeschäft, erzählt George. Er hat in England Ökonomie studiert, aber es war
für ihn immer klar, dass er nach Bethlehem zurückkehre. «Ich
bin hier geboren, und ich werde hier sterben. Wir Christen sind
seit zweitausend Jahren hier, Jesus kam hier auf die Welt, es ist
unser Land, wir sind das Rückgrat von Palästina, und ich werde es nie verlassen.» Vor den Extremisten des IS, meint er ungefragt, habe er übrigens keine Angst. «Sie hätten hier keine
Chance. Woher sollten sie die Waffen haben? Unsere Grenzen
sind dicht.» Und als ob er von seiner Analyse selber nicht ganz
überzeugt wäre, fügt er trotzig an: «Und sogar wenn wir untergehen, wird das Christentum wieder zurückkehren.»
Proportional zum Niedergang der Christen wuchs die Zahl
der Muslime. Gab es vor sechsundsechzig Jahren noch kaum
eine Moschee in Bethlehem und Umgebung, stehen dort heute
hundert. Dieser Vorgang findet nicht nur in Bethlehem und Palästina, sondern im ganzen arabischen Raum statt. Im Mai letzten Jahres sprach Papst Franziskus achthundert christliche
Märtyrer heilig. Sie waren 1480 im italienischen Otranto von
osmanischen Truppen unter Sultan Mehmed II. geköpft worden, weil sie sich geweigert hatten, zum Islam überzutreten.
Dabei soll sich das Wunder ereignet haben, dass der Anführer
der Aufrechten, ein alter Schneider namens Antonio Pezzulla,
auch nach der Enthauptung stehen geblieben sei und es auch
dem Henker nicht gelungen sei, den reglosen Körper umzuwerfen. Es war die erste Kanonisierung des neues Pontifikats
und wohl gedacht als Aufruf zum Durchhalten und als spirituelle Aufmunterung der bedrängten Glaubensbrüder.
Im Juni dieses Jahres waren die Gotteskrieger des Islamischen Staates Irak und Syrien (IS) wie ein Mongolensturm
über den Irak hineingebrochen und hatten neben grossen Landstrichen auch die 3-Millionen-Stadt Mossul in der Ebene von
Ninive erobert. Treu nach den Vorgaben des Korans und des
Vorbilds ihres Propheten schlachteten und versklavten sie Andersgläubige wie die Jesiden oder stellten sie wie die Christen
als «Volk des Buches» vor die Alternativen, zum Islam überzutreten, eine hohe Kopfsteuer in Gold zu bezahlen, ihre Heimat zu verlassen oder getötet zu werden. Muslimische Nachbarn hatten den Invasoren gezeigt, in welchen Häusern Christen wohnten, worauf jene mit einem N (für Nazarener, Christen)
markiert wurden. Die Flüchtlinge mussten ihren gesamten Be­
sitz zurücklassen und durften nur behalten, was sie am Leibe
trugen. Überlebende berichteten, wie IS-Krieger sogar kleinen
Mädchen die Ohrringe und Halskettchen abgenommen hätten,
und einige erzählten, wie man einem Jungen die Batterien aus
dessen Hörgerät genommen habe. Er brauche sie nicht mehr,
hätten die Bärtigen gelacht, sie gehörten jetzt dem Islamischen Staat.
Bis letzten Sommer war Mossul ein Zentrum des assyrischen Christentums. Der heilige Thomas hatte schon im I. Jahrhundert die Lehre Jesu nach Mesopotamien, den heutigen Irak,
gebracht. Am Ersten Konzil von Nicäa, im Jahre 325, wo über
Grundfragen des Christentums debattiert wurde, nahmen
mehr Bischöfe aus Mesopotamien als aus dem europäischen
Westen teil. Bis heute wurde in den Kirchen auf Aramäisch, der
Sprache Jesu, gepredigt. Nun sei Mossul, berichten Zeugen,
ausser ein paar Alten und Reiseunfähigen weitgehend christenfrei.
Christen in der Minderheit
Vor fünfzehn Jahren hatte der Palästinenser Johnny Shawan
zusammen mit seiner deutschen Frau das «Haus der Begegnung» in Bethlehem gegründet. Rund vierhundert Besucher
nehmen mittlerweile regelmässig das Angebot des Zentrums
in Anspruch: Frauenrunden, Bibelkreise, Kinderhort, Spielplatz, Restaurant. Das Haus soll eine «Oase» sein, ein Ort der
«Sicherheit, der Ruhe und des Glaubens», sagt der energische, etwas streng wirkende 53-Jährige. Die Hälfte der laufenden Kosten wird mit Spenden aus Deutschland beglichen, wo
Johnny lange gelebt hat und wo auch die evangelische Freikirche ihren Sitz hat, in deren Auftrag er in Palästina wirkt.
Nach der Lage seiner Glaubensgenossen im Heiligen Land
befragt, antwortet er: «Die Leute sind deprimiert. Sie sehen
keine Zukunft hier. Als Minderheit von knapp einem Prozent
sind die Christen in einer schwachen, gefährdeten Position.
Und was gerade in den arabischen Nachbarländern passiert,
der Aufstieg von IS, macht ihnen Angst. Jeder, der kann, wandert aus. In die USA, nach Europa.» Johnnys Familie ist seit dreihundert Jahren in Bethlehem ansässig. Seine vier Kinder leben in Deutschland, «zu Ausbildungszwecken». Ob sie zurückkehren werden, ist offen. „Den 911 Carrera GTS zu fahren,
bedeutet für mich vor allem eines:
Freiheit. Dieses Gefühl kenne ich
sonst nur vom Fliegen.”
Findlay Smith,
GTS süchtig
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DA S M AGA Z I N 51/2014 Im Gebetsraum der Gabrielskirche in Nazareth ist unter anderem die gemalte Darstellung einer Köpfung zu sehen. Ein junger kräftiger Soldat umklammert mit der einen Hand ein
Schwert und in der anderen hält er einen abgeschnittenen Kopf
mit langen Haaren, den er einer Frau entgegenstreckt. Zu Füssen der beiden liegt der Getötete, aus dessen Rumpf sich ein
Strom von Blut über den Boden ergiesst.
Die Details des grauslichen Freskos fesseln die Aufmerksamkeit, bis man realisiert, dass der Künstler im Hintergrund
ein zweites Bild gemalt hat, ein grösseres, das über dem ersten
zu schweben scheint. Es zeigt den Verstümmelten in seiner un­
versehrten, aufrechten Gestalt, einen Mann mit ernstem und
gleichzeitig mildem Gesichtsausdruck. Ist das ein Porträt aus
der Zeit vor dessen Hinrichtung? Nein, aus der Zeit danach,
gibt das Bild selber die Antwort. Der Porträtierte trägt in den
Händen eine goldene Schale, in der sein abgetrennter Kopf
liegt, ein erloschener Doppelkopf. Es gibt ein Leben nach dem
Tod, drückte der Maler damit aus, ein Leben als wundersam
Geheilter, als Auferstandener in einer besseren Welt.
Was Johnnys Meinung zu Israel betrifft, fühlt und urteilt er in
erster Linie als Araber. Wie die allermeisten von ihnen gibt er
fast reflexartig dem Judenstaat die alleinige Schuld am gesamten Leiden des palästinensischen Volkes inklusive der Christen, um erst im Laufe des Gesprächs noch weitere Gründe zu
erwähnen. Er beklagt die israelische Besatzung des Westjor-­
danlandes, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, die demütigende Sperrmauer um seine Heimat herum. Diese israelische Politik würde den Exodus der Christen zusätzlich antreiben. Denn Christen, so Johnny, litten noch stärker als die
Muslime unter der Beengung. Das christliche Volk sei ein offenes Volk, westlich geprägt, neugierig auf andere Kulturen.
Es begnüge sich nicht mit der eigenen Familie, man liebe die
Freiheit, wolle reisen, ein schönes Leben führen und habe daher weniger Kinder, um sich dies leisten zu können.
Islamisierung des Alltags in Palästina
«Könnte sich in einem eigenen palästinensischen Staat das
arabische Christentum wieder erholen?», will ich wissen. «Das
ist eine 10-Millionen-Dollar-Frage», antwortet er, «aber die
meisten Christen würden wahrscheinlich sagen, es würde noch
schlimmer werden. Unsere Situation ist verzwickt. Wir haben
die Wahl zwischen israelischer Unterdrückung und islamischer Vertreibung.» Dann überlegt er einen Moment und sagt
schliesslich etwas, das ihn gewiss Überwindung kostet und das
er kaum in Gegenwart anderer Palästinenser laut äussern wür-
de: «Ich bin dankbar, dass Israels starke Hand in Palästina noch
präsent ist. Nur Israel stoppt die Extremisten.»
Seit bald dreissig Jahren erlebe er die Islamisierung des
palästinensischen Alltags. Eine ehemalige muslimische Schulfreundin habe ihm bei späteren Wiedersehen plötzlich nicht
mehr die Hand gegeben und die Strassenseite gewechselt. Und
er erzählt von seinem Nachbarn, einem Christen, der seinen
Wohnsitz nach Ecuador verlegt hatte. Johnny wollte ihm das
Haus in Bethlehem abkaufen, er aber wollte nicht verkaufen
und meinte, Präsident Abbas habe ihm persönlich versichert,
dass sein Eigentum nicht angetastet würde. Bald nach seiner
Übersiedelung nach Ecuador sei eine muslimische Familie
eingezogen. Die illegalen neuen Nachbarn hätten um seine Unterschrift gebeten, um seine Einwilligung für einen Umbau zu
bekommen. Dies hätte die Besetzer faktisch in Eigentümer
verwandelt. Er weigerte sich trotz offenen und anonymen Drohungen wie «Wir kennen deine Kinder».
Er kenne viele ähnliche Fälle, bei denen Christen um ihr
Land und Eigentum betrogen worden seien, nur wage sich
kaum jemand, offen darüber zu sprechen. Oftmals stünden
muslimische Gangs hinter den Enteignungen. Die Behörden
blieben häufig untätig, sei es aus Unfähigkeit, aus Feigheit, aus
Rücksicht auf Claninteressen.
«Wie beurteilen Sie die Zukunft der Christen in der arabischen Welt?» Seine Antwort ist keine realistische Einschätzung,
sondern ein eher verzweifelt anmutendes Glaubensbekennt-
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Man muss auch mal keine Kompromisse machen.
Blick auf die Geburtskirche in Bethlehem
Der neue 911 Carrera GTS.
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CO2-Mittelwert aller in der Schweiz angebotenen Fahrzeugmodelle: 148 g/km. Energieeffizienz-Kategorie: G
Dr. Walid Shomali ist Chemieprofessor an der Bethlehem University und Christ, hier diskutiert er mit Studentinnen.
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Verschwörungstheorien
Düster seien die Aussichten für die palästinensischen Christen, meint auch Walid Shomali, Dozent für Chemie an der Universität Bethlehem, er sei sehr pessimistisch. Aber trotz der
negativen Prognose und obwohl er nicht den Trost eines soliden Gottvertrauens abrufen kann – «ich bin Agnostiker» –,
macht der 56-Jährige einen aufgeräumten Eindruck. Er ist von
streitbarem Temperament.
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Oberster Schuldiger an der Misere der christlichen Palästinenser, stellt er gleich klar, sei Israel. Einmal als arrogante Besatzungsmacht und dann als Schutzmacht der expandierenden
jüdischen Siedler, die sein Volk erstickten. Eine Bedrohung
stelle auch die islamistische Bewegung dar, al-Qaida, IS, «in
dieser Weltgegend kann man nie wissen, was als Nächstes passiert. Wir sind in grösster Sorge.» Als ich einwende, dass dank
Israel die Christen zumindest in Palästina geschützt seien,
reagiert Walid heftig.
Nein, widerspricht er und hebt an zu einer jener Verschwörungstheorien, denen im arabischen Raum mit Passion gehuldigt wird und in denen am Schluss immer die Juden schuld sind.
Israel, die USA und der Vatikan, behauptet er, würden Krieg
wollen. Sie hätten ein Interesse an einem Nahen Osten ohne
Christen. «Denn wir sind die Brücke zwischen Ost und West.»
Ich versuche zu fragen, wie er auf eine solche Idee kommt, aber
er ist in Fahrt gekommen. «Israel will, dass die Region in fanatische islamische Kleinstaaten zerfällt», doziert er weiter, «dann
hat es einen Grund für den Krieg.» Zur Unterstützung seiner
These schweift er zurück in die Zeiten des Alten Testaments,
spottet über die «Lügen und Mythen der primitiven Juden» und
über die Dummheit der Christen, welche diese glaubten, und
behauptet, in den antiken heiligen Büchern jenen Geheimplan
zur Macht zu erkennen, dem die Juden bis heute folgten. Wir versprechen Giosua, unser Sortiment für
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DA S M AGA Z I N 51/2014 nis. «Ich muss Christ sein», sagt er, «ich muss leuchten in der
Nacht. Jesus Christus ist der Sieger. Ich bin auf der Seite von
Jesus Christus.»
Die Drangsalierung und Vertreibung von Minderheiten ist
eine Konstante in dieser Weltregion. Es gab immer auch Zeiten
des labilen Gleichgewichts zwischen den diversen ethnischen
und religiösen Gruppen. Fühlte sich die eine Seite aber stark
genug, die andere zu unterwerfen, konnte die prekäre Balance
unvermittelt in eine Gewaltorgie umschlagen. Über die Jahrhunderte betrachtet, lässt sich allgemein festhalten, dass überall, wo sich in einem Gebiet eine muslimische Bevölkerungsmehrheit etablieren konnte, die viel älteren jüdischen, christlichen oder anderen Bekenntnisse immer stärker unter Druck
gerieten und deren Gemeinden früher oder später faktisch
aufhörten zu existieren.
In der Migros gibt es immer mehr klar gekennzeichnete Produkte ohne Laktose,
Gluten und andere Unverträglichkeitsauslöser. Mit diesem und zahlreichen weiteren
verbindlichen Versprechen engagieren wir uns für die Generation von morgen.
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Als er nach fünf Minuten immer noch halsbrecherisch durch Zeit
und Raum mäandriert, unterbreche ich den Vortrag. «Entschuldigen Sie», sage ich, «aber das ist Mist.» Walid schaut einen
Moment überrascht, fasst sich aber sofort wieder und zeigt, dass
er auch Sinn für Humor hat. «Wie kannst du so mit mir reden»,
meint er und setzt ein trauriges Gesicht auf, «bist du etwa ein
israelischer Spion? Ich spring gleich aus dem Fenster.»
Er wechselt zum Thema Demografie. Er gehöre zur kulturellen Elite, meint er, zu den christlichen Intellektuellen, und
für sie sei es Pflicht, Kinder zu machen. «Wie viele haben
Sie?», frage ich. – «Vier.» – «Bravo.» – «Ich bin Katholik», gibt
er sich bescheiden. Er werfe den Europäern vor, fährt er fort
und schaut mich an, dass sie nur ein Kind machen. «Die Fanatiker aber machen viele Kinder und werden Europa übernehmen.» Eine pakistanische Familie habe zehn Kinder. Vier würden Diebe, zwei lebten von der Wohlfahrt in Europa und zwei
würden Terroristen. Aber nur um es klar zu machen, fügt er an,
er habe etwas gegen Fanatiker, nicht gegen Muslime.
Er hege eine negative Bewunderung für den Islam. Dessen Leistung sei es, die Herzen und Gedanken von eineinhalb
Milliarden Menschen in ein einziges Buch zu packen. Wie verrückt sei das. Eine Religion, die so viele Menschen dazu bringen könne, nicht mehr selber zu denken, sei wirklich eine
Macht. Eine Supermacht der Hirnwäsche.
Hätten die einen zu viel an Glauben, mangle es den anderen daran. Walid beklagt die leisetreterische Haltung der pa-
lästinensischen Christen gegenüber der muslimischen Mehrheit. Sie hätten Angst und viele würden sich minderwertig fühlen. Wenn er Bus fahre und an einem Kloster vorbeikomme,
könne er beobachten, wie die christlichen Frauen verstohlen
und verschämt das Kreuz schlagen würden. Sie seien nicht stolz
auf ihre Zugehörigkeit. Es sei eine Tragödie.
Auch die eigene Geschichte sei vielen nicht bekannt. Im
Curriculum der Schulen würden achthundert Jahre christlicher Präsenz in der Region unterschlagen. «Mir ist nicht der
Glaube wichtig», schliesst Walid, «jedoch die Tradition, die
Identität, das Erbe. Ich gehe selber nicht in die Kirche. Aber
ich habe meine Kinder dahin geschickt. Sie müssen das kennen. Das ist meine Herzensüberzeugung. Ein Naher Osten ohne
Christentum ist sehr arm.»
Völkermord an den Christen
Zum Abschied führt uns Walid durch die Universität. Sie ist eine
katholische Gründung und öffnete 1973 als erste Hochschule
des Westjordanlandes ihre Tore. Die Hälfte des 150-köpfigen
Lehrpersonals ist christlich, ein Grossteil der dreitausend Studierenden ist muslimisch und von diesen wiederum sind drei
Viertel weiblich. Auf den Gängen und den Vorplätzen dominieren die jungen Frauen mit Kopftüchern und bedeckten Armen. Vor fünfundzwanzig Jahren, bemerkt Walid, trugen die
meisten ihre Haare noch offen. Heute würde sich kein muslimisches Mädchen mehr getrauen, ohne Kopftuch aus dem
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Muslimische Gläubige während der Gebetszeit in Bethlehem (links)
Blick auf die israelische Mauer, welche die palästinensischen Gebiete isoliert (rechts)
DA S M AGA Z I N 51/2014 Wir versprechen Jay, bis 2020 die hohen Schweizer
Tierwohl-Standards auch bei all unseren Produkten
aus dem Ausland einzuführen.
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Die Migros kümmert sich schon heute um einen artgerechten Umgang mit ihren
Tieren – und sorgt mit Partnern wie dem Schweizer Tierschutz STS bis 2020
sogar im Ausland für die Einhaltung der strengen Schweizer Richtlinien. Mit diesem
und zahlreichen weiteren verbindlichen Versprechen engagieren wir uns
für die Generation von morgen.
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Besucher in der Geburtskirche in Bethlehem
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Wüste getrieben, ausgehungert, in Schluchten geworfen, geköpft. Bekannt ist der Genozid an einer Million christlichen
Armeniern; weniger bekannt ist die Massakrierung und Vertreibung von über einer Million pontischer und anatolischer
Griechen; gänzlich vergessen ist die Ermordung von Hunderttausenden assyrischer Christen in verschiedenen osmanischen
Provinzen von der Türkei über Aleppo und Mossul bis nach
Ägypten. Einen «christlichen Holocaust» nannte der in Jerusalem lehrende Genozid-Forscher Israel W. Charny diese Ereignisse. Christen machen heute noch 0,2 Prozent der türkischen Bevölkerung aus.
Das Wunder der christlichen Lehre
Dass in einer der gewalttätigsten Zonen dieser Erde ein Mann
wie Jesus auftauchen konnte, der Mitleid mit den Erniedrigten
predigte und Liebe für die Feinde, ist bereits eine erstaunliche
Geschichte. Dass seine Lehre aber Anklang fand und die Welt
veränderte, eine Lehre, die das Beste im Menschen hervorbrachte und dem Schlimmsten immer entgegenstand, gehört
zu den ganz grossen Geschichten der menschlichen Zivilisation. Und es kann einen Trauer überfallen angesichts der Möglichkeit, dass im Heiligen Land, der Wiege des Christentums,
in Zukunft keine Christen mehr leben könnten. Wir versprechen Manon, bis 2020 eine
Milliarde Franken in Freizeit, Bildung und
Kultur zu investieren.
Mit unserem Migros-Kulturprozent und unserem Sponsoring geben
wir der Schweizer Gesellschaft einen wichtigen Beitrag zurück –
ganz im Sinne unseres Gründers Gottlieb Duttweiler. Mit diesem
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DA S M AGA Z I N 51/2014 Haus zu gehen. Aber immerhin wäre es den christlichen Mädchen noch erlaubt, unbedeckt durch die Strassen zu gehen.
«Aber nichts ist hier in Stein gemeisselt. Es gibt zu viele Verrückte in dieser Gegend.»
In der Levante, in jenen Ländern und Gebieten am östlichen Mittelmeer, dominierten die Christen noch vor hundert
Jahren das intellektuelle und wirtschaftliche Leben. In der
Türkei, die bis Ende des 1. Jahrtausends rein christlich war,
stellten sie noch ein Fünftel der Bevölkerung, im 1926 gegründeten Libanon bildeten sie die Mehrheit, in Palästina, im heutigen Syrien und dem heutigen Irak existierten uralte, lebendige Gemeinschaften. Das von Türken gegründete osmanische
Kalifat befand sich beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges im
unaufhaltsamen Niedergang. Um wenigstens das türkische
Kernland vor der Auflösung zu bewahren, beschloss die Regierung die Eliminierung der christlichen Minderheiten, denen man verräterische Konspiration mit dem Feind und die
Schuld an den politischen und militärischen Niederlagen zuschob. Im November 1914 wurde in allen osmanischen Moscheen zum Heiligen Krieg gegen die Christen aufgerufen unter dem Motto «Eine Nation, eine Religion».
Zwischen drei und vier Millionen wurden in den kommenden zehn Jahren erschlagen, auf Todesmärschen in die syrische
Mehr auf
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Die bedrängten orientalischen Christen dürfen kaum auf Beistand zählen. Nur religiöse Hilfswerke wie Kirche in Not leisten
karitativen Support, können aber weder Vertreibung noch
Auswanderung stoppen. Den postchristlichen, säkularen Westen aber lässt deren Schicksal seltsam kalt. Sie fühlen keine
Verbindung mehr mit ihren frommen Verwandten. Viel stärker
als die Eliminierung der assyrischen Christen durch den IS
berührte das Publikum in unseren Breitengraden diejenige
der Jesiden, eines alten, vorchristlichen Kleinvolkes. Dass Israel das einzige Land im Nahen Osten ist, in dem die Christen
weder physisch bedroht noch kulturell drangsaliert werden,
sollte seinen vielen Schmähern zu denken geben. Nur im Judenstaat hat die Zahl der Christen nicht ab-, sondern zugenommen. Einige Schätzungen gehen von 300 000 aus, was
doppelt so viele wären wie vor fünfzehn Jahren. Der Zuwachs
verdankt sich vor allem Einwanderern und Asylsuchenden aus
Osteuropa, den Philippinen, Afrika.
Im israelischen Nazareth, der Heimatstadt Jesu, steht die
Basilika der Verkündigung, eine der heiligsten Stätten der
Christen. Gemäss Überlieferung erschien hier der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria. Das Gotteshaus existierte wahrscheinlich schon im 4. Jahrhundert, wurde später mehrmals von muslimischen Eroberern zerstört und von den Anhängern Jesu
immer wieder aufgebaut. Es ist der grösste christliche Sakralbau im Nahen Osten.
Auf das Jubiläumsjahr 2000 war ein Besuch des Papstes
angesagt. Um möglichst vielen Gläubigen den Besuch der Messe zu ermöglichen, sollte der Platz vor der Basilika vergrössert
werden. Dies passte bestimmten muslimischen Kreisen nicht.
Sie besetzten den Platz und machten geltend, dass der Ort für
Nicht-Muslime gesperrt sei. Er sei geheiligt, da in der Erde die
Knochen eines Neffen von Saladin, dem Eroberer Jerusalems,
begraben wären. Und sie kündigten an, dass dort eine Moschee
gebaut werden soll, gleich neben der Basilika und noch grösser als diese. Eine Provokation, die das prekäre Gleichgewicht
der Stadt störte und zu Unruhen führte. Nazareth, in den Hügeln Galiläas gelegen, war lange Zeit christlich dominiert. Mittlerweile ist es zu siebzig Prozent muslimisch und beherbergt
Israels grösste arabisch-muslimische Gemeinschaft.
Dank Israel
Das israelische Oberste Gericht entzog dem Moschee-Komitee die Baubewilligung, und etwas später wurde diesem zugestanden, eine in der Nähe bereits bestehende Moschee ein wenig zu vergrössern. Es war das Verdikt eines Rechtstaates, der
auch die Mittel hat, es durchzusetzen. Den Muslim-Aktivisten
blieb keine andere Wahl, als ihm Folge zu leisten. Obwohl sie
sich moralisch nach wie vor überlegen und im absoluten Recht
wähnten. Wer in diesen Tagen in Nazareth zur Basilika spaziert,
kommt an den Bannern vorbei, die seit jenem Machtkampf an
der Moschee ausgehängt sind. Sie sind beschriftet mit Suren
aus dem Koran, zum Beispiel der Sure 2, Vers 171, einer Drohung an die Christen: «O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht
in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes... Hört
auf, das ist besser für euch...»
Doch in der Stadt ist wieder Ruhe eingekehrt. Dafür sorgt
der israelische Sicherheitsapparat. In der Basilika gehen je-
Wir finden für jeden Kunden die richtige Hypothek.
den Tag Hunderte Besucher ein und aus, Christen aus Israel
und aus aller Welt, unbehelligt, in Sicherheit. Eine Gruppe
pensionierter Amerikaner, ausgerüstet wie für eine Religionssafari mit Sporthosen, Sonnenkäppis und Wasserflaschen, lässt
sich auf Englisch eine Messe lesen. Korpulente Russen in Pilgertüchern berühren sanft Statuen der heiligen Mutter Maria
und schlagen murmelnd ein Kreuz, den kahl geschorenen Kopf
demütig gesenkt. Eine Schar Eritreer, Männer, Frauen, Kinder, alle prächtig gekleidet wie zur Begrüssung des Erlösers
selber, bewegt sich durch die Kirche, leise, staunend, beeindruckt von deren Grösse und Herrlichkeit. Sie leben im Süden
von Tel Aviv, es sind Flüchtlinge, die Geschichten aus der christlichen Überlieferung sind für sie real, sie haben sie persönlich
erlebt: Auszug aus der Heimat, Flucht durch die Wüste, Massaker, Dürren, Hunger, Rettung.
Von der Basilika sind es nur ein paar Schritte bis zur Gabrielskirche, wo sich das Bildnis von der Enthauptung des Johannes befindet. Auf dem Kirchplatz hat sich eine Hochzeitsgesellschaft arabischer Christen versammelt. Die Stimmung
ist fröhlich und ausgelassen. Kinder rennen herum, viel Jungvolk ist anwesend und auf Stühlen die Eltern und Grosseltern,
die mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut die wunderbaren Früchte ihrer Liebe und Mühe betrachten. Es ist ein Bild des
prallen Lebens, die jungen Frauen hinreissend gekleidet, enge
Blusen, in den Kleidern hohe Schlitze, freie Rücken, gewagte
Stilettos, eine Feier der raffinierten Sinnlichkeit. Sie schnattern
und scherzen und bewegen sich ungezwungen unter den Männern, die, elegant und souverän, sich freuen an der Schönheit
ihrer Schwestern, Cousinen und Freundinnen. Der Kontrast
zur Verhüllungsmanie, zur Geschlechtertrennung, zur patriarchalen Kontrollsucht einer aggressiv expandierenden muslimischen Rechtsgläubigkeit könnte schlagender nicht sein. Zwei
unvereinbare Welten treffen aufeinander. Die eine würde die
andere leben lassen, aber diese duldet nichts ausser sich selbst.
Nur eine kann als Sieger hervorgehen. Die Situation der Christen in Nahost ist fürchterlich. Aber noch nicht ganz verloren.
•
EUGEN S ORG ist freier Journalist und lebt in Zürich; redaktion@dasmagazin.ch
Der Fotograf JONA S OPPER SK A L SK I lebt in Tel Aviv; www.jonasopperskalski.com
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«WENN
WIR DAVONRENNEN
UND SIE
TÖTEN UNS,
DANN IST
ES HALT SO.»
Christliche und muslimische Mädchen der Chibok-Schule, die aus der Gefangenschaft von
Boko Haram fliehen konnten, Wochen nach ihrer Befreiung
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27
Vor einem halben Jahr wurden 276 nigerianische
Schulmädchen von der Terrorgruppe Boko Haram
gekidnappt. Viele waren Christinnen, die mit
Gewalt zum Islam kon­vertieren mussten. Die wenigen,
die in jener Nacht ent­kamen, haben nie die ganze
Geschichte ihrer Tortur erzählt – bis jetzt.
nachbarten Bundesstaat Yobe, verriegelte die Türen, setzte
das Gebäude in Brand und verbrannte 59 Schüler lebendigen
Leibes. Es wurde so schlimm, dass die Regierung im März alle
öffentlichen höheren Schulen im Bundesstaat Borno schloss
und damit zugab, die Sicherheit der Schüler nicht garantieren
zu können. Chibok hatte nur für die Schüler der Abschlussklassen geöffnet, damit sie ihre Prüfungen für die Aufnahme
ins College machen konnten. Alle anderen blieben zu Hause.
Als die Schüler sahen, wie der Schulleiter ein Flugblatt
vom Boden aufhob, das davor warnte, Boko Haram würde
kommen, begannen die Mädchen zu werweissen. Würde er die
Schule schliessen? Die Examen verschieben? Die Verwaltung
rief die Schülerinnen und Schüler zusammen. Das Flugblatt sei
ein Streich gewesen, sagte man ihnen, und der sei nicht lustig.
Boko Haram würde nicht kommen. Die Examen würden stattfinden. Alle sollten sich beruhigen und weiterlernen.
An jenem Montag Mitte April war es heiss und drückend. Am
Nachmittag stieg die Temperatur auf über vierzig Grad. Es war
die heisseste Zeit des Jahres, wenn der Harmattan sich legt, ein
Nordostpassatwind aus der Sahara, der durch die trockene
Landschaft braust, noch bevor die Regenzeit der Hitze ein
Ende macht.
Die Schule liegt ein paar Kilometer von der Kleinstadt
Chibok weg; ein grosses Gelände freistehender Gebäude mit
den Klassenzimmern, dem Lehrerviertel und dem Studentenwohnheim, umgeben von einer niedrigen Mauer mit einem
einzigen Tor. Auf der einen Seite erstrecken sich flache Streifen von Niederholz bis zum Horizont, auf der anderen ragen
schroffe Berge empor. Seit ein paar Jahren steht die reine Mädchenschule auch Knaben offen, und nun nehmen ein paar Hundert Jungen aus der Stadt tagsüber am Unterricht teil, während
die Mädchen, die aus Dutzenden von Dörfern der Umgebung
stammen, auf dem Schulgelände auch wohnen. Wegen Drohungen der extremistischen islamistischen Gruppe Boko Haram, deren Übername so viel bedeutet wie «Westliche Bildung
ist Sünde», war die Schule für einen Monat geschlossen. In dieser Nacht waren etwa dreihundert Mädchen auf dem Campus.
Es gab kein Mädchen in Chibok, das nicht von Boko Haram
gehört, und keines, das sich vor der Gruppe nicht gefürchtet
hätte. Geschichten, was sie getan hatte, zirkulierten in Windeseile. Boko Haram kidnappte Mädchen und zwang sie zur
Heirat, nötigte sie zu kochen und die Lager und geheimen Unterschlüpfe der Gruppe in Ordnung zu halten. Sie befahl den
gekidnappten Mädchen, die Gefangenen zu töten, die sie gemacht und zum Camp gebracht hatte, und wenn eines sich wei-
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gerte, dann kamen die «wirklichen Ehefrauen» der Männer von
Boko Haram und schlitzten den Gefangenen den Hals auf. Bekam ein Mädchen ein Kind von einem Mitglied von Boko Haram, was nur zu oft vorkam, wurde es gezwungen, das eigene
Baby zu kochen und zuzusehen, wie die Kämpfer es aufassen.
Die Schülerinnen von Chibok hatten Angst. Häufig gab es
Fehlalarme. Eines Nachts glaubte ein Mädchen jemanden
draussen gesehen zu haben und führte eine schreiende Menge
zum Tor: eine Massenkarambolage mit verstauchten Füssen
und Schürfungen, bloss weil ein Mädchen aus dem Schlafsaal
geschlichen war, um mit seinem Handy ungestört zu telefonieren. Danach schärfte der Schulleiter den Mädchen ein, niemals wegzurennen. Die Verwaltung rief zudem das Kontingent der Soldaten der Stadt, die zur Schule kamen und den
Mädchen dasselbe sagten: Wenn es einen Angriff gibt, bleibt
an Ort und Stelle! Die Armee wird euch schützen.
Im Sommer vor Schulbeginn war Boko Haram aus ihrer
Hochburg in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, in einer gemeinsamen Operation von Militär und Zivilorganen vertrieben worden. Die Gruppe, die Studenten in den späten Neunzigerjahren gegründet hatten, war der Überzeugung,
nur ein Islamischer Staat könne Nigerias wuchernde Korrup­
tion beseitigen. Sie fasste Fuss im verarmten, muslimischen
Norden. Nach einer militärischen Razzia radikalisierte sie sich
und griff Politiker, traditionelle Führer der Gemeinschaft und
dann immer häufiger Schulen an. Mindestens fünfzig Schulen
wurden in den vergangenen zwei Jahren niedergebrannt, und
weitere sechzig wurden gezwungen zu schliessen. Im Februar
attackierte die Gruppe ein Studentenheim von Jungen im be-
DA S M AGA Z I N 51/2014 Von Sarah A. Topol
14 Uhr
Endurance lag in ihrer Schlafkoje und lernte gerade. Sie war im
letzten Jahr vor dem College und hatte schon mit Boko Haram
Bekanntschaft gemacht. Vergangenes Jahr hatten die Männer
mitten in der Nacht ihre alte Schule gestürmt und die weiblichen Schüler zusammengetrieben. «Was hat Bildung für
einen Sinn?», schrien sie. Die Schülerinnen blieben stumm.
«Weshalb schweigt ihr? Wisst ihr nicht, was sagen?», sagten die Männer. «Warum seid ihr dann hier, wenn ihr nicht reden könnt?»
Die Kämpfer befahlen den Mädchen, sich flach auf den
Boden zu legen, mit dem Gesicht nach unten. Endurance wusste nicht, wie lange sie die Augen geschlossen hielt. Sie hörte
nur die Abschiedsworte: «Wir lassen euch jetzt mal sein, aber
wenn wir zurückkommen und hier noch ein Mädchen sehen,
werden wir es töten.»
Danach meldeten Endurances Eltern ihre Tochter in Chibok an – sie dachten, dort wäre es sicherer.
Ihre Familie lebte in der Stadt Askira-Ube, rund zwei Dutzend Kilometer von Chibok entfernt, wo ihr Vater einen Bauernhof bewirtschaftete.
Endurance war früh genug nach Chibok gekommen, um
das beste Bett im Schlafsaal zu ergattern, jenes in der Ecke mit
der grössten Nische, wo sie ihre geliebten Biologiebücher verstaute und immer wieder neu ordnete. Endurance wollte Mikrobiologin werden, eine rare Ambition im Bundesstaat Borno,
wo die meisten Mädchen von einer Familie träumten und nur
28 Prozent der Kinder zur Schule gehen. Sie nahm die Bücher
mit ins Bett. Sie liebte es, sie nachts unter ihrem Kopf zu stapeln
wie ein Kissen.
Im Bett neben ihr war Mary, ihre beste Freundin. Sie war
Endurance am ersten Tag aufgefallen, als sie ein Buch las, während alle anderen albern herumtollten. Es stellte sich heraus,
dass Mary die Drittbeste in der Klasse war. Ihr Vater war Pfarrer. Endurance war ordentlich und drahtig, trug das Haar kurz
geschnitten. Die Leute scherzten, sie sehe aus wie eine richtige
Pfarrerstochter.
Die beiden Freundinnen kamen überein, dieses Jahr würde
das wichtigste Jahr in ihrem ganzen Leben werden. Sie waren
nicht wie die allseits beliebten Mädchen der Schule, inklusive
Whuntaku-Clan, die immer überall zu sein schienen, herumschlenderten, den Kopf hoch, mit Jungen sprachen und über
Insiderwitze lachten. Endurance und Mary verbrachten ihre
Stunden mit Lesen und redeten über die Bibel und wie sie ein
gutes Leben führen wollten. Endurance wusste nicht, woher
Mary all den guten Rat hatte, den sie ihr gab – es war eine Gottesgabe, dachte sie.
17 Uhr
Die Whuntaku-Mädchen strömten aus dem Ghana-Zimmer,
das sie «Goldener Raum» getauft und mit einer Tafel über der
Tür beschriftet hatten. Das Abendgebet war die einzige Zeit,
in der Blessed und Hadiza getrennt waren. Als Christin blieb
Blessed am Gebetsplatz im Zentrum des Wohnheims, während
Hadiza, ein zierliches Mädchen mit vollen Lippen und intensivem Blick, mit den anderen muslimischen Mädchen in ein leeres Klassenzimmer ging. Zu Beginn des letzten Jahres, als Hadiza in Chibok ankam, hatte es noch keine Betten im Schlafsaal
gegeben, und Blessed hatte ihr ihres angeboten. Von diesem
Augenblick an teilten sie alles, selbst die Matratze.
Blessed war die Art von Mädchen, der andere Mädchen
nachliefen, ohne wirklich zu wissen, warum. Hochgewachsen
und selbstsicher, mit mandelförmigen Augen, war ihre einzige
Schwäche ihre Vorliebe für Jungen – vor allem für einen, den
man Cool Boy nannte. Es begann damit, dass er ihr einen Zettel zusteckte, auf dem stand, er wäre gerne ihr Freund. Cool
Boy war einer der populärsten Jungen an der Schule, sodass
sie nicht anders konnte, als «OK» zurückzuschreiben. Es dauerte ein bisschen länger, bis sie ihm erlaubte, wirklich ihr Boy­
friend zu sein. Als er ihr seine Telefonnummer gegeben hatte,
hatte sie den Zettel weggeworfen. Dann kam sie eines Tages ins
Klassenzimmer und sah, dass er die Nummer in ihr Pult geschnitzt hatte. «Jetzt kannst du sie nicht mehr wegwerfen», erklärte er grinsend. Blessed konnte nicht anders: Das war cool.
19 Uhr 30
Der «Goldene Raum» war von Fackeln erleuchtet. Es gab keinen Strom in Chibok, und nachdem die Sonne untergegangen
war über dem beigefarbenen Buschland, wurden die immer
dunkler werdenden Räume von Taschenlampenstrahlen durchzuckt. Die Mädchen lagerten auf ihren Betten, ihre Schulbücher und Notizen um sich herum verstreut, und genossen den
leichten Temperaturabfall.
Der Examensstress war wie eine Decke. Jedes Geräusch
war gedämpft. Die Aufsichtsschülerin, ein Whuntaku-Mädchen, ergriff einen Kessel und begann zu trommeln. Salama,
schüchtern und hübsch, immer tadellos gekleidet, sass auf ihrem Bett; sie sah zu, als Hadiza und ein anderes Mädchen mitten im Zimmer zu tanzen begannen. Blessed stand auf und
tanzte mit. Andere erhoben sich, und plötzlich tanzte der ganze
«Goldene Raum». Die Mädchen wirbelten herum, schlugen auf
ihre Fussballen, klatschten und schlenkerten ihre Beine herum.
Als der Rhythmus schneller wurde, bewegten sich die Mädchen schneller. Salama konnte spüren, wie sie förmlich in den
Rhythmus hineinschmolz – all der Stress der Examen, der
29
23 Uhr 45
Es begann mit ein paar fernen Knallern, die zu Salven wurden.
Endurance schoss in ihrem Bett hoch, als sie den Lärm hörte.
In Chibok gab es eine Wache am Eingangstor und eine für
den ganzen Schlafsaal. Der Wächter schlief gegenüber von
Endurance und Mary; sie nannten ihn Kaka, die respektvolle
Anrede in Nigeria für einen älteren Mann. Kaka war sehr alt,
voller Falten und hinkte beim Gehen. Es war unmöglich zu wissen, wie alt er wirklich war. Er rührte sich in seinem Bett. «Ich
gehe hinaus und schaue nach», sagte er und schlurfte davon.
Draussen weckte Hadiza Blessed auf, und die beiden
Mädchen rannten zurück in den «Goldenen Raum». Drinnen
herrschte ein aufgeregtes Durcheinander.
Salama wurde von ihrer Freundin angeschrien: «Du Idiotin! Wach auf! Kannst du nicht hören, was los ist?»
Salama, immer noch im Halbschlaf, zog ihre blaukarierte
Schuluniform an und eilte zum Eingang des «Goldenen Rau­
mes». Die scharfen Geräusche eines Angriffs, wie ein Gewitterbrüllen, waren nun überall gleichzeitig – sie spürte, wie die
Erde zitterte. Schemen von Mädchen drängten vorbei und
versammelten sich in der Dunkelheit des Gebetsplatzes.
Endurance konnte nicht auf Kaka warten. In einem TShirt und einem Wickelrock rannte sie mit Mary in den Gebetsraum. Sie lehnten sich gegen die Mauer; Endurance nahm
Marys Hand und lauschte dem Geflüster. Mary atmete schwer.
«Sollen wir davonrennen?», fragten die Mädchen einander.
«Wir sollten nicht rennen. Wir sollten ruhig bleiben. Der
Schulleiter hat gesagt, wir sollten nirgendwo hingehen.»
«Was ist los?», rief jemand.
Ein paar Mädchen weinten.
«Sind sie es?», fragte eines. «Sind sie es?»
«Sind sie hier?»
«Was ist mit unseren Eltern?»
«Okay, alle setzen sich jetzt», sagte ein Mädchen. «Alle
sind ruhig, vielleicht denken sie dann, niemand ist in der
Schule!»
Kaka kam zurück zu Endurance und Mary. «Was machen
wir?», fragte er. Die Mädchen schauten zu ihm hoch. Es gab
nichts zu machen. «Wir überlassen es Gott», sagte Endurance.
Kaka wusste, was Boko Haram mit Männern in Situationen
wie dieser machten. Mädchen liessen sie vielleicht in Ruhe,
aber Männer kidnappten oder töteten sie. «Mit euch haben sie
vielleicht Mitleid. Mit mir werden sie kein Mitleid haben. Lasst
mich gehen und mich verstecken», sagte er und verschwand
in der Dunkelheit.
Endurance hörte den Lärm von Motorrädern. Zwei Männer in Militäruniformen betraten das Studentenheim. «Macht
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euch keine Sorgen. Rennt nicht davon. Wir sind mit euch»,
schrie einer. «Kommt alle zusammen! Alle an einen Platz!»
Am Gebetsort beruhigte sich Blessed, ihr Herz schlug langsamer. Die Männer waren hier, um die Schule zu schützen, genau wie es der Schulvorsteher versprochen hatte.
Die Mädchen unterdrückten ihre Schluchzer und setzten
sich.
Plötzlich war alles anders. Weitere Männer stürmten in
das Studentenheim. «Allah Akbar!» riefen sie. «Allah Akbar!»
Soldaten strömten herein, mehr und mehr, riesige Gewehre in
den Händen. Es war dunkel, und die Mädchen konnten sie nicht
deutlich sehen. Der Geruch von Angstschweiss füllte die Halle.
«Allah Akbar! Allah Akbar! Allah Akbar!»
Diese Männer sind keine Soldaten, dachte Blessed.
«Alle mal Ruhe!», brüllte ein Mann über das Chaos hinweg, sein Gesicht blieb im Schatten versteckt. Er muss der Anführer sein, dachte Endurance.
«Wo sind die Jungen und die Männer der Schule?»
«Die Jungen gehen in die Tagesschule», sagte ein Mädchen.
Diese Männer waren nicht da, um sie einzuschüchtern.
Sie wollten Nachschub, Ausrüstung, Dinge, die im Busch, wo
sie sich eingenistet hatten, unmöglich zu bekommen waren.
«Wo ist die Maschine, um Backsteine zu machen?»
«Es gibt keine solche Maschine», flüsterten die Mädchen.
«Es gibt keine Maschine, um Backsteine zu machen.»
«Ihr lügt! Wenn ihr uns nicht sagt, wo sie ist – ihr wisst, was
wir in anderen Städten gemacht haben. Was ihr darüber gehört habt, wird auch hier passieren.»
Eine Gruppe von Männern packte zwei Mädchen, die sie
zu den Lebensmittelläden führen sollten. Die anderen Mädchen wurden nach draussen kommandiert, vorbei am LeleMaza-Baum, hinüber zum versperrten Eingangstor.
Endurance sah zu, wie die Männer sich in drei Gruppen
aufteilten. Eine Gruppe bewachte die Mädchen, eine andere
belud Autos mit Säcken voller Reis, Bohnen, Pasta und Mais.
Die dritte begann, die Gebäude in Brand zu stecken. Es war alles so eingeübt, so effizient. Innerhalb von Minuten standen die
Schulzimmer, die Unterkünfte der Lehrer und die Lagerräume
in Flammen.
Der Führer sprach erneut. «Holt eure Hijab!», brüllte er.
Ein paar der Mädchen wühlten in Büchertaschen nach Kopftüchern, andere standen auf und bewegten sich in Richtung
Studentenheim, das bis anhin unberührt geblieben war. Die
meisten Mädchen blieben sitzen.
«Was ist mit euch, ihr Christen, habt ihr keine Kopftücher?», fragte der Führer. «Seid ihr alle Christen?» Die Mädchen nickten.
«Heisst das, dass wir nur diese töten sollen – sie mitnehmen und verbrennen?», hörte Endurance einen Mann fragen.
«Nein. Treib sie einfach zusammen», sagte der Führer.
«Los, gehen wir!»
Schliesslich steckten die Männer das Studentenheim in
Brand. Alles, was die Mädchen gekannt hatten, war jetzt weg.
Der Führer war unzufrieden. «Wo ist die Backsteinmaschine?», brüllte er wieder. «Ich werde dieses Gewehr abfeuern.
Wenn ich es viermal abfeuere, werdet ihr alle sterben!»
Ein Bild, das um die Welt ging: die entführten Mädchen in den
Händen der islamistischen Terroristen von Boko Haram
DA S M AGA Z I N 51/2014 — BI L D: A P PHO T O / K E Y S T ON E
Schule, der Zukunft löste sich mit jedem Schritt. Blessed tanzte
neben ihr. Blessed war immer so selbstsicher, so wohl in ihrer
Haut. Salama bemerkte, dass sie Schritt für Schritt mit Blessed
in den gleichen Takt kam. Das erfüllte sie mit Stolz.
Die Mädchen tanzten stundenlang – sie konnten sich nicht
erinnern, jemals so getanzt zu haben. Erschöpft und schwitzend, schleppten Blessed und Hadiza ihre Matratzen ins Freie
und fielen unter den Sternen in Schlaf.
Der Mann schoss. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal.
Ein Mädchen stand auf: «Sie ist auf der Strasse!», sagte es.
Die Männer hiessen es, ihnen den Ort zu zeigen. Salama fühlte, wie ihre Beine zitterten.
Als sie im staubigen Hof sass, begann Endurance mit offenen Augen zu beten. Sie konnte spüren, wie Mary neben ihr
zitterte. Sie hörte Schreie und Schüsse aus der Stadt, dann eine
grosse Explosion in der Ferne. Vielleicht eines der Petrolfässer
vom Markt, dachte sie. Die Mädchen neben ihr schluchzten.
«Ich bin das einzige Kind meiner Mutter, und ich werde sie nie
mehr sehen!»
Eine verlorene Stimme fragte: «Was werde ich Gott sagen,
wenn ich sterbe?»
Endurances linke Hand packte die Hand ihrer Freundin
Christina, eine ihrer anderen engen Freundinnen aus dem
Moda-Haus; ihre Rechte hielt die Hand von Mary. Christina
hielt ein anderes Mädchen, Mary wieder ein anderes, und dieses ein weiteres, und jenes wiederum ein nächstes. Endurance
konnte spüren, wie ihre Herzen schlugen, als wären sie eins.
Christinas Körper war still, gespannt wie eine Feder. Mary
zitterte. Endurance war ruhig. Es wird wie letztes Mal sein. Sie
werden uns sagen, wir sollten jetzt nach Hause gehen, dachte
sie. Sie sah, wie mehr Männer zum Eingangstor kamen. «Steht
auf!», schrien sie. «Steht auf und folgt dieser Strasse!»
Sie werden uns nicht gehen lassen. Endurance stand auf
und sagte ein Gebet: «Lieber Gott, sag mir, wie ich nach Hause komme. Ich fürchte mich nicht.»
Als die Mädchen zum Tor hinausgingen, gingen sie immer noch
Hand in Hand. Endurance setzte einen Fuss vor den anderen, die Augen offen, der Kopf klar. Sie konzentrierte sich aufs
Gehen; ein Fuss, dann der andere. Sie passten auf, dass sie
beieinanderblieben, in ihrem Netz von miteinander verbundenen Händen – eine Kette von Mädchen an Mädchen an Mädchen bis hin zu Gott.
Die ungepflasterte Hauptstrasse war breit, hundert Mädchen gingen zusammen, setzten einen Fuss vor den anderen,
wie sie geheissen wurden. Endurance konnte Mädchen sehen,
die über den Strassenrand hinaus in den Busch stolperten. Bewaffnete von Boko Haram trieben sie zusammen wie eine verschreckte Herde.
Vielleicht fünfzehn Minuten verstrichen; fast jedes Mädchen in der Gruppe von Endurance hielt die Hand eines anderen. «Warum geht ihr so?», schrie ein Bewaffneter Endurance
an. Sie zuckte zusammen. Alle liessen einander los. Endurance
tastete im Dunkel herum. Sie fand eine Hand, nahe bei ihr. Es
war die von Christina. Mary war verschwunden, untergetaucht
im Meer von Mädchen und Gemurmel.
Endurance begann zu planen. Sie flüsterte Christina zu:
«Glaubst du, wenn wir mit ihnen gehen, dann wird es uns gelingen zu fliehen?» «Was denkst du, was wir tun sollen?»,
fragte Christina auf Kibaku, der lokalen Stammessprache von
Chibok; sie zählte darauf, dass Boko Haram – eine Gruppe vor
allem aus Männern der Fulani und Kanuri vom Norden des
Staates – sie nicht verstehen konnten. 31
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33
«Nun, wenn wir versuchen zu fliehen und getötet werden, werden zumindest unsere Eltern unsere Leichen sehen können»,
antwortete Endurance. «Das ist besser, als mit ihnen zu gehen
und unser Leben vernichten zu lassen.»
«Wie werden wir wissen, wann wir davonrennen sollen?»,
fragte Christina.
«Gott wird uns die richtige Zeit sagen.»
Endurance schätzte, dass sie etwa eine halbe Stunde gegangen waren, als einer der Boko-Haram-Männer schrie, sie
sollten sich wieder setzen. Neben der Strasse gab es einen
grossen Baum, wo drei Lastwagen und ein Personenwagen ge­
parkt waren. Die Kämpfer begannen, die Nahrungsmittel neu
zu verpacken.
Blessed fasste Hadiza kräftig bei der Hand. Sie sah zu, wie
die Männer einen Laster auf die Gruppe zusteuerten.
«Jede, die leben will, geht in den Laster», brüllte der Führer. «Jede, die sterben will, da hinübertreten!» Er feuerte sein
Gewehr in die Luft: pop, pop, pop.
Blessed zog Hadizas Hand zu sich, aber Hadiza beugte
sich nicht zu ihr hinüber.
«Lass uns gehen», flüsterte Blessed.
«Nein», sagte Hadiza.
«Willst du, dass diese Leute dich töten? Lass uns einsteigen!» Sie gab ihrer Freundin einen kleinen Schubs.
«Ich will nicht einsteigen. Lass sie mich töten.»
Es gab ein Gedränge beim Versuch, sich zu bewegen. Die
Mädchen stiessen und schoben einander.
«Lass uns einsteigen!», flehte Blessed. Sie konnte Hadizas
Widerstand spüren; die Hand ihrer besten Freundin entglitt ihr.
Blessed wurde nach vorne in den Laster gestossen. Sie setzte
sich auf die Ladefläche. Weitere Mädchen kamen, krochen
übereinander, um Platz zu finden. Ein Mädchen setzte sich
auf das Bein von Blessed, andere griffen nach ihren Schultern.
Sie war eingekesselt, erdrückt von Körpern.
Der Laster setzte sich in Bewegung. Im Inneren des offenen Containers war es ruhig. Die Mädchen fielen übereinander, ihre Körper stiessen zusammen – ihr Gewicht der einzige
solide Teil ihrer Existenz. Es war ruhig, so ruhig.
Eine Stunde war vergangen – vielleicht mehr, vielleicht weniger – , als Blessed Hadizas Stimme hörte:
«Blessed! Komm! Lass uns runterspringen!»
«Hadiza, ich bin vorne! Da sind andere auf mir! Ich kann
nicht hinunterspringen!»
«Okay, Blessed. Bitte! Wenn du einen Platz zum Aufstehen hast, steh auf!» Blessed hörte ihre beste Freundin betteln.
«Bitte, lass uns gehen!»
«Okay, Hadiza, ich komme», sagte Blessed. Sie versuchte,
sich zu bewegen, sich aufzustemmen, aber sie konnte nicht.
Die Mädchen hatten einen Käfig aus Gliedern gebaut.
«Hadiza! Ich kann nicht aufstehen!», rief Blessed. «Ha­
diza!»
«Okay, Blessed, dann bis du wieder zurückgekehrt bist...»
Danach wurde es still. Als Blessed hochblickte, sah sie nur
Sterne.
Es gab Mädchen, die hinuntersprangen, und andere, die
einfach fielen. Ein paar ergriffen die Äste von Bäumen, die über
dem offenen Laster hingen, und schwangen sich hinaus in die
Dunkelheit. Sie sprangen, als wüssten sie, was kommen wür-
CORInne
geht aus!
de, wie synchronisierte Schwimmer in einer eingeübten Routine, die sie unzählige Male zuvor praktiziert hatten. Endurance
zählte sie: eins, zwei, drei...
Salama sah sie auch. Sie sagten nicht auf Wiedersehen – sie
fielen einfach hinunter, wurden von der Dunkelheit geschluckt.
Salama kämpfte, um sich bewegen zu können. Sie wollte an
die Ecke kommen und ebenso verschwinden. Als sie zu stehen
versuchte, ergriff ein Mädchen ihren Arm. «Wenn du springst,
melde ich ihnen das», sagte es. Salama blieb still.
Von ihrem Platz im Laster konnte Endurance das nächste
Fahrzeug des Konvois hinter ihnen erkennen. Es war ein Motorrad; Endurance sah den Lichtstrahl, wie er in der Dunkelheit hüpfte. Sie schätzte die Entfernung ab.
Endurance hatte Christina versprochen, dass Gott sie
wissen lassen würde, wann es Zeit sei. Wo war Gott jetzt? Der
Lichtstrahl des Motorrades wurde schwächer. Fuhr der Laster
schneller? Plötzlich begriff Endurance, dass sie keine Hand
mehr hielt. Christina war weg – sie war gesprungen.
War dies ein Zeichen Gottes? Endurance dachte nicht weiter nach; sie ging in die Hocke und sprang in den Abgrund.
Die Sonne kroch über den Horizont, langsam wurden die
dunklen, sich bewegenden Glieder wieder zu ganzen Körpern
und erkennbaren Gesichtern. Doch das Licht half nicht sehr, die
dumpfe Angst zu mildern, welche die Gruppe befallen hatte.
Es war nicht so, dass sie auf das Unbekannte warteten. Alles,
was es noch gab, war bloss Düsterkeit.
Blessed hatte mitbekommen, wie der Laster an drei Dörfern vorbeifuhr. Sie hatte das Zeitgefühl verloren, als es klackte und rüttelte – der Laster war kaputt. Sie waren auf einer un-
geteerten Strasse, mit unbekanntem Buschland in allen Richtungen, gelb und flach, mit ein paar Flecken von tiefgrünem
Dogonyaro- und Baobabbäumen.
«Kommt runter!», riefen die Männer, und alle kletterten
hinaus. «Setzt euch hierher!», befahlen sie und wiesen auf
einen Sandfleck unter einem grossen Baum. Jetzt sahen die
Mädchen erstmals, wie ihre Kidnapper aussahen.
Es waren mehr als ein Dutzend Männer in durcheinandergewürfelten Uniformen – in den Hosen von Polizisten und Tarnhemden von Militärs –, einige mit Turbanen, die ihre Gesichter
verdeckten, andere mit nichts als gewöhnlichen Kleidern und
einem Gewehr. Ein paar von ihnen nahmen Macheten heraus
und begannen, Dornensträucher zu schneiden, deren Äste sie
in einem Kreis rund um die am Boden sitzenden Mädchen legten. Es sah so aus, als ob sie dies schon öfter gemacht hätten.
Die Mädchen wussten, dass sie in einem Rennen gegen die
Zeit waren. Je länger sie von Boko Haram gefangen sein würden, desto schwieriger würde es werden, in ihr früheres Leben
zurückzukehren. Wenn irgendjemand herausfinden würde,
was mit ihnen passiert war, würden sie als verdorben gelten. Es
gab Geschichten von Mädchen, die nach Hause zurückgekehrt
waren. Die Familien versuchten, die Wahrheit vor den Nachbarn und Aussenstehenden zu verbergen: Nein, das ist nicht uns
passiert, würden sie sagen, unsere Mädchen sind die ganze Zeit
hier gewesen, ganz allein. Denn wenn es herauskam, würden
ihre Töchter niemals einen Mann heiraten können. Sie wären
für immer ruiniert.
«Ich brauche fünf Mädchen, und zwar jetzt», sagte ein
Mann in Uniform. «Fünf Mädchen, fürs Kochen!» Blessed sah
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ANTONY GORMLEY
EXPANSION FIELD
05/09/14—11/01/15 | ZENTRUM PAUL KLEE BERN
PARALLEL: PAUL KLEE SONDERKLASSE—UNVERKÄUFLICH | BIS 01/02/15
«Bitte, ich muss mich erleichtern», bat Blessed den Mann erneut. Salama blieb dicht hinter ihr. Zwei weitere Mädchen folgten ihnen.
«Bist du nicht grad gewesen?», fragte er Blessed.
«Nein, das war nicht ich», antwortete sie. Die Mädchen
warteten schweigend neben ihr.
«Okay, aber komm sofort zurück», sagte er.
Die Mädchen sprachen kein Wort. Sie verliessen den Korridor und gingen um den behelfsmässigen Zaun, vorbei an ein
paar Büschen, bis sie niederknieten.
«Okay, Mädchen», sagte Blessed, und alle rückten zusammen. «Jetzt machen wir Folgendes. Wir müssen rennen.
Wenn wir rennen und sie töten uns, dann ist es halt so. Aber
wir müssen jetzt rennen.»
Die Mädchen nickten. Blessed spähte aus dem Busch zu
den Männern hinüber, die ihnen den Rücken zugewandt hatten. Sie schienen mit Essen beschäftigt.
«Jetzt!», zischte Blessed.
Die Mädchen rannten.
Die Mädchen rannten, ohne zu denken. Sie rannten, ohne
ein Wort.
Als sie müde wurden, rasteten sie kurz unter den spärlichen
Bäumen, legten sich flach auf die Erde und machten sich ganz
klein. Dann rannten sie weiter. Sie wähnten sich tief im Territorium von Boko Haram, überall konnte es Militante geben.
Als es Abend wurde, machten Blessed, Salama und ein
anderes Mädchen (das vierte war in eine andere Richtung
vom kaputten Lastwagen fortgelaufen) eine Pause unter einem Baum. In der Ferne hörten sie eine Kuh muhen, sie sahen
die Hütte eines Fulani-Hirten. Die Mädchen standen zusammen. «Diese Leute sind in dem Revier von Boko Haram. Was,
wenn wir zu ihnen gehen und sie bringen uns zurück?», fragte
Salama. Aber Blessed blieb dabei: Sie brauchten etwas zu essen.
Als sie die Strohhütte betraten, erblickten sie ein Paar im
Nachmittagslicht. «Seid ihr die Mädchen, die von Boko Haram
gekidnappt wurden?», fragte der Fulani-Mann auf der Stelle.
Die Mädchen nickten.
«Wir hörten euch nachts vorbeigehen. Hier seid ihr sicher», sagte er. Die Mädchen waren sich nicht darüber im Klaren, ob sie ihm vertrauen konnten, aber sie hatten keine Wahl.
Die Frau des Hirten gab ihnen Kleider, damit sie sich tarnen
konnten, und Plastiktüten für ihre Schuluniformen. Sie brachte ihnen Wasser, um sich zu waschen, und gab ihnen Mais zum
Abendessen. In dieser Nacht weinten und beteten die Mädchen und schliefen eng zusammen auf dem Boden.
Am nächsten Tag sagte ihnen der Hirte, sie sollten der
Strasse folgen und die Leute nach dem Weg zu ihrem Zuhause
fragen. Am Nachmittag, nachdem sie die ganze Zeit gegangen
waren, rasteten sie neben einem Baum. Ein Mann kam vorbei.
«Ihr schaut sehr müde aus», sagte er. «Etwas nicht in Ordnung?»
«Wir sind die Mädchen von Chibok, die gekidnappt worden sind», antworteten sie.
«Sagt das nicht!», rief der Mann aus. «Boko Haram kommt
oft in dieses Dorf.» Dann zeigte er ihnen den Weg, den sie
nehmen sollten.
Später fuhr ein Mann auf einem Motorrad an ihnen vorbei und
stoppte. «Was lauft ihr hier auf diesen Strassen?», fragte er.
«Wir wollen nach Chibok», sagten sie ihm.
Der Mann schaute auf ihre Plastiktüten. «Was ist da
drin?», fragte er.
«Uniformen.»
«Seid ihr die Mädchen von der Chibok-Schule, die gekidnappt wurden?»
«Ja.»
«Okay, geht weiter.»
In weniger als einer Stunde waren sie zu Hause.
Endurance konnte nicht rennen. Sie hatte sich am Bein
verletzt, als sie vom Lastwagen gesprungen war, also musste
sie kriechen. Sie sah das einsame Licht des Motorradscheinwerfers, doch der Fahrer sah sie nicht. Christina fand sie in der
Dunkelheit, konnte sie aber nicht hochziehen. So schleppte sich
Endurance selber vorwärts, mit ihren Armen, auf ihrem Bauch,
auf dem Rücken, robbte durch das Dickicht. Der Boden war
rau und hart wie Fels, sie spürte, wie die Steine an ihren Kleidern, an ihrer Haut entlangschürften. Sie glaubte Gewehrschüsse zu hören. Ihr Ellbogen blutete.
Ein Mann auf einem Fahrrad, dann ein Mann auf einem
Motorrad. Und endlich ein Mann mit einem Auto, der Endurance und Christina nach Hause fuhr. Als Endurance zur Tür
des kleinen, aus Schlammziegeln gebauten Hauses ihrer Familie kam, das neben ihrem Acker stand, sah sie ihre Nachbarn und ihre Familie im Wohnzimmer versammelt. Alle weinten, als wäre jemand gestorben. Als sie ihre Eltern ansah,
weinte auch sie.
Cool Boy steht zu ihr
Am nächsten Tag nahm ihr Bruder Emmanuel sie zum Markt
mit, um neue Kleider und Schuhe zu kaufen – schwarz, braun,
rot. Alles, was sie besessen hatte, war im Studentenheim verbrannt, inklusive ihrer Bücher. Die Familie brachte sie zum
Arzt, um ihre Beine behandeln zu lassen. Endurance war noch
nie bei einem Arzt gewesen. Aber sie mussten sich sicher sein,
ob Boko Haram ihr nicht noch etwas anderes angetan hatte.
Danach schnitt sie alle ihre Haare ab. Einfach so.
Als Blessed zu Hause angekommen war, kam Hadiza gleich
zu ihr. Es war, als ob sich nichts geändert hätte. Sie hingen aneinander und versprachen sich, alles so zu machen, wie sie es
immer gemacht hatten. Sie würden nie ohne einander zum
Dorfmarkt oder zum Wasserholen gehen.
Blessed machte sich Sorgen, was Cool Boy denken würde.
War sie jetzt für immer zerstört? Würde er sie immer noch wollen? Bald kam auch er vorbei. Er begrüsste die Mutter von
Blessed – noch immer wusste diese nicht, dass er Muslim war
– und fand dann sie. «Es tut mir leid, dass dir das passiert ist»,
sagte er. «Ich bin froh, dass du okay bist.» Er sagte ihr, dass er
sie liebe, und versprach, ihr überallhin zu folgen.
Als die Eltern der Mädchen am Morgen nach dem Angriff
zur Schule gingen, fanden sie nichts ausser verbrannten Ruinen von Klassenzimmern, Schlafräumen voller Metallbettgestelle und unbeantworteter Fragen: Wo waren die Lehrer während des Angriffs gewesen? Was geschah mit dem Sicherheitspersonal? Wie konnte die Schule während einer Schliessung
aus Sicherheitsgründen wieder geöffnet werden, ohne einen
Sicherheitsplan zu haben? Mit Rimuss stossed alli aa!
DA S M AGA Z I N 51/2014 Antony Gormley EXPANSION FIELD, 2014 60 Stahlskulpturen /
sculptures in Corten steel Installation, Zentrum Paul Klee, 2014
© Antony Gormley Foto: Dominique Uldry
zu, wie sich fünf Mädchen erhoben. Sie rutschte auf dem Boden
herum. Ich muss einen Weg finden, wegzurennen.
Die Männer machten die Barriere aus Dornbüschen fertig
und begannen, den Lastwagen zu reparieren. Die wenigen, die
übrig blieben, waren um die Begrenzung herum stationiert. Sie
hatten eine kleine Spalte im behelfsmässigen Zaun offen gelassen, einen schmalen Korridor, der von einem Mann mit einem Gewehr gesichert wurde.
Blessed schaute sich um und sah ein paar andere Whuntaku-Mädchen auf dem Boden sitzen. Sie fasste einen Entschluss, stand auf und ging zum Korridor.
«Bitte, ich möchte mich erleichtern», sagte sie dem Mann
auf Hausa, der vorherrschenden Sprache in Nordnigeria.
«Geh zurück und setz dich, du gehst nirgendwohin», sagte der Mann.
Er war jung, gross gewachsen und hellhäutig. Sein Haar
war lang.
«Bitte», sagte sie. «Ich muss mich erleichtern.»
«Tu es hier», sagte er mit kalter Stimme.
Blessed kniete nieder und pinkelte in den Sand. Sie ging
zurück und setzte sich unter den Baum.
Die Männer hatten sich in einer Gruppe beim Lastwagen
versammelt. Blessed schaute sich um; es waren nur noch wenige übrig geblieben, die die Mädchen bewachten. Sie konnte
ein schwaches Weinen hören.
«Gibst du mir deinen Schal?», fragte sie ein Mädchen, das
neben ihr sass. Es war ein kleines, schwarz-weiss kariertes
Tuch, und sie band es um ihre enge Taille. Vielleicht erkennen
sie mich nicht, dachte sie. Sie stand auf.
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Ich traf die Mädchen in einer Stadt in Zentralnigeria rund
zwei Monate nach dem Überfall auf die Schule. Blessed
und Salama waren im Haus des Gouverneurs in Maiduguri gewesen, um dabei zu helfen, ihre Freundinnen im letzten Video von Shekau zu identifizieren. Endurance war in
Abuja gewesen, um ein paar Ausländern von dieser Nacht
zu erzählen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie in einem Hotel.
Am Anfang waren die Mädchen eine Gruppe schlenkernder Glieder und unbeholfenes Gekicher. Sie spielten
auf ihren Handys und tauschten christliche und HausaPopsongs über Bluetooth aus. Es war ihnen gesagt worden, Interviews wie dieses seien der einzige Weg, den verschwundenen Mädchen zu helfen, doch sie hatten ihre
Geschichte noch nie so detailliert erzählt. Es ist unmöglich
zu sagen, welche Teile ihrer Erzählungen wahr sind und
welche Teile sie von anderen hörten und als unumstössliche Tatsache wiederholten, in einer Art, wie das nur Kinder
können.
Nach einem unserer Interviews sitzen Endurance und
ich in der Abenddämmerung in der Hütte. Der Strom ist
ausgefallen, was in Nigeria häufig passiert, und das Licht
schwindet am Horizont. Endurance zeigt mir Fotos auf
ihrem Handy: ihre Freunde, ihr Haus. Sie hat ein Foto von
uns beiden gemacht und mittels Photoshop mit einem
grossen rosafarbenen Herz umrahmt. Sie lächelt, als sie
es mir zeigt. «Wunderschön!», ruft sie aus.
Plötzlich strahlt sie nicht mehr; rückt hin und her auf
dem Kunstledersofa.
«Was meinst du, wie wir die Mädchen zurückholen
können?», fragt sie und schaut von ihrem Handy hoch. Es
ist, als hätte sie sich gerade erst daran erinnert, dass sie
verschwunden waren.
«Mit Beten», wirft Salama ein.
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Sämtliche Namen der Mädchen in dieser Geschichte sind geändert worden. Die Pseudonyme haben sie selber gewählt.
SA R A H A . TOP OL ist freie Journalistin – unter anderem für «Atlantic», Newsweek», «The New York Times», «The New Republic».
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Haffner
36
Hotelcard – das
Halbtax für Hotels
«Nein», sagt Endurance entschieden und schüttelt den
Kopf.
«Es gibt nichts, was stärker ist als ein Gebet», belehrt
sie Salama.
«Ich bete immer noch, aber... welche Form von Hilfe,
glaubst du, kann die Regierung leisten?»
«Die Regierung hat sie im Stich gelassen», entgegnet
Salama und verliert ihre tadellose Haltung. «Was tut die
Regierung überhaupt?» Sie runzelt die Stirn.
«Was denkst du, Endurance?», frage ich sie. Betrachte
sie, wie sie still nachsinnt: Das ist das Mädchen, das die
meiste Zeit, in der ich mit ihr zusammen war, gelacht und
kleine Freudentänze aufgeführt hat. Zwar dachte sie stets
ernsthaft nach, bevor sie eine meiner Fragen umsichtig
und ausführlich beantwortete. Doch ist es das erste Mal
seit unserer ersten Begegnung, als sie zusammenbrach
und Marys Schicksal beweinte, dass sie so klein und fragil
aussieht.
Das internationale Rampenlicht, in dem Chibok für
ein paar Wochen stand, war verschwunden und hatte alle
Versprechungen mit sich genommen. Seit dem Kidnapping
ist Boko Haram nur noch mächtiger geworden; sie haben
Dörfer und Städte erobert, die schwarze Fahne gehisst und
ihr eigenes Kalifat deklariert. Sie haben weitere Frauen
gekidnappt. Allein in diesem Jahr haben sie nahezu dreitausend Menschen getötet. Die Regierung hat kürzlich ein
paar Siege gegen die Militanten betont, und Gerüchte über
einen möglichen Gefangenenaustausch machen die Runde, aber die Verhandlungen müssen erst noch Resultate
zeigen. Immer noch werden zweihundert Mädchen vermisst.
Schliesslich antwortet Endurance auf meine Frage.
«Ihr Leben ist bereits zerstört», sagt sie ernst. «Wenn
sie zurückkommen... Nichts, nichts wird ihnen helfen
können. Sie werden nie wieder die sein, die sie waren.»
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DA S M AGA Z I N 51/2014 In Nigeria werden solche Fragen kaum je beantwortet. Nachdem sie darauf gewartet hatten, dass die Regierung etwas tut,
war eine Gruppe von hundert Vätern auf ihren Motorrädern
zum Rand des Sambisa-Waldes gefahren, dem sumpfigen Nationalpark, wo man das neue Hauptquartier von Boko Haram
vermutete. Sie hatten keine Gewehre, nur Macheten und Messer. Die Dorfbewohner der Gegend sagten ihnen, sie sollten zu­
rückgehen: «Sie haben Panzer, sie haben alles. Sie werden euch
vernichten», sagten die Dorfbewohner. Die Väter gaben nach.
Präsident Goodluck Jonathan, der für die Wiederwahl
2015 kandidiert, brauchte drei Wochen, bis er überhaupt öffentlich zugab, dass das Kidnapping stattgefunden hatte – und
als er es schliesslich tat, gab er auch zu, dass er nicht wusste, wo
die Mädchen seien. Er warf den Eltern vor, ihnen keine Namensliste bereitgestellt zu haben und versprach, die vermissten Mädchen zu finden.
Am selben Tag sagte Abubakar Shekau, der Führer von
Boko Haram, in einem Video, er werde die Mädchen verkaufen. Ein paar Wochen später folgte ein neues Video, das 136
Mädchen in Hijabs zeigte, die den Koran rezitierten.
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GEW INNER 2014
«W IDER STA ND IST Z W ECK LOS»
BESSER SCHEITERN
Den Aufnahmetest fürs Medizinstudium versiebte sie.
Jetzt hat unsere Autorin aus ihrer Niederlage einen Sieg gemacht:
Sie ist die Gewinnerin unseres Essay-Wettbewerbs.
Ich weiss nicht mehr genau, seit wann ich Medizin
studieren wollte. Es ist schon sehr lange her. Ich weiss
nur, dass mich die menschliche Psyche und die physiologischen Abläufe des Körpers immer fasziniert haben. Eine weitere Motivation war das Projekt «Weltrettung». Während andere sich im Traum im Chirurgenkittel gefielen, sah ich mich – ganz selbstlos – im
T-Shirt von Médecins sans Frontières unter prekären
Bedingungen humanitäre Hilfe leisten. Ich wollte
meinen Teil zum Weltfrieden beitragen. In aller Bescheidenheit. Die Naturwissenschaften zeigten mir,
wie klein und unwissend wir Menschen sind, und
das hat mir gefallen.
Die beiden Fächer Mathematik und Physik haben
mich immer wieder an den Rand meines Intelligenzquotienten gebracht, und mittlerweile weiss ich,
dass meine Faszination eher den Personen gilt, die
die Fähigkeit besitzen, mathematische und physikalische Probleme zu verstehen und zu lösen, als den
Problemen selbst. Der Grosse Fermatsche Satz zum
Beispiel hätte irgendein Satz sein können. Wichtig
war, dass es sich um ein mathematisches Problem
38
handelte, das erst nach mehr als dreihundert Jahren
von einem britischen Mathematiker namens Andrew
Wiles gelöst wurde.
Scheinbar war Klein Andrew so fasziniert von
dem Problem, dass er ihm sein Leben widmete. Er
studierte Mathematik, um sich das nötige Wissen anzueignen, bevor er sieben Jahre lang an der Beweisfindung arbeitete, wovon nur seine Frau wusste. Als
er die Lösung der Öffentlichkeit präsentierte, erregte
er grosses Aufsehen und wurde gefeiert, bis bei der
Korrektur ein Fehler entdeckt wurde. Aber anstatt
aufzugeben, setzte Wiles sich erneut an seinen
Schreibtisch und versuchte, den Fehler zu beheben
– diesmal vor den Augen der gesamten mathematischen Welt. Und weil es mehr als dreihundert Jahre
gedauert hatte, bis jemand der Lösung so nahe gekommen war, hielten nun auch die Taschenrechnerbenützer ohne besondere mathematische Kenntnisse die Luft an. Und tatsächlich: Ein Jahr später,
1994, lag der Beweis fehlerfrei vor. Ich war unheimlich beeindruckt ob der Brillanz, dem Kampfgeist und
der Leidenschaft dieses Mannes.
DA S M AGA Z I N 51/2014 Von Sarah Hamdi
Anders als Andrew Wiles habe ich nicht immer die
optimalen Vorbereitungen getroffen, um mein Ziel
zu erreichen. Die Idee, Bildnerisches Gestalten als
Schwerpunktfach zu wählen, hielt mich nicht davon
ab, mich für das Medizinstudium einzuschreiben. Im
Weltpostverein absolvierte ich einen Test, der darüber entscheiden sollte, ob ich für dieses Studium
geeignet bin oder nicht. Nach einer langen Wartezeit
erfuhr ich ausgerechnet in Los Angeles, unweit des
Walk of Fame mit Namen von Menschen, die alle irgendetwas geschafft haben: Leider bin ich nicht zum
Medizinstudium zugelassen.
Ich dachte, vielleicht wäre eine Pause gut, und
absolvierte zwei Praktika, eines in einem Pflegeheim und eines im Spital. Dort erfuhr ich von Pflegefachfrauen, warum sie nicht Ärztinnen werden wollten, und ich hörte von Ärzten, die sich die Namen der
Pflegefachfrauen nicht merken wollten. Daraufhin
beschloss ich, den Eignungstest zu wiederholen, um
eine Ärztin zu werden, die sich alle Namen merkt
und immer freundlich grüsst.
Aber statt einen Kurs für methodisches Lernen
zum systematischen Ausfüllen von Testbögen zu absolvieren, flog ich lieber nach Tunesien, um Arabisch zu lernen. Ich wollte mir das Studium schliesslich nicht «kaufen». Ich übte mich fleissig im Interpretieren von Diagrammen und im Betrachten von
Schlauchfiguren. Ab und zu machte ich einen achtminütigen Konzentrationstest. Aber ich bekam Zweifel, ob es besser war, möglichst viele Tests zu machen,
oder ob die Erfolgsquote ab einer gewissen Anzahl
vielleicht wieder sinkt. Das Arabisch kam – ich hätte
es mir denken können – etwas zu kurz.
Im Juli 2012 sass ich erneut im Weltpostverein
und löste Testbögen. Dann hiess es zum zweiten Mal:
warten. Im Februar dieses Jahres meldeten sich 3310
Personen für den Eignungstest an, 3171 Personen
machten ihn und kämpften um einen der 793 Studienplätze in Humanmedizin, aufgeteilt auf die
Universitäten Bern, Basel, Zürich und Freiburg.
Als ich den eingeschriebenen Brief in den Händen hielt, der mir meine Niederlage mitteilte, sackte
mein Selbstbewusstsein ins UUG. Leider dauert es
in solchen Momenten eine Weile, bis der Lift nach
oben wieder in Betrieb genommen werden kann.
Also bleibt man unten sitzen und denkt nach.
Einige nennen es Schicksal, andere sehen eine
göttliche Kraft, man könnte es auch Zufall nennen.
Wovon wir auch träumen, wofür wir auch kämpfen,
Scheitern ist allgegenwärtig. Die Frage ist: Wann geben wir auf?
In Anbetracht des immer wieder thematisierten
Ärztemangels erschien der Test mir paradox. So viele Ärzte werden vom Ausland in die Schweiz geholt
und fehlen dann in ihren Herkunftsländern. Und im
Gesundheitswesen, wo eine reibungslose Kommu-
nikation zwischen Ärzten, Therapeuten, Pflegepersonal und Patienten das A und O sind, können Sprachbarrieren eine grosse Fehlerquelle darstellen. Die
Schweizerische Universitätskonferenz argumentiert
zwar, es stehe gar nicht schlimm um die Anzahl der
Ärzte in der Schweiz, das eigentliche Problem sei ihre
Verteilung auf die verschiedenen Fachgebiete und
das könne mit einer Erhöhung der Studienplätze
nicht gelöst werden. Ausserdem würden die Universitäten die Anzahl der Studienplätze gern erhöhen,
könnten dies aber nicht, weil die Kosten auch auf
andere Fakultäten verteilt werden müssten (SUK).
Aus meiner Frustration und Enttäuschung zog
ich eine Kraft, man könnte es Trotz nennen, die mich
wieder aufstehen liess. Ich nahm den nächsten Lift
nach oben und beschloss, es in Lausanne zu versuchen – ohne Eignungstest. Die Universitäten Lausanne und Genf bieten den Studiengang Medizin an,
ohne vorher einen Numerus clausus durchzuführen.
Allerdings ist es nicht möglich, sich nach nicht bestandenem Numerus clausus an einer dieser beiden
Hochschulen einzuschreiben. So war ich gezwungen,
in der Zwischenzeit einen anderen Studiengang zu
wählen. Ich absolvierte ein Jahr an der biologischen
Fakultät der Universität Freiburg. Dort lernte ich zwei
Mitstudentinnen kennen, die wie ich den Entschluss
gefasst hatten, nach Lausanne zu gehen. Obwohl ich
gewisse Zweifel an dem Plan hatte, konnte und wollte ich nicht aufgeben und schickte meine Anmeldung
schliesslich in zweifacher Ausgabe ab – aus Angst,
der Postbote könnte die erste, nicht eingeschriebene
Version entwenden.
In Lausanne wurden 538 Studenten und ich vom
Rektor willkommen geheissen und geradezu beglückwünscht, dass wir uns jetzt Medizinstudenten
nennen durften. Schnell stellte ich fest, dass die Gerüchte sich nicht bestätigten: Ich fand immer einen
Platz, selbst wenn ich zu spät kam. (Das beruhigte
mich. Wenn schon kein Studienplatz auf sicher, so
doch wenigstens ein Sitzplatz). Die Akustik war gut,
ich hörte alles, was ich hören musste, und manchmal war ich sogar froh, hinten sitzen zu können, wenn
der Dozent Mühe hatte, die verträgliche Anzahl Dezibel einzuschätzen. Ich traf immer auf dieselben Mitstudenten: der Schläfrige mit Mütze, rechts aussen
das Pärchen mit Hund (tatsächlich!), der Vierzigjährige, der sich vielleicht einen Kindertraum erfüllte.
Wenn meine Notizen plötzlich unauffindbar waren, konnte ich nur mir selbst die Schuld geben, und
an meinen Büchern hatte auch niemand grosses Interesse. Das Einzige, was mir ein wenig zu schaffen
machte, war der Dauerstress, in dem sich alle befanden und der die meisten davon abhielt, sich Freunde
zu suchen, weil keine Zeit dafür war. Nach der Vorlesung ging es möglichst schnell Richtung Bibliothek
oder nach Hause. 39
40
41
ESCAZAL FILMS
nach Luis Buñuel
Regie Sebastian Nübling
A R
Französische Filmtage
PHOTO MICKAËL CROTTO
DIE SPRACHE DES HERZENS
  
J-P A
AB 25. DEZEMBER IM KINO
Zürich
Festival del film Locarno
Variety Piazza Grande Award
Tübingen
tat einer Gesellschaft mit zu hohen Ansprüchen? Ist
es der Grund dafür, dass wir Mühe haben aufzugeben? Als wäre die Kapitulation eine Form des Versagens. Dabei ist die Frage, was man aus den Folgen
macht. Ob man in der Enttäuschung versinkt oder
sich neue Träume formt. Manche Träume müssen
aufgegeben werden. Niemals aber das Träumen
selbst. Als junger Mensch kann ich das Projekt «Weltrettung» noch nicht verwerfen. Vielleicht werde ich
eines Tages doch noch ein T-Shirt von Médecins
sans Frontières tragen – dann aber als Psychologin.
•
Dies ist der Siegertext des «Magazin»-Essay-Preises 2014.
Der Preis wird jährlich mit dem Ziel vergeben, neue Autorinnen und Autoren unter 35 zu entdecken und zu fördern.
Das diesjährige Thema lautet: «Widerstand ist zwecklos».
Die Preisträgerin Sarah Hamdi, 22, studiert Psychologie im ersten Jahr an der Universität Freiburg. sarah.hamdi@gmx.ch
Der diskrete
PRÄSENTIERT
PUBLIKUMSPREIS
man sich verliert und nicht mehr weiss, warum man
den Weg weitergeht. Es beginnt, lächerlich zu werden, verbissen um etwas zu kämpfen, nur um die gesellschaftlich verachtete Niederlage um jeden Preis
zu vermeiden. Es ist nicht leicht, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Aber ich habe nicht kapituliert, sondern nur den Kurs geändert, um von neuen
Windstössen angetrieben zu werden.
Natürlich überlege ich mir manchmal, warum
es so gekommen ist. Die Aussage: «Es hat so sein
sollen», ist mir zu oberflächlich. Sicher ist es hilfreich,
für die Verarbeitung einer Niederlage eine Erklärung
zu haben. Aber für wen brauchen wir überhaupt eine
Erklärung? Offensichtlich leben wir mit der ständigen Angst zu scheitern. Gleichzeitig fürchten wir uns
davor, etwas zu bereuen. Ist das vielleicht das Resul-
Charme der Bourgeoisie
I C
studenten. Ich erkannte sie an ihren Lernkarten,
denn diese waren nicht zu übersehen.
Einmal setzte ich mich an der Station Bel Air auf
eine Bank und wartete auf meinen Bus. Bald spürte
ich, dass noch ein zweites Paar Augen in meine Karten schielte. Ich drehte den Kopf und der Mann neben mir fragte mich, ob wir die Anatomie des ganzen
Körpers lernen müssten. Ich war perplex, einerseits
weil der Alkoholgeruch kaum zu überriechen war und
andererseits weil sein melancholischer Blick mich
kurz irritierte. Er lächelte fast entschuldigend und
sagte: «Ich kenne mich ein wenig aus, ich war oft im
Spital, tellement j’étais mal foutu dans ma vie.» Danach im Bus dachte ich lange darüber nach. Die Art,
wie dieser Mann mich angesehen hatte, beschäftigte mich. Was war passiert? Einer, der zu viel über
sein eigenes Leben nachgedacht und sich in den Alkohol geflüchtet hatte? Hatte er aufgegeben? Gibt es
in unserer Gesellschaft überhaupt ein akzeptiertes,
vielleicht sogar respektiertes Aufgeben?
Für einen Studienplatz in Medizin brauchte man
75 bis 80 Prozent der Gesamtpunktzahl. Ich hätte
das Jahr wiederholen können, dann hätte ich noch
eine Chance gehabt. Aber ich spürte, dass es an der
Zeit war, den Traum vom Medizinstudium zu verabschieden. Ich hatte lange gekämpft und gehofft. Aber
wenn der Erfolg ausbleibt, ist es schwierig, dranzubleiben. Denn irgendwann kommt der Punkt, wo
Schauspielhaus
Wenn ich Mühe hatte, mich zu konzentrieren, betrachtete ich das Porträt von Marie Curie auf meinem Schreibtisch und stellte mir vor, wie sie mich mit
ihrem strengen, aber gutmütigen Blick zur Arbeit
zurücktrieb. Allerdings sah mich Marie nie an. Egal
wie ich mich vor diesem A4-grossen Porträt hinstellte, sie schaute immer an mir vorbei. Sie lächelte
auch nicht. Aber wenn ich das Porträt einer lächelnden Frau gewollt hätte, hätte ich meine Grossmutter
hinstellen können. Es ging darum, ein Genie vor mir
zu haben. Vor jeder Prüfung bat ich sie innerlich, mir
ihren Geist einzuhauchen, aber irgendwie fand ich
mich jedes Mal mit meinem wieder. Ich sagte mir
dann: Vielleicht braucht sie ihn ja noch.
Das erste Anatomiepraktikum nahte. Es bereitete mir ein wenig Unbehagen, gleichzeitig war ich sehr
neugierig. Der Geruch stellte sich als erträglich heraus und wurde nebensächlich, als ich mich ganz auf
das Identifizieren der Muskeln konzentrierte. Das
Anatomiepraktikum bot eine abwechslungsreiche
Art des Lernens und machte in Kombination mit
dem trockenen Humor der Assistenten unheimlich
viel Spass. Hingegen war es mühsam, sich die vielen
Muskeln ohne Präparate einzuprägen. Oft habe ich
im Bus die Anatomiekarten hervorgeholt, aber ich tat
mich schwer mit dem Lernen. Mein Blick schweifte
die Sitzreihen entlang und blieb an interessanten
Menschen hängen. Nicht selten begegnete ich Mit-
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Für alle, die wissen, was gut ist.
www.selection.migros.ch
CHR ISTIAN SEILER
DIE Z WÖLF BESCHWOR ENEN
1 — Bestes Menü. Eigentlich ist das Park Vitznau am Vierwaldstättersee eine Adresse für Marmorvertreter und Hochpreistouristen. Aber was Nenad Mlinarevic im zugehörigen Restaurant focus anstellt, ist ein grandioses Komplementärprogramm: oft einfache Produkte, die in ein ausserordentliches
Spannungsverhältnis gesetzt werden. Grosses Erlebnis.
2 — Überraschendstes Erlebnis Hochgastronomie: Es geht
nämlich auch ganz einfach. Alain Weissgerber im burgenländischen Taubenkobel gart eine grosse, mehlige Kartoffel, indem er sie mit Lehm umschliesst und bäckt. Die heisse Kartoffel wird dann mit Saiblingskaviar und dickem Rahm garniert
– und ist trotz aller Einfachheit grosse Küche.
3 — Der perfekte Klassiker. Der Saure Mocken mit Kartoffelstock in der Zürcher Alpenrose. Was sonst?
4 — Interessantestes Kochbuch. Viele Kochbücher hätten
es verdient, hier genannt zu werden, aber ich möchte das im
Eigenverlag erschienene «Zu Tisch» von Anna und Catherine
Pearson hervorheben, weil es zwei Besonderheiten vereint:
erstens die programmatische Erprobung aller Rezepte bei Annas «Tafelrunden», zweitens die Finanzierung durch Crowdfunding. Originell und höchst empfehlenswert.
5 — Beste CD zum Kochen. Meine Lieblingsmusik kommt
von der französischen Chansonnière Zaz. Auf «Paris» hat sie
zahlreiche Schlager, die sich um die Hauptstadt drehen, neu
aufgenommen (unter anderen mit Thomas Dutronc und Charles
Aznavour), und ihre heisere, aufgedrehte Stimme wirkt motivierend und ruft nach Champagner.
6 — Schönste Zeitschrift. Klar, ich könnte auch «Fool» oder
«Lucky Peach» oder «dish!» nennen, aber die schönste Zeitschrift des Jahres ist für mich das britische Magazin «Cereal».
Es kümmert sich um Travel, Lifestyle und grossflächige, oft
monochrome Bilder in Pastellfarben. Die aktuelle Ausgabe 8
verströmt solches Fernweh nach Bergen, Strand und Architektur, dass sich schon das Durchblättern allein als sinnlicher
Genuss erweist.
7 — Bestes Selbstgekochtes. Mein Saibling, 15 Minuten in
der Tellerschublade bei 80 Grad gegart. Der Fisch ist so wohlschmeckend und von perfekter, glasiger Konsistenz, dass ich
ohne Weiteres zwei Filets davon verzehren kann. Am liebsten
ohne Haut, nur mit etwas brauner Butter beträufelt.
8 — Schönstes Hotel (teuer). Das El Fenn in Marrakesch, ein
umgebauter Privatpalast in der Medina, hat Glamour, verströmt
Ruhe und erfüllt jeden Wunsch, zum Beispiel den Blick auf den
Atlasbogen vom Sofa auf der Terrasse aus. el-fenn.com, ab
400 Franken/Nacht
9 — Schönstes Hotel (günstig). Eine ehemalige Teefabrik
auf der Hauptinsel der Azoren wurde zu einem weitläufigen
Hotel umgebaut. Grosse Zimmer, wunderschöner Blick, perfekte Gastlichkeit: picodorefugio.com, ab 100 Franken/Nacht
10 — Merkwürdigste Mahlzeit. Ebendort: ein deftiger
Eintopf aus Fleisch, Wurst und ein bisschen Kohl, der für acht
Stunden in einem Topf gegart wird, der in ein Loch hinuntergelassen wird, aus dem vulkanischer Schwefeldampf austritt.
Ein Abenteuer, das sogar gut schmeckt.
11 — Bester Wein. Der Trebbiano d’Abruzzo von Valentini,
den ich in der Bottega Del Vino in Verona trank. Ein würziger,
kühler Weisswein von grösster Statur (2011, für 84 Franken
bei caratello.ch)
12 — Bestes Produkt. Es ist vielleicht nicht gesund und
nichts für die Diät, aber die Karamell-Salzbutter von Tanja
Grandits genialischem Patissier Julien Duvernay ist jedes Mal
von Neuem eine Offenbarung. Gläschen für 12 Franken
Mehr von CH R I S T I A N SEI L ER immer montags in seiner «Montagsdemonstration» auf blog.dasmagazin.ch
Illustration A L E X A N DR A K L OBOU K
42
DA S M AGA Z I N 51/2014 Feierlich, einfach, schön und süss: meine besten kulinarischen Momente 2014
Alejandro Ghersi, am Pult unter einer Projektion von Jesse Kanda, wird Gesprächsstoff bleiben.
DA S M AGA Z I N 51/2014 — BI L D: E R E Z AV I S S A R
HANS ULR ICH OBR IST
WEITER R EDEN
Jede Ausstellung, die ich mache, und jedes Buch,
das ich schreibe, sind das Ergebnis von Gesprä­
chen mit anderen. Irgendwann habe ich damit be­
gonnen, diese Gespräche systematischer zu füh­
ren und aufzuzeichnen, bis sich im Laufe der
Jahre zweieinhalbtausend Interviewstunden in
meinem Archiv angesammelt haben. Ich rede vor
allem mit Künstlern, aber genauso mit Wissen­
schaftlern, Schriftstellern, Komponisten, kurz:
mit jeder und jedem, von dem ich glaube, dass er
der Kunst etwas zu geben hat. Ich laufe nicht ein­
fach durch die Gegend und interviewe wahllos
Menschen, sondern habe einen festen Anker in
der Kunst der Gegenwart, von der alles ausgeht
und wohin alles zurückfliesst. Es ist mir sehr wich­
tig, dass die Kunst mit anderen Disziplinen im
Gespräch bleibt; daher unterhalte ich mich.
Den letzten Sonntagnachmittag habe ich mit
dem Musiker Alejandro Ghersi verbracht und lan­
ge mit ihm gesprochen. Ghersi ist jung, 24 Jahre
alt, er ist in Caracas, Venezuela, geboren und ging
dann nach New York, wo er Produzent wurde. Mo­
mentan nimmt er mit Björk deren nächstes Album
auf und hatte in London seinen ersten Auftritt als
Solokünstler. Jedes Gespräch ist eine Reise ins
Unbekannte, aber es gibt ein paar Fragen, die ich
jedem stelle: Wie ist jemand zu dem gekommen,
was er macht; wann war seine Zeit der Lehre vor­
bei und er begann, seine eigene Sprache zu fin­
den; was hat jemand für unrealisierte Projekte?
Diese Frage liegt mir immer sehr am Herzen, denn
meist scheitert die Realisierung an gesellschaft­
lichen oder physikalischen Grenzen, verlässt die
Idee also den Pfad der Konvention.
Schliesslich die Frage: Was ist der Bezug zur
Kunst? Bei Ghersi ist er ziemlich deutlich, denn
er arbeitet seit Jahren in der Band Arca mit dem
Videokünstler Jesse Kanda zusammen. Musik
und Bilder entstehen in einem wechselseitigen
Prozess, ergänzen einander und führen zu einer
sehr eigenen Art der Aufführung, an der ich als
Ausstellungsmacher natürlich immer auch be­
sonders interessiert bin. Ich spreche und arbeite
viel mit erfahrenen Künstlern, aber, weil ich An­
fänge besonders faszinierend finde, rede ich auch
besonders gerne mit Menschen, die gerade erst
anfangen. Den Moment zu erleben, in dem je­
mand wie Ghersi zum ersten Mal mit seiner Kunst
auf ein grösseres Publikum trifft und ihn dann auf
seinem Weg zu begleiten, das ist fantastisch. Wir
werden uns bald wieder treffen und weiterreden.
www.arca1000000.com
H A N S U L R ICH OBR I ST ist Kurator und Co-Direktor der Serpentine Galleries in London.
43
TRUDY MÜLLER-BOSSHAR D
1
6
2
7
4
3
9
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13
14
FR ENKEL
BEIM NÄCHSTEN BUCH WIR D ALLES BESSER
5
10
12
11
16
15
18
Momentan liege ich bei der AmazonRangliste auf dem 1 154 047. Platz. Ich
habe nämlich ein Buch geschrieben, das
nicht gekauft wird. Oder fast nicht. Seit
einem halben Jahr ist es auf dem Markt.
Ich habe gute Kritiken erhalten und mich
ein wenig zurückgelehnt. Pro Buch verdiene ich einen Franken. Wenn ich also
eine Million Bücher verkaufe, dann muss
ich nicht mehr arbeiten gehen. Bisher
wurden 152 Exemplare verkauft. Es lässt
sich ziemlich gut eruieren, wer diese 152
Bücher gekauft hat. Meine Mutter hat 36
Stück gekauft, meine beiden Tanten drei
und ein guter Freund fünf. Ich konsultiere die Amazon-Rangliste etwa zehnmal
am Tag. Als ich noch auf dem 245 8 76.
Platz lag, habe ich mir eigentlich geschworen, den Strick zu nehmen, falls ich
in den 1 000 000. Platz rutsche. Manchmal aber geschieht plötzlich ein Wunder,
und ich steige in der Rangliste 300 000
17
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43
PRANGEN DIESER TAGE NICHT LANGE:
Die Lösung ergibt sich aus den grauen Feldern waagrecht fortlaufend.
Plätze hoch. Das ist dann der Fall, wenn
meine Mutter wieder ein Buch bestellt.
Natürlich könnte ich mit diesem
Nichterfolg kokettieren. Wir haben Brot
und Milch zu Hause, wir kommen über
die Runden. Ich brauche keinen Gross­
erfolg, um zu überleben. Trotzdem. Die
Verkaufszahlen verfolgen mich bis in
den Schlaf. Der 1 154 047. Platz! 152 verkaufte Bücher!!
Nur eine Buchhandlung hat mein
Buch in ihr Sortiment aufgenommen.
Mein schönes Buch liegt direkt neben
einem gewissen Max Frisch. Ich habe
natürlich recherchiert und herausgefunden, dass Frisch schon lange tot ist. Das
heisst, ein Toter kämpft mit mir um die
Lesergunst! Das ist schon bizarr. Man
stelle sich vor, man könnte Brot von einem toten Bäcker kaufen oder einen Liter Milch von einer tödlich verunglückten Kuh.
Ich laufe in der Buchhandlung durch die
Gestelle und ärgere mich. Da gibt es Bücher, die verkaufen sich wie geschmiert.
Vor allem Frauenbücher. Die laufen super, wenn es um Männer-Bashing geht:
«Beim nächsten Mann wird alles besser», «Wie in zehn Tagen mein Mann
stubenrein wird», «Männer sind Schweine (mit Vorname)». Mein nächstes Buch
muss auch so eins sein, denke ich mir
dann neidisch. Ich werde über Männer
lästern – und das nicht zu knapp!
Vom Verleger habe ich 20 Gratis­
exemplare von meinem eigenen Buch
bekommen. Zwei habe ich schon verschenkt. Die restlichen liegen im Keller
neben dem billigen Wein. Ich habe drei
Kinder. Sie müssen sich später nicht ums
Erbe prügeln. 18 ist teilbar durch 3.
BEN I F R EN K EL ist freier Autor und lebt in Zürich.
HELPLINE FÜR RATLOSE: Sie kommen nicht mehr weiter? Wählen Sie 0901 591 937 (1.50 Fr. / A nruf vom Festnetz), um einen ganzen Begriff
WA AGRECHT (J + Y = I): 6 Zeichnen einen mit Granitkinn und irgendwie auch eigentumdeliktisch Geschickte aus. 13 Malte Aristide Bruant mit rotem
Schal. 18 Wo sich Tümmler nicht artgerecht tummeln. 19 Bittere Gabe für den Knaben im lockigen Haar. 20 Das Flache ist seine Sache nicht. 21 Stadt,
die halb Schwein: von Bauhaus-Besuchern aufgesucht. 22 Retrospektiv ist Santo Filippo Wilde, Beckett und Co. 23 Darunter fällt, was unsere Kleider zusammenhält. 26 Listet zum Jahresabschluss die Krösusse auf. 28 Demi beigestellt: nicht 50 Prozent von einem Agentendarsteller. 29 Essbar im Märchen
vom Geschwisterpaar. 30 Lockstoff für Blütenstaubtransporter. 32 Von Sonnenanbetern reflexiv imitiertes Tier. 33 Für den geborenen Scherzkeks
nominell ein Fehlgriff. 35 Wirtschaftsstandort bei Hauff, taucht in der Pulver-Filmografie auf. 38 Von Robin des Bois Gespannter. 39 Sinn Féins Adams
geht hier aus und ein. 40 Zwischenstationen bei der Backzutat-Herstellung. 41 Shopperstopper ausgangs nominell typischen Dackels. 42 Die Boettcher
im zweiten Fall: Dixie-Polenta. 43 Inspirierte Thiels Haarstil. 44 Der Zweitletzte in der mit Lie beginnenden Amtsinhaber-Galerie.
zu erfahren. Wenn Sie nur den Anfangsbuchstaben wissen möchten, wählen Sie 0901 560 011 (90 Rp. / A nruf vom Festnetz).
LÖSUNG RÄTSEL Nº 50: TORHUETER
WAAGRECHT (J + Y = I): 4 MUSTERSCHUELERIN. 12 RAUSSCHMEISSER. 17 PEITSCHE. 18 UNGETUEM. 19 OSTSEEHAFEN. 20 ELENDE
(«Les Misérables»). 21 FIONA («Shrek»). 23 Hans ARP (Sophie Taeuber-Arp/50-Franken-Note). 24 DRESDEN. 26 Firn in FIRNIS. 28 URI in F-uri-en. 29 LACK. 31 (Nummer) EINS. 33 DANDY. 34 MELE (ital. für Äpfel). 35 RATE(!). 36 NETZ. 37 DIA (span. für Tag). 38 ABNORM. 39 SINNE. 40 LEERTASTE. 41 STONE AGE (engl. für Steinzeit).
SENKRECHT (J + Y = I): 1 «... von JESSE war die Art ...». 2 DUENNDARM. 3 FREUNDINNEN («Freundin»/Frauenmagazin). 4 MOPSFIDEL.
5 SAISONNIER. 6 TUTEN, Tüten. 7 SCHARREN. 8 CHEFPILOT. 9 EIGER. 10 ESTE in B-este-r. 11 NAMENSTAG. 12 Tirade in RETIRADE.
13 SCHAUMBAD. 14 MUELLEREI. 15 SELEKTION. 16 (Brand-)REDE(!). 22 ASIAT. 25 SEEN. 27 IDA (Urteil des Paris). 30 CAST. 32 NEE (Abk. für Nichteintretensentscheid).
SENKRECHT (J + Y = I): 1 Soundtrack zu einem Munch-Werk. 2 Für Rap-Fans die erste Big-Apple-Adresse. 3 Unter Honecker unmögliches Fortbewegen. 4 Veranschaulichen, kurz, den Text. 5 Für berockte Damen ist seine Querstange Schikane. 6 Was Slalomfahrer nicht soll: Hier ists gefragt. 7 Ohne
drei wär der Mann ein hiesiges Berglein. 8 Gewändchen für eiskalte Händchen, erkennen ältere Semester als von-Aesch-Figur. 9 Auf vier Extremitäten
stehendes Wesen auf Fachchinesisch. 10 Treten – Dabei sein ist alles! – immer wieder am Bobrun an. 11 Hörbare Ruhestörung. 12 Samt Reich der Mitte:
Abwehrkräftestärkungsmittel. 14 Erhellendes aus Adväntsliederquelle. 15 Chemisches Element in Nachkriegs-US-Präsident. 16 In der Dame steckt das
Petković-Team. 17 In diesem Kontext gern Gefragter, Sur Überragender. 24 Wobei Humbert Humbert bezüglich Obsession versagte (O-Ton). 25 Wird bei
einem Dean-Film mit Jenseits übersetzt. 26 Auf Hogwarts ein fliegender Untersatz. 27 So eine annektierte lang vor Putin die Krim. 31 Wirbel, der auch
Gebirge. 34 Vollendet King Cole zur Jazzlegende. 36 Tun unerzogenen Dogs hat das Zeug zum Holzpartikel. 37 Begehrenswert, auch wenns kopfsteht.
Timbuktu
ABDERRAHMANE SISSAKO
«Timbuktu ist ein leiser, poetischer Film von grosser Wucht.» ZDF
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tutti.ch AG, Verlag Finanz und Wirtschaft AG, Zürcher
Oberland Medien AG, Zürcher Regionalzeitungen AG
45
URSULA GIGER, 40, durchquerte Grönland auf Ski.
Von Eis und Schnee hat sie aber noch immer nicht genug.
Nachts im Zelt kamen die Fragen. Warum
tun wir uns das an? Täglich bis zu 37 Ki­
lometer, je nach Wind bei bis zu minus
45 Grad, immer nach striktem Zeitplan,
selbst wenn die Muskeln schmerzen. Auf
Ski und mit je zwei Pulkas zogen wir seit
dem 1. Mai über das grönländische In­
landeis, von West nach Ost. Anders als
der Polarforscher Fridtjof Nansen. Der
liess sich einst im unbewohnten Osten
absetzen. Westküste oder der Tod, lau­
tete sein Spruch – unsere Devise heute
dagegen: Ostküste oder der Tod.
Uns konnte natürlich nicht wirklich
viel zustossen: Per Satellitentelefon hat­
ten wir Kontakt zur «Aussenwelt», und
wir waren trainiert. Trotzdem: Eine Bron­
chitis quälte mich in den ersten Tagen.
Als dann heftige Schneestürme über uns
hinwegfegten, dachte ich: Nie wieder!
Diesen Vorsatz verwarf ich aber am 27.
Mai wieder; da erreichten wir unser Ziel:
Isortoq, ein kleines Dorf an der Ostküs­
te. Als der Helikopter abhob, vermisste
ich Grönland bereits – die Sonne im
Schnee, die Schönheit der Monotonie,
Ski links, Ski rechts. Das Gefühl, weit
weg zu sein vom Alltag, jenseits aller Rol­
len, die man zu spielen hat, nur bei mir
selbst zu sein.
Über Rollen rede ich nicht gerne.
Wir stecken einander zu schnell in eine
Schublade – je nachdem, welche eigene
Sehnsucht man hat. Jedes Mal klingt das
«Oh», das ich zu hören bekomme, an­
ders: ehrfürchtig, wenn ich sage, dass ich
an den Unis Basel und Zürich Isländisch
unterrichte. Interessiert, wenn ich meine
Arbeit als Reiseleiterin erwähne. Begeis­
tert, wenn ich sage, dass ich «Trekking­
führerin in Island und Grönland» bin.
Vom Norden mit seinem rauen Klima
und der Weite sind viele fasziniert.
Island lernte ich quasi durch die
Hintertür kennen, auf einem Bauern­
hof, fernab von Stadt und Hektik. Die
Mentalität der Isländer gefiel mir auf An­
hieb: Ob eine glühende Lavazunge die
Strasse blockiert, ein Auto im Fluss ste­
cken bleibt oder der Wind einem den
Schlaf raubt – immer heisst es «Þetta
reddast!». Was übersetzt so viel bedeu­
tet wie: «Kommt schon gut!»
Island erwandere ich mir, übers
Hochland – in der Schweiz dagegen sitze
ich vor allem im Zug. Die Schweiz ist
meine Heimat, auch wenn ich mich zwi­
schen beiden Welten hin- und herbewe­
ge. Heimat mündet für mich vor allem in
der Frage «Weisst du noch?». – Weisst du
noch, wie wir auf der Eisenbahnbrücke
standen?, frage ich meinen Bruder.
Damals war ich etwa vier. Ich dürfe
nie von einer Brücke «biseln», hatte er
mir erklärt, wegen der vielen 1000 Volt.
Dann setzte mein Bruder hinzu: Na, du
bist ja sowieso ein Mädchen. In dieser
Situation begriff ich: Die Eisenbahn
braucht eine Menge Strom, und Mäd­
chen biseln anders als Buben.
Das wurde später auch in Grönland
ein Thema. Kälte und Bewegung koste­
ten uns nämlich mehr als 6000 Kalorien
täglich. Um keine Energie zu verschwen­
den, pinkelten wir nachts in eine Flasche.
Daran gewöhnte ich mich, genauso wie
an die kalte Flasche mit Benzin, die ich
morgens um fünf Uhr erst mal im Schlaf­
sack auftauen musste. Das meiste wurde
Routine – nie aber die endlose Land­
schaft, in der ich mich verlieren konnte.
Nach diesen 27 Tagen wusste ich:
Ich will mehr davon, ich will in die Ant­
arktis. Wie mein Held Ernest Shackleton.
Darauf bereite ich mich nun ein gutes
Jahr lang vor. Pendle so lange weiter
zwischen Island und der Schweiz, Lite­
ratur und Hochlandtouren.
Protokoll SA R A H K I NG; Bild M A R K N I EDER M A N N
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DA S M AGA Z I N 51/2014 27 TAGE IM LEBEN
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