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"Von Gott kommt mir Hilfe". - Calwer

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Monatsspruch für Januar
Solange die Erde
besteht, sollen nicht
aufhören Aussaat
und Ernte, Kälte
und Hitze, Sommer
und Winter, Tag
und Nacht.
Nach der Flut
Mit den beiden vorangehenden Versen beschließt der Monatsspruch
einen ersten Erzählstrang der Flutgeschichte in 1. Mose 6,5–9,17. Die
Wasser der Flut haben sich verlau1. Mose 8,22
fen, Noah hat die schützende Arche
verlassen und bringt ein Opfer dar – kein Versuch, Gott
gnädig zu stimmen, sondern die natürliche Reaktion eines Geretteten auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft
(V. 20). Gott nimmt dieses Opfer an („der HERR roch den
lieblichen Geruch“). Und nun gewährt uns der Erzähler
einen Einblick in Gottes Herz, er lässt uns hineinhören in
ein göttliches Selbstgespräch. Gott fasst den Entschluss,
die Erde nicht noch einmal zu „verfluchen“, das heißt geringschätzig zu behandeln, um des Menschen willen und
alles Lebendige nicht noch einmal zu schlagen (V. 21).
Vielmehr soll die Erde fortbestehen im Wechsel der Zeiten, solange sie ist (V. 22).
Dieses Selbstgespräch Gottes ist ein Echo seines Vernichtungsbeschlusses am Beginn der Flut (1. Mose 6,5–7)
– mit einem entscheidenden Unterschied: War das böse
„Dichten und Trachten“ des menschlichen Herzens dort
Grund für das Unheil, so garantiert Gott nun den Bestand
der Erde und des Lebens, obwohl die Diagnose menschlicher Bosheit fortbesteht. Mit anderen Worten: Der Mensch
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Aus: "Von Gott kommt mir Hilfe" 2015, S. 15-20. © Calwer Verlag, Stuttgart 2014
ist sich gleich geblieben, aber Gott hat sich geändert zugunsten des Menschen. Das ist nicht Willkür, es liegt im
Wesen eines Gottes, der seiner Welt nicht unbeteiligt und
apathisch gegenübersteht, sondern ihr leidenschaftlich
verbunden ist – in Gericht und Heil. Schon das Kommen
der Flut war Ausdruck des göttlichen Schmerzes („es bekümmerte ihn in seinem Herzen“, 6,6; vgl. denselben Ausdruck vom Geburtsschmerz der Frau in 1. Mose 3,16). Eben
dieses Pathos ist nun Grund der unbegreiflichen Geduld
Gottes mit seiner Schöpfung: Gott bleibt sich treu, indem
er seiner Welt die Treue hält auch angesichts bleibender
Untreue des Menschen. Darum ändert er sich und gibt seinem Erbarmen Raum (vgl. Hosea 11,8f). Gott ist inkonsequent zu unseren Gunsten – eben das ist Gnade!
Rhythmus des Lebens
Ausdruck dieser Gnade des Schöpfers ist der Bestand der
Schöpfung im Rhythmus der Zeiten: Wechsel der Jahreszeiten, Wechsel von Kälte und Wärme, von Tag und
Nacht, und darin eingebettet das kulturelle Handeln des
Menschen in Saat und Ernte. Durch Kultur, Technik, Sozialität ist der Mensch der Natur entwachsen, er ist der
„erste Freigelassene der Schöpfung“ (Johann Gottfried
Herder). Und doch bleiben wir Menschen als körperliche
Wesen auf vielerlei Weise in die natürlichen Rhythmen
verwoben und an sie gebunden: im Ein- und Ausatmen,
im Schlagen unseres Herzens, in Schlaf und Erwachen, in
den Jahreszeiten des Lebens.
Das klingt selbstverständlich und ist es doch nicht. Angesichts der Katastrophe der Flut ist die Normalität des
Zeitablaufs nicht weniger als ein Wunder. Es sind Erfahrungen der Bedrohtheit und Zerbrechlichkeit des Lebens,
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Aus: "Von Gott kommt mir Hilfe" 2015, S. 15-20. © Calwer Verlag, Stuttgart 2014
die uns das nachempfinden lassen. Jahrelang lebe ich dahin, ohne Augen für die Wunder des Alltäglichen. Mit
einem Mal, heimgesucht durch eine kleine oder große
Flut des Lebens, spüre ich, wie wenig selbstverständlich
es ist, dass ein neuer Tag beginnt, dass dem Winter das
Erwachen im Frühling folgt, dass ich im Licht der Sonne leben kann. Mit einem Mal weiß ich, auch mit dem
Herzen, dass alles was ist, eine Gnade ist. „Auf der Welt
sein, im Licht sein …, standhalten dem Licht, der Freude
… im Wissen, dass ich erlösche im Licht über Ginster,
Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise
Ewigkeit im Augenblick“ (Max Frisch, Homo faber). Jeder
Atemzug ein Einhauchen des göttlichen Schöpfergeistes,
jeder Herzschlag ein Echo des Gottes, dessen Herz den
Schmerz seiner Schöpfung fühlt.
Leben ist Rhythmus, Leben ist Tanz und Spiel, geordnete Kreativität und kreative Ordnung. Die Weisheit, gestaltgewordene Idee der Schöpfung, spielt vor Gott (Sprüche 8), und Gott selbst spielt mit dem Leviatan (Psalm
104). Unter dem Segen Gottes zu leben heißt einstimmen
in das Spiel des Schöpfers, einschwingen in den Tanz der
Weisheit, die alles beseelt.
Aus dem Takt geraten
Allerdings: Die Welt ist nicht nur gut und heil. Wir leben
nicht in der besten aller möglichen Welten, wie Leibniz
meinte, sondern allenfalls in der zweitbesten, einer durch
natürliche Übel und menschliche Bosheit gefährdeten
Welt. Auch Krankheit, Gewalt und Tod sind Teil ihres
Rhythmus. Frost lässt uns frieren und Hitze verdursten.
Wie viel Aussaat ohne Ernte, wie viel Mühe ohne Erfolg! Der Wechsel der Zeiten ist Ausdruck des göttlichen
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Aus: "Von Gott kommt mir Hilfe" 2015, S. 15-20. © Calwer Verlag, Stuttgart 2014
Segens, aber in ihm schwingt auch das Pendel der Vergänglichkeit. Er ist auch ein Vorspiel des Todes. Die Natur singt unhörbar das Lob des Schöpfers, aber sie bleibt
stumm und ihr Zeugnis zweideutig ohne das göttliche
Wort (Psalm 19).
Doch sind wir Menschen nicht nur gefährdet als Teil
der Natur, wir werden ihr auch gefährlich. Wir bringen
sie aus dem Takt: Wir verwandeln den Winter in Sommer
und bringen die Gletscher zum Schmelzen. Wir lassen
Inseln und ganze Länder in einer neuen, von Menschen
gemachten Flut versinken. Wir machen die Nacht zum
Tag und den Festtag zum Alltag. Wer weiß noch, wann
die Saat ausgebracht wird und wann die Ernte beginnt?
Wie die ersten Kirschen schmecken an einem Morgen im
Juni? Wie viele Apfelsorten es gibt jenseits der industriellen Konfektion? Technik und Kultur, im Schoß der Natur
geboren, sind ihr entwachsen und nehmen ihr den Atem.
Bebauen ohne Bewahren, Verändern ohne Schonen – das
ist die Devise der entfesselten technischen Moderne.
Was wir selbst geschaffen haben, gewinnt Macht über
uns, hoffnungslos hinkt unsere Vorstellungskraft unserer
Herstellungsmacht hinterher (Günter Anders).
Nicht nur das: Laufend (ja: laufend!) bringe ich mich
auch selbst aus dem Takt. Der digitale Gott, dauerlächelnder Götze unserer Zeit (do you like it?), duldet keinen Aufschub und keine Rast. Er verlangt mein tägliches Opfer:
Opfer an Zeit, an Konzentration, an Tiefe. Die Welt wird
flach, ohne Geheimnis, ohne Kontur. Der Rhythmus der
Zeit verschwimmt im Rauschen vieler, zu vieler gleichzeitiger Aufgaben und Erlebnisse. Ich finde keinen Abschluss, und darum gelingt mir auch kein neuer Anfang.
Bewahrung der Schöpfung, das hieße auch: Bewahrung
der Zeit und ihrer Rhythmen, Respekt vor der Endlichkeit
und Begrenztheit unserer Möglichkeiten.
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Aus: "Von Gott kommt mir Hilfe" 2015, S. 15-20. © Calwer Verlag, Stuttgart 2014
Andere Erde
„Solange die Erde besteht“ – wie lange noch? Die alte Zusage der Genesis ist ganz erfüllt vom Jubel des neuen Anfangs, der kein Ende nehmen soll. Und doch schwingt in
dem „solange“ die Einsicht mit, dass die Dauer der Erde
befristet ist. Das lehrt auch die moderne Wissenschaft:
Einmal wird die Erde verglühen im kosmischen Weltenbrand. Aber man muss nicht so lange warten: Schon
heute sind Menschen in der Lage, die Erde zu einem unbewohnbaren Stern zu machen. Auch die biblische Prophetie weiß um diese Befristung: Einmal wird die Erde
vergehen und der Himmel „zusammengerollt wie eine
Buchrolle“ (Jesaja 34,4).
Die Erde ist Haus, das besteht, und sie ist Zelt, das abgebrochen wird. Zwischen diesen beiden Polen spannt
sich biblischer Schöpfungsglaube. Und zwischen diesen
beiden Polen bewegt sich unser Leben. Leben heißt einschwingen in den Rhythmus der Schöpfung im Wissen,
dass es befristet ist, jeden Augenblick nehmen im Wissen,
dass er der letzte sein kann.
Wie halte ich dieses Wissen aus? Ein anderes Wort ist
mir gesagt – nicht das Wort eines anderen Gottes, wohl
aber ein neues, ein zweites Wort, in dem mir der Schöpfer
als Erlöser begegnet, der die Welt nicht nur bewahrt, sondern verwandelt. Es kündet von einer anderen Erde, einer
neuen Schöpfung ohne den Schrecken der vergehenden
Zeit, ohne Tränen und Tod. Auch dieses Wort spricht von
Gottes unbegreiflicher Gnade, einer Gnade, in der Gott
uns die Treue hält, indem er unseren Tod zu seinem eigenen macht und neues Leben schaff t. Wer dieses Wort
hört und sich von ihm verwandeln lässt, hört im Rhythmus der Zeiten einen neuen Ton: das sehnsüchtige Seufzen der Schöpfung, die mit uns auf ihre Erlösung wartet,
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Aus: "Von Gott kommt mir Hilfe" 2015, S. 15-20. © Calwer Verlag, Stuttgart 2014
bis sie endgültig befreit ist vom Fluch der vergehenden
Zeit (Römer 8).
Aber die Hoffnung auf die neue Erde bleibt schal ohne
den Schmerz über die Verwüstung der alten. Der Vorgeschmack der neuen Welt zehrt vom Geschmack der alten.
Was wäre das für ein Himmel, der nicht nach Erde riecht?
Eine andere Welt ist möglich, ein anderes Haus – kein
Grund, das alte verfallen zu lassen, sondern es zu bewahren im Wechsel der Zeiten, „solange die Erde besteht“.
Jörg Barthel
Lied EG 427,1–5
Gebet
Herr, ich will dir danken unter den Völkern,
ich will dir lobsingen unter den Leuten.
Denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Erhebe dich, Gott, über den Himmel
und deine Herrlichkeit über alle Welt!
Psalm 57,10–12
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Aus: "Von Gott kommt mir Hilfe" 2015, S. 15-20. © Calwer Verlag, Stuttgart 2014
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Seele and Geist
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