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Karagöz

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Dieses PDF enthält Quellen - zeitgenössische literarische Zeugnisse
von Europäern und Osmanen - zum Artikel Das osmanische
Schattentheater „Karagöz“ in der Rubrik KUNST & KULTUR.
Quelle:
Aziz Nesin (1916-1995), türkischer Schriftsteller, Humorist und Satiriker,
Karagöz-Stück (Auszug), Ein Schiff namens Demokratie
Quellentext:
EIN SCHIFF NAMENS DEMOKRATIE
Personen:
Hacivat, Karagöz, Generaldirektor, Schmeichler, Dolmetscher (Stotterer), Gauner,
seine Frau, Wunderkind, Gesellschafterin, Kapitän, Hacivats Frau, Karagöz Frau,
Dolmetscher armenischer Herkunft, ausländischer Admiral
EINFÜHRUNG
(Attrappe eines alten, oft reparierten Schiffes)
Hacivat: (erscheint hinter der Leinwand, während er das Gedicht vorträgt)
Die schönen Augen trügen,
ein Feind spricht freundlich zu mir
Der Lebensstandard sei hoch, sagt einer,
ich glaub’ ein Armenhaus sind wir.
Wenn einer von Freiheit faselt,
der treibt doch nur Spaß mit mir.
Von Tempo wird allweil geredet,
die Post ist kein Beispiel dafür.
Ein Liebhaber hat sich ausnehmen lassen,
wen meint man ? – Das gilt doch mir.
Auf die Plätze... auf die Plätze...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Lass das Geschwätze,
Du bist doch zu dumm!
Schau nach vorn, dreh dich nicht um!
(Hacivat stolpert und taumelt. Er singt hinter der Leinwand)
Zum Scheich-Küschteri-Platz sind wir gekommen,
Stimmen für die Wahl werden hier niemals gewonnen.
Unser Vorhang ist ein Vorhang der Ehre,
jeder redet als ob’s sein Gewissen wäre.
1
Die Geschichte hat uns vieles warnend gelehrt,
Spötter eingekerkert – damit hat sich so mancher gewehrt.
Wir treiben Scherz, doch ernst ist’s gemeint,
fühlt sich einer getroffen, dann ist er ein Feind.
Bevor wir hier viel herumreden und plaudern, wollen wir zuerst den Herren der
Führung unseren Gruß anbieten. Ich grüße die, die unseren defizitären
Staatshaushalt
als
in
Ordnung
bezeichnen....(schreit
wie
ein
Artilleriekommandant) Jeden Tag wird uns ein neues Recht zugestanden! ...Wo
bist du, Recht auf Ruhe ...(befehlend) Drei Schuss Gerechtigkeit ...eins, zwei
drei! Allah steht uns bei! ...Feuer frei!
...(Geräusch eines Kanonenschusses)
Das Volks ist’s, das den Staat für würdevoll hält, dabei ist der Staat der
bequemste Sessel der Welt!
so sagt man. Ach, fände ich doch einen Gleichgesinnten auf dem Küschteri-Platz.
Er braucht ja nicht sehr klug zu sein. Er sollte nur ein wenig Amerikanisch
können, so welcome und okay, und wenn er dann noch ein wenig Europäisch
könnte...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Ein wenig Englisch, ein wenig Deutsch ...(preist an wie ein Kellner}
ein kleines Stück Kuchen ...aber mit Sahne ...du suchst also einen, der ein wenig
Englisch und ein wenig Französisch kann, einen Abgeordneten also!
Hacivat: Wenn er doch nur ein wenig Englisch könnte...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Wenn er doch nur ein ganz klein wenig Türkisch könnte...
Hacivat:
Und etwas von Dollars und Devisen verstünde ...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Und etwas von Haselnüssen und Walnüssen...
Hacivat:
Und etwas von Recht und Gesetz ...und von Finanzen, Geld und Gut und von der
Verfassung...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Und etwas von meiner Verfassung...
Hacivat:
Man könnte Geschäfte machen, Handel und Wandel treiben...Wenn ich etwas
sage, hört der andere zu...Wenn er zuhört, sage ich etwas ...Wenn er schweigt,
rede ich...Wenn ich rede, schweigt er...
2
Karagöz: (aus dem Fenster)
Mensch, der würde ja platzen!
Hacivat:
Wenn ich rede, wenn ich rede, wenn ich rede...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Hört er zu...du Tölpel!...
Hacivat:
Du würdest auch deinen Spaß dabei haben...
vor allem Spaß, Spaß, Spaß...
lass mir doch meinen Spaß...
Herr, gib mir Spaß ...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Warte, ich komme.
Hacivat:
Wenn er schweigt, rede ich, wenn ich rede, schweigt er...gibt das einen Spaß...
Karagöz: (aus dem Fenster)
Jetzt verstehe ich, Haci hat sich zur Wahl aufstellen...
Hacivat: Ein Spaß soll das werden...
Karagöz:
Der Wahlkampf muss schon begonnen haben...(springt aus dem Fenster)
Schrei hier nicht so vor der Tür herum...Du weckst den Herrn in der Villa auf
dem Hügel.
Hacivat: Ein Spaß soll das werden...
Karagöz: Kannst du nicht hören? Ich habe dir gesagt, der Herr schläft ...und es
ist noch keine drei Jahre her, dass der Herr eingeschlafen ist.
Hacivat: Ein Spaß soll das werden...
DIALOG
Karagöz:
Ist das hier ein Wahlplatz, dass du so herumschreist? Das ist der Küschteri-Platz
..
Hacivat:
Mein lieber Karagöz, du grast immer noch auf der alten Weide.
3
Karagöz:
Wenn du schon eine neue Weide gefunden hast, warum sagst du dann nichts?
(gibt ihm eine Ohrfeige) Ist hier nicht der Küschteri-Platz?
Hacivat:
Ist er nicht...Das war einmal. Jetzt heißt er anders.
Karagöz:
Wie heißt er denn jetzt? Hippodrom?
Hacivat:
Nein. Das ist auch schon alt.
Karagöz:
Und wie heißt er jetzt ?
Hacivat:
Jetzt heißt er Platz der Demokratie...
Karagöz:
Gut, aber was ist denn aus dem alten Gauner-Platz da hinten geworden?
Hacivat:
Der heißt jetzt ...Platz der Freiheit.
Karagöz:
Woran sieht man denn, dass dies der Platz der Freiheit ist?!!
Hacivat:
Schau mal, mein lieber Karagöz das sieht man doch an allen Ecken und Enden.
Vorn eine Mauer, hinten eine Mauer, Mauem an den Seiten, eine Mauer unten,
eine Mauer oben...
Karagöz:
Hör auf, es reicht, ich ersticke...Aber warum ist denn alles vermauert?
Hacivat:
Damit es keinen Zug gibt...
Karagöz:
Kommt denn hier eine Eisenbahn vorbei?
Hacivat:
Aber nein...ich meine, damit es keinen Luftstrom gibt.
Karagöz:
Wollen sie denn hier ein Elektrizitätswerk bauen?
4
Hacivat:
Aber nicht doch, mein lieber Karagöz, dieser Strom ist doch ein anderer Strom.
Ich meine die Strömung...
Karagöz:
Lass doch frischen Wind herein, dann kann man wieder atmen...
Hacivat:
Das geht nicht...(niest) Wer Wind sät, wird Sturm ernten...(niest mehrmals) Dann
erkältet sich das Volk und ist verschnupft...(niest mehrmals)
Karagöz:
Gesundheit, Hacivat ...(niest)
Hacivat:
Nun niese doch leise...
Karagöz:
Warum denn?
Hacivat:
Wenn sie es hören, denken sie, es gibt irgendwo ein Loch und stopfen es zu...
Karagöz:
Sind denn Löcher verboten?
Hacivat:
Löcher sind nur im Etat erlaubt, sonst nicht...
Karagöz:
Ich habe auch ein Loch in der Tasche...(niest)
Hacivat:
Nun niese doch leise, damit es niemand hört ... (Karagöz niest leise) Noch
leiser...(niest noch leiser) Noch viel leiser. (Hacivat niest auch)
Karagöz:
Leise, Hacivat ...(niest )
Hacivat:
Noch viel, viel leiser...(niest)
Karagöz:
Leise, Hacivat ...(beide beginnen immer leiser zu niesen) Was soll denn das! Kann
man denn flüsternd niesen ? Erzählen wir uns Gerüchte oder niesen wir ...(beide
niesen plötzlich laut) Gesundheit, ein langes Leben, Hacivat ...(niest)
5
Hacivat:
Es lebe die Demokratie...
Karagöz:
Mann, die Demokratie hat doch nicht geniest, ich habe geniest... (niest)
Hacivat:
Hoch lebe die Demokratie! ...Du musst auch so schreien wie ich, Karagöz. (niest)
Karagöz:
Hoch lebe die Demokratie... (beide beginnen im Takt ‚Hoch lebe die Demokratie“
zu rufen, es wird zur Art der Anfeuerungsrufe wie bei Fußballspielen)
Beide: Ja, ja, ja, scha, scha, scha .
he ha ho – Demokratie ist so
ha ho he – alles ist okay
ha ho hei – Demokratie macht frei
Karagöz:
Wenn wir die Demokratie mit dem Niesen nur nicht vertreiben.
Hacivat:
Aber nein.
Karagöz:
Wieso nicht?
Hacivat:
Weil man die Demokratie überhaupt nicht sehen kann, man kann sie nicht essen,
sie riecht nicht, man hört sie nicht, man kann sie nicht anfassen.
Karagöz:
Dann sage doch gleich, es gibt sie nicht!
Hacivat:
Aber, Karagöz, was sind denn das für Reden...Wenn sie das hören, sperren sie
dich ein (niest)
Karagöz:
Hoch lebe die Demokratie! ...Sie ist nicht essbar, nicht trinkbar, nicht riechbar,
nicht spürbar...
Hacivat:
Sie ist wie ein Geist...
Karagöz:
Dann wollen wir den Geist mal rufen...Wenn es wenigstens ein Himbeergeist
wäre...Aber was ist denn Demokratie ?
6
Hacivat:
Das ist eine gute Sache.
Karagöz:
So gut wie Liebesknochen?
Hacivat:
Viel besser...
Karagöz:
Dann muss es so etwas sein wie die Napoleonschnitten, die du immer isst...
Hacivat:
Noch besser ,. .
Karagöz:
Dann sage mir einmal, was daran gut ist.
Hacivat:
Das ist so, Karagöz: wenn es in einem Land Demokratie gibt, dann gibt es in
diesem Land viele Parteien...
Karagöz:
Viele? Gut... ja...aber man sagt doch: viele Köche verderben den Brei.
Hacivat:
Da hast du recht, das kommt schon mal vor, aber nicht immer...Es gibt immer
Ausnahmen von der Regel.
Karagöz:
Was für Ausgaben gibt es immer im Nebel?
Hacivat:
Aber nein, Karagöz, ich sagte es gibt immer Ausnahmen von der Regel.
Karagöz:
Ich verstehe...wenn sie bei dir zu Hause Apfelmus kochen, kochen sie bei mir zu
Hause Pflaumenmus...
Hacivat:
Aber, Karagöz, verstehst du denn nicht, was man sagt?
Karagöz:
Doch, ich verstehe.
Hacivat:
Was verstehst du?
Karagöz:
Kommt darauf an, was gesagt wird...
7
Hacivat: Leih mir dein Ohr...
Karagöz:
Kann ich nicht, brauche ich selbst...
Hacivat: Also–, mein Lieber, ich bin ganz Ohr...
Karagöz:
Das kommt nur davon, weil du den Mund unter der Nase hast und immer so
brüllst...
Hacivat:
Mein lieber Karagöz, kannst du kein Türkisch?
Karagöz:
Natürlich kann ich Türkisch, ich bin doch Sportreporter.
Hacivat:
Wenn du es kannst, dann höre zu: Es gibt immer Ausnahmen von der Regel habe
ich gesagt.
Karagöz:
Dann sage das doch gleich, jetzt hab ich es verstanden... Aber ich glaube es
nicht.
Hacivat:
Warum nicht?
Karagöz:
Du sagst, es gibt immer Auflagen beim Gebrauch vom Säbel, wo gibt es denn
das... Die Säbelträger, die ich kenne...
Hacivat:
Also, Karagöz, dass viele Köche den Brei verderben, hat nichts mit Demokratie
zu tun...Wo es Demokratie gibt, gibt es viele Parteien...
Karagöz:
Na und?
Hacivat:
Du trittst in eine Partei ein. Und wenn Du in dieser nichts wirst, dann steigst du
um in eine andere...Wen du da auch nichts wirst, steigst du noch einmal um...
Karagöz:
So wie von Hertha zum HSV ...oder von Schalke nach Köln... Mann, das muss ja
ein Bummelzug sein
8
Hacivat:
Und dann steigst du noch einmal um...
Karagöz:
Immerzu umsteigen...Und dann nebenherlaufen und Blumen pflücken!?
Hacivat:
Und dann steigst du wieder um...Siehst du, und so verbringen wir drei tolle Tage
mit viel Spaß auf dieser vergänglichen Welt.
Karagöz:
Mache ich nicht.
Hacivat:
Warum nicht?
Karagöz:
Weil sich drei Tage überhaupt nicht lohnen ...Ist das nun hier der Platz der
Demokratie?
Hacivat:
Ja...Der Platz liegt auf einer Kreuzung, Karagöz... Siehst du hier die vier Straßen?
Karagöz:
Wie heißt denn die Straße da, die man vor lauter Staub kaum sehen kann?
Hacivat:
Das ist die Straße des Vaterlandes...
Karagöz:
Und die schlechte da, ohne Bürgersteig?
Hacivat:
Das ist die Straße der Republik.
Karagöz:
Gut, und die verschlammte da, mit den Pfützen?
Hacivat:
Die? Das ist die Straße der Nation...
Karagöz:
Und die da, auf der anderen Seite?
Hacivat:
Das ist die Straße der Freiheit...
9
Karagöz:
Ja, das sieht man gleich...
Hacivat:
Woran sieht man das?
Karagöz:
Na, siehst du denn nicht, das ist doch eine Sackgasse... Kommt man da denn
nirgends heraus? (gibt ihm einen Schlag. Hacivat geht) Meinst du, ich bleibe,
wenn du gehst? Mich hat doch hier keiner an einen Regierungssitz geleimt... Ich
gehe auch, ich gehe zu meinem Volk... (singt ein Marschlied)
Zitiert nach:
Hans-Leo Bobber, Marie-Louise Hirschberger, Ralph Kersten. Türkisches
Schattentheater Karagöz. Eine Handreichung für lustvolles Lernen. Frankfurt a.M.
1983, S.71ff
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